„Der Islam ist nicht mehr Weltreligion, sondern Sekte“

Bild: HUFFPO Religion
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Der Islam hat seine Seele verloren, ist in Eindimensionalität und Gewalt gefangen. Er könnte sich mit Demokratie und Humanismus versöhnen – wenn die Muslime wollten, so Schriftsteller Zafer Senocak.

Von Andrea Seibel | DIE WELT

Die Welt:

Die Türkei ist in diesen Tagen sinnbildlich rot. Sie besteht aus einem Meer von roten Fahnen. Rot ist die Farbe der Liebe, aber auch des Blutes. Was wogt da?

Zafer Senocak: Die Türkei ist in Aufruhr. Täglich sterben dort Menschen oder verlieren ihre Lebensgrundlage. Ob durch Terror, einen brutalen Putschversuch, staatliche Willkür, das dürfte den Betroffenen egal sein. Wird ein solches Land gut regiert? Diese Frage müssten wir uns stellen. Rot ist die Farbe des Patriotismus in der Türkei. Doch was bedeutet die Liebe zum Vaterland? Ich frage mich, ob diese ganze Märtyrerrhetorik nicht ein Mittel der Machthaber ist, um sich aus der politischen Verantwortung zu stehlen.

Die Welt: Auch in Deutschland gingen besonders die jungen Türken der dritten Generation auf die Straßen. Was uns befremdete, weil wir es wie eine Illoyalität empfanden. Wieso?

Senocak: In Deutschland leben über eine Million türkische Staatsbürger. Es ist nicht verwunderlich, dass sie sich für die Belange ihres Heimatlandes interessieren und sich dort politisch engagieren. Eine unserer Lebenslügen ist, dass alle Türken in Deutschland zu Deutschen geworden sind, dem ist nicht so. Das trifft sicher auf eine Hälfte der Türken zu, aber eben nicht für alle. Es gibt eine türkische Diaspora in Europa. Das ist eine Tatsache.

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Wie könnte ein moderner Humanismus aussehen?

Humanismus statt Religion: Dieses Plakat wurde bei einer Demonstration anlässlich des Papstbesuchs von Benedikt XVI. in Deutschland im September 2011 gezeigt. (imago/Steinach)
Frieder Otto Wolf, der Präsident des Humanistischen Vereins Deutschlands, umreißt im Interview den Humanismus im 21. Jahrhundert. Körper und Geist dagegen stehen im Zentrum der Ausstellung „Embodiments“ in Berlin, in der acht verschiedene Künstler gezeigt werden – zwei der Themen in der Sendung.

Moderation: Simone Rosa Miller | Deutschlandradio Kultur

Altgriechisch und Latein im Unterricht, Klavier und Geige in der Freizeit, vielleicht noch ein bisschen Pomade im Haar: So stellen wir uns den jungen Humanisten vor. Aber führen Homer und Hölderlin im Schulranzen automatisch zu mehr Menschlichkeit?

Wie kann ein praktischer Humanismus im 21. Jahrhundert aussehen?
In welchem Verhältnis steht er zu Gott und den Religionen?
Und wie geht er mit den dunklen Kapiteln seiner eigenen Tradition um?

Aus humanistischer Perspektive also führen wir unsere Reihe Gott und die Philosophie fort. Rede und Antwort steht uns dabei der Philosoph und Präsident des Humanistischen Vereins Deutschlands Frieder Otto Wolf.

Audio

Was hat Philosophie mit Gott zu tun?

Die evangelisch-lutherische Kirche St. Jakobi in der Lübecker Altstadt (imago / Ilva Vadone)
Wir starten eine kleine Gesprächsreihe zum Verhältnis von Philosophie und Gott. Es geht etwa um den Humanismus, der radikal mit der Theologie brechen will, und um philosophische Traditionen der „rationalen Theologie“.

Moderation: Katharina Borchardt | Deutschlandradio Kultur

Die Philosophie, der Glaube und Gott – so heißt unsere neue Gesprächsreihe in Sein und Streit. Als ersten Gast befragen wir Frank Griffel. Er ist Historiker und Islamwissenschaftler und erläutert, warum der Islam keine Aufklärung erlebt hat und warum er diese auch gar nicht gebraucht hat.

Außerdem in der Sendung:

Kleine Leute, große Fragen: Gibt es unsterbliche Wesen? Das fragte Andi Hörmann in dieser Woche junge Philosophen.

In den vergangenen Wochen stand Wikileaks wieder verstärkt auf dem Plan: Die Plattform veröffentlichte knapp 300.000 E-Mails der türkischen Regierungspartei AKP und rund 20.000 interne Mails der Demokraten in den USA.

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Der religionsfeindliche Hochstapler – and your whiney assed opinion would be?

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Der Westen feiert die atheistischen Blogger Bangladeschs. Dass es unter ihnen auch menschenfeindliche Hohlköpfe gibt, wird gerne ausgelassen. Ein Abend mit Asif Mohiuddin

Von Timo Al-Farooq | derFreitag Community

„Soviel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln, das ist im höheren Sinn des Wortes Leben.“ So heißt es bei Wilhelm von Humboldt, doch die Universität, die seinen Namen und den seines Bruders trägt, war am 14. Dezember letzten Jahres ein Ort, an dem ein Mensch mit sehr wenig Welt in sich hemmungslos seinen mittelscharfen Senf über diese ihm fremde Welt dazugeben durfte: Die Rede ist vom mittlerweile im deutschen Exil lebenden Asif Mohiuddin, einem sogenannten „säkularen“ bzw. „atheistischen Blogger“, wie sie in Bangladesch seit geraumer Zeit von einigen religiösen Extremisten angefeindet und getötet werden, weil ihnen deren online-publizierten Schriften über den Islam und seiner Rolle in Staat und Gesellschaft Bangladeschs säuerlich aufstoßen. Mohiuddin wurde wegen seiner Blogeinträge Opfer einer Messerattacke, wurde von der säkularen Regierung Bangladeschs wegen „Blasphemie“ angeklagt, im Gefängnis nach eigenen Angaben gefoltert, und floh schließlich nach Europa. Der Sensationalismus dieser traurig anmutenden Kurzvita war für die Amnesty Hochschulgruppe der HU und „Säkularer Humanismus an Berliner Hochschulen“, der studentischen Lobbygruppe der „Giordano Bruno Stiftung, einer Organisation, die mit Leib und Seele dem „evolutionären Humanismus“ verschrieben ist, verständlicherweise Grund genug, ihn zu einem Vortrag zum Thema Meinungsfreiheit in Bangladesch einzuladen. Was dann aber folgte, war weder diskursiv erhellend noch wissenschaftlich bereichernd, sondern eine Lektion in plumpem Populismus, unverhohlener Religionsfeindlichkeit, westlichem Anbiederungsverhalten sowie den geistigen Grenzen des dogmatischen Atheismus und westlichen Menschenrechtsaktivismus. Die erfolgreichsten Hetzer sind die, denen man ihre niederen Absichten weder ansieht noch anhört. Und mithilfe seines unschuldig dreinblickenden, bebrillten Bubengesichts, seines friedlichen Grinsens, seiner sanften Stimme und einer bescheidenen Art, schaffte Mohiuddin es, im Hörsaal 2002 des Hauptgebäudes einer numerisch überschaubaren Frühabendansammlung aus jungen Studierenden und interessierten Einzelpersonen die respektlosen, herabwürdigenden und feindseligen Aussagen seiner etwa einstündigen lausbübisch vorgetragenen Tirade gegen privaten und organiserten Gottesglauben, insbesondere Islam, als legitime Religionskritik zu verkaufen: Das Publikümchen lauschte mit Anteilnahme und Anbiederung den Anekdoten dieses süßholzraspelnde Spalters, dem die Opferstilisierung kraft der Messerattacke auf ihn naturgemäß einfach fiel, und der Gottesglaube mehrfach als „stupid“ bezeichnete und religiöse Menschen für „brainwashed“ hält, als seien sie Zombies aus The Walking Dead.

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Humanismus: Grundbegriffe

„Humanismus“ ist eine kulturelle Bewegung, ein Bildungsprogramm, eine Epoche, eine Tradition, eine Weltanschauung, eine Form von praktischer Philosophie, eine politische Grundhaltung, welche für die Durchsetzung der Menschenrechte und für humanitäre Praxis eintritt.

Humanistischer Verband Deutschlands

Das neue Kompendium erfasst die einfachen und allgemeinen Begriffe in ihrem Zusammenhang und stellt den Nutzen für die Erkenntnis gegenwärtiger Probleme in Medizin, Ethik, Ökonomie, Recht und Politik dar. Der Band enthält einen systematischen Teil und einen Teil mit den Grundbegriffen. Die verschiedenen Richtungen und Institutionen der humanistischen Bewegung in Geschichte und Gegenwart werden im Umriss sichtbar gemacht und die neuen Felder und Aufgaben gezeigt, die der Humanismus-Forschung durch die Entwicklung der modernen Medizin, der Menschenrechtspolitik und der Geschlechterstudien, der digitalen Revolution und der Globalisierung entstanden sind. Das humanistische Erbe aus Antike, Renaissance und Aufklärung wird kritisch mit diesen neuen globalen Anforderungen vermittelt.

Humanismus: Grundbegriffe versammelt neben einem knappen systematischen Teil vor allem kurze und prägnante Artikel zu insgesamt 38 Grundbegriffen: Von Arbeit, Aufklärung, Feier/Fest, Glück über Humanitäre Praxis, Liebe, Menschenrechte/Menschenwürde bis zu Religionskritik, Seelsorge, Wahrheit und Zweifel. Der Band resümiert einschlägige wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahre und stellt eine solide Grundlage nicht nur für weitere Forschungen, sondern auch für den praktischen Humanismus dar.

Für Getränke und einen kleinen Imbiss ist gesorgt. Um Anmeldung wird gebeten: info@humanistische-akademie-berlin.de

7. Juni 2016 – 17:0020:00

Buchvorstellung mit den Herausgebern Prof. Dr. Dr. h.c. Hubert Cancik, Dr. phil. habil. Horst Groschopp und Prof. Dr. phil. habil. Frieder Otto Wolf.

Witwer von Paris-Anschlag-Opfer: „Ich wähle lieber die Freiheit als den Hass“

Antoine Leiris, 35, ist freiberuflicher Journalist in Paris. Sein Buch „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, ist im Verlag Blanvalet erschienen, umfasst 114 Seiten und ist als E-Book erhältlich ab 14. April, ab 9. Mai als gedruckte Ausgabe © Lizzie Sadin
Antoine Leiris’ Frau wurde im November bei den Anschlägen in Paris erschossen. Er reagierte mit einem offenen Brief, der um die Welt ging. Ein Gespräch über Trauer und die Weigerung, Terror zu hassen.

Interview: Andrea Ritter | stern.de

Monsieur Leiris, in Brüssel ist es den Terroristen wieder gelungen zuzuschlagen, wieder ist unsere Angst ein Stück größer geworden.

Ich kann jeden Menschen verstehen, der Angst hat. Das ist ein individuelles Gefühl. Jeder geht anders damit um. Der eine zieht sich zurück, der andere reagiert mit Offenheit. Meine Haltung ist, dass ich mich nicht einschüchtern lassen will. Ich verteidige meine Freiheit, meine Werte.

Während der Anschläge von Paris im vergangenen November wurde Ihre Frau Hélène im Musikclub Bataclan erschossen. Sie reagierten darauf mit einem offenen Brief an die Terroristen: „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Sie schrieben, dass Sie Hass und Wut nicht zulassen werden, dass Sie Ihre Freiheit niemals der Sicherheit opfern. Ihr Brief ging um die Welt – und Sie gelten seitdem als Symbol des Widerstandes gegen den Terror. Ist Ihnen diese Rolle recht?

Ich kann gut damit leben, ein Symbol zu sein. Denn das heißt ja, dass es nicht um mich als Person geht, sondern um meine Worte. Ich bin ja kein Widerstandskämpfer. Ich bin jemand, der versucht, klarzukommen. Wenn jemand wie ich, der vom Terror aufs Härteste getroffen wurde, sagt, ich wähle den Weg der Kultur, des Intellekts; ich wähle Freiheit und Sensibilität, Humanismus, nicht Hass und Rohheit – das ist dann ein Symbol, glaube ich.

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Muss man als Humanist auch Pazifist sein?

Friede

Ich war längere Zeit Mitglied in einer Friedensorganisation. Vor kurzem bin ich ausgetreten. Nein, nicht deshalb, weil ich weniger am Frieden interessiert sei, sondern viel eher aufgrund der Vorgehensweise der pazifistischen Bewegung.

Von Dennis Riehle | Richard Dawkins-Foundation

Denn nicht erst seit Margot Käßmann diskutiert Deutschland darüber, wie weit Friedenspolitik gehen kann und darf. Auf einer Isomatte mit den Taliban, das verstörte doch zahlreiche Bürger. Und auch, als sich die Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum nun in ähnlicher Weise zum Umgang mit den Terroristen des „Islamischen Staates“ äußerte.

Für mich persönlich war es aber nicht Käßmann mit ihren doch eigenwilligen Vorstellungen, die mich daran zweifeln ließ, ob der uneingeschränkte und bedingungslose Pazifismus tatsächlich so realisierbar ist, wie es sich manche Visionäre vorstellen. In der Organisation, der ich angehörte, war das Thema der Waffenexporte zum zentralen Aspekt vieler Kampagnen geworden. Dass Aktionen dabei mit nicht weniger kriegerischen Symbolen betrieben wurden als das Verhalten derjenigen war, gegen die man protestierte, war letztlich unerheblich. Hauptsache Provokation, Antimilitarismus ohne Wenn und Aber. Es waren wieder die Extreme, die man heute an so vielen Stellen als die Geheimrezepte verkaufen will. Und doch sind sie schlussendlich nicht nur populistisch, sondern vor allem kaum praxistauglich. Denn sie schaffen wiederum neue Feindbilder – eigentlich das, was überhaupt nicht im Sinne derer sein darf, die sich für einen nachhaltigen Frieden einsetzen wollen.

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Bis aufs Mark zerstrittene Weltanschauungen

coexist

Nach dem Ende des Kalten Krieges sahen viele eine multipolare Weltordnung anbrechen, mit starken supranationalen Entitäten wie der EU, den G8, den G20, den Vereinten Nationen. Das Gegeneinander zweier bis aufs Mark zerstrittener Weltanschauungen war überwunden – nur um heute wiederzukehren.

Von Alexander Görlach|katholisch.de

Wir sind abermals in einer Ära der Konfrontation zwischen zwei Blöcken. Die westliche Welt, ihr Liberalismus, ihr Humanismus, ihr Christentum werden herausgefordert, angefeindet und bekämpft von einer Macht, die für sich das Ideal eines Gottesstaates zum Leitbild gemacht hat: der islamistische Fundamentalismus. Überall in der islamischen Welt sind militante kriegerische Gruppen entstanden, die Minderheiten verfolgen (Christen, Juden, Jesiden, Homosexuelle, Frauen) und töten. Ihr Hass und ihre Gewalt machen auch nicht Halt vor den eigenen Glaubensgeschwistern, die eine moderatere Auslegung des Islam favorisieren.

Der Politikwissenschaftler Samuel Huntington beschrieb dieses eschatologische Aufeinandertreffen von westlicher und islamischer Welt schon in seinem Bestseller „Der Kampf der Kulturen“ als das Harmagedon des 21. Jahrhunderts. Dem Islam attestierte der Autor, blutige Ränder zu haben: überall, wo er auf Christen und andere Religionen und Weltanschauungen stoße, käme es zum Kampf. Seit 1996, nachdem Huntingtons Buch herauskam, nach dem 11. September 2001, nach den Auseinandersetzungen um die Muhammad-Karikaturen im Jahr 2004 und nun auch wieder im Zuge der Flüchtlinge, die aus der islamischen Welt nach Europa kommen, wird dieser kosmische Kampf wieder heraufbeschworen. Wir wissen, wie der Konflikt zwischen der kommunistischen und der freien Welt immer wieder zu Eskalationen führte und die Menschheit für Jahrzehnte in Stockstarre vor dem atomaren Gau versetzte.

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Humanismus: «Der Mensch ist die Krone der Schöpfung»

Im Mittelmeer: «Als EU produzieren wir jede Woche so viele Opfer wie der Eiserne Vorhang während des gesamten Kalten Krieges.» (12. April 2015) (Bild: OPIELOK OFFSHORE CARRIERS / EPA)
Flüchtlinge, Terror, Krieg. Wie ist die Welt noch zu retten? Mit einer radikalen Rückbesinnung auf den Humanismus, mit Kapitalismus und mit Schönheit, sagt der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch im Interview.

Von Martin Helg|Neue Zürcher Zeitung

NZZ am Sonntag: Herr Ruch, am Rand der Aufführung Ihres Theaterstücks «2099» haben Sie diesen Sommer angekündigt, im Dortmunder Zoo das Jaguar-Baby «Raja» zu erschiessen. Wollten Sie das wirklich tun?

Philipp Ruch: Es gab dann doch Wichtigeres aufzuführen. Wir wollten nur verdeutlichen, dass das Tier sechs Monate lang in den Medien stand in einer Zeit, als man sich als Syrer gewünscht hätte, auch nur einen Zehntel dieser Aufmerksamkeit für die syrische Apokalypse zu bekommen. Wir sollten einen neuen Zehnten einführen: eine Aufmerksamkeitssteuer für politische Verbrechen und humanitäre Notlagen.

«Statt die Flüchtlinge auf Todesrouten zu zwingen, könnten wir ihnen gestatten, ein Flugticket zu kaufen.»

Wie erklären Sie sich dieses Missverhältnis?

Medien folgen der Youtube-Logik «Katzen gehen immer». Im belagerten Sarajevo zur Zeit des bosnischen Völkermords war eines der ersten Opfer ein durch einen Kopfschuss getötetes Kind. Weder das Kind noch die darauffolgenden 120 000 Opfer konnten nur annähernd den Pressesturm entfachen, den ein erschossener Gorilla im Zoo von Sarajevo auslöste. Menschen kann man als Scharfschütze problemlos erschiessen. Aber bei Tieren hört der Spass auf.

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Bayerische Humanisten verhelfen bedrohtem Blogger zur Flucht nach Deutschland

Leben auf der Todesliste: Ein säkularer Blogger aus Bangladesch lebt seit kurzem in Nürnberg.

Von Marco Schrage|diesseits.de

Tanmoy K. ist Freidenker, Atheist und Humanist. Weil er über seine Überzeugungen bloggt, bedrohen religiöse Extremisten ihn in seiner Heimat Bangladesch mit dem Tod. Mit Hilfe des Humanistischen Verbandes Bayern gelangen ihm und seiner Frau nun rechtzeitig die Ausreise nach Deutschland.

„Auf dem Papier ist Bangladesch ein säkularer Staat“, sagt Tanmoy K., „doch in der Realität zählt das wenig.“ Gerade in Chittagong, der großen Hafenstadt, in der K. zuletzt als Ingenieur arbeitete, wimmelt es vor religiösen Fundamentalisten. Und die nahmen K. bald ins Visier. Warum? Seit 2009 schrieb der 31-Jährige regelmäßig auf seinem Blog über Wissenschaft und Technik, Humanismus, Demokratie und ein säkulares Gemeinwesen. Er schrieb über islamisches Bankwesen, das für ihn nur ein Etikettenschwindel ist, er trat ein für die Gleichberechtigung von Frauen und das Ende religiöser und ethnischer Diskriminierung.

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Die Religion zivilisieren

Foto: AFP Eine Muslima auf einer Solidaritäts-Demo für die Opfer von islamistischem Terror in Mailand am 22. November.
Gegen Fanatismus hilft nur Humanismus als neue Leitkultur.

Von Julian Nida-Rümelin|DER TAGESSPIEGEL

Der Zusammenhang, der von manchen Konservativen und Rechtsnationalen zwischen Flüchtlingsströmen und Terrorgefahr in Europa konstruiert wird, entbehrt bisher der sachlichen Grundlage. Die Terroristen des 13. November in Paris kamen aus Belgien oder aus Paris. Terroristen bezahlen keine Schlepper, die sie über das Mittelmeer oder die Balkanroute nach Westeuropa bringen. Und dennoch gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Terrorgefahr und Flüchtlingsströmen in Europa: Ihre gemeinsamen Ursachen liegen in der Auflösung staatlicher Strukturen und der Eskalation religiös motivierter Konflikte im Nahen Osten und in Nordafrika.

Zur Auflösung staatlicher Strukturen hat die westliche Interventionspolitik und ihre erratische Bündnisstrategie jahrzehntelang einen fatalen Beitrag geleistet. Diese Politik folgte den Paradigmen der Sicherung von Einflusszonen, ökonomischen Interessen und der Verteidigung der Menschenrechte in einem schwer durchschaubaren Amalgam. Sie war aber blind gegenüber den kulturellen Bedingungen der Region. Die Strategen in Washington und in den europäischen Hauptstädten haben es versäumt, diese komplexe Materie, wie sie etwa von Peter Scholl-Latour meisterhaft beschrieben wurde, in ihre Analysen einzubeziehen. Die Dominanz fundamentalistisch begründeter, islamistischer Politik nach dem Sturz der Diktatoren kam für den Westen offenkundig überraschend.

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Liberalismus ist Humanismus

Bild. The European/Gemeinfrei
Der Liberalismus ist die einzige politische Philosophie, die den individuellen Bedürfnissen des Menschen entspricht. Der Liberalismus will die freie Entfaltung des Menschen: Liberalismus ist daher auch Humanismus.


Von Hasso Mansfeld|The European

Die heute so selbstverständlichen Errungenschaften der Aufklärung sind vor allem Errungenschaften des Liberalismus. Das liberale Bürgertum hat die Willkürherrschaft des Absolutismus überwunden und so die Grundlagen einer modernen, freien Gesellschaft gelegt. Die rigorose Trennung von Kirche und Staat, die Entwicklung eines für jeden zugänglichen Bildungssystems, und die Durchsetzung eines gesunden Egoismus, der es dem Menschen erst erlaubt, frei von Gängelung, selbstbewusst „Ich“ zu sagen, wurden von Liberalen erkämpft. Der Verfassungsstaat und die freie Marktwirtschaft sind Ergebnisse liberalen Denkens und Handelns.

Der Liberalismus vertraut dem Individuum

Liberalismus ist konkret, nicht abstrakt. Seine Grundsätze erschließen sich jedem. Ausgehend von der Kant’schen Erkenntniskritik, die es verbietet, moralisch Bindendes aus Transzendentalem oder aus Tradition abzuleiten, macht Liberalismus den einzelnen Menschen zum Maß aller Dinge: „Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

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Meuchelmord an Humanismus und Aufklärung

Eines der Opfer – zwar erstochen, aber schon vorher dem Tode nah. Foto: Pete CC-BY-3.0
Der französische Autor und Profi-Provokateur Michel Houellebecq meinte in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» dass der Humanismus und die Aufklärung tot seien. Im Angesicht von Islamismus und Nationalismus, die immer bestimmender werden, keine absurde Idee. Nur, wer ist der Mörder?


Von Patrick Etschmayer|news.ch

Die Mordopfer wurden gemeuchelt und sie liegen mit mehreren Messerstichen im Rücken auf dem Boden. Die Frage ist – wer war der Täter? Waren es die jubelnden Islamisten, die dort drüben gerade darüber streiten, ob sie von ihnen entführte Christen enthaupten oder verbrennen sollen? Oder waren es die besorgten national gesinnten Bürger dort hinten, von denen sich einige nach dem Marsch zum Schutz des Abendlandes vor dem Islamismus mit Brandsätzen zu einem Flüchtlingsheim aufmachen? Oder sind es jene populistischen Politiker, welche, obwohl selbst mit fetten Bankkontos ausgestattet, das Übel für alles immer ennet der Grenze verorten, egal in welchem Land sie auch sein mögen und dies von jedem erreichbaren Podest, Balkon oder von jeder Bühne in die Welt hinaus krakeelen? Oder sind es gar jene ultra-konservativen, klandestinen und tief-katholischen Vereinigungen, welche die Wiedererrichtung von Monarchien anstreben?

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Buschkowsky: „Islamismus auf dem Vormarsch“

In Neukölln tragen immer mehr Muslime traditionelle, verhüllende Kleidung, findet Buschkowsky Foto: Garry Knight / flickr | CC BY 2.0
Für den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ist Integration kein politisches Abstraktum, sondern tägliche Arbeit. Dass sich der traditionelle Islam immer mehr Anhänger erfreut und integrative Arbeit somit herausfordernder wird, erklärt er in einem Gespräch mit dem Magazin Stern.


pro Medienmagazin

Der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ sei „sowas von falsch“, findet Buschkowsky. „Wenn der Satz einen Beitrag zur Entstehung der Werteordnung in unserem Land testieren soll, dann ist er Blödsinn. Der Beitrag des Islam zu Reformation, Aufklärung und zum Humanismus ist mir nicht präsent, sorry“, sagt er am Donnerstag im Stern.

Allein in Nord-Neukölln lebten 75 Prozent der Kinder von Hartz IV, erklärt der scheidende Bezirksbürgermeister. Einwandererkinder hätten meist von Hause aus nicht die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben. Das liege unter anderem an den Eltern, am Umfeld und an tradierten Familienriten. „Bildungsferne wirkt da wie eine Seuche.“ Gute Jobaussichten seien nahezu nicht vorhanden.

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Schweiz: «Auch hier gab es einen Clash der Religionen»

Hat die Schweiz und Zürich geprägt: Reformator Huldrych Zwingli, hier auf einem Gemälde von Hans Asper um 1531. Foto: PD
Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger und Botschafter Tim Guldimann äussern sich zu den Lehren, die sich aus 500 Jahren Reformation für die Gegenwart ziehen lassen.

Mit Moritz Leuenberger und Tim Guldimann sprach Res Strehle|Tages Anzeiger

Jubiläen sind in der Regel langweilig – warum sollte ausgerechnet das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation in Zürich interessant werden?
Moritz Leuenberger: Ein Jubiläum ist nur dann langweilig, wenn es sich nostalgisch zurücklehnt. Jedes Jubiläum kann aber auch benutzt werden, um über die Gegenwart und Zukunft nachzudenken.

Dann denken wir über den ­Protestantismus nach. Zürich ­verdankt ihm viel.
Tim Guldimann: Für die Schweiz bedeuten diese Aktivitäten zur Erinnerung an die Reformation, die Möglichkeit in Erinnerung zu rufen, dass die beiden Reformatoren Zwingli und Calvin bei der Entwicklung der Schweiz eine wichtige Rolle gespielt haben. Das in Deutschland einzubringen, hat den Zweck, zu zeigen, dass über Zwingli der Gedanke des Humanismus in die Reformation Eingang gefunden hat. Das äussert sich auch in einem anderen Verhältnis der Reformation zur Bürgerschaft als in Deutschland. Bei Calvin auch in der Tatsache, dass die Reformation durch ihn zu einer globalen Bewegung über den deutschen Sprachraum hinaus wurde, insbesondere nach Nordamerika.

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Hässlich-schöne Natur: Bibel des Grauens

Caspar Henderson: Wahre Monster Ein unglaubliches Bestiarium Matthes & Seitz; 349 Seiten; 38,00 Euro
Caspar Henderson:
Wahre Monster
Ein unglaubliches Bestiarium
Matthes & Seitz;
349 Seiten; 38,00 Euro
Spinnen, Reptilien und auch Viren sind Wunderwerke der Natur. Caspar Henderson widmet ihnen einen prächtig illustrierten Band: „Wahre Monster“, die aussehen wie mittelalterliche Dämonenfratzen.

Von Hilmar SchmundtSpON

An einem sonnigen Sommernachmittag saß der britische Journalist Caspar Henderson mit seiner Frau in einem Park. Er las das Buch „Einhorn, Sphinx und Salamander“ des argentinischen Autors Jorge Luis Borges. Darüber schlief er ein und träumte: So ein Buch will ich auch schreiben!

Vier Jahren ist das her, nun erscheint sein Werk auf Deutsch – und tatsächlich: Es ist gelungen. Auch wenn er fast das Gegenteil seines Vorbildes gemacht hat. Während Borges in seinem „Buch der imaginären Wesen“ 1957 Ausgeburten der Fantasie besingt, darunter doppelköpfige Schlangen, Engel und Dämonen, beschränkt sich Henderson strikt auf Fakten. In alphabetischer Reihenfolge schreibt er über Tiere wie Axolotl, Yetikrabbe oder Zebrabärbling. Doch die Fakten muten oft fantastischer an als jede Fiktion. „Wahre Monster“ ist ein Kompendium des Staunens, eine literarische Wunderkammer der Biologie.

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Antisemitismus und Islamfeindlichkeit: Ein Vergleich von auferlegten Gruppenidentitäten

Muslimische Frauen: Oft Ziel von anti-islamischen Ressentiments und Angriffen © by Garry Knight auf Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet islamiQ
Können einige der sprachlichen Mechanismen, die dem stereotypischen Porträt des „Kollektiven Juden“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsprachen, in den Stereotypen des „Muslims“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts gefunden werden? Dieser und weiteren Fragen geht Cora Alexa Døving nach.

Von Cora Alexa Døving—IslamiQ

Existieren Ähnlichkeiten zwischen stereotypischen Porträts von Minderheiten, ungeachtet des sozialen und historischen Kontextes? Können einige der sprachlichen Mechanismen, die dem stereotypischen Porträt des „Kollektiven Juden“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsprachen, in den Stereotypen des „Muslims“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts gefunden werden? Ist es insgesamt relevant, den Antisemitismus mit anderen Formen der Intoleranz, Diskriminierung und des Rassismus im Einklang zu betrachten? Diese Fragen bilden einen Teil der vergleichenden Analyse der antisemitischen Texte vom Anfang des 20. Jahrhunderts und antiislamischen Debatten, die heute in Norwegen geführt werden.

Während sich dieser Artikel gegen eine grundlegende Analogie zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit (und ebenso gegen eine Analogie zwischen der strukturellen Position der Juden im neunzehnten Jahrhundert und Muslimen heute) stellt, argumentiert er für die Bedeutung einer vergleichenden semantischen Analyse der negativen Stereotypen des „Muslims“ und des „Juden.“

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»Posthumanismus:« Jenseits des Menschen

HumanismDem Humanismus wurde schon oft das Totenglöckchen geläutet. Heute aber, in einer Welt, in der Klonschafe und Onko-Mäuse leben, Drohnen unbemannt ihr Ziel finden, Maschinen immer intelligenter werden und der Mensch, mit allerlei Prothesen bestückt, vom «Neuro-Enhancing» träumt, wirkt die alte Vorstellung eines privilegierten, von Tier und Technik klar abzugrenzenden Vernunftwesens «Mensch» wie aus der Zeit gefallen.

Von Andrea RoedigNeue Zürcher Zeitung

Der Humanismus sei eine epistemologisch, politisch und ethisch nicht mehr haltbare Position, er habe sich überlebt und werde auch als runderneuerter Neohumanismus (etwa einer Martha Nussbaum) nicht glücken, meint jedenfalls die an der Universität Utrecht lehrende Philosophin Rosi Braidotti.

Ein «vitalistischer Materialismus»

Ihr Buch «Posthumanismus. Leben jenseits des Menschen» ist eine Programmschrift. Braidotti versucht darin, ein eigenes Konzept «posthumaner Subjektivität» plausibel zu machen, theoretisch zu fundieren und gegen andere Positionen abzugrenzen. Die Argumente gegen den Humanismus, die sie vorbringt, sind aus der postmodernen, der feministischen und der Theorietradition der «Postcolonial Studies» der letzten Jahrzehnte sattsam bekannt: Er sei selbstherrlich, euro- und anthropozentrisch, ein Herrschaftsdiskurs weisser, westlicher Männlichkeit, der eine begrenzte, beschränkte Perspektive für eine universelle ausgebe.

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Revolution des Glaubens

Peter Marshall Die Reformation in Europa Aus dem Englischen von Ulrich Bossier Verlag: Reclam, Stuttgart 2014 ISBN: 9783150108666 19,95 €
Im Oktober 1517 begehrt in Wittenberg ein bislang unbekannter Augustinermönch gegen die Missstände in der römischen Kirche auf. Die Gedanken, die der aufmüpfige Theologe in 95 Thesen zusammenfasst, sind hochbrisant – und der katholischen Kirche ein Dorn im Auge.

Von Theodor KisselSpektrum.de

Nicht durch seine guten Werke, sondern nur durch den Glauben (sola fide) und die göttliche Gnade (sola gratia) erlange ein Christ das Seelenheil, predigt Martin Luther. Jeder Gläubige solle selbst in der Bibel lesen, um zu Gott zu finden.

Luther fordert die Menschen damit auf, in Glaubensfragen ausschließlich ihrem eigenen Gewissen zu folgen und nicht mehr klerikalen Dogmen. Revolutionär daran ist der Gedanke, dass Gläubige auch ohne Unterstützung eines geweihten Priesters mit Gott in Verbindung treten können. Damit verliert der katholische Klerus sein Monopol auf Vermittlung und Deutung der Religion – und der Papst seine Autorität als alleiniges geistliches Oberhaupt des Westens.

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