„Gottgelenkte Evolution“

Pockenvirus – ein Ergebnis gelenkter, absichtsvoll vorausgeplanter Evolution?
Ein gescheiterter Versuch der Konsensfindung. Das Konzept einer „gottgelenkten Evolution“ wird als Kompromiss zwischen Kreationismus und der wissenschaftlichen Evolutionsbiologie angeboten.

Von Jori Wehner | Richard-Dawkins-Foundation

Mit einem wissenschaftlich begründeten Verständnis evolutionärer Prozesse ist dieses Konzept nicht vereinbar, denn alle Beobachtungen deuten auf ungelenkte Evolution hin. Zudem werfen Versuche einer Vereinigung beider Konzepte unlösbare theologische Probleme auf.

Es besteht ein unüberbrückbarer Konflikt zwischen „ungelenkter Evolution“ (die plausible Schlussfolgerung evolutionsbiologischer Forschung) und „gelenkter Evolution“ (die Behauptung christlicher und islamischer Theologie).

  1. Die Theologie postuliert an den Anfang der evolutionären Entwicklung einen intelligenten Schöpfer, der irgendwann damit begonnen haben soll, einen zuvor festgelegten Plan abzuarbeiten. Evolutionäre Prozesse laufen jedoch allem Anschein nach ungerichtet und ohne vordefiniertes Ziel ab. Genetische Mutationen folgen einer statistischen Zufälligkeit – keinem vordefinierten Ziel. Die meisten Mutationen sind phänotypisch neutral oder schädigen ihren Träger. Nur in extrem seltenen Fällen tritt eine fitness-steigernde Mutation auf, die ihrem Träger einen reproduktiven Vorteil verschafft und damit in der Population fixiert wird.  Der evolutionäre Prozess produziert also praktisch immer nur Ausschuss (was leicht übersehen werden kann, da unsere eigene Umwelt nur noch die seltenen Erfolgs-Ausnahmen enthält). Selbst die wenigen Individuen, die sich gegen ihre Konkurrenten innerhalb und außerhalb der eigenen Art behaupten können, sind immer nur zeitweilig erfolgreich. Mehr als 99% aller biologischen Spezies der Erdgeschichte sind ausgestorben. Das spricht gegen eine planvolle Steuerung evolutionärer Prozesse und ist ein deutlicher Beleg für ungeplante, ungerichtete, letztlich ziellose Entwicklung.

Evolutionsexperimente zeigen, dass die Evolution mit jedem Neustart desselben genetischen Ausgangsmaterials immer neue, überraschende, unvorhersehbare Verläufe nimmt.[1] Dabei zeigt sich Divergenz in neue, bisher unbeschrittene Wege durch den Raum der möglichen Permutationen.[2] Die statistische Wahrscheinlichkeit für Redundanz (für eine Wiederholung derselben Mutationssequenzen in nachfolgenden Generationen) geht gegen Null. Selbst konvergente Einwicklungen in der Evolution entstehen offenbar nicht planvoll, sondern durch den formenden Einfluss der Umweltbedingungen.

  1. Das Genom etlicher Spezies enthält funktionelle Verluste gegenüber früheren Evolutionsstufen. Im Genom der Primaten (einschließlich des Menschen) findet sich z.B. auf dem achten Chromosom ein defektes Gen für einen Stoffwechselweg zur Herstellung von körpereigenem Vitamin C. Menschen und andere Trockennasenaffen können kein eigenes Vitamin C mehr produzieren, wozu ihre evolutionären Vorfahren (und fast alle anderen höheren Tiere in unserer Umwelt) problemlos in der Lage sind.[3] Diese Pseudogene sind beeindruckende Zeugnisse der gemeinsamen Abstammung heutiger Arten – jedoch funktionell sinnlos. Es erscheint extrem unplausibel, dass ein intelligenter Schöpfer die Evolution nützlicher Gene veranlasst haben soll, um sie dann in einzelnen Spezies durch Punktmutation zum Schaden ihrer Träger wieder zu zerstören. Der Nachweis von defekten Pseudogenen bestätigt jedoch hervorragend die Annahme einer ungelenkten, ziellosen Evolution basierend auf zufälligen Mutationen.

Nicht nur auf makroskopischer Ebene sind die Spuren ungerichteter Evolution anhand von Rudimenten und Atavismen erkennbar. Die Erbinformation aller Spezies ist übersät mit den Artefakten zufälliger, meist schädlicher Kopierfehler, die sich im Verlauf von vier Milliarden Jahre währender, wiederholender DNA-Abschriften eingeschlichen haben. In der DNA aller Spezies finden sich tausende retrovirale Insertionen, Transposone, chromosomale Fusionen, sinnlose Einfügungen und Umstellungen, die vor Millionen Jahren bei einzelnen Individuen aufgetreten sind und sich seitdem durch ihre (in verschiedene Spezies aufgespaltete) Nachkommenschaft vererben. Auch wenn wir in unserem Genom nur noch solche Artefakte finden, die mit dem Leben und der Reproduktion ihrer Träger vereinbar gewesen sind, lässt ein Blick in das breite Spektrum der Erbkrankheiten erahnen, wieviele Milliarden Träger solcher zufälligen genetischen Modifikationen als evolutionärer Ausschuss ausselektiert wurden. Das bestätigt die Annahme einer ungerichteten, ungeplanten Evolution. Wer hier an der These eines vorausschauenden Planers der Evolution festhalten will, muss sich einreden, der intelligente Planer habe absichtlich eine Evolution entworfen, die exakt so aussieht, als folge sie absichtslosem Zufall.

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Lutherbibel 2017: Übersetzer sind keine Verräter!

Themenbild.
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Seit zwei Wochen ist die revidierte Lutherbibel auf dem Markt. Wie bei jeder neuen Übersetzung hagelt es Kritik: Ist die Übersetzung nicht Verrat am Original? Nein, meint die Alttestamentlerin Melanie Köhlmoos in ihrem Gastartikel: Christliche Theologie sei eben ein ständiger Übersetzungsprozess. Übersetzung sei nicht Verrat, sondern Kompromiss.

Von Melanie Köhlmoos | evangelisch.de

Seit zwei Wochen ist sie nun da, die „neue“ Lutherbibel. Pünktlich zur Eröffnung des Reformationsjubiläums ist der revidierte Text fertig gestellt, der die nunmehr zweiunddreißig Jahre alte vorige Fassung ersetzen soll. Das ist ein Ereignis nicht nur für die Bibelgesellschaft und die EKD, für die Wissenschaft, die Gemeinden und alle, die sich für die Bibel interessieren. Wenn diese Revision auch zweiunddreißig Jahre lang hält, dann wäre das ein schöner Erfolg; wenn man bedenkt, eine wie geringe Haltbarkeit manche Texte heutzutage haben können.

Doch egal, wie lange diese Revision gültig bleibt – sie ist ein Teil einer theologischen Tradition, die weit vor Martin Luther begann. Jesus von Nazareth sprach aramäisch. Seine Worte sind uns jedoch nur auf Griechisch überliefert. Die Stimme Jesu ist uns also nur in der Brechung durch die Übersetzung bekannt. Die neutestamentlichen Autoren zitieren die Schriften Israels nicht in ihrem hebräischen Original, sondern ebenfalls in der griechischen Übersetzung. Das westeuropäische Christentum gründet seine gesamte Theologie – alle Lehren, alle Dogmen – in der Hauptsache auf die Vulgata des Hieronymus, der lateinischen Übersetzung der hebräischen und der griechischen Bibel. Die verschiedenen reformatorischen Bibelübersetzungen und alle danach reihen sich in diesen Traditionsstrom ein. Es ist eins der Hauptmerkmale des Christentums, dass es so etwas kennt wie eine „Heilige Übersetzung“. Und auf jeden Fall unterscheidet dieser Sachverhalt die christlichen Gemeinschaften von den jüdischen und muslimischen, die aus guten Gründen mit der Übersetzung der Heiligen Schrift sehr sparsam umgehen.

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Laute Linzer Kirchenglocken: Kläger lehnt Kompromiss ab

Symbolbild / Bild: APA/RUBRA
Der Prozess um die Glockenschläge des Linzer Mariendoms geht weiter. Dem Anrainer, der die Diözese verklagt hat, ist der im Februar geschlossene Kompromiss zu wenig.


Die Presse

Der Prozess um die nächtlichen Glockenschläge des Linzer Mariendoms geht nun doch weiter. Einem Anrainer, dem das Läuten zu laut war und der deswegen das Gericht angerufen hatte, ist ein Ende Februar geschlossener Kompromiss zu wenig. Er strebt ein Abschalten aller Glocken in der Nacht und dazu eine Entscheidung im Namen der Republik an, wie sein Anwalt Mittwochnachmittag bekannt gab.

Der außergerichtlich vereinbarte Kompromiss zwischen Kläger und Dompfarre sah vor, dass in einer dreimonatigen „Versuchsphase“ die Uhr weiter läuten solle, jedoch von 23 bis 5 Uhr ohne den sogenannten Stundennachschlag. Es habe sich aber gezeigt, dass die Glocken in der Nacht immer noch zu laut seien und die Nachtruhe stören, begründet der Kläger die von ihm gewünschte Fortsetzung des Prozesses.

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Synagoge Potsdam: Brandenburg gibt 4,5 Millionen Euro für den Bau

Bild: hbpg.de
Nach langem Streit ist ein Kompromiss für den Bau einer Synagoge in Potsdam gefunden worden. Die drei jüdischen Gemeinden in der Landeshauptstadt haben sich über das weitere Vorgehen verständigt.

FOCUS Online

teilte Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) am Dienstag mit. Demnach halten die Jüdische Gemeinde, die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde Brandenburg und die Synagogengemeinde den Vertrag mit dem Architektenbüro Haberland aufrecht, der 2009 einen Wettbewerb gewonnen hatte. Über Änderungen werde sich noch gesprochen. „Läuft alles wie gewünscht, könnte der Grundstein 2014 gelegt werden“, so Gorholt. Das Land finanziere den Bau mit 4,5 Millionen Euro.