Bub starb nach Beschneidungsritual in Rom, „Arzt“ festgenommen

Die Wohnung des 66-jährigen US-Bürgers wurde durchsucht. Der Zwillingsbruder des Opfers liegt noch auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Rom.

Die Presse.com

Ein 66-jähriger ist in Rom wegen des Vorwurfs festgenommen worden, für den Tod eines zweijährigen Buben nigerianischer Herkunft bei einem Beschneidungsritual verantwortlich zu sein. Die Wohnung des Mannes, der sich als Arzt bezeichnete, wurde durchsucht, berichteten italienische Medien am Montag.

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„Die Religionspolitik in Deutschland ist konzeptlos“

Neuer Übersichtsband „Religionspolitik heute“ vereint erstmals religionspolitische Positionen aus Wissenschaft, Politik, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften – Beiträge zu religionspolitischen Grundsatzfragen, aktuellen Konflikten und Lösungsmöglichkeiten – „Moscheebau, Kopftuch, Kruzifix, Arbeitsrecht, Antisemitismus: Wir sollten nicht mehr unvorbereitet in Konflikte stolpern“ – „Bevölkerung nicht auf religiöse Vielfalt vorbereitet – Mehr offene Gesprächsformate wie Deutsche Islam Konferenz Ende November“
Viola van Melis Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werfen der Politik in Deutschland „Konzeptlosigkeit“ im Umgang mit religionspolitischen Konflikten vor. „Ob Moscheebau, Kopftuch oder Kruzifix, kirchliches Arbeitsrecht, Schächten oder Beschneidung: Die Politik reagiert vielerorts konzeptlos, wenn es Streit um die Rechte, Symbole und Praktiken von Religionsgemeinschaften gibt – ohne erkennbare politische Ideen, wie sich religiöse Interessen konstruktiv aushandeln lassen“, kritisieren die Herausgeber des neuen Übersichtsbandes „Religionspolitik heute. Problemfelder und Perspektiven in Deutschland“, der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems und die Publizistin Viola van Melis vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU und der Historiker Dr. Daniel Gerster vom Centrum für Religion und Moderne. „Im Konfliktfall werden immer wieder Gerichte angerufen. Damit wurden zwar viele Einzelfälle entschieden, aber es wurden nicht dahinterliegende Grundkonflikte behandelt.“

Das im Herder Verlag erschienene Buch vereint erstmals in dieser Form religionspolitische Positionen und Analysen aus Wissenschaft, Politik, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und bietet Überblickswissen zum lange vernachlässigten Politikfeld Religionspolitik. „Damit wollen wir Debatten anregen und helfen, weniger unvorbereitet in religionspolitische Konflikte zu stolpern.“ Offene Gesprächsformate zu konkreten Fragen des Miteinanders wie die neu konzipierte Islam Konferenz Ende November in Berlin seien richtig, dürften sich aber nicht auf die Bundesebene und wenige Termine im Jahr beschränken. „Schließlich müssen wir längst Anhänger religiöser Minderheiten wie Juden und Muslime in vielen Städten auch vor Gewalt schützen.“

Die 32 Buchbeiträge beleuchten aktuelle religionspolitische Konflikte und Lösungsmöglichkeiten sowie Grundsatzfragen aus historischer, systematischer, normativer und internationaler Sicht. Es geht um Konfliktthemen wie Moscheebau, Burka, Blasphemie und Beschneidung ebenso wie um Religionsfreiheit, Körperschaftsstatus und Religionsfragen im Arbeits-, Sozial- und Medienrecht. Die religionspolitischen Positionen der deutschen Parteien sind ebenso nachzulesen wie Positionen im Ausland. „Die Vorstellungen, wie Religionspolitik in Zukunft aussehen soll, liegen teils so weit auseinander, dass Deutschland ohne breite Diskussionen nicht auskommen wird“, so die Herausgeber. Das zeige im Buch die Bandbreite an Einschätzungen aus verschiedenen Fächern sowie an kontroversen Interessenbekundungen aus Parteien und Religionsgemeinschaften. Schon jetzt werde der Ruf nach Reformen lauter: „Lobbyisten muslimischer Gruppen fordern erheblich selbstbewusster als vor wenigen Jahren Zugang zu denselben Ressourcen wie die christlichen Kirchen. Zugleich lehnt eine religionskritische Öffentlichkeit vernehmlich religiöse Praktiken wie das Kopftuchtragen oder die Beschneidung ab.“ Umfragen zeigten, dass sich die Bevölkerung bis heute nicht „an den Wandel von einer christlich homogenen zur religiös heterogenen Gesellschaft“ gewöhnt habe. Entscheidend seien entemotionalisierte Debatten. Als Vorbild nennen die Herausgeber Kanadas Provinz Québec, die mit den Philosophen Charles Taylor und Gérard Bouchard einen landesweiten Diskurs zur Religionspolitik in Gang setzte.

Befunde aus dem Überblicksband „Religionspolitik heute“

Benachteiligungen in der Religionspolitik: Das Spektrum an Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ist heute so breit wie nie zuvor in der deutschen Geschichte. Vor diesem Hintergrund wachsen seit Jahren religionspolitische Herausforderungen und Polarisierungen, wie die Herausgeber in den ersten beiden Buchbeiträgen skizzieren. Sie liefern Überblickswissen über Grundzüge und aktuelle Ausrichtungen der deutschen Religionspolitik sowie zur Entwicklung der religiösen Landschaft in den vergangenen Jahrzehnten. In deutschen Metropolen seien vor allem durch Migration teils mehr als 200 Religionsgemeinschaften anzutreffen. „Eine weitgehend homogen christlich-kirchlich geprägte Religionslandschaft, wie sie die 1950er-Jahre prägte, ist längst passé.“ Die Herausgeber kritisieren eine Bevorzugung der christlichen Kirchen. Die rund vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime und die wachsende Gruppe der Konfessionslosen würden angesichts einer „religiös-christlich-großkirchlichen Schlagseite“ benachteiligt, so Politikwissenschaftler Ulrich Willems. „Eine Integration des Islams in die religionspolitische Ordnung der Bundesrepublik findet vor allem als Fundamentalismus-Prävention statt: beim islamischen Religionsunterricht und der islamischen Theologie an Universitäten.“ Während der Staat hier Kreativität zeige, fehle in anderen Fällen das Entgegenkommen, etwa bei der Verleihung des Körperschaftsstatus an islamische Gruppen.

Parteien und Polarisierungen: Politikwissenschaftler Ulrich Willems kritisiert in seinem Beitrag auch religionspolitische Versäumnisse der Parteien: „Schaut man in aktuelle Wahl- und Parteiprogramme, dann findet sich bei der SPD ein freundliches Desinteresse an religionspolitischen Veränderungen und bei der Union ein beherztes Weiter so.“ Eine solche zögerliche Religionspolitik habe bei gleichzeitiger Privilegierung des Christentums zur verschärften Unterscheidung zwischen einem „christlichen Europa“ und Muslimen geführt. „Islamskepsis und die Anti-Islam-Politik der AfD sind auch die Geister dieser vernachlässigten Religionspolitik.“ Die Politik müsse handeln, bevor das religionspolitische Klima durch jüngste Verschärfungen nicht zu vergiftet für nachhaltige Debatten sei. – Der evangelische Theologe und Sozialethiker Arnulf von Scheliha analysiert die aktuellen religionspolitischen Positionierungen der Parteien, etwa im Bundestagswahlkampf 2017. Er findet darin viel „ideenpolitisch motivierte Geschichtsdeutung“, einhellige Bekenntnisse zur Religionsfreiheit sowie sehr unterschiedliche Auffassungen zum Islam. Er resümiert, dass „in der Religionspolitik durchaus eine gewisse Bewegung herrscht, aber immense Beschleunigungen nicht zu erwarten sind“.

Internationaler Vergleich: Der Philosoph Hermann Lübbe vergleicht in seinem Beitrag die deutsche mit der Religionspolitik in den USA, die Religion im Unterschied zu Deutschland schon lange als wichtigen Faktor in der Innen- und Außenpolitik wahrnehme. Auch herrsche in den USA viel mehr Offenheit gegenüber neuen Glaubensrichtungen. Lübbe warnt im deutschen Fall davor, Zuwanderungsreligionen wie den Islam zu verpflichten, sich analog zum Staatskirchenrecht zu organisieren. Er rät davon ab, eine religionskulturelle Integration erlangen zu wollen, indem „Besonderheitsprofile“ religiöser Traditionen aufgegeben werden müssen. Wenn etwa auf ein Verbot des Kopftuchtragens auch das Verbot des Ordensschleiers folge, sei diese Verpflichtung zum Verzicht auf öffentliche Bekundung von Besonderheit „schadensträchtig“ – sowohl für die alten wie für die zugewanderten (Religions-)Kulturen.

Religionsentwicklung seit den 1950ern: Die Herausgeber von „Religionspolitik heute“ zeigen, wie stark sich die religionspolitische Landschaft verändert hat: Während 1950 44,3 Prozent der westdeutschen Bevölkerung katholisch und 51,5 Prozent evangelisch waren, waren es 2010 nur noch 36,5 beziehungsweise 31,9 Prozent. Die Zahl der Konfessionslosen hat sich dagegen durch stetige Entkirchlichung massiv erhöht, sie liegt heute bei einem Drittel der Bevölkerung. Weitere 5 bis 7 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören schließlich anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an, darunter sind Anhänger des Islams, des Judentums, von Buddhismus und Hinduismus ebenso wie Vertreter esoterischer und neureligiöser Gruppierungen. Die größte Gruppe unter den religiösen Minderheiten stellen die rund vier Millionen Musliminnen und Muslime dar, die zurzeit in Deutschland leben. – Vor diesem Hintergrund umreißt Zeithistoriker Thomas Großbölting in seinem Beitrag die Entstehung und Entwicklung des religionspolitischen Regimes in der jungen Bundesrepublik. Er zeigt, wie die religionsrechtlichen Regelungen der Weimarer Reichsverfassung ins Grundgesetz gelangten, und bettet dies in die politische Kultur und Mentalität der 1940er- und 1950er-Jahre ein.

Religionsfreiheit unter Druck: Die katholische Theologin und Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins stellt in ihrem Beitrag das Recht auf Religions-, Weltanschauungs- und Gewissensfreiheit als „konstitutiven Bestandteil der Freiheitsrechte jedes Menschen“ dar, das den Glauben des Einzelnen genauso schützt wie die individuelle und gemeinschaftliche Religionsausübung, die positive ebenso wie die negative Religionsfreiheit. Das Menschenrecht sei jedoch in religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaften aus zwei Richtungen gefährdet: aus dem Verdacht heraus, es diene bloßen Partikularinteressen oder Privilegien, und aufgrund des Versuches, Religionsfreiheit tatsächlich partikular für religiöse Interessen zu vereinnahmen oder politisch zu instrumentalisieren. Die Autorin appelliert an alle religionspolitischen Akteure in Staat und Gesellschaft, das Recht auf Religionsfreiheit vehement zu verteidigen.

Auch der Rechtswissenschaftler Thomas Gutmann unterstreicht, das Recht auf Religionsfreiheit dürfe „als grundlegende Dimension menschlicher Freiheitsentfaltung in einer liberalen Gesellschaft“ nicht zur Disposition gestellt werden. Zugleich, so Gutmann, sei die Religionsfreiheit eine wesentliche Errungenschaft des säkularen Staates, die dessen weltanschauliche Neutralität unbedingt voraussetze. Gutmann zeigt an Beispielen, inwiefern die Religionsfreiheit in Konkurrenz zu anderen Rechtsgütern steht, und arbeitet damit ihre Grenzen heraus. Ein „fragiles Gut“ nennt er die gleiche Glaubensfreiheit: In der Praxis sieht er Defizite in der Gleichbehandlung aller Religionen und „starke Tendenzen, die Hegemonie des organisierten Christentums zu verteidigen“.
Körperschaftsstatus: Die Verleihung des Körperschaftsstatus an Religionsgemeinschaften ist für Staatsrechtswissenschaftler Hinnerk Wißmann eine von mehreren Möglichkeiten, Religion zu organisieren. Ihre Zukunftsfestigkeit müsse sich angesichts zunehmender religiöser Pluralität aber erst beweisen. Der Automatismus von Sonderregelungen für Religionsgemeinschaften mit Körperschaftsstatus, die viel diskutierten „Privilegienbündel“, sollten auf ihren funktionalen Grund hin überprüft werden. So könnten künftig bestimmte Rechte herausgelöst und auf Antrag auch Religionsgemeinschaften ohne Körperschaftsstatus gewährt werden. Wißmann betont, „der Anspruch auf Gleichbehandlung aller Religionen ist nicht durch Gleichförmigkeit einzulösen.“ – Religionswissenschaftlerin Astrid Reuter schließt sich aus religionswissenschaftlicher Perspektive dem Urteil von Wißmann grundsätzlich an, indem sie die Debatte um den Körperschaftsstatus als einen „Scheinriesen“ bezeichnet. Der Körperschaftsstatus stehe in der Debatte symbolisch für das, was am herkömmlichen staatskirchenrechtlichen System als dringend reformbedürftig, wenn nicht abschaffungswürdig gelte.

Diskussionsfelder Wohlfahrtsstaat, Arbeitsrecht, Medienrecht: Der Politikwissenschaftler Philip Manow und der katholische Theologe und Sozialethiker Karl Gabriel untersuchen religiöse Einflüsse auf die Entstehung der europäischen Wohlfahrtsstaaten. Der protestantische Sozialethiker Hartmut Kreß und der evangelische Theologe Thorsten Moos diskutieren das kirchliche Arbeitsrecht, während der Kommunikationswissenschaftler Tim Karis und die Publizistin Viola van Melis den Umgang im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit religiöser Vielfalt untersuchen. Sie sehen in den Rundfunkräten und bei den Drittsenderechten viele religiöse Minderheiten nicht vertreten und sehen hier religionspolitischen Handlungsbedarf, der sich nach van Melis auch positiv auf die Berichterstattung über religiöse Vielfalt auswirken und so fundierten gesellschaftlichen Debatten Vorschub leisten könne.

Aktuelle Konflikte – Moscheebau, Burka, Blasphemie, Beschneidung: Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie zeichnet die politischen und sozialen Konflikte der vergangenen Jahrzehnte nach, die mit dem vermehrten Bau von Moscheen in westlichen Ländern aufflammten. Um künftig Eskalationen zu vermeiden, gelte es, den Streitfällen eine neue institutionelle und kommunikative „Form zu geben“. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Spohn beleuchtet die emotional diskutierten gesetzlichen Burka-Verbote in europäischen Demokratien und fragt, warum Burka-Verbotsinitiativen trotz umfassender Kritik aus der Wissenschaft immer wieder politische Erfolge erzielen. Sie sieht dies in einem grundsätzlichen „Unbehagen europäischer Gesellschaften an der Verschleierung des Gesichts“ begründet und stellt fest, dass die Verbote dennoch nicht zur Befriedung der Konflikte beitrügen. Mit der Blasphemie nimmt sich der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme eines Themas an, das die meisten europäischen Gesellschaften nach seiner Einschätzung überwunden geglaubt hatten. Seine gesellschaftliche Sprengkraft habe sich in den vergangenen Jahren erneut erwiesen, etwa im Streit um die ‚Mohammed-Karikaturen‘ oder um Kritik an Überzeugungen evangelikaler Christen. Çefli Ademi skizziert aus Sicht der islamischen Rechtswissenschaft die Debatte über die religiöse Jungen-Beschneidung, die das Urteil des Kölner Landgerichts 2012 auslöste. Der Beitrag kann als Plädoyer gegen eine als allgemeine Religionskritik verkleidete Islamophobie verstanden werden.

Religionspolitische Akteure: In den Buchbeiträgen von religionspolitischen Akteuren aus Politik und Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften besteht Einhelligkeit, dass das Grundrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit als hohes Gut unbedingt zu schützen sei. Jenseits dieses Einvernehmens eröffnet sich allerdings eine Bandbreite an kontroversen Meinungen und Interessenbekundungen zur aktuellen Religionspolitik in Deutschland:

a) Positionen aus der Politik: Stellung beziehen fünf Politikerinnen und Politiker, deren Parteien in der 18. Wahlperiode des Deutschen Bundestages (2013–2017), in der das Buch überwiegend entstand, Fraktionen stellten. Religionsbezogene Aussagen der Parteien FDP und AfD, die seit der Bundestagswahl vom Herbst 2017 ebenfalls mit Fraktionen ins Parlament eingezogen sind, finden in den Beiträgen des Politikwissenschaftlers Ulrich Willems und des Sozialethikers Arnulf von Scheliha Beachtung. Zu den Autorinnen und Autoren, die in diesem Band zu Wort kommen, zählen als (ehemalige) Bundestagsabgeordnete: Volker Beck (Partei Bündnis 90/Die Grünen), Christine Buchholz (Die Linke), Kerstin Griese (SPD) und Johannes Singhammer (CSU); sowie Thomas Sternberg (CDU), der bis Mai 2017 Mitglied im Landtag Nordrhein-Westfalen war.

Die Beiträge aus der Politik spiegeln im Umfang ihrer thematischen Ausdifferenzierung nach Einschätzung der Herausgeber auch den Grad wider, in dem sich die Parteien bisher systematisch mit religionspolitischen Fragen befassen: So haben Bündnis 90/Die Grünen einen mehrjährigen bundesweiten Diskussionsprozess durchlaufen und einen vom Parteitag beschlossenen Abschlussbericht vorgelegt, der zu zahlreichen religionspolitischen Feldern Stellung nimmt; auch in der Partei Die Linke, die zunächst mit laizistischen Forderungen auftrat, entwickeln sich nun Debatten mit differenzierterem Themen- und Meinungsspektrum. SPD und FDP treten derzeit in religionspolitische Überlegungen ein, die sich aber noch nicht in Reformpapieren konkretisiert haben. Die CSU stellt dagegen kein Reformbestreben heraus, sondern plädiert für den Erhalt des Status quo, den Singhammer als „austarierte Balance zwischen Kirche und Politik“ würdigt, während die CDU zwar das Religionsverfassungsrecht als bewährt herausstellt, zugleich aber, wie Sternberg es nennt, „wichtige Weiterentwicklung“ etwa beim islamischen Religionsunterricht befürwortet. – Die Lektüre der Beiträge der Politikerinnen und Politiker lässt, so die Herausgeber, erkennen: Je eher diese dafür plädieren, die Pluralität als Realität anzuerkennen, desto stärker zeigen sie religionspolitische Probleme, aber auch mögliche Lösungswege auf, sei es zum Körperschaftsstatus, zum kirchlichen Arbeitsrecht, zu den Staatsleistungen, zum Religionsunterricht oder zu den Theologien an öffentlichen Hochschulen.

b) Positionen aus Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften Die Auswahl der Autorinnen und Autoren aus Religion- und Weltanschauungsgemeinschaften folgte den Herausgebern zufolge dem Ziel, ein möglichst vielfältiges Meinungsbild zu zeigen und einen Eindruck vom Facettenreichtum des religiösen Spektrums im heutigen Deutschland zu geben. Allerdings seien Vollständigkeit und Repräsentativität auf diesem Gebiet angesichts der hohen Anzahl an Religionsgemeinschaften und ihrer jeweiligen Konfessionen und Strömungen von Anfang an unmöglich. Exemplarisch kommen im Band zu Wort: Rabbiner Achivai Apel von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, Michael C. Bauer vom Humanistischen Verband Deutschlands, Mohammad Dawood Majoka von der Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland, Antonius Hamers vom Katholischen Büro NRW, Mohammed Khallouk vom Zentralrat der Muslime in Deutschland, Armin Pikl von der Gemeinschaft Zeugen Jehovas, Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung sowie Irmgard Schwätzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. – Konkreten religionspolitischen Handlungsbedarf formulieren den Herausgebern zufolge in der Regel die Beiträge aus der Feder von Vertretern der Minderheiten-Religionen: So behandeln die Islam-Vertreter ausführlich die Frage des Körperschaftsstatus. Sie betonen, ohne Körperschaftsstatus ließen sich viele religionsspezifische Bedürfnisse von Muslimen „von der Wiege bis zur Bahre“ in Seelsorge, Sozialsektor und Bildung nicht regeln. Andere Beiträge nennen Benachteiligungen, die etwa Juden im Alltag in Deutschland erführen. (sca/vvm)


Weitere Informationen:

https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2018/nov/PM_Religions…


Beschneidung auf dem Küchentisch – Vater vor Gericht

Traumatisiert. Professionell wie im OP verlief Luiz’ Beschneidung nicht.Foto: O. Berg/dpa
Weil er laut Anklage seinen neunjährigen Sohn in seiner Wohnung gegen dessen Willen beschneiden ließ, muss sich ein 52-Jähriger vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten.

Von Kerstin Gehrke | DER TAGESSPIEGEL

Als zwei fremde Männer in die Wohnung des Vaters kamen, fügte sich der kleine Luiz. Er hatte den Ermittlungen zufolge zuvor Anweisungen erhalten. „Du legst dich auf den Küchentisch“, soll der Papa verlangt haben. Luiz wurde beschnitten – illegal und den Ermittlungen zufolge strafbar. Er habe große Schmerzen erlitten, das Geschehen habe ihn traumatisiert. Der 52-jährige Vater steht nun seit Montag wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Tiergarten.

Mit dem Eingriff, den Francisco S. veranlasst habe, seien weder der damals neunjährige Junge noch die auch sorgeberechtigte Mutter einverstanden gewesen, so die Anklage. Die Beschneidung sei auch nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgt.

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Wem gehört die Klagemauer?

Orthodoxe jüdische Männer beten an der Klagemauer in Jerusalem. Foto: Caitlin Faw (Getty Images)
Liberale Juden wollen die Vorherrschaft der Orthodoxie zurückdrängen. Noch kann Israels Regierung Strömungen bremsen, die sich eine Trennung von Staat und Religion wünschen.

Von Richard C. Schneider | Tages Anzeiger

Mit Schrecken blickte die internationale Öffentlichkeit im Juli auf die blutigen Unruhen zwischen Israelis und Palästinensern am Tempelberg in Jerusalem – einem der heiligsten Orte für Muslime, Juden und Christen. Nur einen Monat zuvor war es an diesem Ort allerdings zu einer anderen Auseinandersetzung gekommen, die in der breiten Öffentlichkeit kaum verfolgt wurde. Denn es war ein innerjüdischer Konflikt, der unblutig verlief. Für den Staat Israel ist er jedoch von zentraler Bedeutung.

Es ging um das wichtigste Heiligtum des jüdischen Glaubens, die sogenannte Klagemauer, also die äussere Westmauer des zweiten jüdischen Tempels, der dort stand, wo sich heute der islamische Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee befinden. Die Mauer, die sich unterhalb des Tempelplateaus befindet, ist ein Reststück des Tempels, der 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde.

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Muslimische Söhne: Beschneidung – kleiner Eingriff, große Fragen

 Beschneidungen sind legal, wenn sie unter Vollnarkose vom Arzt vorgenommen werden. (Foto: Bradley Secker/laif)
Beschneidungen sind legal, wenn sie unter Vollnarkose vom Arzt vorgenommen werden. (Foto: Bradley Secker/laif)
Vielen deutsch-türkischen Paaren geht es wie Katrin und Mesut. Sie müssen sich entscheiden: Soll unser Sohn beschnitten werden?

Von Ines Lutz | Süddeutsche.de

Eine junge Frau und ein junger Mann lieben sich. Katrin* ist christlich getauft, aber nicht religiös. Mesut* ist Muslim und stammt aus einer weltoffenen, türkischen Einwandererfamilie. Beide respektieren die Kultur des anderen. Sie heiraten und beschließen, eine moderne Ehe zu führen. Die Frau bringt einen Sohn zur Welt. Ein europäisches Kind soll er sein, seine Religion darf er sich später selbst aussuchen. Die Mutter spricht mit ihm deutsch, der Vater türkisch. Die Familie feiert Weihnachten, aber auch Ramadan. Das Beste aus beiden Kulturen wollen sie ihrem Sohn mitgeben, doch eine Frage löst fast schon Verzweiflung aus: ob der Junge beschnitten werden soll. Katrin hat Angst davor, für Mesut ist es ein Teil seiner kulturellen Identität. Beide wollen die Sorgen des anderen respektieren, können aber keine Zugeständnisse machen.

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„Die schlimme Fratze der Religion“

Weihbischof Hans-Jochen Jaschke und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki diskutieren die Grenzen der Ausübung religiöser Riten. Ein Streitgespräch über Burka, Beschneidung und Brauchtum

Von Jana Werner | WELT am SONNTAG

Die Debatte um ein Burka-Verbot in Deutschland reißt nicht ab. In Hamburg verweigert ein muslimischer Abiturient seiner Lehrerin den Handschlag. Und im Landkreis Regensburg erwürgt ein Iraker seine Frau und versteht nicht, warum er dafür ins Gefängnis kommt. Es sei sein Recht, seine Frau zu töten. Wie weit darf Religion heute mitten in Europa gehen? Darüber diskutieren der Weihbischof im römisch-katholischen Erzbistum Hamburg, Hans-Jochen Jaschke, und der protestantische FDP-Politiker Wolfgang Kubicki im neuromanischen St.Marien-Dom im Hamburger Schmelztiegel St.Georg.

Welt am Sonntag:

Herr Jaschke, was dürfen Menschen alles mit der Religion begründen?

Hans-Jochen Jaschke:

Religion und Glaube sind die private Entscheidung eines Menschen. Wenn Religion die öffentliche Ordnung betrifft, ist sie in diese eingebunden. Religion hält sich an die Gesetze. Es gibt keinen rechtsfreien Raum für die Religion. Wir haben gerade im Christentum die Unterscheidung von Kirche und Staat. Es gibt keine göttliche Ordnung, die in den Staat hineinwirkt. Das unterscheidet das Christentum vom Islam. Das Christentum ist keine politische Ordnung.

Wolfgang Kubicki:

Das behauptet das Christentum. Religionen versuchen aber immer wieder, Einfluss auszuüben.

Jaschke:

Natürlich wirkt Religion in die Gesellschaft hinein. Der Islam indes ist auch eine politische und gesamtmenschliche Ordnung, die etwa über die Scharia Kriterien für die Rechtsprechung vorgibt. Das ist im Christentum anders.

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Wie es um den Islam hierzulande bestellt ist

Hans Markus Heimann zeigt in seinem Buch, warum das Grundgesetz dem Kirchturm nicht näher steht als dem Minarett. (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)
Deutschland diskutiert über Burka und Kopftuch, über Integration und Religion – doch wie es um den Islam hierzulande bestellt ist, darüber gibt es nur spärliche Informationen. Diese Lücke versuchen die Bücher der Journalistin Karen Krüger und des Rechtswissenschaftlers Hans Markus Heimann zu füllen.

Von Christiane Florin | Deutschlandfunk

Um es gleich vorwegzusagen: Beide Bücher kommen ohne steile Thesen aus. Und das verdient Lob. Denn auf dem Themenquadrat mit den Eckpunkten Religion, Staat, Recht und Politik tummeln sich schon viele Thesenritter. Die rufen: „Mohammed ist ein Verbrecher, die Kirchen sind Räuber, die Scharia verdrängt das Grundgesetz, Religion gehört ganz abgeschafft.“ Für Behauptungen dieser Art gibt es einen gut sortierten Markt der Kampf-, Streit und Schrei-Schriften.

Ein Buch wie „Deutschland als multireligiöser Staat“ von Hans Markus Heimann aber gibt es noch nicht. Heimann erklärt das deutsche Religionsrecht kompakt, nüchtern, bisweilen dröge, jedenfalls provozierend unaufgeregt. Und auch die „Reise durch das islamische Deutschland“ von Karen Krüger riskiert etwas Neues. Die Redakteurin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ nimmt die Leser mit auf eine echte Erkundungstour und speist sie nicht mit einer Butterfahrt zum Salafisten-Erlebnisbauernhof ab.

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Religionspolitiker reden über Muslime ohne Muslime

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde (v.l.) Moderator Joachim Frank, Thomas Sternberg (CDU), Rektorin Ursula Nelles, Kerstin Griese (SPD), Volker Beck (Die Grünen), Ulrich Willems © Exzellenzcluster „Religion und Politik“/Sarah Batelka
Religionspolitiker mahnen bei einer Diskussion an der Uni-Münster offenere Debatten über und mit Religionen an. Uni-Rektorin betont Bedeutung des Dialogs. An der Diskussion ist aber kein einziger Muslim dabei.

MiGAZIN

Der Grünen-Politiker Volker Beck vermisst bei den großen Islamverbänden in Deutschland die Ausrichtung ihrer Identität nach einem religiösen Bekenntnis. „Unter dem Dach von Ditib oder Islamrat findet nicht nur Religion statt, sondern auch sehr viel türkische Politik. Politik, Sprache und Herkunft prägen stark die Identität und Grenzen der Verbände“, sagte der religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion Volker Beck am Dienstagabend in Münster. Zentrales Identitätsmerkmal der Verbände sei bisher nicht ein jeweiliges, theologisch begründetes Glaubensbekenntnis, sondern seien etwa ihr Verhältnis zur Türkei oder andere Herkunftsbezüge. „Voraussetzung für den Körperschaftsstatus, den die Verbände anstreben, ist aber die Organisation nach dem religiösen Bekenntnis. Dieses Recht haben nur Religionsgemeinschaften, nicht religiöse Vereine. Da müssen wir klar bleiben.“

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Religionspolitik: Warum das Zögern der Politik die AfD stark macht

Der Münsteraner Politikwissenschaftler Ulrich Willems (Sarah Batelka)
Der Münsteraner Politikwissenschaftler Ulrich Willems fordert eine neue Religionspolitik. Wegen der bisherigen Versäumnisse habe sich das Misstrauen gegenüber dem Islam einnisten können. Nicht nur Muslime, auch Konfessionslose würden benachteiligt. Über wichtige Themen wie Kirchensteuer, Beschneidung oder das Kopftuch werde nur noch im Krisenmodus diskutiert, sagte er im DLF.

Ulrich Willems im Gespräch mit Monika Dittrich | Deutschlandfunk

Monika Dittrich: Der Politikwissenschaftler Ulrich Willems hat der deutschen Politik auf diesem Feld kürzlich ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Parteien hätten die Religionspolitik zu lange vernachlässigt.  Ulrich Willems ist Professor an der Universität Münster, wo er auch dem Exzellenzcluster Religion und Politik angehört. Jetzt ist er uns zugeschaltet – guten Morgen Herr Willems!

Ulrich Willems: Einen schönen guten Morgen, Frau Dittrich, und auch einen schönen guten Morgen Ihren Hörerinnen und Hörern!

Dittrich: Herr Willems, Sie üben scharfe Kritik an der Bundesregierung und den etablierten Parteien. Was haben die versäumt?

Willems: Spätestens seit 1990, seit der deutschen Wiedervereinigung steht eine Reform der religionspolitischen Ordnung der Bundesrepublik auf der Tagesordnung. Das hat damit zu tun, dass die religionspolitische Ordnung, die man Ende der 40er Jahre, Anfang der 50er Jahre verabschiedet hat, gewisse Asymmetrien aufweist. Sie räumt den Kirchen einen besonderen Status ein. Und zugleich ist spätestens seit 1990 deutlich geworden, dass die größte religiöse Minderheit – die Muslime – im Land bleiben werden. Seitdem warten wir darauf, dass die Politik Vorschläge vorlegt. Wenn Sie sich ansehen, was seitdem passiert ist: Wir haben immer noch nicht in allen Bundesländern islamischen Religionsunterricht, obwohl Religionsgemeinschaften nach Artikel 7, Absatz 3 darauf Anspruch haben; die Frage des Körperschaftsstatus für Religionsgemeinschaften ist noch nicht geregelt; erst seit 2012 – und das auch im Rahmen erst eines Modellversuches – gibt es islamische Fakultäten an vier Universitäten in der Bundesrepublik. Also man sieht, es hat sehr, sehr lange gedauert. Die Fragen sind immer noch nicht durchdiskutiert. Das Problem besteht darin, dass die Muslime – wenn wir über diese Gruppe vornehmlich reden – dementsprechend immer vehementer ihr Recht auf gleiche Religionsfreiheit fordern. Und dann entsteht der Eindruck, da wolle eine Gruppe jetzt in irgendeiner Art und Weise Sonderrechte erlangen. Das ist der Diskussion nicht förderlich.

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Grünen-Politiker Volker Beck fordert Akzeptanz für religiöses Schächten und Beschneidung

Volker Beck (2010). Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0

Der Innenexperte der bündnisgrünen Bundestagsfraktion, Volker Beck, hat deutlich gemacht, dass seines Erachtens die Integration vieler Flüchtlinge auch davon abhänge, ob man in Deutschland bereit sei, die religiösen Bedürfnisse der Flüchtlinge zu akzeptieren.

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„Notwendig ist auch der Respekt der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den religiösen Vorstellungen und Vorschriften von Minderheitsreligionen“, erklärte Beck in der Sendung Unter den Linden im Fernsehsender phoenix und erwähnte explizit religiöse Kopfbedeckungen, das religiös begründete Schächten von Tieren und die Beschneidung. Natürlich müssten die Menschen, die hier um Asyl bitten würden, zugleich auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau wie auch die friedliche Auseinandersetzung bei unterschiedlicher Meinung akzeptieren.

Beck sprach sich darüber hinaus für die Einrichtung qualitativ unterschiedlicher Integrationskurse aus. „Wir können doch nicht in denselben Kurs den Ingenieur oder Arzt mit dem Analphabeten stecken und brauchen hier mehr Flexibilität.“ Der grüne Bundestagsabgeordnete votierte zudem dafür, Asylsuchenden früher die Möglichkeit einzuräumen, an diesen Kursen teilzunehmen. „Ansonsten blockieren wir Integration.“

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Slenczka AT-Kritik hat im christlich-jüdischen Dialog ‚viel zerstört‘

Bild: wikimedia.org/PD
Evangelischer Landesbischof Meister hat Äußerungen des Theologieprofessors Notger Slenczka zur Bedeutung des Alten Testaments heftig kritisiert. Slenczka behauptet, das AT dürfe nicht zum biblischen Kanon gehören

kath.net

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat Äußerungen des Berliner Theologieprofessors Notger Slenczka zur Bedeutung des Alten Testaments heftig kritisiert. Slenczka behauptet, es habe den gleichen Status wie die Apokryphen (außerbiblische Schriften) der Lutherbibel und dürfe somit nicht zum biblischen Kanon gehören. Er hat damit laut Meister im jüdisch-christlichen Dialog „unglaublich viel zerstört“. „Er hat nicht nur ein Glas vom Tisch gestoßen, sondern gleich das ganze Tischtuch weggerissen“, sagte Meister in einer Veranstaltung zur Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs. Der christliche Glaube müsse sich an den Texten der ganzen Bibel festmachen. Meister beklagte zugleich, dass man bei diesem Dialog auch nach 50 Jahren immer noch am Anfang stehe: „Wir hören in unserem Gemeinden immer wieder das gleiche.“ Ein Beispiel dafür gab der Rabbiner Julian Chaim Soussan (Frankfurt am Main). So werde von Christen oft vorgebracht, dass der Gott des Alten Testaments gewalttätig sei, aber der des Neuen Testaments friedlich. Dafür werde auf Bibelverse wie „Auge um Auge, Zahn und Zahn“ hingewiesen. Doch dieser Vers beschreibe keine Haltung Gottes, es gehe vielmehr um ein Regelwerk für Menschen in Rechtsstreitigkeiten.

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Israel: Alles eine Frage des religiösen Status

Bild:  phhesse/flickr
Bild: phhesse/flickr
Die israelische Regierung hat Übertritte zum Judentum erleichtert, denn viele Bürger empfinden die Kurse zur Konversion und die hohen Hürden als schmerzhafte Zurückweisung. Doch die Reform stößt auf Widerstand strenggläubiger Rabbiner.

 

Von Hans-Christian Rößler|Frankfurter Allgemeine

Für Noam Cohen gab es nie einen Zweifel an ihrer Identität. „Ich wurde in Israel geboren. Seit ich denken kann, bin ich jüdisch“, sagt die temperamentvolle Frau, die vor wenigen Monaten ihren Militärdienst beendet hat. Ihr Lebenslauf könnte auch sonst kaum israelischer sein: Ihre Eltern lernten sich in dem Kibbuz im Norden des Landes kennen, in dem sie selbst vor 21 Jahren zur Welt kam und bis heute lebt. Ihre schottische Mutter hatte dort als Freiwillige gearbeitet und sich in Noams Vater verliebt. Sie heirateten im Ausland und bekamen drei Kinder. Doch Noam Cohen musste schmerzhaft erfahren, dass israelisch zu sein nicht auch bedeutet, jüdisch zu sein. „Mir ist das aber nicht weniger wichtig“, sagt die junge Frau, die ihrem Land selbstverständlich als Soldatin diente. Da aber ihre schottische Mutter keine Jüdin ist, erkannte sie der Staat nicht als jüdisch an.

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Studie: Beschneidungsdebatte hat Juden und Muslime getroffen

beschneidung

Präsentation einer Oxforder Studie erfolgte im Rahmen des Begleitprogramm der Berliner Ausstellung zur Beschneidung „Haut ab! – Haltungen zur rituellen Beschneidung.“


kathweb

Juden und Muslime haben sich durch die sogenannte Beschneidungsdebatte in Deutschland vor zwei Jahre laut einer Studie gesellschaftlich stark ausgegrenzt gefühlt. Wie aus einer wissenschaftlichen Untersuchung der Universität Oxford hervorgeht, die am Donnerstagabend im Jüdischen Museum in Berlin präsentiert und diskutiert wurde, war vor allem für jüdische Mitbürger die Debatte um die Beschneidung ein „Wendepunkt“. Erstmals standen sie gefühlt im Fokus religionskritischer und -feindlicher Debatten. Ausgeprägt sei das „Entsetzen über die Vehemenz und Bandbreite der Anti-Beschneidungspositionen“ gewesen, so das Fazit der Studie.

Auch für Muslime sei die Debatte ein „ausgrenzendes Erlebnis“ gewesen. Allerdings habe sich für sie die Diskussion in eine Vielzahl von antiislamischen Debatten eingereiht, etwa den Kopftuchstreit und vor allem die Diskussion um die Positionen von Thilo Sarrazin.

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Beschneidung: Ein Schnitt ins Leben

Frische Schnitte, frei und fromm. Bild: http://s.gullipics.com
Frische Schnitte, frei und fromm.
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Diese Operationen sind in der Türkei ein Grund für Familienfeste: Zu Besuch im Istanbuler Beschneidungspalast.

Von Cigdem AkyolFrankfurter Allgemeine

Gleich wird es blutig. Dann müssen die sieben Jungs im weißen Prinzenkostüm und mit turbanähnlichem Hut auf dem Kopf zu dem Mann mit dem Skalpell, einer nach dem anderen. Während ihre Eltern ihnen auf der Bühne die kleinen Hände halten, zieht ihnen der Beschneider die Hose herunter. Die Jungs schauen stolz und unsicher zugleich, als sich der glatzköpfige Mann mit dem tätowierten Unterarm über ihren entblößten Schoß beugt. Endlich sind der Clown, der Sänger und der Keyboardspieler einmal still. Nur ein dicker Imam auf der Bühne spricht ein Gebet, Mütter weinen still. Es riecht nach Desinfektionsmittel und verbranntem Fleisch.

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Christensekte: „Zwölf Stämme“ zeigen Fernsehreporter an

zwoelf_staemme_klosterzimmernDie Christensekte „Zwölf Stämme“ hat wegen Misshandlungen das Sorgerecht für ihre Kinder verloren – nun gehen die Fundamentalisten gegen den Reporter vor, der die Beweise lieferte. Ihre Erklärung: Züchtigen sei „ein Gesamtkonzept“.

Von Carola Padtberg-KruseSpON

Auf dem bayerischen Gut Klosterzimmern sollen Kinder der christlichen Sekte „Zwölf Stämme“ jahrelang systematisch verprügelt worden sein, heimliche Videoaufnahmen lassen daran kaum Zweifel. Die Urchristen streiten die Vorwürfe nicht ab, trotzdem wehren sie sich nun: Sie wollen ihre Kinder zurück.

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Beschneidung—nach Routine-OP: Patient wacht ohne Penis auf

Zwei Skalpellklingenformen, Bild: wikimedia.org/CC-BY-3.0
Den Schock seines Lebens erlitt wohl ein US-Amerikaner: Für eine Routine-Operation in Narkose versetzt, erwachte er in einem wahren Alptraum-Szenario. Statt ihn zu beschneiden, hatten ihm die Ärzte den Penis amputiert.

FOCUS ONLINE

Ein Mann hatte sich für eine Routine-Operation am Unterleib in die Hände der Ärzte in einer Klinik im US-Bundesstaat Alabama begeben und sah sich, als er wieder aufwachte, mehr als nur einer unangenehmen Überraschung gegenüber. Die Ärzte hatten ihm, statt eine Beschneidung vorzunehmen, den Penis amputiert.

Ägypten nimmt Beschneidung nicht mehr hin

Bild: evangelisch.de
Staatlichen Statistiken zu Folge sind in Ägypten 81 Prozent der Frauen zwischen 15 und 19 Jahren beschnitten. In den Altersgruppen darüber sind es deutlich mehr. Erstmals steht ein Arzt wegen Totschlags vor Gericht.

Von Julia GerlachBerliner Zeitung

Staubige Straßen, Häuser aus roten Ziegeln: Diayrb Bektaris ist ein Dorf wie tausend andere in Ägypten und auch die Familie al-Bata’a unterscheidet sich kaum von der Mehrheit der Ägypter. Das gleiche gilt für Raslan Fadl, der im Dorf eine Arztpraxis betreibt. Er ist ein angesehener Mann. Deswegen versteht in Diayarb Bektaris auch kaum jemand, warum der Arzt und das Familienoberhaupt Mohammed al-Bata’a jetzt vor Gericht stehen; noch dazu wegen Totschlags und Genitalverstümmelung. Es geht um den Tod der 13-jährigen Sohair al-Bata’a. Sie starb vor einem Jahr, nachdem Doktor Raslan ihr die Klitoris entfernt hatte – in Ägypten ein Routineeingriff und vor allem in den armen Dörfern auf dem Land verzichtet kaum eine Familie darauf, ihre Töchter beschneiden zu lassen.

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Wer wird im Land der Täter zum Juden?

Bild: brightsblog
Bild: brightsblog
Zum Judentum überzutreten ist gar nicht so einfach. Viele Deutsche versuchen es trotzdem – knapp über 100 im Jahr, aus verschiedensten Gründen. Nicht immer treffen sie damit auf Verständnis.

Von Jan SchapiraDIE WELT

Ein Pfarrer freut sich bekanntlich über jedes Schäfchen, das zum rechten Glauben findet. Rabbiner sehen es dagegen als ihre Pflicht an, jeden potenziellen Konvertiten erst einmal abzuweisen. So will es die gute Sitte.

Das Judentum ist nicht missionarisch. Und Konvertiten werden in den Gemeinden mitunter misstrauisch beäugt. Und trotzdem gibt es viele Menschen, die zum Judentum übertreten. Auch in Deutschland.

So wie Felix Eliyah Havemann. Er sitzt in Leipzig auf einem Podium und liest aus seinem Buch „Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?“. Er trägt ein dunkles Sakko, auf seinen kurzen, zur Seite gekämmten Haaren thront eine schwarze Kippa.

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„Beschneidung ist Verstümmelung“

Die menschenrechtlichen Grundlagen unserer demokratischen Verfassungsstaaten werden durch klerikale Machtansprüche bedroht sagt Matthias Franz.

Religiöse-rituelle Vorhautamputation hat eine medizinische Komplikationsrate von 5%. Der schmerzhafte Eingriff wird bis heute großteils ohne Narkose vorgenommen. Er wirkt daher traumatisierend und kann später zu sexuellen Empfindungsstörungen führen da die freiliegende Peniseichel desensibilisiert wird. Es wird höchste Zeit, dass man aufhört, die Augen zu verschließen vor den möglichen körperlichen, sexuellen und seelischen Langzeitfolgen, die auch empirisch belegt sind. Man muss als Arzt nur danach fragen, dann hört man nicht selten traurige Geschichten. Trotzdem herrscht — verglichen mit der berechtigten Empörung über die rituelle Verletzung weiblicher Genitalien — eine bemerkenswerte Verleugnungs­haltung und kollektive Empathieverweigerung gegenüber kleinen Jungen. Das ist unreflektierten Traditionen geschuldet und Ausdruck des männlichen Rollenkäfigs, der Jungen und Männern immer noch schweigsame Härte abverlangt.

Buch: http://www.v-r.de/de/title-0-0/die_be…
Interview Matthias Franz:
http://www.v-r.de/de/newsdetail-1-1/w…