Brit Mila: »Amputation der Vorhaut« – Volker Becks kognitive Dissonanzen

Eine junge Familie nach der Brit Mila ihres Neugeborenen. © flash90
Beschneidungsgegner demonstrieren am Jahrestag des Kölner Urteils


Von André Anchuelo|Jüdische Allgemeine

Für den 7. Mai rufen verschiedene Gruppen anlässlich eines »Welttags der genitalen Selbstbestimmung« zu einer Demonstration in Köln auf. An diesem Tag jährt sich die Verkündung eines Urteils des Kölner Landgerichts zum dritten Mal. Es stufte damals in zweiter Instanz die Zirkumzision eines kleinen Jungen als Körperverletzung ein, welche durch eine religiöse Motivation und den Wunsch der Eltern nicht gerechtfertigt werde.

Nach einer breiten öffentlichen Debatte über die aus dem Urteil entstandene Rechtsunsicherheit verabschiedete der Bundestag im Dezember 2012 mit großer Mehrheit eine gesetzliche Regelung, die unter anderem eine umfassende Aufklärung und Einwilligung der Sorgeberechtigten, eine qualifizierte Schmerzbehandlung sowie eine fachgerechte Durchführung des Eingriffs vorsieht.

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Gedenktag für die «genitale Selbstbestimmung»

Bild: dradiowissen.de
Beschneidungsgegner wollen die »genitale Selbstbestimmung« würdigen. Und haben nicht nur Probleme mit dem Datum.

Von Michael WuligerJüdische Allgemeine

Noch sechs Tage bis Weihnachten. Das ist sogar bis zu dieser Zeitung durchgedrungen. Aber wussten Sie, dass an diesem Freitag der Sangria-Tag begangen wird? (Weltweit, nicht nur auf Malle.) Und der 21. Dezember ist Internationaler Tag der Taschenlampe. Unser Kalender steckt voll interessanter Gedenkdaten.

Jetzt soll ein weiteres hinzukommen. Ab kommendem Jahr wird der 7. Mai in Deutschland der »Tag der genitalen Selbstbestimmung« sein, wenn es nach den organisierten Beschneidungsgegnern geht. Der 7. Mai deshalb, weil an diesem Tag 2012 das Landgericht Köln in einem Urteil die Zirkumzision von Jungen zur strafbaren Körperverletzung erklärte. Der Bundestag hat das per Gesetz später kassiert; die Vorhautschützer wollen zum juristischen Status quo ante zurück.

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Beschneidungsritual: Geht der Streit weiter?

Foto: Damien Meyer / AFP / Getty
Ein Jahr nach der großen Debatte um ein Beschneidungsurteil herrscht noch immer Verwirrung. Auch Männer fordern die juristische Anerkennung einer körperlichen Versehrung.

Von Gerhard HafnerderFreitag

Stellen wir uns folgendes Gesetz vor: Wer die äußeren Genitalien einer männlichen Person verstümmelt, wird mit Freiheitsentzug nicht unter einem Jahr bestraft. Gleichgültig, ob es sich um einen Jungen oder um einen erwachsenen Mann handelt, egal ob unter Narkose und wie viel am Penis geschnitten wurde, egal ob der Beschnittene einwilligt oder nicht, der Täter oder die Täterin muss für bis zu 15 Jahre hinter Gitter. Denn: Jegliche Verstümmelung von Genitalien verstößt gegen die guten Sitten.

War dies das Ergebnis der hitzigen Beschneidungsdebatte, die vor einem Jahr aus Anlass eines Gerichtsurteils begann und Deutschland in zwei Lager, in Beschneidungsgegner und Beschneidungsanhänger, teilte? Natürlich nicht. Ende Juni dieses Jahres fügte der Bundestag – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – im Strafgesetzbuch den Paragrafen 226a ein. Dort heißt es: „Wer die äußeren Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.“ Bis zu 15 Jahren. Der strafrechtliche Schutz wird damit auf nur ein Geschlecht beschränkt. Das allein ist natürlich schon ein Gewinn, denn bisher wurde die Verstümmelung weiblicher Genitalien lediglich als schwere Körperverletzung mit einer Haft von maximal zehn Jahren geahndet. Durch das neue Gesetz avancierte diese Tat zum eigenen Straftatbestand.

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Beschneidungsgesetz, Staatsschutz und eine jüdische Familie

Bild. picture alliance
David S. soll im Internet den Beschneidungsgegner und Strafrechtler Holm Putzke beleidigt haben. Der zeigt ihn an. Plötzlich steht das Kommissariat für rechtsextreme Delikte bei David S. vor der Tür

Von Jennifer Nathalie PykaCicero

„Wir sind eine kleine jüdische Familie“, betont der Münchner Familienvater Jonathan S.* immer wieder. „Völlig unbescholtene Bürger, keine Drogendealer, keine Menschenhändler“, fügt er energisch hinzu, wenn er über den 16. Januar dieses Jahres spricht. Der Tag, an dem früh morgens nicht der Wecker, sondern die Polizei klingelte. Insgesamt drei Beamte des Münchner Kommissariats 44, zuständig für Delikte mit rechtsextremem Hintergrund, rückten an diesem Januarmorgen um Punkt sechs Uhr bei der fünfköpfigen Familie an.

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Jerome Segal: “Als Jude sage ich, Beschneidung ist barbarisch”

IN WIEN WAGEN JUDEN NICHT, SICH ÖFFENTLICH GEGEN BESCHNEIDUNG AUSZUSPRECHEN. Jerome Segal, Universitätsdozent in Wien und Assistenzprofessor an der Pariser Sorbonne, ist Jude, Atheist und Beschneidungsgegner.

CHANGE TV

Seine Söhne ließ er nicht beschneiden, denn für ihn wäre dies ein “grausamer und barbarischer Akt”. Auch andere Thora-Vorschriften, etwa Todesstrafe bei Ehebruch, werden nicht mehr angewendet. Für die Beschneidung gibt es das jüdische “Brit Schalom” Ritual, das in Israel und den USA immer häufiger angewendet wird, hier wird Beschneidung nur symbolisch durchgeführt. In Wien hingegen sei der soziale Druck in der israelitischen Kultursgemeinde dermaßen hoch, dass niemand es wage, sich öffentlich gegen Beschneidung zu äußern. Wer seine Buben nicht beschneiden lässt, verheimlicht dies, aus Sorge, dass ihnen beispielsweise der Besuch einer jüdischen Schule in Wien verwehrt wird.

Österreich: Beschneidungsgegner werden angezeigt

Oskar Deutsch Bild: (c) APA HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
Oskar Deutsch Bild: (c) APA HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Oskar Deutsch kritisiert die Regierung und zeigt Antibeschneidungsaktivisten an. Man könne nicht zulassen, dass das wichtigste Gebot des Judentums kriminalisiert werde, so Deutsch.

Die Presse

Die Israelitische Kultusgemeinde wolle sich mit Tagen der offenen Türe weiter nach außen öffnen und neue Mitglieder gewinnen. „Wir wollen wachsen“, sagt Oskar Deutsch, der nun von 21 der 24 Vorstandsmitglieder der IKG zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Über die Rot-Weiß-Rot-Card sollen Zuwanderer angeworben werden, auch jüdische Bürger aus der EU sollen dazu angeregt werden, sich in Österreich niederzulassen. Aus Ungarn würden schon viele Juden nach Österreich kommen. Der Grund sei aber kein erfreulicher, sagt Deutsch. Dort würde die rechtsextreme Partei Jobbik Stimmung gegen Juden machen.

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Beschneidungsdebatte: Der evolutionäre Humanismus – die neue säkulare Religion

Jetzt ist es mir doch passiert: Ich habe jemanden verletzt, weil ich sie fälschlicherweise des Antisemitismus beschuldigt habe. Dies geschah zwar „nur“ im Eifer des Gefechts, aber es passierte…

Von Tamara GuggenheimhaGalil.com

Worte, das habe ich schon als Kind gelernt, können Menschen härter treffen als Schläge, denn sie bleiben im Gedächtnis haften. Worte, Sprache, das ist mein Thema in den letzten Wochen der Debatte um die Vorhaut, die meine Söhne nicht mehr haben.

Die Verletzung durch Worte erlebte ich in dieser Debatte das erste Mal, als die FAZ einen Brief veröffentlichte, in der ich der sexuellen Gewalt bezichtigt wurde, weil ich meine Söhne beschneiden ließ. Nein, nicht an mich persönlich adressiert, es wurde allgemein herausgestellt, dass keine Religion diesen Eingriff rechtfertige. Aber es waren solche Worte, die mein Leben beeinflusst, wenn nicht gar verändert haben.

Ich bin plötzlich kein Mitglied dieser Gesellschaft mehr, denn als Befürworterin der Beschneidung gehöre ich für einige zu den „Religioten“, zu einer Gattung, die sich „gegen Vernunft, gegen Menschenrechte, gegen die Geschichte dieses Landes und seine Errungenschaften“ stellt. Meine Religion, sagt  jemand namens Achim, ist eine „pestilenzialische, aussätzige und gemeingefährliche Rasse“, auch wenn er dabei „nur“ Giordano Bruno, den Namensgeber der gleichnamigen Stiftung zitiert. Genau: das stand nicht vor 70 Jahren im Stürmer, das war ein Posting auf der Facebook Fan-Seite der Giordano Bruno Stiftung, einer „Denkfabrik für den evolutionären Humanismus“. Auf der gleichen Seite attestiert mir heute und hier und von seinen Freunden unwidersprochen ein Mann mit dem Namen Günther, Juden seien „eine hysterische und unentspannte Glaubensgruppe mit einem enormen Standesdünkel“.  Von „religiösem Wahn“ ist die Rede und auch die Fähigkeit des „kritischen Denkens“ wird mir plötzlich von einem Ulf abgesprochen. Weil ich meine Söhne beschneiden ließ, weil ich hoffe, dass meine Enkelsöhne ebenfalls beschnitten werden.

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