Geschlechtspopulismus

Grafik: TP
Warum die Männer-Frauen-Quotierung den maroden Parlamentarismus nicht modernisiert, sondern nur restauriert

Thomas Moser | TELEPOLIS

Eine Bemerkung vorweg: Ich bin ein Überzeugungsunterlasser. Die Mitarbeit in einer Partei, das Streben gar nach einem Sitz in einem Parlament kommt für mich nicht in Frage. Zu viel Anpassungsverlangen, zu viel Taktiererei, zu viel Kompromisse, zu viele Erniedrigungen, zu wenig Politik, zu wenig Einfluss, zu wenige Möglichkeiten, zu wenig Wirkung, zu viel Zeitverschwendung. Ich kann jeden verstehen, der kein Interesse an parlamentarischer Arbeit aufbringt.

Nun wurde eine Innovation ausgerufen. Die Parlamente in Deutschland sollten nach Männern und Frauen quotiert werden, eine Geschlechterparität müsse her. Frauen hätten vor 100 Jahren zwar das Wahlrecht errungen, das aktive und passive, aber doch säßen im Deutschen Bundestag zum Beispiel nur 30 Prozent Frauen. Das müsse sich ändern.

Als erstes hat der Landtag von Brandenburg ein Paritätsgesetz verabschiedet. Bei den übernächsten Wahlen 2024 sind nur noch Parteien zugelassen, deren Listen abwechselnd mit Frauen und Männern bestückt sind. Damit werde garantiert, dass die Hälfte der Mandate an Frauen geht. Andere Parlamente sollen nachziehen, auch der Bundestag.

Fangen wir mit den Kuriositäten eines solchen Gesetzes an. Ausgerechnet in einem Moment, als ein drittes Geschlecht offiziell anerkannt wird, findet dieses Geschlecht bei der Geschlechterquotierung keine Berücksichtigung. Dann sorgt das Gesetz dafür, dass vor allem mehr AfD-Frauen und andere konservative Frauen in Zukunft im Parlament sitzen. Nebenbei würde dadurch das tatsächliche, männerlastige Bild dieser Parteien verfälscht werden. Dafür müssen, drittens, im Bundestag ausgerechnet einige Linke- und Grüne-Frauen zuhause bleiben, weil diese Parteien dort bisher einen Frauenüberhang haben (Linke 54% Frauen, Grüne 58%). In Zukunft soll bei ihnen pari pari gelten. Am Skurrilsten ist aber, dass mit dem Frauen-Quotierungsgesetz die Frauenpartei gekillt wird. Da sie fortan ihre Liste zur Hälfte mit Männern besetzen müsste, wäre sie für Parlamentswahlen gesperrt. Beugt sie sich dem Gesetz, ist sie keine Frauenpartei mehr.

Ob konkurrierende Parteien – im Brandenburger Fall SPD, Linke, Grüne – in dieser Art und Weise in die inneren Verhältnisse und die Programmatik anderer Parteien eingreifen und sie majorisieren dürfen, ist in der Tat parteien- und verfassungsrechtlich fragwürdig. Sieht man einmal davon ab, dass es auch eine Entmündigung der WählerInnen darstellt.

Das Gesetz ist aber auch ein Einstieg in eine fatale Entwicklung, denn nach der ersten Bedingung – Frauenquotierung – kann schnell die nächste kommen: beispielsweise die „Klimaziele“ einzuhalten, die „Schuldenbremse“ zu akzeptieren, oder – von rechts – sich zur „deutschen Nation“ zu bekennen. Man kann darin sogar eine weitere (Selbst-)Entmachtung der Parlamente erblicken. Der Streit um politische Meinungen und Konzepte würde aus dem Entscheidungsraum herausgehalten und schon im Vorfeld selektiert werden. Die Eingriffe könnten, wenn sich die einfachen Mehrheitsverhältnisse ändern, auf die Urheber selber zurückfallen.

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Religionssoziologe Joas kritisiert Idealisierung der Klimaproteste

Bild: © dpa/Jörg Carstensen
Die „Fridays for Future“-Demonstrationen stoßen auf breite Unterstützung – auch in der katholischen Kirche. Der Religionsoziologe Hans Joas hält das für falsch. Es sei gespenstisch, wenn Politiker und alle Erwachsenen sich der Jugendbewegung anbiederten.

katholisch.de

Der Sozialphilosoph und Religionsoziologe Hans Joas kann die Begeisterung für die von Schülern getragene Umweltbewegung „Fridays for Future“ nicht nachvollziehen. Man könne den kompromisslosen Idealismus, zu dem Jugendliche neigten, in Hinsicht auf die Motivationskraft begrüßen, sagte Joas dem Berliner „Tagesspiegel“ (Samstag). „Man entkommt aber nicht der Frage, welche Kompromisse eingegangen werden müssen, damit die Forderungen friedlich und realistisch gelebt werden können.“

Ihn störe es, wenn die Demonstranten die Arbeitsplatzinteressen etwa in der Lausitz nicht genügend ernst zu nehmen schienen, sagte der Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität. Es liege in der Verantwortung von Politikern und allen Erwachsenen, den Jugendlichen das entgegenzuhalten.

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So viele Deutsche glauben an die Auferstehung Jesu

democraticunderground.com

Christus ist leibhaftig von den Toten auferstanden: Der Glaube daran ist der Grund, warum hunderte Millionen Christen am kommenden Sonntag Ostern feiern. Eine aktuelle Umfrage zeigt, wie es um den Auferstehungsglauben der Deutschen bestellt ist.

katholisch.de

Jesus ist leibhaftig von den Toten auferstanden: Etwa jeder fünfte Deutsche (18 Prozent) stimmt dieser Aussage zu. Das hat eine Umfrage des Erfurter Markt- und Sozialforschungsinstituts INSA-Consulere im Auftrag der Evangelischen Nachrichtenagentur „idea“ ergeben. Demnach lehnen 42 Prozent den Auferstehungsglauben ab. 28 Prozent antworteten mit „weiß nicht“, elf Prozent machten keine Angabe. Für die Erhebung wurden rund 2.000 Personen ab 18 Jahren befragt.

Am meisten Zustimmung findet der Glaube an die leibhaftige Auferstehung unter freikirchlichen Christen: 55 Prozent aus dieser Gruppe glauben an diese These. Deutlich geringer ist der Anteil unter römisch-katholischen (28 Prozent) und evangelischen Befragten (23 Prozent).

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Glaubenssache

Crosses on Hillside © Getty Images
Was kommt dabei heraus, wenn sich Kant, Feuerbach und Marx über Gott unterhalten? Ein fiktives Gespräch über Religion, die Verherrlichung des Leidens und das österliche Versprechen der Erlösung.

Von Markus Tiedemann | Frankfurter Rundschau

Kant zitiert Goethes Osterspaziergang, Feuerbach begeistert sich für den Begriff der „religiösen Arschkriecherei“ und Marx beklagt die Betäubung der Massen – ein philosophischer Chat über Gott und die Welt: Die folgende Unterhaltung wurde in dieser Woche von den Smartphone-Providern der genannten Herren mitgeschnitten.

Kant: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick. . .“

Feuerbach: Lieber Freund, dass gerade Sie den Osterspaziergang zitieren. Immerhin waren Sie bereits vier Jahre tot, als Goethe seinen Faust veröffentlichte. Zudem hat der große Dichter behauptet, kein Organ für die Philosophie zu haben.

Kant: Und wenn schon. Es steckt einiges in seinen Texten, das uns Philosophen gefallen sollte. Dies gilt auch für den Osterspaziergang. Ich darf erneut zitieren: „Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht/Sind sie alle ans Licht gebracht.“ Wenn das nicht nach Aufklärung klingt!

Marx: Schon möglich, aber zu wenig ist seit damals erreicht worden. Heute, über zweihundert Jahre später, prägen die Religionen noch immer den Alltag. An diesem Wochenende läuft die Propagandamaschine mal wieder auf Hochtouren. Von der einen Kanzel wird die Selbstaufopferung verherrlicht, von der nächsten wird zum Warten auf ein himmlisches Jenseits gepredigt.

Kant: Das ist wahr, verehrter Kollege. Noch immer leben wir nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, sondern bestenfalls in einem Zeitalter der Aufklärung. Allerdings sollten wir die Fortschritte nicht übersehen. Heute werden keine Hexen mehr verbrannt und das geistig verwirrte Gretchen würde nicht hingerichtet werden, sondern käme in eine psychiatrische Einrichtung. Rettung kommt nicht aus dem Jenseits, sondern aus der Medizin.

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Sexismus in der Esoterik: Der kollektive Schmerzkörper

Wenn frau will, ist die Periode eine Party, ein mehrtägiger Orgasmus! Achja? Foto: dpa
In der Esoterik finden Frauen Rat zu schöpferischer Kraft, Menstruationspartys und anderen Traumvorstellungen. Sexismus ist dabei stark verbreitet.

Aylin Braunewell | taz.de

„Sie [die Frau] sammelt und vermehrt ihre weibliche Energie am besten in ihrem Zuhause. Hier sollte das Verhältnis 80 Prozent Familie und Zuhause und 20 Prozent im Außen, zum Beispiel Arbeit, sein.“ Als ich das zum ersten Mal las, dachte ich mir: Die Autorin hat wohl ein bisschen zu viel Lichtnahrung genascht. „Lebe deine weibliche Kraft“ heißt ihr Ratgeber, dem dieses Zitat entstammt. Ein Titel, der wohl empowernd wirken soll. Doch schon der Untertitel lässt vermuten, dass hier nach Empowerment im feministischen Sinne lange gesucht werden kann: „Das große Praxisbuch für Schönheit, Heilung und Sinnlichkeit“.

Die Autorin Ludmilla Weidner (Seelenname: Lumira) bezeichnet sich selbst als Schamanin und hellsichtig. Vor Kurzem las ich einige ihrer Texte und habe es bis heute nicht verkraftet. Geschockt von so viel mehr schlecht als recht getarntem Sexismus machte ich mich auf die masochistische Suche nach mehr und wurde im alles verschlingenden Paralleluniversum der Esoterik fündig. Mal mehr und mal weniger subtil wird dort immer wieder das Bild der Frau als Heilerin gezeigt, als diejenige, die durch ihre viel gelobte weibliche Intuition Probleme sieht, bevor sie entstehen, und so harmonisch handelt, dass das Fass gar nicht erst überläuft.

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Gender, Sex und Politik: Je mehr Liebe, desto mehr Revolution

Reicht es, die Sexualität zu befreien, um die Gesellschaft als ganze zu befreien? 1968 ging man davon aus. (Bild: Werner Bokelberg)
Wie lange wird Sexualität nun schon befreit? Wer Dagmar Herzogs Essays liest, kommt ins Grübeln.

Urs Hafner | Neue Zürcher Zeitung

Sex: Die Menschen machen ihn selber, aber nicht aus freien Stücken, sondern unter den vorgefundenen Umständen der Sexualität – frei nach Marx. Das heisst: Ihre Triebe pulsieren unter den Bedingungen von «gender» und Klasse, von Macht und «race». Das führt zu Kämpfen und Konfusionen. So kommt es, dass Transgender-Aktivisten, die sich im falschen Körper fühlen, konservative Positionen teilen, die auf die biologische Zweigeschlechtlichkeit mit je zwingend dazugehörenden Geschlechtsidentitäten pochen.

Weiblich empfinden

«Weiblich» kann nur empfinden, wer eine Vagina besitzt. Homosexuelle streben das Institut der Ehe an, das den religiös Konservativen als heilig gilt – und das diese durch die Homosexualität bedroht sehen. Um Schwangerschaftsabbruch und Präimplantationsdiagnostik zu verbieten, kooperieren Religiöse und Rechtsextreme mit Behindertenorganisationen, die vor einer postnazistischen Eugenik warnen, die zur Ausrottung nicht der «Normalität» entsprechender Menschen führe. Doch Rechtsextreme mögen in der Regel keine versehrten Menschen, und wenn diese die Dienste des Sexualtherapeuten in Anspruch nehmen, bekommen die Fundamentalisten rote Köpfe.

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Klima und Artensterben: Krisenstimmung greift um sich

„Rebellion Day“-Demonstration; Archivbild (17 November 2018). Foto: Julia Hawkins/CC BY 2.0
Die Energie und Klimawochenschau: Von Straßenblockaden, ausgestorbenen Sauriern, Gefahren für die Welternährung und einem globalen Aufruf der Wissenschaftler

Wolfgang Pomrehn | TELEPOLIS

In Großbritanniens Hauptstadt London haben am Dienstag Aktivisten der „Extinction Rebellion“ am zweiten Tag in Folge diverse Straßen und Brücken blockiert. BBC berichtet über Sitzblockaden und verschiedene Formen, sich an Gegenstände und Fahrzeuge an Verkehrsknotenpunkten anzuketten, sowie über 120 Festnahmen bis Dienstagmittag.

Die junge, inzwischen auch in Deutschland und anderen Ländern organisierte Bewegung geht auf einen dringenden Aufruf zahlreicher britischer Wissenschaftler, Umweltaktivisten und Prominente zurück, die angesichts des Massenaussterbens von Pflanzen- und Tierarten Aktionen zivilen Ungehorsams fordern. Telepolis hatte bereits im November letzten Jahres an dieser Stelle über das entsprechende Manifest aus Großbritannien berichtet, das bereits kurz nach seiner Veröffentlichung zu ersten, ganz ähnlichen Blockaden in London geführt hatte.

In anderen Ländern gab es am Montag ebenfalls Aktionen. BBC zitiert im oben verlinkten Beitrag Aktionen in 80 Städten in 33 Staaten. Beispiel sind das kanadische Halifax und Berlin. Dort gab es am Montagnachmittag, wie der Sender RBB auf seiner Internetseite schreibt und Augenzeugen Telepolis gegenüber berichteten, auf der über die Spree führenden Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain für zwei Stunden eine Sitzblockade, die schließlich von der Polizei aufgelöst wurde ( Von Fridays for Future zur Extinction Rebellion).

Die Internationale Blockaden-Kampagne soll offensichtlich bis zum Ende des Monats fortgesetzt werden. Hier gibt es eine globale Übersicht über die lokale Gruppen der erst im vergangenen Herbst entstandenen Bewegung. Diese konzentriert sich bisher auf Westeuropa und Nordamerika, wobei es allerdings auch auf anderen Kontinenten Beteiligung gibt, namentlich in West- und Südafrika, Australien sowie in Indien.

Die Aktivisten treibt der drastische Rückgang der biologischen Vielfalt um. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass wir uns inzwischen im sechsten großen Artensterben in der Geschichte des Planeten befinden. Das letzte wurde vor rund 66 Millionen Jahren vom Einschlag eines großen Meteoriten ausgelöst und hat fast alle Saurierarten verschwinden lassen.

Eine der Ursachen der derzeitigen Aussterbens-Welle ist die rasche Verschiebung von Klimazonen durch die globale Erwärmung. In den tropischen Ozeanen kommt es zum Beispiel seit Beginn der 1990er Jahre zum Ausbleichen und Absterben von Korallenriffen im wachsenden Umfang. Diese werden ihrer großen Artenvielfalt wegen auch die tropischen Regenwälder der Meere genannt. Daher sind die Embleme und Plakate der Extinction Rebellion auch auf den Schulstreiks-Demos und bei den Protesten gegen den Braunkohletagebau am Hambacher Forst zu sehen.

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Bundeskabinett treibt verschärftes Abschiebegesetz voran: „Alles kräftige Dinge“

Abgelehnte Asylbewerber steigen in ein Flugzeug © Daniel Maurer (dpa)
Das Bundeskabinett hat dem sogenannten Geordnete-Rückkehr-Gesetz von Innenminister Seehofer grünes Licht gegeben. Über die Verschärfungen bei Abschiebungen muss im Bundestag entschieden werden. Dort deuten sich bereits jetzt Diskussionen an.

DOMRADIO.DE

Mehr Haftplätze und leichtere Inhaftnahme, Sozialleistungskürzungen und ein neuer Duldungsstatus: Das „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ ist ein Paket mit vielen Verschärfungen, die dazu führen sollen, Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber aus Deutschland konsequenter durchzusetzen. 58 Seiten stark ist der Entwurf, der am Mittwoch das Bundeskabinett passierte.

Dazu brachte die Bundesregierung auch eine Reform der Asylbewerberleistungen und Änderungen beim Zugang zu Deutschkursen auf den Weg. „Alles kräftige Dinge“, resümierte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach der Kabinettssitzung.

2018 mehr gescheiterte als erfolgte Ausreiseversuche

Sein Gesetz mit Verschärfungen der Abschieberegeln verfolgt vor allem das Ziel, diejenigen härter anzugehen, die in den Augen der Behörden nicht genügend bei der Ausreise kooperieren, indem sie sich etwa nicht um Papiere bemühen. Es soll künftig Konsequenzen haben, wenn der Verbleib in Deutschland selbst verschuldet ist, sagte Seehofer. Den jetzigen Zustand könne ein Innenminister nicht hinnehmen.

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Säkulare Buskampagne

Atheistisch-laizistische Akteure haben für 2019 eine „Säkulare Buskampagne“ angekündigt. Das Motto der Initiative lautet „Kirchenstaat? Nein Danke.“ Sie wird von der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) in Kooperation mit dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) sowie dem Humanistischen Pressedienst (hpd) durchgeführt.

Dr. Hanna Fülling | EZW

Die Kampagne zielt darauf ab, vermeintliche „Kirchen-Privilegien“ abzuschaffen. Als Kirchen-Privilegien werden etwa Rechte bezeichnet, die sich aus der Organisationsform als selbstständigem Verwaltungsträger des öffentlichen Rechts, dem Körperschaftsstatus, ergeben. Doch plädieren die Initiatoren auch dafür, den christlichen Einfluss auf ethische Debatten wie er sich am Beispiel von Schwangerschaftsabbrüchen und Sterbehilfe manifestiere, zurückzudrängen. Es scheint der Kampagne also nicht nur daran gelegen, die sogenannte hinkende Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften durch laizistische Impulse zu verändern, sondern auch die Einflussnahme von religiös fundierten Argumentationen und Wertebindungen aus dem politischen Raum zurückzuweisen.

Der Zeitpunkt der Kampagne ist bewusst gewählt, denn 2019 finden zwei wichtige Jubiläen in Deutschland statt: 100 Jahre Weimarer Reichsverfassung – aus der wesentliche Religionsartikel in das Grundgesetz inkorporiert wurden – sowie 70 Jahre Grundgesetz. Mit der Buskampagne möchten die Initiatoren „die Politikerinnen und Politiker aus ihrer religiösen Filterblase […] befreien“. Sie verstehen die Kampagne als Aufklärung der unaufgeklärten Geister. Allerdings macht der Vorstandssprecher der gbs Michael Schmidt-Salomon mit einem augenzwinkernden Verweis auf Karl Marx deutlich, dass es der Kampagne nicht nur um Bewusstseinsbildung geht, sondern dass eine Neuordnung der Verhältnisse angestrebt wird.

Die Kampagne ist nicht die erste dieser Art. Bereits vor zehn Jahren gab es eine Initiative, in der Busse unter dem Motto „Gottlos glücklich“ durch Deutschland fuhren. Die Veranstalter erklären sich mit dem Ergebnis von 2009 sehr zufrieden, da inzwischen in der Gesellschaft angekommen sei, dass es keinen Gott für ein sinnerfülltes Leben brauche. Sie möchten an diese Wirkung anknüpfen und auch 2019 Menschen von ihrer religionskritischen Botschaft überzeugen.

Die Deutsche Bahn hat den Initiatoren untersagt, Großplakate zur Bewerbung der Kampagne aufzuhängen, da sie ihr fehlende Neutralität attestiert. Die Initiatoren können das Argument nicht nachvollziehen. Sie verstehen ihre Botschaft gegen den Einfluss von Kirche und Religion im politischen und öffentlichen Raum nicht als eigene Weltanschauung, sondern als Neutralitätsimpuls.

Die Neutralität ist ein umkämpftes Prinzip, das wird daran einmal mehr deutlich. Sie sollte als kritisch-normatives Prinzip verstanden werden, durch das bestehende Ungerechtigkeiten aufgezeigt und Veränderungen angeregt werden. Sie darf jedoch nicht als Argument verwendet werden, um eine eigene Weltanschauung zur Doktrin zu erheben.

Evangelische Kirche kritisiert Seehofer-Pläne zur Abschiebung

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) warnt vor einer Verschärfung der Abschiebepraxis. Der Bundesinnenminister möchte die Abschiebung von Menschen ohne Bleiberecht besser durchsetzen.

evangelisch.de

Die Pläne von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CDU) seien „äußerst problematisch“, sagte Prälat Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland, der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. Seehofers Gesetzentwurf beinhalte „zahlreiche Verschärfungen des geltenden Rechts, die zu humanitären Härten führen werden“.

Das Bundeskabinett soll nach den Plänen des Innenministeriums am 17. April das „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ auf den Weg bringen. Seehofer will mit dem Gesetz erreichen, dass mehr Abschiebungen von Ausländern ohne Bleiberecht in Deutschland durchgesetzt werden.

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Stellenwert von Religion: Wie geht es Gott in Frankreich?

In Frankreich gaben nur 50 Prozent der Befragten an, sich einer Religion zugehörig zu fühlen (imago / PanoramiC)
Über Religion wird in Frankreich viel diskutiert – und immer seltener praktiziert, so das Ergebnis einer Langzeitstudie. Die Tendenz zur Säkularisierung nimmt den Umfragen zufolge auch europaweit stetig zu, ebenso die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Von Suzanne Krause | Deutschlandfunk

Seit 1981 nimmt der französische Soziologe Pierre Bréchon die Ansichten der Europäer betreffs Religion und Weltanschauung unter die Lupe, mittels der jedes Jahrzehnt durchgeführten repräsentativen Erhebung „European Values Studies“. Eine seiner Beobachtungen: Seit der Jahrtausendwende würden die Medien regelmäßig berichten, dass in unseren Gesellschaften die Religionen immer prägnanter wären, dass Fundamentalismus sogar in Europa auf dem Vormarsch sei. Mitnichten, meint der Soziologe. Er wertet gerade die Ergebnisse der jüngsten, vor eineinhalb Jahren gestarteten Umfrage zu den Werten Europas aus und sagt: Der Trend sei klar.

„Am prägnantesten ist die Tendenz zur Säkularisierung, die langsam aber stetig fortschreitet. Die Religionen verlieren mehr und mehr Anhänger und sie verlieren auch ihre Sinnhaftigkeit.“

Schwund vor allem bei der jungen Generation

Bei der Erhebung aus dem Jahr 1990 gaben europaweit 76 Prozent der Befragten an, sich einer Religion zugehörig zu fühlen. 2008 waren es nurmehr 70 Prozent. Und in Frankreich gar nur 50 Prozent. Europaweit erklärte 2008 knapp jeder fünfte Befragte, nie einer Religion angehört zu haben – bei den Franzosen ist es jeder Dritte. Am traditionellen Glauben hängen vor allem die Älteren, die meisten Jüngeren haben sich von der Religion abgewendet.

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Ist die Evolutionsbiologie eine Naturwissenschaft?

HP, screenshot:bb
In einer Zeit, in der fragwürdige oder gar falsche Behauptungen mit der beschönigenden Formulierung „alternative Fakten“ geadelt werden, haben es wissenschaftliche Erkenntnisse schwer. Rund 20 Prozent der Deutschen glauben, „alternative Heilmethoden“ hülfen im Krankheitsfall besser als die sogenannte „Schulmedizin“.

Von Martin Neukamm | AG Evolutionsbiologie

Ebenfalls ein Fünftel der Deutschen zweifelt an den Forschungs-Ergebnissen zum menschengemachten Klimawandel. Und auch der Anteil derer, die meinen, der Glaube an eine Schöpfung wäre ein vernünftiger Alternativentwurf zur wissenschaftlich abgesicherten Evolutionstheorie, liegt seit Jahren um 20 Prozent.

In Deutschland stellt vor allem die religiöse Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN die Evolutionstheorie lautstark infrage. Ihr Ziel ist es, die Tür der Wissenschaft für „Intelligent Design“ und Supranaturalismus zu öffnen. Jüngstes Beispiel ist eine Schrift aus der Feder ihres Geschäftsführers Reinhard JUNKER. Darin behauptet der Autor, die Evolutionstheorie sei als Ganzes nicht naturwissenschaftlich (JUNKER 2018). Er begründet dies etwa damit, dass das Formulieren von Gesetzen unmöglich sei, wo es um Makroevolution gehe. So böten Evolutionstheorien in Bezug auf evolutive Neuerungen keine Vorhersagen und Erklärungen an, die dem klassischen Schema nach HEMPEL & OPPENHEIM genügten.

Auch die moderne Version, die „erweiterte evolutionäre Synthese (EES)“, erkläre die Herkunft biotischer Innovationen nach JUNKERs Ansicht nicht. Da es unmöglich sei, „Evolution durch eine naturwissenschaftliche Theorie zu beschreiben“, könne „die Infragestellung einer allgemeinen Evolution sich auch nicht gegen die Naturwissenschaft wenden“ (S. 2). Makroevolution sei lediglich eine „konzeptionelle Vorgabe“, ein „Rahmen“, in dem die Biologen „Szenarien evolutiver Abfolgen“ entwickelten. Dieser Rahmen ergäbe sich „nicht zwingend aus naturwissenschaftlichen Befunden und Hypothesen“, sondern beruhe auf einer „Konvention“ der Wissenschaftler-Gemeinde. Im Klartext: Die Evolutionstheorie sei nicht alternativlos, sondern lasse sich genauso gut durch einen Schöpfungsrahmen ersetzen.

Da solche Aussagen oft Verwirrung stiften, wollen wir uns JUNKERs Argumentation genauer ansehen und prüfen, was von ihr zu halten ist.

1. Das HEMPEL-OPPENHEIM-Schema der Erklärung

JUNKER argumentiert wie folgt:

„Naturwissenschaftliche Theorien beschreiben Gesetzmäßigkeiten, die in eine Wenn-Dann-Form gebracht werden können: Immer wenn die Gesetze G und die Randbedingungen R gegeben sind, folgt das Ergebnis E. Evolutionstheorien, die den Artenwandel erklären sollen, gelten zwar weithin als naturwissenschaftliche Theorien. Doch dies trifft nur in einem eingeschränkten Sinne im mikroevolutiven Bereich zu (Populationsgenetik). Wenn es um die Entstehung des evolutionär Neuen geht, sind Formulierungen von Gesetzen nicht möglich. Dies äußert sich unter anderem darin, dass keine Vorhersagen in Bezug auf das Auftreten von Neuheiten gemacht werden können“ (S. 1).

„Aussagen, die nicht in eine Wenn-Dann-Struktur gebracht werden können, können daher nicht mit dem Anspruch, naturwissenschaftlich begründet zu sein, präsentiert werden. … Die Wenn-Dann-Struktur spiegelt sich auch im Hempel-Oppenheim-Schema wieder (kurz: HO-Schema)“ (S. 4).

„POSER … schreibt in diesem Zusammenhang: ‚Das Deutungsschema der Evolutionstheorie zu akzeptieren, bedeutet eine Zumutung, denn es verlangt in Gestalt der spontanen Mutation, in Gestalt des unvorhersehbaren Neuen in jedem Anwendungsbereich die Anerkennung des Zufalls.‘ …Das hat Folgen für die Art der ‚Erklärung‘ des evolutiven Wandels. Eine Wenn-Dann-Struktur ist nicht möglich und das oben erwähnte HO-Schema nicht anwendbar. … ‚Die Deutungsleistung des Evolutionsschemas wird erkauft durch einen Verzicht hinsichtlich des Anspruchs, die Welt erklären zu können'“ (S. 8).

JUNKER ignoriert hier, dass das HO-Schema (auch deduktiv-nomologisches Modell genannt), wonach ein zu erklärender Sachverhalt unter ein allgemeines Gesetz subsumiert wird, längst keine aktuelle „Theorie“ der naturwissenschaftlichen Erklärung mehr darstellt. (Zur Kritik siehe beispielsweise SCRIVEN 1962; RAILTON 1978, S. 208; SALMON 1984, S. 121ff; O’SHAUGHNESSY 1992, S. 17–19; MACHAMER et al. 2000, 21f; WOODWARD 2003, S. 10 und 154–161; WRIGHT & BECHTEL 2007, S. 46ff.). Dies hat mehrere Gründe, von denen wir hier die zwei wichtigsten andiskutieren wollen.

Erstens erklärt die Wenn-Dann-Relation von Aussagen allein gar nichts. Das Gesetz von BOYLE & MARIOTTE beispielsweise erlaubt die Voraussage eines Gasvolumens, wenn Druck und Temperatur des Gases bekannt sind. Druck, Temperatur und Volumen von Gasen werden unter das allgemeine Gasgesetz subsumiert. Doch das Gesetz erklärt nicht, warum dieser Zusammenhang besteht. Erst die kinetische Gastheorie, die (auf der Atomtheorie fußend) einen Mechanismus der Molekül-Bewegung bereitstellt, liefert die Erklärung (O’SHAUGHNESSY 1992, S. 17; SPOHN 2012, S. 306).

Zweitens spielen bei fast allen Naturprozessen Zufälle und kontingente Randbedingungen eine Rolle. Konkrete Entwicklungs-Prognosen sind selten möglich, weil die dafür erforderlichen Randbedingungen oft unüberschaubar und daher nicht (genau) bekannt sind. Lediglich im idealisierten Experiment, in dem der Wissenschaftler definierte Randbedingungen herstellt, entsteht ein „geschützter kontingenzfreier Raum“ (LANG 2015, S. 54), der Vorhersagen ermöglicht. So sind Wissenschaftler nicht in der Lage, den Einsturz einer Brücke, die Entstehung eines neuen Super-Vulkans oder die Bildung eines Planetensystems zu prognostizieren. Doch das hindert sie nicht daran, derlei Ereignisse (ex post facto) zu erklären (SCRIVEN 1962).

Dass sich die Erklärung komplexer Prozesse dem deduktiv-nomologischen Modell entzieht, verdeutlicht die aktuelle Diskussion um die Gefahren einer höheren Feinstaub- und Stickoxid-Belastung: Luftschadstoffe oder Zigarettenrauch töten nicht unmittelbar wie ein Giftcocktail. Zufallsfaktoren wie somatische Mutationen, erbliche Vorbelastungen, Krankheiten, Essverhalten und Alkoholkonsum führen zu einer faktoriellen Vielfalt, welche die Ursachenanalyse stark erschwert. Simple Erklärungen nach dem HO-Schema sind so in der Praxis kaum möglich.

Hier versagt auch das induktiv-statistische Erklärungs-Modell (BECHTEL 1988, S. 38). So gibt es nicht nur keine eindeutige Relation: „Wenn jemand raucht, dann bekommt er Lungenkrebs“. Dass dies geschieht, ist auch nicht besonders wahrscheinlich. Zwar lässt sich eine höhere Inzidenz von Lungenkrebs bei Rauchern gegenüber ansonsten gleichen Randbedingungen bei Nichtrauchern nachweisen (Ceteris-paribus-Klausel). Doch ein kausaler Zusammenhang ist damit nicht aufgezeigt, geschweige eine Erklärung. Nur das Vorliegen eines plausiblen Mechanismus, der das zu erklärende Faktum (Lungenkrebs) mit dem zeitlich vorausgehenden Sachverhalt (Rauchen) in Zusammenhang bringt, liefert die Erklärung.

Es bleibt festzuhalten: Die naturwissenschaftliche Erklärung hängt nicht am deduktiv-nomologischen Modell. Nicht allein Gesetze haben erklärenden Charakter, sondern in der Regel sind es Mechanismen, die über das „Warum“ eines Sachverhalts Aufschluss geben (RAILTON 1978; MACHAMER et al. 2000, S. 21f; MAHNER & BUNGE 2000, Kap. 3.6.). Und in der Evolutionstheorie ist genügend Platz für Mechanismen, die das Potenzial haben, die Entstehung von Neuheiten und Komplexitäten zu erklären. JUNKERs Kritik an der Evolutionstheorie beruht somit auf obsoleten wissenschaftstheoretischen Auffassungen. Im Übrigen lassen sich mithilfe evolutionär relevanter Mechanismen durchaus prüfbare Vorhersagen aus der Evolutionstheorie ableiten. Die Bestätigung einer eindrucksvollen Prognose diskutiert KERENG (2010).

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Jugendweihe in Berlin: Zugezogene aus dem Westen entdecken Ritual für sich neu

Erste Jugendfeier des Jahres: Jugendliche am Sonnabend im Friedrichstadtpalast. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa
Die meisten stehen zum ersten Mal im Rampenlicht. Begleitet von Musik und Spots ziehen etwa 170 Jugendliche in den Saal des Friedrichstadtpalasts ein.

Torsten Harmsen | Berliner Zeitung

Ihre bereits im Saal sitzenden Eltern, Geschwister und Großeltern verfolgen sie aufgeregt mit den Augen. „Viele haben plötzlich die Erkenntnis: Mensch, das ist ja unser Kind, das auf einmal so groß geworden ist! Und da sieht man schon so manche Träne“, sagt Anna Paterok. Sie leitet das Projekt Jugendfeier Berlin des hiesigen Humanistischen Verbandes und spricht von einem „emotionalen Höhepunkt für die ganze Familie“.

Insgesamt 320 Jugendliche nahmen am Sonnabend im Friedrichstadtpalast an zwei Auftakt-Veranstaltungen der diesjährigen Jugendfeiern des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg teil. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hielt eine der Festreden. In den vergangenen Jahren traten bereits Frank Walter Steinmeier und Gregor Gysi als Festredner auf.

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Digitalisierung – (vorläufiger) Höhepunkt menschlicher Trickserei

Der Mensch ist Mittelmaß. In seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung haben sich seine Fähigkeiten, die Wirklichkeit abzubilden, zu erkennen nur teilweise angepasst. Unsere Aufnahmefähigkeit liegt im mittleren Spektrum.
Sehr großes, wie etwa die Entfernungen im Universum, sehr kleines, wie Atome, Moleküle, Zellen usw. sind uns kognitiv nicht zugänglich. Makro-und Mikrokosmos erschließen sich uns nur mittels technischer Hilfsmittel. Unser erkennbarer Mesokosmos(Vollmer) ist eingebettet in die unvorstellbaren Dimensionen des Universums und in die sehr kleinen Partikel des Mikrokosmos. Trotz dieser Mängel in der Erkenntnisfähigkeit menschlichen Seins, erschließt sich der Mensch fragmentarisch, diese ihm nicht zugänglichen Teile seiner Umwelt. Er trickst.

Hier kommen nun die Maschinen, oder letztlich nur eine allgemeine Megamaschine zum tragen.
Der kulturphilosophische Nerd Martin Burckhardt hat sich in seinem Buch Die Philosophie der Maschine mit der Genese derselben auseinander gesetzt.
Zur besseren Übersicht beginnt seine Retrospektive der Maschine in der Zeit der griechischen Antike.
Wenn die alten Griechen von Maschinen(mechane) sprachen, zielte die Begrifflichkeit nicht auf ein Gerät, sondern auf eine List, den Betrug an der Natur, ab. Beginnend in der Geburtshöhle des Zeus, Götter als die Projektionsflächen menschlichen Möchtegern-Seins, entwickelt der Autor das Handbuch einer jedweden Maschine, menschlicher Kultur und Geschichte. Wenn die Göttin am Haken des Theaterkrans auf die Bühne herabschwebt setzt der Prozess unmittelbarer Verweltlichung ein. Das ist der Preis der Maschine, in welchem Maße die Menschen bereit sind, sich der neuen Rationalität zu opfern.
Aus dem ideellen Konstrukt der Maschine entwickelt sich ihre Dinglichkeit. Sie sichert Macht, geheimnisvoll, komplex nur Eingeweihten verständlich, dient sie göttlicher Darstellung. Die Architektur der Antike bis hin zu den pyramidalen Grabsteinen menschlicher Vergottung, im alten Ägypten, sind Zeugnis der Religionisierung menschlichen Tuns.
Der Autor verfolgt den Weg der Maschine durch die Zeit, ihre Funktion, ihre Rolle in den vergangenen und entstehenden Kulturen menschlicher Gesellschaft. Die Verhüttung von Erzen, die Produktion von Metallen, das Prägen von Münzen erfordern maschinellen Einsatz. Das Münzgeld der Antike löst das animalische Gottesopfer ab. Religiöse Institutionen finden wir seit dem immer in der Nähe des Geldes, selbst Jesus ging in den Tempel und trieb aus die da kauften und verkauften, warum wohl. Mit anderen Worten, die heutige Kirchensteuer als maschinelle Opfergabe. Welch ein Fortschritt.
Burckhardt analysiert die Buchgesellschaft, Gutenberg, die handgreifliche Identität der Buchstaben, das Alphabet selbst, wohl eine der ältesten Maschinen menschlicher Kultur überhaupt. Und so geht es Schlag auf Schlag. Programmierbare Webstühle, protokapitalistische Produktionsweisen bis hin zur Hollerith-Karte. Die Maschinen-Zyklen beschleunigen sich.
Die Anwendbarkeit der Elektrizität wurde ein weiterer Meilenstein in der Anwendung der Maschine. Unsichtbares konnte für die Erbringung von Arbeit genutzt werden.
Die Janusköpfigkeit der Maschine ist dem Autor bekannt, nicht zuletzt führte eine Volkszählung zur Kenntnis des Judentums in der deutschen Gesellschaft, Daten, gespeichert mittels Hollerith-Karte. So waren später den Nazis die Juden bekannt, der Holocaust sah seiner Vollendung entgegen.
Wie alles menschgemachte, so ist auch die Maschine zu missbrauchen. Die Aufklärung brachte nicht nur Positives für die Menschen.
Der Computer ist nicht nur ein Werkzeug, er ist:

„…eine Werkstatt. Begeben wir uns in diese Gedankenwerkstatt, verfügen wir über all die Werkzeuge, die auf unserem Desktop parat liegen. Fehlt etwas, erlaubt die Öffnung zur Welt, dass man das fehlende Teil in die eigene Arbeitsumgebung teleportiert. Insofern verkörpert die Maschine nicht nur diesen oder jenen Raum, sondern enthält, als prinzipiell offener Möglichkeitsraum, Platz für all jene Werkzeuge, die virtuell möglich, noch nicht realisiert, oder derzeit noch nicht in das eigene Arbeitsumfeld eingebunden sind.“(S.31)

Der Computer, die langsam an Fahrt gewinnende Digitalisierung eröffnet uns einen neuen Kontinent der Erkenntnis. Es bedarf nicht vielen Mutes diesen Kontinent zu entdecken, uns zu erschließen. Wir sind Ausgangspunkt, Teil und Ziel der Digitalisierung. Wir, Menschen aus Fleisch und Blut, sind die Maschine. Seit Jahrtausenden irren wir uns empor, aus der Natur gefallen, ertricksen wir uns den Zugang zu neuer Erkenntnis.

Die Computer, das Netz existieren ohne uns nicht, wenn wir also Bestandteil, Ursache und Erscheinung der Digitalisierung sind, offenbaren Begrifflichkeiten wie Multi-, Hyper- und Transmedialität, der Medienwissenschaften, nichts anderes als das Unverständnis der Maschine selbst. Kryptologie um Unwissenheit zu kaschieren.
Digitalisierung ist als universale Maschine, die allen Lebensbereich durchdringt, zu verstehen. Gängige Konzepte in der Politik, Wirtschaft erodieren schrittweise. Ein Höhepunkt politischer Erosion ist der Kanzlerinnen-Begriff des Neulands. Der Staat, Leviathan, zeigt immer offener seine Inkompetenz. Als Maschine versagt der Staat in immer stärkeren Maße. Populistische, postdemokratische Erscheinungsformen transportieren sich in die freiwerdenden Lücken der Erosionsprozesse.

Martin Burckhardt hat ein exzellentes Buch zur Philosophie der Maschine geschrieben. Die Grenzen zwischen analoger und digitaler Welt sind keine, die Grenzziehung eine künstliche.
Verblüffende Rückschlüsse, historische Retrospektiven bringt der Autor stets in anschaulicher Art und Weise auf den Punkt. Er produziert Aphorismen, wie selten in einer derartigen Konzentration zu lesen. Manches liest sich wie eine Übung in kreativer Semantik, feinsinniger Humor mit schon fast subversiv zu nennender Gedankenschärfe. Wer sich zum Thema Digitalisierung schlau machen, informieren will, wird mit diesem Buch fündig.

Ein Kritikpunkt wäre anzuführen, im Kapitel 18 – Der Abgesang der Philosophie, Fußnote 9, schreibt der Autor „[…] Daniel Dennett hat in diesem Kontext einen sehr merkwürdigen Gottesbeweis abgeliefert: Alles, was man zu denken imstande, werde, insofern es im Hirn abgespeichert werde, real. In dem man Gott denke, sei er existent.(Aus einem Gespräch mit dem Autor).“
Dieser Gedanke ist nicht von Dennett, es handelt sich dabei um den ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, der aus dem bloßen Gedanken oder Begriff „Gott“ d. h. A priori, auf die Existenz Gottes schließt und schlussfolgert.

Raumschiffe, Saurier und Nazis: die Effekte in „Iron Sky: The Coming Race“

Pixomondo erweckte für den FIlm „Iron Sky: The Coming Race“ in Stuttgart und Frankfurt unter anderem Dinosaurier zum Leben.
Der Nazi-Klamaukfilm „Iron Sky: The Coming Race“ läuft in den Kinos. Wir sprachen mit dem Effektstudio Pixomondo über die Effekte des Crowdfunding-Projekts.

Von André Kramer | heise online

Seit die Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ 2012 ins Kino kam, steht der Titel für klamaukige Nazi-Satire mit Kultfaktor und erstklassigen visuellen Effekten. Nun ist der zweite Teil in den Kinos zu sehen. c’t sprach mit VFX-Supervisor Adam Figielski vom Effektstudio Pixomondo, das für den Film Dinosaurier, Mondbasen und Raumschiffe zum Leben erweckte.

heise online: Um kurz die Brücke zum ersten Film zu schlagen: Worum geht es in der Fortsetzung „Iron Sky: The Coming Race“?

Adam Figielski: Über zwanzig Jahre ist es her, seit die Mond-Nazis im ersten Teil angegriffen haben. Die Erde ist mittlerweile ein unbewohnbarer Ort, von einem Atomkrieg verwüstet. Die letzten Überlebenden der Menschheit flüchteten auf die ehemalige Mondbasis der Nazis, doch der Mond droht auseinanderzubrechen. Dies ist der Beginn eines verrückt-absurden Abenteuers, in dem es darum geht, die Menschheit zu retten.

heise online: Und Sie arbeiteten an den visuellen Effekten. Vor welchen kreativen Herausforderungen standen Sie dabei?

Figielski: Wie immer war – trotz Crowdfunding, langer Finanzierungsphase und langer Produktionszeit – der Anspruch enorm hoch. Wir mussten tief in die VFX-Trickkiste greifen. Wir ließen Atombomben auf Washington fallen, Alien-Raumschiffe in den Mond krachen, eine Verfolgungsjagd mit Dinosauriern und Schlachten im Weltall entstehen. Trotzdem war es ein Riesenspaß, denn wir waren schon bei der Preproduction dabei und entwickelten zum Teil die Geschichte mit. Das ist eher ungewöhnlich und war nicht nur kreativ und technisch hilfreich, sondern auch emotional wichtig.

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Missing Link: Die unerträgliche Leichtigkeit der Thermodynamik – von KI und dem Erbe der Aufklärung

(Bild: pixabay.com)
In „Aufklärung jetzt“ macht Steven Pinker mit optimistischem Blick auf das Erbe der Aufklärung auch vor der künstlichen Intelligenz nicht halt.

Von Detlef Borchers | heise online

Für den kognitiven Psychologen Steven Pinker ist die künstliche Intelligenz (KI) nichts, vor der man Angst haben muss. Jedenfalls ist sie nicht in der Lage, den Menschen zu bedrohen. KIs, die Menschen aus Versehen unterjochen, weil sie gnadenlos zielstrebig den Auftrag erfüllen, etwa Büroklammern zu produzieren, hält Pinker für ein Hirngespinst. Solche Ideen seien Ausdruck einer viel zu engen Definition von Intelligenz, die „vollkommen außer Acht lässt, was für Informations- und Kontrollnetzwerke es in einem intelligenten System wie einem Computer, einem Hirn oder auch einer Gesellschaft als Ganzes gibt“, schreibt er in seinem Buch „Aufklärung jetzt“, das Bill Gates als sein „absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten“ lobte.

Mit dieser Art einer Entwarnung hat sich Pinker in einer dieser KI-Debatten zu Worte gemeldet, die der Literaturagent John Brockmann auf Edge.org führt und in immer neuen Büchern verdichtet. Gegen die Büroklammer-Superintelligenz des Philosophen Nick Bostrom hat Pinker einen empirischen Einwand parat: „Es ist nur eine Binse, aber bisher hat noch keine dieser KIs versucht, ihr Labor zu übernehmen oder ihre Programmierer zu versklaven. Und selbst wenn eine KI versuchen würde, Machtwillen zu entwickeln, wäre sie ohne die Kooperation von Menschen nur ein impotentes Hirn im Fass.“

Denn solch eine frei drehende KI müsste ihre komplette Infrastruktur sicherstellen, von der Versorgung mit Strom bis zur Gestaltung der Effektoren, die sie mit der Welt verbindet. Für Pinker ist die Lösung ganz einfach: Baut so etwas nicht! So weit sein Beitrag zur KI-Debatte in der Süddeutschen Zeitung, der eine Auskoppelung aus seinem neuesten Buch ist: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung.

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Daniel Ellsberg: Assange’s Arrest Is the Beginning of the End

Daniel Ellsberg. (Steve Rhodes / Flickr)
What follows is a conversation between author and famed whistleblower Daniel Ellsberg and Sharmini Peries of the Real News Network. Read a transcript of their conversation below or watch the video at the bottom of the post.

Sharmini Peries | truthdig

SHARMINI PERIES It’s The Real News Network. I’m Sharmini Peries, coming to you from Baltimore.

Whistleblower associated with WikiLeaks Julian Assange appeared to be making a statement as he was shuffled out in handcuffs from the Ecuadorian Embassy in London. He was carrying a book, a book published by The Real News Network with Gore Vidal on the history of the national security state. We gather Assange may have been trying to send the world a message, as did the Washington Post. And you can find an interview that Paul Jay, the senior editor here at The Real News Network, had done with The Washington Post in the link below.

On to talk about Assange and the reasons for his arrest is a man that is, perhaps, the most famous whistleblower in history that has experienced this type of arrests and state threats, is Daniel Ellsberg, who leaked the famous Pentagon Papers. Daniel’s new book, The Doomsday Machine: Confessions of a Nuclear War Planner. You will find an interview series related to Daniel’s book here on The Real News Network, and we’ll put a link to that, as well. Daniel, good to have you here.

DANIEL ELLSBERG Glad to be back with you. Thank you.

SHARMINI PERIES Daniel, your reaction to what has just happened to Julian Assange in London?

DANIEL ELLSBERG It’s a very serious assault on the First Amendment. A clear attempt to rescind the freedom of the press, essentially. Up till now we’ve had a dozen or so indictments of sources, of which my prosecution is the very first prosecution of an American for disclosing information to the American public. And that was ended a couple of years later by governmental misconduct. There were two others before President Obama, and nine or so under President Obama, of sources, none of these having been tested in the Supreme Court yet as to their relation to the First Amendment. Hasn’t gone to them.

This is the first indictment of a journalist and editor or publisher, Julian Assange. And if it’s successful it will not be the last. This is clearly is a part of President Trump’s war on the press, what he calls the enemy of the state. And if he succeeds in putting Julian Assange in prison, where I think he’ll be for life, if he goes there at all, probably the first charge against him is only a few years. But that’s probably just the first of many.

In my own case, my first indictment was for three counts, felony counts. That was later expanded to 12 felony counts by the end of the year, for a possible 115-year sentence. So I think this is a warning shot across the bow of every editor and publisher in the country.

If they make the connection of the Real News Network book that he was carrying with him into prison, which I think Gore Vidal would be very pleased to see, him associated with this incident in terms of defending Germany Assange’s rights, but they may connect you. You may be in the next conspiracy trial with Julian Assange. It may not take much more than that. I see on the indictment, which I’ve just read, that one of the charges is that he encouraged Chelsea Manning and Bradley Manning to give him documents, more documents, after she had already given him hundreds of thousands of files. Well, if that’s a crime, then journalism is a crime, because just on countless occasions I have been harassed by journalists for documents, or for more documents than I had yet given them. So they–none of them have been put on trial up till now. But in this case, if that’s all it takes, then no journalist is safe. The freedom of the press is not safe. It’s over. And I think our republic is in its last days, because unauthorized disclosures of this kind are the lifeblood of a republic.

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Schweiz: Das Verbot der Gotteslästerung muss weg – auch wenn der Bundesrat dagegen ist

Ein Westschweizer Bergführer verstiess gegen das Blasphemie-Verbot, als er Gipfelkreuze zerstörte. Bild: KEYSTONE
Nationalrat Beat Flach verlangt in einer Motion die Streichung des Blasphemieverbotes, doch die Landesregierung wehrt sich dagegen. Dabei hat es längst keine Daseinsberechtigung mehr.

Hugo Stamm | watson.ch

Mal ehrlich: Hast du gewusst, dass es in der Schweiz ein Blasphemieverbot gibt? Konkret heisst das, du darfst Gott nicht öffentlich lästern. Wer verletzende oder verhöhnende Äusserungen über Gott, religiöse Überzeugungen oder etwas Heiliges macht, kann eingeklagt werden.

Wörtlich heisst es im Artikel 261 des Strafgesetzes:

«Wer öffentlich und in gemeiner Weise die Überzeugung anderer in Glaubenssachen, insbesondere den Glauben an Gott, beschimpft oder verspottet oder Gegenstände religiöser Verehrung verunehrt, (…) wird mit Geldstrafe bestraft.

Religion und Glauben geniessen bei uns also einen besonderen Schutz. Einen Rechtsschutz, den Weltanschauungen oder politische Gruppen nicht für sich in Anspruch nehmen können. Sind solche Privilegien in einem Staat, der sich als säkular versteht und der eine Trennung von Kirche und Staat mindestens im religiösen Sinn kennt, noch sinnvoll?

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Versuchter Kirchensteuereinzug bei Konfessionslosen – klingt wie Schutzgelderpressung der Mafia

Kirchensteuer-Rasterfahndung: Solche Fragenbögen verschicken die Kirchensteuerstellen bei den Finanzämtern in Berlin zehntausendfach. Foto: © A. Platzek
Im Frühjahr dieses Jahres bin ich berufsbedingt nach Berlin umgezogen und erhielt nun – nach fünf Monaten am Wohnort – zu meiner Überraschung ein Schreiben von der „Kirchensteuerstelle beim Finanzamt Treptow-Köpenick“, die behauptet, dass meine Kirchenmitgliedschaft „ungeklärt“ sei. Ich bin vor 16 Jahren aus der Kirche ausgetreten.

Von Babro Walker | Gläserne Wände

Ich wurde gebeten, umgehend hierzu Angaben in einem beigefügten Bogen zu machen. Der Bogen enthielt allerlei sehr persönliche Fragen (wie etwa wann und wo ich getauft wurde) und darüber hinaus wurden Angaben abgefragt, die wohl kaum von einem mittelalten Erwachsenen gemacht werden können (etwa wie meine genaue Anschrift zum Zeitpunkt meiner Geburt lautete). Insgesamt stellte der Bogen mehr als 20 Fragen, zu denen auch Details zu meinem Kirchenaustritt (wann, wo, zuständige Behörde) gehören. Ich wurde gebeten, meinen Kirchenaustritt nachzuweisen, indem ich die Austrittbescheinigung der Behörde, die mir (vor Jahrzenten) meinen Austritt bescheinigt hat, beizufügen. Selbstredend musste ich befürchten, das entsprechende Dokument nicht mehr zu haben. Ich wusste nicht mal mehr mit Sicherheit zu sagen, welchen Wohnort ich zum Zeitpunkt meines gewollten und ganz bewusst gewählten Austrittes hatte. Ich sollte nun aber bitte binnen zwei Wochen antworten.

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