Kirchenkritiker veranstalten „Ketzertag Dortmund 2019“

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Am Mittwoch beginnt in Dortmund der Evangelische Kirchentag. Doch die Christen bekommen Konkurrenz, denn zeitgleich findet auch der „Ketzertag Dortmund 2019“ statt, der das Thema Religion sowie die staatliche Privilegierung der Kirchen kritisch beleuchten wird

Daniela Wakonigg | hpd.de

Im vergangenen Jahr fand anlässlich des Katholikentags in Münster mit dem Ketzertag Münster 2018 der erste deutsche Ketzertag statt. Mit religions- und kirchenkritischen Veranstaltungen setzte er dem staatlich finanzierten christlichen Großevent eine deutliche säkulare Stimme entgegen.

Nach dem Erfolg im letzten Jahr wird es nun auch in diesem Jahr einen Ketzertag parallel zum alljährlichen Kirchentagsevent geben: den Ketzertag Dortmund 2019. Veranstaltet wird er von der säkularen Vereinigung Religionsfrei im Revier, dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) e. V. sowie der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs). Der Ketzertag Dortmund 2019 richtet sich primär gegen die Privilegierung der Kirchen durch den Staat, die umfangreiche Finanzierung sowie die privilegierte Behandlung im Arbeits- und Steuerrecht, er kritisiert jedoch auch Religion und Kirche selbst.

„‚Ketzer‘ sind Menschen, die sich weigern, die kirchliche Lehre als Wahrheit anzuerkennen. Dafür gibt es gute Gründe, die auf dieser 4-tägigen Veranstaltungsreihe vorgestellt und diskutiert werden sollen“, heißt es auf der Webseite des Ketzertags. „Das Wort Ketzer leitet sich ab von den ‚Katharern‘, innerkirchlichen Kritikern, die den Glauben reformieren wollten. Die mitwirkenden religionsfreien Referent*innen sind jedoch – ganz im Sinne der veranstaltenden Organisationen – der Auffassung, dass die Kirche ein grundsätzliches Problem für die moderne und aufgeklärte Gesellschaft darstellt. So kommt der Ketzertag ohne übersinnliche Erscheinungen aus und stellt die „natürliche Gegenveranstaltung“ zum Kirchentag dar!“

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Autor Niko Alm über Kirche und Staat: „Alle Religionen sind menschengemachte Ideologien“

Der Autor Niko Alm trägt auf seinem Führerschein ein Nudelsieb auf dem Kopf – er ist Anhänger der Bewegung des Fliegenden…Foto: dpa
Wird mit Religion Politik gemacht? Autor Niko Alm, der leidenschaftliche Streiter für den Laizismus, fährt schwere Geschütze auf. Eine Buchkritik.

Von Malte Lehming | DER TAGESSPIEGEL

Wer denkt öfter über Gott nach – der Gläubige oder der Atheist? Die Frage ist schwer zu beantworten. Jemand kann sein Leben einer höheren Macht widmen oder dem Kampf gegen die Behauptung, dass es eine höhere Macht gibt.

In die zweite Kategorie fällt Niko Alm, 44-jähriger Österreicher und ehemaliger Politiker. Alm ist Gründer der Initiative gegen Kirchenprivilegien, Gründungsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung in Österreich, bekennender Atheist und „Pastafari“, wie sich die Anhänger der religionsparodistischen Bewegung des Fliegenden Spaghettimonsters nennen, und seit acht Jahren der Vorsitzende des Zentralrats der Konfessionsfreien. Sein Buch „Ohne Bekenntnis“ ist ein flammendes Plädoyer für eine strikte Trennung von Kirche und Staat nach dem Vorbild der französischen Laizität.

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Berliner Katholiken diskutieren mit Atheisten über Gott: Keine Chance im hippen Berlin?

Bild. Global Atheist
Christen präsentieren sich oft als geschlossene Gesellschaft. Dagegen will der Berliner Erzbischof Heiner Koch angehen. Ein „Symposium“ auch mit kirchenkritischen Gästen offenbarte viele ganz unterschiedliche Einsichten.

DOMRADIO.DE

„Gott hatte seine Chance bei mir“, ließ Philipp Möller seine Zuhörer wissen. Doch der Allmächtige hat sie offenbar nicht genutzt. Unter dem Titel „Gottlos glücklich“ hat Möller auch in einem Buch bereits ausgeführt, „warum wir ohne Religion besser dran wären“.

Es war für fromme Christen der stärkste Tobak, der am Wochenende bei einer Veranstaltung des Erzbistums Berlin geboten wurde. Zur Frage „Heute von Gott reden?“ hatte Erzbischof Heiner Koch eingeladen zum „Versuch, einen Gesprächsfaden zu knüpfen und auch nichtkirchlichen Sichtweisen Raum zu geben“. Das Angebot traf offenbar einen Nerv, schon früh waren alle Plätze ausgebucht. Auf die Podien kamen auch Gäste, die bei solchen Veranstaltungen sonst nicht anzutreffen sind.

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Die Säkulare Flüchtlingshilfe stellt sich vor

Der gemeinnützige Verein finanziert seine Arbeit ausschließlich über Zuwendungen. Spenden sind daher sehr willkommen.

Richard-Dawkins-Foundation

An die Säkulare Flüchtlingshilfe wenden sich Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, weil sie wegen ihres Abfalls von der Religion in ihren Herkunftsländern in ihrer Freiheit oder des Lebens bedroht sind. Es handelt sich zurzeit ausschließlich um Ex-Muslime, deren Glaubensabfall in vielen Gesellschaften ein todeswürdiges Vergehen ist.

Hier angekommen, machen sie die Erfahrung, dass sie in Unterkünften mit Menschen zusammenleben, vor denen sie im Prinzip gerade geflohen sind.

Auch gibt es für Asylsuchende eine gesetzliche Wohnsitzauflage, die sie dazu zwingt, 3 Jahre nach Anerkennung des Asyls in der Region der ersten Unterbringung zu bleiben. Bedrohlicher ist dabei jedoch, dass fast alle in der Region als Ex-Muslime/Atheisten identifiziert werden, so dass ihre Familien, von denen sie verfolgt werden, oder die Botschaft ihres Herkunftslandes über ihren Aufenthaltsort genau informiert sind.

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https://www.facebook.com/atheistenhelfen

https://atheist-refugees.com/

Religionskritik: Kein Appeasement mit dem Islamismus

Kritischer Muslim: der deutsch-ägyptische Schriftsteller und Politologe Hamed Abdel-Samad Bild: dpa
Ist es rassistisch, den Islam zu kritisieren? Nein, meint der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad. Er verteidigt auf einer Konferenz an der Goethe-Uni in Frankfurt seine Freiheit auf Kritik.

Von Theresa Weiß | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Damit Hamad Abdel-Samad frei sprechen kann, stehen sechs Personenschützer vor dem Konferenzraum des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“ der Goethe-Uni. Der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler ist Muslim und kritisiert den Islam: „Der Islam will von der deutschen Aufklärung profitieren, weigert sich aber, Teil dieses Prozesses zu werden.“  Auch wollen religiös-politische Gruppen Kritiker mundtot machen und somit ihren Einfluss auf die Politik ausbauen. Abdel-Samad  ist überzeugt, dass sich immer weniger Deutsche trauen, Kritisches über den Islam zu sagen, weil sie sofort den Vorwurf bekommen, rassistisch zu sein. Solche Aussagen provozieren. Doch wo, wenn nicht an der Universität solle kontrovers diskutiert werden, fragt er.

Abdel-Samad ist nicht allein. Wer sich kritisch zum Islam positioniert, sieht sich in Deutschland Bedrohungen ausgesetzt. Ein Frankfurter Beispiel aus jüngster Zeit: Zehn Menschen gehören zur „Initiative Säkularer Islam“, einer Gruppe aus Wissenschaftlern und Publizisten, die über den Islam diskutieren will und ein totalitäres Verständnis von Religion ablehnt. Vier davon müssen inzwischen von Personenschützern bewacht werden. „Weil sie auf der Abschussliste von irgendwelchen Radikalen stehen“, sagt Susanne Schröter. Die Professorin der Goethe-Universität und Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ will die kritische Auseinandersetzung mit der Religion vorantreiben. Auch darum hat sie zur Konferenz „Säkularer Islam und Islamismuskritik“ eingeladen, auf der auch Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Theologie in Münster, sprechen.

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Das Internet bietet Marokkos Atheisten eine Heimat

Atheismus ist kein neues Phänomen in der islamischen Welt. Doch mit der Etablierung der sozialen Netzwerke bietet sich einer Vielzahl von jungen Arabern der Raum, öffentlich über ihre eigene Abkehr vom Glauben zu sprechen und Religion zu kritisieren. Das gilt insbesondere für den Islam, dem viele dieser jungen Menschen zuvor angehörten.
Das Internet ermöglicht es nicht nur, sich zum Atheismus zu bekennen, sondern auch mittels Kritik an Religion im Allgemeinen und dem Islam im Speziellen atheistische Überzeugungen in die Diskussion einzubringen und zu stärken. Ismail Azzam sprach mit jungen Marokkanern, die sich vom Islam abgewendet haben.

Ismail Azzam | Qantara.de

Atheismus ist kein neues Phänomen in der islamischen Welt: Bereits in den vergangenen Jahrhunderten bekannten sich verschiedene wichtige Persönlichkeiten in der Region zum Atheismus. Aber mit der Etablierung der sozialen Netzwerke bietet sich einer Vielzahl von jungen Marokkanern der Raum, öffentlich über ihre eigene Abkehr vom Glauben zu sprechen und Religion zu kritisieren. Das gilt insbesondere für den Islam, dem viele dieser jungen Menschen zuvor angehörten.

„Paltalk“ war das erste Medium, auf dem der Aktivist mit dem Pseudonym Hisham Nousteek über Atheismus sprach. Später wechselte er dann zur Videoplattform YouTube, über die er mittlerweile auf verschiedenen Kanälen Videos zum Thema Religion verbreitet. Darüber hinaus betreibt er eine eigene Webseite und ist auch auf seiner Facebook-Seite weiterhin sehr aktiv. Als erster Atheist Marokkos hat er zudem ein gedrucktes Buch veröffentlicht: In „Memoiren eines Ungläubigen“ schildert er im marokkanischen Dialekt seinen Weg vom Glauben zum Atheismus.

„Ein marokkanischer Ungläubiger“

„Das Internet hat unser Leben grundlegend verändert. Das hat sich auch auf unsere Überzeugungen ausgewirkt und die Art, wie wir sie thematisieren, geändert. Es war der ausschlaggebende Faktor für mich, mit meiner Kritik an Religion und meiner Abkehr vom Glauben an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf einmal konnte ich ganz einfach und problemlos mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten“, sagt Nousteek im Gespräch mit Qantara.de. In seinen Worten spiegelt sich die weit verbreitete Idee, dass durch die sozialen Netzwerke und die Möglichkeit, öffentlich und ohne Tabus zu diskutieren, eine große Anzahl von Muslimen zu Atheisten werden könnte.

Die Verbreitung atheistischen Denkens über die sozialen Netzwerke ist jedoch nicht die einzige Veränderung, die das Internet mit sich gebracht hat: „Dank des Internets stehen den Menschen heutzutage Informationen und Quellen zur Verfügung, die es früher nur in teuren Büchern gab. Dadurch begannen viele zu hinterfragen, was sie als Kinder zu glauben gelernt haben“, erklärt Nousteek.

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Kutschera übt Selbstkritik – ohne seine Thesen zu revidieren

Evolutionsbiologe Prof. Kutschera: „Als ich mit Ihnen damals das beanstandete Interview zur ‚Ehe für alle‘ führte, konnte ich nicht erahnen, welch heftige Reaktionen folgen würden.“

kath.net

Am 5. Juli 2017 wurde auf kath.net ein Interview mit dem Evolutionsbiologen Prof. Dr. Ulrich Kutschera unter dem Titel „Ehe für alle? ‚Diese widersinnige Entscheidung überrascht mich nicht‘“ publiziert. Es folgte eine ungewöhnlich ungewöhnliche Medienresonanz, wobei bei uns fast alle Kommentare positiv ausfielen. Am 5. Juli 2019 fand im Kasseler Amtsgericht ein Prozess gegen den umstrittenen Biologen statt – als Anschuldigungen wurden „Volksverhetzung und Fahrerflucht“ genannt. Wir befragten Prof. Kutschera auf Grundlage der Medienberichte zur aktuellen Situation.

kath.net: Herr Prof. Kutschera, in den deutschen Medien sind Sie im Moment in den Schlagzeilen. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation bezüglich unseres Online-Mediums?

Prof. Kutschera: Als ich mit Ihnen damals das beanstandete Interview zur „Ehe für alle“ führte, konnte ich nicht erahnen, welch heftige Reaktionen folgen würden.

Zunächst einmal, weil ich als Biologe Probleme erforsche, für die sich die Allgemeinbevölkerung wenig interessiert, zum anderen, weil ich die Reichweite von kath.net unterschätzt hatte. Ich finde es großartig, dass Sie, als gläubige Katholiken, einem „bekennenden Atheisten“ wie mir, der schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten ist, ein Forum bieten. So sollte ein demokratisch-divers organisiertes Miteinander funktionieren: Man respektiert die unterschiedlichen Standpunkte und diskutiert sie ergebnisoffen-undogmatisch aus.

Zum aktuellen Fall: Nach derzeitigem Stand liegen zehn Medienberichte vor, von unterschiedlicher Qualität.

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Skeptiker-Konferenz: Mondlandung ein Fake? Wissenschaftler entkräften Verschwörungstheorien

Ist der Mann auf dem Mond nur eine Fälschung? Wissenschaftler wie der Kernphysiker Holm Hümler versuchen, solche Verschwörungstheorien zu widerlegen. Bild: nasa.dpa
Verschwörungstheorien werden immer beliebter. Bei der „Skepkon“ treffen sich Wissenschaftler, die solche Mythen entkräften wollen. Was hilft gegen Panikmache?

Von Veronika Lintner | Augsburger Allgemeine

Falls noch in diesem Jahr der Vesuv explodieren sollte, magnetische Pole und Erdplatten sich ruckartig verschieben, der Planet kippt und Menschen millionenfach ins Unglück stürzen – dann hatte die Apokalyptikerin Rose Stern wohl doch recht. Aber: „Das ist alles sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich“, sagt die Geowissenschaftlerin Lydia Baumann. Die junge Doktorandin aus Hamburg steht in Augsburg auf der Bühne, vor fachkundigem Publikum. Geduldig, mit Diagrammen und Karten, widerlegt sie die Untergangstheorie, die Stern eben noch in einem Interviewclip auf der Leinwand des Saals verkündet hatte.

Magnetische Polwanderungen sind normal, erklärt Baumann. Sie geschehen, wenn es schnell geht, innerhalb von mehreren hundert Jahren – oder aber binnen Jahrmillionen. Und die Folgen für die Menschheit? Höchstens kleine Funkstörungen in unserer digitalen Infrastruktur. Die Apokalypse ist abgesagt. Und die „Skepkon“ hat soeben begonnen.

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„Staat diskriminiert die Haltung von Millionen Menschen“ – Stiftung will weniger Macht der Kirchen

Im Düsseldorfer Landgericht wurden die Kreuze bereits 2010 abgehängt. Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung fordert eine klare Trennung von Staat und Kirche ©Udo Ungar, Martin Gerten / DPA Picture Alliance
Eine strikte Trennung von Staat und Kirche – das fordert die Giordano-Bruno-Stiftung. Im stern-Interview erklärt der Vorstandssprecher, warum er einen weltanschaulich neutralen Staat für unverzichtbar hält – für Gläubige wie Nichtgläubige.

Daniel Wüstenberg | stern.de

Michael Schmidt-Salomon ist in diesen Tagen viel auf der Autobahn unterwegs: Berlin, Rostock, Schwerin und Hannover hießen die bisherigen Stationen. Es folgen bis Ende Mai Bremen, Köln, Karlsruhe, München und rund 20 weitere Städte. Jetzt ist aber erst einmal Hamburg dran. Am Jungfernstieg im Zentrum der Hansestadt sitzt er nun im Oberdeck eines roten Doppeldeckers. „Kirchenstaat? Nein Danke“, steht in großen Buchstaben auf der Außenwand – das Gefährt ist ein Hingucker.

Die Giordano-Bruno-Stiftung, deren Vorstandssprecher der 51-jährige Autor und Philosoph ist, will Aufmerksamkeit. Sie tourt während ihrer „Sakulären Buskampagne 2019“ noch bis Ende Mai durch ganz Deutschland, um für ihre Ziele zu werben: „Die konsequente Trennung von Staat und Kirche sowie die strikte Beachtung des Verfassungsgebotes der weltanschaulichen Neutralität des Staates.“ (Hier geht’s zur Homepage der Kampagne mit den Terminen der Deutschland-Tour.)

stern: Herr Schmidt-Salomon, was haben Sie gegen die Kirche?

Michael Schmidt-Salomon: Unsere Kampagne richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Kirche. Wir werben für einen weltanschaulich neutralen Staat. Dafür können auch gläubige Menschen eintreten. Aus unserer Sicht wird ein weltanschaulich neutraler Staat mit Blick auf die Zukunft immer wichtiger.

Was bringt Sie zu diesem Schluss?

Wir erleben eine Pluralisierung und eine Säkularisierung unserer Gesellschaft. In diesem Umfeld muss der Staat als unparteiischer Schiedsrichter auf dem Spielfeld der Religionen und Weltanschauungen auftreten. Denn nur dann kann er glaubwürdig Regeln, die für alle gelten, durchsetzen. Zurzeit werden zum Beispiel Muslimen Rechte verwehrt, die Protestanten und Katholiken gewährt werden. Das ist ein großes Problem.

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Schmidt-Salomon: „Der Staat braucht keine religiösen Dogmen“

Michael Schmidt-Salomon Quelle: Udo UngarDiplom-Designer
Die religionskritische Giordano-Bruno-Stiftung kämpft für eine strikte Trennung von Staat und Kirche. Finanziell seien diese noch immer eng verflochten, moniert ihr Sprecher Michael Schmidt-Salomon.

Von Simon Benne | Hannoversche Allgemeine

Herr Schmidt-Salomon, derzeit tingeln Sie mit einem Bus durch Deutschland, um im Rahmen einer großangelegten Kampagne Menschen zum Atheismus zu bekehren. Woher rührt der missionarische Eifer?

Es ist keine atheistische Kampagne. Wir sind nicht gegen Religion, sondern für einen weltanschaulich neutralen Staat. Dafür können sich auch gläubige Menschen einsetzen. Schon 1919 wurde in der Weimarer Reichsverfassung die Trennung von Staat und Kirche verankert. Doch bis heute sind beide finanziell eng verflochten. Der Staat zahlt zum Beispiel der Gehälter von Bischöfen. Hundert Jahre Verfassungsbruch sind genug!

Auch jemand, der selbst nie ins Schwimmbad geht, finanziert als Steuerzahler den Bau von Bädern mit. Was ist an der Bischofsbesoldung so schlimm?

Das ist eine ganz andere Frage. Laut Bundesverfassungsgericht kann nur ein Staat, der keine Religionsgemeinschaft privilegiert, Heimstatt aller Bürger sein.

Sie beklagen auf ihrer Website eine „verfassungswidrige Diskriminierung religionsfreier Menschen“. Welche dunklen Mächte diskriminieren Sie denn? Leben wir nicht in einem freien Land?

Unsere Gesetze sind von der Wiege bis zur Bahre von religiösen Normen mitbestimmt. Vom Embryonenschutz bis zum Friedhofszwang. Ein weltanschaulich neutraler Staat darf sich jedoch nicht von religiösen Dogmen leiten lassen. Doch es gibt Zwangsberatungen vor Abtreibungen, und Sterbehilferegelungen, die sich an kirchlichen Normen ausrichten.

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Richard Dawkins unterstützt die Säkulare Buskampagne 2019

Bild: RDF
Das Motto 2019: Schlussmachen Jetzt!

Richard-Dawkins-Foundation

Ende 2008 wurde in Großbritannien die „Atheist Bus Campaign“ von der Journalistin Ariane Sherine ins Leben gerufen. Dabei wurden auf Londoner Bussen Werbeflächen gemietet, auf denen das Motto der Kampagne verbreitet wurde:

There´s probably no god. Now stop worrying and enjoy your life.

Dieser Slogan ergab sich als Reaktion auf die Werbung evangelikaler Vereinigungen in Großbritannien, deren „frohen“ Botschaften als Werbung auf Bussen zu sehen war.

Die Aktion wurde von Richard Dawkins unterstützt. Auch dadurch konnten genug Spenden zur Finanzierung der Werbeflächen gesammelt werden.

Die britische Kampagne inspirierte im Frühjahr 2009 die erste deutsche Säkulare Buskampagne, die u. a. von Carsten Frerk und Philip Möller organisiert wurde. Der Slogan folgte dabei dem britischen Vorbild und lautete:

Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott.

Da die Verkehrsbetriebe verschiedenen deutscher Großstädte wie Berlin, München, Köln und Bremen die Vermietung von Werbeflächen teils mit dem Hinweis auf die weltanschauliche Neutralität ablehnten (wiewohl religiöse Werbung scheinbar kein Problem war), entschloss man sich, einen Bus zu mieten und eine Tour durch Deutschland zu planen. So reiste dieser Bus ab dem 30. Mai 2009 drei Wochen lang durch Deutschland und machte in 24 Städten halt. Durch die Weigerung der Verkehrsbetriebe erlangte die Kampagne eine hohe Aufmerksamkeit in den Medien und der Bevölkerung.

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Die Kirche stirbt – haltet sie nicht künstlich am Leben!

Image: Louis Berk/CC BY-ND 2.0
Bis zum Jahr 2060 werden die beiden Großkirchen in Deutschland gegenüber heute ihre Mitgliedszahlen halbieren. Das sagt eine aktuelle Prognose von Forschern der Universität Freiburg. Der Staat jedoch bedenkt die Kirchen weiterhin großzügig mit Geldern. Er sollte damit aufhören. Auch um das Sterben der Kirchen nicht länger herauszuzögern.

Von Daniela Wakonigg | hpd.de

Dass die beiden christlichen Großkirchen in Deutschland im Sterben liegen, darüber lässt die jüngst veröffentlichte Prognose vom „Forschungszentrum Generationenverträge“ an der Universität Freiburg wenig Zweifel aufkommen: Nachdem die Kirchen in Deutschland bereits in den letzten Jahrzehnten mitgliedertechnisch massiv ausgeblutet sind, werden bis zum Jahr 2060 die Kirchenmitgliedszahlen voraussichtlich um weitere 49 Prozent sinken – und mit ihnen die Kirchensteuereinnahmen. Grund hierfür sei, so die Forscher, zum einen die demografische Entwicklung – es sterben wesentlich mehr alte Kirchenmitglieder als junge per Taufe aufgenommen werden – vor allem aber die Tatsache, dass die Kirche junge Erwachsene einfach nicht an sich binden kann. Sie treten aus. Missbrauchs- und Finanzskandale beschleunigen diesen Trend.

Die Kirche in Deutschland stirbt also. Doch sie will es nicht wahrhaben. Die Verleugnungsphase. Eine verständliche Reaktion. Wer blickt dem eigenen Untergang schon gern ins Auge? Warum sollte sie auch? Schließlich spürt sie den Schmerz ihres Vergehens dank der staatlichen Palliativversorgung mit hohen Dosen an Finanzmitteln kaum. Ganz zu schweigen vom Mitspracherecht, das die Politik der Kirche in vielen Bereichen einräumt. Kein Wunder, dass sie sich deshalb selbst für unverzichtbar hält und davon überzeugt ist, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: nämlich, dass sie aufhört zu sein.

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Unglaube als Asylgrund? Die Säkulare Flüchtlingshilfe in Bayern

Bild, BR24
Kann das Nicht-Glauben an Gott ein Asylgrund sein? Der Bund für Geistesfreiheit sagt ja und hat in München eine Zweigstelle der „Säkularen Flüchtlingshilfe“ gegründet. Diese richtet sich mit ihren Angeboten hauptsächlich an atheistische Flüchtlinge.

Antje Dechert | BR24

Säkulare Flüchtlinge aus Ländern wie Saudi-Arabien, Iran oder Mauretanien fliehen weder vor Krieg, noch vor wirtschaftlichem Elend. Sie fliehen, weil sie in ihren Heimatländern wegen Apostasie – dem „Abfall vom Glauben“ – verfolgt werden. Anders als Christen, Jesiden oder Juden gelten sie in Deutschland aber nicht als religiös Verfolgte, weil sie keiner Religion angehören.

Hilfe für Flüchtlinge, die wegen Apostasie verfolgt werden

Der Bund für Geistesfreiheit beteiligt sich daher in München an der „Säkularen Flüchtlingshilfe“. Diese richtet sich mit ihren Hilfsangeboten hauptsächlich an säkulare und atheistische Flüchtlinge aus muslimischen Ländern, in deren Heimat Apostasie zum Verfolgungsgrund wird.

Eine säkulare Flüchtlingshilfe sei notwendig, so der Bund für Geistesfreiheit, da in normalen Flüchtlingsunterkünften atheistische Flüchtlinge von religiösen Muslimen häufig bedroht und angegriffen würden.

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Dr. Michael Shermer — “Are the Miracles of Jesus Unbelievable?” Debate Postmortem

In this AMA special Dr. Shermer conducts a postmortem on his debate with the evangelical Christian theologian Luuk van de Weghe, with Windmill Ministries, before an audience of about 400 people, the vast majority of which were evangelicals.

Skeptic „Science Salon“

Dr. Shermer argues in the affirmative to the debate proposition that the miracles of Jesus are unbelievable. In this postmortem Dr. Shermer elaborates on his notes for the debate, suggesting ways to think about miracles from a scientific or naturalistic perspective.

Säkulare Buskampagne

Atheistisch-laizistische Akteure haben für 2019 eine „Säkulare Buskampagne“ angekündigt. Das Motto der Initiative lautet „Kirchenstaat? Nein Danke.“ Sie wird von der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) in Kooperation mit dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) sowie dem Humanistischen Pressedienst (hpd) durchgeführt.

Dr. Hanna Fülling | EZW

Die Kampagne zielt darauf ab, vermeintliche „Kirchen-Privilegien“ abzuschaffen. Als Kirchen-Privilegien werden etwa Rechte bezeichnet, die sich aus der Organisationsform als selbstständigem Verwaltungsträger des öffentlichen Rechts, dem Körperschaftsstatus, ergeben. Doch plädieren die Initiatoren auch dafür, den christlichen Einfluss auf ethische Debatten wie er sich am Beispiel von Schwangerschaftsabbrüchen und Sterbehilfe manifestiere, zurückzudrängen. Es scheint der Kampagne also nicht nur daran gelegen, die sogenannte hinkende Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften durch laizistische Impulse zu verändern, sondern auch die Einflussnahme von religiös fundierten Argumentationen und Wertebindungen aus dem politischen Raum zurückzuweisen.

Der Zeitpunkt der Kampagne ist bewusst gewählt, denn 2019 finden zwei wichtige Jubiläen in Deutschland statt: 100 Jahre Weimarer Reichsverfassung – aus der wesentliche Religionsartikel in das Grundgesetz inkorporiert wurden – sowie 70 Jahre Grundgesetz. Mit der Buskampagne möchten die Initiatoren „die Politikerinnen und Politiker aus ihrer religiösen Filterblase […] befreien“. Sie verstehen die Kampagne als Aufklärung der unaufgeklärten Geister. Allerdings macht der Vorstandssprecher der gbs Michael Schmidt-Salomon mit einem augenzwinkernden Verweis auf Karl Marx deutlich, dass es der Kampagne nicht nur um Bewusstseinsbildung geht, sondern dass eine Neuordnung der Verhältnisse angestrebt wird.

Die Kampagne ist nicht die erste dieser Art. Bereits vor zehn Jahren gab es eine Initiative, in der Busse unter dem Motto „Gottlos glücklich“ durch Deutschland fuhren. Die Veranstalter erklären sich mit dem Ergebnis von 2009 sehr zufrieden, da inzwischen in der Gesellschaft angekommen sei, dass es keinen Gott für ein sinnerfülltes Leben brauche. Sie möchten an diese Wirkung anknüpfen und auch 2019 Menschen von ihrer religionskritischen Botschaft überzeugen.

Die Deutsche Bahn hat den Initiatoren untersagt, Großplakate zur Bewerbung der Kampagne aufzuhängen, da sie ihr fehlende Neutralität attestiert. Die Initiatoren können das Argument nicht nachvollziehen. Sie verstehen ihre Botschaft gegen den Einfluss von Kirche und Religion im politischen und öffentlichen Raum nicht als eigene Weltanschauung, sondern als Neutralitätsimpuls.

Die Neutralität ist ein umkämpftes Prinzip, das wird daran einmal mehr deutlich. Sie sollte als kritisch-normatives Prinzip verstanden werden, durch das bestehende Ungerechtigkeiten aufgezeigt und Veränderungen angeregt werden. Sie darf jedoch nicht als Argument verwendet werden, um eine eigene Weltanschauung zur Doktrin zu erheben.

Ist die Evolutionsbiologie eine Naturwissenschaft?

HP, screenshot:bb
In einer Zeit, in der fragwürdige oder gar falsche Behauptungen mit der beschönigenden Formulierung „alternative Fakten“ geadelt werden, haben es wissenschaftliche Erkenntnisse schwer. Rund 20 Prozent der Deutschen glauben, „alternative Heilmethoden“ hülfen im Krankheitsfall besser als die sogenannte „Schulmedizin“.

Von Martin Neukamm | AG Evolutionsbiologie

Ebenfalls ein Fünftel der Deutschen zweifelt an den Forschungs-Ergebnissen zum menschengemachten Klimawandel. Und auch der Anteil derer, die meinen, der Glaube an eine Schöpfung wäre ein vernünftiger Alternativentwurf zur wissenschaftlich abgesicherten Evolutionstheorie, liegt seit Jahren um 20 Prozent.

In Deutschland stellt vor allem die religiöse Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN die Evolutionstheorie lautstark infrage. Ihr Ziel ist es, die Tür der Wissenschaft für „Intelligent Design“ und Supranaturalismus zu öffnen. Jüngstes Beispiel ist eine Schrift aus der Feder ihres Geschäftsführers Reinhard JUNKER. Darin behauptet der Autor, die Evolutionstheorie sei als Ganzes nicht naturwissenschaftlich (JUNKER 2018). Er begründet dies etwa damit, dass das Formulieren von Gesetzen unmöglich sei, wo es um Makroevolution gehe. So böten Evolutionstheorien in Bezug auf evolutive Neuerungen keine Vorhersagen und Erklärungen an, die dem klassischen Schema nach HEMPEL & OPPENHEIM genügten.

Auch die moderne Version, die „erweiterte evolutionäre Synthese (EES)“, erkläre die Herkunft biotischer Innovationen nach JUNKERs Ansicht nicht. Da es unmöglich sei, „Evolution durch eine naturwissenschaftliche Theorie zu beschreiben“, könne „die Infragestellung einer allgemeinen Evolution sich auch nicht gegen die Naturwissenschaft wenden“ (S. 2). Makroevolution sei lediglich eine „konzeptionelle Vorgabe“, ein „Rahmen“, in dem die Biologen „Szenarien evolutiver Abfolgen“ entwickelten. Dieser Rahmen ergäbe sich „nicht zwingend aus naturwissenschaftlichen Befunden und Hypothesen“, sondern beruhe auf einer „Konvention“ der Wissenschaftler-Gemeinde. Im Klartext: Die Evolutionstheorie sei nicht alternativlos, sondern lasse sich genauso gut durch einen Schöpfungsrahmen ersetzen.

Da solche Aussagen oft Verwirrung stiften, wollen wir uns JUNKERs Argumentation genauer ansehen und prüfen, was von ihr zu halten ist.

1. Das HEMPEL-OPPENHEIM-Schema der Erklärung

JUNKER argumentiert wie folgt:

„Naturwissenschaftliche Theorien beschreiben Gesetzmäßigkeiten, die in eine Wenn-Dann-Form gebracht werden können: Immer wenn die Gesetze G und die Randbedingungen R gegeben sind, folgt das Ergebnis E. Evolutionstheorien, die den Artenwandel erklären sollen, gelten zwar weithin als naturwissenschaftliche Theorien. Doch dies trifft nur in einem eingeschränkten Sinne im mikroevolutiven Bereich zu (Populationsgenetik). Wenn es um die Entstehung des evolutionär Neuen geht, sind Formulierungen von Gesetzen nicht möglich. Dies äußert sich unter anderem darin, dass keine Vorhersagen in Bezug auf das Auftreten von Neuheiten gemacht werden können“ (S. 1).

„Aussagen, die nicht in eine Wenn-Dann-Struktur gebracht werden können, können daher nicht mit dem Anspruch, naturwissenschaftlich begründet zu sein, präsentiert werden. … Die Wenn-Dann-Struktur spiegelt sich auch im Hempel-Oppenheim-Schema wieder (kurz: HO-Schema)“ (S. 4).

„POSER … schreibt in diesem Zusammenhang: ‚Das Deutungsschema der Evolutionstheorie zu akzeptieren, bedeutet eine Zumutung, denn es verlangt in Gestalt der spontanen Mutation, in Gestalt des unvorhersehbaren Neuen in jedem Anwendungsbereich die Anerkennung des Zufalls.‘ …Das hat Folgen für die Art der ‚Erklärung‘ des evolutiven Wandels. Eine Wenn-Dann-Struktur ist nicht möglich und das oben erwähnte HO-Schema nicht anwendbar. … ‚Die Deutungsleistung des Evolutionsschemas wird erkauft durch einen Verzicht hinsichtlich des Anspruchs, die Welt erklären zu können'“ (S. 8).

JUNKER ignoriert hier, dass das HO-Schema (auch deduktiv-nomologisches Modell genannt), wonach ein zu erklärender Sachverhalt unter ein allgemeines Gesetz subsumiert wird, längst keine aktuelle „Theorie“ der naturwissenschaftlichen Erklärung mehr darstellt. (Zur Kritik siehe beispielsweise SCRIVEN 1962; RAILTON 1978, S. 208; SALMON 1984, S. 121ff; O’SHAUGHNESSY 1992, S. 17–19; MACHAMER et al. 2000, 21f; WOODWARD 2003, S. 10 und 154–161; WRIGHT & BECHTEL 2007, S. 46ff.). Dies hat mehrere Gründe, von denen wir hier die zwei wichtigsten andiskutieren wollen.

Erstens erklärt die Wenn-Dann-Relation von Aussagen allein gar nichts. Das Gesetz von BOYLE & MARIOTTE beispielsweise erlaubt die Voraussage eines Gasvolumens, wenn Druck und Temperatur des Gases bekannt sind. Druck, Temperatur und Volumen von Gasen werden unter das allgemeine Gasgesetz subsumiert. Doch das Gesetz erklärt nicht, warum dieser Zusammenhang besteht. Erst die kinetische Gastheorie, die (auf der Atomtheorie fußend) einen Mechanismus der Molekül-Bewegung bereitstellt, liefert die Erklärung (O’SHAUGHNESSY 1992, S. 17; SPOHN 2012, S. 306).

Zweitens spielen bei fast allen Naturprozessen Zufälle und kontingente Randbedingungen eine Rolle. Konkrete Entwicklungs-Prognosen sind selten möglich, weil die dafür erforderlichen Randbedingungen oft unüberschaubar und daher nicht (genau) bekannt sind. Lediglich im idealisierten Experiment, in dem der Wissenschaftler definierte Randbedingungen herstellt, entsteht ein „geschützter kontingenzfreier Raum“ (LANG 2015, S. 54), der Vorhersagen ermöglicht. So sind Wissenschaftler nicht in der Lage, den Einsturz einer Brücke, die Entstehung eines neuen Super-Vulkans oder die Bildung eines Planetensystems zu prognostizieren. Doch das hindert sie nicht daran, derlei Ereignisse (ex post facto) zu erklären (SCRIVEN 1962).

Dass sich die Erklärung komplexer Prozesse dem deduktiv-nomologischen Modell entzieht, verdeutlicht die aktuelle Diskussion um die Gefahren einer höheren Feinstaub- und Stickoxid-Belastung: Luftschadstoffe oder Zigarettenrauch töten nicht unmittelbar wie ein Giftcocktail. Zufallsfaktoren wie somatische Mutationen, erbliche Vorbelastungen, Krankheiten, Essverhalten und Alkoholkonsum führen zu einer faktoriellen Vielfalt, welche die Ursachenanalyse stark erschwert. Simple Erklärungen nach dem HO-Schema sind so in der Praxis kaum möglich.

Hier versagt auch das induktiv-statistische Erklärungs-Modell (BECHTEL 1988, S. 38). So gibt es nicht nur keine eindeutige Relation: „Wenn jemand raucht, dann bekommt er Lungenkrebs“. Dass dies geschieht, ist auch nicht besonders wahrscheinlich. Zwar lässt sich eine höhere Inzidenz von Lungenkrebs bei Rauchern gegenüber ansonsten gleichen Randbedingungen bei Nichtrauchern nachweisen (Ceteris-paribus-Klausel). Doch ein kausaler Zusammenhang ist damit nicht aufgezeigt, geschweige eine Erklärung. Nur das Vorliegen eines plausiblen Mechanismus, der das zu erklärende Faktum (Lungenkrebs) mit dem zeitlich vorausgehenden Sachverhalt (Rauchen) in Zusammenhang bringt, liefert die Erklärung.

Es bleibt festzuhalten: Die naturwissenschaftliche Erklärung hängt nicht am deduktiv-nomologischen Modell. Nicht allein Gesetze haben erklärenden Charakter, sondern in der Regel sind es Mechanismen, die über das „Warum“ eines Sachverhalts Aufschluss geben (RAILTON 1978; MACHAMER et al. 2000, S. 21f; MAHNER & BUNGE 2000, Kap. 3.6.). Und in der Evolutionstheorie ist genügend Platz für Mechanismen, die das Potenzial haben, die Entstehung von Neuheiten und Komplexitäten zu erklären. JUNKERs Kritik an der Evolutionstheorie beruht somit auf obsoleten wissenschaftstheoretischen Auffassungen. Im Übrigen lassen sich mithilfe evolutionär relevanter Mechanismen durchaus prüfbare Vorhersagen aus der Evolutionstheorie ableiten. Die Bestätigung einer eindrucksvollen Prognose diskutiert KERENG (2010).

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„Spaghettimonster-Kirche“ beschwert sich beim Gerichtshof für Menschenrechte

Schild der FSM an der Vietmannsdorfer Straße in Templin. (Bild: pastafari.eu)
Kritik an Religion und Dogmatismus ist integraler Teil der humanistischen Weltanschauung. Darum und noch anderes geht es den Pastafari in ihrer Beschwerde.

Von Andreas Wilkens | heise online

Die „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e.V.“ (FSM) hat beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Beschwerde eingelegt. Sie werde in Deutschland diskriminiert, bringt sie mit Hilfe des Rechtsanwalts Winfried Rath vor. Unterstützt wird sie dabei von der Giordano Bruno Stiftung und dem Institut für Weltanschauungsrecht.

„Der Beschwerdeführer sieht sich selbst als Weltanschauungsgemeinschaft und möchte von seinem Recht auf Weltanschauungsfreiheit Gebrauch machen und seine weltanschaulichen Rituale praktizieren. Dieser Status wird ihm von deutschen Gerichten jedoch abgesprochen und die Ausübung seiner Weltanschauungsfreiheit in Teilen verweigert. Auch findet eine Diskriminierung gegenüber Religionsgemeinschaften im Bezug auf die Gewährung von Privilegien statt“, heißt es in einer Mitteilung der sich Pastafari nennenden Anhänger der Kirche.

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Schöner Streiten mit Christopher Hitchens

In den USA und Großbritannien bekannt wie ein Popstar: der 2011 verstorbene Religionskritiker und Journalist Christopher Hitchens. (picture alliance / dpa / Peter Foley)
Umstrittene Polemiken gegen jene, die Macht hatten und sie missbrauchten: Das Vermächtnis des 2011 verstorbenen britisch-amerikanischen Autors und scharfen Religionskritikers Christopher Hitchens ist auch ein Plädoyer für eine andere Debattenkultur.

Von Jana Wuttke | Deutschlandfunk Kultur

Unsere Redakteurin Jana Wuttke kann nachts manchmal nicht schlafen, dann schaut sie sich auf Youtube Videos an. In einer dieser Nächte stößt sie auf Videos von Auftritten des britisch-amerikanischen Journalisten Christopher Hitchens, der neben Sam Harris, Daniel Dennett und Richard Dawkins als Vertreter des „neuen Atheismus“ gilt. Sie beginnt eine imaginäre Diskussion mit dem 2011 verstorbenen Religionskritiker, der in der angelsächsischen Welt wie ein Popstar gefeiert wurde, in Deutschland aber kaum bekannt ist.

„Ich wurde in eine himmlische Diktatur hineingeboren, die ich mir nicht aussuchen konnte. Ich begebe mich nicht freiwillig unter ihre Herrschaft. Mir wird erklärt, dass sie mich sehen kann, wenn ich schlafe. Mir wird gesagt, – und das ist die Definition des Totalitarismus – dass sie mich für Verbrechen der Gedanken, für das, was ich denke, verurteilen und verdammen kann. Und dass, wenn ich etwas Gutes tue, dies nur tun würde, um dieser Bestrafung zu entgehen. Wenn ich dagegen etwas Falsches mache, werde ich nicht nur unabwendbar zu meinen Lebzeiten dafür bestraft, sondern sogar nachdem ich gestorben bin.“
(Christopher Hitchens, 2007)

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So viel zahlt der Staat für die Kirche

Bild: tilly
Die Stadt Trier zahlt noch heute Zinsen an die Kirche für einen 430 Jahre alten Schuldschein. Dabei geht es um eine vergleichsweise geringe Summe – betrachtet man mal genau, wo der Staat die Kirche überall unterstützt.

SWR Aktuell

Die Gesamtkosten für die staatlichen Leistungen an die Kirche beliefen sich auf etwa 520 Millionen Euro im vergangenen Jahr, wie eine Umfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur in allen 16 Bundesländern ergab.

2017 gingen an die katholische Kirche laut Deutscher Bischofskonferenz zirka 6,4 Milliarden Euro an Einnahmen aus der Kirchensteuer und an die Evangelische Kirche in Deutschland rund 5,7 Milliarden Euro. Der Prozentsatz, den die Länder für den Verwaltungsaufwand von der Kirchensteuer einbehalten, schwankt. Er liegt bei zirka 3 Prozent.

Kirche und Staat historisch eng verwoben

Für den Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung hat dieser Status quo mehrere Gründe: „Erst in den 1970er Jahren begann die Gesellschaft, sich mit der Säkularisierung, also der Trennung von Kirche und Staat, auseinanderzusetzen.“ Außerdem seien viele Politiker, zum Beispiel im Bundeskabinett, selbst Kirchenmitglieder.

Als ganz aktuelles Beispiel nennt Schmidt-Salomon die SPD: Die Sozialdemokraten weigerten sich, einen offiziellen Arbeitskreis, der die Staatsleistungen an Kirchen abschaffen will, zuzulassen.

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Ist die deutsche Politik in einer religiösen Filterblase gefangen? / Podiumsdiskussion und Vorstellung der „säkularen Buskampagne 2019“ am 6. April in Berlin

Die jüngsten Angriffe der SPD-Führung auf die „säkularen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten“ haben wieder einmal gezeigt, dass die Interessen konfessionsfreier Menschen in Deutschland sträflichst ignoriert werden.

DER TAGESSPIEGEL

Über die religiöse Filterblase der deutschen Politik wird am kommenden Samstag, dem 6. April, ein hochkarätig besetztes Podium im Meistersaal am Potsdamer Platz diskutieren. Mit von Partie ist die ehemalige SPD-Spitzenpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier, eine der führenden Repräsentantinnen des säkularen Flügels der deutschen Sozialdemokratie.

Die Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel hat viele Menschen dazu gebracht, auf die Straße zu gehen, um gegen die Gängelungen des § 219a StGB und für eine Stärkung der Selbstbestimmungsrechte ungewollt schwangerer Frauen zu demonstrieren. Doch § 219a ist kein Einzelfall: Es gibt in Deutschland unzählige Gesetze, welche die Freiheiten der Bürgerinnen und Bürger aufgrund von überkommenen religiösen Normen einschränken, obwohl dies gegen fundamentale Bestimmungen der Verfassung verstößt.

Die Podiumsdiskussion „Wem gehört der Staat?“ bildet den Auftakt für die Aktivitäten der Giordano-Bruno-Stiftung zum Schwerpunktthema 2019 „70 Jahre Grundgesetz – 100 Jahre Verfassungsbruch“. In diesem Zusammenhang wird es auch zu einer Neuauflage der „säkularen Buskampagne“ kommen, die 2009 unter dem Motto „Gottlos glücklich“ für Schlagzeilen sorgte. Motto und Konzept der diesjährigen Buskampagne sollen im Rahmen der Veranstaltung am 6. April erstmals vorgestellt werden.

Neben Ingrid Matthäus-Maier, die schon in den 1970er Jahren für eine Abschaffung der Kirchenprivilegien kämpfte, werden an der Podiumsdiskussion Experten mitwirken, die sich in besonderer Weise für den säkularen Verfassungsstaat eingesetzt haben, nämlich der Politikwissenschaftler Carsten Frerk, der den christlichen Lobbyismus und die Vermögensverhältnisse der Kirchen wie kein anderer deutscher Forscher aufgedeckt hat, die Juristin Jacqueline Neumann, die als Koordinatorin des Instituts für Weltanschauungsrecht (ifw) bundesweite Strafanzeigen gegen kirchliche Missbrauchstäter stellte, sowie der Philosoph Michael Schmidt-Salomon, der als Buchautor und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung entschieden für den weltanschaulich neutralen Staat eintritt. Moderiert wird die Diskussion von Bestsellerautor Philipp Möller, der vor zehn Jahren als Sprecher der säkularen Buskampagne 2009 erstmals öffentlich in Erscheinung trat.

Der Einlass zur Podiumsdiskussion im Meistersaal am Potsdamer Platz (Köthener Str. 38, 10963 Berlin) beginnt um 19.00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Unterstützt wird die Veranstaltung der Giordano-Bruno-Stiftung vom Institut für Weltanschauungsrecht (ifw), der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) sowie von den Evolutionären Humanisten Berlin-Brandenburg (ehbb). Alle Interessierten sind herzlich zur Debatte eingeladen!

Pressekontakt:
c/o Elke Held (gbs)
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