Karlheinz Deschner: Unsere tägliche Illusion gib uns heute!

Karlheinz Deschner 2006 in dem Filmporträt von Peter Kleinert und Marianne Tralau
Quelle: KAOS Film- und Video-Team

Am Sonntag nach Pfingsten feierte die evangelische und katholische Christenheit den Tag der Heiligen Dreifaltigkeit („Trinitatis“). Auf diesen Termin hat uns eine Mitarbeiterin des am 8. April nach langer Krankheit im Alter von 89 Jahren verstorbenen Kirchenkritikers Karlheinz Deschner hingewiesen (1). Sie schickte uns dazu diesen zu „Trinitatis“ passenden satirischen Text, den Deschner am 13. Juni 1993 anlässlich der Verleihung des von Walter Steinmetz gestifteten Alternativen Büchnerpreises an ihn vortragen ließ. Man findet ihn in dem 2013 erschienenen spannenden Beiheft zum 2013 bei Rowohlt erschienenen 10. Band seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“. Er ist einer der zentralen Texte des Autors, die nicht die kriminelle Geschichte der Kirche beleuchten, sondern deren zutiefst fragwürdige Glaubens-Grundlagen.Die Redaktion NRhZ

Es war einmal ein alter Herr. Der lebte, mit vielen, vielen Jahren auf dem Buckel, lange ganz allein. Er lebt, schwer vorstellbar, doch finden wir uns damit ab, schon ewig, ohne Anfang, ohne Ende, im Vollgefühl der Allmacht, seines Wissens, seiner Güte.
Doch plötzlich hat er, gottweißwarum, das dauernde Alleinsein satt, die wenn auch noch so souveräne Solitüde, das Dolcefarniente tagaus, tagein, das ja auch unsereinem nicht bekommt. Ja, nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen. Oder wie Georg Büchner den Leonce sagen läßt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Offenbar mußte sich die Omnipotcnz endlich betätigen, bestätigen. Brauchen doch auch wir immer wieder ein kleines Erfolgserlebnis. Und er hatte es nie!
Und seine grenzenlose Güte? Wohin damit? Und wollte er nicht auch verehrt, ein wenig angebetet sein, verherrlicht? War nicht, wer weiß, ein bißchen Eitelkeit im Spiel? Ein wenig Rachsucht gar, ein Zorn, hochheilig, sicher, der freilich einmal raus, der einfach sich entfalten, entladen mußte? Wie seine grenzenlose Güte? Beides zusammen, liebevoller Vater und Folterknecht in perpetueller Kooperation ?
Aber Hölle und Himmel beweisen es. Beide gleich vis-à-vis, damit man von diesem – Herrgott, wofür ist man Engel!, wofür singt man Halleluja! – ganz bequem in jene gucken und sich in all dem Teufelselend gehörig auch ergötzen kann, durch alle Ewigkeit, wie höchste Kirchenleuchten lehren. Alles schwer vorstellbar für unsern schwachen menschlichen Verstand. Aber es ist so. Die nackte Realität, Kurz und gut, so haut er eines Tages auf die Pauke, – haut — warum erst jetzt? Warum nicht früher schon? Nicht später? Warum, warum! In seiner Weisheit wußte er warum, ja, jetzt, jetzt wollte er, nach langer Lethargie ein ungeheurer Tatendrang, und haut, in schöpferischer Schaffenslust, das Universum kühn heraus; ob gleich komplett, ob erst im Ei, ob mit großem Knall, ob ohne, das alles, gott, ist eitles Klügeln, Spintisieren, vage Wissenschaft von Menschenköpfen, heute so und morgen so. Was zählt, sind Fakten. Und Faktum ist: alles war bestens geraten. Authentisch bezeugt. Und bloß Fieslinge, Mieslinge, zehnmal scheiterhaufenreife Kerle, denen nichts wunderbar, nichts heilig ist, selbst das Heiligste nicht, können da leugnen. Denn war der alte Herr allmächtig, konnte er alles. War er allgütig, wurde auch alles gut – ein sonnenklarer Fall.

Warum lässt ER die Hölle auf Erden zu

Armin Kreiner beim Vortrag im Neuen Museum. Bild: Gommeringer

In seinem Drama „Dantons Tod“ lässt Georg Büchner Thomas Payne folgende Worte sagen:

…Das leise Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten.(3.Akt, 1. Szene)

„Der Glaube an Gott in einer Welt voller Übel und Leid“ lautete das Thema, über das Armin Kreiner beim Ökumenischen Gesprächsforum im Neuen Museum des Schlosses Salem sprach.

Von Hugo GommeringerSüdkurier

Am Anfang seines Vortrags erklärte Kreiner die klassische Theodizee-Frage: „Warum lässt Gott das Leiden zu, wenn er allmächtig und gütig ist?“ Der Referent erinnerte an Georg Büchner, dem zufolge die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes „der Fels des Atheismus“ ist. Kreiner wies neben Epikur und Leibniz auch auf den in der Gegenwart berühmten Atheisten Richard Dawkins und seine Lehre hin.

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Theodizee: Das Leid in der Welt – eine radikale Anfrage an den Glauben

Aufführung im Deutschen Theater 1981, Bild. wikipedia

Th. Payne, Dantons Tod:

…Das böse Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten.(3.Akt, 1.Szene)

kathweb

Georg Büchner bezeichnete sie als „Fels des Atheismus“: die Frage, die der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) in den Terminus „Theodizee“ gegossen hat und die bis heute die Theologie unablässig herausfordert. Es ist die Frage nach der Rechtfertigung des Glaubens an Gott angesichts des Übermaßes an Leid in der Welt. Ein allmächtiger Gott hätte per definitionem die Macht, Leid zu verhindern; ein gütiger Gott würde Leid verhindern wollen. Da es aber unaussprechliches Leid gibt, scheint kein allmächtiger und gütiger Gott zu existieren – so lautet eine populäre Zuspitzung jener Dilemma-Situation, in der sich die Theologie bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Gott und Leiden befindet. Wie antwortet sie darauf?

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