Die Verschwörungs-Nervensägen

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Als ich zur Uni ging, liefen sie in jeder Kiffer-WG. Die Rede ist von den „Zeitgeist“-Filmen. Wie Dan-Brown-Romane galoppieren die auf Dokumentation getrimmten YouTube-Videos durch die Weltgeschichte. Wir erfahren, wie eine kleine Elite seit den Anfängen der menschlichen Zivilisation die Geschicke der Welt lenkt. Nur der Übergang zu einer computergesteuerten „ressourcenbasierten Wirtschaft“ kann unser Schicksal (als mit Mikrochips versehene Sklaven einer neuen „Weltregierung“) noch abwenden.

Kolja Zydatiss | Achgut.com

Der erste der drei abendfüllenden Filme erschien 2007, der letzte 2011. In einer Welt, die von der globalen Finanzkrise verunsichert war, trafen die obskuren Machwerke des Amerikaners Peter Joseph Merola einen Nerv. Hunderte Millionen Menschen schauten sie sich im Netz an. Es entstand sogar eine „Zeitgeist-Bewegung“, die zeitweise über 400.000 Anhänger hatte.

Die „Zeitgeist“-Filme verbreiten Verschwörungstheorien. Die Definition dieses Begriffs ist nicht ganz einfach, denn selbstverständlich gibt es unzählige echte Verschwörungen und Komplotte, mit denen sich zum Beispiel der investigative Journalismus auseinandersetzt. Für den britischen Soziologen Frank Furedi unterscheiden sich Verschwörungstheorien von solcherlei legitimen Untersuchungen durch ihren umfassenden Versuch der Weltdeutung. Alles hängt demnach mit allem zusammen. Grundlegend für Verschwörungstheorien ist eine „Ideologie des Bösen“, die unerwartete Ereignisse und Unglücke als Produkt des Wirkens böswilliger Mächte präsentiert, die hinter den Kulissen des Sichtbaren die Fäden ziehen.

Conspirituality

Traditionelle Protestformen haben laut „Zeitgeist“-Macher Merola keinen Effekt auf die globale Elite. Anstatt das „System“ politisch zu bekämpfen, sollten sich seine Anhänger für Wissen, Frieden, Einheit und Mitgefühl einsetzen. Die Forderung eines „neuen Bewusstseins“ oder „spirituellen Erwachens“ ist ein zentraler Topos esoterischen Denkens. Sie weist die „Zeitgeist“-Filme als ein Beispiel von „Conspirituality“ aus.

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Esoterik zwischen Kräuterbauer und Rechtsaußen

Bei der Esoterikmesse in der Wiener Stadthalle präsentiert sich die Szene als heterogene Mischung aus alternativer Medizin und Lebensberatung. Aber auch Andockflächen für das verschwörungstheoretische Milieu werden geboten.

Vanessa Gaigg, Michael Luger | derStandard.at

„Ich bin ein Medium“, sagt Maria Elisabeth. „Jeder Mensch kann eines sein, wenn er möchte.“ Ungefähr neunzig Zuhörer sind gekommen, um den Vortrag von Maria Elisabeth auf der Esoterikmesse in der Wiener Stadthalle zu hören. Die Besucher sitzen im größten der vier Vortragssäle in mehreren Reihen hintereinander. Der Andrang ist groß. Manche lehnen an der Wand, weil keine Plätze mehr frei waren. Im Programm angekündigt wurden Jenseitskontakte inklusive Durchsagen der Verstorbenen.

Medium Maria Elisabeth hat die Augen geschlossen. Trotzdem sieht sie jemanden: eine Frau, zwischen 60 und 65 Jahre alt, mit grauen Haaren, sagt sie. „Sie steht ungefähr hier.“ Elisabeth deutet auf die vordere rechte Hälfte des Publikums. Die Leute recken die Köpfe, um gut sehen zu können. Manche müssen sich das Lachen verkneifen. Andere warten gespannt, was als nächstes passieren wird.

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Stichwort «Esoterik»

Wohin soll der Philosoph seinen Blick richten – nach oben oder nach unten? Und an wen wendet er sich mit seinen Schriften – an seine Schüler oder an die Allgemeinheit? (Bild: PD)
Das Mysterium der Esoterik verlangt nach behutsamer Annäherung. Das Wort zumindest stammt von einem, der für die Philosophen nur Spott übrig hatte.

Klaus Bartels | Neue Zürcher Zeitung

Esoterikkurse, Esoterikläden, Esoterikmessen: Esoterik ist «in», und mit diesem «in» sind wir der Sache und dem Wort unversehens schon ganz nahe. Aber eines nach dem anderen; das Mysterium der Esoterik verlangt eine gemächliche Annäherung. Fangen wir ganz aussen und ganz anfangs an, mit dem weniger gebräuchlichen Gegenbegriff des «Exoterischen». Die so nah aneinander anklingenden Wörter «Exoterik» und «Esoterik» sind prägefrisches altes Griechisch. Im «Exoterischen» hat sich das Adjektiv exoterikós erhalten; darin steckt an erster Stelle das Adverb éxo, «draussen», an zweiter Stelle ein -ter-, das im Griechischen eine Steigerung bezeichnet, und an dritter Stelle der Adjektiv-Ausgang -ikós, der sprachlich unserem «-isch» entspricht. Fügen wir die drei Teile zusammen, so verdolmetscht sich dieses «Exoterische» als das «weiter draussen Gelegene».

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Österreich: Gott statt Esoterik

Christen sollten sich an Jesus, nicht an der Esoterik orientieren, hieß es auf der Tagung (ANSA)
Bei einer Theologentagung über die vermeintliche „Selbsterlösung“ haben verschiedene Theologen die Heilswirkung des Christentums im Gegensatz zur Esoterik hervorgehoben.

Vatican News

Christen haben im Gegensatz zu Anhängern der Esoterik einen „Gott, der uns entgegengeht“. Das hat der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes am Samstag bei der zweitägigen Tagung „Erlösung oder Selbsterlösung? Die Antwort des christlichen Glaubens auf Gnosis und Esoterik“ an der Hochschule Heiligenkreuz in Österreich dargelegt.

Cordes berichtete vor den über 200 Tagungsteilnehmern von Begegnungen mit Esoterik aus der eigenen Studienzeit, als an seiner Ausbildungsstätte „Yoga für Christen“ angeboten worden sei. Den Seminaristen sei Entspannung dadurch versprochen worden, ebenso wie heute vielerorts – darunter auch in kirchlichen Bildungshäusern – esoterische und fernöstliche Praktiken angeboten würden. „Heute merken wir aber, dass uns die vielen Meditationspraktiken nicht gesünder und entspannter gemacht haben“, sagte Cordes.

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Reichsbürger Schweiz: Staatsverweigerer halten geheimes Treffen in Buchs ab

In diesem Gebäude bei der Buchser KVA trafen sich die Staatsverweigerer. (Hanspeter Thurnherr)
Reichsbürger zwischen Verschwörung, Esoterik und Rechtsextremismus: „Reichsbürger“ und „Freemen“, ursprünglich aus Deutschland, gründen auch in der Schweiz Ableger. Gestern haben sie sich in Buchs SG getroffen.

TAGBLATT.ch

Im Industriegebiet der Stadt Buchs im Kanton St. Gallen ist es ruhig. Doch der Parkplatz vor der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) ist voll. Die Autonummern tragen Kennzeichen aus der ganzen Schweiz sowie aus Süddeutschland und Vorarlberg. Nicht ganz überraschend. Hier sollte am Samstag ein Treffen des «Global Common Law Court» (GCLC) stattfinden. Dieser «Gerichtshof auf Grundlage des Naturrechts» wurde in Deutschland 2016 gegründet und steht den «Reichsbürgern» nahe, die den Staat nicht anerkennen. Seit letztem Jahr gibt es auch in der Schweiz Ableger der Szene.

Im Obergeschoss des Gewerbehauses brennt Licht, jemand tritt aus der Tür und zündet sich eine Zigarette an. Weder Heino Fankhauser noch Bruno Moser seien hier, sagt er auf die Frage nach zwei Schweizer Exponenten der «Freemen», wie sich die Staatsverweigerer oft nennen. Reichsbürger sei er nicht. «Wir sind neokonservativ.»

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Philipp Lenards „Deutsche Physik“ gegen Albert Einsteins „Jüdische Physik“

The Man who stalked Einstein. How Nazi Scientist Philipp Lenard Changed the Course of History. Von Bruce J Hillman, Birgit Ertl-Wagner und Bernd C. Wagner. Guilford, Connecticut 2015, 212 Seiten. ISBN 978-1-4930-1001 (Hardcover) ISBN 978-1-4930-1569-6 (ebook)© WEKA Fachmedien
Wie sich Physik, Mathematik, gesunder Menschenverstand, Ideologie, Esoterik, Nationalismus und Politik zu einem tödlichen Mix verbinden: Die wahre Geschichte von Lenard und Einstein – so spannend wie ein Thriller.

Von Heinz Arnold | Markt&Technik

Experimentalphysiker gegen die Theoretiker: Die Frontlinie hatte sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebildet. Damals war noch nicht abzusehen, dass der Antagonismus sich zusätzlich noch national und schließlich nationalsozialistisch sowie antisemitisch aufladen sollte. Schon kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges stand plötzlich »Deutsche Physik« gegen »Jüdische Physik«.

Mit der abfällig gemeinten Bezeichnung »Jüdische Physik« bezeichneten »Deutsche Physiker« vor allem die Anhänger der Relativitätstheorie, aber auch alle, die mehr den abstrakten mathematischen Ableitungen vertrauten als dem »gesunden Menschenverstand«, den sie ebenfalls als etwas typisch deutsches klassifizierten.

Besonders schossen sie sich auf die Person Albert Einstein ein. Weil er Jude war, Pazifist und als Kosmopolit alles Nationale verachtete. Außerdem passte ihnen sein Humor, seine Ironie und vor allem die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, ganz und gar nicht. Wer sich als Ideologe ernst nehmen will, der darf vor allem nicht über sich selber lachen können, geschweige denn die Welt mit Humor betrachten.

Ein ganz besonderes Exemplar dieser Gattung war der in doppeltem Sinne deutsche Physiker und Nobelpreisträger (1905) Philipp Lenard. Im Gegensatz zu den meisten seiner Genossen im Geiste war er sogar ein begabter Physiker. Er verrannte sich allerdings – angetrieben durch persönliche Schicksalsschläge, aber auch dem Gefühl, ständig im Leben zu kurz gekommen zu sein – dermaßen in seine Ideologie, dass die Gegnerschaft zur Relativitätstheorie in persönlichen Hass gegenüber ihrem Urheber und Helden umschlug. Lenard sah in Einstein die Personifikation all dessen, was er nicht nur für falsch hielt und ablehnte, sondern was er vom Antlitz der Erde vertilgen wollte.

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„Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung“

Globuli. Foto Hofapotheke St. Afra, Apotheker Tobias Müller. Lizenz: Public Domain.
Experten fordern, die Berufsbezeichnung Heilpraktiker entweder abzuschaffen oder umzudefinieren

Von Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Im letzten Jahrhundert gingen manche Milieus in Deutschland den Weg vom wundergläubigen Katholizismus direkt in die Esoterik, ohne Umweg über die Aufklärung – vor allem im Gesundheitswesen, wo Menschen immer wieder vor der Situation stehen, dass es Krankheiten gibt, gegen die man bislang nichts ausrichten kann (vgl. Ist Religion ein Instinkt?).

Das führte dazu, dass sich eine „Parallelmedizin“ etablierte, die „Komplementäre und Alternative Medizin (KAM)“. Wer mit ihr Geld verdienen will, der muss nicht erfolgreich Medizin studieren, sondern bislang lediglich in einer vergleichbar unaufwendigen Prüfung glaubhaft machen, dass er die Gesundheit der Menschen, die ihn bezahlen, nicht gefährdet. Danach darf er dann das Prädikat „staatlich anerkannter“ Heilpraktiker führen, aus dem der irreführende Eindruck entstehen kann, hier würde es sich um Personen handeln, deren Heilfähigkeiten mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen wurden.

Bettina Schöne-Seifert, eine Professorin für Medizinethik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), hat deshalb zusammen mit 16 hochkarätigen Medizinern, Juristen und anderen Experten den Münsteraner Kreis ins Leben gerufen, der jetzt im Deutschen Ärzteblatt ein Memorandum veröffentlichte, dem sich sowohl Institutionen als auch Einzelpersonen anschließen können, damit „Politiker motiviert werden, das Heilpraktikerwesen nicht nur kosmetisch, sondern grundlegend zu reformieren.“

Das Memorandum fordert, die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ entweder abzuschaffen oder „durch die Einführung spezialisierter ‚Fach-Heilpraktiker‘ als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe“ abzulösen – zum Beispiel für Ergotherapeuten, Logopäden oder Krankenpfleger. Das wäre nach Ansicht der 17 Experten ein „verantwortlicher Umgang“ mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung“ und würde ihren Erkenntnissen nach nicht nur „das Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen stärken“, sondern auch „die Versorgung verbessern“ und das Prädikat „’staatlich anerkannt‘ […] wieder [in] ein echtes Qualitätsmerkmal [verwandeln], an dem sich Patienten orientieren könnten.“

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Eine Welt voller Aberglauben

Das Sternschnuppen-Schauspiel am Himmel lockt jedes Jahr viele Neugierige an. Viele wünschen sich etwas, aber nicht alle glauben daran, dass der Wunsch in Erfüllung geht (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Aberglaube und Esoterik seien vor allem ein Riesengeschäft, sagt der Mediziner Theodor Much, der zahlreiche kritische Sachbücher zum Umgang mit diesem Phänomen verfasst hat. Auch an die Wunschkraft von Sternschnuppen glaubt er nicht.

Theodor Much im Gespräch mit Julius Stucke | Deutschlandfunk Kultur

Der jährlich wiederkehrende Sternschnuppenschwarm der Perseiden ist ein Höhepunkt des astronomischen Jahres. Diesmal jedoch werden wohl deutlich weniger Augustmeteore am nächtlichen Firmament zu sehen sein als in anderen Jahren: Wenn die Perseiden in der Nacht von Samstag auf Sonntag ihr Maximum erreichen, dürfte die Helligkeit des Mondes die Beobachtung empfindlich stören – außerdem könnten zahlreiche Wolken den Blick in den Himmel versperren. Der Glaube an Sternschnuppen ist dem Mediziner und Sachbuchautor Theodor Much, ebenso suspekt wie Esoterik und Homöopathie. Der langjährige Facharzt für Dermatologie ist Autor zahlreicher kritischer Bücher, in denen er sich um Aufklärung bemüht.

Engelsprays in Apotheken

„Es lohnt sich immer etwas zu wünschen, aber nicht unbedingt, wenn man Sternschnuppen erblickt“, sagte Much, im Deutschlandradio Kultur. „Da gibt es schon bessere Möglichkeiten.“ Wir lebten zwar alle im angeblich aufgeklärten 20. Jahrhundert, doch in Wirklichkeit sei die Welt voller Aberglauben, Vorurteilen und Esoterik. „Egal eigentlich im Prinzip, wo man hinschaut, ob in Apotheken, wo man Engelsprays verkauft oder Bachblüten, Homöopathie, Schüßlersalze  und in diversen Läden, wo man Edelsteine verkauft, in Buchhandlungen, wo es Hunderte von Büchern zu esoterischer Literatur gibt.“  Auch in TV-Sendungen würden Wunderheiler unkritisch präsentiert. „Die Welt ist eigentlich voll mit Esoterik.“

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Wo Esoterik und Reichsbürgerdenken sich begegnen

Bild: BR.de
Esoterik boomt – das haben inzwischen auch rechte Gruppierungen erkannt. Beim Freidenker-Stammtisch Nandlstadt vernetzt sich die Reichsbürger- mit der Esoterikszene. Veronika Wawatschek war vor Ort.

Von Veronika Wawatschek | BR.de

Ein Freitagabend auf dem Huberhof in Airischwand im nördlichen Landkreis Freising. Etwa 80 Leute sind in die Gastwirtschaft gekommen – um bei Radlerhalbe und Jägerschnitzel etwas über frühere Leben zu erfahren: durch die sogenannte Rückführungstherapie. Die gebürtige Slowenin Vesna Božič Mauko ist eigentlich Dolmetscherin. Vor elf Jahren hat sie sich vom Elektroingenieur Jan Erik Sigdell zur Rückführungstherapeutin ausbilden lassen. Sie sagt: Wer anderen Schlechtes antue, werde das in einem späteren Leben selbst erleben – also etwa der dunkelhäutige Schweizer, der unter seiner Hautfarbe litt.

„In der Rückführung hat sich herausgestellt, dass er in drei Leben vor dem heutigen, Menschen diskriminiert hat. Und deswegen muss er eben in diesem Leben als Schwarzer in der Schweiz leben“, lautet Božič Maukos Erklärung.

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«Tot und wieder lebendig»: Gläubige berichten von Wunderheilungen

Ein Pastor stirbt und wird von Jesus wieder zurück auf die Erde geschickt.

Von Hugo Stamm | Sektenblog-watson

Unsere technisch und wissenschaftlich geprägte Welt wird immer wunderlicher, denn trotz geistigem Fortschritt sind heute Wunder überall. Ganz nach dem Motto: Je mehr wir wissen, desto mehr glauben wir an Wunder. Ein Paradox, dachten wir doch immer, je mehr wir wissen, desto weniger müssen wir glauben.

Dieses Phänomen verdanken wir dem Glauben, der oft in den Aberglauben abdriftet. Verantwortlich dafür sind vor allem Esoterik, Alternativmedizin und frömmlerisches Christentum.

Wie sich Wunder bei den Christen freikirchlicher Couleur präsentieren oder anfühlen, dokumentiert die Internet-Plattform wunder-heute.tv. Der Titel einer Rubrik auf dem Portal ist Programm: «Tot und wieder lebendig».

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Potsdam: Religionen auf dem Rückzug

Der Potsdamer Religionswissenschaftler Johann Hafner. Foto: UP/Karla Fritze
Der Religionswissenschaftler Johann Hafner von der Universität Potsdam hat das Wirken religiöser Gemeinschaften in Potsdam untersucht. Das Seminarprojekt erstreckte sich auf alle Religionen sowie den Graubereich der Esoterik und Lebenshilfe.

Von Jan Kixmüller | Potsdamer Neueste Nachrichten

Religiöse Glaubensgruppen befinden sich gegenwärtig in der Stadt Potsdam auf einem Rückzug. Der Religionswissenschaftler Johann Ev. Hafner von der Universität Potsdam hat diese Tendenz zum Einigeln bei einer Untersuchung von Religionsgemeinschaften in der Stadt festgestellt. Die Zurückgezogenheit erklärt vor allem Hafner historisch. Bereits in Preußen hatten Katholiken und Alt-Lutheraner nur wenig Einfluss. Hinzu komme, dass im 19. Jahrhundert der Kirchgang in der Region seltener erfolgte als etwa in Bayern. Die Zeit des Nationalsozialismus und der folgende Sozialismus hätten ihr übrigens getan.

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Alchemie: Bis die Retorte platzt

© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Vera Keil Alchemie
© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Vera Keil Alchemie
Alchemie war angewandte Naturphilosophie, raunende Esoterik und zuweilen schlichter Betrug. Der nun ausgestellte Fund einer Laborausrüstung aus Wittenberg zeigt, was aus der „hermetischen Kunst“ um 1600 herum auch geworden war.

von Ulf von Rauchhaupt | Frankfurter Allgemeine

Gotisch wölbt sich die Decke. Zu dem spärlichen Licht, das durch die Spitzbögen sickert, gesellen sich Flammen, die aus tönernen Herdplatten schlagen. Dazwischen stehen mehrere Retorten sowie große, an längliche Kürbisse erinnernde Glaskolben. Was darinnen brodelt, ist nicht recht zu erkennen, denn die Gefäße sind bis oben hin mit Lehm ummantelt, nur Retortenhälse und die Schnäbel gläserner Destillierhelme schauen heraus. Aus ihren Enden tropfen ölige Essenzen in kleinere Kolben und verbreiten stechenden Schwefelgeruch oder das dumpfe Aroma von Stickoxiden, die sich mit dem Brandgeruch des Herdes mischen. Brennholz und Lehmbrocken liegen herum, eiserne Zangen und Unmengen weiterer Gefäße: Kolben, Becher, Tiegel.

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Justiz Albtraum

Alle erheben sich. Die Richterin, mit ihren Beisitzern, betritt den Verhandlungsaal. Ein kurzes Nicken in Richtung Publikum und das hohe Gericht nimmt Platz. Die Vorsitzende zupft an ihren Hidschab. Der Beisitzer zu ihrer Linken stellt einen kleinen, fetten, ewig grinsenden Buddha auf den Tisch. Der Andere einen tanzenden Shiva. Über allen thront das gewaltige Kreuz des Christentums. Die Autorität des christlichen Gottes ist scheinbar unbestritten, darunter hängt in goldenen Buchstaben auf schwarzen Samt, die Shahada. Während der Staatsanwalt beginnt den Verlauf der Verhandlung auszupendeln, legt der staatlich bestimmte Verteidiger seine Tarot-Karten. Die beiden anwesenden Justizbeamten channeln sich.

Der Angeklagte sitzt völlig verstört, die Augen weit aufgerissen auf seiner Bank. In jedweder Hinsicht ungläubig ahnt er, dass dies sein letztes Gericht ist.

Der strittige Sachverhalt, der Grund für die Gerichtsverhandlung ist belanglos. Sein Unglauben ist das Problem.

Kabbalistisch wird der zu bestimmende Paragraf im Strafgesetzbuch festgelegt. Verurteilt wird er zu ewiger Jugend, die er in einem religionspluralistisch geführten vatikanischen Männerpuff verbringen darf.

Zum Abschied drückt ihm sein Pflichtverteidiger eine Tarotkarte in die Hand, ein Bube.

 

Wie Homöopathie und Esoterik miteinander verbunden sind

foto: ap Mars wird in der Esoterik mit der Farbe Rot (Blut), Wildheit, Feuer, Angst und Unruhe assoziiert. Die dazu passende
foto: ap Mars wird in der Esoterik mit der Farbe Rot (Blut), Wildheit, Feuer, Angst und Unruhe assoziiert. Die dazu passende „Marspflanze“ ist Belladonna, die Tollkirsche.
In der Homöopathie wie in der gesamten Esoterik werden Analogien zwischen Planeten, Pflanzen und Mineralien hergestellt und Rückschlüsse vom Aussehen von Pflanzen auf die medizinische Wirksamkeit gezogen

Userkommentar Theodor Much, Krista Federspiel | derStandard.at

Unter Esoterik wird jede Disziplin verstanden, die weder empirisch noch rational überprüfbar ist und daher nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt, sondern ihnen vielmehr widerspricht, und die sich mit mythischen und spirituellen Themen befasst. Anhänger esoterischer Praktiken glauben an Phänomene, die auf alle Bereiche unseres Universums einwirken und auch den menschlichen Körper und dessen Gesundheit direkt betreffen: Sie glauben an einen in „Hierarchien“ von oben nach unten alles durchdringenden kosmischen Geist.

Göttlicher Ursprung

Die meisten der heute in Europa so populären esoterischen Heilpraktiken fußen auf dem Götterglauben sowohl der Antike als auch der Okkultismusbewegung des 19. Jahrhunderts und sind eng mit der Astrologie verwandt. Vielen der esoterischen Scheintherapien, wie etwa Astromedizin, Anthroposophie, Ayuverda, Geistheilen und vor allem Homöopathie, sind folgende Anschauungen gemeinsam. Der Glaube …

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Kirche sagt esoterischen Angeboten Kampf an

In St. Fidelis (Mi.) soll ein neues spirituelles Zentrum entstehen. Es soll die Sehnsucht von Menschen stillen, die mitunter in fernöstlichen oder esoterischen Angeboten eine Heimat finden Foto: Stuttgarter Zeitung.de
Die katholische Kirche in Stuttgart investiert 750 000 Euro in ein neues spirituelles Zentrum. Stadtdekan Christian Hermes nennt den Grund: „Wir können nicht hinnehmen, dass die katholische Kirche mit all ihrer geistlichen Weisheit und Erfahrung nicht mehr als spirituell kompetent wahrgenommen wird.“

Von Martin Haar | Stuttgarter-Zeitung.de

Wie lässt sich im „Smog die Gegenwart Gottes erkennen?“, fragte Papst Franziskus im September 2015 im New Yorker Madison Square Garden und formulierte damit eine der größten Herausforderungen von Kirchen in dieser Zeit. Wo finden Menschen heute noch einen Anker? Wo und wie wird die geistliche Sehnsucht und oft auch Not heutiger Stadtbewohner gestillt? Ob in New York oder Stuttgart. Überall ist die Kirche und das Christentum nicht mehr erste Wahl. „Viele Menschen kennen die tradierten Kirchen und volks- oder gemeindekirchlichen Frömmigkeits- und Spiritualitätsformen nicht mehr“, weiß der katholische Stadtdekan Christian Hermes, „sie verstehen darin kein hilfreiches Angebot für ihr Leben.“

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Esoterik: Aberglaube nimmt immer mehr zu

Bild: svz.de
Bild: svz.de
Was macht Menschen empfänglich für Übersinnliches? Aberglaube und Esoterik spielen auch im Alltag des 21. Jahrhunderts eine Rolle. Eine Spurensuche bei Fans und Forschern.
 

Frankfurter Rundschau

Bis auf die Toilette des englischen Fußballvereins FC Chelsea hat es der Aberglaube geschafft. Kapitän John Terry schwört auf die erfolgbringende Wirkung, wenn er in der heimischen Umkleidekabine nur ein bestimmtes Pinkelbecken benutzt. So erzählt es der 35-Jährige. Einige Teamkollegen zogen nach. Das Ritual soll helfen, den Sieg herbei zu pinkeln.

Glauben an höhere Kräfte spielte auch im oberpfälzischen Willmering eine Rolle, als eine Serie tödlicher Verkehrsunfälle gestoppt werden sollte. Dabei entschied der Gemeinderat schon vor Jahren, einen Wunderheiler zu engagieren. Dieser installierte drei Boxen an der gefährlichen Strecke der Bundesstraße 22. Zur „Entstörung“ gegen Strahlen. Kosten: 1677,90 Euro. Die Reihe der Todesfälle riss ab – warum auch immer.

Unabhängig davon, dass manche von Humbug reden, zeigt beides: Esoterik hat sich im Alltag des 21. Jahrhunderts festgesetzt. Und die Vielfalt der Angebote wächst. Ob Schamane, Schutzengel oder Heilstein – jeder entscheidet längst für sich alleine, wo die Grenze zwischen Sinn und Unsinn liegt.

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„Genmanipulierte Lebensmittel sind nicht schädlich“

Bild: International Rice Research Institute (IRRI) CC BY 2.0
Bild: International Rice Research Institute (IRRI) CC BY 2.0
Diplom-Biologin Julia Offe hält die Befürchtungen für völlig absurd und sieht sogar Chancen. Im Interview spricht sie außerdem über Heilpraktiker, Wünschelrutengänger und Impfgegner.

Von Marco Tripmaker | DIE WELT

Persönliche Heilungsgebete für fünf Euro, hellseherischer Kontakt zu Verstorbenen und Klangschalen, die auf dem Bauch stehend zur Ich-Findung und Entspannung beitragen sollen:

Diplom-Biologin Julia Offe (43) überfällt auch Wochen nach dem Besuch der letzten Esoterik-Messe ein Schmunzeln, wenn sie über die Dinge, die sie dort gesehen hat, spricht. Gepaart mit einem Gefühl von Wut, „denn es ist doch unglaublich, wie viele Menschen auf solchen Veranstaltungen hinters Licht geführt werden.“

Julia Offe ist Vorstandsmitglied bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften – kurz Skeptiker –, ein Verein mit bundesweit 1400 Mitgliedern, der sich gegen Pseudowissenschaften und Esoterik wendet. Bis Sonnabend tagen die Skeptiker mit interessanten, öffentlich zugänglichen Vorträgen in der HAW Hamburg. Die „Welt“ sprach mit Julia Offe über Gentechnik, Heilpraktiker und Wünschelrutengänger.

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Von der Esoterik und New Age in die katholische Kirche

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Was sind Esoterik und New Age, wo haben sie ihren Ursprung, welche Weltanschauungen stehen dahinter? Gastbeitrag von Diakon Markus Michael Riccabona, bekehrter „Esoterik-Guru“, heute Leiter des Referats für Kommunikation der Diözese St. Pölten

Von Markus Michael Riccabona|kath.net

Der zum Alltagsvokabel gewordene Begriff „Esoterik“ kommt vom griechischen esôterikós, was so viel wie „innerlich“ oder „nach innen gerichtet“ bedeutet. Im Gegensatz zum „exoterischen Wissen“, das „nach außen“ allgemein zugänglich ist, bezeichnet die Esoterik eine geheime Lehre oder Wissenschaft. Durch dieses Attribut ist eine Lehre oder auch Gemeinschaft für viele Menschen schon interessant, weil es das Ego aufwertet, zu einer besonderen Gruppe zu gehören, Zugang zu „geheimem“ Wissen zu haben. Der Esoteriker ist etwas „Besonderes“, ein „Auserwählter“, der – so glaubt die Esoterik – durch „gutes Karma“, also durch eigene (!) Verdienste, das Recht erworben hat, okkulte (= verborgene) Geheimnisse des Lebens zu erfahren.

Esoterik ist nicht vom Zwillings-Begriff New Age zu trennen. Oft werden die beiden Begriffe synonym verwendet, obwohl New Age etwas anderes bedeutet, das jedoch mit den Lehren der Esoterik in engem Zusammenhang steht. Immer schon träumten die Menschen von einem „Neuen Zeitalter“, in dem auf Erden himmlische Zustände verwirklicht werden. Es ist vielleicht eine Art Echo aus dem Garten Eden, die ewige Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Für die New-Age-Ideologie ist dieser „Himmel“ jedoch vom Menschen selbst erreichbar, aus eigener Kraft. Genau darin liegen die großen Versuchungen und Gefahren von Esoterik- und New-Age-Angeboten.

Das „Wassermannzeitalter“

Anhand des New-Age-Begriffes wird auch eine weitere Eigenheit dieses Irrglaubens sichtbar: die Verknüpfung von wissenschaftlichen Tatsachen mit esoterischen Heilsversprechen. So wird den – für sich gesehen oft abstrusen – Lehren der Anstrich von Wissenschaftlichkeit und damit von Seriosität gegeben. Deswegen soll der Ursprung von New Age genauer untersucht werden:

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Die Temperaturen steigen, doch das geistige und religiöse Klima wird kalt – saukalt

«Worship» in der Maag-Halle – und alle fühlen sich gut: Bei der ICF sieht zwar alles nach Friede, Freude, Eierkuchen aus, doch die Freikirche hat autoritäre Züge und predigt fundamentalistisches Gedankengut. Bild: watson.ch/Facebook
Der religiöse Fundamentalismus greift um sich – nicht nur in den islamischen Ländern.

Von Hugo Stamm|Watson/Sektenblog

Die Geschichte der Menschheit ist geprägt von einem endlosen Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit. Von der Antike über das Mittelalter bis tief ins moderne christliche Zeitalter herrschten autoritäre bis totalitäre Feudalsysteme, die die Menschen knebelten. Despoten, religiöse Würdenträger, Könige und Kaiser unterdrückten die Massen und verteidigten ihre Macht und Privilegien – oft mit Waffengewalt.

Dabei wussten schon immer alle gebildeten Leute, was ethisch und moralisch sinnvoll wäre. Die griechischen Philosophen haben die geistige Welt schon vor über 2000 Jahren punktgenau vermessen.

Mit den Menschenrechten begann endlich ein neues Zeitalter, das dem Individuum die längst fälligen Rechte und Freiheiten brachte. Der einzelne Bürger durfte sich frei bewegen, Besitz erwerben, glauben, was er wollte (Religionsfreiheit), politisch mitbestimmen.

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Gott ist tot – es leben die Götter!

Uriella und ihr Ehemann Icordo bei einer Veranstaltung ihrer Sekte Fiat Lux im Jahr 1992. Bild: KEYSTONE
Die Kirchen leeren sich, Zulauf haben dafür esoterische und spirituelle Heilsbringer.

Von Hugo Stamm|watson/Sektenblog

Die christlichen Landeskirchen stecken in einer tiefen Krise. Die Austrittswelle lässt die Steuereinnahmen schrumpfen, die katholische Kirche hat Nachwuchsprobleme und muss Pfarrer bis ins hohe Alter auf die Kanzel schicken.

Dort predigen sie vor einem kleinen, überalterten Publikum und kämpfen gegen den schlechten Ruf ihrer Kirche, die mit ihren Skandalen jahrelang für unrühmliche Schlagzeilen sorgte. Ein entspanntes Arbeitsleben sieht anders aus.

Die Krise macht auch vor dem Glauben nicht Halt. Es gibt heute bereits Pfarrer, die offen dazu stehen, dass sie nicht an Gott glauben.

Die Karteileichen der Kirchen

Gott ist zwar noch nicht tot, wie Friedrich Nietzsche in seiner fundamentalen Kritik an den Religionen schon vor fast 150 Jahren erklärte, doch er liegt auf dem Krankenbett.

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