Schlagwort-Archive: Humanismus

Witwer von Paris-Anschlag-Opfer: „Ich wähle lieber die Freiheit als den Hass“

Antoine Leiris, 35, ist freiberuflicher Journalist in Paris. Sein Buch „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, ist im Verlag Blanvalet erschienen, umfasst 114 Seiten und ist als E-Book erhältlich ab 14. April, ab 9. Mai als gedruckte Ausgabe © Lizzie Sadin
Antoine Leiris’ Frau wurde im November bei den Anschlägen in Paris erschossen. Er reagierte mit einem offenen Brief, der um die Welt ging. Ein Gespräch über Trauer und die Weigerung, Terror zu hassen.

Interview: Andrea Ritter | stern.de

Monsieur Leiris, in Brüssel ist es den Terroristen wieder gelungen zuzuschlagen, wieder ist unsere Angst ein Stück größer geworden.

Ich kann jeden Menschen verstehen, der Angst hat. Das ist ein individuelles Gefühl. Jeder geht anders damit um. Der eine zieht sich zurück, der andere reagiert mit Offenheit. Meine Haltung ist, dass ich mich nicht einschüchtern lassen will. Ich verteidige meine Freiheit, meine Werte.

Während der Anschläge von Paris im vergangenen November wurde Ihre Frau Hélène im Musikclub Bataclan erschossen. Sie reagierten darauf mit einem offenen Brief an die Terroristen: „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Sie schrieben, dass Sie Hass und Wut nicht zulassen werden, dass Sie Ihre Freiheit niemals der Sicherheit opfern. Ihr Brief ging um die Welt – und Sie gelten seitdem als Symbol des Widerstandes gegen den Terror. Ist Ihnen diese Rolle recht?

Ich kann gut damit leben, ein Symbol zu sein. Denn das heißt ja, dass es nicht um mich als Person geht, sondern um meine Worte. Ich bin ja kein Widerstandskämpfer. Ich bin jemand, der versucht, klarzukommen. Wenn jemand wie ich, der vom Terror aufs Härteste getroffen wurde, sagt, ich wähle den Weg der Kultur, des Intellekts; ich wähle Freiheit und Sensibilität, Humanismus, nicht Hass und Rohheit – das ist dann ein Symbol, glaube ich.

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Muss man als Humanist auch Pazifist sein?

Friede

Ich war längere Zeit Mitglied in einer Friedensorganisation. Vor kurzem bin ich ausgetreten. Nein, nicht deshalb, weil ich weniger am Frieden interessiert sei, sondern viel eher aufgrund der Vorgehensweise der pazifistischen Bewegung.

Von Dennis Riehle | Richard Dawkins-Foundation

Denn nicht erst seit Margot Käßmann diskutiert Deutschland darüber, wie weit Friedenspolitik gehen kann und darf. Auf einer Isomatte mit den Taliban, das verstörte doch zahlreiche Bürger. Und auch, als sich die Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum nun in ähnlicher Weise zum Umgang mit den Terroristen des „Islamischen Staates“ äußerte.

Für mich persönlich war es aber nicht Käßmann mit ihren doch eigenwilligen Vorstellungen, die mich daran zweifeln ließ, ob der uneingeschränkte und bedingungslose Pazifismus tatsächlich so realisierbar ist, wie es sich manche Visionäre vorstellen. In der Organisation, der ich angehörte, war das Thema der Waffenexporte zum zentralen Aspekt vieler Kampagnen geworden. Dass Aktionen dabei mit nicht weniger kriegerischen Symbolen betrieben wurden als das Verhalten derjenigen war, gegen die man protestierte, war letztlich unerheblich. Hauptsache Provokation, Antimilitarismus ohne Wenn und Aber. Es waren wieder die Extreme, die man heute an so vielen Stellen als die Geheimrezepte verkaufen will. Und doch sind sie schlussendlich nicht nur populistisch, sondern vor allem kaum praxistauglich. Denn sie schaffen wiederum neue Feindbilder – eigentlich das, was überhaupt nicht im Sinne derer sein darf, die sich für einen nachhaltigen Frieden einsetzen wollen.

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Bis aufs Mark zerstrittene Weltanschauungen

coexist

Nach dem Ende des Kalten Krieges sahen viele eine multipolare Weltordnung anbrechen, mit starken supranationalen Entitäten wie der EU, den G8, den G20, den Vereinten Nationen. Das Gegeneinander zweier bis aufs Mark zerstrittener Weltanschauungen war überwunden – nur um heute wiederzukehren.

Von Alexander Görlach|katholisch.de

Wir sind abermals in einer Ära der Konfrontation zwischen zwei Blöcken. Die westliche Welt, ihr Liberalismus, ihr Humanismus, ihr Christentum werden herausgefordert, angefeindet und bekämpft von einer Macht, die für sich das Ideal eines Gottesstaates zum Leitbild gemacht hat: der islamistische Fundamentalismus. Überall in der islamischen Welt sind militante kriegerische Gruppen entstanden, die Minderheiten verfolgen (Christen, Juden, Jesiden, Homosexuelle, Frauen) und töten. Ihr Hass und ihre Gewalt machen auch nicht Halt vor den eigenen Glaubensgeschwistern, die eine moderatere Auslegung des Islam favorisieren.

Der Politikwissenschaftler Samuel Huntington beschrieb dieses eschatologische Aufeinandertreffen von westlicher und islamischer Welt schon in seinem Bestseller „Der Kampf der Kulturen“ als das Harmagedon des 21. Jahrhunderts. Dem Islam attestierte der Autor, blutige Ränder zu haben: überall, wo er auf Christen und andere Religionen und Weltanschauungen stoße, käme es zum Kampf. Seit 1996, nachdem Huntingtons Buch herauskam, nach dem 11. September 2001, nach den Auseinandersetzungen um die Muhammad-Karikaturen im Jahr 2004 und nun auch wieder im Zuge der Flüchtlinge, die aus der islamischen Welt nach Europa kommen, wird dieser kosmische Kampf wieder heraufbeschworen. Wir wissen, wie der Konflikt zwischen der kommunistischen und der freien Welt immer wieder zu Eskalationen führte und die Menschheit für Jahrzehnte in Stockstarre vor dem atomaren Gau versetzte.

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Humanismus: «Der Mensch ist die Krone der Schöpfung»

Im Mittelmeer: «Als EU produzieren wir jede Woche so viele Opfer wie der Eiserne Vorhang während des gesamten Kalten Krieges.» (12. April 2015) (Bild: OPIELOK OFFSHORE CARRIERS / EPA)
Flüchtlinge, Terror, Krieg. Wie ist die Welt noch zu retten? Mit einer radikalen Rückbesinnung auf den Humanismus, mit Kapitalismus und mit Schönheit, sagt der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch im Interview.

Von Martin Helg|Neue Zürcher Zeitung

NZZ am Sonntag: Herr Ruch, am Rand der Aufführung Ihres Theaterstücks «2099» haben Sie diesen Sommer angekündigt, im Dortmunder Zoo das Jaguar-Baby «Raja» zu erschiessen. Wollten Sie das wirklich tun?

Philipp Ruch: Es gab dann doch Wichtigeres aufzuführen. Wir wollten nur verdeutlichen, dass das Tier sechs Monate lang in den Medien stand in einer Zeit, als man sich als Syrer gewünscht hätte, auch nur einen Zehntel dieser Aufmerksamkeit für die syrische Apokalypse zu bekommen. Wir sollten einen neuen Zehnten einführen: eine Aufmerksamkeitssteuer für politische Verbrechen und humanitäre Notlagen.

«Statt die Flüchtlinge auf Todesrouten zu zwingen, könnten wir ihnen gestatten, ein Flugticket zu kaufen.»

Wie erklären Sie sich dieses Missverhältnis?

Medien folgen der Youtube-Logik «Katzen gehen immer». Im belagerten Sarajevo zur Zeit des bosnischen Völkermords war eines der ersten Opfer ein durch einen Kopfschuss getötetes Kind. Weder das Kind noch die darauffolgenden 120 000 Opfer konnten nur annähernd den Pressesturm entfachen, den ein erschossener Gorilla im Zoo von Sarajevo auslöste. Menschen kann man als Scharfschütze problemlos erschiessen. Aber bei Tieren hört der Spass auf.

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Bayerische Humanisten verhelfen bedrohtem Blogger zur Flucht nach Deutschland

Leben auf der Todesliste: Ein säkularer Blogger aus Bangladesch lebt seit kurzem in Nürnberg.

Von Marco Schrage|diesseits.de

Tanmoy K. ist Freidenker, Atheist und Humanist. Weil er über seine Überzeugungen bloggt, bedrohen religiöse Extremisten ihn in seiner Heimat Bangladesch mit dem Tod. Mit Hilfe des Humanistischen Verbandes Bayern gelangen ihm und seiner Frau nun rechtzeitig die Ausreise nach Deutschland.

„Auf dem Papier ist Bangladesch ein säkularer Staat“, sagt Tanmoy K., „doch in der Realität zählt das wenig.“ Gerade in Chittagong, der großen Hafenstadt, in der K. zuletzt als Ingenieur arbeitete, wimmelt es vor religiösen Fundamentalisten. Und die nahmen K. bald ins Visier. Warum? Seit 2009 schrieb der 31-Jährige regelmäßig auf seinem Blog über Wissenschaft und Technik, Humanismus, Demokratie und ein säkulares Gemeinwesen. Er schrieb über islamisches Bankwesen, das für ihn nur ein Etikettenschwindel ist, er trat ein für die Gleichberechtigung von Frauen und das Ende religiöser und ethnischer Diskriminierung.

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Die Religion zivilisieren

Foto: AFP Eine Muslima auf einer Solidaritäts-Demo für die Opfer von islamistischem Terror in Mailand am 22. November.
Gegen Fanatismus hilft nur Humanismus als neue Leitkultur.

Von Julian Nida-Rümelin|DER TAGESSPIEGEL

Der Zusammenhang, der von manchen Konservativen und Rechtsnationalen zwischen Flüchtlingsströmen und Terrorgefahr in Europa konstruiert wird, entbehrt bisher der sachlichen Grundlage. Die Terroristen des 13. November in Paris kamen aus Belgien oder aus Paris. Terroristen bezahlen keine Schlepper, die sie über das Mittelmeer oder die Balkanroute nach Westeuropa bringen. Und dennoch gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Terrorgefahr und Flüchtlingsströmen in Europa: Ihre gemeinsamen Ursachen liegen in der Auflösung staatlicher Strukturen und der Eskalation religiös motivierter Konflikte im Nahen Osten und in Nordafrika.

Zur Auflösung staatlicher Strukturen hat die westliche Interventionspolitik und ihre erratische Bündnisstrategie jahrzehntelang einen fatalen Beitrag geleistet. Diese Politik folgte den Paradigmen der Sicherung von Einflusszonen, ökonomischen Interessen und der Verteidigung der Menschenrechte in einem schwer durchschaubaren Amalgam. Sie war aber blind gegenüber den kulturellen Bedingungen der Region. Die Strategen in Washington und in den europäischen Hauptstädten haben es versäumt, diese komplexe Materie, wie sie etwa von Peter Scholl-Latour meisterhaft beschrieben wurde, in ihre Analysen einzubeziehen. Die Dominanz fundamentalistisch begründeter, islamistischer Politik nach dem Sturz der Diktatoren kam für den Westen offenkundig überraschend.

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Liberalismus ist Humanismus

Bild. The European/Gemeinfrei
Der Liberalismus ist die einzige politische Philosophie, die den individuellen Bedürfnissen des Menschen entspricht. Der Liberalismus will die freie Entfaltung des Menschen: Liberalismus ist daher auch Humanismus.


Von Hasso Mansfeld|The European

Die heute so selbstverständlichen Errungenschaften der Aufklärung sind vor allem Errungenschaften des Liberalismus. Das liberale Bürgertum hat die Willkürherrschaft des Absolutismus überwunden und so die Grundlagen einer modernen, freien Gesellschaft gelegt. Die rigorose Trennung von Kirche und Staat, die Entwicklung eines für jeden zugänglichen Bildungssystems, und die Durchsetzung eines gesunden Egoismus, der es dem Menschen erst erlaubt, frei von Gängelung, selbstbewusst „Ich“ zu sagen, wurden von Liberalen erkämpft. Der Verfassungsstaat und die freie Marktwirtschaft sind Ergebnisse liberalen Denkens und Handelns.

Der Liberalismus vertraut dem Individuum

Liberalismus ist konkret, nicht abstrakt. Seine Grundsätze erschließen sich jedem. Ausgehend von der Kant’schen Erkenntniskritik, die es verbietet, moralisch Bindendes aus Transzendentalem oder aus Tradition abzuleiten, macht Liberalismus den einzelnen Menschen zum Maß aller Dinge: „Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

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Meuchelmord an Humanismus und Aufklärung

Eines der Opfer – zwar erstochen, aber schon vorher dem Tode nah. Foto: Pete CC-BY-3.0
Der französische Autor und Profi-Provokateur Michel Houellebecq meinte in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» dass der Humanismus und die Aufklärung tot seien. Im Angesicht von Islamismus und Nationalismus, die immer bestimmender werden, keine absurde Idee. Nur, wer ist der Mörder?


Von Patrick Etschmayer|news.ch

Die Mordopfer wurden gemeuchelt und sie liegen mit mehreren Messerstichen im Rücken auf dem Boden. Die Frage ist – wer war der Täter? Waren es die jubelnden Islamisten, die dort drüben gerade darüber streiten, ob sie von ihnen entführte Christen enthaupten oder verbrennen sollen? Oder waren es die besorgten national gesinnten Bürger dort hinten, von denen sich einige nach dem Marsch zum Schutz des Abendlandes vor dem Islamismus mit Brandsätzen zu einem Flüchtlingsheim aufmachen? Oder sind es jene populistischen Politiker, welche, obwohl selbst mit fetten Bankkontos ausgestattet, das Übel für alles immer ennet der Grenze verorten, egal in welchem Land sie auch sein mögen und dies von jedem erreichbaren Podest, Balkon oder von jeder Bühne in die Welt hinaus krakeelen? Oder sind es gar jene ultra-konservativen, klandestinen und tief-katholischen Vereinigungen, welche die Wiedererrichtung von Monarchien anstreben?

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Buschkowsky: „Islamismus auf dem Vormarsch“

In Neukölln tragen immer mehr Muslime traditionelle, verhüllende Kleidung, findet Buschkowsky Foto: Garry Knight / flickr | CC BY 2.0
Für den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ist Integration kein politisches Abstraktum, sondern tägliche Arbeit. Dass sich der traditionelle Islam immer mehr Anhänger erfreut und integrative Arbeit somit herausfordernder wird, erklärt er in einem Gespräch mit dem Magazin Stern.


pro Medienmagazin

Der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ sei „sowas von falsch“, findet Buschkowsky. „Wenn der Satz einen Beitrag zur Entstehung der Werteordnung in unserem Land testieren soll, dann ist er Blödsinn. Der Beitrag des Islam zu Reformation, Aufklärung und zum Humanismus ist mir nicht präsent, sorry“, sagt er am Donnerstag im Stern.

Allein in Nord-Neukölln lebten 75 Prozent der Kinder von Hartz IV, erklärt der scheidende Bezirksbürgermeister. Einwandererkinder hätten meist von Hause aus nicht die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben. Das liege unter anderem an den Eltern, am Umfeld und an tradierten Familienriten. „Bildungsferne wirkt da wie eine Seuche.“ Gute Jobaussichten seien nahezu nicht vorhanden.

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Schweiz: «Auch hier gab es einen Clash der Religionen»

Hat die Schweiz und Zürich geprägt: Reformator Huldrych Zwingli, hier auf einem Gemälde von Hans Asper um 1531. Foto: PD
Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger und Botschafter Tim Guldimann äussern sich zu den Lehren, die sich aus 500 Jahren Reformation für die Gegenwart ziehen lassen.

Mit Moritz Leuenberger und Tim Guldimann sprach Res Strehle|Tages Anzeiger

Jubiläen sind in der Regel langweilig – warum sollte ausgerechnet das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation in Zürich interessant werden?
Moritz Leuenberger: Ein Jubiläum ist nur dann langweilig, wenn es sich nostalgisch zurücklehnt. Jedes Jubiläum kann aber auch benutzt werden, um über die Gegenwart und Zukunft nachzudenken.

Dann denken wir über den ­Protestantismus nach. Zürich ­verdankt ihm viel.
Tim Guldimann: Für die Schweiz bedeuten diese Aktivitäten zur Erinnerung an die Reformation, die Möglichkeit in Erinnerung zu rufen, dass die beiden Reformatoren Zwingli und Calvin bei der Entwicklung der Schweiz eine wichtige Rolle gespielt haben. Das in Deutschland einzubringen, hat den Zweck, zu zeigen, dass über Zwingli der Gedanke des Humanismus in die Reformation Eingang gefunden hat. Das äussert sich auch in einem anderen Verhältnis der Reformation zur Bürgerschaft als in Deutschland. Bei Calvin auch in der Tatsache, dass die Reformation durch ihn zu einer globalen Bewegung über den deutschen Sprachraum hinaus wurde, insbesondere nach Nordamerika.

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Hässlich-schöne Natur: Bibel des Grauens

Caspar Henderson: Wahre Monster Ein unglaubliches Bestiarium Matthes & Seitz; 349 Seiten; 38,00 Euro
Caspar Henderson:
Wahre Monster
Ein unglaubliches Bestiarium
Matthes & Seitz;
349 Seiten; 38,00 Euro
Spinnen, Reptilien und auch Viren sind Wunderwerke der Natur. Caspar Henderson widmet ihnen einen prächtig illustrierten Band: „Wahre Monster“, die aussehen wie mittelalterliche Dämonenfratzen.

Von Hilmar SchmundtSpON

An einem sonnigen Sommernachmittag saß der britische Journalist Caspar Henderson mit seiner Frau in einem Park. Er las das Buch „Einhorn, Sphinx und Salamander“ des argentinischen Autors Jorge Luis Borges. Darüber schlief er ein und träumte: So ein Buch will ich auch schreiben!

Vier Jahren ist das her, nun erscheint sein Werk auf Deutsch – und tatsächlich: Es ist gelungen. Auch wenn er fast das Gegenteil seines Vorbildes gemacht hat. Während Borges in seinem „Buch der imaginären Wesen“ 1957 Ausgeburten der Fantasie besingt, darunter doppelköpfige Schlangen, Engel und Dämonen, beschränkt sich Henderson strikt auf Fakten. In alphabetischer Reihenfolge schreibt er über Tiere wie Axolotl, Yetikrabbe oder Zebrabärbling. Doch die Fakten muten oft fantastischer an als jede Fiktion. „Wahre Monster“ ist ein Kompendium des Staunens, eine literarische Wunderkammer der Biologie.

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Antisemitismus und Islamfeindlichkeit: Ein Vergleich von auferlegten Gruppenidentitäten

Muslimische Frauen: Oft Ziel von anti-islamischen Ressentiments und Angriffen © by Garry Knight auf Flickr (CC BY 2.0), bearbeitet islamiQ
Können einige der sprachlichen Mechanismen, die dem stereotypischen Porträt des „Kollektiven Juden“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsprachen, in den Stereotypen des „Muslims“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts gefunden werden? Dieser und weiteren Fragen geht Cora Alexa Døving nach.

Von Cora Alexa Døving—IslamiQ

Existieren Ähnlichkeiten zwischen stereotypischen Porträts von Minderheiten, ungeachtet des sozialen und historischen Kontextes? Können einige der sprachlichen Mechanismen, die dem stereotypischen Porträt des „Kollektiven Juden“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsprachen, in den Stereotypen des „Muslims“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts gefunden werden? Ist es insgesamt relevant, den Antisemitismus mit anderen Formen der Intoleranz, Diskriminierung und des Rassismus im Einklang zu betrachten? Diese Fragen bilden einen Teil der vergleichenden Analyse der antisemitischen Texte vom Anfang des 20. Jahrhunderts und antiislamischen Debatten, die heute in Norwegen geführt werden.

Während sich dieser Artikel gegen eine grundlegende Analogie zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit (und ebenso gegen eine Analogie zwischen der strukturellen Position der Juden im neunzehnten Jahrhundert und Muslimen heute) stellt, argumentiert er für die Bedeutung einer vergleichenden semantischen Analyse der negativen Stereotypen des „Muslims“ und des „Juden.“

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»Posthumanismus:« Jenseits des Menschen

HumanismDem Humanismus wurde schon oft das Totenglöckchen geläutet. Heute aber, in einer Welt, in der Klonschafe und Onko-Mäuse leben, Drohnen unbemannt ihr Ziel finden, Maschinen immer intelligenter werden und der Mensch, mit allerlei Prothesen bestückt, vom «Neuro-Enhancing» träumt, wirkt die alte Vorstellung eines privilegierten, von Tier und Technik klar abzugrenzenden Vernunftwesens «Mensch» wie aus der Zeit gefallen.

Von Andrea RoedigNeue Zürcher Zeitung

Der Humanismus sei eine epistemologisch, politisch und ethisch nicht mehr haltbare Position, er habe sich überlebt und werde auch als runderneuerter Neohumanismus (etwa einer Martha Nussbaum) nicht glücken, meint jedenfalls die an der Universität Utrecht lehrende Philosophin Rosi Braidotti.

Ein «vitalistischer Materialismus»

Ihr Buch «Posthumanismus. Leben jenseits des Menschen» ist eine Programmschrift. Braidotti versucht darin, ein eigenes Konzept «posthumaner Subjektivität» plausibel zu machen, theoretisch zu fundieren und gegen andere Positionen abzugrenzen. Die Argumente gegen den Humanismus, die sie vorbringt, sind aus der postmodernen, der feministischen und der Theorietradition der «Postcolonial Studies» der letzten Jahrzehnte sattsam bekannt: Er sei selbstherrlich, euro- und anthropozentrisch, ein Herrschaftsdiskurs weisser, westlicher Männlichkeit, der eine begrenzte, beschränkte Perspektive für eine universelle ausgebe.

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Revolution des Glaubens

Peter Marshall Die Reformation in Europa Aus dem Englischen von Ulrich Bossier Verlag: Reclam, Stuttgart 2014 ISBN: 9783150108666 19,95 €
Im Oktober 1517 begehrt in Wittenberg ein bislang unbekannter Augustinermönch gegen die Missstände in der römischen Kirche auf. Die Gedanken, die der aufmüpfige Theologe in 95 Thesen zusammenfasst, sind hochbrisant – und der katholischen Kirche ein Dorn im Auge.

Von Theodor KisselSpektrum.de

Nicht durch seine guten Werke, sondern nur durch den Glauben (sola fide) und die göttliche Gnade (sola gratia) erlange ein Christ das Seelenheil, predigt Martin Luther. Jeder Gläubige solle selbst in der Bibel lesen, um zu Gott zu finden.

Luther fordert die Menschen damit auf, in Glaubensfragen ausschließlich ihrem eigenen Gewissen zu folgen und nicht mehr klerikalen Dogmen. Revolutionär daran ist der Gedanke, dass Gläubige auch ohne Unterstützung eines geweihten Priesters mit Gott in Verbindung treten können. Damit verliert der katholische Klerus sein Monopol auf Vermittlung und Deutung der Religion – und der Papst seine Autorität als alleiniges geistliches Oberhaupt des Westens.

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Gut, besser, Mensch – Ersatzreligion evolutionärer Humanismus?

Michael Schmidt-Salomon Hoffnung Mensch, Verlag: Piper, München 2014 ISBN: 9783492056083 19,99 €
„Wir Menschen sind eine extrem potente und von Grund auf gute Spezies. Deswegen sind wir auch in der Lage, die größten Probleme unserer Welt in den Griff bekommen“. Auf den ersten Blick wirkt die These, die Philosoph Michael Schmidt-Salomon in seinem jüngsten Werk „Hoffnung Mensch“ vertritt, provokant, absurd und bestenfalls naiv.

Von Maren EmmerichSpektrum.de

Hat nicht der neueste IPCC-Bericht gerade enthüllt, dass wir es verpasst haben, die anthropogen verursachte Klimaerwärmung auf ein überschaubares Maß zu begrenzen? Zeigen die aktuellen Konflikte in Syrien, Zentralafrika oder der Ukraine etwa nicht, wie sehr wir zur Gewalt neigen? Ist es nicht offensichtlich, dass wir aufgrund destruktiven Verhaltens uns früher oder später die Lebensgrundlagen entziehen werden?

Schmidt-Salomon ignoriert die aktuellen Probleme in der Welt zwar nicht. Allerdings bezieht er sie erst im letzten Drittel des Buchs in seine Diskussion ein. In den Abschnitten davor holt er weit aus und erzählt viele Geschichten, mit denen er eine versöhnliche, ja bewundernde Perspektive auf die Menschheit eröffnen möchte.

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„Absage an die Religioten: Ohne Gott ginge es uns besser“

TheCreation_399„Absage an die Religioten: Ohne Gott ginge es uns besser.“ Dies ist Überschrift, Motto und die Hauptaussage eines polemischen Beitrags in der freireligiösen Zeitschrift „Wege ohne Dogma“ (WOD 22. Jg. 9/2013, 187ff). Geschrieben wurde der Beitrag von dem Religionskritiker und Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt-Salomon.

Von Dr. Reinhard HempelmannEZW

Der Text ist ein Nachdruck. Einige Monate zuvor erschien er im Playboy 5/2013. Immer wieder verweist der Autor darauf, dass religiöse Überzeugungen und religiöse Praxis wahnhaft seien, dass sie für die Zivilisation eine große Gefahr darstellten. „Denn eine Zivilisation, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, kann es sich nicht leisten, religiösen Fiktionen aus grauer Vorzeit zu folgen.“ (189)

Im Nachgang zur Publikation dieses Beitrages entwickelte sich eine kontroverse Diskussion darüber, inwiefern ein atheistischer Exklusivismus in einer Zeitschrift Platz finden sollte, deren Anspruch es ist, für Toleranz, Pluralismus und Freiheit in allen weltanschaulichen und religiösen Fragen einzutreten. Bis heute ist diese Diskussion in den nachfolgenden Ausgaben der Zeitschrift nicht zum Stillstand gekommen. Kirsten Reuter bemerkt etwa im Dezemberheft: „Wer seinen Vernunftglauben mit dieser Arroganz vorträgt, sitzt im selben Boot wie diejenigen, die er bespuckt. Und wo immer Aufklärung zum Dogma verkommt, läuft sie Gefahr, Gewalt als Mittel der Missionierung zu akzeptieren. Diesen Irrweg haben andere Religionen bereits überwunden.“ (WOD 12/2013, 261) Renate Bauer formuliert als Fazit und Reaktion auf den Artikel Schmidt-Salomons, dass dieser mit seinem Beitrag „dem Humanismus jeglicher Form keinen Gefallen getan (habe).“ (263).

Auch auf die Kritikerinnen und Kritiker Schmidt-Salomons wurde kritisch reagiert: „Seit wann darf in freireligiösen Kreisen keine Religionskritik geäußert werden?“ (WOD 1/2014, 13) Die freireligiöse Landesgemeinschaft Hessen hatte bereits in der Phase der beginnenden Diskussion im September 2013 eine Erklärung abgegeben, in der es heißt, dass „die betriebene ,Atheisten-Hatz‘ nicht hinnehmbar“ und der „Freireligiösen-klerikalen Intoleranz“ ihre Grenzen aufzuzeigen seien (WOD 1/2014, 19).

Auch in den Folgeheften (WOD 2 und 3/2014) geht es um die Verhältnisbestimmung zwischen einem freireligiösen und einem atheistischen Selbstverständnis. Während der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) die Freireligiösen – hier und da offensichtlich erfolgreich – dazu einlädt, unter sein Dach zu kommen, den eigenen Namen zu ändern und atheistischen Perspektiven mehr Raum zu geben, sehen andere Freireligiöse dies ausgesprochen skeptisch.

Die intensive Diskussion über das Selbstverständnis freireligiöser Gemeinschaften weist darauf hin, dass einzelne Mitglieder deutlichere Reformsignale von dem schrumpfenden und teilweise unsichtbar gewordenen Bund Freireligiöser Gemeinden in Deutschland (BFGD) erwarten. In einem Interview, das Carsten Frerk von der Giordano Bruno Stiftung mit der freireligiösen Ute Janz führte, ist zu lesen, dass sie einer Namensänderung und vor allem einem Anschluss freireligiöser Gemeinschaften an den Humanistischen Verband skeptisch gegenübersteht. Die Freireligiösen hätten sich dem Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) angeschlossen, sich damit für einen anderen Weg entschieden und seien damit sehr gut gefahren.

Was in der skizzierten Debatte noch weiterer Klärung bedarf, ist die Frage des Verhältnisses von Humanistischen Verbänden zu der ausgrenzenden Religionskritik der Giordano Bruno Stiftung. Der Ausgangspunkt der Kontroversen war ein polemisches Pamphlet, dessen Aussagen zu dem Konzept eines „praktischen Humanismus“ genauso wenig passen wie zu der Tradition der freireligiösen Gemeinden, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Deutschkatholizismus und den ursprünglich protestantischen Lichtfreunden entstanden.

Dodo-Thierse: „Sozialstaat fußt auf christlichen Wurzeln“

thierse_zdfWolfgang Thierse sprach sich für eine pluralistische Gesellschaft aus, in der auch die Religionen ihren Platz haben. Voraussetzung hierfür sei echte Toleranz, die sowohl eigene Standpunkte, als auch die Anerkennung anderer Überzeugungen bedinge.

morgenweb.de

Nein, Christen haben es nicht schwer in der SPD und auch Gläubige anderer Religion sind mehr als nur geduldet. Das weiß natürlich auch Wolfgang Thierse, der Vizepräsident des deutschen Bundestages. Doch dem Bundestagsabgeordneten, der nach 23 Jahren im Parlament im Herbst nicht mehr antritt, geht es bei seinem Auftritt im Palais Hirsch um mehr als nur um Toleranz gegenüber Christen und der Kirche. Ihm geht es um ein Weltbild, bei dem politisches, ehrenamtliches Engagement auf einem christlichen Fundament ruht. Für einen gestandenen Sozialdemokraten eine auf den ersten Blick befremdliche Vorstellung.

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Vom völkischen Größenwahn des Katholizismus

Vorige Woche im Vatikan. Der Papst ernennt 6 Kardinäle und nutzt die Gelegenheit, in Arroganz und Impertinez kaum zu übertreffender Art, den weltumspannenden Anspruch der katholischen Kirche zu betonen.

B16:

[…] Die Kirche sei „katholisch“, weil sich die christliche Botschaft an allen Menschen richte, […]Zwar habe sich Jesu Mission zu Lebzeiten auf das jüdische Volk beschränkt. Von Anfang an sei sie jedoch darauf ausgerichtet gewesen, „allen Völkern das Licht des Evangeliums zu bringen“.

Die katholische Kirche sei im Auftrag Jesu verpflichtet jede ethnische, nationale und religiöse Spaltung zu überwinden. Tränen in den Augen knien die Katholen darnieder. Der Pappa gibt ihnen Größe zurück, verbal. Nach den Schlüpfrigkeiten unter priesterlicher Soutane, vor allem gegen Kinder, endlich wieder eine Frohbotschaft. Es kann nur eine Kirche Christi geben, natürlich die katholische. Ihre Universalität gründe letztlich auf der Universalität des „einzigen göttlichen Heilsplans für die Welt“.

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Humanismus und Rechtskultur

Bild: diesseits.de

Es gibt keinen Humanismus ohne Humanität, ohne Barmherzigkeit. Der Begriff „Menschenwürde“ wurde in der Antike entdeckt, in der Renaissance wieder angeeignet, Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in individuelle „Menschenrechte“ gegossen. Hier setzte dann das Streben nach Humanisierung des Rechts ein. Eine Konferenz geht dem nach.

Dr. Horst Groschoppdiesseits.de

Goethe berichtet um 1820 in den Wanderjahren vom Streben nach „menschlicher Behandlung der Gefangenen“, dem Streben, „gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein“. Das klingt wie in aktuellen Debatten, was den Umgang mit Gefangenen überall auf der Welt und auch hierzulande betrifft, denken wir nur an das Thema „Sicherungsverwahrung“.

Woran misst sich hier das Menschliche? Was sind die Kriterien? Welche Rechtsfelder wären zu bearbeiten, wenn es um humane Lösungen gesellschaftlicher Widersprüche geht – über das Problem des Umgangs mit Verurteilten hinaus? Wie steht es heute um die Menschenwürde in unserer Rechtskultur? Wie sind Grenzfälle zu bewerten im Streit der Ethiken? Ist das Ziel gar ein humanistisches Recht? Letzteres ist sicher strittig und dürfte nicht verwechselt werden mit „humanem“ Recht.

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