Israels Presse: Partei mit Nazi-Wurzeln leitet Außenamt Österreichs

FPÖ-Chef Strache – REUTERS
Die Zeitung „Haaretz“ übt Kritik an Heinz-Christian Strache. Das Onlineportal „ynet“ schreibt, dass Karin Kneissl von der „rechtsextremen FPÖ“ für ihr Amt vorgeschlagen wurde.

Die Presse.com

Die „rechtsextreme“ FPÖ mit „Wurzeln im Nationalsozialismus“ werde in Österreich die Ministerien für Äußeres, Inneres und Verteidigung leiten. Der künftige Vizekanzler, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, habe in früher gemachten Aussagen erklärt, er würde die Verlegung der österreichischen Botschaft in Israel nach Jerusalem begrüßen. Mit diese Sätzen leitete die israelische Zeitung „Haaretz“ ihren Bericht über die Bildung der neuen Bundesregierung in Österreich ein.

Das Onlineportal „ynet“ schrieb in einem längerem Artikel über die designierte Außenministerin Karin Kneissl, dass sie von der „rechtsextremen FPÖ“ für ihr Amt vorgeschlagen worden sei. Die Nahostexpertin spreche neben Arabisch Hebräisch und habe an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert.

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Hitlers eifrige Helfer

Der Festzug zum Tag der Deutschen Kunst auf der Ludwigstraße in München am 10. Juli 1938. (Foto: Scherl/SZ-Photo)

 

  • Was die Politik der Nazis in München konkret bedeutete, entschied sich vielfach ganz lokal in den Referaten der Stadt. Die einen wurden drangsaliert, die anderen gefördert, das Regime vernetzte sich.
  • Nun ist ein Forschungsprojekts der Rolle Münchens während der NS-Zeit auf den Grund gegangen. Im Rahmen des Projekts sind drei umfangreiche Arbeiten entstanden.

Von Jakob Wetzel | Süddeutsche Zeitung

Für Historiker schien die Sache lange klar zu sein: Der Staat der Nazis war straff geführt, zentral gelenkt und im Einzelnen von der Partei beherrscht – wen interessierte da schon, was eine kleine Kommunalverwaltung tat? Man habe sich lieber auf die Regierung in Berlin, auf einzelne Personen und auch auf Herrschaftsstrukturen konzentriert, sagt der Münchner Geschichtswissenschaftler Hans Günter Hockerts. Die Analyse von Strukturen sei ja auch bequem gewesen: Man musste keine Namen nennen und trat niemandem zu nahe. Doch diese Zeit ist vorbei.

Die Stadt soll lediglich Befehlsempfängerin gewesen sein? In München zeigen angehende Historiker derzeit, wie falsch diese Vorstellung war. Denn was die Politik der Nazis konkret bedeutete, wie die einen drangsaliert, die anderen gefördert wurden, wie das Regime sich am Ort präsentierte oder vernetzte, entschied sich vielfach erst in den Referaten der Stadt.

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„Wenn Europa nicht solidarisch ist, wird es zusammenfallen“

Protest für Zusammenhalt: In verschiedenen Städten gehen immer wieder Menschen für die EU auf die Straßen – wie hier in Hamburg Quelle: dpa/Axel Heimken
Migration und Ungleichheit sind die zwei Hauptprobleme der EU, sagt Karl-Heinz Lambertz. Der Präsident des Ausschusses der Regionen ruft reiche Gegenden auf, ärmeren zu helfen. Der grassierende Separatismus sei eine Sackgasse.

Von Sarah Maria Brech | DIE WELT

Europäischer als Karl-Heinz Lambertz kann man kaum sein. Der Belgier stammt aus dem Dreiländereck rund um Eupen, hat in Louvain-la-Neuve und Heidelberg studiert und wird als Präsident des Europäischen Ausschusses der Regionen regelmäßig in die unterschiedlichsten Gegenden Europas eingeladen. Das Interview gibt er in seiner Muttersprache: Deutsch.

DIE WELT: Herr Lambertz, der Ausschuss der Regionen soll unter anderem verhindern, dass eine Kluft entsteht zwischen EU-Institutionen und Bürgern. Heute sind europafeindliche Politiker in vielen Ländern stark. In Katalonien hat sich sogar eine Mehrheit für die Abspaltung von Spanien ausgesprochen, was de facto den Austritt aus der EU bedeuten würde. Ist die Kluft nicht längst da?

Karl-Heinz Lambertz: Ich fürchte sogar, dass diese Kluft von Anfang an da war. Die EU war ein wahnsinnig mutiges Projekt, sie ist ein fantastisches Projekt. Aber eben auch von Anfang an ein Projekt der Eliten.

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Austria: Asylbewerber müssen Geld und Handys abgeben

Bild: DIE WELT/N24
Mit der neuen ÖVP-FPÖ-Regierung in Österreich soll ein neuer Stil einziehen. Das war schon lange klar. Doch was hat die Koalition unter dem neuen Kanzler Kurz vor? Das steht im Regierungsprogramm „Für unser Österreich“.

DIE WELT

Nach siebenwöchigen Verhandlungen haben sich ÖVP und FPÖ auf einen 182 Seiten starkes Regierungsprogramm für die kommenden fünf Jahre geeinigt. Darin legt die Koalition aus Konservativen und Rechtspopulisten ein klares Bekenntnis zur EU fest.

So steht etwa im Vorwort des Paktes: „Nur in einem starken Europa kann es auch ein starkes Österreich geben, in dem wir in der Lage sind, die Chancen des 21. Jahrhunderts zu nutzen“. Die Parteigremien segneten den Pakt am späten Freitagabend einstimmig ab.

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Nürnberger Blutgesetze: Wie die jüdischen Deutschen vogelfrei wurden

„Weltanschauliche Schulung“ im Hitlerjugendlager: Lehrer mit den Nürnberger Rassegesetzen. (Foto: Scherl/SZ Photo)
Die „Nürnberger Gesetze“ der Nazis öffneten den Weg bis zum millionenfachen Mord. Ein Band dokumentiert, wie es zum furchtbaren Bruch mit der Rechtstradition kam.

Rezension von Ludger Heid | Süddeutsche Zeitung

Die sogenannte Erbgesundheitspolitik in Deutschland war lange vor dem Beginn der NS-Diktatur im Schwange. „Erbgesund“ und „rasserein“ war das Credo der Völkischen, das Eingang ins Zentrum der NS-Ideologie fand. Ein Sammelband wirft nun einige Schlaglichter auf die Entstehung und die Wirkung der Nürnberger Gesetze.

Bereits vor 1914 wurde in Deutschland über Eheverbote mit „Eingeborenen“ in den Kolonien unter dem Aspekt der „Rassenmischung“ (Cornelia Esser), oder, wie es auch hieß, „Bastardisierung“ räsoniert. Das gehört ebenso zur Vorgeschichte der „Blutschutz“-Gesetze vom Herbst 1935 wie die weit verbreiteten antisemitischen Diskriminierungen, die dafür sorgten, dass sich manche deutsche Kurorte und Seebäder zu „No-go-Areas“ für Juden entwickelten (Frank Bajohr).

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Das kosmologische Prinzip und die Mittelmäßigkeit der Erde

Universum Nasa, Esa, Hubble SM4 ERO Team
Jahrhunderte dauerte es, bis die Menschheit sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, nichts wirklich Spezielles im Universum zu sein

Von Raúl Rojas | TELEPOLIS

Heute akzeptieren wir, ohne mit der Wimper zu zucken, dass die Erde irgendwo im Universum schwebt, jedoch nicht in dessen Zentrum. Die kopernikanische Wende hat bereits im 16. Jahrhundert den Weg geebnet: Die Sonne ist statt der Erde in die Mitte des Sonnensystems gerückt worden. Seitdem wurde unsere „privilegierte“ Stellung im Universum immer weiter entwertet.

Die erste Kosmologie, die viele von uns gelernt haben, stammt aus der judeo-christlichen Tradition. In Genesis steht, gleich nachdem Gott Himmel und Erde schuf:

1,6 Und Gott sprach: Es werde eine Wölbung mitten in den Wassern, und es sei eine Scheidung zwischen den Wassern und den Wassern!
1,7 Und Gott machte die Wölbung und schied die Wasser, die unterhalb der Wölbung von den Wassern, die oberhalb der Wölbung waren. Und es geschah so.
1,8 Und Gott nannte die Wölbung Himmel.

Genesis

Das Fragment entspricht der alten jüdischen Vorstellung von einer flachen Erde, die im Wasser schwimmt. Über der Erde liegt eine Wölbung, die das Wasser oben vom Wasser unten (ein Sinnbild für umgebendes Chaos) trennt. Die uns zugewandte Seite der Wölbung ist der Himmel. In Genesis geschieht das alles durch das Wort Gottes, da etwas auszusprechen, seine Schöpfung herbeibringt.

Nach Jehova, Adam und Eva kamen allerdings die Griechen und diese haben schließlich begriffen, dass die Erde eine Kugel sein muss. Eratosthenes von Kyrene hat bereits im dritten Jahrhundert vor Christus den Erdumfang geschätzt – für damalige Verhältnisse erstaunlich präzise. Im selben Jahrhundert hat Aristarchos von Samos sogar postuliert, dass sich nicht die Sonne um die Erde dreht, sondern umgekehrt. Das war der Beginn der „heliozentrischen“ Hypothese, die Jahrhunderte lang gegen den Geozentrismus angetreten ist.

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Christentum und Menschenrechte

Foto: pixabay.com
Seltsam, dass man „das Christentum“ als Unterbau der Menschenrechte ansieht.

Von Volker Dittmar | Richard-Dawkins-Foundation

Denn gerade die katholische Kirche – mit der größten Gruppe an Christen – war eine entschiedene Gegnerin der Menschenrechte. Vor allem gegen das Recht auf Religionsfreiheit wurde gewettert.

Seltsam, dass man trotz der angeblich christlichen Grundlage die ganze Zeit Sklaverei betrieb. Dabei war die Idee der Abschaffung der Sklaverei schon sehr alt: Explizit stammt sie von Solon, der auch gleichzeitig der Begründer der ersten Demokratie war. Solon konnte sich politisch nicht durchsetzen, weil er zur Einführung der Demokratie auf die Stimmen der Großgrundbesitzer angewiesen war. So konnte er drei Pläne nicht durchsetzen: Abschaffung der Sklaverei, gleiche Rechte (auch Wahlrecht) für Frauen und Umverteilung des Landes an alle. Solon hoffte, dass durch die Demokratie sich diese Ideen mit der Zeit durchsetzen würden, so dass die Einführung der Demokratie die oberste Priorität hatte. Ich denke, wenn die Athener Demokratie länger gehalten hätte, dass Solon Recht behalten hätte.

Seltsam, dass man allgemein die Menschenrechte auf den vorchristlichen Heiden Cicero zurückführt. Seltsam auch, dass die Idee im Christentum erst dann wieder auf die Tagesordnung kam, nachdem sich in der Renaissance eine neue Bewegung etablierte: Die Bildungsbewegung des Humanismus. Im Christentum hatte Bildung nie einen hohen Stellenwert, außer für Kleriker. Der Humanismus begann als eine Wiederaneignung des griechisch-römischen Erbes. Dazu musste man sich zunächst die Sprachen Altgriechisch und Latein aneignen – deswegen heißen Gymnasien, die diese beiden Sprachen anbieten, bis heute „Humanistische Gymnasien“.

Aus dem Humanismus wurde eine philosophische Gegenbewegung zum Christentum. Deswegen kann man heute nicht Christ und Humanist gleichzeitig sein, obwohl ein paar Christen das glauben. Man kann Deist und Humanist gleichzeitig sein, aber mehr geht nicht. Mit dem Humanismus – der von den Kirchen solange bekämpft wurde, bis man sich seine Niederlage eingestehen musste – kam nämlich die Religionsfreiheit und der Atheismus, beides die größten Feinde der Kirche.

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Ganz großes Kino

Kino Babylon. Foto: Jörg Zägel / CC BY-SA 3.0
Das Rahmenprogramm zur Verleihung des Karls-Preises an Ken Jebsen im „Babylon“-Kino war das bizarrste linke Event seit langem.

Von Birgit Gärtner | TELEPOLIS

Was für eine Inszenierung! Wochenlang hielt die Veranstaltung vom vergangenen Donnerstag (nicht nur) die Partei Die Linke im Atem. Dort sollte dem Journalisten Ken Jebsen, Betreiber des Info-Kanals Ken FM, der „Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ verliehen werden. Berlins Kultur-Senator Klaus Lederer (Die Linke) hatte durch die Blume zu verstehen gegeben, dass die öffentliche Förderung des „Babylons“ überdacht werden müsse, wenn Betreiber Timothy Grossman diese Veranstaltung in seinem Hause zulasse.

Grossman trat daraufhin von dem Nutzungsvertrag mit der Neuen Rheinischen Zeitung (NRhZ), die den Preis vergibt, zurück. Die NRhZ erstritt die Durchführung vor Gericht, nach den Linken griffen auch die bürgerlichen Medien das Thema auf, zwei Gegen-Demonstrationen wurden angekündigt, derweil tauchten auf der Liste der Beteiligten immer mehr Namen obskurer Personen auf.

Die Linke diskutierte die Veranstaltung im Bundesvorstand und sprach sich mehrheitlich gegen eine Teilnahme aus. Davon wollten sich einige dennoch nicht abhalten lassen.

Derweil hatte der Jubilar keine Lust mehr auf den Event – und organisierte seinerseits eine Demo zum Thema „Pressefreiheit“, direkt „vor der Location“. Der er dann aber auch fernblieb. Dafür kamen die Veranstalterinnen und u.a. Linken-Politiker Wolfgang Gehrcke, der mit den Medien hart ins Gericht ging, weil diese sich kritisch zu der Veranstaltung im „Babylon“ geäußert hatten. So viel zum Thema „Pressefreiheit“.

Die geplante Preisverleihung fand dann ohne den Preisträger statt, dafür nutzte der – ungeladene – Kino-Betreiber die Bühne, um diesen und einen weiteren Teilnehmer, den Künstler Gilad Atzmon, als „Rassisten“ zu bezeichnen. Gilad Atzmon ist ist bekannt für seine krude Thesen in Bezug auf das Judentum, dem er in Bezug auf den Holocaust vorwirft, Geschichtsfälschung zu betreiben. Grossman hatte ihm Hausverbot erteilt, Atzmon konnte dennoch unbehelligt konzertieren.

Der Preisträger erklärte sich bei RT deutsch. Auf demselben Kanal sprach Fikentscher von Drohungen gegen Jebsen. Es hieß, vor dem Kino seien Flyer mit dessen Wohnort, Telefonnummer, etc. verteilt worden. Das wäre – wenn es denn stimmt – eine neue Qualität in dieser Auseinandersetzung.

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Wir sind verwundbarer, als wir glauben

Was sollen Helden in einer Welt, die den Versprechungen falschen Heldentums misstraut? Zerstörtes Haus in Donezk, Ukraine. (Bild: epa /Sergei Ilnitzky)
Millionen von Menschen sind in Kriegen gestorben, heroische Phantasien sind am Ende, und wir meinen, keine Helden mehr zu brauchen. Das ist ein Irrtum.

Von Herfried Münkler | Neue Zürcher Zeitung

Es sei nicht gut bestellt um ein Land, das Helden nötig habe – als Bertolt Brecht diesen später viel zitierten Satz schrieb, tat er das nicht zuletzt im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg. In ihm hatten die Gesellschaften Europas ihre jungen Männer mit heroischen Erwartungen überzogen und millionenfach dahingeopfert. Danach war es mit dem Heldentum als Massenideal junger Männer erst einmal vorbei. Der Pazifismus der Zwischenkriegszeit war eine Reaktion auf die Erfahrung des Ersten Weltkriegs und das zumeist wenig heroische Sterben an den Fronten. Neu an diesem Krieg war nämlich, dass die meisten Gefallenen und Schwerverwundeten Artilleriefeuer zum Opfer fielen, dem sie hilf- und wehrlos ausgeliefert waren. In den Materialschlachten war Tod oder Leben zu einer Frage des reinen Zufalls geworden. Dagegen kam man nicht an mit heroischen Phantasien.

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R. Dawkins schöpft aus dem Vollen – ganz ohne Schöpfung!

In welcher Position befinden sich Wissenschaflter, wenn Sie Forschungen über vergangene evolutionäre Ereignisse anstellen? R. Dawkins vergleicht das in Kapitel 1 mit einen Kommissar, der erst nach dem Verbrechen am Tatort eintritt und folglich auch kein Augenzeuge des Geschehens sein kann (vgl. S. 27). Skeptikern, die die Evolutionstheorie oft „nur“ als Spekulation/Theorie bezeichnen, kann man folgendes entgegnen: Eine einzige „Evolutionstheorie“, die alle Teilaspekte der Abstammung mit Abänderung erklärt, gibt es nicht. Wir sprechen daher heute von der Evolutionsbiologie, die ein System zahlreicher Theorien darstellt (Quelle 1, vgl. S. 168).

Von Ockham | Amazon

Der Essentialismus, welcher bis auf Platon zurückgeht, wird in Kapitel 2 angesprochen. Er war wohl dafür verantwortlich, dass Darwin erst so spät auf der Bildfläche erschien (vgl. S. 30). Darwin zog mit der Domestikation (Züchtung) gegen die angebliche Unveränderlichkeit der Arten zu Felde (vgl. S. 37). Ein bekanntes Beispiel ist die Umgestaltung des Wolfes zu den rund zweihundert Hunderassen durch den Menschen (vgl. S. 38).

Kapitel 3 beschreibt den Weg zur Makroevolution. Auch Tiere wie Insekten oder Kolibris kommen als Züchter in Frage (vgl. S. 58). Dies ist ein Beispiel für Koevolution (vgl. S. 98). Auf S. 73 kommen Schwebfliegen zur Sprache, die Wespen oder Bienen ähneln, aber keinen Stachel besitzen. Diese Art der Tarnung wird als „Mimikry“ bezeichnet (Quelle 2, vlg. S. 438). Wenn Arten nicht gegenseitig voneinander profitieren spricht man von „Rüstungswettlauf“, eine Art der Koevolution (vgl. S. 98).

Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Altersbestimmung (ab S. 101), speziell der Dendrochronologie (Altersbestimmung anhand von Baumringen, ab S. 104), es geht um radioaktive Uhren (ab S. 108) und die C-14-Methode (ab S. 122). Als stichhaltiger Evolutionsbeleg wird das zeitliche Auftauchen von z. B. fossilen Säugetieren in ganz bestimmten Schichten angeführt, die in früheren Schichten gerade eben nicht zu finden sind (vgl. S. 118).

In Kapitel 5 geht es um Langzeitexperimente des Bakteriologen Richard Lenski, dessen Forschungsgegenstand das Bakterium Escherichia coli ist (vgl. S. 135). Mit der Arbeit Lenskis wird das Dogma der „nicht reduzierbaren Komplexität“ untergraben (vgl. S. 152).

Evolutionsskeptikern empfiehlt R. Dawkins in Kapitel 6 sich auf die Suche nach anachronistischen Fossilfunden zu machen (vgl. S. 167). Besonders „schlaue“ Kreationisten bemerken bei einem neuen Fossilfund, welcher sich zwischen zwei Fossilfunde taxonomisch einordnen lässt, dass jetzt zwei Lücken entstanden seien. Dazu entgegnet R. Dawkins, dass die Evolution auch bewiesen werden kann, ohne sich auf Fossilfunde stützen zu müssen (vgl. S. 165). Die vergleichende Untersuchung heutiger Arten (Kapitel 10) und ihre geographische Verteilung (Kapitel 9) sind der Schlüssel dazu (vgl. S. 166 f.). In diesem Zusammenhang wird auf den Piltdown-Betrug eingegangen (vgl. S. 171). R. Dawkins verweist indirekt auf den Gradualismus, wenn er erwähnt, dass Evolution allmählich ablaufen muss. Große Sprünge in einer einzigen Generation sind ebenso unwahrscheinlich wie die göttliche Schöpfung. Der Leser erfährt, dass die irrige Forderung nach fehlenden Bindegliedern ihre Grundlage im Mythos der Großen Seinskette („the great chain of being“) hat (vgl. S. 177). Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, da die Evolution nicht auf den Menschen zugelaufen ist, wir sind auch nicht „das letzte Wort der Evolution“ (vgl. S. 181).
Der sensationelle Fund „Tiktalik“ schliesst die Lücke zwischen dem amphibienähnlichen Fisch Panderichthys und dem fischähnlichen Amphibium Acanthostega (vgl. S. 193). Meeresschildkröten sind vom Land ins Wasser zurückgekehrt. Erstaunlich ist, dass manche ihrer Vertreter die Entwicklung später sogar umdrehten und ein zweites Mal aufs Trockene zurückkehrten (vgl. S. 199)!

In Kapitel 7 (ab S. 208) geht es um die Evolution des Menschen. „Lucy“ wird als Zwischenform eines schimpansenähnlichen Vorfahren und uns Menschen vorgestellt (vgl. S. 231 f.). Der Gattungsname von Paranthropus boisei wurde zwei mal geändert, was die manchmal willkürliche Vorgehensweise bei der zoologischen Klassifikation zeigt – ein Streit um die biologische Systematik (vgl. S. 216 f.). Die Tatsache, dass die meisten Bindeglieder fehlen, macht eine Klassifikation mit verschiedenen Arten, Gattungen, Familien… überhaupt erst möglich (vgl. S. 223).

Kapitel 8 beschäftigt sich mit der Embryonalforschung. Hier wird auf den Konflikt zwischen zwei sich widersprechenden Lehren verwiesen, die Präformationstheorie und die Epigenese (vgl. S. 239), welche nicht mit der Epigenetik verwechselt werden sollte (vgl. S. 243). Bei der Epigenese handelt es sich um „Selbstmontage“ (vgl. S. 244). An dieser Übersetzung ist zu kritisieren, dass die Bezeichnung „Selbstorganisation“ (aus der in den meisten Fällen Emergenz entsteht, Quelle 3) gebräuchlicher ist – im engl. Original ist von „self-assembly“ die Rede (Quelle 4, vgl. S. 220). Am Beispiel der Programmierung des Schwarmverhaltens von Staren (vgl. S. 246) wird gezeigt, dass bei der Entwicklung Ordnung, Organisation und Struktur als Nebenprodukt aus Regeln erwächst, die nicht global sondern lokal befolgt werden. Es ist also keine zentrale Planung, kein Architekt notwendig (vgl. S. 247 f.). Für das „formieren“ von Zellen zieht R. Dawkins die Analogie des Papierfaltens (Origami) heran (vgl. S. 248). Nervenzellen, die aus dem Rückenmark oder Gehirn herauswachsen, finden ihren Weg zu ihrem Zielorgan durch chemische Anziehungskräfte, was mit einem Experimente des nobelpreisgekrönten Roger Sperry verdeutlicht wird (vgl. S. 262). Die Zelle als „chemische Fabrik“ kann unterschiedliche Substanzen „ausspucken“, abhängig davon, welches Enzymen vorhanden ist, und dies ist wiederum von eingeschalteten Genen abhängig (vgl. S. 273). Neben der natürlichen Selektion (vgl. S. 274) kommt auch die sexuelle Selektion zur Sprache, wenn sich potentielle Sexualpartner von ästhetischen Erwägungen leiten lassen (vgl. S. 283).

Artbildung ist das Thema des 9. Kapitels. Dabei ist von „Inseln“ die Rede, welches ein Modell der Evolution der Organismen in ihrer jeweiligen Umwelt meint (vgl. S. 285, engl. Original vgl. S. 253). Im Deutschen ist statt von „Inseln“ von der „adaptiven Landschaft“ die Rede (Quelle 2, vgl. S. 20). Auslöser für Artbildungsprozesse sind z. B. geographische Isolation (S. 288) oder die sympatrische Artbildung (S. 289). Dies wird anhand des Galapagos-Archipels verdeutlicht, auf welches Tiere über knapp tausend Kilometer Seeweg gekommen sein müssen, da es nie mit dem Festland verbunden war (vgl. S. 291). Die auf das Archipel gekommenen Schildkröten machten eine Evolution durch, die als „Insel-Riesenwuchs“ bezeichnet wird (vgl. S. 297). Ein weiteres Beispiel für Isolation ist die mehrere hundert Arten umfassende Buntbarschfauna des Victoria-, Tanganjika- und Malawisees (vgl. S. 300). R. Dawkins stellt an Kreationisten zu Recht die Frage, warum ein allmächtiger Schöpfer sich entschließen sollte, seine sorgfältig gestalteten Arten auf Inseln und Kontinenten genau nach dem Prinzip zu verteilen, die unwiderstehlich die Vermutung nahelegen, dass sie durch Evolution entstanden sind und sich von ihrem Entstehungsort aus verbreitet haben (vgl. S. 305). Welche Argumente gegen das Modell der „Grundtypen“ sprechen, erfahren Sie in der Quelle 5. Das Kapitel wird durch die Theorie der Kontinentalverschiebung (vgl. S. 309) bzw. die heutige Theorie der Plattentektonik (vgl. S. 310) abgerundet. Das Auseinanderdriften von z. B. Südamerika und Afrika sowie die Geschwindigkeit dieses Vorgangs ist ein Beleg für das gewaltige, unbiblische Alter der Erde (vgl. S. 313) – ein Stachel im Fleisch aller „Junge-Erde-Kreationisten“ (vgl. S. 320).

Kapitel 10 hat die Verwandtschaft zwischen Tieren zum Thema. Die Homologie wird anhand des Beispiels der Entsprechung unserer Finger und den langen Flügelknochen der Fledermaus erklärt (vlg. S. 322). Homologe Ähnlichkeiten sind solche, die von einem gemeinsamen Vorfahren ererbt wurden. Ähnlichkeiten, die auf gemeinsame Funktion aber nicht auf gemeinsame Abstammung zurückzuführen sind, werden „analog“ genannt (vgl. S. 351). Der Delphin verrät seine Abstammung von den Säugetieren dadurch, dass er den Schwanz auf und ab bewegt. Die seitliche Wellenbewegung der Fischwirbelsäule haben auch die Echsen und Schlangen geerbt (vgl. S. 334). Die Methode der Transformation (morphometrische Transformation) von D’Arcy Thompson wird vorgestellt, bei der ein Gittermuster auf mathematisch nachvollziehbare Weise verformt wird, bis sich die Form eines Tieres in die einer verwandten Spezies verwandelt hat (vgl. S. 347). Wird aus einer auf ein Gummituch gezeichneten menschlichen Hand nach Verzerrung die Hand einer Fledermaus, ist diese homolog. Mathematiker bezeichnen solche Strukturen als „homöomorph“ (vgl. S. 350). Außer dem anatomischen Vergleich kann auch die Molekulargenetik mit einbezogen werden (vgl. S. 353). Die DNA-Hybridisierung wird erläutert, die z. B. hinter der Aussage steht, dass Menschen und Schimpansen 98% ihrer Gene gemeinsam haben (vgl. S. 356). Der Unterschied zwischen den „Schmelzpunkten“ der Bindungen von DNA-Strängen ist ein Maß für den genetischen Abstand zweier Arten (vgl. S. 359). Die auf molekularer Ebene ablaufenden genetischen Veränderungen sind in ihrer Mehrzahl neutral. Damit wird auf die neutrale Theorie von Motoo Kimura verwiesen (vgl. S. 374). „Pseudogene“ hatten früher mal eine nützliche Funktion, wurden jetzt aber an den Rand gedrängt und somit nicht mehr transkribiert oder translatiert (vgl. S. 375). Die Phantasie der Kreationisten wird stark strapaziert, wenn sie einen überzeugenden Grund nennen sollen, warum ein intelligenter Gestalter ein Pseudogen erschaffen sollte, das keinerlei Funktion mehr ausübt und allem Anschein nach die ausgediente Version eines früher nützlichen Gens ist (vgl. S. 375). Wenn verglichen werden soll, vor wie vielen Jahren sich die Vorfahren zweier heute lebender Tiere getrennt haben, werden „fixierte“ Gene betrachtet (vgl. S. 378).

In Kapitel 11 geht es um „historische Überreste“ oder „Fehler“, die in der Evolution nachträglich korrigiert wurden (vgl. S. 384). Anstatt solch unintelligentes Design abzuliefern, hätte es ein Schöpfer – wie jeder Ingenieur auch – besser können müssen! Der gewundene, komplizerte Weg, der zum Blasloch des Delphins führte, legt Zeugnis von den auf dem Trockenen lebenden entfernten Vorfahren des Delphins ab (vgl. S. 384). Ebenso sind die noch heute vorhandenen Rudimente des Beckengürtels der Wale, Seekühe oder Sirenia ein Evolutionsbeleg (vgl. S. 384). Strauße und Emus tragen noch Stummelflügel als Erbe ihrer entfernten fliegenden Vorfahren, beim Kiwi sind noch Reste der Flügelknochen vorhanden und Moas haben die Flügel völlig verloren (vgl. S. 387). In der Heimat der Moas (Neuseeland) gibt es unverhältnismäßig viele flugunfähige Vögel, vermutlich weil es an Säugetieren fehlte und sich deshalb große ökologische Nischen auftaten (vgl. S. 387). Dort leben auch Kakapos, flugunfähige Papageien, die immer noch Flugversuche unternehmen, obwohl sie nicht mehr dafür ausgerüstet sind (vgl. S. 388). Des Weiteren geht es um das zurückgebildete Flügelpaar der Fliegen, die nur noch „Schwingkölbchen“ besitzen (vgl. S. 389), oder um Ameisenarbeiterinnen, die Flügel eingebüßt haben, aber nicht die Fähigkeit, welche vorzubringen (vgl. S. 392). Auch der Höhlensalamander ist ein Beleg für Evolution, da er zurückgebildete Augen besitzt, für die er keine Verwendung mehr hat. Warum sollte ein Schöpfer ihn mit Augenattrappen ausstatten, die eindeutig mit Augen verwandt sind, aber nicht funktionieren (vgl. S. 395)? Erklärt wird auch, dass schädliche Mutationen an den Genen zur Augenherstellung in völliger Dunkelheit nicht bestraft werden und positive Selektion das Wachstum schützender Haut über dem infektionsanfälligen Höhlen der Augen begünstigt (vgl. S. 397). Das Wirbeltierauge (und damit auch das menschliche Auge) hat „Fotozellen“, die nicht zur betrachteten Szene ausgerichtet sind (invers = verkehr herum) sowie den „blinden Fleck“ – R. Dawkins nennt diese die Konstruktion eines völligen Idioten (vgl. S. 399). Das Lieblingsbeispiel von R. Dawkins ist der Umweg des rückläufigen Kehlkopfnervs, der nicht Folge schlechter Konstruktion ist, sondern sich aus der Geschichte – der Evolution – ergibt (vgl. S. 401). Dann werden die „Kiemenbögen“ auch menschlicher Embryonen erwähnt, die eindeutig auf Kiemen unserer Vorfahren zurückgehen (vgl. S. 402). Daran ist zu kritisieren, dass man nicht von Kiemenspalte (-bögen/ -furche), sondern von Pharyngealbögen (-furche/-tasche) bzw. von Schlundbögen (-furche/-tasche) sprechen sollte, da es beim Menschen nicht zur Ausbildung eines Kiemenapparates kommt (Quelle 6, vgl. S. 148 f.)!

Kapitel 12 beschäftigt sich mit Übermaß und Vergeudung in der Natur – hier kommt der Rüstungswettlaufs zur Sprache (vgl. S. 420). Wussten Sie, warum Waldbäume so hoch wachsen? Weil sie gegeneinander konkurrieren! Würden sich alle Bäume auf ein maximales Höhenwachstum von z. B. drei Meter „gewerkschaftlich“ beschränken, könnten sie Holz und Energie einsparen (vgl. S. 423).
Ein weiteres Beispiel für einen Rüstungswettlauf ist der Gepard als Killer der Superlative und die Gazelle, die hervorragend dazu ausgerüstet ist, diesem Killer zu entkommen. Zu Recht fragt R. Dawkins, auf wessen Seite denn nun der „intelligente Designer“ stehe (vgl. S. 430)?
Wir Menschen können uns ökologisch betrachtet wie „kluge Räuber“ (nachhaltig) verhalten, wildlebende Räuber dagegen nicht (vgl. S. 435 f.). Abschließend wird die Frage beantwortet, warum es in der Evolution Leid gibt. Evolutionsbiologen sehen kein Problem im „Theodizee-Problem“, da Böses und Leiden in den Berechnungen zum Überleben der Gene nicht vorkommt (vgl. S. 441). Auch wenn nicht beantwortet werden kann, warum Schmerzen so stark sein müssen, können sie als „darwinistisches Hilfsmittel“ betrachtet werden, welches die Überlebensaussichten des Leidenden verbessern (vgl. S. 441 f.).

Die Schlupfwespe legt ein Ei in ihr Opfer, die Larve achtet dann ihrerseits darauf, die inneren Organe in der richtigen Reihenfolge aufzufressen! Welcher wohlwollende Gestalter hätte sich so etwas grausames ausgedacht (vgl. S. 444 f.)? Das Überleben der Gene ist eine hinreichende Erklärung dafür (vgl. S. 448).

In Kapitel 13 wird der Fehlschluss „argumentum ad consequentiam“ erklärt: Selbst wenn es stimmen würde, dass die Evolutionstheorie und ihre Behandlung im Unterricht der Unmoral Vorschub leisten würde, bedeutet es nicht, das sie deshalb falsch ist (vgl. S. 449).
Die DNA überlebt in einer unendlichen Reihe von Kopien (vgl. S. 453). R. Dawkins nennt noch drei weitere Wege, auf denen Informationen so archiviert werden können, dass sie in Zukunft zur Verbesserung der Überlebensaussichten nutzbar gemacht werden können: das Immunsystem, das Nervensystem und die Kultur (vgl. S. 454).
Unser Gehirn schliesst auch kollektive Erinnerungen (durch mündliche Überlieferung, Bücher, Internet) mit ein, die wir nicht auf genetischem Weg von früheren Generationen geerbt haben. Folgerichtig ist, dass R. Dawkins in diesem Zusammenhang es unterlässt, auf die Memtheorie zu verweisen – diese erklärt nämlich nicht, wie soziales Lernen funktioniert, somit ist sie explanatorisch trivial (Quelle 7, vgl. S. 13 f.). Warum Dawkins Unrecht hat: Eine Streitschrift Nach der häufigen Behauptung von Kreationisten widerspricht der zweite Hauptsatz der Thermodynamik der Evolution nicht, da die Sonnenenergie das Leben antreibt. Dieses Beispiel lässt sich als Parallele zur natürlichen Selektion verstehen, die die Komplexität des Lebens auf „den Gipfel der Unwahrscheinlichkeit“ schiebt (vgl. S. 465 f.). Zur Frage der Entstehung des Lebens wird auf Stanley Miller’s Versuche (S. 469), die Theorie der anorganischen Tonkristalle (S. 470), sowie die Theorie der RNA-Welt eingegangen (vgl. S. 471 f.). Da DNA und RNA in der Entstehung voneinander abhängig sind, wird mit der zuletzt genannten Theorie das Henne-Ei-Paradox gelöst.

44% der US-Amerikaner leugnen die Evolution völlig (vgl. S. 481). Mögen für einen großen Denker – wie R. Dawkins es ist – diese Missstände noch so traurig sein, entlässt er seine Leser trotz alledem mit einer Prise Humor. Er klärt darüber auf, dass 28% der Briten ihre naturwissenschaftlichen und historischen Kenntnisse offenbar von der Familie Feuerstein beziehen (vgl. S. 486). Wenn Sie nicht zu dieser Gruppe gehören möchten, kann ich Ihnen das Lesen des Buches nur wärmstens empfehlen!

Quellen:
Quelle 1: Designfehler in der Natur, U. Kutschera, 2014
Quelle 2: Evolution, Ein Lese- Lehrbuch, Hynek Burda u. Sabine Begall, 2009
Quelle 3: Wikipedia, Emergenz, Emergenz als disziplinübergreifendes Konzept
Quelle 4: The greatest show on earth, Richard Dawkins, 2009
Quelle 5: Internetseite der Ag-Evolutionsbiologie, Newsticker, Erläuterungen zum Grundtypmodell, Martin Neukamm, 27.01.2015
Quelle 6: Humanenbryologie: Lehrbuch und Atlas der vorgeburtlichen Entwicklung des Menschen, Klaus V. Hinrichsen, korrigierter Nachdruck 1993
Quelle 7: Meme, Meme, Meme: Darwins Erbe und die Kultur, M. E. Kronfeldner

Rätselhafte Bleche im Grab von Tutanchamun

Goldenes Blech aus dem Grab Tutanchamuns. (Foto: Christian Eckmann/Roemisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz)
Als Archäologen lange vergessene Goldplatten aus dem Grab des Pharaos analysierten, stießen sie auf eine Überraschung: Tierbilder, die für das Alte Ägypten untypisch sind.

Von Hubert Filser | Süddeutsche Zeitung

Als Howard Carter im Jahr 1922 die goldenen Bleche im Grab des Pharaos Tutanchamun fand, schenkte er ihnen keine allzu große Beachtung. Er dokumentierte die gut 100 Fundstücke, ließ sie fotografieren und verstaute sie in einer Holzkiste, die er mit „Harness“ – Zaumzeug – beschriftete. Im Jahr 2013 entdeckten Tübinger Archäologen um Peter Pfälzner die vergessenen Goldbleche wieder und begannen sie zu erforschen. „So ganz falsch lag Carter mit seiner Einschätzung gar nicht“, sagt Pfälzner heute. Ein Teil der goldenen, kunstvoll verzierten Bleche diente wohl einst tatsächlich als Beschlag von Zaumzeug. Die aktuellen Studien ergaben aber, dass die hauchdünnen Bleche weitaus häufiger Pfeilköcher und Bogenkästen verzierten. Man nähte oder klebte sie auf die Leder- oder Holzbehälter für die Waffen und schuf so kunstvolle Gegenstände, die den Pharaonen auch als Machtsymbole dienten.

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Querfront-Projekt endete als Farce

Kino Babylon. Foto: Jörg Zägel / CC BY-SA 3.0
Sie eint nur die Ablehnung von Nato, die USA und Israel – doch selbst in der Linkspartei gibt es einige, die zumindest klammheimliche Sympathien äußern

Von Peter Nowack | TELEPOLIS

Am Ende wurde die Preisverleihung zur Posse. Der Moderator Ken Jebsen, dessen Markenzeichen regressiver Antizionismus, verschwörungstheoretisches Denken und der Aufruf zu einem Links-Rechts-Crossover ist, sollte im vom Berliner Senat subventionierten Kino Babylon von der Neuen Rheinischen Zeitung einen Preis verliehen bekommen.

Doch kurzfristig hatte Ken Jebsen über ihn nahestehende Medien seine Absage erklärt. Es soll hinter den Kulissen Streit über einige der Gäste und Musiker gegeben haben. Nun könnte man sich über das verdiente Desaster eines Projekts freuen, das vom Kampf gegen Israel und den USA lebt. Wenn es eine Querfrontzeitung gibt, die einigermaßen funktioniert, dann ist es die Neue Rheinische Zeitung.

Der klangvolle Name der Publikation, in der auch Karl Marx publizierte, soll nicht täuschen. Heute ist es das Zeitungsprojekt einer kleinen Gruppe ehemaliger autoritärer Linker, die nach dem Ende des Nominalsozialismus nicht mehr links und rechts kennen wollten. Sie hofften, aus der Pegida-Bewegung eine Anti-Nato-Bewegung machen zu können.

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Das Märchen vom Abendland

Bild: Qantara.de
Die Berliner Ausstellung „Juden, Christen, Muslime“ zeigt die abenteuerlichen Wege des Weltwissens im Mittelalter und demontiert nebenbei die These, es gäbe ein christlich-jüdisches Europa.

Von Gustav Seibt | Qantara.de

Seit einigen Jahren ist vermehrt von den „jüdisch-christlichen Wurzeln“ des „Westens“ (oder des „Abendlands“) zu hören, vor allem wenn es darum geht, Europa vom Islam abzugrenzen. Das ist schon deshalb ziemlich heuchlerisch, weil es den Eindruck erweckt, das Miteinander von Juden und Christen sei eine zweitausend Jahre lange Woche der Brüderlichkeit gewesen. Zugleich unterschlägt es, dass Juden und ihre Gemeinschaften viele Jahrhunderte lang in den arabisch-osmanischen Reichen mehr Luft zum Atmen hatten als in der vormodernen Christenheit.

Die Verhältnisse waren viel komplizierter und reicher. Das wird am besten sichtbar, wenn man auf die Geschichte des Wissens blickt. Da kann eine nicht untypische Geschichte ungefähr so verlaufen: Im neunten Jahrhundert wurden im „Haus der Weisheit“, einer Übersetzerakademie im abbasidischen Bagdad, Texte der antiken Medizin von Hippokrates und Galen aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt. Von Bagdad gelangten sie ins muslimische Spanien und von dort in die christlichen Königreiche, und zwar nach Toledo.

Dort wurden diese arabischen Versionen griechischer Wissenschaft in der Mitte des zwölften Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt. An der Übersetzung beteiligten sich nicht selten des Arabischen kundige Juden, die (oft nur mündliche) Zwischenversionen in der romanischen Volkssprache erstellten, die danach von gelehrten Geistlichen in die abendländische Wissenschaftssprache Latein übertragen wurden. Damit wurden diese Texte für den Rest Europas zugänglich und konnten in den akademischen Unterricht von Paris oder Köln eingespeist werden.

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Linda W. schloss sich als 15-Jährige dem IS an: „Hab‘ mir damit mein Leben ruiniert“

Mit 15 zog Linda W. in das Kalifat des IS. Später habe sie sich gefragt: „Warum bist du Idiot hergekommen?“ (Symbolbild) © Getty Images
Mit 15 Jahren brach Linda W. in der sächsischen Provinz auf und zog in den „Islamischen Staat“. Eineinhalb Jahre später ist der IS gebrochen und Linda W. hat nur einen Wunsch: Sie will zurück nach Deutschland. Doch wie soll das gehen?

Von Petra Gasslitter | stern.de

Jeder kennt Linda W. Die junge Frau aus Pulsnitz in Sachsen, die ihre Familie zurückließ, mit nichts als einem Vermerk „Bin Sonntag gegen um 16 Uhr wieder da, Linda“. Die junge Frau, die dann aber nicht wiederkam. Die stattdessen einen Flug nach Istanbul nahm, dann nach Syrien weiterzog, um sich mit 15 Jahren dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen. Die heiratete, offenbar, einen Kämpfer mit tschetschenischen Wurzeln. Die im Sommer dieses Jahres im irakischen Mossul festgenommen wurde. Bei ihrer Festnahme trug sie rötliches Haar und ein gestreiftes Halstuch, die Bilder gingen um die Welt. Jeder kennt Linda W., seitdem.

Linda W. sagt über sich: „Ich hab mir mein Leben damit ruiniert, ich komme nur mit körperlichen Beschwerden wieder und hab mir meine Zukunft versaut, auf Deutsch gesagt. Alle kennen mich, alle wissen, wie ich aussehe, ich kann nirgends mehr hingehen, ohne erkannt zu werden, und ich finde wahrscheinlich nicht mal eine Arbeit mehr, und alle werden sagen, so was stellen wir sowieso nicht ein.“

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Eine Schwester, ein toter Papst und eine Lüge

© Bild: KNA
Johannes Paul I. starb am 29. September 1978 nach nur 33 Tagen im Amt. Seine Haushälterin Margherita Marin musste 39 Jahre warten, um ihre Version vom Tod des Papstes zu erzählen.

Von Thomas Jansen | katholisch.de

Schwester Margherita Marin erinnert sich noch gut an diesen einen Satz: „Heiliger Vater, Sie dürfen nicht solche Scherze mit mir machen“. Doch der Heilige Vater machte keine Scherze mehr. Als der so Angesprochene keine Antwort gab, betrat ihre Mitschwester beherzt das päpstliche Schlafzimmer. Im Bett fand sie einen toten Papst: Johannes Paul I.

39 Jahre musste sie mit ihrer Enthüllung warten

Schwester Margherita musste 39 Jahre warten, bis sie ihre Version jenes 29. Septembers 1978 erzählen durfte. Die italienische Ordensfrau ist die letzte Überlebende der vier Haushälterinnen des 33-Tage-Papstes. In einem Interview des Internetportals „Vatican Insider“ schilderte die heute 76 Jahre alte Italienerin nun einige bislang unbekannte Details über die Auffindung des toten Papstes. So enthüllt sie etwa, was Johannes Paul I. unmittelbar vor seinem Tod gelesen hat.

Der Vatikan hatte Schwester Margherita totgeschwiegen. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte: dass ein verstorbener Papst von Frauen aufgefunden wird.

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Der Meteorit, der Leben auf der Erde fast zerstörte – und neu belebte

Image Credit: NASA/Don Davis
Vor 66 Millionen Jahren tötete ein Meteoriteneinschlag vor Mexiko weltweit Pflanzen und Tiere. Nun zeigen Bohrungen: Der Crash sorgte auch für ein Wiederaufblühen des Lebens.

Von Christoph Seidler | SpON

Vom Berliner Funkturm zur Rummelsburger Bucht, von den St. Pauli-Landungsbrücken nach Langenhorn, von der Dresdner Frauenkirche nach Radeberg oder vom Schloss Heidelberg zum Hockenheimring – jede dieser Strecken misst etwa 14 Kilometer Luftlinie. Höchstwahrscheinlich fallen Ihnen noch bessere Beispiele aus Ihrem direkten Umfeld ein. Sie könnten beim Verständnis helfen – denn ungefähr 14 Kilometer groß soll der Meteorit gewesen sein, dessen Einschlag vor 66 Millionen Jahren das Leben auf der Erde radikal veränderte.

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Boris Johnson wirbt für Lebensmittel aus Fukushima

Großbritanniens Außenminister Boris Johnson, hier am 7. Dezember in London, hat den Geschmack von Pfirsichen aus Fukushima gelobt. Foto: Victoria Jones
Der britische Außenminister Boris Johnson ist die neuste Werbefigur für die japanische Regierung.

Frankfurter Rundschau

Knapp sieben Jahre nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima wirbt die Regierung des Landes für die Unbedenklichkeit von Produkten aus der Region. Nun hat sie den britischen Außenminister Boris Johnson als Werbefigur entdeckt.

Während einer britisch-japanischen Sicherheitskonferenz in London in dieser Woche trank Johnson eine Dose mit Pfirsichsaft aus Fukushima aus, wie in einem kurzen Videoclip auf dem Twitter-Account des japanischen Außenministers Taro Kono zu sehen ist.

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Diese Parasiten befielen schon die alten Griechen

Eier eines Peitschenwurms, der offenbar schon die alten Griechen befiel. © Elsevier
Antike Plagegeister: Aus den Schriften des Mediziners Hippokrates wissen wir, dass die alten Griechen bereits unter lästigen parasitischen Würmern litten. Archäologen haben nun herausgefunden, um welche Spezies es sich dabei gehandelt haben könnte. Sie stießen in alten Gräbern auf die Eier von zwei Wurmarten – Parasiten, die zu den Beschreibungen aus den antiken Texten passen. Damit liefern sie den ersten handfesten Beleg für die Existenz parasitischer Würmer im alten Griechenland.

scinexx

Der griechische Arzt Hippokrates von Kos ist heute für das von ihm erdachte Konzept der Humoralpathologie bekannt. Vor seiner Zeit sahen die Menschen in der Antike Krankheit noch als Werk der Götter an. Hippokrates aber suchte im fünften Jahrhundert vor Christus die Ursache für medizinische Leiden erstmals im Inneren des Körpers: Er erklärte die Entstehung von Krankheit mit einem Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle – eine Vorstellung, die sich mehr als 2.000 Jahre lang hielt.

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Kein taugliches Modell für Europa

Unruhige Zeiten. Die Muslime in Indien unterhöhlen die Säkularität des Landes. Bild: Keystone
Die Sonderstellung der islamischen Minderheit in Indien als warnendes Beispiel. Wenn zugewanderte Muslime in ihren Parallelgesellschaften nach Scharia-Recht leben, kann man das Projekt Integration vergessen.

Von Bassam Tibi | Basler Zeitung

Das indische Modell eines Pluralismus der Religionen in einem säkularen Staat ist gefährdet. Indien ist die grösste Demokratie ausserhalb des Westens; dort ist auch die islamische Minderheit mit 217 Millionen Menschen die grösste dieser Art in der Welt. Seit einigen Monaten gibt es in Indien Unruhe- und Gewalttaten zwischen Hindus und Muslimen.

Dies weckt Ängste in Bezug auf frühere Zeiten, die bis 1947 zurückgehen, als Grossindien geteilt wurde in einen islamisch-konservativen Staat, Pakistan, und ein säkulares Kern-Indien. Pakistani und andere Muslime nennen das säkulare Indien ein Hindu-Indien, weil dort 60 Prozent der Wohnbevölkerung aus Hindus besteht. Das ist eine Verfemung, weil Indien per Verfassung ein säkularer Nationalstaat ist.

Ich habe diese Probleme in den vergangenen zwanzig Jahren durch mehrere Indien-Aufenthalte studieren können. Indien habe ich positiv erfahren als Hort des Friedens zwischen allen Religionen. Alle Weltreligionen sind dort repräsentiert. Können Europäer von Indien lernen? Bietet die islamische Minderheit in Indien ein Modell für Europa?

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Vor 75 Jahren besiegelte der „Auschwitz-Erlass“ den Mord an den Sinti und Roma

KZ Auschwitz, Einfahrt. Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA 3.0
Seit 1994 wird am 16. Dezember der verfolgten und ermordeten Sinti und Roma gedacht. Heinrich Himmlers „Auschwitz-Erlass“ leitete vor 75 Jahren den Genozid im Vernichtungslager ein.

Von Dirk Baas | MiGAZIN

Sie kamen in Gaskammern ums Leben, verhungerten oder starben an Seuchen. Während der NS-Gewaltherrschaft wurden in Europa bis zu 500.000 Roma und Sinti ermordet. Am 16. Dezember 1942, vor 75 Jahren, besiegelte das NS-Regime den Völkermord formell: Im nicht erhalten gebliebenen „Auschwitz-Erlass“ ordnete SS-Führer Heinrich Himmler die Deportation aller noch im Reich lebenden Sinti und Roma an. Am 15. Dezember erinnert der Bundesrat in einer Gedenkstunde an die Opfer.

Der Befehl stellte eine Zäsur in der Verfolgung dar, betont Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas: „Die Einweisung in das eigens eingerichtete ‚Zigeunerfamilienlager‘ in Auschwitz-Birkenau bildete den Auftakt für ihre systematische Ermordung ab 1943.“

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