Urmenschen-Erbgut in Höhlensedimenten entdeckt

Kenyan fossil casts (Chip Clark, Smithsonian Human Origins Program); Dmanisi Skull 5 (Guram Bumbiashvili, Georgian National Museum).
Forscher können mit neuer Methode alte DNA aus Höhlensedimenten identifizieren, auch wenn dort keine Skelettüberreste vorhanden sind
Dr. Harald Rösch Wissenschafts- und Unternehmenskommunikation
Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V

Obwohl es in Europa und Asien zahlreiche prähistorische Fundstätten gibt, die Werkzeuge und andere von Urmenschen verwendete Gegenstände enthalten, sind Skelettüberreste ihrer Schöpfer selten. Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben daher nach neuen Wegen zur Gewinnung von Urmenschen-DNA gesucht. Aus Sedimentproben von sieben archäologischen Fundstätten „fischten“ sie winzige DNA-Fragmente verschiedener Säugetierarten – unsere ausgestorbenen menschlichen Verwandten inbegriffen. In Höhlensedimenten aus vier Fundstätten fanden die Forscher Neandertaler-DNA, sogar in Schichten und Fundstätten, in denen keine Knochenfunde gemacht wurden. Zusätzlich fanden sie in Ablagerungen aus der Denisova-Höhle in Russland Erbgut vom Denisova-Menschen. Dank der neuen Erkenntnisse können Wissenschaftler jetzt herausfinden, wer die ehemaligen Bewohner vieler archäologischer Ausgrabungsstätten waren.

Indem wir die genetische Zusammensetzung unserer ausgestorbenen Verwandten, der Neandertaler, und deren asiatischer Cousins, der Denisova-Menschen, erforschen, können wir auch unsere eigene evolutionäre Geschichte näher beleuchten. Doch es gibt nur wenige Fossilien von Urmenschen, von denen nicht alle für genetische Untersuchungen verfügbar oder geeignet sind. „Wir wissen, dass einige Bestandteile von Sedimenten DNA binden können“, sagt Matthias Meyer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Deshalb haben wir untersucht, ob das Erbgut von Urmenschen in den Ablagerungen archäologischer Fundstätten überdauern kann.“

Dazu kooperierte Meyers Team mit einem Netzwerk von Forschern, die in sieben Höhlen in Belgien, Frankreich, Kroatien, Russland und Spanien Ausgrabungsarbeiten betreiben. Die von ihnen gesammelten Sedimentproben waren zwischen 14,000 und mehr als 550,000 Jahre alt. Für die Entnahme und Analyse von Fragmenten mitochondrialer DNA – also aus den „Kraftwerken“ der Zelle – benötigen die Forscher nur winzige Mengen an Sediment-Material. Das so gewonnene Erbgut konnten sie zwölf verschiedenen Säugetierfamilien zuordnen, darunter auch ausgestorbenen Arten wie dem Wollhaarmammut, dem Wollnashorn, dem Höhlenbär und der Höhlenhyäne.

Anschließend suchten die Forscher in den Proben ganz gezielt nach Urmenschen-DNA. „Erste Ergebnisse ließen uns vermuten, dass die meisten Proben das Erbgut zu vieler anderer Säugetierarten enthielten, um darin Spuren menschlicher DNA zu entdecken“, sagt Viviane Slon, Doktorandin am Leipziger Max-Planck-Institut und Erstautorin der Studie. „Also änderten wir unsere Herangehensweise und nahmen bei unserer Analyse ganz speziell DNA-Fragmente menschlichen Ursprungs ins Visier.“ Neun Proben aus vier Fundstätten enthielten genug Urmenschen-Erbgut für weitere Untersuchungen: Acht Sedimentproben enthielten mitochondriale DNA von einem oder mehreren Neandertalern und eine Probe enthielt Denisova-DNA. Die meisten Proben stammten aus archäologischen Schichten oder Stätten, in denen Wissenschaftler zuvor keine Knochen oder Zähne von Neandertalern gefunden hatten.

„Anhand von DNA-Spuren im Sediment können wir nun an Fundorten und in Gebieten die Anwesenheit von Urmenschen nachweisen, wo dies mit anderen Methoden nicht möglich ist“, sagt Svante Pääbo, Direktor der Abteilung für Evolutionäre Genetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Ko-Autor der Studie. „Die DNA-Analyse von Sedimenten ist also eine äußerst nützliche archäologische Untersuchung, die zukünftig routinemäßig durchgeführt werden könnte.“

Sogar Sediment-Proben, die jahrelang bei Zimmertemperatur eingelagert waren, enthielten noch DNA. Eine Untersuchung dieser und anderer frisch ausgegrabener Ablagerungen aus Fundstätten, die keine menschlichen Überreste enthalten, wird Wissenschaftlern künftig weitere wertvolle Einblicke über die ehemaligen Höhlenbewohner und unsere gemeinsame genetische Geschichte geben.

Originalveröffentlichung:
Viviane Slon, Charlotte Hopfe, Clemens L. Weiß, Fabrizio Mafessoni, Marco de la Rasilla, Carles Lalueza-Fox, Antonio Rosas, Marie Soressi, Monika V. Knul, Rebecca Miller, John R. Stewart, Anatoly P. Derevianko, Zenobia Jacobs, Bo Li, Richard G. Roberts, Michael V. Shunkov, Henry de Lumley, Christian Perrenoud, Ivan Gušić, Željko Kućan, Pavao Rudan, Ayinuer Aximu-Petri, Elena Essel, Sarah Nagel, Birgit Nickel, Anna Schmidt, Kay Prüfer, Janet Kelso, Hernán A. Burbano, Svante Pääbo, Matthias Meyer
Neandertal and Denisovan DNA from Pleistocene sediments
Science, 27. April 2017

Kontakt:
Dr. Matthias Meyer
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Tel.: +49 (0)341 3550-509
E-Mail: mmeyer@eva.mpg.de

Viviane Slon
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Tel.: +49 (0)341 3550-159
E-Mail: viviane_slon@eva.mpg.de

Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Tel.: +49 (0)341 3550-122
E-Mail: jacob@eva.mpg.de

Antarktis: Geheimnis des Blutfalls gelöst

Der Blutfall am Ende des antarktischen Taylor-Gletschers speit immer wieder rotes, salziges Wasser. © Erin Pettit
Blutrotes Wasser: Forscher haben die Frage geklärt, woher das seltsam rote Wasser des antarktischen Taylor-Gletschers stammt. Radaraufnahmen enthüllen, dass das Salzwasser nicht unter dem Gletscher fließt, sondern durch verzweigte Kanäle im Gletschereis selbst. Diese leiten das Wasser von einem sechs Kilometer entfernten subglazialen Reservoir bis zur Gletscherzunge. Flüssig bleibt das Wasser dabei nur durch eine spezielle Kombination von Bedingungen.

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Der berühmte Blutfall sorgt schon seit seiner Entdeckung im Jahr 1911 für Aufsehen. Denn immer wieder tritt an der Zunge des Taylor-Gletschers in der Ostantarktis blutrotes, salziges Wasser aus dem weißen Eis aus – scheinbar aus dem Nichts. Tatsächlich färbt sich das Wasser erst bei Kontakt mit dem Sauerstoff der Luft so rot – der Sauerstoff oxidiert offenbar das im Wasser enthaltene Eisen.

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Antibiotika-resistente Bakterien in Rohmilch

In Rohmilch können harmlose Bakterien mit einer neuartigen Antibiotika-Resistenz vorkommen. © Remus Moise / thinkstock
Harmlose Mikroben mit potenziell gefährlicher Resistenz: In Bakterien, die in Kuhmilch vorkommen können, haben Forscher ein neues Resistenz-Gen entdeckt. Damit können die Keime selbst der neuesten Generation von Breitbandantibiotika widerstehen. Wenn sich diese Resistenz auf Krankheitserreger wie MRSA-Bakterien überträgt, würde dies die Behandlung von Krankenhaus-Infektionen massiv erschweren.

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Die Anzahl an Antibiotika-resistenten Keimen nimmt ständig zu. Schätzungen zufolge sterben allein in Deutschland jährlich etwa 15.000 Patienten an den Folgen von Infektionen durch solche Krankenhauskeime, die nur noch durch eine Kombination von verschiedenen Antibiotika bekämpft werden können.

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Verdächtige Spuren eines Ur-Ur-Amerikaners

© Tom Deméré, San Diego Natural History Museum Ein Steinfindling nahe der Knochenfundstelle – nach Überzeugung der Forscher ein Werkzeug der Ur-Ur-Amerikaner.
Wurde die Neue Welt nicht erst von Homo sapiens, sondern hunderttausend Jahre früher von einem Frühmenschen besiedelt? Die Gewaltspuren an den Überresten eines Mammuts erschüttern die Amerikaner.

Von Joachim Müller-Jung | Frankfurter Allgemeine

Die Neue Welt wird von einer archäologischen Sensationsmeldung erschüttert. Wurde der amerikanische Kontinent womöglich von Menschen nicht nur einmal über die Beringstraße erobert, vor fünfzehn bis zwanzigtausend Jahren, wofür es längst klare Belege gibt, sondern zweimal und das schon vor mehr als 130.000 Jahren? Wenn es zutrifft, was Archäologen vom San Diego Natural History Museum in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Nature“ berichten, könnte die südkalifornische Ausgrabungsstätte eines Mammuts die gesamte Geschichtsschreibung der Neuen Welt auf den Kopf stellen. Denn vor 130.000 Jahren konnte es unmöglich ein moderner Homo sapiens gewesen sein, der den Weg über Asien und die nördliche Landbrücke zum amerikanischen Kontinent geschafft hatte. Es müsste wohl eine andere Frühmenschenart gewesen sein, die zu jener Zeit nach der ersten Auswanderungswelle aus Afrika den eurasischen Kontinent bevölkert hatte. Das aber lässt sich mit den Funden, die der Chefausgräber Thomas Deméré und seine kalifornischen Kollegen präsentieren, nicht eindeutig zeigen. Menschliche Überreste jedenfalls wurden nicht gefunden.

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Buckelwal-Nachwuchs „flüstert“

Ein Buckelwalweibchen mit ihrem Jungen im Exmouth Gulf in Westaustralien. © Fredrik Christiansen
Flüstern statt Singen: Buckelwale sind für ihre weithin schallenden Gesänge bekannt. Doch wenn die Walweibchen Junge haben, werden sie ganz leise: Mutter und Kind kommunizieren dann nur noch „flüsternd“, teilweise sogar nur über Berührungen, wie Unterwasseraufnahmen erstmals enthüllen. Der Grund für das „Flüstern“: Lautere Rufe könnten Orcas und andere Räuber anlocken – und für die wäre das Walkalb ein willkommenes Fressen.

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Buckelwale sind Langstrecken-Wanderer: Selbst wenn die Walmütter Nachwuchs haben, ziehen sie tausende Kilometer weit von ihren Winterquartieren in den Tropen bis in die Sommerquartiere in den Polargebieten. Für die Walkälber bedeutet dies: Nach ihrer Geburt in tropischen Meeeresbuchten müssen sie so schnell wie möglich wachsen und fit werden für die lange Reise.

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India’s Plans to Build 370 Coal Plants Will Screw Up the Paris Climate Agreement

South Delhi smog. Image: Jean-Etienne Minh-Duy/Flickr
India is caught between a push for renewable energy and unsustainable development.

By Ankita Rao | MOTHERBOARD

Depending on what data you’re looking at, India is either leading the way in embracing renewable energy, or putting the planet at risk with its fossil fuel dependence. Given the country’s current blueprint for coal, the latter seems more likely.

Researchers at the University of California Irvine and CoalSwarm, a research platform that tracks coal, looked at India’s plans to construct 370 coal-fired power plants in coming years. Their study, in the journal Earth’s Future, determined that these projects would not only increase India’s fossil fuel output by 123 percent, but also threaten its place in the Paris Climate Agreement, a global treaty to reduce carbon emissions. (These plants were in the works before the Paris Agreement was signed.)

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Image: CoalSwarm.org

Veganer glauben, moralisch überlegen zu sein. Sind sie das auch?

Fleisch, unverpackt: der Schlachthof in Oensingen. (Bild: Simon Tanner / NZZ)
Es gibt viele gute Gründe, kein Fleisch zu essen. Veganer glauben sie zu kennen und erklären sie zu moralischen Prinzipien. Schaut man genauer hin, entdeckt man lediglich Widersprüche und Paradoxien in ihrer Haltung.

Von Damiano Cantone | Neue Zürcher Zeitung

Im Jahre 1924 hörte der vierzehnjährige Donald Watson von einem Augenblick auf den anderen damit auf, Fleisch zu verzehren. Angeekelt von der Gewalt, die Tieren in jener Fabrik angetan wurde, in der er aufgewachsen war, machte er aus seinem Entschluss seinen Lebenssinn. So wurde Watson zu einem Aktivisten für die Tierrechte und prägte 1944 den Begriff «vegan» (indem er die ersten und die letzten Buchstaben von «vegetarian» zusammenzog). Damit beschrieb er einen Lebensstil, der konsequent jede Form der Ausbeutung von Tieren ablehnt.

Die Veganer übertrumpfen in der Tat die Vegetarier in der Konsequenz ihrer Haltung. Sie verzichten auf jedes Nahrungsmittel tierischen Ursprungs (also auch auf Milch, Honig und Eier) und ebenso auf jede andere Nutzniessung von Tieren. Der Veganismus hat eine stetige Verbreitung in unseren Gesellschaften erlebt, in den letzten zehn Jahren besonders akzentuiert. Die Regale der Supermärkte füllen sich mit veganen Produkten, vegane Restaurants spriessen wie Pilze aus dem Boden, und längst wird darüber diskutiert, ob Mensen zwingend ein veganes Menu anbieten müssen.

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Califorctenus Cacachilensis: Diese neu entdeckte Riesenspinne ist wirklich gruselig

Gemessen an den langen Beinen ist der Körper der Califorctenus Cacachilensis eher klein Quelle: San Diego/San Diego Natural Museum
„Ich habe noch nie so eine große Spinne gesehen“: Forscher staunen über eine neue Spinnenart, die in mexikanischen Höhlen entdeckt wurde. Mit ihren langen Beinen sei sie fast so groß wie ein normaler Teller.

DIE WELT

In Nordmexiko haben Wissenschaftler eine riesige Spinne entdeckt, deren Größe selbst die Forscher zum Staunen brachte.

Die neue Spinnenart mit ungewöhnlich langen Beinen und einem vergleichsweise kleinen Körper misst etwa 23 Zentimeter im Durchmesser, wie Spinnenexpertin María Luisa Jiménez vom mexikanischen Forschungszentrum CIBNOR erklärte.

„In all den Jahren meiner Arbeit habe ich nie eine so große Spinne gesehen, fast so groß wie ein normaler Teller.“

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Der Nil wird unberechenbarer

Der Nil ist Lebensader und Wasserlieferant für mehr als 400 Millionen Menschen. © Bionet/ gemeinfrei
Lebensader im Ausnahmezustand: Der Klimawandel macht die Pegel des Nils immer unberechenbarer. Die jährlichen Schwankungen der Wassermenge könnten schon in den nächsten Jahrzehnten um 50 Prozent stärker werden, wie Klimaforscher im Fachmagazin „Nature Climate Change“ berichten. Dies erschwert die Wasserversorgung für die Millionen Flussanrainer, die auf den Nil und seine Quellflüsse angewiesen sind.

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Der Nil ist nicht nur der längste Fluss der Erde, er ist auch die wichtigste Lebensader für Ägypten, und seine südlichen Nachbarn. „Das Nilbecken wird von rund 400 Millionen Menschen in elf Ländern bewohnt“, erklären Mohamed Siam und Elfatih Eltahir vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Ein Großteil der Wirtschaft in diesen Ländern hängt direkt von der Bewässerungs-Landwirtschaft ab – und damit vom Wasser des Nils.

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Mottenlarve entpuppt sich als „Plastikfresser“

In nur 30 Minuten haben zehn Mottenlarven diese Plastikfolie so durchlöchert. © César Hernández/ CSIC
Zufallsfund im Plastikbeutel: Forscher haben entdeckt, dass Larven der Wachsmotte den Kunststoff Polyethylen (PE) abbauen können – eine der hartnäckigsten Plastikvarianten überhaupt. Schon der bloße Kontakt mit den Larven reicht, um eine Plastiktüte innerhalb von wenigen Stunden zu durchlöchern, wie die Forscher im Fachmagazin „Current Biology“ berichten. Wahrscheinlich ist dafür ein Enzym der Larven verantwortlich – und dieses könnte künftig beim Abbau von Plastikmüll helfen.
In nur 30 Minuten haben zehn Mottenlarven diese Plastikfolie so durchlöchert.

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Rund 40 Prozent des in Europa produzierten Plastiks besteht aus Polyethylen (PE). Der widerstandsfähige Kunststoff steckt in Plastiktüten, Folien, Plastikverpackungen und Kunststoffbeschichtungen aller Art. Das Problem dabei: PE ist biologisch kaum abbaubar und nur durch harte Chemikalien kleinzukriegen. Als Folge treiben Unmengen dieses Plastiks als Abfall in Seen, Flüssen und Meeren oder füllen ganze Deponien.

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Ist die Wissenschaft wirklich in Gefahr?

Bild: heise.de/tp
Das plötzliche Aufblühen einer Pro-Wissenschaftsbewegung: Geht es um eine Ersatzreligion oder um kritisches Denken?

Von Peter Nowak | TELEPOLIS

Zehntausende Menschen haben sich am Samstag weltweit an Märschen für die Freiheit der Wissenschaft beteiligt (siehe Science March: Spät, aber wichtig). Auch in Deutschland gab es eine eigene Homepage für diese Aktivitäten. Dort wird allgemein kritisches Denken propagiert.

Kritisches Denken und fundiertes Urteilen setzt voraus, dass es verlässliche Kriterien gibt, die es erlauben, die Wertigkeit von Informationen einzuordnen. Die gründliche Erforschung unserer Welt und die anschließende Einordnung der Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, ist die Aufgabe von Wissenschaft. Wenn jedoch wissenschaftlich fundierte Tatsachen geleugnet, relativiert oder lediglich „alternativen Fakten“ als gleichwertig gegenübergestellt werden, um daraus politisches Kapital zu schlagen, wird jedem konstruktiven Dialog die Basis entzogen. Da aber der konstruktive Dialog eine elementare Grundlage unserer Demokratie ist, betrifft eine solche Entwicklung nicht nur Wissenschaftler/innen, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.

marchforscience.de

Zu den Unterstützern der Wissenschaftsmärsche gehören Universitätsleitungen und zahlreiche Wissenschaftsorganisationen. In mehr als 10 Städten von Berlin bis zum westfälischen Espelkamp gab es in Deutschland Straßenumzüge. Dabei blieb gerade in Deutschland unklar, gegen wen oder was die Freunde der Wissenschaft dazu noch im Schulterschluss mit der Politik auf die Straße gegangen sind. So erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Berlin habe „eine ganz besondere Verpflichtung, für die Freiheit einzustehen“.

Zudem bekräftigte Müller, der Berliner Senat solidarisiere sich mit „verfolgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und mit akademischen Institutionen, die in ihrer Existenz bedroht sind“. Nun wäre eine solche unbürokratische Unterstützung für verfolgte Wissenschaftler beispielsweise aus der Türkei und Kurdistan vonseiten Berlins sicher wünschenswert. Nur wären dazu ganz konkrete Initiativen nötig, Schaufensterreden hingegen bringen den Betroffenen wenig.

Wenn nun Müller weiterhin erklärte: „Deshalb stellen wir uns entschlossen gegen diejenigen, die die Freiheit der Wissenschaft aushöhlen und Unwahrheiten zu alternativen Fakten erklären“, dann wagt er sich auf ein Feld, auf dem er nur verlieren kann. Hier soll ein autoritärer Wissenschaftsbegriff hochgehalten werden und es wird ignoriert, dass eine Kritik daran auch von linken Bewegungen kam und nun auch schon einige Jahrzehnte alt ist.

Als Hauptgrund für das plötzliche Aufblühen einer Pro-Wissenschaftsbewegung wird die Wahl von Trump in den USA und die in der dortigen Administration laut werdenden Zweifel an den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Klimawandels genannt. Nun stehen hinter dem Streit um die Interpretationen der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel aber zwei Modelle der Kapitalakkumulation.

Eines suggeriert, es könne im Grunde mit Kohle, Öl und Gas so weitergehen wie bisher. Diese Vertreter des fossilen Kapitalismus wollen wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen des Klimawandels möglichst in Zweifel ziehen. Dagegen sind die wachsenden Vertreter eines sogenannten grünen Kapitalismus, die in Deutschland Einfluss haben, bestrebt, die Folgen eines „Weiter so“ mit dem fossilen Kapitalismus als besonders desaströs darzustellen.

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Klimawandel: Wie viel Handlungsspielraum bleibt der Menschheit?

Bild: NASA
Wissenschaftler gehen von einem Erdsystem mit neun Schwellenwerten aus, die teils schon überschritten wurden

Von Jutta Blume | TELEPOLIS

Wer daran zweifelt, dass die Menschheit den Klimawandel in den Griff bekommt, wird wenig beruhigt sein zu hören, dass dieser nur einer von neun grundlegenden Prozessen im Erdsystem ist, die durch menschliche Aktivitäten derzeit weitreichend verändert werden. Bei der Erderwärmung haben sich die Staaten in Paris auf einen Grenzwert von 1,5 bis maximal 2 Grad Celsius geeinigt, den es nicht zu überschreiten gilt.

Dieser Wert ist nicht willkürlich, sondern basiert u.a. auf Analysen und Modellen des IPCC. Wissenschaftler gehen seit einigen Jahren davon aus, dass solche Schwellenwerte in allen neun definierten Bereichen des Erdsystems bestehen, also etwa auch für die Biodiversität oder die Wassernutzung. Werden diese Schwellen überschritten, kann es zu plötzlichen, sich selbst verstärkenden und irreversiblen Veränderungen kommen.

In dem Aufsatz „Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity“ wurde das Konzept eines begrenzten Erdsystems 2009 erstmals formuliert. 2015 erschien in Science eine aktualisierte Version des Konzepts, die gleichzeitig besagte, dass die sicheren Bereiche in Bezug auf den Verlust an Biodiversität, den Stickstoff- und Phosphoreintrag, die Landnutzungsänderung und den Klimawandel bereits überschritten seien. Die weiteren globalen Grenzen beziehen sich auf den Süßwasserhaushalt, die Ozeanversauerung, die Belastung der Atmosphäre mit Aerosolen, den stratosphärischen Ozonabbau und den Eintrag neuer Substanzen (von Chemikalien über Plastikpartikel bis hin zu radioaktiven Stoffen).

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Zypern: 80 Euro pro Portion Rotkehlchen

© dpa Ein Fächer-Waldsänger klebt auf Zypern an einer Leimrute fest.
Auf dem Weg nach Deutschland bleiben Millionen Zugvögel auf Zypern in Netzen hängen oder an Leimruten kleben. Dann landen sie auf dem Teller. Naturschützer kämpfen vergebens dagegen.

Frankfurter Allgemeine

Die Luft ist erfüllt von verzweifeltem Flattern und Fiepen. Dazwischen hört man die lauten Rufe zweier Wilderer, die immer mehr Vögel in ein weit aufgespanntes Netz treiben. Anschließend pflücken die Männer die Tiere mit geübten Griffen aus dem feinmaschigen Geflecht und füllen sie in Plastikeimer.

Die Videoaufnahmen der britischen Vogelschutzorganisation RSPB (Royal Society for the Protection of Birds) sind nichts für schwache Nerven. Aufgenommen wurden sie im Herbst 2016 auf der Mittelmeerinsel Zypern, wo Erhebungen zufolge allein zu diesem Zeitpunkt wieder mehr als 2,3 Millionen Wildvögel der illegalen Jagd zum Opfer fielen.

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Wissenschaftler verteidigen die „Waffe der Aufklärung“

Zum Auftakt des inzwischen weltweiten Protests demonstrierten Wissenschaftler im Februar 2017 in Boston. Foto: picture alliance / AP Photo
„Science, not Silence“ – unter diesem Motto werden Tausende am morgigen Earth Day in mehr als 500 Städten auf die Straße gehen. Ihr Protest richtet sich nicht nur gegen den wissenschaftsfeindlichen US-Präsidenten Trump. Es geht ihnen um mehr: um einen globalen Aufstand gegen „alternative Fakten“ und für die Freiheit der Wissenschaft.​

Von Andrea Hösch | greenpeace magazin

Die Trump-Regierung leugnet den Klimawandel, verordnet Maulkörbe, löscht wissenschaftliche Daten. In Ungarn und Polen stehen Wissenschaftler unter Druck, in der Türkei werden viele entlassen oder verhaftet, Gegen diese zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit gehen Menschen auf die Straße – auch in Deutschland. In zwanzig Städten sind hierzulande Demonstrationen geplant, etwa in Berlin, Köln, Dresden, Hamburg, Heidelberg, Münster, Stuttgart oder  Tübingen. Sogar in Helgoland soll es eine Veranstaltung geben. Viele Universitäten und Institutionen rufen zur Teilnahme am „March for Science“ auf.

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Skurril: Batterien aus Altglas

Aus Altglas werden in einem neuartigen Prozess Elektroden für Batterien hergestellt. © UC Riverside
Neuer Nutzen für leere Flaschen: Aus zermahlenem und weiterverarbeitetem Altglas haben Forscher ein Nanomaterial zum Bau von Batterie-Elektroden hergestellt. Knopfzellen mit diesen Nanosilizium-Anoden können bis zu vier Mal so viel Energie speichern wie konventionelle Batterien mit Graphit-Anoden. Der größte Vorteil sind aber die geringen Material- und Herstellungskosten der neuen Altglas-Batterie.

scinexx

Die Forschung erzielt immer neue Fortschritte beim Design kleinerer und leistungsstärkerer Batterien. So wurden zum Beispiel umweltfreundliche Akkus aus Katzengold vorgestellt oder neue Wege zur Optimierung der Ladekapazität getestet.

Als besonders vielversprechend gilt der Einsatz von nanoskaligem Silizium. Dieses eignet sich besonders gut als Anodenmaterial für Lithium-Ionen-Akkus, weil so leistungsstarke Batterien mit hoher Ladungskapazität realisierbar sind. Üblicherweise wird das Silizium mit aufwändigen und damit kostspieligen Prozessen aus Rohstoffen wie Gestein oder Pflanzen gewonnen.

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Banned Pesticides Keep Turning Up in Canada’s Medical Weed

Image: Chuck Grimmett/Flickr
Now that Prime Minister Justin Trudeau has announced that marijuana will be legal for adult use in Canada by July of 2018, it’s up to agencies like Health Canada to make sure cannabis users will get high-quality, untainted products. But recent weed recalls over banned pesticides have put licensed producers in the spotlight, and raised questions about how federal agencies will ensure weed is safe when it becomes much more widely available.

By Katie Toth | MOTHERBOARD

Health Canada regulations currently mandate that licensed producers have cannabis tested for its potency, cannabinoid profile (mainly, how much THC and CBD is in a given plant product), the presence of heavy metals, and microbes like bacteria or mold. They also plan to „standardize“ the amount of THC that is sold in a single portion of cannabis and make sure THC amounts are on product labels. Beyond that, they’re working on it.

„The regulations for the non-medical system are being developed, and in developing the rules that will apply to testing, Health Canada will take into consideration the requirements that are in place today,“ said a spokesperson.

But despite the current requirements and possible future ones, recalls have raised concern. In December and January, New Brunswick grower OrganiGram issued two voluntary recalls of marijuana that had been sprayed with myclobutanil. The chemical, which Health Canada does not allow weed producers to use on cannabis, is considered safe to use on food. However, it releases small amounts of hydrogen cyanide when burned.

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Das erhabene Spektakel der Atomtests

Themenbild. Screengrab Youtube
US-Wissenschaftler haben Videos von den oberirdischen Atomwaffentests der USA aus den Jahren 1945 bis 1962 deklassifiziert und eine „Playlist“ veröffentlicht

Von Florian Rötzer | TELEPOLIS

Im Konflikt mit Nordkorea herrscht die Angst, es könne zu einer nuklearen Auseinandersetzung kommen. Das Säbelrasseln und Waffen-Vorführen ist zwar ein übliches Macho-Gehabe zwischen Staaten, wenn sie aber von unberechenbaren Menschen wie Donald Trump oder Kim Jong-un geleitet werden, bleibt die Unsicherheit groß, dass einmal eine schnelle Entscheidung eine Entwicklung auslöst.

So ist womöglich damit zu rechnen, dass Nordkorea wieder einen provozierenden Atomwaffentest ausführt. Es wäre der bislang sechste. Ob das Regime über einsatzfähige Atomwaffen verfügt, ist allerdings weiterhin eine Frage der Spekulation. Nordkorea macht alles, damit es so scheint, zumal das Regime – ein Teil der „Achse des Bösen“ von George W. Bush – gelernt hat, dass einzig Atomwaffen vor Regime Change schützen.

Nordkorea führte seine Atomwaffentests unterirdisch durch. Im Kalten Krieg haben die USA und die Sowjetunion zahlreiche Tests durchgeführt. Während Russland mehr als 700 Tests durchführte, zündeten die USA über 1000 Mal eine Bombe, davon 200 Mal oberirdisch. Auch Frankreich war mit fast 200 Atomwaffentests dabei, China und Großbritannien führten jeweils 45 Tests durch.

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Südafrika: Gold entstand auf ungewöhnliche Weise

Golderz aus der Carbon Leader-Formation in Witwatersrand: Das Gold ist typischerweise mit Uranerz und dunklen, kohlenstoffhaltigen Ablagerungen vermischt. © James St. John/ CC-by-sa 2.0
Überraschende Entdeckung: Das größte Goldvorkommen der Erde wurde durch Erdöl, heiße Quellen und Uranerz erschaffen. Erst das Zusammenwirken dieser Akteure bildete das berühmte Gold aus dem südafrikanischem Witwatersrand – durch einen zuvor völlig unbekannten Mechanismus. Seine Entdeckung könnte darauf hindeuten, dass Goldvorkommen auch anderswo eng mit Erdöl verknüpft sind, wie die Forscher erklären.

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Das wertvolle Edelmetall Gold ist auf der Erde sehr ungleich verteilt: Im größten Teil der Erdkruste ist es äußerst rar, gleichzeitig gibt es an einigen Stellen große und reiche Goldlagerstätten. Wie diese Vorkommen entstanden, ist längst nicht immer vollständig geklärt. In einigen Fällen könnten Erdbeben eine Rolle gespielt haben, in anderen die Tätigkeit von Mikroben. Auch hydrothermale Schlote und heiße Quellen können Gold anreichern.

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Paarungsverhalten – Was für ein toller Kerl

© Picture-Alliance Nicht wie ein Pfau, sondern wie ein V sieht der ideale Männerkörper aus.
Der Evolutionsbiologe Michael Jennions über die Attraktivität der Geschlechter und den „March for Science“.

Von Sonja Kastilan | Frankfurter Allgemeine

Herr Jennions, derzeit wird viel über Geschlechterrollen debattiert. Was kann die Biologie zu dieser Diskussion beitragen?

Wenn man Tiere betrachtet, sind die Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen meist sehr klar. Schaut man Fische, Frösche oder Insekten an, finden man sie eigentlich überall. Es wirkt nun mal bei den meisten Arten ein völlig anderer Selektionsdruck auf weibliche oder männliche Tiere. Biologen können über unterschiedliche Verhaltensweisen, Körpergrößen oder sogar Aspekte, die das Gehirn betreffen, sprechen. Man sollte allerdings vorsichtig sein, diese Sichtweise einfach auf den Menschen zu übertragen.

Was können wir über uns selbst lernen, wenn es dabei doch um Fische oder Winkerkrabben geht?

Es wäre sicherlich falsch, spezielle Merkmale in ihrer Bedeutung auf den Menschen zu übertragen, etwa Farbenpracht oder Körpergröße. Will man wissen, was für Menschen attraktiv erscheint, muss man es auch am Menschen herausfinden. Natürlich gibt es Prinzipien, die für mehrere Arten gleichermaßen gelten, weil die natürliche und die sexuelle Selektion unterschiedliche Merkmale für weiblich und männlich begünstigen. Das findet sich auch auf der genetischen Ebene. Vereinfacht ausgedrückt: Ein Gen, dass einen tollen Kerl prägt, würde wohl kein gutes Weibchen ausmachen. Wir sprechen dann von einem „interlocus sexual conflict“. Solche Prinzipien dürften für den Menschen ebenfalls gelten.

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