Es gibt keinen deutschen Islam

Gehört der Islam zu Deutschland? Konservative Politiker akzeptieren ihn dann als Religion, wenn er verfassungskonform ist. Dann aber ist es kein Islam mehr. Muslime haben ein Recht auf kulturelle Identität. Von Alexander Grau

Cicero

Kaum ein Thema versinkt seit Jahren dermaßen in einer Kakophonie aus Halbwissen, sich selbst überschätzender Ahnungslosigkeit und politischer Instrumentalisierungen wie das Thema Islam. Und das gilt für beide Seiten, die so genannte Islam-Kritiker und die Islam-Verteidiger. In beiden Lagern werden dieselben Denkfehler gemacht, und das macht eine sinnvolle Debatte beinah unmöglich.

Da sind zum einen die Objektivisten, man könnte sie fachphilosophisch auch als Essentialisten bezeichnen. Das sind Leute, die naiverweise davon ausgehen, dass es den einen wahren Islam gibt. In diesen Kreisen haut man sich gerne Koransuren um die Ohren und versucht zu belegen, dass der Islam wahlweise eine rückständige, nicht zivilisationsfähige, menschenverachtende Religion ist oder im Gegenteil eine Religion des Friedens, der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe.

Der Islam als schmusige Zivilreligion

Auf der anderen Seite stehen die Kulturalisten oder auch Konstruktivisten: Sie haben zwar kapiert, dass es von keiner Religion und keinem Text die eine, wahre, alleingültige Lesart gibt, leiten daraus aber ab, dass man aus Religionen wie dem Islam nach Belieben so ziemlich alles machen kann: etwa eine schmusige Zivilreligion, die auf ein bisschen Liberalismus und Toleranz mit Spiritualitätsgarnitur eingedampft wird.

 

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Die von der AfD gescholtenen „Systemmedien“ bringen fast nur noch AfD-Themen

Grafik: TP
Soziale Themen wie Löhne, Mieten und Rente erhalten kaum Aufmerksamkeit, Politiker und Medien reagieren oft nur noch

Nico Beckert | TELEPOLIS

In deutschen Großstädten müssen mehr als 1,6 Millionen Menschen „mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Kaltmiete ausgeben“. Die Anzahl der Sozialwohnungen hat sich zwischen den 1990er Jahren und heute mehr als halbiert. In München stiegen die Einkommen seit 1995 um 46 Prozent. Die Häuserpreise stiegen allerdings um 146 Prozent.

Die Bundesregierung spart jährlich 10 Milliarden Euro, weil sie die Regelsätze von Hartz4-Empfängern nach unten rechnet. 2017 wurden 226.125 falsche Hartz4-Bescheide zu Lasten der Ärmsten ausgestellt. Durch Sanktionen sinkt die staatliche Versorgung unter das Existenzminimum.

Seit den 1970er Jahren hat sich der Anteil der Einkommen der unteren Hälfte der Bevölkerung halbiert. Die oberen 10% steigerten ihren Anteil auf 40%. Deutschland ist so ungleich wie vor 100 Jahren. Bei den Vermögen ist Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Staaten besonders ungleich.

Ein Drittel aller alleinerziehenden Mütter sind von Armut bedroht. In Pflege- und Altenheimen herrscht Personalnotstand. Es gibt nicht genug Kita-Plätze. In den Bahnhöfen der Großstädte trifft man spätestens nach 10 Minuten auf Flaschensammler. 2 Millionen Kinder, fast jedes siebte Kind in Deutschland, leben von Hartz4. Das sind 8,6 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Seit 2005 ist die Leiharbeit von 400.000 auf nahezu 1 Million angewachsen.

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Berlin setzt auf „friedensstiftende Wirkung“ von Religionen

Ab Montag treffen sich Religionsvertreter aus Asien im Auswärtigen Amt. Der deutsche Außenminister will sie zum Dialog ermuntern und das friedensstiftende Potential von Religionen fördern.

Christoph Strack | Deutsche Welle

Für Heiko Maas ist es „lohnend und notwendig, mit Religionsgemeinschaften zu kooperieren“. Alle großen Religionen hätten den Anspruch, friedensstiftend zu wirken. Von Montag bis Mittwoch lädt das deutsche Außenministerium zum zweiten Mal Religionsvertreter zum Dialog über „Friedensverantwortung der Religionen“ ein.

Damit geht die deutsche Diplomatie den zweiten Schritt nach einer – noch größer – angelegten Auftaktveranstaltung im Mai 2017. Es ist der Versuch, gerade in Konflikten nicht mehr nur auf staatliche Akteure zu setzen, sondern Religionen als wesentliche Kräfte vieler Zivilgesellschaften einzubinden.

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ARD-Chefredakteur weist Kritik an Talkshows zurück

ARD Sendung: Menschen bei Maischberger – Feindbild Islam: Wird der Hass geschürt? (Archiv)
Haben Talkshows die AfD stark gemacht – über 100 Mal Flüchtlinge und Islam seit 2015? Diesen Vorwurf hat der Deutsche Kulturrat erhoben. ARD-Chefredakteur Becker hat jetzt den Vorwurf zurückgewiesen. Es werde allenfalls mal überspitzt formuliert.

MiGAZIN

Talkshows im deutschen Fernsehen stehen in der Kritik. Zuletzt hatte der Deutsche Kulturrat nach der Talksendung „Maischberger“ zum Thema „Die Islamdebatte – Wo endet die Toleranz“ massiv Kritik geübt. Der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, forderte eine einjährige Pause für die Talkshows.

„Mehr als 100 Talkshows im Ersten und im ZDF haben uns seit 2015 über die Themen Flüchtlinge und Islam informiert und dabei geholfen, die AfD bundestagsfähig zu machen“, erklärte Zimmermann. Die Spaltung der Gesellschaft habe zugenommen. Während einer einjährigen Auszeit sollten die Talkshows deshalb konzeptionell überarbeitet werden.

Diesen Vorwurf weist ARD-Chefredakteur Rainald Becker jetzt zurück, die politischen Talkshows von ARD und ZDF hätten die AfD stark gemacht. Dafür gebe es „keinen schlüssigen Beweis“, sagte Becker der Tageszeitung „Die Welt“.

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Alice Schwarzer: Scharfe Kritik an christlich-muslimischem Dialog

Alice Schwarzer, die Herausgeberin der Zeitschrift „Emma“ (picture alliance / Henning Kaiser/dpa)
Die Feministin Alice Schwarzer kritisiert, Deutschland unterscheide nicht zwischen Islam und Islamismus. Politikern und Kirchen wirft sie vor, „Schulter an Schulter mit Funktionären hoch suspekter Verbände zu stehen“. Sie sollten besser den „Dialog mit aufgeklärten Muslimen suchen,“ sagte Schwarzer im Dlf.

Alice Schwarzer im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Andreas Main: Hoffentlich formuliere ich jetzt nichts, was sich sexistisch anhört, nicht dass die berühmteste deutsche Feministin das Studio verlässt. Vor mir liegt ein Magazin mit einem Cover, das mich seit Tagen nicht loslässt.

Eine schöne Frau dominiert den Titel, eine sehr schöne Frau, südländisch, bronzefarbene Haut, ihr Haar fliegt gen Himmel. Als Mann, der nie so richtig lange Haare hatte, kann ich nur schätzen: Dieses Haar dürfte mehrere Kilo wiegen und dennoch erhebt es sich. Es scheint sich nicht bändigen zu lassen. Es lässt sich nicht zügeln, es lässt sich nicht einsperren. Und während dieses lockige, lange Haar sich dreht und windet, wirkt diese Frau auf dem Cover absolut entspannt, tiefenentspannt, ja, womöglich glücklich. Vor mir liegt die neueste Ausgabe von „Emma“ und die Titelgeschichte, sie kommt aus dem Iran. Der Titel lautet: „Unser Kampf gegen das Kopftuch“.

Alice Schwarzer, die Gründerin, Chefredakteurin und Herausgeberin der Emma ist bei uns im Studio zu einer Aufzeichnung kurz vor der Sendung. Wir wollen sprechen über das Kopftuch, über ihr neues Buch, bei dem die Religion eine große Rolle spielt, und über das eine oder andere heiße Islamismus-Eisen. Frau Schwarzer, herzlich willkommen.

Alice Schwarzer: Ja, guten Morgen Herr Main.

Main: Sie haben das Studio noch nicht verlassen.

Schwarzer: Nein, ich höre fasziniert zu, wie genau Sie den Titel beschreiben und in der Tat, auch ich gehe davon aus, dass diese Frau glücklich ist und auch stolz, glücklich und stolz, denn sie ist eine dieser todesmutigen Frauen im Iran, die demonstrativ ihr Kopftuch ablegen und ihr Haar zeigen. Das ist ja zurzeit eine Aktion im Iran. Die nennen sich Mädchen von der Revolutionsstraße. Die machen das nämlich mitten im Zentrum in der Revolutionsstraße. Manche landen im Gefängnis und haben vieles zu befürchten. Sie werden von Polizisten gestoßen, aber sie machen weiter. Ich glaube, das wird zur echten zumindest Beunruhigung für das Regime, vielleicht sogar der Beginn einer Bedrohung.

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Vom Misstrauen der Religionen gegenüber Frauen

Wohl alle Weltreligionen misstrauen Frauen – vom Buddhismus, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert gegründet wurde, über den Hinduismus bis zum Islam und Christentum (imago stock&people / Philippe Lissac)
Frauen seien missratene Männer, behauptete der Kirchenlehrer Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Damit stand der Theologe nicht allein. Alle Weltreligionen setzen Frauen enge Grenzen. Deutungsmacht ist männlich. Ein Streifzug durch Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus.

Von Mechthild Klein | Deutschlandfunk

Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin zerbrach sich den Kopf über die Frauen. Und kam zu einem ebenso schlichten wie folgenreichen Ergebnis: „Thomas von Aquin ist ja einer, für den klar war, dass Frauen verunglückte Männer sind, ein menschliches Wesen, das nicht die vollständige menschliche Form erreicht hat. Aber trotzdem ein Wesen, das es natürlich für die Reproduktion, für das Weitergehen des Menschengeschlechts braucht.“

Diese Position erscheine aus heutiger Sicht „sehr zeitbedingt“, sagt die katholische Theologin Marie-Theres Wacker. Es sei völlig klar, dass in diesem Bild Frauen keine vollwertigen Menschen sind oder dass sie in gleicher Weise Gott ebenbildlich sind wie die Männer. Geht man in der Geschichte noch weiter zurück, wird es nicht besser für die Frauen: „Zum Beispiel Augustinus, der große Kirchenlehrer des 5. Jahrhunderts, sich die Dinge so zurecht gelegt hat, dass Frauen zusammen mit den Männern Ebenbild Gottes sind, aber nicht allein. Wenn man solche Auslegungen der Tradition bis hin zur Hl. Schrift hat, dann ist es nicht verwunderlich, dass man Frauen nicht in Entscheidungspositionen hinein lässt“, so Wacker.

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Armin Laschet will Islam staatlich anerkennen

Will den Muslimen in Deutschland eine Tür öffnen: Armin Laschet (Archivbild)
Nicht zum ersten Mal trommelt der Regierungschef von Nordrhein-Westfalen dafür, das Verhältnis zwischen Muslimen und dem deutschen Staat neu zu ordnen. Das Problem ist nur: Der Islam spricht nicht mit einer Stimme.

Deutsche Welle

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hat sich erneut dafür ausgesprochen, den Islam in Deutschland staatlich anzuerkennen – ähnlich wie dies für christliche Kirchen und die jüdischen Gemeinschaften im Staatskirchenrecht verankert sei. Zuständig dafür seien die Länder, sagte Laschet dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er freue sich, „wenn die Bundeskanzlerin uns bei unseren Bemühungen unterstützt“.

Bisher fehle freilich ein Ansprechpartner für den Staat. „Es geht um die Frage: Wer spricht für die Muslime?“ Der größte Moscheeverband Ditib müsse sich aus seiner direkten Abhängigkeit vom türkischen Staat lösen und zu einer deutschen Institution werden, forderte der CDU-Politiker. Dieser Wandel sei „nötig, um zu einem anderen Finanzierungssystem zu kommen“. Dann würden auch Imame dauerhaft in Deutschland ausgebildet. Den Weg zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts müsse die Religionsgemeinschaft allerdings selbst gehen, der Staat dürfe sie „nicht einmal dabei unterstützen“.

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Seehofer plant neue Islamkonferenz – für „deutschen Islam“

Kurz nach seiner Vereidigung erklärte Horst Seehofer, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Eine Islamkonferenz will der Innenminister trotzdem einberufen. Außerdem plant er eine Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“.

DIE WELT

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will die Deutsche Islamkonferenz neu beleben. Für einen besseren Zusammenhalt im Land möchte er außerdem eine Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ einrichten sowie eine Fachkommission zur Integrationsfähigkeit, kündigte der CSU-Chef in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ an.

Dabei sollen sich die Islam Konferenz und die Fachkommission zur Integrationsfähigkeit dem Thema Zuwanderung widmen sowie der Frage nach der Entwicklung eines „nach den Gepflogenheiten des deutschen Religionsverfassungsrechts verfassten deutschen Islam für die in Deutschland lebenden und sich hier zugehörig fühlenden Menschen muslimischen Glaubens und muslimischer Abstammung“. Die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ soll sich um die „wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Alltagsprobleme der kleinen Leute“ kümmern.

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Irans Frauen – die stärkste gesellschaftliche Gruppe gegen die religiöse Diktatur

Bild: Amir Farshad Ebrahimi / CC-BY-SA-2.0

Häuser, deren Wände drei oder fünf Meter hoch sind und alles führt zu nur einer Tür, welche von einem Wachmann überwacht wird. Und unter einer Kette der Knechtschaft und einer bedingungslosen Verurteilung werden [iranische Frauen] oft entwurzelt, einige mit Blassgelb, einige hungrig und nackt, manchmal den ganzen Tag lang, wartend und weinend.

Tadsch os-Saltaneh (vor über hundert Jahren), Tochter des Naser ad-Din Schah von Kadscharen-Dynastie

Behrouz Khosrozadeh | TELEPOLIS

„Wenn ihr siegt, was würdet ihr für die Durchsetzung der Frauenrechte machen?“, fragte Frau Mohtaram Eskandari, eine der ersten Vorkämpferinnen für Frauenrechte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Frage erörterte Eskandari kurz vor dem Sieg der Konstitutionellen Revolution im Iran (Einführung des Parlamentarismus und Beschneidung der Befugnisse des Schah, 1906-1911). Die sehr junge Mohtaram stammte aus eine wohlhabenden Aristokratenfamilie und durfte den Diskussionssitzungen ihres Vaters und dessen Freunden, welche zu den damaligen Intellektuellen gehörten und Kämpfer für Parlamentarismus waren, beiwohnen.

Ein Mann aus der Reihe antwortete: „Du bist ganz schön gewachsen, da müssen wir zusehen, wie wir Dich bald unter den Tschador kriegen.“ Eskandari erwidert ohne zu zögern: „Mit dieser Einstellung werdet ihr nie siegen.“ Der Mann meinte es natürlich nicht ernst, aber Mohtesham Eskandari engagierte sich Zeit ihres kurzen Lebens (sie wurde nur 29) für die Verbesserung, ja Gleichstellung der Frauen und die Ablehnung des Hijab-Zwangs unter heiklen Bedingungen.

Etwa 90 Jahre nach Mohtaram Eskandaris Tod stehen iranische Frauen fast vor denselben Problemen. Dabei ist das Altkulturland Iran ein Staat mit einer sehr dynamisch-agilen Gesellschaft, vielleicht die dynamischste Gesellschaft im gesamten Nahen Osten. Mit den Worten des großen französischen Islam-, Nahost- und Islamismuskenners Olivier Roy: „Iran is the most secularized society in the Middle East.“ Das stellt zugleich den größten Widerspruch des Iran dar, in dem eine rigide unzeitgemäße religiöse Diktatur einer dynamisch modern eingestellte Gesellschaft gegenübersteht, so dass man sich fragt, wie diese religiöse Diktatur bisher 40 Jahre lang überlebt hat.

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Alexander Dobrindt: „Kein islamisches Land hat eine vergleichbar demokratische Kultur“

Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-LandesgruppeFoto: dpa/Peter Kneffel
CSU-Landesgruppenchef Dobrindt will nicht, dass der Islam kulturell prägend wird in Deutschland. Er vermisst in der islamischen Welt Nächstenliebe und Toleranz.

DER TAGESSPIEGEL

Der Islam soll nach Ansicht von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt für Deutschland kulturell nicht prägend werden. „Muslime, die sich in unsere Gesellschaft integrieren wollen, sind Teil unseres Landes, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland“, sagte Dobrindt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Er ist für unser Land kulturell nicht prägend und er soll es auch nicht werden.“

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Dodo Käßmann: Kein Gegeneinander von Christentum und Islam

Im Sommer geht die ehemalige Landesbischöfin und Reformationsbotschafterin, Margot Käßmann, in den Ruhestand. Mit der gebürtigen Marburgerin sprach unser Mitarbeiter Dieter Hintermeier über die hessische Politik, die Freiheit von Muslimen und die Freude der letzten Lebensetappe.

Frankfurter Neue Presse

Sie sind gebürtige Marburgerin. Was verbindet Sie noch an die Stadt der Heiligen Elisabeth?

MARGOT KÄSSMANN: Ich erinnere mich gern an Marburg. Meine Schwestern und ich waren ja dort auf der Elisabethschule. Später habe ich mein Studium dort abgeschlossen, und auch meine älteste Tochter ist dort geboren. Zwei meiner Töchter haben ein paar Semester in Marburg studiert.

Sie haben lange in Hessen gearbeitet. Woran erinnern Sie sich noch gerne?

KÄSSMANN: An die waldreiche und hügelige Landschaft. Wir haben als Familie sieben Jahre im Pfarrhaus in Spieskappel gelebt und später fünf Jahre in Fulda. Meine Mutter lebte in Stadtallendorf, die meines Mannes in Obersuhl. Hessen war also sehr präsent, und die ganze Familie joggt gern. Das haben wir immer genossen.

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Polnischer Priester bezeichnet den Papst als Fremdkörper in der Kirche

Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
Der US-Nachrichtensender berichtete in dem Zusammenhang über eine polnischen Priester, der Franziskus den Tod gewünscht habe

kath.net

Der bekannte US-Nachrichtensender CNN hat Papst Franziskus in einem Videobeitag als einen der „liberalsten Päpste“ der Geschichte und Gegenspieler von US-Präsident Donald Trump bezeichnet. In einem Bericht unter dem Videobeitrag wird dann ein Vorfall aus Polen thematisiert, bei dem P. Edward Staniek, ein Priester der Erzdiözese Krakau, vor einigen Tagen bei einer Predigt Franziskus als „Fremdkörper“ in der Kirche bezeichnet und den Wunsch geäußert hat, dass der Papst bald sterben sollte, falls er seinen Blick auf Flüchtlinge und den Islam nicht ändere. „Im Namen der Barmherzigkeit ruft Papst Franziskus Pfarren und Diözesen auf, die Türen für die Nachfolger des Islam zu öffnen. Als eine Religion sind die feindlich gegenüber dem Evangelium und der Kirche. Sie haben Millionen in Religionskriegen ermordet“, kritisierte der Priester. Sein eigener Erzbischof hat sich inzwischen von der Predigt des Priesters distanziert.

Horst Seehofer und der Islam: Warum Glaube und Politik sich nicht vertragen

Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, sagt Horst Seehofer. Das wirft Fragen nach dem generellen Verhältnis zwischen Politik und Religion auf.

Von Georg Diez | SpON

Erinnerungspolitik ist vor allem eines, Politik. Und wenn der neue Innenminister Horst Seehofer sein Amt gleich mit einer Kampfansage beginnt und einer tiefen Verbeugung vor der AfD und wenn er das Wesen dieses Landes und seiner Demokratie auf so rasante wie gefährliche Weise auf das Christentum reduzieren will, ein Wort, das er als Spaltbegriff einsetzt, dann ist klar, dass auch Kirchenpolitik vor allem eines ist, Politik.

Der Islam, sagt Horst Seehofer, gehöre nicht zu Deutschland. Was das Problem aufwirft, dass er das Land und seine verfasste Form verwechselt, die Kultur also und die Politik. Denn im Grundgesetz steht ja klipp und klar und selbst für einen Innenminister zu lesen, dass in Deutschland, bis auf Weiteres und falls Horst Seehofer das nicht abschaffen will, die Religionsfreiheit herrscht.

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Seehofers Islam-Aussagen sind eine Zumutung

Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, eingerahmt von Horst Seehofer und Alexander Dobrindt.Foto: Andreas Gebert/dpa
Horst Seehofer trennt den Islam von den Muslimen. Darin ist er geübt: Er trennt auch den Antisemitismus von jenen, die dessen Stereotype transportieren.

Von Malte Lehming | DER TAGESSPIEGEL

Horst Seehofer, der neue Bundesinnenminister, sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Die bei uns lebenden Muslime allerdings gehörten zu Deutschland. Das Thema ist alt. Seit der gegenteiligen Behauptung des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff wurde es in sämtlichen Aspekten beleuchtet. Es wurde alles dazu gesagt – von jedem.

Interessant allerdings ist die logische Struktur von Seehofers Satz. Sie erinnert ein wenig an die Haltung der Katholischen Kirche zur Homosexualität. Demnach seien homosexuelle Handlungen zwar auf keinen Fall zu billigen, den Homosexuellen aber müsse mit Achtung, Mitleid und Takt begegnet werden.

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Das Misstrauen gegen den Islam nimmt im Ruhrgebiet zu

Muslime beten während des islamischen Fastenmonats Ramadan. Foto: dpa(Archiv)
Forscher haben Integrationserfahrungen im Ruhrgebiet untersucht. Nur noch 37 Prozent der Befragten sagen: „Der Islam gehört zu Deutschland“.

Matthias Korfmann | WAZ

Die Akzeptanz gegenüber dem Islam hat im Ruhrgebiet zuletzt deutlich abgenommen, wie aus zwei bisher unveröffentlichten Forsa-Umfragen hervorgeht. Das Institut hatte in den Jahren 2015 und 2017 rund 2000 Revierbürger gefragt, wie sie zu der Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ stehen. Nur 37 Prozent der Befragten sagten im vergangenen Jahr dazu Ja – 2015 waren es zehn Prozentpunkte mehr. Viel größer ist übrigens die Zustimmung zu der Aussage, der Islam gehöre zum Ruhrgebiet. Jeder Zweite bejahte dies, im Jahr 2015 waren es aber noch 60 Prozent der Befragten.

Flüchtlingskrise und Silvesternacht

Die Flüchtlingskrise, die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht, der wachsende Einfluss von Salafisten, Anschläge im In- und Ausland sowie die Propaganda von Rechtsextremisten und -populisten haben offenbar das Misstrauen gegenüber dem Islam vergrößert. Das ist eines der Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP) in Zusammenarbeit mit der Brost-Stiftung.

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Wissenschaftler kritisiert Schieflage zugunsten der Kirchen – Analyse gefordert

Bild: tilly
Der Münsteraner Politikwissenschaftler Ulrich Willems sieht eine Schieflage in der politischen Auseinandersetzung mit dem Thema Religion. Es fehle eine Analyse der anstehenden Herausforderungen.

domradio.de

Im Koalitionsvertrag fänden sich dazu nur „Standardformulierungen zur Zusammenarbeit mit den beiden großen Kirchen“, sagte Willems im Interview der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“ am Donnerstag. Es fehle aber „eine konkrete Analyse der Herausforderungen, vor denen wir heute stehen“.

Muslime und Konfessionslose berücksichtigen

Die religiöse Landschaft habe sich seit den 50er Jahren stark verändert. Seien 1950 noch mehr als 96 Prozent der Bundesbürger Christen gewesen, gehörten heute nur noch etwa 60 Prozent einer der beiden großen Kirchen an; fünf Prozent seien Muslime. Die Konfessionslosen stellten de facto die stärkste Gruppe. „Von all dem merkt man im Koalitionsvertrag wenig“, so Willems.

Der Wissenschaftler fordert eine Reform der religionspolitischen Ordnung. Diese müsste Muslime und Konfessionslose mit ihren Interessen gleichberechtigt berücksichtigen. Stattdessen finde der Islam nur Erwähnung unter den Gesichtspunkten „Extremismusprävention, staatliche Sicherheit, Bekämpfung radikaler Muslime sowie Deutschsprachigkeit von Imamen in den Moscheen“.

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Immer weniger christliche Konvertiten werden anerkannt

Taufe eines muslimischen Mädchens in der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz. (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)
Der Asylantrag von Flüchtlingen, die vom Islam zum Christentum konvertiert sind und deshalb fliehen musssten, wird immer seltener anerkannt. Die Quote sei deutlich gesunken, sagen Pastoren. Offenbar wird im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Glaubwürdigkeit vieler Konversionen bezweifelt.

Von Marie Wildermann | Deutschlandfunk

Seitdem sie in Deutschland lebt, seit 2013, sei sie Mitglied einer christlichen Gemeinde, sagt Sharareh. Jeden Sonntag gehe die 40-Jährige in den Gottesdienst. Den christlichen Glauben habe sie in Teheran kennengelernt, in einem protestantischen Untergrund-Hauskreis, so die ehemalige Muslimin. Als der Leiter der Gruppe verhaftet wurden, habe sie Hals über Kopf das Land verlassen müssen. Über Umwege kam sie nach Deutschland, beantragte Asyl als religiös Verfolgte. Doch ihr Asyl-Antrag wurde abgelehnt.

„Ich weiß nicht, warum ich dieses Ergebnis bekommen habe. Ich bin schockiert, für mich ist es eine Katastrophe, ich kann nicht zurück in mein Land, ich bin verzweifelt.“

So wie Sharareh ergeht es derzeit vielen iranischen Flüchtlingen, die zum Christentum konvertiert sind. Auch, wenn sie aktive Kirchenmitglieder sind und ihre Pastoren ihnen das bescheinigen.

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Reformation des Islam?

Foto: pixabay.com / efzareklam
Immer wieder wird in gesellschaftspolitischen Diskussionen gefordert, dass der Islam sich einem Reformationsprozess unterziehen müsse.

Von Giordano Brunello | Richard-Dawkins-Foundation

Damit könne auch der Islam – so wie das beim Christentum und beim Judentum geschehen sei – in der Neuzeit ankommen. Eine Reformation im Islam im Sinne davon, wie dies bei dieser Forderung wohl gemeint ist, hat es allerdings bereits gegeben, was vielen Europäern leider unbekannt ist. Modernisierungsprozesse, die Säkularisierung der Gesellschaft, die Dominanz des Staates gegenüber der Religion, Rechte für Frauen und weitere solche Postulate hat es auch in der islamischen Welt gegeben. Bei dieser Entwicklung steht ganz zuoberst der Name der Gründer der modernen Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk.

Bereits die Staatsform der Republik, ein Staats- und Verwaltungsrecht nach dem Vorbild Frankreichs und die Einrichtung einer parlamentarischen Demokratie zeigen, dass Atatürk trotz seiner antiimperialistischer Grundeinstellung ein zutiefst westlich geprägter Staatsmann war, was auf seine Erziehung und Ausbildung zum Offizier zurückzuführen ist. Zum Zeitpunkt der Geschichte, als Mustafa Kemal die Offiziersschule besuchte, gehörten Offiziere zur geistigen Elite im Osmanischen Reich, weil ihre Ausbildung westlichen Standards entsprechen musste. Gerade solche Leute waren überhaupt in der Lage, die Rückständigkeit der Scharia-Gesellschaft zu erkennen. Mustafa Kemal, der später Atatürk werden sollte, war ein Mann, der die Gesetze der Logik, westliche Philosophie, westliche Literatur, westlichen Durst nach Wissen und Erkenntnis und die Liebe zum Fortschritt schon als junger Offizier kennengelernt hatte.

Atatürk gab dem Scharia-Islam einen Beinahe-Todesstoß, indem er nach der Staatsgründung das Kalifat abschaffte, wovon sich die orthodox-islamische Welt nie wieder erholt hat. Anschließend kamen weitere Reformen wie die Abschaffung des arabischen Alphabets und des islamischen Kalenders, eine Kleiderreform, eine Zivilgesetzgebung nach dem Vorbild der Schweiz, eine Handelsgesetzgebung nach dem Vorbild Deutschlands, eine Strafgesetzgebung nach dem Vorbild Italiens, das Wahlrecht für Frauen, die Abschaffung der Scharia und vieles mehr. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass im Zuge dieser Reformen auch der Koran nicht mehr auf Arabisch sondern auf Türkisch rezitiert werden musste. Der Ruf des Muezzins war für eine Zeit lang Türkisch. Gerade diese Tatsache erinnert wohl unweigerlich an die Reformation Luthers! Die Beseitigung dieser Reform Atatürks war im Übrigen die erste Amtshandlung der Regierung Menderes (großes Vorbild des Islamisten Erdoğan) im Jahr 1950. Wesentlich später wurde Adnan Menderes gehängt, weil er unter anderem auch für das Pogrom von Istanbul verantwortlich gemacht wurde.

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Islam im Dritten Reich: Für Führer und Prophet

Muslimische Waffen-SS-Mitglieder lesen ein Heft mit dem Titel: ‚Islam und Judentum‘. (HO / AFP)
Hitler konnte das Christentum nicht ausstehen. Dem Islam konnte er etwas abgewinnen. Das NS-Regime ließ Hunderttausende muslimische Rekruten für Deutschland kämpfen. Dahinter stand „militärisches Kalkül“, sagte der Historiker David Motadel im Dlf. Ideologische Motive waren sekundär.

David Motadel im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Andreas Main: Es geht hier und jetzt um eine merkwürdige Allianz: um die Allianz der Nazis mit den Muslimen. Die hat ein junger Historiker erforscht. Er heißt David Motadel. Er ist 1981 in Detmold geboren – als Sohn iranisch-deutscher Eltern mit Wurzeln in viele Religionsgemeinschaften. Er lehrt heute in England als Professor für Internationale Geschichte an der London School of Economics. Sein Buch über die Allianz der Nazis mit den Muslimen ist zuerst in den USA und England erschienen. Jetzt drei Jahre später auch auf Deutsch. Es hat den Titel „Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich“.

Ian Kershaw, einer der wichtigsten Forscher zum Nationalsozialismus, hat es als „herausragend“ bezeichnet, womit der Verlag auch – berechtigterweise – Werbung macht. Auch die Kritik in Deutschland ist ausgesprochen positiv ausgefallen. Ich kann nur ergänzen: Das ist ein Buch, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Hochgradig spannend – gerade, weil es so nüchtern und sachlich ist. Ich bin nun verbunden mit David Motadel. Willkommen und hallo, David Motadel.

David Motadel: Hallo Herr Main.

Main: Herr Motadel, lassen Sie uns mit der Tür ins Haus fallen. Heutige Neonazis hassen alle gleichermaßen: Juden, Gelbe, Braune, Schwarze, auch Muslime. Damit stehen sie im Gegensatz zum Original. Führende Nazis des sogenannten Dritten Reiches bewunderten Muslime offenbar. Verkehrte Welt?

Motadel: Ja, einige führende Nazis, also allen voran Hitler und Himmler, waren vom Islam tatsächlich fasziniert. Und sie haben auch wiederholt ihre Sympathie für den Islam bekundet. Das heißt zum Beispiel: Wann immer Hitler während der Kriegsjahre die katholische Kirche kritisierte, verglich er sie gleichzeitig mit dem Islam als gewissermaßen positives Gegenbeispiel.

Das heißt, während er den Katholizismus als schwache, verweichlichte Religion verurteilte, lobte er den Islam oft als starke, aggressive Kriegerreligion. Also, da gab es eine gewisse Faszination für den Islam.

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