Wie politisch muss Kirche sein?

Bild: rbb/Ulrike Bieritz
Die Diskussion um die Politik in der Kirche ist fast so alt wie die Kirche selbst. Und aktuell sehr präsent: Denn einerseits laufen der Kirche die Mitglieder weg, andererseits kommt der Kirche in Zeiten der Flüchtlingskrise eine große integrative Bedeutung zu. Der evangelische Christ Klaus-Rüdiger Mai hat eine Streitschrift mit dem Titel „Geht der Kirche der Glauben aus?“ geschrieben. Seine Thesen findet der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche, Johann-Hinrich Claussen, „hochagressiv“. Ulrike Bieritz ist mit beiden im Streitgespräch.

inforadiorbb

Claus-Rüdiger Mai ist nicht zufrieden mit der gegenwärtigen Lage der Kirche in Deutschland. Zumindest nicht so zufrieden, wie er es sich wünschen würde. Er sieht, wie um ihn herum viele Menschen aus der Kirche austreten. „Freunde und Bekannte haben die Kirche verlassen, weil sie das Gefühl haben, dass sie sich zu stark ideologisiert und politisiert“, beschreibt er Ulrike Bieritz seinen Unmut. Seiner Meinung nach befindet sich die Kirche in einer Krise, weil sie sich zu sehr einmischt, vor allem parteipolitisch würde er mehr Zurückhaltung befürworten.

Ganz konkret falle Mai das auf, wenn er die einzelnen Milieus in der Kirche betrachte. Es habe sich ein rot-grünes Milieu entwickelt, dem viele Äußerungen entspringen. Zwar findet er eine starke Linke in der Kirche auch wichtig, befürchtet jedoch, dass dieser Zweig in der Kirche die Konservativen verdrängt: „Es hat was zu tun glaube ich mit den Illusionen, in denen man aufgewachsen ist. Dann vertritt man diese Meinung und hat die Kirche an dem Punkt auch gespalten, wo es Menschen gibt die anderer Meinung sind. Die werden dann scheel angeguckt.“

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Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat keine Wahl

Die Champions League in der Kommentierung von Oliver Welke (links) und Oliver Kahn ist Geschichte. Jetzt verschwindet der…Foto: dpa
Zum gesellschaftlichen Auftrag gehört auch der kommentierte Transport rassistischer Botschaften. Und Sport als Gemeinschaftserlebnis. Ein Beitrag von ZDF-Intendant Thomas Bellut.

Von Thomas Bellut | DER TAGESSPIEGEL

Nationalismus, Polarisierung, Diskriminierung von Minderheiten, Populismus, Unversöhnlichkeit, das alles sind prägende politische und soziale Begleiterscheinungen unserer Gegenwart. Sachlichkeit, Seriosität, Abgewogenheit haben es zurzeit schwer im gesellschaftlichen Diskurs. Die Medien sind Teil dieser scharfen Auseinandersetzungen, sie transportieren Botschaften, sie werten, lassen zu oder weg. Sie sind auch Teil politischer Strategien, werden genutzt oder instrumentalisiert, um Aufmerksamkeit und Wirkung beim Wahlvolk zu erzielen.

Der öffentlich inszenierte Skandal wird zum wirkungsvollen Instrument populistischer Politiker. Im Bundestag werden junge Frauen mit Kopftüchern diskriminiert, im US-Wahlkampf Bürger mit mexikanischen Wurzeln, viele Beispiele aus Wahlkämpfen in Ungarn, der Schweiz oder Italien unterstreichen das Bild. Medien müssen, mehr denn je, ihre Position überprüfen und entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen: Anpassung der Inhalte an die Klientel bestimmter Parteien und Gruppierungen oder der anstrengende, journalistische Ansatz, eine Plattform für alle zu sein, möglichst objektiv und unabhängig, sich den Verlockungen des schnellen Urteils und der radikalen Meinung widersetzend.

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Denken first, Digitalisierung second!

Grafik: TP
Big Data, Bildung und Kontrollgesellschaft

Philipp von Becker | TELEPOLIS

„Smarte grüne Welt?“ heißt das jüngst erschienene Buch der Sozialwissenschaftler und Ökonomen Tilman Santarius und Steffen Lange. Faktenreich dokumentieren sie darin, dass die „schöne neue Welt“ der Digitalisierung weder aus einer immateriellen „Cloud“ besteht noch zwangsläufig zu ressourcenschonenderen Wirtschaftspraktiken, sondern bisher nur zu einem weiter steigenden Energie- und Ressourcenverbrauch führt. Allein der Stromverbrauch von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) könnte bis 2030 von heute bereits zehn Prozent auf 30 oder gar 50 Prozent des globalen Gesamtverbrauchs anwachsen. Und zur Herstellung all der „smarten Dinge“ unseres jetzigen und zukünftigen Alltags sind wiederum riesige Mengen an Rohstoffen wie Kupfer, Silber oder Aluminium erforderlich. Als eines der Leitprinzipien für eine „nachhaltigere Digitalisierung“ fordern Santarius und Lange deshalb „digitale Suffizienz“ – also etwa auch einen sparsameren Umgang mit der Sammlung und dem Gebrauch von Daten.

In Zeiten, in denen Gesellschaften weltweit der Faszination wachsender Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien wie im Rausch erliegen und Experten und Politiker in Deutschland einhellig zu „mehr und schnellerer“ Digitalisierung mahnen, klingt eine solche Forderung – so richtig sie prinzipiell wohl ist – fast weltfremd und auch wenig attraktiv.

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Deutsche Post soll Kundendaten an FDP und CDU verkauft haben – was steckt dahinter?

Wie die „BamS“ berichtet, verkauft die Deutsche Post seit 2005 persönliche Daten an Parteien zu Wahlkampfzwecken (Symbolbild) © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
Es geht offenbar um „mehr als eine Milliarde Einzelinformationen“: Die Deutsche Post soll einem Medienbericht zufolge persönliche Daten anonymisiert an FDP und CDU verkauft haben. Darunter befinden sich demnach etwa Angaben zu Kaufkraft und Familienstruktur.

stern.de

Nach dem Datenskandal bei Facebook gibt es einem Medienbericht zufolge ähnliche Vorwürfe gegen die Deutsche Post. Wie die „Bild am Sonntag“ berichtete, verkauft der ehemalige Staatskonzern über seine Tochter Deutsche Post Direkt GmbH seit 2005 Daten an Parteien zu Wahlkampfzwecken. Im Bundestagswahlkampf 2017 hätten CDU und FDP jeweils einen fünfstelligen Betrag für straßengenaue Analysen gezahlt.

Beide Parteien bestätigten auf Anfrage der „BamS“ entsprechende Verträge, die Post wollte sich nicht dazu äußern. Wie die Zeitung unter Berufung auf vertrauliche Papiere schreibt, werden bei den Geschäften zwar persönliche Daten anonymisiert. Durch die Vielzahl von Einzelinformationen und deren Kombinationen seien aber Aussagen zur „Parteiaffinität“ für einzelne Gebäude mit mindestens sechs Haushalten möglich.

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Die CSU im Selbstverteidigungsmodus

CSU-Logo Wildbad Kreuth
  • Bei der Bundestagswahl im vergangenen September stürzte die CSU ab. Nun bringt sie sich auf ihrer traditionellen Winterklausur in Position für das neue Jahr.
  • Die Landesgruppe will im oberbayerischen Kloster Seeon mehrere Papiere beschließen, unter anderem zur Zuwanderungspolitik.
  • Umstrittener Gast ist am Freitag Ungarns Ministerpräsident Orbán. Ungarn wird von der EU vorgeworfen, Demokratie und Rechtsstaat abzubauen.

Von Ingrid Fuchs | Süddeutsche Zeitung

Die Machtfrage in der CSU ist geklärt, es ist also an der Zeit für anderen Krawall. Selbstverständlich legt die bayerische Volkspartei dabei viel Wert auf Tradition. Das bedeutet im aktuellen Fall schlicht, dass der Weihnachtsfriede zwar eingehalten, aber gleich danach verbal losgeschlagen wird – und somit kurz vor der jährlichen Klausurtagung der CSU-Landesgruppe. Mit markigen Sätzen und gerne auch mit populistischen Forderungen. In diesem Jahr ist der Krawalldruck in der CSU besonders hoch, es geht um ihr politisches Überleben. Ein Thema, das aufmerksamkeitsökonomisch immer funktioniert: Zuwanderung.

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Bevormundung ist barbarisch

Roger Bacon, ein früher Verfechter empirischer Wissenschaft. (Bild pd)

Der abendländische Humanismus gehört der ganzen Welt – ein paar Anregungen zur laufenden Debatte

Von Hans Widmer | Neue Zürcher Zeitung

Der Humanismus hat die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten in allen Dimensionen, intellektuell, ethisch, emotional, und in ihrer ganzen Tiefe zum Gegenstand. Dieser Blick auf den Menschen hat sich im Westen entwickelt. Deshalb stehen westliche Akteure oft vor der Frage, ob die humanistischen Werte, die ihr Handeln bestimmen, tatsächlich universell seien – andere Kulturen hätten doch auch ihre Geschichte und Würde.

Nun, der Humanismus hätte sich ebenso gut in andern Epochen und in andern Weltengegenden entwickeln können. Er entfaltet sich, wenn Menschen in Freiraum und Rechtssicherheit interagieren – er lässt sich weder herbeireden noch dekretieren, wie René Scheu richtig geschrieben hat (NZZ 28. 10. 17). Wohl haben die meisten Philosophen ihre Meinungen dazu kundgetan. Doch ist daraus kein Kanon geworden, einmal, da es sich um persönliche Einsichten und Befindlichkeiten handelt, und zweitens, da die verwendeten Begriffe unterschiedlich gedeutet werden. So lässt sich mit «progressiv», «konservativ», «reaktionär» und dergleichen beliebig Schaum schlagen, wie dies Dieter Thomä in seiner Replik auf immerhin unterhaltsame Weise tat (NZZ 3. 11. 17). Hingegen gibt es einen gewordenen, gelebten abendländischen Humanismus mit einsehbarer Herkunft und klaren Umrissen.

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Lombardei will so schnell wie möglich Autonomie erlangen

Der Präsident der Lombardei will so schnell wie möglich Verhandlungen starten. – REUTERS/Alessandro Garofalo
Italiens Regionen Lombardei und Venezien halten am Sonntag Autonomie-Referenden ab. Grund für die Bestrebungen sind die hohen Steuerabgaben nach Rom.

Die Presse.com

Der Präsident der Lombardei, Roberto Maroni, hofft nach dem Referendum am Sonntag so schnell wie möglich Autonomie-Verhandlungen mit der Zentralregierung in Rom zu starten. Sein Ziel sei es, das Gesetz zur Ausdehnung regionaler Kompetenzen noch bis zum Ende der Legislaturperiode unter Dach und Fach zu bringen.

Maroni, Spitzenpolitiker der föderalistisch orientierten Rechtspartei Lega Nord, äußerte die Hoffnung, dass beim Referendum eine Wahlbeteiligung von mindestens 34 Prozent erreicht werde. In der Lombardei ist kein Quorum für die Gültigkeit des Referendums notwendig. In Venetien, wo am selben Tag ein ähnliches Autonomie-Referendum stattfindet, liegt das Quorum bei 50 Prozent.

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Bundestagswahl: Widerspruch heißt einfach „Nein“

Von Martin Sonneborn getwitterte Parodie eines CDU-Wahlplakats
Wahlkampf ist eine Inszenierung von Politikern und Journalisten – Ein Kommentar

Von Timo Rieg | TELEPOLIS

„Es muss auch in diesem Wahlkampf mehr gestritten werden“, schließt Claudius Seidl, Feuilleton-Chef der FAZ, seinen Riemen zum Bundestagswahlkampf 2017 (Das deutsche Dösen).

Seidl ist gelangweilt. Wahlplakate und Videowerbung findet er unkreativ, rätselhaft, widersinnig oder gleich „komplett sinnlos“. Seidl sieht „Enge und Borniertheit“ statt radikalen „Widerspruch zu den bestehenden Verhältnissen“.

Inhaltlich ähnlich, nur meist nicht so akrobatisch, äußern sich derzeit viele Meinungsjournalisten, die lieber Sportkommentatoren oder gleich Spin-Doktor geworden wären. „Kraftakt ohne Wumms“ titelte die Süddeutsche Zeitung am Wochenende (und empfahl Martin Schulz, „den Wahlkampf nicht ganz so ernst zu nehmen“, um Angela Merkel „gefährlich werden“ zu können).

Im Handelsblatt beklagt Stefan Wachtel („Coach bei ExpertExecutive“), dass die SPD-Kanzlerkandidaten stets authentisch waren, womit halt kein Blumentopf zu gewinnen sei; stattdessen müsste jemand zu Schulz sagen: „Du bist nicht der Martin, sondern hier wird ein Stück aufgeführt, und du darfst der Hauptdarsteller sein.“ Im langen Merkel-Interview des Handelsblatts wurde eine Kampfansage der Kanzlerin vermisst, ebenso nach ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz am Dienstag:

„Kanzlerin der Langeweile?“ fragt der Berliner Tagesspiegel. Die Deutsche Welle titelt : „Merkel läutet seelenruhig den Wahlkampf-Endspurt ein“. Und Jakob Augstein berichtete bereits am Montag investigativ aus „Dr. Merkels Schlaflabor“ und brachte die Weisheit mit:

Der Wahlkampf heißt so, weil die Demokratie Auseinandersetzung braucht. Die Menschen sollen aus dem Schlaf der Selbstgerechten geweckt werden und sich fragen: Sind die Dinge gut im Land? Was muss sich ändern? Darum gehört zum Kampf der Lärm der Waffen, das Getöse. Aber Dr. Merkel liebt es leise.

(Jakob Augstein)

Eine wirkliche Begründung für die Forderung nach spektakulärem Wahlkampf ist das alles jedoch nicht. Für wen braucht es Duelle und Getöse – außer für Journalisten, die irgendwas zum Berichten und Kommentieren haben wollen, und Politiker, die in die Medien wollen?

Dass es eine andere Politik braucht, ist gut begründet. Praktisch alle journalistische Berichterstattung speist sich ja nur aus politischem Versagen, aus Unzulänglichkeiten, Intrigen, Macht- und Karrierespielchen, Indiskretionen und Diskreditierungen.

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‚Israels Rechtssystem ist arabischen Staaten überlegen‘

Bild: phhesse/flickr

Saudischer Kolumnist äußert in Zeitungsartikel Bewunderung für das israelische Rechtssystem. Besonders beeindruckt zeigt er sich von der Verurteilung ranghoher Politiker im „zionistischen Gebilde“, das er eigentlich als den „Unterdrücker“ bezeichnet

kath.net

Israel ist arabischen Staaten in vielen Bereichen überlegen – auch im Rechtssystem. Diese Aussage kommt nicht etwa von Israelfreunden, sondern von einem Kolumnisten aus Saudi-Arabien. In einem Zeitungsartikel hat er auf Haftstrafen verwiesen, die gegen ranghohe israelische Politiker wie Ehud Olmert und Mosche Katzav verhängt wurden.

Die Kolumne erschien am 19. Juli in der saudischen Tageszeitung „Al-Dschasirah“ – nicht zu verwechseln mit dem katarischen Sender „Al-Dschasira“. Das israelisch-amerikanische Medienbeobachtungsinstitut MEMRI hat Abschnitte aus dem arabischen Text ins Englische übersetzt. Demnach schreibt Jasser al-Harbasch: „Wenn ein Bürger sicher ist, dass er in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Arbeitsplatz und Lebensbedingungen erhält, was er verdient, kann er sich auf die Freizeit konzentrieren und seinem Heimatland das Beste anbieten entsprechend seinen Begabungen und Fähigkeiten. Deshalb sind manche Gesellschaften anderen überlegen, es ist das Geheimnis hinter dem Vorteil des zionistischen Gebildes gegenüber seinen Nachbarn.“

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Praktizierte Religionsfreiheit, auch für den Islam in Berlin

Das Berliner Institut für islamische Theologie soll an der Humboldt-Universität entstehen.FOTO: DORIS SPIEKERMANN-KLAAS
Schluss mit der Bevormundung: Das geplante HU-Institut für islamische Theologie braucht Ruhe, um offene Fragen zu klären. Ein Debattenbeitrag des Gründungsdirektors.

Von Michael Borgolte | DER TAGESSPIEGEL

Seitdem die Humboldt-Universität Anfang des Jahres die lange geplante Gründung eines Instituts für Islamische Theologie in Angriff genommen hat, können sich die Verantwortlichen vor gut gemeinten Ratschlägen von außen kaum retten. Zuerst lancierte eine Gruppe von Professorinnen und Professoren der evangelisch-theologischen Fakultät den Vorschlag, unter Einbeziehung auch von Juden und Katholiken eine große Fakultät der monotheistischen Religionen zu gründen. Damit fanden sie viel Zustimmung in der Öffentlichkeit und in der Politik. Wer wollte auch die Chance verpassen, den Traum der Aufklärung von einem allgemeinen Religionsfrieden in die Wirklichkeit universitärer Forschung und Lehre überzuführen?

Inzwischen ist freilich Ernüchterung eingekehrt, und die Protagonisten der Idee sind unverkennbar in die Defensive geraten. Neben juristischen Gründen und administrativen Bedenken wurden gerade theologische Gegenargumente vorgebracht: Das Konzept von Theologie selbst sei von christlichen Traditionen bestimmt und weder auf die religiöse Lehre und Praxis von Juden noch von Muslimen übertragbar. Auch hatten die evangelischen Theologen ihr Anliegen dadurch in Misskredit gebracht, dass es ihnen unverhohlen um Eigeninteressen ging, nämlich um die Rettung ihrer eigenen vor einer befürchteten Integration in die Philosophische Fakultät.

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Die islamische Welt gegen den Fortschritt

Bild. RDF
Die allergrößte Mehrheit der islamischen Strömungen führt zu einer Stagnation der islamischen Gesellschaften.

Von Felix Kruppa | Richard-Dawkins-Foundation

Der ganzen Welt geht es seit vier Jahrzehnten immer besser. Nie lebten die Menschen gesünder, länger, gebildeter und toleranter als heute. Vor 40 Jahren lebte noch die Hälfte aller Menschen in extremer Armut, heute ist es nur noch ein Zehntel aller Erdbewohner. Dieser Fortschritt fällt in islamischen Ländern weitaus geringer aus. Neben dem Westen ist vor allem der politische Islam als Ursache für das Leid der islamischen Welt zu nennen.

1. Bildung

Bildung im Vergleich zu anderen Religionen

Die Bildung von Muslimen ist im weltweiten Vergleich zu anderen Religionsangehörigen und Konfessionslosen besonders schlecht.[1] Im Durchschnitt waren Muslime weltweit 5,6 Jahre lang in der Schule. Zum Vergleich: Christen besuchten die Schule im Durchschnitt 9,3 Jahre lang, Konfessionslose 8,8 Jahre und Juden sogar 13,4 Jahre.

Sonderfall Afrika

Besonders erschreckend ist der Bildungsmangel bei Muslimen in Afrika südlich der Sahara. Dort haben Muslime, im Vergleich mit Christen, mehr als doppelt so häufig überhaupt keine formale Schulbildung (65% zu 30%).[2] Während Christen im Schnitt 6 Jahre in der Schule waren, ist der Unterschied zu Muslimen (2,6 Jahre) hier besonders auffällig. Diese großen Unterschiede sind selbst innerhalb einzelner Länder zu verzeichnen (z.B. in Nigeria, Kenia, der Elfenbeinküste oder Kamerun).

Gender Equality Gap

Muslimische Frauen besuchen die Schule im Schnitt 1,5 Jahre kürzer als muslimische Männer, bei Christen beträgt diese Geschlechterdifferenz nur 0,4 Jahre, bei Hinduisten allerdings sogar 2,7 Jahre.[3]
Laut UNICEF sind von den 24 Nationen, in denen weniger als 60% der Mädchen die Grundschule besuchen, 17 islamisch. Die Alphabetisierungsraten zwischen den Geschlechtern sind nirgendwo unterschiedlicher und auch generell in der islamischen Welt überdurchschnittlich schlecht. In Afghanistan beispielsweise waren 2011 nur 32% der Bevölkerung alphabetisiert (45 % der Männer und 18% der Frauen).[4]
Eine Studie des Weltwirtschaftsforums untersuchte diesen Bildungsunterschied zwischen Männern und Frauen 2012 in 135 Ländern. Von den 18 Ländern, die hier am schlechtesten abschneiden, sind 17 Mitglied der Organisation für Islamische Zusammenarbeit: (Algerien, Jordanien, Libanon, Nepal, Türkei, Oman, Ägypten, Iran, Mali, Marokko, Elfenbeinküste, Saudi Arabien, Syrien, Tschad, Pakistan, Jemen).[5] Nirgendwo sonst sind Frauen gemäß dieser Studie folglich weniger gebildet als Männer.

Bücher und Buchdruck in der islamischen Welt

Während der Buchdruck in der (damals) christlichen Welt im 15. Jahrhundert eine geistige Revolution auslöste, liefen die Druckpressen in der islamischen Welt erst 300 Jahre später. Bis dato hatten sich die Rechtsgelehrten gegen das Teufelswerk gewehrt, weil sie die Bildung der Massen als gefährlich für die damalige Gesellschaftsordnung ansahen. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die repressive Sakralität verhindert jene Literalität, die den Westen in die Moderne geführt hat. Es gibt kaum Buchimporte aus anderen nicht-islamischen Ländern. In der marokkanischen Nationalbibliografie wurden zwischen 2007 und 2009 nur 172 neue Buchtitel angezeigt. In fast allen islamischen Ländern weichen die Kinos und Buchhandlungen zunehmend den Minaretten. Kritische Stimmen und nicht koran- und systemkonforme Akademiker werden zum Schweigen gebracht oder getötet.

Mangelnde Bildung gilt als eines der größten Hindernisse gesellschaftlicher Entwicklung.

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Arbeiten Katholiken weniger gern?

Dolcefarniente: Luciano Pavarotti in der Hängematte. Foto: Jean-Claude (Getty)
Sind protestantische Länder wirtschaftlich erfolgreicher als katholische? Im 500. Jahr der Reformation ist Max Webers berühmte These für viele gültig wie eh und je. Und schaut man sich die Situation in Europa seit der Finanzkrise von 2008 an, kann man sich ja auch bestätigt fühlen.

Von Alan Cassidy | Tages Anzeiger Blogs

Sind es nicht gerade Italien, Spanien und Portugal, die katholischen Länder des Südens, die besonders verschuldet sind? Und geht es dem protestantischen Norden nicht deutlich besser?

Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sagte es so: «Es gibt eine Art Religionskrieg zwischen dem calvinistischen Nordeuropa, das den Sündern nicht verzeihen will, und einem katholischen Südeuropa, das dies alles hinter sich lassen will.» Macron sagte dies vor zwei Jahren; er war damals noch Wirtschaftsminister, und er sprach über den Umgang mit der Eurokrise. Seine Aussage zeigt: Webers Behauptung von der Prägung durch die Religion ist bis heute eine der meistdiskutierten der Soziologie.

Arbeit religiös überhöht

Max Weber suchte nach einer Antwort auf die Frage, woher der «Geist des Kapitalismus» kommt, das Streben nach immer mehr Wachstum, nach immer grösserer Produktivität. Die Erklärung fand er in der Reformation. Nicht in jener Luthers, sondern in jener Calvins – und in dessen Auffassung von Arbeit. Calvin, der am Seelenheil interessierter war als an Ökonomie, habe die Arbeit religiös überhöht: Wer reich werde auf Erden, der geniesse ganz offensichtlich die Gnade Gottes. Zur Bildung einer «protestantischen Arbeitsethik» habe beigetragen, dass besonders der Calvinismus die Menschen zu einer «asketischen Lebensführung» anhalte, schrieb Weber. Das heisst auch: Man verprasst sein Geld nicht, sondern spart – und bildet Kapital.

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Wegbereiter des Kapitalismus

Gerhard Streminger
Adam Smith
Verlag: C.H.Beck, München 2017
ISBN: 9783406706592
26,96 €

„Dass ein fast 250 Jahre altes Buch immer noch Grundlage und wichtige Inspirationsquelle einer ganzen Wissensdisziplin ist, die sich zudem als besonders modern und wegweisend gibt, ist einmalig.“ Der Philosoph Gerhard Streminger räumt in seiner Biografie des schottischen Aufklärers und Ökonomen Adam Smith mit einigen gängigen Klischees und Irrtümern auf.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann | Spektrum.de

Nein, der wirkmächtigste Philosoph der jüngeren Vergangenheit war nicht Karl Marx, sondern Smith (1723-1790), der 1776 mit seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ das Fundament des modernen Kapitalismus legte – jener Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, mit der sozialistische Modelle zumeist erfolglos konkurrierten. Smith begründete die moderne politische Ökonomie, das heißt die Volkswirtschaftslehre. Weithin bekannt ist seine These von der unsichtbaren Hand, die den freien Markt im Hintergrund so lenkt, dass Wohlstand entsteht. Diese Ideen prägten nicht nur das Denken jener Eliten, die Großbritannien im folgenden Jahrhundert zur ökonomisch erfolgreichsten Nation machten. Viele meinen auch, Smith sei für heutige neoliberale Bestrebungen verantwortlich, den Kapitalismus zu entfesseln.

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Dodo Käßmann: Mit Bildung gegen Fundamentalismus

„Es ist eine verdammte, verfluchte Sache mit dem tollen Pöbel. Niemand kann ihn so gut regieren wie die Tyrannen. Die sind der Knüppel, der dem Hund an den Hals gebunden wird. Könnten sie auf bessere Art zu regieren sein, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als das Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt deutlich an, was für Kinder es unter sich hat, nämlich nichts als verdammte Schurken, wenn sie es zu tun wagten. Darum rate ich, dass ein jeder, der hier mit einem guten Gewissen handeln und das Rechte tun will, mit der weltlichen Obrigkeit zufrieden sei und sich nicht an ihr vergreife.“ Martin Luther: Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können, 1526

Die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat dazu aufgerufen, Fundamentalismus mit Bildung zu bekämpfen.

evangelisch.de

„Gegen jede Art von Fundamentalismus ist es wichtig, dass wir die Bücher, die uns heilig sind – in dem Sinne, dass sie für unseren Glauben fundamentale Bedeutung haben – kritisch lesen dürfen“, sagte Käßmann am Sonnabend in einem Vortrag bei der Jahresversammlung der Büchereiarbeit der hannoverschen Landeskirche in Hannover: „Glaube und Vernunft sind kein Widerspruch.“

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Wissenschaft in der Türkei: Mit eisernem Besen durch die Hörsäle

foto: apa/afp/turkish presidential press office/ kayhan ozer Ehrendoktor Erdogan: Der türkische Staatschef hat sich mit einem seiner Dekrete das Recht gegeben, selbst die Rektoren für die Universitäten in der Türkei auszuwählen.
foto: apa/afp/turkish presidential press office/ kayhan ozer Ehrendoktor Erdogan: Der türkische Staatschef hat sich mit einem seiner Dekrete das Recht gegeben, selbst die Rektoren für die Universitäten in der Türkei auszuwählen.
Tayyip Erdoğan richtet Uni-Lehre und Bildung in seinem Sinn neu aus. Die Verbannung der Evolutionstheorie aus dem Lehrplan der Schulen ist nur ein Symbol

Von Markus Bernath | derStandard.at

Es war ein verzweifelt anmutender Versuch: Erol Önen setzte sich Ende vergangener Woche mit Frau und Kindern ins Auto und fuhr von Istanbul nach Edirne an die Grenze. Der Assistenzprofessor für Elektrotechnik von der Technischen Universität Istanbul (ITÜ) wollte irgendwie über die Maritza kommen, den Grenzfluss nach Bulgarien und Griechenland. Doch die Familie fiel der türkischen Polizei leicht in die Hände. Gegen Önen lag ein Haftbefehl vor. Seinen Job an der Universität hatte der Elektrotechniker bereits bei einer der Massenentlassungen der vergangenen Monate verloren.

Bisher knapp 7.000 „Putschisten“ und „Terroristen“ haben die konservativ-islamische Führung der Türkei und ihre Justiz an den Universitäten des Landes ausgemacht. Angebliche Mitglieder der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen – lange Jahre ein Verbündeter des heutigen Staatspräsidenten und dessen Partei AKP – sowie Hochschulmitarbeiter, bei denen Verbindungen zur kurdischen Untergrundarmee PKK vermutet werden, wurden per Dekret entlassen, manche auch gleich ins Gefängnis gesteckt.

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Dodo Kretschmann fordert Toleranz für Homophobe – Menschenwürde verhandelbar?

kretschmann150Man müsse den anderen nicht gut finden, aber ertragen, meinte Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident bei einer Podiumsdiskussion in Tübingen.

QUEER.DE

Bei einer Diskussion zum Thema „Bildung und Religion“ im evangelischen Stift in Tübingen hat sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Freitagabend dafür ausgesprochen, homophobe Einstellungen und Äußerungen zu tolerieren. „Eine liberale Gesellschaft muss auch sperrige Positionen aushalten“, sagte der Grünen-Politiker nach einem Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ vor rund 250 Gästen. „Wenn jemand sagt ‚Ich will nicht, dass Schwule Kinder adoptieren‘, ist das eine Haltung, die man ertragen muss.“

Die Anschlussfähigkeit gelte in beide Richtungen, mahnte der Ministerpräsident. Toleranz müsse nicht Akzeptanz sein. Man müsse den anderen ertragen, aber nicht gut finden.

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Lobbyismus: König Bertelsmann

Das Kommandantenhaus. Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0/Beek100
Das Kommandantenhaus. Hauptstadtrepräsentanz der Bertelsmann AG und der Bertelsmann Stiftung Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0/Beek100
Joachim Paul von der Fraktion der Piratenpartei verteidigte kürzlich im NRW-Landesparlament die Große Anfrage der Piraten zu Lobbyismus und Einfluss von Bertelsmann.

Von Thomas Barth | TELEPOLIS

Das wirtschaftsstärkste Bundesland NRW ist von Bevölkerung und BIP her eine „europäische Mittelmacht“. Das Land beherbergt in Gütersloh nicht nur den Hauptsitz des Bertelsmann-Konzerns und seiner Stiftung sowie ein Bertelsmann-Projekt in Sachen Politik-Privatisierung, sondern in Ostwestfalen auch den Wahlkreis des Europa-Politikers Elmar Brok (CDU), der für enge und langjährige Beziehungen zu dem Konzern bekannt ist und in Brüssel auch schon als „Mister Bertelsmann“ bezeichnet wurde.

Dazu gibt es noch die Bertelsmann-Tochter Arvato, die das ServiceCenter der Landesregierung technisch betreut, die ihren Beitrag zum Funktionieren der Regierung in Düsseldorf aber nicht an die große Glocke hängt.

Der Begriff Lobbyismus erhält damit in NRW eine völlig neue Dimension: Dort verwaltet Bertelsmann inzwischen buchstäblich den Schlüssel zur Lobby der Landesregierung selbst, wie man erstmals durch diese Anfrage der Piraten Anfang Dezember erfahren konnte.

Die Landeshauptstadt Düsseldorf wurde Schauplatz der mit 55 Minuten hierzulande vermutlich bislang längsten parlamentarischen Redeschlacht über den Einfluss eines Lobbyisten: Bertelsmann (Videomitschnitt ab 5:35 – 6:30).

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Beauftragte stellt Aussetzung des Familiennachzugs infrage

Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz (SPD) © MiGAZIN
Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz (SPD) © MiGAZIN
Bei Integration denken viele momentan an Flüchtlinge. Auch bei vor langer Zeit Zugewanderten und deren Kindern bleibt sie aber ein Thema. Der Integrationsbericht der Bundesregierung zeigt, wo es Fortschritte gibt – und wo weiteren Handlungsbedarf.

MiGAZIN

Deutschland ist nach Einschätzung der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), bei der Chancengleichheit für Menschen mit Migrationshintergrund auf einem guten Weg. Am Freitag stellte Özoğuz den am gleichen Tag im Bundeskabinett verabschiedeten 11. Lagebericht ihres Arbeitsstabes vor, der umfangreiche Daten zur Teilhabe unter anderem in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Medien, Ehrenamt und Sport zusammenträgt. Der Bericht zeigt Erfolge bei den Bildungsabschlüssen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Bei Ausbildung und Arbeit gibt es nach den Worten von Özoğuz aber noch Probleme.

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50 Millionen: Weltweit so viele Kinder auf der Flucht wie noch nie

Bild:connistefanski/FB
Bild:connistefanski/FB
28 Millionen Kinder mussten wegen Konflikten und Kriegen ihre Heimat verlassen. Fast 385 Millionen Kinder leben in extremer Armut
 

derStandard.at

Anlässlich des Internationalen Tages der Kinderrechte hat das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF daran erinnert, dass immer mehr Kinder durch Konflikte und extreme Wetterbedingungen ihre Heimat verlassen müssten. Noch nie seien weltweit so viele Kinder auf der Flucht gewesen wie im Jahr 2016, so UNICEF in einer Aussendung. 2,3 Millionen syrische Mädchen und Buben seien bereits geflohen.

Fast 50 Millionen Kinder weltweit sind von ihrem Zuhause entwurzelt – 28 Millionen davon mussten aufgrund von Konflikten und Kriegen flüchten. Und die Zahl der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, steigt weiter an. Insgesamt lebt rund eines von neun Kindern weltweit in Krisenregionen. Kinder in belagerten Gebieten wie in Syrien, dem Irak und dem Norden von Nigeria seien außerdem häufig Kinderrechtsverstößen ausgesetzt, so UNICEF. Oft sind ihre Schulen, Krankenhäuser und ihr Zuhause unter Beschuss.

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„Warum nicht ein Neu-Aleppo in Vorpommern gründen?“

Querdenker vom Dienst: Der Wahlhamburger Kurt Edler, grüner Ex-Realo, legt gern den Finger in die Wunde der Gesellschaft Quelle: Pressebild.de/Bertold Fabricius
Querdenker vom Dienst: Der Wahlhamburger Kurt Edler, grüner Ex-Realo, legt gern den Finger in die Wunde der Gesellschaft Quelle: Pressebild.de/Bertold Fabricius
Der Islamismus-Experte Kurt Edler hält die Angst vor islamistischen Jugendlichen in Deutschland für überzogen. Und er hat teils erstaunlich einfache Ideen, um die Menschen hier zu integrieren.

Von Jana Werner | DIE WELT

Draußen spazieren beinahe im Minutentakt fremdsprachige Passanten vorüber, während drinnen, in einem Café im Hamburger Stadtteil Ottensen, Kurt Edler sein Unverständnis kundtut. Der Alt-Grüne versteht die Hysterie um das Merkelsche „Wir schaffen das“ ebenso wenig wie die Sorge vor massenhaften Selbstmordattentätern in Europa. Der Islamismus, sagt der 66-Jährige, sei nach den Bluttaten in Bayern, der Festnahme von „Schläfern“ bei Hamburg und dem Fall des mutmaßlichen Terroristen Dschaber al-Bakr in Leipzig zwar in Deutschland angekommen. Doch gebe es einen Weg, Jugendliche vor der Radikalisierung zu bewahren. Und der klingt verblüffend einfach und erfolgversprechend zugleich.

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