Es sind unsere Terroristen – wir brauchen keine religiöse Integration

Vor der Tat hatte er sich zum IS bekannt – der 17jährige Axt-Attentäter.Foto: dpa
Die Täter sind jung, berufen sich auf den Islam und haben sich oft schnell radikalisiert – wie zuletzt in Würzburg. Was tun dagegen? Eine Antwort: Wir brauchen auch eine religiöse Integration.
 

Von Ehrhart Körting | DER TAGESSPIEGEL

Seit dem Anschlag vom 11. September 2001 führen wir eine Debatte über religiös geprägte Straftaten und islamistischen Terrorismus. Die Zahl der Anschläge von Madrid über London nach Paris und Brüssel ist kaum noch übersehbar. Hinzurechnen muss man die fehlgeschlagenen Anschlagsversuche und -vorbereitungen wie die sogenannten Kofferbomber und die Sauerlandgruppe in Deutschland. Neben die organisierten und ferngesteuerten, zumindest fernunterstützten Taten von Al Qaida, IS und anderen Gruppen treten zunehmend Einzeltäter. Das wirft Fragen nach der angemessenen Repression und Prävention auf.
Der in einem religiös geprägten Haushalt aufgewachsene 19-jährige Ayhan Sürücü tötet am 7. Februar 2005 auf offener Straße in Berlin seine Schwester Hatun Sürücü. Es mag erstaunen, dass ich diesen Mord in dem Kontext mit aufführe. Aber es ist ein Fall, bei dem religiös geprägte Mentalitäten über die Rolle der Frau mitwirkten.
Am 2. März 2011 erschießt der 21-jährige Kosovo-Albaner Arid Uka am Flughafen in Frankfurt am Main zwei amerikanische Soldaten und verletzt zwei weitere schwer, weil er seinen persönlichen Beitrag zum Dschihad (Heiligen Krieg) gegen die „Feinde des Islam“ leisten wollte.
In London töten am 22. Mai 2013 zwei zum Islam konvertierte 22 beziehungsweise 28 Jahre alte britische Staatsbürger auf offener Straße einen 25-jährigen Soldaten mit Stichen und einem Beil und schwören öffentlich bei Allah, nie aufzuhören, die Ungläubigen zu bekämpfen, bis die Ungläubigen die Muslime in Ruhe lassen.

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„Der Grat zwischen Kritik und Feindlichkeit ist schmal geworden“

Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. (imago/Mike Schmidt)
Paris, Brüssel, Nizza: Terrorakte im Namen des Islam häufen sich. Diese Ereignisse machen vielen Menschen Angst. Muslime sehen sich deswegen Anfeindungen ausgesetzt. Doch ist der Islam tatsächlich die gewalttätige Religion, wie viele Kritiker sie sehen? Nein, sagten Wissenschaftler und liberale Muslime in der DLF-Lebenszeit – das zeige sich derzeit auch in der Türkei.

Deutschlandfunk

Nushin Atmaca, Erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, kann verstehen, dass es aufgrund der Ereignisse in der letzten Zeit Vorbehalte gibt. Auch sie habe manchmal Angst vor Terrorismus, das sei menschlich. Aber: „Gleichzeitig macht es mich traurig zu sehen, was mit der eigenen Religion passiert und wie sie benutzt wird.“

Sie betonte allerdings zugleich, man müsse unterscheiden zwischen der Religion und den Personen, die die Religion ausüben oder für sich nutzen. Der Islam selbst sei kein Akteur. Er werde von Menschen auf unterschiedliche Art und Weise gelebt.

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Religionsfreiheit: Abtrünnige im Islam

Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) mit Fahne: Die Hinrichtung von Abtrünnigen sei nach islamischem Recht legitim, so der IS. (AFP / TAUSEEF MUSTAFA)
Im Sudan, Jemen und Iran sowie in vielen anderen Ländern kann die Abkehr vom Islam noch heute mit dem Tode bestraft werden. Besonders brutal agiert der sogenannte Islamische Staat. IS-Terroristen richten Menschen hin, weil sie anders glauben. Dabei berufen sie sich auf den Islam. Doch wie sieht es mit der Religionsfreiheit im Islam tatsächlich aus?

Von Hüseyin Topel | Deutschlandfunk

Abtrünnige werden im Islam als „Murted“ bezeichnet. Ismet Macit, Experte im islamischen Recht, erklärt was dieser Begriff bedeutet:

„Murted bedeutet im Wörterbuch zunächst einmal Umkehrer; und nach islamischem Recht bezeichnet dieser Begriff speziell diejenigen, die aus dem Islam austreten und einen anderen oder gar keinen Glauben annehmen.“

Dieses Phänomen ist auch in anderen Religionen bekannt.

„Das ist nicht nur im Islam so. Das ist ein generelles Problem. Das gab es – in unterschiedlicher Form – auch im Judentum oder im Christentum. Religionsgemeinschaften haben Austreter stets bestraft.“

Dennoch ist dieser Begriff gegenwärtig so aktuell wie nie.

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Indonesien: „Von Christen wird erwartet, nicht zu provozieren“

Muslime in Jakarta am Tag des Zuckerfestes / picture alliance
Wie erlebt ein katholischer Priester in Indonesien, dem größten islamischen Land der Welt, deutsche Ängste vor einer „Islamisierung des Abendlandes“? Der Philosoph und Jesuitenpater Franz Magnis-Suseno im Gespräch

Interview Constantin Magnis | Cicero

Cicero: In Deutschland und Europa erklären Islamkritiker, der Islam sei – das stecke schon im Namen – eine Religion der Unterwerfung. Muslime seien friedfertig, solange sie in der Minderheit sind, als Mehrheit gebiete ihnen aber der Koran die Unterjochung der Andersgläubigen. Sie leben seit 55 Jahren als katholischer Priester in Indonesien, mit über 200 Millionen Muslimen dem größten islamischen Land der Welt. Wie erleben Sie das?
Franz Magnis-Suseno:
Man muss geschichtlich erst einmal festhalten, dass der Islam die Toleranz erfunden hat, und nicht das Christentum, dem diese Idee bis zur Aufklärung fremd war. Im Mittleren Osten haben, bis zu den Katastrophen der letzten Jahre, christliche Gemeinden 1400 Jahre in Frieden unter muslimischer Herrschaft gelebt. Nicht gleichberechtigt nach den Standards der modernen Menschenrechte, aber doch als steuerzahlende Bürger, die hohe Positionen erreichen konnten. Natürlich gibt es auch den gewaltbereiten Islam, aber die Mehrheit der Muslime war immer fähig, ganz normal mit anderen Religionen zu koexistieren. Bei uns in Indonesien funktioniert das bis heute. Dort waren es übrigens orthodoxe Muslime, die Demokratie und Menschenrechte in der Verfassung durchgesetzt haben.

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Aufstieg und Niedergang des Patriarchats

Muslimin in Sao Paulo, Brasilien (Foto: Reuters)
Islam und Unterdrückung der Frau – das ist zu kurz gesprungen. Das Streben des Mannes nach Kontrolle über die Frau ist älter. Und es hat zu tun mit Sex, Evolution, Kultur und Religion.

Von Markus C. Schulte von Drach | Süddeutsche.de

Unterdrückung der Frau, sexuelle Gewalt und Islam – es steckt eine Menge Sprengkraft in der seit Köln häufig aufgestellten Behauptung, diese Dinge hätten grundsätzlich etwas miteinander zu tun. Allerdings springt man mit diesem hässlichen Dreiklang tatsächlich zu kurz. Es gibt einen größeren Zusammenhang: den zwischen Sex, Evolution, Patriarchat und Religion.

Das zeigen Erkenntnisse von Soziobiologen und Evolutionspsychologen, die in der Debatte um Gleichberechtigung und Patriarchat immer noch zu kurz kommen. Dabei beschäftigen sich sowohl feministische Theorien als auch die Evolutionsbiologie mit den gleichen Aspekten: Es geht vor allem um Macht und die Kontrolle weiblicher Sexualität.

Allerdings gehen „Evolutionsbiologen auch der tieferen Frage nach, warum Männer überhaupt die Kontrolle über Frauen ausüben wollen, während Feministinnen dazu neigen, dies als gegeben zu betrachten“. Das stellte die amerikanische Feministin und Biologin Barbara Smuts bereits 1995 in einem wegweisenden Artikel fest.

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Bedrohliche Atheisten und katholische Aliens

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Religionssoziologe Detlef Pollack, Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster, sprach mit hpd-Redakteurin Daniela Wakonigg über das Image von Atheisten und darüber, wie sie es verbessern können.

Von Daniela Wakonigg | hpd.de

Detlef Pollack ist Professor für Religionssoziologie und Sprecher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Universität Münster. Der studierte evangelische Theologe versteht sich hinsichtlich seiner soziologischen Forschungen als methodologischer Agnostiker.

hpd: Herr Pollack, bei der Vorstellung Ihrer jüngsten Umfrage zum Thema „Fundamentalismus, Gewaltakzeptanz, Religiosität“ war unter anderem zu erfahren, dass 49 Prozent der Menschen in Westdeutschland den Islam als Bedrohung wahrnehmen. Was angesichts der aktuellen medialen Debatten wenig verwunderlich ist. Ziemlich überraschend fand ich allerdings, dass der Atheismus in Westdeutschland auf Platz Zwei des Bedrohungs-Rankings steht. 36 Prozent der Menschen in Westdeutschland nehmen den Atheismus als Bedrohung wahr, in Ostdeutschland sind es 16 Prozent. Woher stammen diese Zahlen?

Prof. Detlef Pollack: Aus dem Religionsmonitor 2012 der Bertelsmann Stiftung. Darin wurde –nach Ost und West differenziert – gefragt, inwieweit verschiedene Religionsgemeinschaften und eben auch Atheisten als Bedrohung oder Bereicherung empfunden werden. 49 Prozent Ostdeutschen empfinden den Atheismus übrigens auch als Bereicherung – allerdings nur 34 Prozent der Westdeutschen. Das Christentum hat da ein deutlich besseres Image. Das bewerten 76 Prozent in Westdeutschland und 64 Prozent in Ostdeutschland als Bereicherung.

Das finde ich sehr interessant, weil es darauf hinweist, dass es selbst im Osten Deutschlands, wo die Konfessionslosen ja 75 Prozent stellen, eine latente kulturelle Prägung durch das Christentum gibt.

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Kretschmann beim Fastenbrechen: Der Islam gehört zu Deutschland

kretschmann150Eine Woche vor Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bei einem Treffen mit Muslimen die gesellschaftliche Rolle des Islam gewürdigt.

Merkur.de

Eine Woche vor Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bei einem Treffen mit Muslimen die gesellschaftliche Rolle des Islam gewürdigt. „Wer immer noch behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der hat die Lebensrealität in Baden-Württemberg nicht zur Kenntnis genommen“, sagte er am Dienstagabend bei einem Fastenbrechen im Neuen Schloss in Stuttgart. Mit der Wahl der türkischstämmigen Politikerin Muhterem Aras (Grüne) zur Landtagspräsidentin und dem Ausbau des islamischen Religionsunterrichts habe das Land gute Erfahrungen gemacht. Kretschmann machte deutlich, dass Integrationsarbeit vor allem von hier lebenden und ausgebildeten Menschen geleistet werden müsse. Geistliche könnten nicht dauerhaft aus dem Ausland entsendet und finanziert werden.

EKD distanziert sich von Luthers Abgrenzungen gegenüber dem Islam

Lutherjahr

Die reformatorischen Abgrenzungen gegenüber dem Islam können nicht ohne Weiteres in die Gegenwart übertragen werden. Diese Ansicht vertritt die Konferenz für Islamfragen der EKD in einem Impulspapier mit dem Titel „Reformation und Islam“. Es wurde im Vorfeld des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017 veröffentlicht. Wie es darin heißt, muss das Verhältnis zwischen evangelischer Kirche und Islam neu bestimmt werden.

kath.net

Zwar seien die fünf Kerneinsichten der Reformation – solus Christus (allein Christus), sola gratia (allein aus Gnade), solo verbo (allein im Wort), sola scriptura (allein aufgrund der Schrift) und sola fide (allein durch den Glauben) – bis heute gültig.

Allerdings müsse etwa mit Blick auf das „solus Christus“ gefragt werden, „wie die darin zum Ausdruck gebrachte Exklusivität Jesu Christi in einer religiös pluralen Gesellschaft so zum Ausdruck gebracht werden kann, dass sie im Dialog nicht als anmaßend oder überheblich wahrgenommen wird“.

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Der religionsfeindliche Hochstapler – and your whiney assed opinion would be?

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Der Westen feiert die atheistischen Blogger Bangladeschs. Dass es unter ihnen auch menschenfeindliche Hohlköpfe gibt, wird gerne ausgelassen. Ein Abend mit Asif Mohiuddin

Von Timo Al-Farooq | derFreitag Community

„Soviel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln, das ist im höheren Sinn des Wortes Leben.“ So heißt es bei Wilhelm von Humboldt, doch die Universität, die seinen Namen und den seines Bruders trägt, war am 14. Dezember letzten Jahres ein Ort, an dem ein Mensch mit sehr wenig Welt in sich hemmungslos seinen mittelscharfen Senf über diese ihm fremde Welt dazugeben durfte: Die Rede ist vom mittlerweile im deutschen Exil lebenden Asif Mohiuddin, einem sogenannten „säkularen“ bzw. „atheistischen Blogger“, wie sie in Bangladesch seit geraumer Zeit von einigen religiösen Extremisten angefeindet und getötet werden, weil ihnen deren online-publizierten Schriften über den Islam und seiner Rolle in Staat und Gesellschaft Bangladeschs säuerlich aufstoßen. Mohiuddin wurde wegen seiner Blogeinträge Opfer einer Messerattacke, wurde von der säkularen Regierung Bangladeschs wegen „Blasphemie“ angeklagt, im Gefängnis nach eigenen Angaben gefoltert, und floh schließlich nach Europa. Der Sensationalismus dieser traurig anmutenden Kurzvita war für die Amnesty Hochschulgruppe der HU und „Säkularer Humanismus an Berliner Hochschulen“, der studentischen Lobbygruppe der „Giordano Bruno Stiftung, einer Organisation, die mit Leib und Seele dem „evolutionären Humanismus“ verschrieben ist, verständlicherweise Grund genug, ihn zu einem Vortrag zum Thema Meinungsfreiheit in Bangladesch einzuladen. Was dann aber folgte, war weder diskursiv erhellend noch wissenschaftlich bereichernd, sondern eine Lektion in plumpem Populismus, unverhohlener Religionsfeindlichkeit, westlichem Anbiederungsverhalten sowie den geistigen Grenzen des dogmatischen Atheismus und westlichen Menschenrechtsaktivismus. Die erfolgreichsten Hetzer sind die, denen man ihre niederen Absichten weder ansieht noch anhört. Und mithilfe seines unschuldig dreinblickenden, bebrillten Bubengesichts, seines friedlichen Grinsens, seiner sanften Stimme und einer bescheidenen Art, schaffte Mohiuddin es, im Hörsaal 2002 des Hauptgebäudes einer numerisch überschaubaren Frühabendansammlung aus jungen Studierenden und interessierten Einzelpersonen die respektlosen, herabwürdigenden und feindseligen Aussagen seiner etwa einstündigen lausbübisch vorgetragenen Tirade gegen privaten und organiserten Gottesglauben, insbesondere Islam, als legitime Religionskritik zu verkaufen: Das Publikümchen lauschte mit Anteilnahme und Anbiederung den Anekdoten dieses süßholzraspelnde Spalters, dem die Opferstilisierung kraft der Messerattacke auf ihn naturgemäß einfach fiel, und der Gottesglaube mehrfach als „stupid“ bezeichnete und religiöse Menschen für „brainwashed“ hält, als seien sie Zombies aus The Walking Dead.

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Arie Folger: „Mehr Angst vor Antisemitismus von morgen“

Bild: bb
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Arie Folger, neuer Oberrabbiner von Wien, im Interview mit der „Presse am Sonntag“ über Identität, FPÖ und den Islam.
 

Von Ulrike Weiser, Teresa Schaur-Wünsch | Die Presse.com

Ihr Vorgänger hat Interviews gern mit einem Witz begonnen. Sie auch?

Arie Folger: (Lacht.) Das ist schwierig, wenn man sein Publikum noch nicht kennt. Das erinnert mich an eine amerikanische Stand-up-Komödiantin, die mit einer Hörbehinderung geboren wurde. Sie konnte nur mit den Füßen hören, also anhand der Vibration des Bodens spüren, ob die Leute lachen. Ich stehe vor einem neuen Publikum, das „wienerisch tickt“.
Sie waren zuletzt in Deutschland tätig. Gibt es Unterschiede zu Österreich?

In Deutschland gibt es viele Gemeinden, die so groß oder größer als Wien sind, aber viel weniger jüdisches Lebens bieten. In Deutschland war die Gemeinschaft bis in die Neunzigerjahre sehr klein. Die österreichischen jüdischen Alteingesessenen waren bereits viel mehr traditionell gebildet, zudem ist die Gemeinde früher gewachsen, durch die Einwanderung ehemaliger Bürger der Sowjetunion, aus Buchara und Georgien. Die Juden aus den Sowjetrepubliken waren auch viel traditioneller als jene aus Russland – weil man sie weniger an ihrer religiösen Praxis gehindert hat. Man hat sie weniger beachtet.

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Christen, Muslime und die Religionskritik: So schnell wird Gott nicht zornig

Die einen lachen, die anderen kommen ins Nachdenken, andere fühlen sich persönlich getroffen. Was darf Religionskritik? (imago stock&people)
Einst haben sich Muslime auch über ihre eigene Religion lustig gemacht. Doch das ist lange her. Aus dem dicken Fell ist eine dünne Haut geworden. Die Folge: Wer Religionen kritisiert, muss mit Anfeindungen rechnen – bis hin zu Gewalt. Weniger gewalttätig, aber doch erregt – so reagieren immer wieder auch Christen auf Kritik und Spott.

Von Burkhard Schäfers | Deutschlandfunk

Gott verspotten – das machen Menschen, seit es Menschen gibt:

„Du, der Du alle Geheimnisse kennst, kannst Du nicht einmal einen Esel von einer Kuh unterscheiden?“

Gott verspotten – das machen Menschen auch in Regionen und in Religionen und in Zeiten, wo wir es nicht vermuten würden.

„Du Geheimniswisser, zehn Tage hast Du gebraucht, nur um diesen Flicken zusammen zu nähen? Sind die anständigen Kleider in Deinem Schatzhaus etwa alle verbrannt, dass Du all diese Lumpen zusammenflicken musstest?“

Heißt es in Erzählungen von Fariduddin Attar, einem islamischen Mystiker. Attar verspottet Gott – scharf und bitterböse. Und das im 12. und 13. Jahrhundert in Persien. Gott verspotten – dabei ist Attar nicht allein. Dem persischen Dichter Omar Chajjam, der einige Jahrzehnte früher lebte, werden folgende Worte zugeschrieben:

„Du sagst, in den Flüssen wird Wein fließen – ist denn das Paradies eine Kneipe?“
„Ist das Paradies etwa ein wunderbares Bordell?“

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Verfassungsschutz-Chef Voß: Brisanter Auftritt bei der AfD

Hamburgs Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß. Foto: © Michael Arning
Hamburgs Verfassungsschutz-Chef spricht bei AfD-Veranstaltung zu Islam und Islamismus – und muss harte Kritik über sich ergehen lassen.

Von Jens Meyer-Wellmann | Hamburger Abendblatt

Das war kein besonders entspannter Abend für Hamburgs Verfassungsschutzchef Torsten Voß. Mehr als zwei Stunden diskutierte Voß auf Einladung der AfD am Montagabend im mit rund 150 Gästen gut gefüllten Kaisersaal des Rathaus über Islam und Islamismus in Hamburg – und musste dabei immer wieder den Unmut und die Wut der Zuhörer über sich ergehen lassen.

„Ich fühle mich von Ihnen nicht beschützt. Wie soll das auch passieren?“, fragte etwa ein AfD-Gast bei der Veranstaltung aus der Reihe „AfD-Fraktion im Dialog“. „Unsere Noch-Kanzlerin hält ja immer noch sämtliche Grenzen offen. Sie selber wissen gar nicht, wer in unser Land kommt.“ Antwort des Verfassungsschutz-Chefs: „Der Verfassungsschutz schützt die Verfassung vor Extremisten. Ich habe nicht den Auftrag, und das ist auch nicht nötig, Sie vor Flüchtlingen zu schützen.“

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Muslimische NS-Helfer: Hakenkreuz und Halbmond

Amin al-Husseini, Großmufti von Jerusalem, schreitet 1944 die Front bosnischer Freiwilliger der Waffen-SS ab. (Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
Die Nazis waren voll des Lobes für den Islam. Ihre Sympathie für Muslime war allerdings taktisch – Hitler selbst hatte ein unerquickliches Treffen mit dem Großmufti von Jerusalem.

Von Ronen Steinke | Süddeutsche.de

Ein Fez ist ein Hut in der Form eines stumpfen Kegels aus rotem Filz mit Quaste. Für militärische Zwecke ist diese Kopfbedeckung denkbar schlecht geeignet, sie ist weder windschnittig noch wasser- oder gar kugeldicht. Aber sie ermöglicht es, beim muslimischen Gebet den Boden mit der Stirn zu berühren.

Als im November 1943 eine Großlieferung solcher Feze bei der SS eintrifft, dunkelrot, mit schwarzer Troddel oben und metallenem Reichsadler und Totenkopf vorne, da schaltet sich der SS-Führer Heinrich Himmler persönlich ein: Er ist unzufrieden mit dem Design.

Die Feze, so schreibt er seinem Verwaltungschef, müssten „umgefärbt und etwas abgeschnitten werden“, erst dann würden sie sich ausreichend von den Hüten der verfeindeten Marokkaner unterscheiden. „Diese Äußerlichkeiten bedeuten für die Festigung der Division ungeheuer viel.“

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Als Muslime im Westen als schwul galten

Rumi zeigt seine Liebe seinem Schüler Hussam al-Din Chelebi. Bild: gemeinfrei
Nach Orlando war für viele die Gleichung klar: Islam = homophob. Dabei hat die gleichgeschlechtliche Liebe in der islamischen Welt eine lange Tradition

Von Fabian Köhler | TELEPOLIS

Oberflächlich gesehen, gibt es viele Möglichkeiten, die Taten des Omar Mateen zu erklären: War er ein konservativer Waffennarr, der Menschen mit anderer Lebensweise so zum Schweigen brachte, wie es konservative Waffennarren eben tun? War er ein irrer Psychopath, der mit seiner eigenen sexuellen Identität nicht klar kam? Oder tötete Omar Mateen am Sonntag 49 Besucher eines schwulen Nachtclubs, einfach weil er Muslim war und Muslime eben keine Schwulen mögen?

Jede dieser Erklärungen ist zu kurz gegriffen und dennoch haben sich viele Medien für eine von ihnen entschieden: die letzte. Dass Muslime per se homophob sind, scheint sich in den Augen vieler nicht nur am Sonntag in Orlando einmal mehr bestätigt zu haben: Im Iran hängen die Körper von Homosexuellen an Baukränen, in Saudi-Arabien schlagen Religionswächter Schwulen die Köpfe ab und in Syrien stürzt der selbsternannte Islamische Staat Homosexuelle aus Hochhäusern.

Doch die Gleichung „Islam = homophob“ ist allenfalls so wahr wie ihr Gegenteil. Denn so sehr Islamisten heute Homosexualität verteufeln, so selbstverständlich war gleichgeschlechtliche Liebe jahrhundertelang in der islamischen Welt. Und so sehr Homophobie heute aus westlicher Sicht als typisch islamisches Problem gilt, so neu ist das Phänomen in der islamischen Welt.

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Religion auf Staatskosten

Wie Verdruss über Medien entsteht, studiert man am besten an sich selbst. Mich beschäftigt seit der Rushdie-Affäre auch journalistisch das Verhältnis des Westens zum Islam. Wer sich intensiver mit dieser Frage befasst und nicht zum kulturalistischen Heuchler werden will, muss sich allerdings auch mit Religion im weiteren Sinne, also auch den Kirchen auseinandersetzen.

Von Thierry Chervel | DIE WELT

Das Verhältnis der deutschen Politik zum Islam versteht nur, wer den deutschen Burgfrieden mit den Kirchen versteht. Um den einstigen Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken zu entschärfen, nahm der Staat die Kirchen unter seine Fittiche, etwa indem er die Steuern für sie einzieht. Die Kirchen sind bestens alimentiert und schon darum in jener friedlichen Stimmung, die sie ja verbreiten sollen. Kein Wunder, dass muslimische Repräsentanten von einem ähnlichen Status träumen.

Darum wundert es mich, dass die weitgehende Finanzierung des Katholikentags durch die öffentliche Hand so gut wie nirgends Thema war. Wie kommt es, dass Medien an der Frage zum Verhältnis von Staat und Religion so geringes Interesse haben? Wer die Stichwörter „Katholikentag“ und „Finanzierung“ bei Google eingibt, stößt auf die „Leipziger Internetzeitung“ oder den „Humanistischen Pressedienst“. Große Medien streiften das Thema in Nebensätzen.

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Von Storch bekommt Unterstützung von Hamed Abdel-Samad

Hamed Abdel-Samad im ARD-„Nachtmagazin“ | ARD
  • Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad stellt sich an die Seite von Beatrix von Storch
  • Die hatte mit der Äußerung, dass der Islam nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei, Entrüstung ausgelöst
  • Abdel-Samad fordert dazu auf, zwischen der Religion und den Muslimen als Menschen zu unterscheiden

Von Benjamin Prüfer | The Huffington Post

Die stellvertretende Vorsitzende der Alternative für Deutschland, Beatrix von Storch, hat mit ihrer Äußerung, dass der Islam nicht mit der Demokratie vereinbar sei, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Jetzt bekommt sie Unterstützung – ausgerechnet von einem Muslim.

„Wenn jemand sagt, dass Islam und Demokratie nicht vereinbar seien, ist das grundsätzlich nicht falsch“, sagte der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad im Interview mit dem ARD-„Nachtmagazin“.

„Wo liegt das Problem?“

Auf die Nachfrage, der Moderatorin ob damit von Storchs Position bestätige, antwortet er: „Wo liegt das Problem?“ Wenn die AfD sagen würde, dass die Sonne scheint, würde er auch nicht widersprechen.

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Angst vorm Monotheismus?

Neil Gaiman akzeptiert den Hugo Award von Cory Doctorow, CC BY-SA 2.0. bearb. DIE KOLUMNISTEN
American Gods ist Neil Gaimans Versuch eines “Großen Amerikanischen Romans”. Doch weder ästhetische Konzeption noch religionstheoretischer Hintergrund überzeugen

Von Sören Heim | DIE KOLUMNISTEN

So richtig warm bin ich mit dem hoch gelobten Schriftsteller Neil Gaiman noch nicht geworden. Sein The Graveyard Book wirkte auf mich arg konstruiert, als habe sich jemand überlegt, wie man die Parabel des Dschungelbuch bei jungen Leuten, die auf Zombies und Vampire stehen, vielleicht doch noch einmal fruchtbar machen könnte, wobei alles über Bord geworfen wurde, was die Tiere als Gegenkultur zum imperialen England in Indien und zur repressiven Dorfgemeinschaft Mowglis als Metapher tatsächlich nachvollziehbar machte. Dabei ist The Graveyard Book aber in jedem Fall kurzweilig geschrieben, es unterhält, und das ist ja schon einiges wert.

So viel Lob und Preis

Einem Autor, der mit Auszeichnungen überschüttet wird, die auch schon dem großen Philip K. Dick zuteil wurden, will ich gern eine weitere Chance geben. Das von ihm selbst als „Author’s prefered Text“ hervorgehobene und für die „Tenth Aniversary Edition“ mit einem ausgedehnten Vorwort versehene American Gods schien der Prüfstein, an dem sich Gaimans literarische Fähigkeiten am ehesten erproben ließen. Um vorzugreifen: American Gods enttäuscht.

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Massentaufe: Wenn Flüchtlinge Christus entdecken

Auf der Suche nach einem neuen Gott: Im Hamburger Stadtpark sind 80 Flüchtlinge bei einer Massentaufe zum Christentum konvertiert © Ellen Ivits
Gleich 80 Flüchtlinge ließen sich in Hamburg in einer Massentaufe das Sakrament erteilen – sie konvertierten vom Islam zum Christentum. Schnell regt sich der Verdacht: Sie wollen bloß Asyl erschleichen. Doch der Glaubenswechsel fordert große Opfer.

Von Ellen Ivits | stern.de

Deutschland feiert Vatertag – oder Christi Himmelfahrt, je nachdem. Über Hamburg leuchtet ein blauer Himmel. Sonnenanbeter, Jogger und Hundebesitzer bevölkern den Stadtpark. Mitten unter ihnen: 80 Gestalten in weißen Gewändern. Sie wollen aber weder mit einem halben Dutzend Bierchen auf die Freuden des Vaterseins anstoßen noch ihrem Teint ein wenig Sommerbräune verleihen. Was sie hergeführt hat, ist Gott.

Denn an diesem Tag werden sie getauft. Es sind 80 Männer und Frauen aus dem Iran und aus Afghanistan, die sich vor einer kleinen Bühne versammeln und darauf warten, dass der Pastor ihnen das heilige Sakrament erteilt. Freunde, Verwandte und Gemeindemitglieder umkreisen sie. Aufgeregte Stimmen sind zu hören, Kinder wuseln sich zwischen den Bierbänken hindurch, Frauen stecken sich Blumen ins Haar und über allem hängt der Geruch brennender Kohlen, der von Dutzenden Grillstellen aufsteigt. „Heute ist ein großer Tag für uns“, sagt Mahshad voller Freude.

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Rainer Maria Woelki: „Wer Ja zum Kirchturm sagt, der muss Ja sagen zum Minarett“

Rainer Maria Woelki, Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0
Rainer Maria Woelki, Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat die Aussage führender AfD-Politiker, wonach der Islam nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei, mit deutlichen Worten kritisiert.

RP ONLINE

„Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Eine ganze Religion, ja, eine der großen Weltreligionen wird hier in gehässiger Absicht an den Pranger gestellt“, sagte er am Sonntag auf domradio.de. Ein Blick ins Grundgesetz hätte gereicht, um festzustellen, dass in Deutschland Religionsfreiheit gelte. So dürfe niemand, weder Christen noch Muslime, aufgrund seines Glaubens diskriminiert oder verfolgt werden.

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Dodo Thierse: „Fundamentalistische Interpretationen von Religion passen nicht in unser Land“

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Die deutsche Gesellschaft müsse sich auf den zunehmenden Pluralismus einstellen, der voller sozialem und kulturellem Konfliktpotential stecke, sagte Wolfgang Thierse, SPD-Politiker und Ex-Bundestagspräsident, im DLF. Wichtig sei, die muslimischen Gemeinschaften mit einzubinden, sowohl auf politischer Ebene als auch im täglichen Miteinander.

Bettina Klein im Gespräch mit Wolfgang Thierse | Deutschlandfunk

Bettina Klein: Der Islam und Deutschland, das passt irgendwie nicht zusammen, findet die AfD, finden zumindest einzelne Politiker dieser Partei, die dafür in den vergangenen Tagen fast aus allen Richtungen schwer kritisiert wurden, zumal sie die Religion gleichgesetzt haben mit den politischen Strömungen des Islam.

Aber es ist eine Tatsache, dass zunehmend Menschen aus anderen Kultur- und Religionskreisen zu uns kommen, und es stellt sich die Frage, wie gut wir darauf vorbereitet sind in einem Land und einem Kontinent, die Wert legen auf die jüdisch-christlichen Wurzeln, wie Helmut Kohl noch mal in seinem jüngsten Text mehrfach betont.

Haben wir ein Problem mit der Religionsvielfalt hierzulande? Wir können darüber jetzt sprechen mit Wolfgang Thierse, früherer SPD-Politiker, ehemaliger Bundestags- und Bundestags-Vizepräsident. Er ist zugleich bekennender und praktizierender Katholik. Guten Morgen, Herr Thierse.

Wolfgang Thierse: Guten Morgen, Frau Klein.

Klein: Ich zitiere mal den Politikwissenschaftler Ulrich Willems von der Uni Münster. Der fiel mir auf beim Forschungsverbund Religion und Politik. Er sagt: „Die deutsche Politik hat die Bevölkerung nicht rechtzeitig auf Religionsfreiheit vorbereitet und Debatten darüber vermieden.“ Ist das auch Ihr Eindruck?

Thierse: Nein, das kann ich nicht sagen. Und wieso eigentlich der Vorwurf an die Politik? Das könnte man doch genauso sagen an die Öffentlichkeit, die Wissenschaft, die Medien etc. Nein, wir sind dabei, angesichts des Zustroms so vieler muslimischer Flüchtlinge, neu zu lernen und zu begreifen, dass unsere Gesellschaft noch einmal ethnisch-kulturell und auch religiös-weltanschaulich pluralistischer wird, und das ist eine Herausforderung, ja.

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