Skeptiker versus Progressive: Was die (richtig verstandene) Aufklärung uns gerade heute zu sagen hat

Beide Typen berufen sich auf die Aufklärung, aber beide haben einen anderen Begriff von ihr: die Avantgardisten des Fortschritts und die Praktiker der Skepsis. Erstere haben zurzeit die Nase vorn – aber bringt deren Engagement die Menschheit wirklich weiter? Der junge Voltaire und Diderot hätten da wohl ihre Zweifel.

Hans Ulrich Gumbrecht | Neue Zürcher Zeitung

Kein Tag vergeht mehr ohne öffentliche Scharmützel über die politische Korrektheit, in denen sich ihre Kritiker und Befürworter beleidigen – und immer weiter voneinander entfernen. Nach der neuen Lehre, die längst nicht mehr allein an den Universitäten herrscht, sondern inzwischen selbst in Verwaltung und Privatwirtschaft Einzug gehalten hat, lassen sich ethische Probleme grundsätzlich in zutreffende (oder eben «korrekte») Antworten und folglich in bindende, mit Zwang durchzusetzende Handlungsanweisungen überführen. Man hat tolerant zu sein und divers, egalitär und öko-etatistisch.

Zum Konsens-Repertoire der auf dieser Grundlage vertretenen starken Werte gehören die Betonung kultureller wie geschlechtlicher Identitäten und die Forderung nach ihrer sozialen Anerkennung; ein weitreichender, an Idealen der Gleichheit ausgerichteter Anspruch auf Umverteilung, also die Egalisierung von finanziellem wie kulturellem Kapital; und schliesslich eine Reihe von ökologisch begründeten, meist im Gestus der Selbstbestrafung für zurückliegende Sünden verkörperten Abstinenzregeln, die angeblich das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde gegen vielerlei Bedrohungen garantieren.

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Die EU will gegen Falschinformationen zu Impfungen vorgehen

Bild: 4ever.eu

Angesichts der Gefahr von Epidemien und Todesfällen hat die EU-Kommission eine bessere Aufklärung über Impfungen gefordert. Im Herbst soll in Brüssel ein «Globaler Impfgipfel» stattfinden.

Neue Zürcher Zeitung

Für eine Studie zum Thema Impfungen wurden europaweit 27 524 Personen befragt. Zwar hielten 85 Prozent der EU-Bürger Impfungen für wirksam, um ansteckende Krankheiten zu verhindern, erklärte die EU-Kommission am Freitag unter Berufung auf die sogenannte Eurobarometer-Studie. 48 Prozent glaubten aber fälschlicherweise, dass Impfungen häufig schwere Nebenwirkungen haben. Und 38 Prozent meinten, dass Impfungen die Krankheiten auslösen können, gegen die sie schützen sollen.

«Das bedeutet, dass unsere Arbeit, die Impfabdeckung zu erhöhen und gegen Falschinformationen zu Impfungen vorzugehen, noch lange nicht beendet ist», erklärte Vize-Kommissionspräsident Jyrki Katainen. Er kündigte für den 12. September einen «Globalen Impfgipfel» in Brüssel an, der von der EU und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam veranstaltet wird.

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USA: Katholischen Laien erhöhen Druck auf Franz

Verehrungswürdige Puppe. Themenbild

Hunderte prominente Männer aus der katholischen Kirche aus den USA verlangen von Franziskus Aufklärung – Sogar Jeb Bush, der ehemalige Gouverneur von Florida, ruft zur Unterzeichnung auf

kath.net

Der Druck von Laien aus den USA auf Papst Franziskus und Bischöfe wird immer größer. Jetzt haben sich hunderte prominente katholische Männer in einem Hilferuf an Papst Franziskus gewandt und in einem Brief von Franziskus eine Reinigung der Kirche von den Missbrauchsskandalen verlangt. Als katholische Laien, die Christus und seine Kirche lieben, wolle man, dass Franziskus die Kirche von der Korruption säubere. „Der gegenwärtige Skandal hat unsere Ehefrauen, Schwestern, Brüder und Kinder in Gefahr gebracht.“ Daher wolle man mit den Worten der Heiligen Katharina von Siena Papst Franziskus ersuchen, „nicht mehr länger zu schlafen“ und tapfer den Standard (von Christus) anzustreben. „Die Kirche braucht Reinigung und durch die Tugend Ihres Amtes als unser Hirte ist niemand mehr qualifiziert, diese Reinigung als Sie zu bringen. Wir bitten Sie daher, dies ohne Verzögerung zu beginnen.“

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Apostel ohne Moral

Es schmerzt. Es betäubt. Es beschämt. Sexueller Missbrauch über Jahrzehnte hinweg hat die katholische Kirche für die Opfer zu einem Vorort der Hölle gemacht. Für ihr Leid gibt es keine Absolution, meint Astrid Prange.

Astrid Prange | Deutsche Welle

Na, bist Du auch missbraucht worden? Mit dieser schmerzhaften Frage könnten in Zukunft viele Katholiken konfrontiert werden. Der Missbrauchsskandal vergiftet inzwischen die gesamte Weltkirche. Seit der Aufdeckung der ersten Vorfälle 2002 in den USA durch den „Boston Globe“ reiht sich ein Skandal an den anderen.

Sexueller Missbrauch durch Geistliche in den USA, in Australien, in Italien, in Irland, in Chile , in Deutschland und in vielen anderen Ländern: Immer mehr Opfer melden sich zu Wort, immer mehr Bischöfe und Priester werden für schuldig befunden, immer mehr Gläubige verlassen ihre Kirche.

Deshalb ist es wichtig festzuhalten: Auch wenn immer neue Vorfälle sexuellen Missbrauchs bekannt werden, wird das Leid der Opfer dadurch nicht geringer. Im Gegenteil. Aufarbeitung, Aufklärung, Gerechtigkeit und Entschädigung werden immer wichtiger.

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Der ahnungslose Patient

Oft ist die Entscheidung zur Behandlungsmethode schon gefallen, bevor der Patient über Alternativen aufgeklärt wurde. Bild: dpa

Klären Ärzte ihre Patienten vor einem medizinisch Eingriff ausreichend auf? Verpflichtet sind sie dazu. Eine aktuelle Studie dazu zeigt: Die Realität sieht oft anders aus.

Von Lea-Melissa Vehling | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Vor einem ärztlichen Eingriff steht Patienten von Rechts wegen eine Aufklärung über ihre Erkrankung und Behandlungsoptionen zu. Spätestens seit dem 2013 erlassenen Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten sind Ärzte gesetzlich zu einer umfassenden Information ihres Patienten verpflichtet. So heißt es in Paragraph 630e des Gesetzes: „Bei der Aufklärung ist auch auf Alternativen zur Maßnahme hinzuweisen, wenn mehrere medizinisch gleichermaßen indizierte und übliche Methoden zu wesentlich unterschiedlichen Belastungen, Risiken oder Heilungschancen führen können.“ Der Gesetzestext verpflichtet Mediziner außerdem zur umfassenden Aufklärung über Diagnose, Therapieverlauf und Heilungschancen.

Wie eine soeben im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienene Studie zeigt, werden die Vorgaben zur Patientenaufklärung de facto nicht umgesetzt. Die Forschergruppe aus Gesundheits- und Pflegewissenschaft untersuchte stichprobenartig 37 verschiedene Arten von deutschen Aufklärungsbögen. Das Ergebnis: Derzeitig verwendete Formulare ermöglichen Patienten keine vollkommen bewusste Entscheidung über ihre ärztliche Behandlung.

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Anti-Aufklärung? Kriegstechnologie?

Grafik: TP

Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird.

Martin Walser

Joachim Paul | TELEPOLIS

„Das Menschenbild des Silicon Valley ist das der Kybernetik, nicht das der Aufklärung“, äußerte der Philosoph Richard David Precht am 16.12.2017 in einem Interview des Magazins Focus anlässlich einer Buchveröffentlichung. Auf die Rückfrage des Interviewers, was das denn bedeute, erläuterte er, dass „die Aufklärung … den Menschen als Individuum“ betrachte, sie seinen Wunsch des Gebrauchs der Freiheit respektiere und ihn auffordere, „die eigene Urteilskraft zu schärfen, damit er als mündiger Bürger zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen“ könne. Allerdings, so führte Precht weiter aus, müsse „dieser Bürger natürlich auch eine Struktur in der Gesellschaft vorfinden, die es ihm ermöglicht, sich mit seinen individuellen Vorstellungen an ihr zu beteiligen.“

Grundlegend anders sei hingegen das Menschenbild der Kybernetik. Es gehe laut Precht davon aus, „dass sich der Mensch seiner Umwelt anpasst“:

Was Lust auslöst, das findet der Mensch gut, und was Unlust auslöst, findet er schlecht. Wenn ich also das Verhalten der Menschen verändern will, dann muss ich – wie bei Tierversuchen im Labor – einfach ihre Umweltbedingungen verändern, indem gezielt andere Lust- bzw. Erfolgsreize gesetzt werden, gewinne ich Einfluss auf das Verhalten der Leute, ohne Rücksicht auf Vorstellungen von individueller Freiheit, Urteilskraft oder Mündigkeit zu nehmen.

Richard David Precht

Der Physiker und Kybernetiker Heinz von Foerster, damals Leiter eines führenden Kybernetik-Instituts, des Biological Computer Lab (BCL) an der University of Illinois, Urbana-Champaign, äußerte sich in seinem Grundsatzreferat „Die Verantwortung des Experten“1 auf der Herbsttagung der American Society for Cybernetics am 19.12.1971 wie folgt:

Der Großteil unserer institutionalisierten Erziehungsbemühungen hat zum Ziel, unsere Kinder zu trivialisieren. … Da unser Erziehungssystem daraufhin angelegt ist, berechenbare Staatsbürger zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, alle jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen. Dies zeigt sich am deutlichsten in unserer Methode des Prüfens, die nur Fragen zulässt, auf die die Antworten bereits bekannt (oder definiert) sind, und die folglich vom Schüler auswendig gelernt werden müssen. Ich möchte diese Fragen als „illegitime Fragen“ bezeichnen.

Heinz von Foerster

Schon beim bloßen Überfliegen der beiden Aussagen fällt auf, dass hier etwas ganz und gar nicht passen will. Der Philosoph deutet Kybernetik als Anpassung und projiziert sie sogleich als Menschenbild auf das Silicon Valley, der Kybernetiker hingegen spricht sich für Unberechenbarkeit und Kreativität aus, mehr noch, später entwickelt er im Nachgang zum kategorischen Imperativ des Aufklärers Kant einen (kybern-)ethischen Imperativ: „Handle stets so, dass die Zahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.“

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Mein Gott – oder was ist christlich?

© Bild: APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Das Christentum hat ein Verhältnis zum Staat gefunden, das ein friedliches Zusammenleben ermöglicht.

Helmut Brandstätter | kurier.at

Viktor Orbán will eine „christliche Demokratie des 21. Jahrhunderts“, Papst Franziskus mahnt im neuen Dokument „Oeconomicae et pecuniaeriae quaestiones“ ein gerechteres Wirtschaftssystem ein und kritisiert die Finanzindustrie als „Ort der Egoismen und Missbräuche“, der Chef der historisch antiklerikalen FPÖ zeigte bei Wahlkämpfen das Kreuz wie eine Monstranz, und bei der türkisen ÖVP vermissen manche christlich-soziale Traditionen. Was ist christlich? Und welche Rolle soll der Glaube in der Politik aufgeklärter Staaten spielen?

Pfingsten ist heute, der 50. Tag nach Ostern, Aufbruch für das Christentum. Die Apostelgeschichte erzählt vom Treffen der Jünger Jesu zum jüdischen Fest Schawout: „Als der Pfingstsonntag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten. Auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem heiligen Geist erfüllt und begannen in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“

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Streit um Preis an Broder nimmt zu

Henryk M. Broder schreibt seit 2011 unter anderem Die Welt, und die Welt am Sonntag. © imago/Sven Simon

Humanismus, Aufklärung, Menschlichkeit und Freiheit – diese Konzepte sollen beim Johann-Heinrich-Voß-Preis der Stadt Otterndorf in Niedersachsen im Vordergrund stehen. In den vergangenen Jahren ging er unter anderem an Richard von Weizsäcker, Wolfgang Schäuble und Jürgen Flimm. Anfang Juni soll der Preis jetzt auch an den Publizisten Henryk M. Broder verliehen werden – aber der Streit darüber spitzt sich zu.

Von Jörn Pietschke | NDR.de

Broder mag Menschen, die ihn nicht mögen, schreibt er in der Einladung zur Preisverleihung. Und davon gibt es in Otterndorf mehr als die Jury sich hätte träumen lassen, als sie unter Vorsitz des „Welt“-Herausgebers Stefan Aust die Entscheidung für eine Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Voß-Preises an Broder traf. Denn der Sponsor, die örtliche Kreissparkasse, ist ausgestiegen. Die Otterndorfer müssen das Geld aus dem Stadtsäckel nehmen – und dafür war ein politische Entscheidung im Stadtrat notwendig. Die SPD stellte sich quer, das Preisgeld wurde mit den Stimmen von CDU und FDP trotzdem bereit gestellt. Die Kritiker werfen dem Preisträger vor, Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen und die Gesellschaft zu spalten, also eben gerade nicht für Humanismus, Freiheit und Aufklärung zu stehen, wie der Namensgeber des Preises Johann Heinrich Voß.

Alexander Dobrindt: „Kein islamisches Land hat eine vergleichbar demokratische Kultur“

Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-LandesgruppeFoto: dpa/Peter Kneffel

CSU-Landesgruppenchef Dobrindt will nicht, dass der Islam kulturell prägend wird in Deutschland. Er vermisst in der islamischen Welt Nächstenliebe und Toleranz.

DER TAGESSPIEGEL

Der Islam soll nach Ansicht von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt für Deutschland kulturell nicht prägend werden. „Muslime, die sich in unsere Gesellschaft integrieren wollen, sind Teil unseres Landes, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland“, sagte Dobrindt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Er ist für unser Land kulturell nicht prägend und er soll es auch nicht werden.“

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Gläubig durch die Jahrtausende

Bernhard Maier
Die Ordnung des Himmels
Verlag: C.H.Beck, Müchen 2018
ISBN: 9783406720123| Preis: 29,95 €

Europa hat einen säkularen Weg beschritten, stellt damit aber eine historische Ausnahme dar, wie dieses Buch verdeutlicht.

Von Christian Hellmann | Spektrum.de

Lebensratgeber warnen häufig davor, das Thema Religion in Smalltalks anzusprechen. Zu groß sei die Gefahr, in ein Fettnäpfchen zu treten – entweder, weil die eigene Unwissenheit angesichts der komplexen Materie offenbar werde, oder mangelndes Taktgefühl gegenüber religiösen Gefühlen zum Eklat führe, oder das Gespräch zur hitzigen politischen Debatte entgleise.

In der Tat ist Religion im säkularisierten Europa ein schwieriges Thema. Spätestens seit der Aufklärung steht die religiöse Gedankenwelt im Konflikt mit philosophischer Vernunft und materialistischer Naturwissenschaft. Aber die Globalisierung hat diese alten Gräben wieder vertieft, indem sie erneut religiöse Fragen in die europäische Lebenswelt einbrachte, die sowohl den privaten, gesellschaftlichen als auch politischen Bereich betreffen. In diesem Umfeld sind orientierende Werke wie das des Tübinger Religionswissenschaftlers Bernhard Meier hoch willkommen.

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Neue humanistische Gruppe in Konstanz

Dieter Kaiser engagiert sich für die neue humanistische Giordano-Bruno-Stiftung Bodensee. Sie lehnt diskriminierende Ideologien ab und setzt sich kritisch mit Verflechtungen von Staat und Kirche auseinander. | Bild: Claudia Rindt

Gründungsmitglied Dieter Kaiser kämpft gegen Diskriminierungen und für Nächstenliebe: „Mein Gott ist der Mensch“. Ein kritischer Blick auf die öffentlichen Subventionen für kirchliche Einrichtungen ist ihm wichtig.

Von Claudia Rindt | Südkurier

Dieter Kaiser ärgert sich immer, wenn er vom Tag der Religionen hört. Tag der Weltanschauungen wäre für ihn der richtige Begriff, denn dieser würde die Vielfalt der Weltverständnisse abbilden, auch von Menschen, die nicht an Gott glauben. Dieter Kaiser sagt über sich: „Mein Gott ist der Mensch. Für den tue ich etwas.“ Er gehört zu einer Gruppe von zehn Bürgern, die in Konstanz dabei sind, die humanistische Giordano-Bruno-Stiftung Bodensee zu begründen.

Der Name geht auf den italienischen Philosophen und Astronom Giordano Bruno zurück, der im Jahr 1600 als Ketzer verbrannt wurde, weil er von einem unendlich belebten Universum ausging. Kritiker fragen immer wieder, wie der Namensgeber zu den Zielen des bundesweit agierenden humanistischen Kreises mit Regionalgruppen passt, denn Giordano Bruno galt auch als Judenhasser. In Konstanz, so sagt Kaiser, wolle die Gruppe humanistische Grundsätze wie Aufklärung, kritische Rationalität, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit verbreiten und eintreten gegen diskriminierende Ideologien.

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„Terrorismus ist kein Privileg des Islam“

Pankaj Mishra. Bild. Frankfurter Rundschau

Die Demokratie ist kein Produkt der Aufklärung, der Terrorismus ist nicht der Feind der Moderne. Er ist ihr Begleiter. Fast von Anfang an. So blickt der indische Autor Pankaj Mishra auf unsere Weltlage.

Von Arno Widmann | Frankfurter Rundschau

Herr Mishra, was ist falsch an unseren Ansichten über die Weltlage?
Wir neigen dazu, in falschen Gegensätzen zu denken: Islam gegen den Westen, Liberalismus gegen Fundamentalismus, Demokratie gegen Diktatur. Das ist keine Analyse. Das ist nichts anderes als Futter für unser Selbstbewusstsein. Damit wollen wir uns klarmachen, dass wir den anderen überlegen sind. Die sind, so sagen wir uns, eben demokratieunfähig, suchen nach einem Führer und sind nicht in der Lage, das zu tun, was am besten für sie ist.

Was tun?
Wer das Durcheinander der heutigen Welt verstehen möchte, der muss sich andere Situationen ansehen, in denen es ähnlich zuging. Der Terrorismus ist kein Privileg des Islam. Er hat die europäische Geschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts deutlich geprägt. „Volksfeind“, „heimatloser Intellektueller“, „Landesverräter“, Begriffe, die Ausgang des 19. Jahrhunderts in Wien geprägt wurden, werden mir heute in Indien an den Kopf geworfen. Wie der fanatische Nationalismus damals alle beschimpfte, die nicht bereit waren, bei ihm mitzumachen, genau so, in derselben Sprache, werden heute überall auf der Welt diejenigen beschimpft, die auch nur im Verdacht stehen beim Hindunationalismus, beim muslimischen Rigorismus, beim Front National oder bei Trump nicht mitmachen zu wollen. Wenn wir das begreifen, entdecken wir, dass auch unsere eigene Geschichte voll jener Defekte ist, die wir so gerne fremden Religionen, fremden Völkern zuschreiben.

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Die Bundesregierung prüft die Anschaffung der F-35

© AFP Schießt hoch hinaus: Kampfjet F-35 über Le Bourget

Die Bundesregierung prüft die Anschaffung der F-35. Doch es gibt etliche andere Optionen und auch Frankreich rührt kräftig die Werbetrommel. Wer macht wohl das Rennen?

Von Christian Schuber | Frankfurter Allgemeine

Scott Gunn ist ein amerikanischer Kampfpilot, der zehn Jahre lang über dem Pazifik nach feindlichen Flugzeugen Ausschau hielt. „Doch es gab nichts zum Abschießen“, sagt er und fügt hinzu: „Gottseidank“. Vor zwei Jahren wechselte Gunn vom Kampfflugzeug F-15 auf die neueste Jet-Generation, die F-35 Lightning II, auch genannt „Joint Strike Fighter“. In einem Zehn-Stundenflug brachte er den Militärjet von Utah zur Luftfahrtschau im französischen Le Bourget. „Die Maschine ist dermaßen leicht zu fliegen. Manchmal schweifen die Gedanken ab und man vergisst regelrecht, dass man ein Flugzeug steuert“, berichtet der 37 Jahre alte Oberstleutnant der Air Force.

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Anleitung für eine richtige Leitkultur

Braucht es eine Leitkultur? Ja, aber nicht wie Thomas de Maizière sie skizziert. (Foto: Jessy Asmus)

Innenminister de Maizière erklärt, was ihm zufolge in Deutschland wirklich zählt. Doch sowohl er als auch seine Kritiker liegen falsch. Wir brauchen eine Leitkultur. Aber nicht diese.

Analyse von Markus C. Schulte von Drach | Süddeutsche.de

In jeder Demokratie werden Minderheiten gezwungen, unter Bedingungen zu leben, die eine von der Mehrheit gewählte Regierung ihnen zumutet. Seit der Einführung der Agenda 2010 etwa müssen etliche Bürgerinnen und Bürger mit weniger Geld vom Staat auskommen als zuvor – was für viele eine extreme Belastung war und ist. Im Prinzip ist es also üblich, dass eine Mehrheit in einer demokratischen Gesellschaft über das Leben von Minderheiten mitbestimmt.

Besonders heikel wird dies aber, wenn die betroffenen Mehrheiten und Minderheiten sich durch Sprache, Glaubensvorstellungen oder wichtige Traditionen unterscheiden – Merkmale, die mit einer Gruppenidentität zusammenhängen. Deshalb wird über den Begriff „Leitkultur“ und die Vorstellung, was er bedeuten soll, so leidenschaftlich gestritten.

Viele halten schon den Versuch für überheblich festzulegen, welche Werte und Normen rechtfertigen sollen, dass eine Kultur Vorrang vor allen anderen hat. Andere erklären einfach die eigenen Werte zu denen der Leitkultur. Das Niveau, auf dem die Debatte verläuft, lässt viel zu wünschen übrig – sowohl bei den konservativen Anhängern einer Leitkultur als auch auf der Seite der Kritiker, die meist dem liberalen oder linken Spektrum angehören.

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Scheuers alternativloser Dilettantismus zu christlich-jüdisch-abendländischer Kultur

Wer von Deutschland angenommen werden will, muss auch die deutschen Traditionen annehmen / picture alliance

Die deutsche Leitkultur geht über das Grundgesetz hinaus und basiert vor allem auf den Gedanken der Aufklärung und der christlich-jüdischen Tradition. Der Versuch von Mulitkulti ist gescheitert. So formulierte es Andreas Scheuer, Generalsekretär der CSU, schon 2015

Von Andreas Scheuer | Cicero

Die Anerkennung der deutschen Leitkultur ist die Grundvoraussetzung für das gesellschaftliche Zusammenleben. Wer als Flüchtling länger bei uns bleibt, muss zwingend die deutsche Leitkultur befolgen. Sonst wird Integration nicht gelingen. Die deutsche Leitkultur umfasst die Werte des Grundgesetzes: Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung sowie Meinungs- und Pressefreiheit. Dass sich jeder an Recht und Gesetz halten muss, ist eine pure Selbstverständlichkeit und reicht längst nicht aus. Deutsche Leitkultur ist viel mehr als das Grundgesetz: Sie basiert auf den Werten der Aufklärung und des Humanismus, der christlich-jüdisch-abendländischen Kultur und unseren gewachsenen Traditionen.

Der Wertekanon Deutschlands

Wer als Mann seine Frau mit der Burka auf die Straße schickt oder einer Frau den Handschlag verwehrt, verstößt nicht gegen das Grundgesetz, aber missachtet unsere Leitkultur. Wer Frauen als Ärztinnen, Lehrerinnen, Verkäuferinnen, Krankenschwestern nicht akzeptiert, der greift den Wertekanon in unserem Land an. Zu unserer Kultur gehören die christlichen Feiertage und zugleich die Toleranz für andere Religionen. Wir bekennen uns zum Existenzrecht Israels und bekämpfen jegliche Form von Antisemitismus. Dies alles macht den Wesenskern Deutschlands aus und muss so bleiben.

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Fake News haben eine lange Tradition

In Stein gemeißelte Fake News: Darstellung von Ramses II. bei der angeblich siegreichen Schlacht von Kadesch © historisch

Lange Tradition: Fake News sind keine Erfindung der Neuzeit – im Gegenteil. Schon vor mehr als 4.000 Jahren wurde in großem Stil gelogen. In Krieg und Politik bog man sich schon damals die Fakten so zurecht, dass sie die eigene Position stärkten. Auch im Mittelalter und selbst im Zeitalter der Aufklärung waren Fake News ein gängiges Manipulations-Instrument der Mächtigen.

scinexx

Fake News und „alternative Fakten“ scheinen im Trend: Sie kursieren in den Filterblasen von Facebook und Co, agieren als Meinungsmacher auf Twitter und grassieren in der Politik. Doch gezielte Falschaussagen sind nichts Neues – auch früher schon wurde sie gezielt instrumentiert.

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Ist Europa erloschen?

An meinem fünfzehnten Geburtstag war es, im Sommer 2005 in Nord-Marokko, als ich zufällig an eine Reihe kurzer Online-Artikel über die europäische Aufklärung geriet.

 

Von Kacem El Ghazzali | Richard-Dawkins-Foundation

Was ich las, war ebenso fesselnd wie aufwühlend und markierte den Beginn einer radikalen Veränderung in meinem Leben.

Sehr eindrücklich war die Erkenntnis, dass Europa, heute ein entwickelter und freier Kontinent, bis zum 18. Jahrhundert auf denselben religiösen Pfeilern ruhte wie heute viele muslimische Länder, durchwirkt von religiösem Dogma, Sektierertum und Angriffen auf die Redefreiheit. Es war ermutigend, zu lesen, wie die Philosophen Europas an der vordersten Front des Kampfes für die Freiheit so viel erreicht hatten, obwohl sie, Verfechter von individueller Unabhängigkeit, intellektueller Offenheit und von Austilgung religiöser Unterdrückung, doch so wenige waren. Einsame Stimmen, ohne Unterstützung im Volk, unter Verfolgung leidend, im Exil lebend; verwandt vielen Säkularisten und Intellektuellen in der heutigen muslimischen Welt.

Dieses Europa mit seiner Literatur, seiner Philosophie, seinem revolutionären Erbe war ein Quell der Inspiration. Ich war ein junger Marokkaner mit einer komplizierten Geschichte der religiösen Erziehung, mit vierzehn Jahren genötigt, die Schule zu verlassen und eine salafistische Madrasa (Schule für islamische Wissenschaften) zu besuchen, aber die Werke der Intellektuellen der Aufklärung zu lesen wirkte als Katalysator meiner eigenen, persönlichen Aufklärung.

Die Ansichten Spinozas über Religion als organisiertes Dogma, der Mut Voltaires angesichts religiöser Verfolgung oder Diderots Glaube an die Bedeutung von Wissenschaft und Vernunft treffen speziell auf die gegenwärtigen Herausforderungen in der islamischen Welt zu.

Um eine solche Faszination innerhalb der islamischen Welt von der europäischen Aufklärung zu verstehen, sollten wir uns der historischen Kontexte beider Kulturen bewusst sein.

Heute kennt man in Frankreich, Deutschland und England keine religiöse Verfolgung mehr. Niemand, der seine Meinung äußert, seine Religion ausübt, wie er es für richtig hält oder der gar nicht erst einer Religion anhängt, muss ein Nachspiel befürchten.

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Wegbereiter des Kapitalismus

Gerhard Streminger
Adam Smith
Verlag: C.H.Beck, München 2017
ISBN: 9783406706592
26,96 €

„Dass ein fast 250 Jahre altes Buch immer noch Grundlage und wichtige Inspirationsquelle einer ganzen Wissensdisziplin ist, die sich zudem als besonders modern und wegweisend gibt, ist einmalig.“ Der Philosoph Gerhard Streminger räumt in seiner Biografie des schottischen Aufklärers und Ökonomen Adam Smith mit einigen gängigen Klischees und Irrtümern auf.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann | Spektrum.de

Nein, der wirkmächtigste Philosoph der jüngeren Vergangenheit war nicht Karl Marx, sondern Smith (1723-1790), der 1776 mit seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ das Fundament des modernen Kapitalismus legte – jener Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, mit der sozialistische Modelle zumeist erfolglos konkurrierten. Smith begründete die moderne politische Ökonomie, das heißt die Volkswirtschaftslehre. Weithin bekannt ist seine These von der unsichtbaren Hand, die den freien Markt im Hintergrund so lenkt, dass Wohlstand entsteht. Diese Ideen prägten nicht nur das Denken jener Eliten, die Großbritannien im folgenden Jahrhundert zur ökonomisch erfolgreichsten Nation machten. Viele meinen auch, Smith sei für heutige neoliberale Bestrebungen verantwortlich, den Kapitalismus zu entfesseln.

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Die religiöse Engstirnigkeit deutscher Islam-Verbände

 Ditib-Moschee in Fürthen: Memet Kilic fordert mehr Kunst und Aufklärung statt religiöser Engstirnigkeit (Thomas Frey/dpa)
Ditib-Moschee in Fürthen: Memet Kilic fordert mehr Kunst und Aufklärung statt religiöser Engstirnigkeit (Thomas Frey/dpa)

Die Engstirnigkeit deutscher Islamverbände steht der offenen Gesellschaft entgegen, sagt der Grünen-Politiker Memet Kılıç. Islamische Erziehung sei Teil des Problems − gegen religiösen Fanatismus helfe nur mehr Ethik, Philosophie, Kunst und Aufklärung.

Von Memet Kılıç | Deutschlandradio Kultur

In der mit vielen religiösen Formeln geschmückten Rede des türkischen Ministerpräsidenten Yildirim in Oberhausen fiel auch ein Satz, der in den deutschen Medien keine Beachtung fand. Aus Unkenntnis oder Angst?

Yildirim brüllte in die Menge und über alle türkischen TV-Kanäle an die Millionen in Europa: „Ihr seid Akincis eines großen und mächtigen Landes“.

„Akinci“ sind „Sturmreiter“, Sturmreiter des Osmanischen Reiches. Die in Europa lebenden Anhänger Erdogans sind für die Botschaft empfänglich. Sie haben solche glorifizierten Geschichten über Erzählungen und Heldenfilme inhaliert. Das deutsche Publikum wird sich fragen, wie es kommt, dass in den kommenden Monaten Erdoğans Anhänger Deutschland und Europa zunehmend als Feindesland betrachten und bekämpfen werden.

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Ist die Aufklärung vom Himmel gefallen?

islam_christentum

Will der säkulare Staat den Islam integrieren, muss er sich auf seine christliche Herkunft besinnen

Von Martin Rhonheimer | Neue Zürcher Zeitung

Als vor einiger Zeit CVP-Präsident Gerhard Pfister im Interview mit dieser Zeitung den säkularen Rechtsstaat als «christliches Verdienst» bezeichnete, konterte SP-Chef Christian Levrat: «Ich finde es erschreckend, dass es in der Schweiz politische Kräfte gibt, die sich auf eine Religion berufen müssen, um die Werte unserer Gesellschaft zu rechtfertigen.» Denn diese Werte, so Levrat, stammten aus der Aufklärung. Die Aufklärung aber, ist sie plötzlich vom Himmel gefallen? In voraussetzungslosem Raum entstanden?

Allgemeine Rechtsgrundsätze

Ihr Kennzeichen war die Forderung, den eigenen Verstand zu gebrauchen, Autoritäten, auch die der christlichen Offenbarung, zu hinterfragen. Die Aufklärung wurzelte in dem Bewusstsein, dass es Rechtsgrundsätze gibt, die unabhängig vom Willen der Mächtigen und der religiösen Autoritäten gelten und der menschlichen Vernunft zugänglich sind. Ihre institutionelle Voraussetzung waren eine Diskussionskultur als Trainingsfeld dieser Vernunft sowie der akademische Freiraum der Universität, ihr liberaler Impuls die Forderung nach einer definitiven Scheidung von Politik und Religion.

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