Warum Dawkins nicht Unrecht hat

Was die elementaren Frage – ob Evolution oder Schöpfung – angeht, kommt die Evolutionstheorie im Vergleich zur Schöpfung mit weniger Unbekannten aus. Langthaler vertritt mit Thomas von Aquin die Überzeugung, dass Schöpfung die Voraussetzung von Evolution sei. (vgl. S. 416) Die Position Langthalers zu bestimmen ist teils schwierig, wenn er sich (lediglich in einer Anmerkung!) mit K. Jaspers sehr aufgeklärt gibt, welcher Weltschöpfung durch Gott als Symbol und nicht als Wissen sieht.

Von Ockham

Langthaler versucht sich somit einen seriösen Anstrich zu verpassen. Er weist ausserdem auf Kreationistische Ansichten hin, die Lücken in den Erklärungen der „letzten Fragen“ mit Gott füllen. „Weder eine methodisch besonnene Naturwissenschaft, noch kritische Philosophie und auch keine ernsthafte Theologie würden sich bezüglich der offenen Fragen in eine „faule Vernunft“ hineinflüchten.“ (S. 498) Doch genau in diese faule Vernunft flüchtet sich Langthaler durch sein Festhalten an der Schöpfung.
Es gibt gute Gründe dafür, dass die moderne Kosmologie den Urknall oder das, was ihn erzeugt hat, letztlich nicht zu erklären vermag. Ein Schöpfungsglaube hilft da auch nicht weiter. (Quelle: Glaube und Denken: Jahrbuch der Karl-Heim-Gesellschaft. 26. Jahrgang 2013; Nichts, Urknall oder Gott?; Rüdiger Vaas; S. 65)
Langthalers Vorgehensweisen ist eine „Spielart“ des Kreationismus. Kreationisten stellen den Stand der Evolutionsbiologie systematisch falsch dar, zudem wird deren Wissenschaftlichkeit zu Unrecht in Frage gestellt: Langthaler verweist auf R. Spaemann, für den die moderne Naturwissenschaft ausschließlich Bedingungsforschung ist. (S. 73) Ebenso wird angemerkt, man solle Evolution als Bedingungsforschung genau nehmen. (vgl. S. 433) Paul Tillich vertritt z. B. die These, dass Gott unbedingt ist, aber das Unbedingte nicht Gott ist. Die Theologie versucht das Unbedingte zu retten, indem sie die Wissenschaft als Bedingungsforschung bezeichnet. Nietzsches Kritik am Unbedingten besagt, dass es nicht erkannt werden kann, sonst wäre es eben nicht unbedingt. (Quelle: Unbedingte, das; Historisches Wörterbuch der Philosophie; Joachim Ritter, Karlfried Gründer u. Gottfried Gabriel; Sonderdruck aus Band 11: U-V; S. 108-111)
Langthaler bezeichnet die Aussage von H. Mynarek: „Darwinismus und Neodarwinismus können nicht als Wissenschaft gelten, weil sie die grundlegenden Kriterien der Wissenschaft nicht erfüllen: Beobachtung, experimentelle Wiederholbarkeit /Reproduzierbarkeit, Überprüfbarkeit (Mynarek 2010, 118)“ als schwer nachvollziehbar. Er merkt dazu lediglich an, dass z. B. Papst Benedikt XVI. und Kardinal Schönborn der Evolutionstheorie als einer naturwissenschaftlichen Theorie näher stehen als Mynarek. (vgl. S. 284)
Der Aussage Mynareks kann ergänzend folgendes entgegnet werden:
Jüngere Autoren haben sich gegen die engen Grenzen der Erklärung (mittels kausaler Gesetze) von klassischen Wissenschaftsphilosophen gewandt. Auf vergangene evolutionäre Ereignisse lässt sich die experimentelle Methode nicht anwenden, daher konstruiert der Biologe eine historische Darstellung (historical narrative), indem er Rückschlüsse zieht: Der Biologe muß alle bekannten Tatsachen zu einem bestimmten Problem untersuchen, alle möglichen Folgen aus den rekonstruierten Faktorenkonstellationen erschließen und dann versuchen, ein Szenario zu entwickeln, das die beobachteten Tatsachen dieses besonderen Falles erklären würde. Natürlich kann man niemals kategorisch beweisen, daß eine historische Darstellung „wahr“ ist. (Quelle: Das ist Biologie, Ernst Mayr, 2000, vgl. S. 99)
Außerdem muss richtiggestellt werden, dass aus dem Mangel an Belegen zugunsten einer Theorie nicht geschlossen werden kann, sie sei falsch. Plausibel wäre es, positive Befunde gegen die Evolutionstheorie anzubringen. (Quelle: Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus; Martin Neukamm; vgl. S. 306) Dies findet bei Langthaler allerdings nicht statt.

Offene Detailfragen über den Ablauf und die Triebkräfte der Evolution sind der Antrieb der Evolutionsforschung. Der Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass eine Haltung des Abwartens, gepaart mit Neugierde und begleitet mit der Zuversicht, dass Forschung in der Zukunft noch mehr Aufschluss geben werden, vernünftig ist. Zum Schreibstil des Buches ist anzumerken, dass es stellenweise aufgrund ellenlanger, komplizierter und verworrener Sätze schwer zu lesen ist. Die Fülle der Anmerkungen bremst den Lesefluss. Ein Stichwortverzeichnis fehlt.

Die Kritik Langthalers an der Schöpfungsvorstellung Dawkins ergibt sich vornehmlich durch den unpassenden deutschen Titel von Dawkins Buch „Die Schöpfungslüge“, welches im englischen Original den Titel „The Greatest Show on Earth: The Evidence for Evolution“ trägt. Über den deutschen Titel war Dawkins unglücklich, da sich das Buch ausdrücklich nicht gegen die Religion richten sollte.
Schöpfung sei kein „innerzeitlicher Vorgang“ und folglich auch nicht kosmologisch datierbar bzw. messbar. (vgl. S. 409) Weiter ist zu lesen: Die von J. Eccles gestellte Frage: „Liegt das Rätsel der Schöpfung für immer jenseits aller Erklärung?“ sei eindeutig mit Kant zu bejahen, der erklärt: „wo alles Naturgesetz aufhört auch aller Erklärung aufhören muss“. (vlg. S. 418) Dieser Schluss ist geschickt, denn dadurch scheint Schöpfung nicht angreifbar, da sie naturwissenschaftlich nicht „greifbar“ ist.

Es geht Langthaler darum herauszuarbeiten, wie theologische bzw. philosophische Ansätze zum Thema Vernunft, Bewusstsein, Moral, Schöpfung, Teleologie, Gottesbeweise, Offenbarung, Dreieinigkeit und Wunder „richtig“ zu verstehen sind. Weitere Themen sind Platons Essentialismus; das Gotteszentrum im Gehirn; Deszendenz-Theorie; Ignorabismus; Phänomenologie; Kausal- und Finalnexus; Positivismus; Naturalismus; Anthropisches Prinzip; Multiversentheorie; Urknalltheorie; Noma-Prinzip; Szientismus; Altruismus; Phänomenologie; das Nichts.

Richtig stellt Langthaler fest, dass mit der Memetik kulturelle Phänomene in biologische Begriffe gedeutet werden sollen. (vgl. S. 143)
M. E. Kronfeldner bringt es allerdings besser auf den Punkt: Dawkins hat betont (1982a: 112), dass der Wert der Analogie (Mem zu Gen) gar nicht in der Erklärung von Kultur liege. Die Analogie könne aber helfen, das Wirken der natürlichen Selektion (auf der Basis von Replikatoren) besser zu verstehen. Die Memtheorie bietet nichts Neues, um die damit verbundenen ontologischen Fragen über den Status der postulierten ideellen Einheiten zu klären, und tritt nicht als Alternative zu den detaillierten Erklärungen, wie soziales Lernen funktioniert, auf, und ist somit auch explanatorisch trivial. Entweder wird nichts weiter behauptet, als dass Menschen aus diesen oder jenen Gründen bzw. Ursachen bestimmte Meme übernehmen, oder die „survival of the fittest meme-„Erklärungen werden tautologisch, weil die Rolle des Geistes als selektive Umwelt ignoriert wird.
(Quelle: Meme, Meme, Meme: Darwins Erbe und die Kultur, M. E. Kronfeldner, vgl. S. 13 f.)

Langthaler wirft Dawkins vor, er gebe sich durch ein Zitat von A. Einstein religiös-metaphysisch begabt:
„Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in Ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinne, und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen“. (S. 472)
Einstein sagte auch: „Was Sie über meine religiösen Überzeugungen lesen ist natürlich eine Lüge, und zwar eine, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und habe das auch nie verhehlt, sondern immer klar zum Ausdruck gebracht.“ Das zweite Zitat Einsteins findet sich auch in Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ (S. 27), was Langthaler verschweigt.
Einstein Antwortete dem Rabbiner Herbert S. Goldstein, dass er an Spinozas Gott glaube, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart. (Quelle 1, vgl. S. 31) Obgleich Einstein keine Mystik, keinen religiösen Kult und sogar keinen persönlichen Gott, der „sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, anerkannte, wäre es ein Irrtum, ihn einen Atheisten zu nennen, wie es Kardinal O’Connell getan hat. (Quelle 1: Einstein und die Religion, Max Jammer, 1995, S. 54)

Des Weiteren verkenne Dawkins naturteleologische Betrachtungsperspektiven. (S. 502)
Die Zweckmäßigkeit natürlicher Organismen, Strukturen und Systeme kann die Biologie auch erklären, ohne auf zwecksetzende Instanzen zurückgreifen zu müssen.
Da im Naturalismus alles mit rechten Dingen zugeht, sei eine teleologische Konzeption sogar notwendig. (S. 190) Damit bläst Langthaler in dasselbe Horn wie Thomas Nagel, wenn er auf dessen kontrovers diskutiertes Buch „Geist und Kosmos“ hinweist. Nagel versucht dem Kosmos Zielgerichtetheit zu unterstellen, die er gar nicht besitzt. (Quelle: Geist und Kosmos, vgl. S. 176)

Dass laut Kant Moral unumgänglich zu Gott führe, muss allerdings auch von der anderen Seite aus betrachtet werden. (S. 332) Überzeugungen können leicht als „Brandbeschleuniger“ in einen fanatischen Idealismus ausarten. Hierbei werden Menschen von hehren Idealen motiviert, böse Taten zu begehen, um die Welt vermeintlich zu verbessern, weil Gott „das Gute“ angeblich befiehlt. Beispiel hierfür sind die Kreuzzüge oder der Deißigjährige Krieg (es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es in vielen Kriegen um Macht, Einfluss, Reichtum, Bodenschätze oder um territoriale Kämpfe geht). Trotzdem hat sich Religion als Kraft erwiesen, die Menschen außerordentlich gut zu spalten und gegeneinander aufzubringen. (Quelle: Vom Bösen; Roy F. Baumeister; S. 203 ff.)

Anscheinend hält Langthaler nicht viel von einer evolutionären Ethik, wenn er schreibt, eine Ethik ließe sich nicht aus der Evolution ableiten. (S. 124)
Die evolutionäre Ethik bietet einen fruchtbaren und humanen Ansatz zum Verständnis moralischen Verhaltens von Menschen. Bei der komplizierten Frage, inwieweit bestimmte Verhaltensstrukturen genetisch oder kulturell bedingt sind, ist große Sorgfalt geboten. (Quelle: Potential und Grenzen einer evolutionären Ethik; Eckart Arnold)
Obgleich es keine eigenständige evolutionäre Ethik geben kann, ist eine Auseinandersetzung mit ihr dennoch sinnvoll, weil sie zu der grundlegenden Frage führt, inwiefern organische Evolution und kulturelle Geschichte Gemeinsamkeiten besitzen. (Quelle: Unmöglichkeit einer Evolutionären Ethik und die Möglichkeit einer Historischen Ethik; Werner Loh)

Langthaler argumentiert mit Dostojewski: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.“ (S. 352) Dieses Argument wird von dem Historiker Lukas Mihr in seinem Artikel „Ohne Gott ist alles erlaubt? – Zahlen“ entkräftet bzw. relativiert.

Zum Theodizeeproblem (warum es Leid gibt, wenn Gott doch allgütig, allmächtig und allwissend sein soll) unterliegt Langthaler einem Zirkelschluss: „Wie Hiob wissen wir die Antwort auf Leid nicht, wir haben nur eine Antwort bekommen, die Gott selber gegeben hat.“ (S. 290) Programm ist auch, von dem Problem abzulenken: „Niemand wird das Theodizee-Problem übersehen, wegreden oder theologisch glätten wollen, aber für Mem-Gesteuerte ‚Überlebensmaschinen‘ gibt es diese Probleme ohnehin nicht.“ (S. 290) Es wäre eine intellektuelle Zumutung auf das Theodizeeproblem eine Antwort geben zu wollen. So kommt es nicht von ungefähr, wenn Langthaler am „Fels des Atheismus“ vorbei schippert, um nicht Schiffbruch zu erleiden.
Er hätte sich viel Empörung sparen können, wenn er den Ausdruck Überlebensmaschine statt moralisch wertend als Metapher (aus der Sicht eines Gens) verstanden hätte.

Langthaler argumentiert mit Max Planck, nach dem sich Religion und Naturwissenschaft nicht ausschlössen, sondern einander sogar ergänzen und bedingen würden. (S. 274)
Vom Liberalitätsgrad der betrachteten Einzelreligion hängt es ab, wie die Kompetenzabgrenzung aussieht bzw. welche und wie viele Konflikte mit dem Bestand wohl bestätigter wissenschaftlicher Erkenntnis bestehen. Selbst religiöse Wissenschaftler wissen, dass die Wissenschaft naturalistisch ist. Mit dem Glauben an Übernatürliches ist Beliebiges möglich, deshalb halten sie ihren Glauben lieber aus der Wissenschaft heraus. Wer als Minimalannahme einen weltimmanenten Naturalismus akzeptiert, die Vorstellung von einer Übernatur aber trotzdem nicht aufgeben will, dem bleibt nur noch ein philosophischer Deismus übrig. (Quelle: Über die Natur der Dinge; Mario Bunge; Martin Mahner; vgl. S. 220, S. 225, S. 226) Der Deismus bringt das Göttliche mit dem Ursprung des Universums in Verbindung, ein weiteres Eingreifen Gottes wird jedoch bestritten.

Leibniz Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, könne nicht als naturwissenschaftlich zu beantwortende Frage gelten. (S. 387) Der kritische Rationalismus ersetzt den Abbruch das Rückschreitens ins Unendliche (infiniter Regress) mittels Dogma durch eine Hypothese, die so lange vertreten wird, bis man etwas besseres weiss. (Quelle: Scilog; Warum ist eigentlich etwas und nicht einfach nichts?; J. Honerkamp)

Langthaler wirft Dawkins die intellektuelle und kulturelle Zerstörung der Religion vor. Es sei eine unerfreuliche Eigenschaft, die er mit anderen Fundamentalisten teile. (S. 454) Dieses Ressentiment zeigt Langthalers Ohnmacht. Überdies ist der Fundamentalismusvorwurf hier wenig hilfreich, da der Begriff aufgrund seiner definitorischen Bedeutung am Ziel vorbei geht. (Quelle: Neuer Atheismus wissenschaftlich betrachtet; S. 28; Albert J.J. Anglberger; Paul Weingartner)

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„Gottgelenkte Evolution“

Pockenvirus – ein Ergebnis gelenkter, absichtsvoll vorausgeplanter Evolution?
Ein gescheiterter Versuch der Konsensfindung. Das Konzept einer „gottgelenkten Evolution“ wird als Kompromiss zwischen Kreationismus und der wissenschaftlichen Evolutionsbiologie angeboten.

Von Jori Wehner | Richard-Dawkins-Foundation

Mit einem wissenschaftlich begründeten Verständnis evolutionärer Prozesse ist dieses Konzept nicht vereinbar, denn alle Beobachtungen deuten auf ungelenkte Evolution hin. Zudem werfen Versuche einer Vereinigung beider Konzepte unlösbare theologische Probleme auf.

Es besteht ein unüberbrückbarer Konflikt zwischen „ungelenkter Evolution“ (die plausible Schlussfolgerung evolutionsbiologischer Forschung) und „gelenkter Evolution“ (die Behauptung christlicher und islamischer Theologie).

  1. Die Theologie postuliert an den Anfang der evolutionären Entwicklung einen intelligenten Schöpfer, der irgendwann damit begonnen haben soll, einen zuvor festgelegten Plan abzuarbeiten. Evolutionäre Prozesse laufen jedoch allem Anschein nach ungerichtet und ohne vordefiniertes Ziel ab. Genetische Mutationen folgen einer statistischen Zufälligkeit – keinem vordefinierten Ziel. Die meisten Mutationen sind phänotypisch neutral oder schädigen ihren Träger. Nur in extrem seltenen Fällen tritt eine fitness-steigernde Mutation auf, die ihrem Träger einen reproduktiven Vorteil verschafft und damit in der Population fixiert wird.  Der evolutionäre Prozess produziert also praktisch immer nur Ausschuss (was leicht übersehen werden kann, da unsere eigene Umwelt nur noch die seltenen Erfolgs-Ausnahmen enthält). Selbst die wenigen Individuen, die sich gegen ihre Konkurrenten innerhalb und außerhalb der eigenen Art behaupten können, sind immer nur zeitweilig erfolgreich. Mehr als 99% aller biologischen Spezies der Erdgeschichte sind ausgestorben. Das spricht gegen eine planvolle Steuerung evolutionärer Prozesse und ist ein deutlicher Beleg für ungeplante, ungerichtete, letztlich ziellose Entwicklung.

Evolutionsexperimente zeigen, dass die Evolution mit jedem Neustart desselben genetischen Ausgangsmaterials immer neue, überraschende, unvorhersehbare Verläufe nimmt.[1] Dabei zeigt sich Divergenz in neue, bisher unbeschrittene Wege durch den Raum der möglichen Permutationen.[2] Die statistische Wahrscheinlichkeit für Redundanz (für eine Wiederholung derselben Mutationssequenzen in nachfolgenden Generationen) geht gegen Null. Selbst konvergente Einwicklungen in der Evolution entstehen offenbar nicht planvoll, sondern durch den formenden Einfluss der Umweltbedingungen.

  1. Das Genom etlicher Spezies enthält funktionelle Verluste gegenüber früheren Evolutionsstufen. Im Genom der Primaten (einschließlich des Menschen) findet sich z.B. auf dem achten Chromosom ein defektes Gen für einen Stoffwechselweg zur Herstellung von körpereigenem Vitamin C. Menschen und andere Trockennasenaffen können kein eigenes Vitamin C mehr produzieren, wozu ihre evolutionären Vorfahren (und fast alle anderen höheren Tiere in unserer Umwelt) problemlos in der Lage sind.[3] Diese Pseudogene sind beeindruckende Zeugnisse der gemeinsamen Abstammung heutiger Arten – jedoch funktionell sinnlos. Es erscheint extrem unplausibel, dass ein intelligenter Schöpfer die Evolution nützlicher Gene veranlasst haben soll, um sie dann in einzelnen Spezies durch Punktmutation zum Schaden ihrer Träger wieder zu zerstören. Der Nachweis von defekten Pseudogenen bestätigt jedoch hervorragend die Annahme einer ungelenkten, ziellosen Evolution basierend auf zufälligen Mutationen.

Nicht nur auf makroskopischer Ebene sind die Spuren ungerichteter Evolution anhand von Rudimenten und Atavismen erkennbar. Die Erbinformation aller Spezies ist übersät mit den Artefakten zufälliger, meist schädlicher Kopierfehler, die sich im Verlauf von vier Milliarden Jahre währender, wiederholender DNA-Abschriften eingeschlichen haben. In der DNA aller Spezies finden sich tausende retrovirale Insertionen, Transposone, chromosomale Fusionen, sinnlose Einfügungen und Umstellungen, die vor Millionen Jahren bei einzelnen Individuen aufgetreten sind und sich seitdem durch ihre (in verschiedene Spezies aufgespaltete) Nachkommenschaft vererben. Auch wenn wir in unserem Genom nur noch solche Artefakte finden, die mit dem Leben und der Reproduktion ihrer Träger vereinbar gewesen sind, lässt ein Blick in das breite Spektrum der Erbkrankheiten erahnen, wieviele Milliarden Träger solcher zufälligen genetischen Modifikationen als evolutionärer Ausschuss ausselektiert wurden. Das bestätigt die Annahme einer ungerichteten, ungeplanten Evolution. Wer hier an der These eines vorausschauenden Planers der Evolution festhalten will, muss sich einreden, der intelligente Planer habe absichtlich eine Evolution entworfen, die exakt so aussieht, als folge sie absichtslosem Zufall.

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Evolutionsbiologie: Leopoldina empfiehlt stärkere Präsenz in Lehrplänen und intensivere Forschung

Darwin-Büste im Naturkunde-Museum Berlin. Bild: BB

Die Evolutionsbiologie ist das übergreifende Erklärungsprinzip der Lebenswissenschaften. Aktuelle Fragen, wie zunehmende Antibiotikaresistenzen, Ausbreitung von Epidemien, neue Zivilisationskrankheiten oder soziale Konfliktlösung können mit evolutionsbiologischen Modellen beschrieben werden. Gemessen an ihrer gewachsenen Bedeutung sollten die modernen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie in Schule und Hochschule stärker vertreten sein. Darauf weist die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in der Stellungnahme „Evolutionsbiologische Bildung in Schule und Hochschule“ hin, die heute veröffentlicht wurde.

Caroline Wichmann Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Die Evolutionsbiologie liefert Erkenntnisse zum Selbstverständnis des Menschen, zu seinen Interaktionen mit Umwelt und Mitmenschen, ökonomischem Handeln und kultureller Entwicklung. Viele Fragen, zum Beispiel auf welchen Wegen sich Krankheitserreger um die Welt bewegen, wie Bakterien Antibiotikaresistenzen entwickeln oder wie sich Krebszellen im Körper vermehren, lassen sich mit Hilfe der Evolutionsbiologie beantworten. Evolutionsbiologische Modelle zeigen Wege zur Lösung von Interessenkonflikten sowohl innerhalb von sozialen Gruppen, wie auch im ökologischen Kontext. Angesichts dieser in den letzten Jahrzehnten schnell gewachsenen Bedeutung sieht die Leopoldina Nachholbedarf im Umfang, den evolutionsbiologische Inhalte an Schulen und Hochschulen einnehmen, und formuliert dazu Empfehlungen.

Die Stellungnahme empfiehlt zunächst eine genaue Bestandsaufnahme der Situation in Forschung und Lehre und regt an, eine länderübergreifende Koordinierungsgruppe einzurichten. An den Universitäten empfiehlt das Papier, evolutionsbiologischer Forschung und Lehre eine zentralere und interdisziplinärere Rolle zu geben. Für den Schulunterricht befürwortet die Stellungnahme, dass die Evolutionsbiologie als „roter Faden“ des Biologieunterrichtes ab Klasse 5 etabliert wird. Die mitunter abstrakten Konzepte und Modelle sollten im Unterricht mittels anschaulicher Beispiele und Experimente vermittelt werden. Ein bundesweites Rahmen-Curriculum könnte dafür sorgen, dass das Thema Evolution nicht erst am Ende der Schulzeit seinen Platz findet. Die Stellungnahme fordert darüber hinaus, auch in anderen Schulfächern Berührungspunkte deutlich zu machen.

Die Stellungnahme Evolutionsbiologische Bildung in Schule und Hochschule ist Ergebnis einer interdisziplinären Arbeitsgruppe aus den Bereichen Evolutionsbiologie, Fachdidaktik und Schulpraxis.


Weitere Informationen:

http://www.leopoldina.org/de/evolutionsbiologie

Die Gender-Ideologie als Gesellschaftskrebs

Bild: RDF
Die „Bundeszentrale für politische Bildung“ (bpb) wird vom Steuerzahler unterhalten und sollte eigentlich objektive Sachinformationen an ihre Leserschaft, bevorzugt Schüler und junge Studenten, vermitteln.

Von Ulrich Kutschera | Richard Dawkins-Foundation

Mit dem Winter 2015/16-Heft Nr. 57 des bpb-Magazins ›Fluter‹ hat dieses Journal aber leider seine Kompetenz überschritten und dazu beigetragen, dass die widersinnige Gender-Ideologie ein weiteres Mal unkritisch-naiv unter das Schülervolk gebracht worden ist.

Bereits im Editorial schreibt der Herausgeber, dass die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, mit den entsprechenden Geschlechterrollen, nicht naturgegeben, sondern nur eine „machtvolle Erzählung“ seien. Diese, von Evolutionsbiologen wie Charles Darwin offengelegte „vermeintlich natürliche Ordnung der Geschlechter“ sei in der Regel von Menschen konstruiert und mit gesellschaftlicher Macht verbunden. Weiterhin sei das Geschlecht leider „heteronormativ gedacht“: Homosexuelle und Transgender seien früher ignoriert und ausgeschlossen worden, wird behauptet. Nach Verweisen auf die Gleichberechtigung als Verfassungsgut, den Feminismus und die Geschlechtergerechtigkeit wird dem Leser „viel Spaß“ gewünscht.

Als erstes Highlight der Fluter-Gender- Story folgt ein Gespräch mit der Geschlechter- Forscherin Sabine Hark. Hier offenbart sich diese Ideologin in geradezu peinlicher Offenheit. Die Frage, was sie in ihrem Job als bekannteste Gender-Forscherin Deutschlands tagtäglich zu tun hat, antwortete die Sozialwissenschaftlerin wie folgt: »Ich vermittle den Studierenden, dass Geschlecht eine Kategorie ist, mit der wir die Gesellschaft ordnen. Wir haben alle eine Vorstellung von Geschlecht, davon, wie Frauen und Männer so sind, aber wo kommt das Wissen her? Was sind die historischen Kontexte? Welche sozialen und ökonomischen Konsequenzen hat das? Darum geht es in der Geschlechterforschung.«

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Menschenopfer: Die dunkle Seite der Religion

In Gesellschaften, in denen sich Hierarchien neu aufbauten, trugen Menschenopfer vermutlich dazu bei, soziale Kontrolle auszuüben. Sobald das Gesellschaftssystem etabliert war, wurden Menschenopfer durch formelle Kontrollmethoden ersetzt. Lithografie von Jacques Arago (1819) © Jacques Arago/University of Auckland
Rituelle Menschenopfer spielten eine wichtige Rolle beim Aufbau hierarchischer Gesellschaften. Denn sie trugen entscheidend dazu bei, dass die sozialen Eliten ihre Macht über die unteren sozialen Schichten festigen und weiter ausbauen konnten. Das zeigt eine neue in Nature veröffentlichte Studie. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, der Universität Auckland und der Viktoria Universität Wellington untersuchten dabei den Zusammenhang zwischen der Tötung von Menschen und wie ungleich oder hierarchisch eine Gesellschaft strukturiert war.

Max-Planck-Gesellschaft

„Religion wird traditionell als ein Schlüsselfaktor für Moral und Kooperation in Gesellschaften gesehen, aber unsere Studie zeigt, dass religiöse Rituale noch eine andere, dunkle Rolle bei der Entwicklung moderner Gesellschaften spielten“, sagt Joseph Watts von den Universität Auckland, Hauptautor der Studie.

Das Forschungsteam verwendete computerbasierte Methoden aus der Evolutionsbiologie, um die Daten von 93 historischen Kulturen des sogenannten austronesischen Raums zu analysieren. Menschenopfer waren in den analysierten Gesellschaften weit verbreitet: 40 von ihnen praktizierten in der einen oder anderen Form ritualisierte Tötungen. Der Begriff “austronesisch” bezieht sich auf eine große Sprachfamilie, deren Ursprungsland Taiwan ist und deren Verbreitungsgebiet sich über weite Teile des indischen und Teile des pazifischen Ozeans erstreckt. Austronesische Kulturen bilden eine Art natürliches Labor für interkulturelle Studien, da sie eine riesige Bandbreite an Religionen, Sprachen, Gesellschaftsgrößen und -formen aufweisen und in unterschiedlichsten klimatischen und geografischen Regionen angesiedelt sind.

Opfer waren Menschen mit niedrigem Sozialstatus

Die Methoden der rituellen Tötungen in diesen Kulturen waren vielfältig und teilweise extrem grausam. Anlass für die Tötung konnte zum Beispiel das Begräbnis eines Anführers, die Einweihung eines neuen Bootes oder Hauses oder die Bestrafung für die Verletzung von Traditionen oder Tabus sein. Die Opfer hatten typischerweise einen niedrigen sozialen Status, sie waren beispielsweise Sklaven, während die Initiatoren der Menschenopfer normalerweise zu den gesellschaftlichen Eliten gehörten, wie zum Beispiel Priester oder Häuptlinge.

Für die Studie unterteilten die Wissenschaftler die 93 unterschiedlichen Kulturen in drei Kategorien mit geringer, moderater oder starker soziale Schichtung. Dabei zeigte sich, dass die Kulturen mit den am stärksten ausgeprägten Hierarchien am ehesten Menschenopfer praktizierten(67 Prozent). Bei den Kulturen mit moderater sozialer Schichtung lag der Anteil bei 37 Prozent und bei den am wenigsten hierarchisch gegliederten Gesellschaften war dieser Anteil mit 25 Prozent am geringsten.

„Die Machthaber benutzten Menschenopfer dazu, Tabubrüche zu bestrafen, die Angehörigen der unteren sozialen Schichten zu entmutigen und ihnen Angst einzuflößen. Dadurch waren sie in der Lage, soziale Kontrolle aufzubauen und zu verstärken“, sagt Joseph Watts.

Russell Gray, Direktor der Abteilung Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Co-Autor der Studie, erläutert: „Menschenopfer boten ein besonders effektives Mittel der sozialen Kontrolle, da sie eine übernatürliche Rechtfertigung für die Bestrafung lieferten. Herrscher, wie Priester und Häuptlinge, galten oft als Gesandte der Götter, und die rituelle Tötung eines Menschen war die ultimative Demonstration ihrer Macht.“

Tötungsrituale verfestigten Hierarchien

Ein besonderes Merkmal der Studie ist, dass das Team durch die Anwendung computerbasierter evolutionärer Methoden rekonstruieren konnte, wie sich in der Geschichte des pazifischen Raums das Ritual des Menschenopfers und die sozialen Unterschiede innerhalb der jeweiligen Gesellschaft verändert haben. Auf diese Weise konnten die Wissenschaftler untersuchen, ob die Praxis der Menschenopfer eine Folge der Hierarchien oder der Auslöser für weitere Veränderungen in der sozialen Schichtung der Gesellschaften war.

Laut Quentin Atkinson von der Universität Auckland, einem weiteren Co-Autor der Studie, waren Menschenopfer ein wesentlicher Faktor für die Etablierung sozialer Differenzen: „Wie unsere Ergebnisse zeigen, führten solche Tötungsrituale dazu, dass Gesellschaften mit hoher Wahrscheinlichkeit eine starke Hierarchie entwickelten und eher nicht zu einer egalitären Gesellschaftsform zurückkehrten.“

Theodor Lessing: „Alle Geschichte ist Lüge“

„Der Mensch ist mehr als sein Zahn“, sagt einer der Kritiker des historischen Anspruchs der Evolutionsbiologen. (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
Im 2014 gegründeten Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte hocken keine Historiker zwischen Bücherregalen, sondern Genetiker im Labor. Mit Hilfe der Evolutionsbiologie soll Geschichte neu geschrieben werden. Klassischen Historikern gefällt das gar nicht – das wurde bei einer Tagung in Darmstadt deutlich.

Von Ludger Fittkau|Deutschlandradio Kultur

Die Historiker fühlen sich von Genetikern und Evolutionsbiologen herausgefordert. Denn seit zwei Jahren gibt es in Jena das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Dort leitet Wolfgang Haak eine Forschungsgruppe mit dem Namen „Molekulare Anthropologie“. Haak erläuterte diesen Forschungsansatz auf dem Darmstädter Podium den skeptischen Geschichtswissenschaftlern am Beispiel von Genanalysen, die sein Team aus Jahrtausende alten menschlichen Überresten gewann. Es geht um Ähnlichkeiten und Unterschiede im Erbgut der Jäger und Sammler gegenüber den ersten Ackerbauern:

„Es hat sich da herausgestellt basierend auf den genetischen Analysen, dass die Jäger und Sammler sich ganz deutlich von den Früh-Bauern unterscheiden in ihrer genetischen Zusammensetzung. Die Jäger und Sammler haben eine genetische Komponente, die ist sehr homogen, egal wo wir schauen in Europa. Die spanischen Jäger und Sammler sehen so aus wie die südskandinavischen. Eine Probe, die wir aus Luxemburg hatten, sieht sehr ähnlich aus wie die aus Russland.“

„Der Mensch ist mehr als sein Zahn“

Die Früh-Bauern wiederum hätten teilweise andere Gene, lauten die Laborergebnisse der Jenaer Evolutions-Biologen. Nur: Was sagt uns das konkret über die Ereignisse dieser historischen Epoche oder gar die Entwicklung der gesamten Menschheitsgeschichte? Die Historiker auf dem Darmstädter Podium warnten vor biologischen Determinismus.Jörg Feuchter, Mittelalter-Historiker der Berliner Humboldt-Uni:

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Gendertheorie: Pseudowissenschaft und ihre Konsequenzen

Bild: FB
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Beim Humanistischen Pressedienst(hpd) konnte man vor einigen Tagen einen Artikel über Kreationismus lesen. Geschrieben von Prof. Dr. Ulrich Kutschera. Der Inhalt des Artikel, grob skizziert, die deutsche Anti-Darwin-Bewegung und der mit ihr geistesverwandte Genderismus.
Als Begründung für die Zensur schreibt Kutschera auf der Webseite der evolutionsbiologen.de:

[…] haben sich Humanisten, die der Genderismus-Ideologie nahestehen beschwert, und diesen Beitrag als nicht der hpd-Linie entsprechend kritisiert. Die Redaktion hat sich daraufhin entschlossen, die Publikation des kontroversen Artikels rückgängig zu machen […].

Hier nun der Artikel im originalen Wortlaut:

STANFORD, CA, USA (hpd). Vor zwei Monaten (Freitag, 13. Februar 2015) fand auf dem AAAS Annual Meeting in San Jose, Kalifornien (USA) ein Symposium zum Thema „Creationism in Europe“ statt. Hierbei wurde neben der deutschen Anti-Darwin-Bewegung auch der damit geistesverwandte Genderismus thematisiert.

Die 1848 gegründete „American Association for the Advancement of Science (AAAS)“ veranstaltet ein jährliches, internationales Wissenschaftlertreffen (Annual Meeting), das jeweils in einer größeren Stadt durchgeführt wird und bis zu 2000 Redner umfasst. Bereits 2007 wurde auf dem AAAS Annual Meeting in San Francisco, CA, das Thema „Is Anti-Evolutionism spreading in Europe?“ diskutiert, wobei mir damals die Aufgabe übertragen worden war, über die deutsche Anti-Evo-Bewegung zu referieren. In einer anschließenden Pressekonferenz wurden die „Invited Speakers“ gebeten, Vorschläge zur Eindämmung der wissenschaftsfeindlichen Kreationisten-Propaganda zu unterbreiten. Meine Anregung, den Begriff „Darwinismus“ durch „Evolutionsbiologie“ zu ersetzen, wurde positiv aufgenommen und in einem 2008-Science-Artikel vertiefend begründet.

Im „Weismann-Jahr 2014“ wurde von den Organisatoren des AAAS Annual Meeting 2015 ein Symposium zum Thema „Creationism in Europe“ durchgeführt, bei dem auch das mit dem deutschen Arbeitskreis (AK) Evolutionsbiologie kooperierende US National Center for Science Education (Oakland, CA) beteiligt war. Die von zahlreichen Journalisten besuchte Vortragsveranstaltung führte zu einer lebhaften Diskussion, wobei die Information, dass die evangelikale Studiengemeinschaft Wort und Wissen (Sg. W+W), über ihr Mitglied Prof. Siegfried Scherer, die universitäre Webpage der TU München benutzt, um die pseudowissenschaftliche „Grundtypen-Biologie“ zu bewerben, mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. In einem am 7. April von der US-Journalistin Nala Rogers (Science Communication Program, UC Santa Cruz, CA) publizierten Interview mit dem Titel „Ulrich Kutschera, evolutionary biologist“ sind u. a. Details zur kreationistischen Unterwanderung des deutschen Biologieunterrichts dargelegt.

In der nur informell geführten Diskussion zum „Genderismus in Europa“ wurde klar, dass diese fundamentalistische Anti-Darwin-Ideologie dieselben Wurzeln hat wie der wörtlich verstandene biblische Schöpfungsglaube (Kreationismus). Genderisten glauben, dass das „soziale Geschlecht“ des Menschen, d. h. die Maskulinität und Femininität (Mann- bzw. Frau-Sein) unabhängig vom biologischen Geschlecht (XY- bzw. XX-Chromosomensatz, Testosteron- bzw. Östrogen-Pegel usw.) zum Ausdruck kommt, und als „gesellschaftliches Konstrukt“ interpretiert werden kann. Eine faktenbasierte, naturwissenschaftliche Analyse dieses destruktiven, quasi-religiösen Glaubens steht derzeit noch aus, aber eine Schlussfolgerung kann definitiv gezogen werden: „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Biologie“.

Die Diskussion in San Jose, CA, führte zum folgenden Konsens: Evolutionsbiologen sollten den Genderismus, eine universitäre Pseudowissenschaft, die den deutschen Steuerzahler jährlich viele Millionen Euro kostet, mit demselben Ernst analysieren und sachlich widerlegen, wie den damit geistesverwandten Kreationismus.

Religionsanthologie: Massaker gehören gewiss zum religiösen Leben

auge-gottes

Jack Miles, der eine viel beachtete Biografie Gottes geschrieben hat, gibt nun die „Norton Anthology of World Religions“ heraus. Im Gespräch erklärt er, warum Religionen immer noch wichtig sind.


Von Hannes Stein|DIE WELT

1996 erschien auf Deutsch „Gott, eine Biografie“ von Jack Miles. Dieses Buch, in dem der Gott der hebräischen Bibel so beschrieben wurde, als sei er eine Romanfigur, trug Jack Miles den Pulitzer-Preis ein. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und galt als Sensation. Dieser Tage erschien in Amerika die „Norton Anthology of World Religions“ – zwei klobige Bände, in denen einige der wichtigsten Texte von drei östlichen und drei monotheistischen Religionen versammelt sind: Buddhismus, Hinduismus, Taoismus; Judentum, Christentum und Islam. Miles, 72, lehrt Religion an der University of California in Irvine. Hannes Stein hat mit ihm gesprochen.

Die Welt: Wie würden Sie einem eingefleischten Atheisten vom Schlage eines Richard Dawkins oder Christopher Hitchens die Lektüre Ihrer Religionsanthologie schmackhaft machen?

Jack Miles: Zunächst möchte ich gern zwischen Richard Dawkins und Christopher Hitchens unterscheiden. Wissen Sie, was Dawkins´ Lieblingsmusikstück ist? „Mache dich, mein Herze, rein, ich will Jesus selbst begraben“ aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Er hat einmal gesagt, dass er gegen Religion als bloßes Brauchtum keine Einwände hat, die unüberwindlich wären. Er feiert Weihnachten, er findet nichts Schlimmes an Weihnachtsliedern. Einem Atheisten, der so offen ist, würde ich sagen, dass in der „Norton Anthology“ Religion als Praxis betont wird, nicht Religion als Glaubenssystem. Es geht um Rituale, die mit Spielen verwandt sind. Religion steht oder fällt gewiss nicht mit einer bestimmten Kosmologie. Der interessanteste Berührungspunkt zwischen Religion und Wissenschaft ist im Moment die Evolutionsbiologie: Religion ist eine spezifisch menschliche Verhaltensweise – zumindest in dieser entwickelten Form ist sie bei einem Tier ohne unsere Intelligenz nicht bekannt. Atheisten bekennen sich meistens deshalb zu ihrer Glaubenslosigkeit, weil sie auf der Seite der Wahrheit und der Fakten stehen wollen. Fiktionen sollen in ihrem Leben keinen Raum haben. Solche Leute möchte ich immer fragen: Lesen Sie nie einen Roman? Gehen Sie nie ins Kino?

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Brauchen wir eine neue Evolutionstheorie?

Die Schöpfung
Die Schöpfung
Seit Charles Darwin hat sich in der Evolutionsbiologie und in den angrenzenden Fachgebieten viel getan. Ist die Evolutionstheorie damit inzwischen veraltet? Ein Pro und Contra.


Spektrum.de

Ja, unbedingt!

Ohne Ausweitung der Evolutionstheorie vernachlässigen wir wichtige Prozesse, meinen Kevin Laland und seine Kollegen.

Schon Charles Darwin sprach von Evolution durch natürliche Selektion – ohne überhaupt von der Existenz der Gene zu wissen. Die heute gängige Evolutionstheorie fokussiert fast ausschließlich auf genetische Vererbung und Prozesse, welche die Häufigkeit der Gene beeinflussen.

Diese begrenzte Sichtweise wird aber zunehmend von neuen Erkenntnissen aus benachbarten Forschungsgebieten geschwächt. So kristallisiert sich langsam ein anderes Bild der Evolution heraus, bei dem auch Wachstums- und Entwicklungsprozesse der Organismen als Ursachen der Evolution auftreten.

Vor sechs Jahren trafen sich einige von uns zum ersten Mal und diskutierten über neue Ansätze. Inzwischen befassen wir uns als interdisziplinäres Team sehr intensiv mit einem weiter gefassten Rahmenwerk, genannt „Erweiterte Synthese in der Evolutionstheorie“ (extended evolutionary synthesis [1], EES). Hierfür wollen wir Struktur, Prämissen und Vorhersagen erarbeiten. In der EES sollen wichtige Evolutions-Driver, die nicht auf Gene zurückzuführen sind, in das dichte Geflecht der Evolutionstheorie integriert werden.

Damit wird die EES ganz neues Licht auf die Evolution werfen. Wir glauben, Organismen bilden sich während der Entwicklung erst langsam heraus und sind nicht einfach durch ihre Gene vorprogrammiert. Lebewesen entwickeln sich nicht dergestalt, dass sie in eine vorgefertigte Umgebung passen. Vielmehr entwickeln sie sich zusammen mit ihrer Umgebung, in einem Prozess, der auch die Struktur ganzer Ökosysteme beeinflussen kann.

Wir stehen für eine Revision der Evolutionsbiologie, damit sie von den Erkenntnissen aller Disziplinen profitieren kann

Inzwischen fordern immer mehr Biologen, das Konzept der Evolutionstheorie anzupassen. Rückenwind hierfür kommt aus den Nachbardisziplinen, vor allem der Entwicklungsbiologie, aber auch der Genetik, der Epigenetik, der Ökologie und den Sozialwissenschaften [1,2]. Wir stehen für eine Revision der Evolutionsbiologie, damit sie uneingeschränkt von den Erkenntnissen dieser Bereiche profitieren kann. Und immer mehr Forschungsergebnisse untermauern unsere Position.

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Sex sells: Vorträge zur Evolutionsbiologie

Professorin Jutta Schneider sprach im vollbesetzten Fredrik-Paulsen-Hörsaal. Foto: Tebke Böschen/Uni Kiel
Am Freitag, den 14. November, richtete die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) im fünften Jahr den Darwintag aus. Thema war dieses Mal die Evolution von Sex und sexuellen Konflikten. Organisator Professor Hinrich Schulenburg zeigte sich sehr zufrieden: „Bereits vor sechs Wochen war der Darwintag komplett ausgebucht. Rund 1.200 Schülerinnen und Schüler aus ganz Schleswig-Holstein sowie Studierende der Kieler Universität nahmen teil. Das ist fantastisch!“

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Im Eröffnungsvortrag berichtete Professorin Jutta Schneider (Universität Hamburg) von tödlichen „Liebesspielen“ bei Spinnen. Bei einigen Spinnenarten werden die Männchen während der Verpaarung von den Weibchen getötet und aufgefressen; die Fachfrau spricht von sexuellem Kannibalismus. Dieses Opfer der Männchen ist aber nicht notwendigerweise umsonst, denn die Männchen können sich hierbei die Vaterschaft bei den Nachkommen des Weibchens sichern.

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Unerwartetes evolutionäres Phänomen bei Grippeviren

foto: c. s. goldsmith and a. balish, cdc Bei Influenza-Viren (im Bild H1N1-Viren) ist konvergente Evolution offenbar keine Seltenheit, wie eine aktuelle Studie zeigt.
Studie liefert Hinweis auf Potenzial von „Big Data“ in der Evolutionsbiologie

derStandard.at

Grippe-Viren sind einem ständigen Wandel unterworfen, damit sie nicht vom menschlichen Immunsystem eliminiert werden. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass unterschiedliche Viren-Linien offenbar ähnliche Richtungen einschlagen, auch wenn sie nicht direkt miteinander in Verbindung stehen. Das Phänomen der konvergenten Evolution war bei Viren bisher nur selten beobachtet worden.

Influenza– oder Grippe-Viren stehen ständig unter großem Druck, sich zu verändern – in der Evolution spricht man von hohem Selektionsdruck. Die Wandelbarkeit des Virus ist auch dafür verantwortlich, dass Ärzte empfehlen, sich alljährlich gegen Influenza impfen zu lassen.

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Viele Geburten können das Überleben einer Religion sichern

Evolutionsbiologe: Es gibt aber keine unfehlbare Strategie gegen das Aussterben – Wie sollen Protestanten damit umgehen, dass ihre Mitgliederzahl schrumpft?

kath.net

Das Überleben einer Religion hängt auch davon ab, ob ihre Anhänger überdurchschnittlich viele Kinder bekommen. Diese Meinung vertrat der Evolutionsbiologe Prof. Thomas Junker (Tübingen) auf dem Zukunftsforum der EKD am 16. Mai in Essen. Er sprach zum Thema „,Survival of the fittest’ – Was die Theologie von der Evolutionsbiologie lernen kann“.

Nach seinen Worten sterben religiöse Gemeinschaften aus, wenn die Zahl der Zugänge auf Dauer geringer ist als die Verluste durch Tod oder Austritte und wenn die Gläubigen ihre Ideen nicht mehr an die nächste Generation weitergeben. Statistiken zeigten, dass dies auf die evangelische Kirche in Deutschland zutreffe. Das könne zu einem Aussterben führen. Allerdings empfahl Junker der evangelischen Kirche, auf diesen Rückgang nicht hektisch zu reagieren: „Alle heute existierenden religiösen Gemeinschaften sind ja Erfolgsmodelle. Sonst gäbe es sie nicht mehr.“ Wenn die Kirche sich zu schnell ändere, könne sie auch die Dinge verlieren, die gut gewesen seien.

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Affenähnliche Roboter: Bitte nicht mit Bananen füttern!

„Charlie“ zeigt bei einem Balance-Akt auf einer Wippe, wie er elegant schaukelnde Bewegungen abfangen und ausgleichen kann. Dieses und viele andere Kunsttücke präsentiert der affenähnliche Roboter ab dem 10. März 2014 Besuchern der CeBIT in Hannover. Deutsche Tüftler haben Charlie im Rahmen des Projekts iStruct (intelligent Structures for Mobile Robots) erschaffen. Er ist der erste Roboter, der über eine bewegliche Wirbelsäule und sensible Füße verfügt. Das ermöglicht ihm eine vergleichsweise geschmeidige Fortbewegung auf allen Vieren, er kann sich aber auch aufrichten, um seine vorderen Extremitäten zu benutzen. Nach weiterer technischer „Evolution“ könnten sich die Nachfahren von Charlie in unebenem Gelände souverän bewegen – beispielsweise bei der Erkundung von Mondkratern auf der Suche nach Wassereis, sagen die Entwickler.

Bild der Wissenschaft

Welche Vorteile eine flexible Wirbelsäule und mit Sensoren ausgestattete Füße bieten, sehen CeBIT-Besucher auf den ersten Blick. Auf der schaukelnden Wippe, beim Gang auf vier Beinen und beim Aufrichten wird deutlich: Die Forscher vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und der Universität Bremen haben erfolgreich biologisch inspirierte Bewegungsmuster in Robotik-Know-how umgesetzt. Mensch und Schimpanse dienten dabei als Vorbild. So lässt sich neben der vierbeinigen Fortbewegung ein Aspekt für die Robotik nutzen, der unsere Spezies so erfolgreich gemacht hat: die freien Hände.

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Warnung vor einer möglichen ökologischen Katastrophe in Nicaragua

Blick auf den Nicaraguasee. Foto: Axel Meyer
Blick auf den Nicaraguasee.
Foto: Axel Meyer
Konstanzer Wissenschaftler warnt vor chinesischem Megakanalprojekt in Nicaragua

IDW

In einem am 20. Februar 2014 in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten Kommentar warnt der Konstanzer Wissenschaftler Prof. Axel Meyer vor den Konsequenzen eines Großbauprojekts in Nicaragua. Axel Meyer, Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz, hat gemeinsam mit Dr. Jorge A. Huete-Pérez, Präsident der nicaraguanischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Zentrums für Molekularbiologie der Universidad Centroamericana, Nicaragua, einen Kommentar zu einem in Nicaragua geplanten Bauvorhaben veröffentlicht.

Noch in diesem Jahr soll dort mit dem Bau eines transozeanischen Kanals begonnen werden, der den Pazifik mit dem Atlantischen Ozean verbinden wird. In ihrer Stellungnahme legen die Biologen die Auswirkungen und Risiken des geplanten Megakanals offen und fordern eindringlich eine unabhängige internationale Machbarkeitsstudie, die geologische Untersuchungen durchführt, ökologische Risiken wie soziale Auswirkungen berücksichtigt und alternative Routen evaluiert.

Im Juni vergangenen Jahres hat das Parlament in Nicaragua per Gesetz der „Hong Kong Nicaragua Canal Development Investment Co.“ (HKND) für bis zu hundert Jahre die Konzession für den Bau und Betrieb des Kanals übertragen. „Eine vom chinesischen Hauptinvestor beauftragte Firma soll innerhalb weniger Monate bis Mai 2014 einen Bericht zur Machbarkeit vorlegen, aber ernsthaft und unabhängig ausgeführte Studien über ein solches Großprojekt dauern mehrere Jahre und ziehen verschiedene ökologische und ökonomische Alternativen in Betracht“, erläutern Meyer und Huete-Pérez und betonen, dass insofern auch weiterhin keine seriöse und unabhängige Begutachtung des Bauvorhabens vorliege oder geplant sei.

Um in Konkurrenz mit dem bis 2015 erweiterten Panamakanal bestehen zu können, der bald Schiffe mit bis zu 400.000 Tonnen fassen kann, wird der Nicaraguakanal 286 Kilometer lang und bis zu 520 Meter breit sein. Das Megakanalprojekt wird mindestens 40 Milliarden US-Dollar kosten. Parallel zum Kanal sollen eine Straße, eine Eisenbahnlinie und eine Ölpipeline verlaufen. Die voraussichtliche Route des Kanals wird eine 90 Kilometer lange Schneise durch den Nicaraguasee schlagen, den größten See Mittelamerikas und wichtigsten Süßwasserspeicher in der Region. Für den Bau müssten Regenwälder gerodet, Flüsse umgeleitet und voraussichtlich auch indigene Völker umgesiedelt werden. „Allein für den von der Planung mit am stärksten betroffenen Nicaraguasee sind die möglichen Folgen eines solchen Megaprojekts als desaströs einzustufen: Verlandung und Versalzung würden ein fließendes Süßwasser-Ökosystem in ein künstliches Stauwasserreservoir mit Salzwasser verwandeln“, warnt Axel Meyer und betont, dass dadurch nicht nur die einzigartige Fischwelt bedroht wird, sondern durch die Bau- und Sicherungsmaßnahmen verheerende Umweltschäden bis hin zur endgültigen Vernichtung einzelner bedrohter Arten zu befürchten sind.

Axel Meyer ist seit 1997 Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz und forscht seit 30 Jahren in Nicaragua. Er hat unter anderem an Buntbarschen aus Nicaragua bewiesen, dass Artentstehung auch ohne geographische Barrieren stattfinden kann. Für seine Forschung zur parallelen Evolution bei Fischen Nicaraguas wird er auch durch einen ERC Advanced Grant des European Research Council unterstützt.

Hinweis an die Redaktionen:
Fotos können im Folgenden heruntergeladen werden:

http://www.pi.uni-konstanz.de/2014/021-Nicaragua2.jpg

http://www.pi.uni-konstanz.de/2014/021-Nicaragua4.jpg

http://www.pi.uni-konstanz.de/2014/021-Nicaragua5.jpg

Bildunterschrift: Blick auf den Nicaraguasee.
Fotos: Axel Meyer

Originalveröffentlichung:
Meyer, A., Huete-Pérez, J. A.: Nicaragua Canal could wreak environmental ruin. Nature, 2014, Vol. 506, 287-289.

Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: 07531 / 88-3603
E-Mail: kum@uni-konstanz.de

http://www.uni-konstanz.de

Prof. Axel Meyer, Ph.D.
Universität Konstanz
Fachbereich Biologie
Telefon: 07531 / 88-4163
E-Mail: Axel.Meyer@uni-konstanz.de

http://www.evolutionsbiologie.uni-konstanz.de

Ausrede-Mechanismen: “Früher war die Zukunft auch besser”

Bild. R.Leinfelder
Das Verständnis des Anthropozäns wäre viel zu kurz gegriffen, wenn wir diesen Term – wie es derzeit häufig geschieht – nur als neuen Sammelbegriff für alle menschengemachten Umweltkrisen dieser Welt sowie ihrer Wechselwirkungen untereinander verstehen würden. Immer noch nicht hinreichend, wenn auch dringend notwendig für eine Charakterisierung des Begriffs Anthropozän ist die Hinzunahme von historischen Analysen, um zu erklären wie es überhaupt zu einer Anthropozän-Zeit kommen konnte.

Von Prof.Dr. R. Leinfelder – DER ANTHROPOZÄNIKER

Erfreulicherweise wird dies derzeit kräftig von Historikern sowie Kultur- und Sozialwissenschaftlern aufgegriffen und untersucht. Tatsächlich ist das Lernen aus der Vergangenheit gerade für das Anthropozän von überaus großer Bedeutung. Es geht um nichts weniger als das Verständnis der Wechselwirkungen von Mensch und Natur, der Abhängigkeit der Etablierung unserer Gesellschaftsformen von  „Kulturrevolutionen“, wie der neolithischen oder der industriellen Revolution, die aber ihrerseits wiederum von den sehr stabilen holozänen Umweltbedingungen sowie der verbesserten technologischen Erschließbarkeit von Naturressourcen abhängig sind. Auch das Konzept der Shifting Baselines, welche zunehmend die Kenntnis von urnatürlichen Vorgegebenheiten zunichte macht oder die Analyse der wachstumswert-basierten großen Beschleunigung sowohl innerhalb der Soziosphären als auch – damit korreliert –  der Natursphären sind wichtige Forschungsbereiche für das Anthropozän. Das bessere Verständnis von Komplexitäten, Wechselwirkungen, Wahrscheinlichkeiten und unterschiedlichen raumzeitlichen Skalierungen, also ein fundiertes systemisches Verständnis, erscheinen unabdingbar, um die Zukunft zu meistern zu können. „Alles hängt mit allem zusammen und umgekehrt“ ist ein Spruch aus den Anfängen des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WBGU, der die wissenschaftlichen Herausforderungen durchaus zutreffend beschreibt (Abb. 1).

Credit: http://activism101.ning.com/profiles/blogs/stunning-charts-on-the-rise-of-manufacturing-complexity

Damit sind wir aber bei der Frage der Zukunft. Das Anthropozän als erdgeschichtliche Epoche gestalten zu können, nicht als kurzen erdgeschichtlichen Event vorübergehen lassen, dazu sollte ja die Anthropozän-Metapher besonders anregen, also dürfen wir auch vor Zukunftsbetrachtungen nicht zurückschrecken, genau dies ist der vielleicht wichtigste Teil des Anthropozän-Ansatzes. Der Mensch ist – überwiegend unreflektiert – zum Erdsystemfaktor geworden, warum sollte er nicht wissensbasiert, reflektiert, nachsteuernd, Wissenslücken ernst nehmend, also differenziert, aber eben doch „proaktiv“ die Zukunft „wissensgärtnerisch“ gestalten können, gerade um nachfolgenden Generationen auch weiterhin vergleichbare Entwicklungschancen und Selbstbestimmungsmöglichkeit auf diesem Planeten zu ermöglichen?

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Gibt es Gott? – Und etwas Kreationismus – katholisch wohlwollend

der_die_das_gottReligion schadet – dem Einzelnen und der Gesellschaft, denn sie macht den Menschen aggressiv und gewalttätig. Diese These vertreten seit einigen Jahren die so genannten „Neuen Atheisten“ um Richard Dawkins, Daniel Dennett oder Michael Schmidt-Salomon. Sie argumentieren überwiegend empirisch-naturwissenschaftlich, warum es Gott aus ihrer Sicht nicht gibt. Allerdings findet sich unter Philosophen auch eine Gegenströmung, die der Frage nachgeht, ob sich die Existenz Gottes beweisen lässt.

Von Burkhard Schäferskatholisch.de

Der Glaube an Gott ist Jahrtausende alt. Der endgültige Beweis, dass dieser Gott existiert, ist bisher niemandem gelungen. Ebenso wenig allerdings das Gegenteil, obwohl manche Wissenschaftler genau das versuchen. Autoren um Richard Dawkins fordern, die Gesellschaft solle sich offen mit religiösen Vorstellungen auseinander setzen – und dabei aktuelle Erkenntnisse der Naturwissenschaft und der Philosophie berücksichtigen. Diesen „Neuen Atheisten“ bläst Gegenwind aus unterschiedlichen Richtungen ins Gesicht.

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Suche nach dem Beweis für Gott

Expansion des Universums und Entwicklungsstadien als Modell (Bild: NASA / WMAP Science Team, Public Domain)
Expansion des Universums und Entwicklungsstadien als Modell (Bild: NASA / WMAP Science Team, Public Domain)

Neue Atheisten wie Richard Dawkins argumentieren empirisch-naturwissenschaftlich, warum es Gott nicht gibt. Unter Philosophen gibt es aber auch eine Gegenströmung. Sie untersucht, ob sich die Existenz Gottes beweisen lässt – ohne religiöse Vorannahmen.

Deutschlandfunk – Burkhard Schäfers

Gibt es einen Gott? Diese Frage lässt den Menschen nicht los. Immer wieder versuchen Wissenschaftler, die Existenz Gottes zu belegen, ohne sich auf religiöse Erfahrungen oder die Heiligen Schriften zu beziehen. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich in den vergangenen 25 Jahren die These vom sogenannten „Intelligent Design“: Es setzt einen intelligenten Urheber allen Lebens voraus und widerspricht damit der Evolutionsbiologie nach Darwin. Theologisch gesehen sei der Ansatz minimalistisch, sagt Armin Kreiner, Fundamentaltheologe an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität:

„Deshalb versteht sich Intelligent Design als eine wissenschaftliche, biologische Theorie. Intelligent Design setzt weder einen Schöpfer noch Wunder voraus. Es geht also angeblich nicht darum, den biblischen Gott zu beweisen, sondern es geht darum, zu sagen: Da gibt’s etwas, was intelligent ist, was Geist hat.“

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„Gott oder Zufall?“ – Metaphysik für den Nachttisch

Mit „Gott oder Zufall?“ bietet der Biologe Robert James Berry einen Schnellkurs in Wissenschaft und Philosophie zugleich. Gemeinsam mit 25 anderen Autoren führt er die Leser von der Kosmologie bis zur Genetik – und beleuchtet das Verhältnis von Glauben und Wissen.

Von Dirk LorenzenDeutschlandradio Kultur

Sind wir Menschen ein Zufallsprodukt der Evolution – oder liegt hinter der Entstehung von Leben ein göttlicher Plan? Macht eine Weltformel, die das ganze Universum beschreibt, einen Schöpfer überflüssig? Sind Bewusstsein und Seele allein eine Folge chemischer Reaktionen im Hirn – oder gibt es etwas jenseits der Synapsen und Botenstoffe?

Das Buch „Gott oder Zufall?“ führt seine Leser durch Kosmologie, Physik, Geowissenschaften, Evolutionsbiologie bis zu Medizin und Genetik und beleuchtet das Verhältnis von wissenschaftlicher Erkenntnis und christlichem Glauben. Robert James Berry, Biologe am University College London, hat gemeinsam mit 25 anderen Wissenschaftlern ein kurzweiliges und sehr informatives Buch geschrieben.

Es ist ein Schnellkurs zugleich in Wissenschaft und Philosophie. Die Autoren stellen zunächst den aktuellen Stand ihrer Forschungsgebiete vor – dann legen sie dar, wo auf metaphysischer Ebene die Konfliktpunkte liegen. Einst wähnten die Menschen in jedem Blitz ein göttliches Zeichen. Doch auch die moderne Wissenschaft lässt – sofern man denn Zugang zum Glauben hat – viel mehr zu als allein den „Lückenbüßergott“, der für das herhalten muss, was sich (noch) nicht erklären lässt.

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Evolutionsbiologie und die dunklen Seiten von Open Access

Bild:orf.at
Mit dem Internet haben sich die Möglichkeiten des wissenschaftlichen Publizierens verändert. Open Access soll Veröffentlichungen billiger und transparenter machen. Doch es gibt auch immer mehr Scharlatane, die Forscher und Forscherinnen damit täuschen und ausbeuten wollen.

SCIENCE ORF.at

Executive Director wider Willen

„Wow, das gibt’s ja nicht“, meinte Ralf Sommer am Telefon, als er zum ersten Mal gesehen hat, dass er einer von vier „Executive Directors“ sein soll, die die Konferenz „Entomology-2013“ leiten. Anfang September wollen sich Insektenkundler aus der ganzen Welt auf der Konferenz in Orlando im US-Bundesstaat Florida treffen.

Als Sommer vor vielen Monaten per Mail von den Organisatoren gefragt wurde, ob auch er daran teilnehmen möchte, hat er zugesagt. „Als Vortragender“, betont der Direktor der Abteilung für Evolutionsbiologie am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Dass er als „Executive Director“ auf der Homepage der Veranstaltung steht, hat er erst durch science.ORF.at erfahren. „Dem habe ich niemals zugestimmt.“

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300 unveröffentlichte Darwin-Briefe gehen online

Darwin_letterWas hat Charles Darwin seinem besten Freund geschrieben? Das wollen britische Forscher des Darwin-Projekts bald öffentlich machen. Sie haben angekündigt, dass sie 1.200 Briefe des Forschers online stellen wollen, darunter 300 bisher unveröffentlichte.

Deutschlandradio Kultur

Darin tauscht sich Darwin mit seinem besten Freund, dem Botaniker Joseph Dalton Hooker, aus, der auch an Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ mitgearbeitet hatte. – Bezogen auf den gesamten Briefverkehr Darwins macht die Korrespondenz zu Hooker zehn Prozent aus. Der Brite Charles Darwin lebte von 1809 bis 1882 und legte die Grundlage für die Evolutionsbiologie.(Bild: Natural Selections)

Mehr die Veröffentlichung seiner Briefe erfahren Sie auf der Seite des Darwin-Projekts