Antisemitismus wird wieder „salonfähig“

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Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) hat vor einer zunehmenden Judenfeindlichkeit in Deutschland gewarnt.

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Nachdem das Bewusstsein, was Antisemitismus angerichtet habe, in Deutschland lange sehr stark gewesen sei, müsse man nun „feststellen, dass Antisemitismus wieder salonfähig wird“, sagte Barley den Zeitungen der Funke-Mediengruppe in Essen.

Die Debatte über die Verleihung des Musikpreises Echo an die Rapper Kollegah und Farid Bang oder der jüngste Übergriff auf einen Israeli in Berlin zeigten das mit erschreckender Deutlichkeit. „Es ist unsere große Aufgabe, dieser Entwicklung entgegenzutreten“, forderte die Ministerin.

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Rapper: Deutsche Rap-Szene ist so antisemitisch wie Rechtsrock

Ben Salomo (2015), CC BY-SA 4.0

Der jüdische Rapper Ben Salomo attestiert der deutschen Rap-Szene eine starke Judenfeindlichkeit. Die deutsche Rap-Szene sei in weiten Teilen genauso antisemitisch wie die deutsche Rechtsrock-Szene, sagte Salomo der „Berliner Morgenpost“ (Samstag).

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Bei vielen, die er kenne, spiegele sich das noch nicht mal in den Texten wider, aber sehr viele glaubten an antijüdische Verschwörungstheorien. „Dadurch kommt das dann auch immer wieder in den Songs vor“, sagte der Berliner Musiker.

Am Donnerstag waren die Rapper Kollegah und Farid Bang in Berlin mit dem Musikpreis Echo für ihr Album „Jung, brutal, gut aussehend 3“ ausgezeichnet worden. Auf der Bonus-EP des Albums heißt es im Song „0815“: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Die Auszeichnung hatte für Empörung gesorgt. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sprach von einer Schande.

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Zahl antisemitischer Straftaten nicht zurückgegangen

Die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zufolge 2017 nicht gesunken. Die Anzahl der Delikte bewege sich schon seit Jahren auf einem Niveau von rund 1.500 pro Jahr, sagte de Maizière dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Nach den uns bis jetzt vorliegenden Zahlen wird auch im Jahr 2017 die Zahl nicht zurückgegangen sein“, ergänzte der geschäftsführende Minister und betonte, jede einzelne dieser Straftaten sei „eine zu viel und eine Schande“.

Von Corinna Buschow | evangelisch.de

Vor dem Hintergrund jüngster Vorfälle wie dem Verbrennen einer Israel-Flagge bei einer Demonstration in Berlin und der Beschimpfung eines jüdischen Restaurantbesitzers warnte der CDU-Politiker davor, nur auf solche spektakulären Taten zu schauen. „Leider gab es auch vorher schon antisemitische Straftaten, Situationen in denen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens in Deutschland bedroht oder gar angegriffen wurden“, sagte de Maizière.

Wichtig bleibe, „dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Kampf gegen jede Form von Antisemitismus Teil unserer Staatsräson ist“, ergänzte er. Judenfeindlichkeit dürfe in Deutschland nicht um sich greifen. „Und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass dies auch von Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, uneingeschränkt akzeptiert werden muss“, betonte de Maizière.

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Autoritäre Einstellungen bei Schülern

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Als eine der ersten empirischen deutschsprachigen Studien in diesem Bereich wurden im Rahmen einer Masterarbeit autoritäre Einstellungen von 668 SchülerInnen mit besonderer Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit gemessen.

Von Felix Kruppa | Richard-Dawkins-Foundation

Der Fragebogen ermittelte Einstellungen zu den Themen Minderheitenfeindlichkeit, der Bedeutsamkeit der eigenen Weltanschauung, Einstellungen zur Erziehung, Demokratie sowie Rollenbildern und Sexualität. Während die Einstellungen von SchülerInnen christlichen Glaubens und jenen ohne Religionszugehörigkeit oft nur marginal voneinander abwichen, erwiesen sich die muslimischen SchülerInnen in fast allen Bereichen als autoritärer.

Der Text kann auch unter folgendem Link als PDF-Datei heruntergeladen werden: Felix Kruppa – Autoritäre Einstellungen bei Schülerinnen und Schülern mit besonderer Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit (Diskussionspapier)

Die komplette Masterarbeit, die u.a. alle Studienergebnisse enthält, versende ich gerne auf Anfrage.

Einleitung

Die Studie zur „Autoritären Persönlichkeit“ von Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford (1950) war der Beginn für die wissenschaftliche Suche nach den Erklärungsansätzen und Ursprüngen von faschistischen und antidemokratischen Einstellungen, sowie Vorurteilen und Diskriminierung. Grundlage dieser autoritären Persönlichkeit sind u.a. negative Intergruppeneinstellungen, die spätestens durch den starken Anstieg der Zuwanderung nach Deutschland seit dem Jahr 2015 wieder in Erscheinung treten. Die eigene Identität wird verstärkt ex negativo zu anderen (Gruppen-)Identitäten gebildet und findet in ihnen ihren vermeintlichen Konterpart. Bestrebungen zur Abgrenzung der eigenen Gruppenidentität und dem Versuch der Herausstellung ihrer Überlegenheit gegenüber anderen Gruppen bei gleichzeitiger Besinnung auf traditionelle, oft reaktionäre Wertegefüge, sind allerdings nicht nur einer nach rechts rückenden Mehrheitsgesellschaft zuzuschreiben.

Ein gewichtiger Faktor für die Begründung und Genese autoritärer Einstellungen scheint auch die Religion zu sein. Homophobie, Judenfeindlichkeit oder die Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau finden oft auch religiöse Anleihen. In Bezug auf den Islam führt die Besinnung auf die eine konservative muslimische Identität in vielen Fällen dazu, dass Prinzipien wie der Säkularismus, Religionskritik, aber auch die Akzeptanz von Homosexualität und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht als Selbstverständlichkeit aufgefasst werden. Konservative bis fundamentalistische Auslegungen des Korans gewinnen an Zuspruch und der islamische Glaube gewinnt auch generell für immer mehr Muslime an subjektiver Bedeutung.[1] Aber auch die Kirche unterstützt seit ihrer Gründung traditionelle Rollenbilder und leistet u.a. einen erheblichen Beitrag zur Abwertung von homosexuellen Menschen, die sich im Katechismus, aber auch den Aussagen hoher christlicher Würdenträger wie des Papstes widerspiegeln. Der Katechismus der katholischen Kirche bezeichnet die Homosexualität als „schlimme Abirrung“ und „Prüfung“, und „keinesfalls zu billigen“, weil sie gegen das „natürliche Gesetz [verstößt]“. Deswegen sei Homosexuellen mit „Mitgefühl“ zu begegnen.[2]

Die beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich teilweise in Zonen diskursiver Immunität befinden, zeichnen sich oft schon in den Schulen ab. Schulklassen und die Einstellungen der SchülerInnen[3] werden zunehmend heterogener. Teilweise konfligierende Werte und Lebensmodelle sind für LehrerInnen eine besondere Herausforderung, weil sie nicht nur als Vermittlungsinstanz für Schulwissen, sondern auch als Erziehende einen großen Beitrag für die Wertebildung im Sinne einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft leisten. Schulen müssen insofern nicht nur als Spiegel für die Gesellschaft, sondern auch als wichtige Instanz ihrer Konstitution gesehen werden. Gerade deshalb ist ihre integrative Funktion und die Vermittlung demokratischer und aufklärerischer Grundprinzipien auch in Zeiten der zunehmenden Diversifizierung eine Aufgabe, die neben ihrer Qualifikationsfunktion höchste Priorität hat.

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Katholiken und jüdische Gemeinden gegen Reformationstag als Feiertag in Niedersachsen

Ein von Ministerpräsident Stefan Weil (SPD) ins Gespräch gebrachter, dauerhaft arbeitsfreier Feiertag am Reformationstag (31. Oktober) stößt nach einer epd-Umfrage bei den Vertretern der Religionen in Niedersachsen auf ein geteiltes Echo.

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Während aus den evangelischen Kirchen Zustimmung kommt, lehnen Katholiken und jüdische Gemeinden den Vorschlag ab. Die Muslime stehen der Idee grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber.

Der Reformationstag erinnert an die Veröffentlichung der Thesen von Martin Luther (1483-1546) gegen Missstände in der Kirche am 31. Oktober 1517. Wegen des 500. Reformationsjubiläums ist er in diesem Jahr arbeitsfrei. Weil hatte vorgeschlagen, ihn künftig als einen „Tag des Brückenschlags zwischen den Religionen“ dauerhaft zum Feiertag zu machen.

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Zentralratspräsident gibt Kirchen Mitschuld an Antisemitismus

links: Bildnis von Gewalt gegen Juden entstanden 1250 ;rechts: „Von den Juden und ihren Lügen“: mit dieser Schrift begann Martin Luthers Serie judenfeindlicher Schriften von 1543. Bild: zu-Daily.de
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat die beiden großen Kirchen für Antisemitismus in Deutschland mitverantwortlich gemacht.

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„Das ist ein über Generationen tradierter Antisemitismus. Da haben sicherlich beide christlichen Kirchen eine Mitschuld“, sagte Schuster dem Berliner „Tagesspiegel“ (Sonntag).

Über Jahrhunderte sei von Kanzeln Judenfeindlichkeit gepredigt worden, sagte der Zentralratspräsident weiter: „Auf diesem Boden hat nationalsozialistische Propaganda gut gefruchtet.“ Es sei erstaunlich, heute noch zu erleben, wie sich Vorurteile über Juden in der Bevölkerung halten, sagte Schuster.

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Arte weist Schuster-Kritik an Reportage über Gaza-Streifen zurück

Arte weist die Kritik des Zentralrats der Juden an einer Reportage über den Gaza-Streifen zurück.

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Den Eindruck, Israel werde in der Sendung „Gaza: Ist das ein Leben?“ für den Konflikt verantwortlich gemacht, könne der Sender nicht nachvollziehen, teilte Arte am Dienstagabend in Straßburg mit. Reportagen setzten sich bewusst mit den Lebensumständen der Protagonisten auseinander und nähmen deren Perspektive ein. So auch der kritisierte Beitrag. Zentralratspräsident Josef Schuster hatte den 15-minütigen Film am Dienstag als „einseitig“ kritisiert: Die Reportage unterschlage „wesentliche Informationen“.

In dem am 22. Juli 2017 gesendeten Film wird der Alltag von palästinensischen Familien begleitet, die Angehörige durch Luftangriffe der Israelischen Armee verloren haben. Arte erklärte, der journalistische Wert des Genres bestehe gerade darin, persönliche Sichtweisen authentisch widerzuspiegeln, ohne den Anspruch zu erheben, „einen komplexen Sachverhalt vollständig und von allen Seiten gleichgewichtig zu beleuchten“. Der Sender achte konsequent darauf, dass im Gesamtprogramm „eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven des israelisch-palästinensischen Konflikts“ abgebildet werden und wolle „auch in Zukunft unterschiedlichen Sichtweisen Raum geben“.

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Pfeiffer: Kirche muss Luthers Judenfeindlichkeit aufarbeiten

links: Bildnis von Gewalt gegen Juden entstanden 1250 ;rechts: „Von den Juden und ihren Lügen“: mit dieser Schrift begann Martin Luthers Serie judenfeindlicher Schriften von 1543. Bild: zu-Daily.de
Die Kirche habe es vor vier Jahren zum 75. Jahrestag der NS-Pogromnacht von 1938 versäumt, selbstkritisch Rückschau zu halten, schreibt Pfeiffer in einem Beitrag für die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (Samstag).

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Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat die evangelische Kirche aufgefordert, die Judenfeindlichkeit des Reformators Martin Luther (1483-1546) gründlich aufzuarbeiten. Die Kirche habe es vor vier Jahren zum 75. Jahrestag der NS-Pogromnacht von 1938 versäumt, selbstkritisch Rückschau zu halten, schreibt Pfeiffer in einem Beitrag für die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (Samstag). Evangelische Theologen hätten sich bis zur NS-Zeit immer wieder zustimmend mit Luthers judenfeindlichen Äußerungen auseinandergesetzt. Luthers Forderungen hätten bereits vorweggenommen, was knapp 400 Jahre später von den Nazis in der Pogromnacht verwirklicht worden sei.

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„Zeige niemals, dass du Jude bist“

Die Friedenauer Schule ist Teil der Initiative „Schule ohne Rassismus“. Trotzdem kam es zu antisemitischen Vorfällen.Foto: Thilo Rückeis
Die antisemitischen Übergriffe an einer Friedenauer Schule sind kein Einzelfall. 2016 wurden allein in Berlin 470 judenfeindliche Vorfälle gezählt.

Von Hannes Soltau | DER TAGESSPIEGEL

„Du darfst in der Öffentlichkeit niemals zeigen, dass du Jude bist.“ Diese letzten Worte seines Großvaters hat Levi Salomon tief verinnerlicht. Der Geschäftsführer des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) zeigt sich nach den antisemitischen Vorfällen an einer Friedenauer Gemeinschaftsschule beunruhigt. Denn die Warnung seines Großvaters ist heute für viele Juden in Berlin wieder bittere Realität.

Seit mehr als 25 Jahren ist Salomon Teil der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Als seine Familie 1991 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam, sei ein zentraler Gedanke vorherrschend gewesen: „Wir wollen nie wieder im Ghetto leben“. Man versuchte sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und schnell Deutsch zu lernen: „Die Eltern entschieden sich bewusst dagegen, ihre Kinder auf eine jüdische Schule zu schicken.“ Damals glaubte man, dass der Antisemitismus in Deutschland zunehmend zu einer Randerscheinung werde. Aus heutiger Sicht sei das aber ein Irrglaube.

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Kirchentagspräsidentin: Luther würde heute eher nicht eingeladen

Foto: epd-bild/Alexander Baumbach. bearb.: bb
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Kirchentagspräsidentin Christina aus der Au meint, Luthers Judenfeindlichkeit würde ihn heute für eine Einladung zum Kirchentag „disqualifizieren“. Auch die AfD-Politikerinnen Frauke Perty und Beatrix von Storch kann sie sich nicht auf einem Podium vorstellen.

evangelisch.de

Kirchentagspräsidentin Christina aus der Au bekräftigte in einem Gespräch im Deutschlandfunk einen Beschluss des Kirchentagspräsidiums, nach dem nicht zum Deutschen Evangelischen Kirchentag eingeladen werde, wer sich rassistisch äußere. Mit dieser Linie wäre es nach Einschätzung von aus der Au heute schwierig zu beurteilen, ob Reformator Martin Luther 500 Jahre nach seinem überlieferten Thesenanschlag zum Kirchentag eingeladen würde. „Seine Judenfeindlichkeit würde ihn disqualifizieren“, sagte sie.

Zudem kann sich aus der Au prominente AfD-Politiker nicht als Diskutanten beim Christentreffen im kommenden Jahr in Berlin vorstellen. „Ich würde sehr ungern vor einem Publikum mit jemandem so Herausgehobenem wie Frauke Petry diskutieren, weil ich einfach befürchte, das gibt kein Gespräch“, sagte aus der Au am Montag. Sie habe kein Problem damit, mit Petry beim Bier oder Kaffee zu reden. Bei einem Gespräch vor Publikum fürchte sie aber, es gehe nur um „Wer schlägt besser zu?“, sagte die Schweizerin, die an der Spitze des Kirchentags 2017 steht.

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Menschenrechtskommissar beklagt wachsenden Judenhass

Bild: bb
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Der Menschenrechtskommissar des Europarats fordert die europäischen Staaten auf, Holocaust-Leugnung juristisch zu ahnden. Die Europäer würden die Gefahr „zunehmender antisemitischer Hetze und Gewalt“ übersehen.

SpON

In Europa breitet sich nach Ansicht des Menschenrechtskommissars des Europarats Judenfeindlichkeit aus. Nils Muiznieks beklagte in einem Blogbeitrag „zunehmende antisemitische Hetze, Gewalt und Leugnung des Holocausts“. Bei seinen Reisen in den vergangenen Jahren habe er den Eindruck bekommen, dass die Europäer diese Gefahr übersehen. Gerade in Osteuropa fiele es einigen Ländern schwer, Verantwortung zu übernehmen für ihre Rolle bei der Judenvernichtung der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs, so der Lette Muiznieks.

Muiznieks forderte die Staaten deshalb auf, die Leugnung, Verharmlosung und Verherrlichung des Holocausts zu ahnden. In Deutschland wird dies bereits als Volksverhetzung bestraft.

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Christen rechtsaußen: Hetzkatholiken und Hassprotestanten

Bild: BR24
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Mit der Pegida-Bewegung sind sie ins Visier der Öffentlichkeit geraten: Christen am rechten Rand, das schwarz-rot-goldene Kreuz vor sich hertragend. Und doch agieren ultrakonservative Katholiken wie Protestanten schon viel länger – im Internet und auf den Straßen.

Von Veronika Wawatschek | BR24

So viel vorweg: Hier geht es nicht vorrangig um Glatzen und Springerstiefel in Kirchenbänken, sondern vielmehr um den ultrakonservativen bis rechten Rand, der biblische Werte schützen will. Von „Katholiban“, von denen der Publizist David Berger einmal sprach, kann nicht die Rede sein. Bislang rüsten die Rechtsaußen-Christen nur verbal zum Kampf. Und doch wird bei genauerem Hinsehen deutlich: Es braut sich etwas zusammen am christlich-rechten Rand – auch weil sie mit der AfD einen politischen Arm für ihre Themen bekommen haben, wie in der Grundsatzvereinbarung der „Christen in der AfD“ nachzulesen ist.

Der Themendreiklang

Die Publizistin Liane Bednarz kennt diesen Rand von innen. Sie bezeichnet sich als konservativ und gläubig, stieg aber aus der Szene aus, als ihr die Parolen zu ausgrenzend wurden. Ihren Worten zufolge widmen sich rechte Christen vor allem dem „Schutz des Lebens“, dem „Schutz von Ehe und Familie“ und dem „Schutz des christlich-geprägten Abendlandes“. Nicht selten verberge sich dahinter allerdings radikale Abtreibungsgegnerschaft, von der sich selbst die Kirchen distanzierten, sowie Homophobie und ausgewiesene Islamfeindschaft.

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Ausstellung „Luther, Bach – und die Juden“ in Eisenach

Foto: epd-bild/Alexander Baumbach. bearb.: bb
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Eine neue Ausstellung in Eisenach spannt den Bogen von Martin Luthers antijüdischen Schriften über die Frage des Antijudaismus in Bachs Passionen bis hin zur Wiederentdeckung seiner Musik durch das jüdische Bürgertum.

evangelisch.de

Die Exposition trägt den Titel „Luther, Bach – und die Juden“, wie das Bachhaus der Wartburgstadt am Donnerstag mitteilte. Dort ist die Schau vom 24. Juni an zu sehen.

In einem ersten Teil der Ausstellung gehe es um Luthers Judenfeindlichkeit und dessen Nachwirken im Luthertum zu Johann Sebastian Bachs Lebzeiten. Thematisiert werde das Interesse des Komponisten an jüdischer Geschichte und dem Anti-Judaismus – belegt durch die Bücher in seiner „Theologischen Bibliothek“ – und die immer wiederkehrende Frage, ob Bachs Passionen judenfeindlich seien.

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Verborgen

Bild: Süddeutsche.de
Ausgrenzung kommt manchmal laut daher. Man kann andere aber auch mit Taten mundtot machen.

Von Carolin Emcke | Süddeutsche.de

Im Dorf gibt es keine Juden mehr“, schrieb der ungarische Schriftsteller Szilárd Borbély in seinem erschütternden Roman „Die Mittellosen“, „das heißt: es gibt sie, aber man spricht nicht darüber. Man tut so, als gäbe es sie nicht. Es gibt einen Juden, aber der ist auch keiner mehr“. Die Ablehnung von Jüdinnen und Juden lässt sich mittels verschiedener perfider Techniken artikulieren: über sie nicht mehr zu sprechen, so zu tun, als gäbe es sie nicht, die, welche jüdisch sind, einfach so zu leugnen, dass sie sozial gleichsam aufhören zu existieren – das ist nur einer der Mechanismen der schleichenden Exklusion. Eine gröbere und brutalere Form ist es, Zonen der Angst und der Unsicherheit auf Plätzen und Straßen zu erzeugen, wo Menschen, die Kippa tragen, verbal oder physisch angegriffen werden. So wird es nach und nach für Juden zu einem Risiko, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sie werden gedrängt, sich zu fragen, ob es sicherer wäre, sich zu verleugnen.

Die Stadt Budapest kürzt dem Orchester die Mittel, ganz ohne Absprache. Zufall?

Es gibt andere Spielformen des Antisemitismus, die Jüdinnen und Juden beschädigen und ausgrenzen, ohne sich selbst als offen judenfeindlich zu erklären, ja, ohne Juden überhaupt zu erwähnen. Dafür reicht es schon, einzelne Praktiken zu stigmatisieren, die jüdische Gläubigkeit oder Identität markieren. Da wird dann einfach in Parteiprogrammen gegen die rituelle Beschneidung (die Brit Mila) agitiert oder mit Verbot gedroht. Ohne explizit zu machen, wem damit untersagt werden soll, seine eigenen Vorstellungen des guten und richtigen Lebens, seinen eigenen Glauben leben zu dürfen: eben Juden (und Muslimen). Diese Form des Ausgrenzens von Jüdinnen und Juden funktioniert gleichsam über Bande, indem sie nicht gegen das Judentum selbst hetzt, sondern nur Praktiken und Überzeugungen infrage stellt, die mit jüdischer Identität und jüdischem Leben unverbrüchlich verbunden sind. Kritik an dieser indirekten Judenfeindlichkeit wird gern abgewehrt mit dem Verweis darauf, es ginge angeblich gar nicht um das Judentum.

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Sorge vor neuem Antisemitismus: „Wir hoffen, dass der Staat stark genug ist“

Ein junger Mann mit einer Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
In den jüdischen Gemeinden in Deutschland wächst die Sorge vor einem neuen Antisemitismus. Viele Flüchtlinge kämen aus Ländern, in denen Judenfeindlichkeit zum Alltag gehöre, warnen sie. Befürchtet wird, dass vor allem Jugendliche den Antisemitismus aus ihren Heimatländern mitbringen und Übergriffe zunehmen könnten.

Von Sabine Adler|Deutschlandfunk

Leon Golzmann arbeitet in einem Hotel am Berliner Ku-Damm. Er überwacht hier und in anderswo, ob Restaurants, die koscheres Essen anbieten auch wirklich alle Regeln dafür einhalten. Zum Interview erscheint er wegen eines dringenden Auftrags nicht selbst, dafür kommt der Vater. Ischir Golzmann. Mit Frau und Kindern durfte er 1973 die Sowjetunion verlassen, sie gingen nach 1973 nach Israel, später nach Deutschland. Seit 37 Jahren leben sie in Berlin. Ischir Golzmann trägt eine Kippa. Die beigefarbene Kappe fällt kaum auf seinem grauen Haar kaum auf, trotzdem hat er sie erst im Hotel aufgesetzt. Auf der Straße trägt er sie nicht. Von Angst mag der 70jährige nicht sprechen, von Sorgen schon.

„Wir hoffen, dass der Staat stark genug ist, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Wir versammeln uns als Juden in der jüdischen Gemeinde und werden gut bewacht. Und auf der Straße sind wir so gut angepasst, dass man die meisten Juden nicht mehr erkennt. Wenn man wie ich ohne Kippa geht, denkt man das ich Türke bin oder so etwas. Aber mein Sohn, der Leon, ist ein prinzipieller Jude. Der geht in so einem Aufzug, dass man ihn schon von Weitem als Jude erkennt. Aber der hat keine Angst.“

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Lutherdenkmal in Wittenberg mit Augenbinde

Foto: epd-bild/Alexander Baumbach. bearb.: bb
Foto: epd-bild/Alexander Baumbach. bearb.: bb

Das weltbekannte Lutherdenkmal in Wittenberg hat eine Augenbinde als Zeichen der Judenfeindlichkeit des Reformators bekommen.

evangelisch.de

Die gelbe Binde habe er der Figur am Montag von einer Leiter aus angebracht, sagte der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Friedrich Kramer. Die Aktion sei ein Aufruf, sich von Luthers Judenhass zu distanzieren. Sie solle zeigen, wie der Reformator in dieser Frage blind gewesen sei.

Gleichwohl habe Luther klarsichtig sehr viel Neues entdeckt. Die Binde soll Luther aber am Dienstag zu seinem 532. Geburtstag wieder abgenommen werden.

„Israel-Bashing ist Mainstream“

Münchens jüdische Gemeinde feiert ihr 200-jähriges Bestehen. Ein Jubiläum in schwierigen Zeiten, sagt Charlotte Knobloch


Von Peter Issig|DIE WELT

Bild:  phhesse/flickr
Bild: phhesse/flickr

Von ihrem Schreibtisch blickt Charlotte Knobloch auf ein kleines Ölgemälde. Es zeigt die alte von den Nazis zerstörte Synagoge, dahinter sind die Türme der Münchner Frauenkirche. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie die neue Ohel-Jacob-Synagoge und auch die Frauenkirche. Die israelitische Kultusgemeinde in München ist die zweitgrößte in Deutschland nach Berlin. Am Mittwoch feiert sie zwei Jubiläen. Das Judenedikt von Maximilian Graf Montgelas vor 200 Jahren und die Wiederkehr der Gemeinde nach der Schoah vor 70 Jahren.

Welt am Sonntag:

Die jüdische Gemeinde hat in der Mitte der Stadt einen Platz gefunden. Entspricht das auch der gesellschaftlichen Realität?

Charlotte Knobloch:

Ja. Die jüdische Gemeinschaft ist heute wieder ein fester und anerkannter Bestandteil unserer Gesellschaft. Das Judentum hat in unserem Land wieder eine Gegenwart und eine Zukunft – von beidem war 1945 nicht auszugehen. In München sind wir aus dem Hinterhofdasein der Nachkriegszeit zurück in die Mitte der Stadt gezogen, aus der wir einst gerissen wurden. Wir sind wieder sichtbar und selbstverständlich. Es gibt Rückschläge, kein Zweifel, aber die positiven Entwicklungen dominieren.

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Juden wollen Entschuldigung für Luthers Antisemitismus

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Die Juden in den Niederlanden haben von den Protestanten eine Entschuldigung für den Antisemitismus von Martin Luther verlangt. Luther sei für erfolgreiche Kampagnen gegen Missstände in der römisch-katholischen Kirche bekannt, aber er habe auch heftig über die Juden hergezogen, schreibt die niederländische Tageszeitung „Trouw“ (Dienstag) unter Bezug auf eine gemeinsame Stellungnahme von liberalen und orthodoxen Rabbinern sowie dem Zentrum für Information und Dokumentation über Israel (Cidi).


kathweb

Das niederländische Gedenken an den Reformator zum 500. Jahrestag der Reformation 2017 sei eine gute Gelegenheit, um Antisemitismus nachdrücklich zu verurteilen. „Luthers Ideen in der Kirche sind seit langem eine starke Quelle für den Antisemitismus“, so der Rabbiner von Amsterdam, Menno ten Brink.

Die Protestantische Kirche in den Niederlanden (PKN) sagte, dies sei „ein sehr wertvoller Vorschlag“. Eine Verurteilung von Luthers Judenfeindlichkeit erfordere jedoch eine „tiefe Reflexion“, so Sprecherin Marloes Nouwens-Keller. Ihre Kirche werde sich mit dem Thema beschäftigen. Die PKN ist eine Union von drei protestantischen Kirchen in den Niederlanden: der gemäßigt calvinistischen, der streng calvinistischen (reformierten) und der zahlenmäßig kleinen lutherische Kirche.

Andreas Nachama „Wir brauchen einen Antisemitismusbeauftragten“

Aktivisten demonstrieren aus Anlass des Gazakriegs im Juli 2014 bei einer Kundgebung linker und kurdischer Gruppen am Kottbuser Tor in Berlin mit einem Schild „Israel is real… – Foto: dpa
Andreas Nachama von der „Topographie des Terrors“ über Judenfeindlichkeit und Salon-Antisemitismus, der bis in die Mitte der Gesellschaft reicht.


Von Christian Böhme|DER TAGESSPIEGEL

Herr Nachama, braucht eine Antisemitismus-Expertenrunde zwingend eine jüdische Perspektive?

Darum kommt man wohl kaum herum. Schließlich richtet sich der Hass der Antisemiten gegen Juden. Bei einer Kommission, die sich mit Islamfeindlichkeit beschäftigt, sollten ja auch sinnvollerweise Muslime beteiligt sein. In Deutschland gibt es etwa 100000 Juden, die in Gemeinden organisiert sind. Auf ihre Einschätzung, ihre Erfahrungen mit antisemitischen Ressentiments kommt es an.

Dennoch sollte die neue Antisemitismus-Kommission des Bundesinnenministeriums zunächst ohne ein jüdisches Mitglied auskommen. Die Empörung war groß. Zu Recht?

Man kann schon sagen, dass dies ein Geburtsfehler des Gremiums war.

Das Innenministerium hat inzwischen eingelenkt: Die Psychologin Marina Chernivsky und Sie gehören nun zum Kreis der Fachleute. Was kann Andreas Nachama als Jude, Historiker und Rabbiner beitragen?

Das wird sich zeigen. Zunächst werde ich darauf drängen, dass die Betroffenen selbst befragt werden. Und zwar auf einer repräsentativen sozialwissenschaftlichen Basis. Zudem hat die Vorgängerkommission 2012 vernünftige Handlungsempfehlungen gegeben.

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Wolfgang Benz: „Was früher Talmud-Hetze war, ist jetzt Koran-Hetze“

Wolfgang Benz, Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0
Der Antisemitismusforscher über gefährliche Ausgrenzung, hartnäckige Vorurteile, falsche Maßnahmen und den „Bodensatz“ in der Gesellschaft.

Interview | Peter Mayr, Marie-Theres EgyedderStandard.at

STANDARD: Österreich und Deutschland planen gesetzliche Maßnahmen gegen radikalen Islamismus. Ist das ein richtiger Schritt?

Benz: Das schürt die Feindbilder. Wobei es gar keinen Zweifel daran geben kann, dass man Extremisten das Handwerk legen muss. Kriminelle Handlungen können nicht hingenommen werden. Ich glaube aber nicht, dass man dazu die Gesetze verschärfen muss.

STANDARD: Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich befürchtet eine „Lex Islam“.

Benz: Offizielle Vertreter haben Angst davor, dass die Mehrheitsbevölkerung sämtliche Muslime pauschal in Verdacht nimmt. Ausnahmegesetze sind gefährlich, weil sie Unschuldige zu Feinden definieren. Es müsste mit dem normalen Strafrecht gehen.

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