Archiv der Kategorie: Geschichte

Das Dilemma der assimilierten Juden

Die Stärke der Juden liegt in ihrer Schwäche. Zumindest was die Schwäche der Menge betrifft. Auf der ganzen Welt leben nach offiziellen Statistiken rund 13,2 Millionen Juden; davon knapp 5 Millionen in Israel und über 8 Millionen in der Diaspora; vorwiegend in Nordamerika und im europäischen Osten. In Wien leben ca. 14.000 Juden, davon sind nur die Hälfte Mitglieder der Kultusgemeinde. In Deutschland beträgt die Zahl der Juden rund 100.000.


Von Peter Stiegnitz|haGalil.com

Bild: bb
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Die Stärke der Juden liegt in ihrer Schwäche. Zumindest was die Schwäche der Menge betrifft. Auf der ganzen Welt leben nach offiziellen Statistiken rund 13,2 Millionen Juden; davon knapp 5 Millionen in Israel und über 8 Millionen in der Diaspora; vorwiegend in Nordamerika und im europäischen Osten. In Wien leben ca. 14.000 Juden, davon sind nur die Hälfte Mitglieder der Kultusgemeinde. In Deutschland beträgt die Zahl der Juden rund 100.000.

Im Gegensatz zu diesem geringen Anteil der Juden in Österreich und in der Welt scheint ihre Bedeutung groß zu sein. Das vor allem im Spiegel des Antisemitismus, aber auch – wenn auch bedeutend minimaler – in philosemitischen Kreisen. Dass rechtsgerichtete Medien, vor allem in den ehemaligen kommunistischen Ländern, ständig von der „zunehmenden Gefahr des internationalen Judentums“ faseln, ist bekannt und nicht mehr nennenswert. Leider lassen auch linke und liberale Medien keine Gelegenheit aus, um – völlig unsicherer Weise – von „jüdischen Künstlern“ oder von „jüdischen Wissenschaftlern“ zu berichten.

Die so genannte „jüdische Szene“ – und dazu zähle ich jetzt alle religiösen oder nicht-religiösen Juden, die sich dazu bekennen – teilt sich vor allem in Österreich und in Deutschland in drei Kategorien:
• Die „Richter“ unter den Diasporajuden nehmen sich das Recht, „im Namen der Opfer“ des Holocaust über Antisemitismus-Ja oder Antisemitismus-Nein zu urteilen, wobei der Freispruch des „Nein“ Seltenheitswert besitzt.
• Die „Rächer“ bilden sich ein, die „Exekutivorgane“ der „Richter“ zu sein; sie lieben die Tat und verabscheuen die Analyse der jeweiligen Situation, die unter Umständen auch zu anderen Schlüssen als denen der „Richter“ führen könnte. Sie wollen es auch nicht verstehen, dass 1933 in Deutschland und 1938 in Österreich die Menschen anders denken und handeln mussten, als man es heute von ihnen verlangt.
• Die wohl undankbarste Rolle unter den Diasporajuden haben die so genannten „Renegaten“ übernommen. Ohne die Taten der NS-Mörder und ihrer Helfershelfer zu entschuldigen, bemühen sich die „Renegaten“ um ein historisches Verständnis. Ihre Aufgabe ist keineswegs das Verzeihen, sondern das Verständnis. Sie sind die eigentlichen Träger der Idee von Franz Vranitzky, der als erster Regierungschef von Schuld und Verantwortung der Österreicher in der NS-Mordmaschinerie sprach, aber auch jedwede Kollektivschuld verurteilte.
Diese „Renegaten“ bilden – auch hier wartet auf sie eine undankbare Rolle – die Untergruppe der assimilierten Juden, die ihr „Judentum“ nicht religiös bindet, sondern die sich als Angehörige einer überwiegend negativ determinierten „Schicksalsgemeinschaft“ betrachten.

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Hilfe, existiert das Deutsche Reich etwa noch?

“Königreich Deutschland” steht auf einem Briefkopf des selbst ernannten “Königs von Deutschland” Peter Fitzek. Ähnliche Amtsanmaßungen, die sogar ernst gemeint sind, begehen auch manche Anhänger der “Reichsbürgerbewegung” Foto: picture alliance / dpa
“Völkerrechtssubjekt ,Deutsches Reich'”: Diese Mitteilung der Bundestagsverwaltung sorgt für Aufregung in den sozialen Netzwerken. Dabei ist die staatsrechtliche Lage der Bundesrepublik ganz klar.


Von Antonia Kleikamp|DIE WELT

Niemand ist gefeit davor, vorsätzlich missverstanden zu werden. Insofern ist weder dem Deutschen Bundestag noch der Bundesregierung und auch nicht dem Auswärtigen Amt ein Vorwurf zu machen. Obwohl doch eine an sich unverdächtige Pflichtmitteilung von gerade einmal hundert Wörtern plötzlich zum Aufreger geworden ist.

Dabei handelt es sich eigentlich nur um eine Kleine Anfrage der Linkspartei, wie sie die Sozialisten ähnlich dutzendfach jedes Jahr stellen. Die Fragen sind offenbar vorsätzlich so formuliert, dass die Regierung sie weder beantworten kann noch muss.

Wie soll etwa ein Regierungsmitglied ernsthaft Ansichten kommentieren, die vor 18 Jahren ein inzwischen emeritierter Saarbrücker Staatsrechtler zum Potsdamer Abkommen 1945 geäußert hat? Derlei steht in einer freien Gesellschaft mit freier Forschung keiner Regierungsstelle zu.

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New Horizons Is Finally Close Enough to Confirm That Pluto Is Red

In the 85 years that we’ve known about Pluto, it’s never been more than a blurry dot—even through our most powerful Earth-orbiting telescopes. But thanks to NASA’s New Horizons spacecraft, currently approaching Pluto for its long-awaited flyby on on July 14th, we now have a better idea than ever of what the dwarf-planet really looks like.


By Adam Owen|MOTHERBOARD

Most popular renderings of Pluto are a cooler bluish grey. This is perhaps a result of our conception of the body as comprised mostly of ice, which we know to be blue or white on Earth. But last week, NASA has released new renderings that confirm we’ve been picturing it wrong all along. Pluto is red.

According to NASA, “the reddish color is likely caused by hydrocarbon molecules that are formed when cosmic rays and solar ultraviolet light interact with methane in Pluto’s atmosphere and on its surface.” And although Pluto’s reddish colouring has been known for decades, this is the first time it has been directly observed.

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The Science Of Race, Revisited

Ann Ronan Pictures/Print Collector/Getty Images
There’s no doubt that different groups of people can look very different from one another. But to contemporary anthropologists and sociologists, the notion that there are distinct “races” of human beings, each with its own specific attributes, doesn’t make much sense. 


By David Freeman|The Huffington Post

The same goes for biologists like Stanford University’s Dr. Marcus Feldman, who has done pioneering research on the differences between human populations.

Recently, HuffPost Science posed several questions about race and racism to Feldman. Here, lightly edited, are his answers.

Does the concept of race have any scientific validity? Or have biologists discarded the term?

Many biologists have replaced the term “race” with “continental ancestry.” This is because such a large fraction of the world has ancestry in more than one continent. The result is hyphenated nomenclature, which attempts to specify which continents are represented in one’s ancestry.

For example, our president is as European in his ancestry as he is African. It is arbitrary which of these an observer chooses to emphasize. Obama’s opponents overtly and by implication denigrate him because of his African ancestry. But he is equally European.

How did the concept of race originate?

Probably from Aristotle’s predilection with classification. But more recently with [German physician Johann Friedrich] Blumenbach’s classification in 1775 of the five human races.

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Mikroorganismen auf dem Kometen?

Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko, aufgenommen mit Rosettas OSIRIS-Kamrea aus 285 Kilometern Entfernung, am 3.August 2014. © ESA / OSIRIS-Team
Kometen als Lebensbringer? Mikroorganismen sollen zum Teil für die merkwürdigen Eigenschaften des Rosetta-Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko verantwortlich sein. Dieser gewagten Hypothese zweier Astrobiologen zufolge bietet der Komet während seines Vorbeiflugs an der Sonne lebensfreundliche Bedingungen für solche Organismen. Derart besiedelte Kometen könnten dann auch der Ursprung irdischen Lebens sein.


scinexx

Bilder und Daten vom Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko zeigen eine fremdartige und überraschend vielseitige Welt: Die ESA-Raumsonde Rosetta fand auf dem Kometen Eisschichten unter einer kohlschwarzen Kruste aus Staub und schroffe Klippen im Wechsel mit staubigen Ebenen. Einige Regionen erinnern an gefrorene Seen. Kreisrunde Löcher deuten auf eingestürzte Hohlräume hin. Parallele Gräben zeugen von Rissen im Eis, vermutlich entstanden durch die Rotation des asymmetrischen, zweiteiligen Kometen.

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„Katholizismus gilt als Götzendienst“

Rabbi Daniel Sperber meint: Jüdischem Extremismus muss theologisch das Wasser abgegraben werden.


Von Oliver Maksan|Die Tagespost

Rabbi Daniel Sperber. Foto: Oliver Maksan

Rabbi Daniel Sperber lehrte viele Jahre an der Bar-Ilan-Universität jüdische Studien und ist Verfasser zahlreicher theologischer Bücher. Er wird dem Spektrum der Modernen Orthodoxie zugerechnet. 1992 wurde Sperber mit dem renommierten Israel-Preis geehrt. Er gehört der Kommission des israelischen Chefrabbinats für interreligiöse Fragen an. In dieser Eigenschaft traf er mit allen Päpsten seit Johannes Paul II. zusammen. Rabbi Sperber lebt in Jerusalem.
Rabbi Sperber, jüdische Extremisten haben kürzlich auf das Brotvermehrungskloster in Tabgha einen schweren Brandanschlag verübt. Davon geht die Polizei aus. Sind das isolierte Täter oder reflektieren sie einen breiteren Trend im Judentum Israels?

Beides ist richtig. Es ist Teil eines breiteren Phänomens. Es ist aber nicht so, als ob dahinter eine Organisation stünde. Insofern sind es Einzeltäterattacken. Es gibt im nationalreligiösen Judentum einige extrem rechte Strömungen. Sie repräsentieren sicher nicht das ganze Spektrum des religiösen Zionismus. Aber an den Rändern gibt es ein starkes anti-christlich eingestelltes Element. Diese Ideen sind Teil der Erziehung. Ich weiß aber nicht, wie explizit diese anti-christlichen Ideen geäußert werden oder ob sie eher mitschwingen. Besonders junge Leute aber, Teenager meist, möchten ihre in der Schule oder Familie gewonnenen Überzeugungen ausdrücken. Sie sehen das Christentum, vor allem den Katholizismus, als götzendienerische Religion.

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Marx und Engels – Kinder ihrer Zeit

Bild: juedischerundschau.de
Die Urväter des Kommunismus und ihre Ausfälle gegen Juden


Von Maximilian Breitensträter|Jüdische Rundschau

„Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“

Harter Tobak. Stammen diese das Judentum mit voller Breitseite schmähenden Aussagen etwa aus der Nazi-Hetzschrift „Der Stürmer“? Nein. Aus der Feder des Stichwortgebers des modernen Antisemitismus, Wilhelm Marr? Weit gefehlt. Jener, der sich da so abwertend und judenfeindlich äußert, ist niemand Geringeres als der Urvater aller Sozialisten und Begründer der kommunistischen Ideologie, Karl Marx. In seinem 1843 erstmalig publizierten Aufsatz mit dem programmatischen Titel „Zur Judenfrage“, aus dem auch das obige Zitat stammt, setzt sich Marx mit dem Verhältnis der jüdischen Minderheit zum christlichen Staat auseinander. Konkret geht es ihm um die zu dieser Zeit tagesaktuelle Frage der Emanzipation, also der rechtlichen Gleichstellung der Juden mit ihren Mitbürgern. Es geht damit um ein zentrales Anliegen der jüdischen Haskala-Aufklärungsbewegung.

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Dodo Käßmann nimmt an Gedenkfeier für den Reformator Jan Hus in Prag teil

Margot Käßmann, die Botschafterin des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017, nimmt am Sonntag in Prag am offiziellen Gedenken für den böhmischen Reformator Jan Hus teil. Vor ihrer Abreise in die tschechische Hauptstadt erinnerte Käßmann in einer am Samstag in Hannover veröffentlichten EKD-Presseerklärung daran, dass Hus neben Martin Luther und Johannes Calvin zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Reformationszeit gehörte.


kathweb

Margot-Kässmann
Jan Hus, um 1370 im tschechischen Husinec geboren, wirkte als Rektor der Universität und als Prediger in Prag und setzte sich für Reformen in der Kirche ein. Im Sommer 1415 sollte er vor dem Konstanzer Konzil seine Lehren zurücknehmen, was er verweigerte. Er wurde als Ketzer zum Tod verurteilt und am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die Reformation, so Käßmann, “war eine Erneuerungsbewegung, die von vielen getragen wurde und schon im 15. Jahrhundert begann”. Deshalb werde es 2017 auch “keinen deutschen Lutherkult geben, sondern ein internationales Reformationsjubiläum”. Käßmann folgt einer Einladung der “Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder” und der “Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche”.

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Der Unbeugsame aus Prag

Seine intensive Lektüre der Bibel machte ihn zu einem scharfen Kritiker der Kirche. Jan Hus (um 1370-1415) verlangte eine radikale Neuorientierung. Dafür bezahlte der böhmische Reformator mit dem Leben.


Von Marcus Mockler (epd)/ Christoph Vetter|EKD

Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Bild: wikimedia.org/PD

Wenn am Bodensee derzeit an das berühmte Konzil von Konstanz (1414-1418) erinnert wird, das vor 600 Jahren stattfand, dann gehört auch die Erinnerung an die Verbrennung des Priesters aus Prag am 6. Juli 1415 dazu. Selbst ein König wurde im Skandalprozess gegen Hus wortbrüchig: Der deutsche König Sigismund sicherte Hus freies Geleit für Hin- und Rückreise und die Zeit des Aufenthalts zu.

Über die Kindheit von Jan Hus ist wenig bekannt. Er hatte wohl eine fromme Mutter, besuchte die Lateinschule und studierte dann in Prag unter anderem Theologie und Philosophie. Seine Begabung zum Predigen scheint außergewöhnlich gewesen zu sein. Zwei Jahre nach seiner Priesterweihe bekam er die Predigtstelle in der Bethlehemkapelle in der Prager Altstadt. Bis zu 3.000 Menschen hatten dort Platz, und Hus hielt 200 Predigten im Jahr.

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Augenzeugen der Conquista

Habgier war ihr Motiv, Mord ihr Mittel. Skrupel kannten sie nicht, und Mitleid war ihnen fremd. Seit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus (1492) strömte eine wachsende Zahl von Abenteurern in die Neue Welt, viele von ihnen Desperados wie der ehemalige Schweinehirt Franzisco Pizarro (1475-1541), die in der Fremde zu finden hofften, was sie in der Heimat nicht bekamen: “oro y gloria”, Gold und Ruhm.


Von Theodor Kissel|Spektrum.de

Celso Gargia, Caspar de Carvajal, Samuel Fritz Die Eroberung von Peru Evamaria und Robert Grün (Hg.) Verlag: Edition Erdmann, Wiesbaden 2015 ISBN: 9783737400145 24,00 €
Celso Gargia, Caspar de Carvajal, Samuel Fritz
Die Eroberung von Peru
Evamaria und Robert Grün (Hg.)
Verlag: Edition Erdmann, Wiesbaden 2015
ISBN: 9783737400145
24,00 €

Robert und Evamaria Grün sind ausgewiesene Kenner auf dem Gebiet der Historischen Geographie und des Zeitalters der Entdeckungen. In ihrem neuen, äußerst lesenswerten Buch lassen sie drei Zeitzeugen zu Wort kommen, die in persönlichen Tagebüchern den welthistorisch so bedeutsamen wie folgenschweren Kulturkontakt zwischen Alter und Neuer Welt reflektierten. Ansätze für eine friedliche Koexistenz findet man darin kaum; meist drehen sich die Texte um blutige Auseinandersetzungen zwischen den spanischen Kolonialherren und der indigenen Bevölkerung Perus.

Im Irrsinn des Goldrauschs

Befeuert von dem verheißungsvollen Gerücht über ein legendäres Goldland “El Dorado” zog es um die Mitte des 16. Jahrhunderts Hunderte Hasardeure in die dünne Luft der Anden und in die grüne Hölle des Amazonas, um für die spanische Krone Land in Besitz zu nehmen. Die rechtliche Voraussetzung dafür schufen die “capitulationes”, staatliche Eroberungslizenzen, mit denen Spaniens König Karl V. die Kolonisierung Amerikas für private Investoren freigab und diesen ein befristetes Monopol zur kommerziellen Ausbeutung des Lands gewährte.

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“Die Homo-Ehe ist nur eine Frage der Zeit”

Deutschland tut sich schwer mit der Homo-Ehe, dabei wurde hier die Homosexualität erfunden, sagt Robert Beachy. Wie er das meint und was das Ende des deutschen Kaiserreichs für Homosexuelle bedeutete, erklärt der US-Historiker hier.


Von Alexander Sarovic|SpON

cartoon-herzSPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Deutschland die Homo-Ehe einführen wird?

Beachy: Ja. Das ist nur eine Frage der Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt nach wie vor politischen Widerstand. Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Beachy: Der allgemeine historische Trend spricht für die Einführung der Homo-Ehe. Außerdem wäre sie ein weiterer Schritt in der langen Geschichte der Homosexuellenbewegung in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch “Das andere Berlin” bezeichnen Sie Homosexualität sogar als eine “deutsche Erfindung”.

Beachy: Die Vorstellung, dass Homosexualität angeboren ist, entsteht in Deutschland in den Fünfziger, Sechziger- und Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit halten die meisten Homosexualität für eine Perversion. Es sind deutsche Ärzte, Wissenschaftler und Aktivisten, die erstmals sagen: Nein, das ist keine Krankheit, sondern ein Teil des Wesens einer Gruppe von Menschen. So prägen sie unser heutiges Verständnis von Homosexualität.

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“Die Gier ist älter als der Kapitalismus”

Welche Wirtschaftsform entspricht am ehesten der Natur der Menschen? Hat die Evolution den Kapitalismus befördert? Um eine Antwort zu finden, hat sich Professor Eckart Voland ziemlich lange mit Topmanagern beschäftigt – und mit Affen.


Von Ann-Kathrin Eckardt|Süddeutsche.de

Was ist uns zentral? (CC-by.2.0 von wahlkampf09)
Was ist uns zentral? (CC-by.2.0 von wahlkampf09)

Als Professor für Biophilosophie hat Eckart Voland an der Uni Gießen 20 Jahre lang Verhaltensprofile von gefangen gehaltenen Halbaffen untersucht oder die Evolution des Gewissens analysiert. Viele Interviews hat er gegeben, doch bei dieser Anfrage hat er gezögert. Nicht, weil er seit drei Monaten in Rente ist, sondern weil er über den Kapitalismus und die Natur des Menschen reden soll. Mit diesem Thema hat er sich schon mal Ärger eingehandelt. Nach einem Vortrag musste er sich wüst beschimpfen lassen. “Ihr Kapitalismus ist so natürlich wie Polyester” war eine der harmloseren Tiraden. Aber dann hat er doch zugesagt. Gut gelaunt empfängt er in seinem leergeräumten Büro.

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Die Rolle der Juden in der christlichen Heilsgeschichte

“Heilsgeschichte” ist ganz allgemein jede religiöse Interpretation von Geschichte, und dazu gehören auch die christlichen Vorstellungen der “Endzeit”. Da das Christentum dem Judentum entspringt, gehört den Endzeitvorstellungen auch eine Positionierung gegenüber dem Judentum.


Von Ulrike Heitmüller|TELEPOLIS

Brennende Synagoge 1938 (Bild: Jewish Virtual Library, Public Domain)
Brennende Synagoge 1938 (Bild: Jewish Virtual Library, Public Domain)

Wie Christen Juden sehen, hat sich im Lauf der Zeiten immer wieder geändert. Das Spektrum ist breit und oft ambivalent, die Themen überlappen sich. Aber es gibt Schwerpunkte: Erstens den allgemein verbreiteten völkischen Rassismus vor 1945. Zweitens die in gewissen evangelikalen Kreisen verbreitete Naherwartung nach Kriegsende – der Massenmord sei ein Gericht Gottes gewesen, die Juden müssten nach Palästina “zurückkehren”, damit Jesus auf die Erde zurückkommen und die Welt erlösen könne.

Mein Großvater Friedrich Heitmüller, Leiter der Freien evangelischen Gemeinde Hamburg und Direktor des Diakoniewerkes Elim, vertrat diese beiden Sichtweisen in beispielhafter Weise. Drittens, vor allem seit den 1980er Jahren, ein inzwischen oft politisch orientierter christlicher Zionismus. Und viertens Judenmission – existent seit den Anfängen des Christentums und gerade aktuell, weil entsprechende Gruppen auf dem Kirchentag nicht aktiv sein dürfen.

Tanach und Altes Testament: eine gemeinsame Heilige Schrift

Der Tanach – für Christen: das “Alte Testament” (AT) – beinhaltet die Heiligen Schriften der Juden. Die Bibel – bestehend aus Altem und Neuen Testament (NT) ist das Heilige Buch der Christen. Der so genannte “Kanon”, also was als Bestandteil festgelegt wurde, stimmt, was das AT betrifft, zwischen Judentum und Christentum nicht ganz überein, und was die Bibel betrifft, auch nicht zwischen orthodoxen, katholischen und evangelischen Christentum.

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Entdeckt:der Hundertfüßer aus der “Hölle”

Photo credit: Geophilus hadesi. Photo taken in situ in the Lukina jama–Trojama cave system, 980 meters (3,215 feet) below the surface, August 2011. J. Bedek CC-BY 4.0
Eine der tiefsten Karsthöhlen der Welt in Kroatien offenbart eine kleine zoologische Sensation: ein Spitzenraubtier für die Unterwelt.


Von Daniel Lingenhöhl|Spektrum.de

Höhlen bilden ein ganz eigenes Ökosystem mit einer ganz eigenen Tierwelt, die im Dunkeln haust. Das belegt eine Art, die Biologen um Pavel Stoev von der Croatian Biospeleological Society in den Karsthöhlen des kroatischen Velebit-Gebirges entdeckt und neu beschrieben wurde: Geophilus hadesi, der Hadeshundertfüßer lebt noch in Tiefen von mehr als 1100 Metern unter der Erdoberfläche – was ihn zu einem der am tiefsten lebenden Organismen der Erde macht. Benannt nach dem griechischen Herrscher der Unterwelt kennzeichnen typische Merkmale den Gliederfüßer: Wie viele andere Höhlenbewohner besitzt er keine Augen – die in der Dunkelheit wenig nützen –, dafür aber verlängerte Fühler, mit denen er nach Beute und Hindernissen tastet. Um nicht unvermittelt in den Spalten abzustürzen, weisen seine Füße kräftige Klauen auf, mit denen er sich gut am Gestein festhalten kann. Zudem verfügt er wie seine oberirdisch lebenden Verwandten über Giftdrüsen an den Kieferwerkzeugen, mit denen er Beute fest packen kann.

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Kurios: Spinnen “segeln” auf dem Wasser

Diese Spinne nutzt einen SPinnenfaden als Anker, um nicht unkontrolliert abgetrieben zu werden. © Alex Hyde
Gewiefte Seefahrer: Spinnen sind keineswegs hilflos, wenn sie ins Wasser fallen – ganz im Gegenteil. So strecken einige ihre Beine oder den Hinterkörper wie Segel in die Höhe, um sich vom Wind vorantreiben zu lassen. Andere werfen Spinnennetze aus, um sich an der Wasseroberfläche zu verankern. Wieder andere trippeln mit Hilfe ihrer wasserabweisenden Beine auf der Oberfläche entlang, wie Forscher im Fachmagazin “BMC Evolutionary Biology” berichten.


scinexx

Spinnen haben mehr Bewegungstricks auf Lager als einfach nur zu krabbeln: Einige schlagen Flickflacks, andere nutzen Spinnfäden und sogar kleine Netze, um sich vom Wind verwehen zu lassen. “Diese Verbreitung durch die Luft ist sogar einer der einflussreichsten Mechanismen, mit denen Spinnen große, sogar interkontinentale Distanzen zurücklegen können”, erklären Morito Hayashi von der University of Nottingham und seine Kollegen.

Schon Darwin staunte

“Sogar Darwin berichtete schon über fliegende Spinnen, die Kilometer von jedem Land entfernt auf das Deck der Beagle fielen”, so Hayashi. Doch genau dieser Lufttransport über See sorgte für Rätselraten unter Biologen. Denn für die Spinne ist das Risiko dabei enorm, abzustürzen und dann sozusagen schiffbrüchig auf dem Wasser festzusitzen oder sogar zu ertrinken. Eigentlich wäre damit diese Verbreitungsform viel zu riskant.

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Jan Assmann „Exodus“: Welthistorisch einmalig

„Mose steigt vom Sinai“ (2. Mose 19, 25): Holzstich nach einer Zeichnung von Gustave Doré (1832–1883). Foto: © epd-bild / akg-images
Mit seinem Buch „Exodus“ setzt Jan Assmann seine Analyse des revolutionären Monotheismus fort. Micha Brumlik über den „Monotheismus der Treue“ und die Frage, ob er tatsächlich nicht überprüfbar ist.


Von Micha Brumlik|Frankfurter Rundschau

Der Sinn der Schöpfung ist Freiheit, politische Freiheit. Das jedenfalls beglaubigen fromme Juden jeden Freitag Abend in ihrem häuslichen Gottesdienst, mit dem der Sabbat, die Erinnerung an die Schöpfung, beginnt. Im Segensspruch über den Wein heißt es: „Du hast Gefallen an uns. Du lässt uns teilhaben an deinem heiligen Ruhetag, der daran erinnert, dass du alles geschaffen hast. Er ist der erste Tag der ,Tage heiliger Versammlung‘, eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.“

Dieser Segen entwickelt ein Gebet weiter, das von Rabbinen der späten Antike verfasst wurde und in dem Schöpfung und Bundesschluss am Sinai in einem Atemzug genannt werden. Freilich, das ist schon Religionskritikern der Aufklärung aufgestoßen, handelt es sich beim Exodus um die Geschichte eines dramatischen Aufbruchs israelitischer Sklaven ebenso wie um die Gabe eines Gesetzes, das Wahrheit und Gehorsam postuliert. In der biblischen Exodusgeschichte kommt das zum Ausdruck, was der Ägyptologe Jan Assmann lange Jahre als „Monotheismus der Wahrheit“ als „mosaische Unterscheidung“ bezeichnet hat: die Übertragung der Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ in die Religion. Ein, wovon Assmann überzeugt ist, welthistorischer Einzelfall!

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Ingress: Handy-Spiel nutzt Konzentrationslager als Kulisse

Ingress-Spieler trugen ihre virtuellen Kämpfe auch in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen aus. (Foto: AP)
  • Holocaust-Überlebende haben Google scharf kritisiert.
  • Das Handy-Spiel “Ingress” der Google-Tochter Niantic Labs ließ Nutzer virtuelle Kämpfe an KZ-Gedenkstätten austragen.
  • Mittlerweile hat sich Google entschuldigt und Konsequenzen angekündigt.


Von Simon Hurtz und Mirjam Hauck|Süddeutsche.de

Ein Handy-Spiel, das seine Nutzer virtuell in Holocaust-Gedenkstätten und an den Orten ehemaliger Konzentrationslager gegeneinander kämpfen lässt? “Ingress”, das weltweit bislang elf Millionen Mal heruntergeladen wurde, hat das jahrelang zugelassen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Dann berichtete das Zeit-Magazin am Donnerstag, dass historisch bedeutende Orte wie Erinnerungsstätten und Gedenkzeichen als Spielorte verwendet werden.

Bei Vertretern von Holocaust-Überlebenden löste das Empörung aus. Der Präsident des Verbandes der Überlebenden des KZ Dachau und ihrer Nachkommen, Jean-Michel Thomas, forderte ein “Verbot dieser Schändung”. Er sei entsetzt über diesen Missbrauch des Ortes. Auch Gabriele Hammermann, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, reagierte fassungslos: Das Spiel betreibe eine “Tilgung und Überformung der an diesen Orten repräsentierten Geschichte” und stelle damit “eine unerträgliche Verharmlosung” dar. Die Gedenkstätte sei für die Überlebenden und ihre Angehörigen ein Ort der Trauer.

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Ist das Universum leerer als gedacht?

Bisher sehen wir nur die hellsten Galaxien im fernen Universum, wie viele es noch gibt, ist unklar. © NASA/CXC/STSci/ DSS/ Magellan
Kein Gedränge im frühen Kosmos: In der Frühzeit des Universums könnte es sehr viel weniger Galaxien gegeben haben als bisher angenommen. Denn auf jede sehr helle, für uns sichtbare Galaxie kommen möglicherweise nur rund zehn lichtschwächere, wie Astronomen anhand eines Computermodells ermittelt haben. Bisher ging man von hundert- bis tausendfach mehr frühen Galaxien aus, die wir bisher aufgrund der zu schwachen Teleskope schlicht nicht sehen.


scinexx

Dank immer besserer Teleskope reich der Blick der Astronomen heute schon zurück bis in die Zeit der allerersten Galaxien und Sterne. Doch selbst die scharfen Augen des Hubble-Weltraumteleskops können nur die hellsten und größten Vertreter dieser frühen Population aufspüren. Wie viele lichtschwächere Galaxien es im fernen Universum gibt, ist daher bisher Gegenstand der Spekulation.

Wie viele kleinere Galaxien gibt es?

“Frühere Schätzungen gingen davon aus, dass die Menge der lichtschwachen Galaxien im frühen Universum um das Hundert- bis Tausendfache größer ist als die Zahl der wenigen hellen Sternenansammlungen, die wir mit dem Hubble-Teleskop sehen können”, erklärt Erstautor Brian O’Shea von der Michigan State University.

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Ewiggestrig: Adelsfrauen, die täglich für den Kaiser beten

Vor 250 Jahren verstarb der Gemahl Maria Theresias unerwartet in Innsbruck. Bis heute beten für ihn täglich drei dafür eigens bezahlte Adelsfrauen in einem Stift des Landes Tirol


Von Katharina Mittelstaedt|derStandard.at

foto: günter richard wett Bis vor kurzem wurde in der Kapelle der Innsbrucker Hofburg einmal jährlich die Kaiserhymne gesungen.

So hatte Maria Theresia sich die Feierlichkeiten gewiss nicht vorgestellt. Vor genau 250 Jahren machte sie sich mit ihrem Gatten Franz Stephan von Lothringen, einigen Verwandten und ihrer Entourage auf den Weg von Wien nach Innsbruck. Einer der Söhne des kaiserlichen Paares, Erzherzog Leopold, sollte dort die spanische Prinzessin Maria Ludovica ehelichen. Ein mehrwöchiges Fest, für das Unsummen ausgegeben wurden, zahlreiche Gäste, der ganze Pomp – und dann die Tragödie.

Es gibt mehrere Erzählungen, wie sich das Unglück genau abgespielt habe, was die Ursache war. Fest steht, Maria Theresias geliebter Gemahl ist während dieser Hochzeit verstorben. Nach einer Theateraufführung soll ihm übel geworden sein, er habe sich gerade noch in die kaiserliche Residenz, die Innsbrucker Hofburg, schleppen können, auf dem Bett eines Dienerzimmers brach er schließlich nieder und war tot.

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Narkolepsie: Krank durch Schweinegrippe-Impfung

Die Betroffenen nicken einfach so ein, bei starken Emotionen versagen ihre Muskeln: Narkolepsie ist bislang nicht heilbar. Auch in Deutschland könnten einige Fälle auf die Schweinegrippe-Impfung zurückgehen. Entschädigungsforderungen laufen.


stern.de

Bild: AP, bearb.: bb
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Lucy ist 13 Jahre alt, als sie plötzlich dauernd vor dem Fernseher einschläft. Wenn sie lachen muss, kommt es vor, dass sie unvermittelt nach vorn sackt. Einige Monate vor dem Auftreten der merkwürdigen Symptome war das Mädchen gegen Schweinegrippe geimpft worden – wie etwa sechs Millionen andere Briten in den Jahren 2009 und 2010. Heute ist Lucy 18 Jahre alt – und leidet nach wie vor unter Narkolepsie. Etwa 40 Mal am Tag schläft sie ein, ohne sich dagegen wehren zu können, wie sie der britischen Tageszeitung “Guardian” berichtete.

Vorbeugende Impfungen sollen vor Krankheiten schützen. Umso größer war der Schock, als für den Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix ein gegenteiliger Verdacht aufkommt: Im August 2010 informierte die schwedische Arzneimittelbehörde über Narkolepsie-Fälle bei Kindern und Jugendlichen nach der Impfung. Weitere Analysen in Finnland, Irland, Frankreich und England stützten diese Vermutung, dass Pandemrix in seltenen Fällen die unheilbare Schlafkrankheit auslösen kann. Inzwischen fließen Entschädigungszahlungen – von Behörden, nicht vom Hersteller.

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