Archiv der Kategorie: Humanismus

In 100 Jahren von 40 auf 80

Die Menschen, insbesondere in den westlichen Ländern, werden immer älter. An ihrem 30. Geburtstag hat eine heute 15-jährige noch um die 70 Jahre zu leben und für die Neugeborenen von heute ist ein Alter von 135 Jahren nicht mehr unrealistisch.


Von Franziska Müschenich|Spektrum.de

Rudi Westendorp Alt werden, ohne alt zu sein Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke und Marlene Müller-Haas Verlag: Beck, München 2015 ISBN: 9783406667626 19,95 €
Rudi Westendorp
Alt werden, ohne alt zu sein
Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke und Marlene Müller-Haas
Verlag: Beck, München 2015
ISBN: 9783406667626
19,95 €

Das sind die Vorhersagen des Niederländers Rudi Westendorp, der als Geriater und Professor für Medizin an der niederländischen Universität Leiden arbeitet. Sein lesenswertes Buch gibt Tipps, wie modernes Altern gelingen kann. Die kurzen Zusammenfassungen vor allen 13 Kapiteln sowie die klare Gliederung erleichtern den Überblick und stellen das Wesentliche heraus.

Westendorps wissenschaftliche Karriere begann mit der Frage, warum wir überhaupt altern. Um Antworten zu finden, verließ er die Medizin und begab sich in biologische Labore. Durch Untersuchungen an Süßwasserpolypen, Mäusen und anderen Tieren gelang es ihm, die Prozesse des Alterns, der Regeneration sowie der Evolution besser zu verstehen und miteinander in Beziehung zu bringen. Indem er immer wieder seine eigenen Erfahrungen als Forscher und Dozent einfließen lässt, verleiht er dem Buch eine persönliche Note.

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Emanzipation von oben

Wie die Frauen den Postkommunismus überlebten und ihnen das Lachen trotzdem verging. Der Kampf um Feminismus und Gleichberechtigung im west-östlichen Systemvergleich


Von Slavenka Drakulic|dieStandard.at

foto: der standard Straßenarbeiterinnen und Straßenarbeiter beim gemeinsamen Asphaltieren einer Straße in Budapest (1968).

Die Geschlechterdemokratie ist ein essenzieller Teil der Demokratie schlechthin. Ohne Beteiligung der Frauen gibt es keine Demokratie, die diesen Namen auch verdient.

Es waren die banalen Alltagsdinge, die dem Kommunismus lange vor 1989 das Genick gebrochen hatten, und nicht die Sehnsucht nach Freiheit, Menschenrechten und Demokratie.

Als Europa vor kurzem den 25. Jahrestag des Untergangs des Totalitarismus in Osteuropa feierte, da wurde, merkwürdig genug, von einem Thema nicht oder nur sehr am Rande gesprochen: Wie hat sich dieser dramatische Wandel auf die Frauen ausgewirkt? Funktioniert das neue System, die Demokratie, für beide Geschlechter auf ein und dieselbe Weise?

Die Antwort ist nein, das tut es nicht. Selbst wenn die Frauen in Osteuropa heute (endlich) nicht mehr das Gefühl haben, einem einzigen Block anzugehören, so werden sie doch immer noch durch die gemeinsame Erfahrung des Kommunismus zusammengeschweißt, weil diese Erfahrung ihr Leben auch nach 1989 signifikant beeinflusst hat.

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Augenzeugen der Conquista

Habgier war ihr Motiv, Mord ihr Mittel. Skrupel kannten sie nicht, und Mitleid war ihnen fremd. Seit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus (1492) strömte eine wachsende Zahl von Abenteurern in die Neue Welt, viele von ihnen Desperados wie der ehemalige Schweinehirt Franzisco Pizarro (1475-1541), die in der Fremde zu finden hofften, was sie in der Heimat nicht bekamen: “oro y gloria”, Gold und Ruhm.


Von Theodor Kissel|Spektrum.de

Celso Gargia, Caspar de Carvajal, Samuel Fritz Die Eroberung von Peru Evamaria und Robert Grün (Hg.) Verlag: Edition Erdmann, Wiesbaden 2015 ISBN: 9783737400145 24,00 €
Celso Gargia, Caspar de Carvajal, Samuel Fritz
Die Eroberung von Peru
Evamaria und Robert Grün (Hg.)
Verlag: Edition Erdmann, Wiesbaden 2015
ISBN: 9783737400145
24,00 €

Robert und Evamaria Grün sind ausgewiesene Kenner auf dem Gebiet der Historischen Geographie und des Zeitalters der Entdeckungen. In ihrem neuen, äußerst lesenswerten Buch lassen sie drei Zeitzeugen zu Wort kommen, die in persönlichen Tagebüchern den welthistorisch so bedeutsamen wie folgenschweren Kulturkontakt zwischen Alter und Neuer Welt reflektierten. Ansätze für eine friedliche Koexistenz findet man darin kaum; meist drehen sich die Texte um blutige Auseinandersetzungen zwischen den spanischen Kolonialherren und der indigenen Bevölkerung Perus.

Im Irrsinn des Goldrauschs

Befeuert von dem verheißungsvollen Gerücht über ein legendäres Goldland “El Dorado” zog es um die Mitte des 16. Jahrhunderts Hunderte Hasardeure in die dünne Luft der Anden und in die grüne Hölle des Amazonas, um für die spanische Krone Land in Besitz zu nehmen. Die rechtliche Voraussetzung dafür schufen die “capitulationes”, staatliche Eroberungslizenzen, mit denen Spaniens König Karl V. die Kolonisierung Amerikas für private Investoren freigab und diesen ein befristetes Monopol zur kommerziellen Ausbeutung des Lands gewährte.

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Selbstmordewelle in Indien: Der Tag, an dem Sujit Singh Mäusegift trank

© AFP Bewässerung per Monsun: Mit einfachsten Mitteln bestellen Indiens Bauern ihre Felder – so wie dieser Mann im indischen Telangana.
Indiens Landwirtschaft ist ineffizient und wirft kaum etwas ab. Immer mehr Bauern geraten in die Schuldenfalle – und begehen Selbstmord. Manche gar aus Protest gegen die Regierung.


Von Till Fähnders|Frankfurter Allgemeine

Der Traktor schiebt eine Welle aus Matsch und Wasser vor sich her. Auf dem Fahrersitz thront ein kräftiger junger Mann mit einem tiefschwarzen Bart und einem orangefarbenen Turban auf dem Kopf. Das Gefährt kommt am Rand des Feldes zum Stehen. Der Mann springt ab und watet durch das knöcheltiefe Wasser. „Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, wie man einen Traktor fährt, sie mussten es mir beibringen“, sagt Kulwinder Singh und zeigt auf ein paar Nachbarn, die am Feldrand stehen. Die Männer schauen verdruckst herüber. „Ich trage jetzt die ganze Verantwortung“, sagt der 32 Jahre alte Mann, der wie die meisten Inder im Punjab zum Volk der Sikhs gehört.

Die Bauern im Punjab, der Kornkammer im Nordwesten Indiens, beginnen jedes Jahr im Juni mit der Reispflanzung. Kulwinder Singh bereitet dafür an diesem Tag den Boden vor. Die Arbeit sei hart, sagt der Bauer und deutet auf seine schlammverschmierten Füße. Um zwei Uhr nachts steht er auf. Freiwillig tut er das nicht. Bis vor kurzem hatte sich sein Vater allein um alles gekümmert. Doch vor zwei Wochen hat sich Sujit Singh im Alter von 62 Jahren das Leben genommen. Was er hinterlassen hat, sind Schulden, ziemlich viele sogar, und eine Familie, die nicht mehr ein noch aus weiß.

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Kriminalisierung von Geflüchteten ohne große Proteste beschlossen

Das Argument, dass das Asylrecht auch eine Konsequenz der NS-Vernichtungspolitik war, verwenden heute nicht einmal mehr die Gegner


Von Peter Nowak|TELEPOLIS

Brand auf einem Flüchtlingsschiff vor den Küsten Europas © Szene aus "Report Mainz"
Brand auf einem Flüchtlingsschiff vor den Küsten Europas © Szene aus “Report Mainz”

Die Zugänge zum Bundestag werden von Tausenden Menschen blockiert, die sich gegen die Verschärfung der Asylgesetzgebung wenden. Auf den Straßen kommen die Bundestagsabgeordneten nicht weiter. Auch Boote haben die Antirassisten gemietet, die mit Protesttransparenten und Lautsprechern ausgestattet sind.

Solche Bilder gab es am 26. Mai 1993 rund um das Bonner Parlament. Antirassisten aus der ganzen Republik konnten nicht verhindern, dass vor mehr 23 Jahren eine ganz große Koalition aus SPD, FDP und CDU/CSU das Asylrecht massiv verschärfte. Ihre Proteste konnten die Abstimmung allerdings um viele Stunden verzögern. Zudem warendie antirassistischen Gegenaktionen das zentrale Thema in der in- und noch mehr in der ausländischen Presse. Vor allem im Ausland wurden die zentralen Anliegen der Kritiker verstanden.

Während in ost- und westdeutschen Städten ein Bündnis aus Neonazis und Wutbürgern Flüchtlingsheime attackierte, zeigen die Politiker der führenden Parteien, dass sie die Sorgen der deutschen Protestbewegungernst nimmt und ihre Forderungen in moderater Form in Gesetze gießt. Mehr als zwei Jahrzehnte später haben sich die Wutbürger neue Namen geben.Pegida und ihre regionalen Ableger haben sind hier ebenso angetreten wie die lokalen “Nein-zum-Heim”-Initiativen.

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John Gray: Steven Pinker is wrong about violence and war

Rubens’ The Massacre of the Innocents. Photograph: National Gallery, London
A new orthodoxy, led by Pinker, holds that war and violence in the developed world are declining. The stats are misleading, argues Gray – and the idea of moral progress is wishful thinking and plain wrong


By John Gray|TheGuardian

For an influential group of advanced thinkers, violence is a type of backwardness. In the most modern parts of the world, these thinkers tell us, war has practically disappeared. The world’s great powers are neither internally divided nor inclined to go to war with one another, and with the spread of democracy, the increase of wealth and the diffusion of enlightened values these states preside over an era of improvement the like of which has never been known. For those who lived through it, the last century may have seemed peculiarly violent, but that, it is argued, is mere subjective experience and not much more than anecdote. Scientifically assessed, the number of those killed in violent conflicts was steadily dropping. The numbers are still falling, and there is reason to think they will fall further. A shift is under way, not strictly inevitable but enormously powerful. After millennia of slaughter, humankind is entering the Long Peace.

This has proved to be a popular message. The Harvard psychologist and linguist Steven Pinker’s The Better Angels of Our Nature: a history of violence and humanity (2011) has not only been an international bestseller – more than a thousand pages long and containing a formidable array of graphs and statistics, the book has established something akin to a contemporary orthodoxy. It is now not uncommon to find it stated, as though it were a matter of fact, that human beings are becoming less violent and more altruistic. Ranging freely from human pre-history to the present day, Pinker presents his case with voluminous erudition. Part of his argument consists in showing that the past was more violent than we tend to imagine. Tribal peoples that have been praised by anthropologists for their peaceful ways, such as the Kalahari !Kung and the Arctic Inuit, in fact have rates of death by violence not unlike those of contemporary Detroit; while the risk of violent death in Europe is a fraction of what it was five centuries ago. Not only have violent deaths declined in number. Barbaric practices such as human sacrifice and execution by torture have been abolished, while cruelty towards women, children and animals is, Pinker claims, in steady decline. This “civilising process” – a term Pinker borrows from the sociologist Norbert Elias – has come about largely as a result of the increasing power of the state, which in the most advanced countries has secured a near-monopoly of force. Other causes of the decline in violence include the invention of printing, the empowerment of women, enhanced powers of reasoning and expanding capacities for empathy in modern populations, and the growing influence of Enlightenment ideals.

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Ein Rechtsstaat, der Menschenrechte missachtet

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Eva Illouz, die in Jerusalem Soziologie lehrt und eigentlich über Liebe und Ökonomie forscht, ist auch eine scharfe Kritikerin der Situation in Israel. Nun liegen ihre politischen Essays auf Deutsch vor.


Von Claudia Kühner|DER BUND

Von Eva Illouz, 1961 in Marokko geboren und in Frankreich aufgewachsen, kennt man vor allem ihre Studien über die Zusammenhänge von Emotionen, Kapitalismus und Konsum («Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung», «Die neue Liebesordnung. Frauen, Männer und Shades of Grey»). Weniger bekannt sind hierzulande ihre scharfsinnigen Essays, die sie regelmässig in der israelischen Zeitung «Haaretz» publiziert. Darin setzt sie sich ebenso gründlich wie kritisch mit der israelischen Politik und Gesellschaft auseinander und greift dabei weit über die Tagesaktualität hinaus. Ihr geht es um Fehlentwicklungen in einem Land, dessen Grundlage sie freilich vorbehaltlos unterstützt. Am Recht von Juden, nach 2000 Jahren einen Staat zu schaffen, hat sie keinerlei Zweifel.

Daran, was heute daraus geworden ist, besonders mit der Besetzung seit 1967, aber schon. Oder daran, was die Besetzung nicht nur den Palästinensern antut, sondern wie sie auch die israelische Gesellschaft verändert. Ihre Methode nennt Illouz «soziologischen Journalismus», und sie hat auch für den mit der Tagespolitik nicht vertrauten Leser den Vorteil grosser Verständlichkeit.

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Sterbehilfe: Mein Wille geschehe

Die Debatte über die Sterbehilfe in Deutschland wird vor allem von religiösen Überzeugungen und persönlichen Befindlichkeiten bestimmt. Dabei sollte doch die autonome Entscheidung über das eigene Leben im Vordergrund stehen. Die Verteidigung eines Grundrechts


Von Alexander Grau|Cicero

Menschen mit Selbsttötungsabsicht sind nicht immer vernachlässigte Opfer. picture alliance

Für Bundestagspräsident Norbert Lammert ist es „eines der anspruchvollsten und schwierigsten Gesetzesvorhaben in dieser Wahlperiode“: die Neuregelung der Strebehilfe, über die der Bundestag erstmals am vergangenen Donnerstag debattierte.

Im November diesen Jahres werden die Abgeordneten über vier fraktionsübergreifende Anträge abzustimmen haben: Diese reichen von einem pauschalen Verbot jeglicher Sterbehilfe (eingereicht durch die CDU-Abgeordneten Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger) bis zu deren Zulassung, sofern sie nicht kommerziell betrieben wird (Renate Künast, Die Grünen, und Petra Sitte, Die Linke). Die größte Unterstützung genießt der als moderat geltende Gruppenantrag von Michael Brand (CDU) und Kerstin Griese (SPD). Er gestattet die Verabreichung lebensverkürzender Medikamente durch Ärzte, sofern der Tod des Patienten nicht intendiert ist, untersagt aber organisierte Sterbehilfe.

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“Die Gier ist älter als der Kapitalismus”

Welche Wirtschaftsform entspricht am ehesten der Natur der Menschen? Hat die Evolution den Kapitalismus befördert? Um eine Antwort zu finden, hat sich Professor Eckart Voland ziemlich lange mit Topmanagern beschäftigt – und mit Affen.


Von Ann-Kathrin Eckardt|Süddeutsche.de

Was ist uns zentral? (CC-by.2.0 von wahlkampf09)
Was ist uns zentral? (CC-by.2.0 von wahlkampf09)

Als Professor für Biophilosophie hat Eckart Voland an der Uni Gießen 20 Jahre lang Verhaltensprofile von gefangen gehaltenen Halbaffen untersucht oder die Evolution des Gewissens analysiert. Viele Interviews hat er gegeben, doch bei dieser Anfrage hat er gezögert. Nicht, weil er seit drei Monaten in Rente ist, sondern weil er über den Kapitalismus und die Natur des Menschen reden soll. Mit diesem Thema hat er sich schon mal Ärger eingehandelt. Nach einem Vortrag musste er sich wüst beschimpfen lassen. “Ihr Kapitalismus ist so natürlich wie Polyester” war eine der harmloseren Tiraden. Aber dann hat er doch zugesagt. Gut gelaunt empfängt er in seinem leergeräumten Büro.

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Eine Hassrede gegen die “geistige Sklaverei” des Islamismus

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Wer das Paradies verspricht, bringt die Hölle: Der 80-jährige Schriftsteller Wole Soyinka prangert den Terror von Boko Haram an. Deutsche Intellektuelle kritisieren lieber TTIP, findet unser Kolumnist.


Von Harald Martenstein|DER TAGESSPIEGEL

Literatur-Nobelpreisträger machen sich in Lindau rar, aber diesmal ist Wole Soyinka gekommen, ein 80jähriger Nigerianer.  Der erste Afrikaner, der den Preis bekommen hat, 1986. Der Eintritt zu seinem Vortrag ist frei, aber es sind fast keine Lindauer im Stadttheater. Der Saal ist trotzdem voll. Die jungen Wissenschaftler sind da. Am Ende  gibt es eine stehende Ovation.

Soyinka hat in Nigeria fast zwei Jahre im Gefängnis gesessen, wegen Friedensaktivitäten im Biafrakrieg. Er hat ein Anliegen, und er trägt es in einer hinreißenden Mischung aus Pathos, Ironie und Sarkasmus vor. Seine Rede ist eine Hassrede, das kann man so sagen. Sie richtet sich gegen den Islamismus, gegen den Terror der Gruppe Boko Haram, die in ihrem Herrschaftsgebiet in Nigeria die Sklaverei wieder eingeführt hat. Geistige Sklaverei, das ist sein Wort für den Islamismus.

Soyinka spricht über Islamschulen, an denen es nur ein Buch gibt, nur den Koran, wo absoluter Gehorsam gelehrt wird, wo der Zweifel, die Diskussion, die Kreativität und jedes Verständnis für eine andere Weltsicht verboten sind. Und er zieht eine Parallele zum Marxismus, der ja, wie der Islam, eine mörderische Variante hervorgebracht hat.

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Die Rolle der Juden in der christlichen Heilsgeschichte

“Heilsgeschichte” ist ganz allgemein jede religiöse Interpretation von Geschichte, und dazu gehören auch die christlichen Vorstellungen der “Endzeit”. Da das Christentum dem Judentum entspringt, gehört den Endzeitvorstellungen auch eine Positionierung gegenüber dem Judentum.


Von Ulrike Heitmüller|TELEPOLIS

Brennende Synagoge 1938 (Bild: Jewish Virtual Library, Public Domain)
Brennende Synagoge 1938 (Bild: Jewish Virtual Library, Public Domain)

Wie Christen Juden sehen, hat sich im Lauf der Zeiten immer wieder geändert. Das Spektrum ist breit und oft ambivalent, die Themen überlappen sich. Aber es gibt Schwerpunkte: Erstens den allgemein verbreiteten völkischen Rassismus vor 1945. Zweitens die in gewissen evangelikalen Kreisen verbreitete Naherwartung nach Kriegsende – der Massenmord sei ein Gericht Gottes gewesen, die Juden müssten nach Palästina “zurückkehren”, damit Jesus auf die Erde zurückkommen und die Welt erlösen könne.

Mein Großvater Friedrich Heitmüller, Leiter der Freien evangelischen Gemeinde Hamburg und Direktor des Diakoniewerkes Elim, vertrat diese beiden Sichtweisen in beispielhafter Weise. Drittens, vor allem seit den 1980er Jahren, ein inzwischen oft politisch orientierter christlicher Zionismus. Und viertens Judenmission – existent seit den Anfängen des Christentums und gerade aktuell, weil entsprechende Gruppen auf dem Kirchentag nicht aktiv sein dürfen.

Tanach und Altes Testament: eine gemeinsame Heilige Schrift

Der Tanach – für Christen: das “Alte Testament” (AT) – beinhaltet die Heiligen Schriften der Juden. Die Bibel – bestehend aus Altem und Neuen Testament (NT) ist das Heilige Buch der Christen. Der so genannte “Kanon”, also was als Bestandteil festgelegt wurde, stimmt, was das AT betrifft, zwischen Judentum und Christentum nicht ganz überein, und was die Bibel betrifft, auch nicht zwischen orthodoxen, katholischen und evangelischen Christentum.

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Das Klischee vom ausländischen U-Bahn-Schläger

Sie lauern in der U-Bahn, verticken Drogen und machen mit Schlägerbanden deutsche Innenstädte unsicher. Jeden Tag begegnet uns in Medien das Klischee vom kriminellen Migranten. Eine Studie hat das Phänomen “Ausländerkriminalität” nun untersucht. Mit einem eindeutigen Ergebnis.


Von Fabian Köhler|TELEPOLIS

16. Juni, U-Bahn-Station Steintor in Hannover: Ein 59-jähriger Mann wird von mehreren Männern zu Boden geschlagen. Anschließend treten sie auf den Mann ein, rauben Tasche, Handy und Armbanduhr. Die Täter entkommen unerkannt. Die Lokalpresse berichtet später die jungen Männer hätten “vermutlich arabisch” gesprochen. Ihr Aussehen sei “südeuropäisch” oder “nordafrikanisch” gewesen. “War ja klar”, kommentiert ein Leser. Eine anderer fragt: “Wie lange sollen wir uns diese Schlägerbanden noch gefallen lassen, bis was passiert?”

Was am Phänomen der Ausländerkriminalität wirklich dran ist, hat nun ein Kriminalwissenschaftler untersucht. Das Ergebnis der am Mittwoch veröffentlichten Studie: Das Klischee, dass Migranten häufiger kriminell werden, ist falsch. Im Auftrag des “Mediendienst Integration” wertete der Kriminalwissenschaftler Christian Walburg von der Uni-Münster Polizeistatistiken, Studien und Umfragen aus. Seine Untersuchung widerspricht gleich in mehreren Punkten dem Klischee von der Ausländerkriminalität.

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Inzest: Weniger risikoreich als gedacht

Rund eine Milliarde Menschen leben in Ländern, in denen Ehen zwischen nahen Verwandten üblich sind. Das kann gesellschaftliche Vorteile haben, birgt aber auch Risiken. In einer Studie wurde jetzt der generelle Einfluss des Verwandtschaftsgrads von Vater und Mutter untersucht, mit durchaus überraschenden Ergebnissen.


Von Volkart Wildermuth|Deutschlandfunk

Die Gene von Mutter und Vater haben weniger Einfluss auf die Kinder als gedacht. (imago / McPHOTO)

Fangen wir mit Charles Darwin an. Der Naturforscher hat nicht nur die Evolutionstheorie ersonnen, sondern sich auch mit Züchtungsversuchen beschäftigt. “Über den guten Einfluss der Kreuzung und die schädlichen Effekte der Inzucht”, lautet eine Kapitelüberschrift in Darwins Buch über Pflanzen- und Tierzucht. Er selbst war davon überzeugt, dass sich diese Ergebnisse auch auf den Menschen übertragen lassen. Das erfüllte ihn sein ganzes Leben lang mit Sorge, denn Darwin hatte Emma Wedgwood geheiratet, seine eigene Cousine. Drei ihrer zehn Kinder sind früh verstorben. Aber das war damals nicht ungewöhnlich. Mit den Mitteln der Genomforschung lässt sich heute der Einfluss der Verwandtschaft der Eltern sehr viel genauer abschätzen.

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Bangladesch: Lebensgefährlicher Atheismus

Immer wieder werden in Bangladesch Blogger getötet. (pa/dpa/EPA/Abdullah)
Apostasie, der Abfall vom Glauben, führt in einigen islamischen Ländern zum Tod. Der 31-jährige Blogger Asif Mohiuddin hat es am eigenen Leib erfahren: Beinahe wäre er einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. In Bangladesch ist eine freie Meinungsäußerung in Religionsfragen kaum möglich. Nun hat er in Hamburg Schutz gefunden. Aber auch hier kann er nur schwer über seine Vorstellungen sprechen.


Von Thomas Klatt|Deutschlandfunk

Es fing damit an, dass er schon als Schuljunge einfach nur Fragen stellte, erinnert sich Asif Mohiuddin. Er bekam aber nie Antworten, die ihn zufrieden stellten.

“Wir feiern einmal im Jahr das Eid Al-Adha-Fest und schlachten in muslimischen Familien in Bangladesch eine Kuh oder andere Tiere. Ich war von all dem Blut geschockt. Warum tut ihr das? Und meine Eltern sprachen, Allah ist darüber glücklich, dass wir ihm eine Kuh schlachten.”

Dies geschieht in Erinnerung daran, dass Ibrahim statt seines Sohnes in letzter Minute ein Opfertier schlachtete und so sein Vertrauen zu Gott bewies. Die berühmte Geschichte des Urvaters dreier Weltreligionen wird nicht nur im Islam, sondern auch im Judentum und Christentum bis heute erzählt und gelesen. Für den jungen Asif ist sie aber eine Geschichte verabscheuenswürdiger Brutalität.

“Ich möchte diesen Gott nicht anbeten. Abraham hatte doch ein psychisches Problem, auf Gottes Geheiß hin seinen Sohn töten zu wollen. Wenn er in heutigen Zeiten leben würde, würde er in eine Psychiatrie eingeliefert und nicht als Prophet verehrt werden.”

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Goldener Reis: Wenn Technikfeindlichkeit tötet

Viele tausend Kinder sterben jedes Jahr an Vitamin-A-Mangel. Eine spezielle genmanipulierte Reissorte könnte diese Kinder retten. Doch das erlauben wir nicht.


Von Florian Aigner|futurezone.at

Bild: International Rice Research Institute (IRRI) CC BY 2.0
Bild: International Rice Research Institute (IRRI) CC BY 2.0

Vitamin-A-Mangel ist eines der großen Gesundheitsprobleme in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern. Am schlimmsten betroffen sind kleine Kinder. Hunderttausende erblinden jedes Jahr, sie sind besonders anfällig für Infektionskrankheiten, man schätzt dass jedes Jahr 670.000 Kinder im Alter von weniger als fünf Jahren daran sterben.

In Europa verdient man Geld mit Schlankheitstipps und Abmagerungskuren, man diskutiert über die gesundheitsfördernde Wirkung irgendwelcher neuer Lifestyle-Grüntee-Mixgetränke, man erkundigt sich, ob das Biovollkornbrot auch mit energetisiertem Wasser gebacken wurde. Und gleichzeitig sterben auf der anderen Seite der Erde Menschen an Vitamin A-Mangel. Das Schlimmste daran ist: Man könnte das ändern. Doch das erlauben wir nicht.

Vitamin-A-Magel betrifft vor allem Länder in Afrika und Südostasien. Wer sich abwechslungsreich ernährt und viel Gemüse isst, der muss davor keine Angst haben. Doch wer in Staaten wie Indien, Bangladesch oder den Philippinen wenig Geld hat, versorgt seine Familie hauptsächlich mit Reis, und genau dadurch kommt es zu Mangelkrankheiten.

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Korrektive Vergewaltigung: Mutter vergewaltigt schwulen Sohn

Nach Vergewaltigungen von Frauen geraten in Indien jetzt “korrektive Vergewaltigungen” zur “Heilung von Homosexualität” in die Schlagzeilen. Die protestantischen Kirchen Indiens verurteilen sie als “grausame Ungerechtigkeit”.


Von Michael Lenz|evangelisch.de

Mit dem Slogan “Incredible India” wirbt Indien um Touristen. Die kulturelle, die ethnische, die religiöse, die natürliche Vielfalt Indiens ist in der Tat unglaublich bunt, reich, aufregend und verwirrenden. Unglaublich ist aber auch die tägliche sexuelle Gewalt gegen Frauen, Mädchen, Kinder und sexuelle Minderheiten. Dazu gehören auch sogenannte “korrektive Vergewaltigungen” von Lesben, Schwulen und Transsexuellen. Ziel der Brutalität: Das Opfer die Freuden des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs erleben zu lassen und den Menschen so von der Homo- oder Transsexualität zu “heilen”.

“In der Regel sind es Eltern oder nahe Verwandte, die ein homosexuelles Familienmitglied vergewaltigen”, berichtet Deepthi Tadanki. Sie recherchiert und dreht den Film “Satyavati”, der die fiktive Geschichte der “korrektiven Vergewaltigung” einer lesbischen Inderin erzählt. Die Arbeit an dem Film stockt allerdings derzeit, weil das Crowdfunding noch nicht die kompletten 16 Lakh Rupien (das indische Zahlwort steht für 100.000) eingebracht hat, oder umgerechnet 1,6 Millionen Euro. “40 Prozent des Films sind schon abgedreht. Jetzt muss ich erst Geld auftreiben, bevor ich weiterdrehen kann”, erzählt die 27 Jahre alte Filmemacherin aus Hyderabad.

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Skandal in Heimen für schwer Erziehbare: Mädchen mussten sich zur Strafe nackt ausziehen

Friesenhof, Bild: Foto: Carsten Rehder/abendblatt
Kollektivstrafen, sexueller Missbrauch und ständige Kontrolle: Zwei Mädchenheime in Schleswig-Holstein mussten wegen schwerwiegender Vorwürfe dichtmachen. Jetzt stellt sich auch noch heraus: Eine Mitarbeiterin des Sozialministeriums soll Akten manipuliert und E-Mails gelöscht haben, um den Skandal zu vertuschen.


FOCUS ONLINE

  • Erniedrigende Strafen in Mädchenheimen in Schleswig-Holstein
  • Zwei der Heime sind jetzt geschlossen worden
  • Zwei Staatsanwaltschaften ermitteln

Gezielter Schlafentzug, Isolationshaft, Erniedrigungen, Kollektivstrafen – was klingt wie der Alltag in einem nordkoreanischen Straflager, hat sich bis vor kurzem in Mädchenheimen des Betreibers „Friesenhof“ in Schleswig-Holstein zugetragen. Zwei Heime für Mädchen mit schweren psychischen Problemen oder kriminellem Hintergrund wurden Anfang Juni geschlossen, nachdem es immer mehr Berichte über die Schikanen der Heimbetreuer gab. Mittlerweile ermitteln zwei Staatsanwaltschaften – unter anderem gegen einen Betreuer, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird.

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“Charlie Hebdo”-Ausstellung startet im Internet

Die Online-Schau umfasst Karikaturen aus 250 Heften. Am 7. Jänner hatten radikale Islamisten in der Redaktion des Satire-Blatts zwölf Menschen erschossen.


Die Presse

charlie_hebdo_2Rund ein halbes Jahr nach dem Terror-Anschlag auf die Redaktion von “Charlie Hebdo” startet eine Online-Ausstellung über das französische Satiremagazin. Für das Projekt haben sich vier Karikaturmuseen aus Hannover, Frankfurt am Main, Kassel und Basel zusammengetan. Es gehe darum, die getöteten Zeichner und deren Themen vorzustellen, sagte die Direktorin des Museums Wilhelm Busch, Gisela Vetter-Liebenow.

Bei dem Attentat auf “Charlie Hebdo” am 7. Jänner hatten Islamisten zwölf Menschen erschossen. Die traumatisierten Redaktionsmitglieder kämpfen seither um ihren Kurs. Der bekannteste überlebende Zeichner Luz kündigte vor kurzem seinen Ausstieg an. Während der Vorbereitung des Projekts standen die deutschen Museen im Kontakt mit der Redaktion von “Charlie Hebdo”. Vetter-Liebenow sagte: “Sie haben versucht, es zu unterstützen, so weit es ihnen in dieser Ausnahmesituation möglich ist.” Eine große Riege von Karikaturisten sei ausgelöscht. “Die Zeichner fehlen.”

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Die Präsentation ist ab 3. Juli auf der Seite www.museen-fuer-satire.com abrufbar.

Abgeordnete ringen um Positionen in Sterbehilfe-Debatte

Die Sterbehilfe-Debatte im Bundestag wird konkret. Am Donnerstag hat das Parlament erstmals die Gruppenanträge beraten. Für einen Entwurf gegen organisierte Suizidbeihilfe zeichnet sich weiter eine Mehrheit ab. Entschieden ist aber noch nichts.


evangelisch.de

todesspritzeIn einer emotionalen, teils erregten Debatte hat sich der Bundestag am Donnerstag mit den Vorschlägen zur Neuregelung der Suizidbeihilfe befasst. Gegner und Befürworter einer organisierten oder ärztlichen Hilfe bei der Selbsttötung warben in einer knapp dreistündigen Debatte um ihre Positionen. Kerstin Griese (SPD), deren Gruppe für ein Verbot der umstrittenen Sterbehilfevereine eintritt, sagte, sie halte ein solches Geschäftsmodell für ethisch nicht tragbar. Sie wolle “keine Hilfe zum Sterben, sondern beim Sterben”, sagte sie. Peter Hintze (CDU) warb um sein Vorhaben, Ärzten die Hilfe beim Suizid zu erlauben. “Leiden ist immer sinnlos”, sagte er.

Den Parlamentariern liegen insgesamt vier Gruppenanträge vor, die größtenteils auf einen Umgang mit Vereinen und Einzelpersonen zielen, die organisiert Hilfe zum Suizid anbieten. Diese Hilfe, die etwa geleistet wird, wenn todbringende Medikamente überlassen werden, ist in Deutschland nicht strafbar.

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»Du Jude!«

Woher kommen Vorurteile und Hass in den Schulen – und was kann dagegen getan werden?


Von Mike Samuel Delberg|Jüdische Allgemeine

Bild: bb
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Wie stellt ihr euch einen Juden vor?« Mit dieser Frage eröffne ich meist den »jüdischen« Teil meiner interreligiösen Workshops an Berliner Oberschulen. Die Reaktionen sind verhalten, fast schüchtern. Nach einigem Herumdrucksen peinlich berührter junger Mädchen und Kommentaren wie »Die essen doch koscher«, will ich aber auf den Punkt kommen: »So Freunde, Tacheles! Sagt einfach, was euch wirklich auf der Zunge liegt!«

Jetzt geht es los: »Geld, Holocaust, Rothschild, Kontrolle der Medien, lange Bärte, große Nasen, Sex durch ein Tuch mit Löchlein, Adolf Hitlers Oma war jüdisch, Illuminati, illegale Besatzung und Israel«. Rumms! Es ist raus! Nach diesem für die Schüler selbst überraschend offenen Ausstoß an Meinungsbildern kehrt plötzlich wieder die gleiche peinliche Stille wie am Anfang ein, und eine große, deutlich in den Gesichtern vieler Schüler ablesbare Frage schwebt im Raum: »Habe ich gerade etwas Falsches gesagt?«

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