Barcelona zählt ertrunkene Flüchtlinge auf Anzeigentafel

3034 Menschen sind seit Beginn dieses Jahres im Mittelmeer ertrunken. Die Zahl ist deutlich höher als im ersten Halbjahr 2015. (Foto: AFP)
3034 Menschen sind seit Beginn dieses Jahres im Mittelmeer ertrunken. Die Bürgermeisterin der Stadt spricht deshalb von einer „Anzeige der Schande“.

Süddeutsche.de

3034 – das ist die Zahl von Menschen, die seit Beginn dieses Jahres im Mittelmeer ertrunken ist. Eine Zahl, die Europa beschämen sollte und die doch untergeht zwischen all den anderen Schreckensmeldungen von Krieg und Terror. Eben das will die spanische Küstenstadt Barcelona nun ändern – und hat deshalb eine digitale Anzeigetafel in Betrieb genommen, die die Ertrunkenen zählt.

Die Tafel sei eine „Anzeige der Schande“, sagte Bürgermeisterin Ada Colau bei der Einweihung. Die 3034 Toten, die die Tafel derzeit anzeigt, hatte die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Dienstag für die ersten sieben Monate dieses Jahres bekanntgegeben. Darunter steht auf Spanisch: „Das ist nicht bloß eine Zahl, das sind Menschen.“

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Vereinte Nationen: Niemals gab es mehr Flüchtlinge

Sie flohen vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung: Nie zuvor waren so viele Menschen auf der Flucht. Besonders viele kommen aus Syrien, Afghanistan und Somalia.

evangelisch.de

Die Zahl der Menschen auf der Flucht hat laut den Vereinten Nationen einen Höchststand erreicht. Mehr als 65 Millionen Frauen, Männer und Kinder waren Ende 2015 vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung geflohen, wie das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Genf anlässlich des Weltflüchtlingstages am Montag mitteilte.

UN-Hochkommissar: Fluchtursachen bekämpfen

Im Vergleich zu Ende 2014 sei die Zahl der Menschen auf der Flucht um fast sechs Millionen gestiegen. Das UNHCR erklärte den Anstieg mit den vielen anhaltenden Konflikten wie in Syrien und Afghanistan. Die Vereinten Nationen begehen den 20. Juni alljährlich als Gedenktag für Flüchtlinge weltweit.

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Flucht vor der Religion

© Charlotte Sophie Meyn Nach ihrer Flucht aus Saudi-Arabien mit neuem Namen: Rana Ahmad Hamd in einer Gaststätte in Köln
Rana Ahmad Hamd ist nach Deutschland geflohen – nicht vor Krieg oder aus Armut, sondern weil sie nicht mehr an Gott glaubt. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe.

Von Charlotte Sophie Meyn | Frankfurter Allgemeine

Der Tag, an dem sich Rana Ahmad Hamds Leben für immer verändern wird, beginnt wie Hunderte von Tagen zuvor. Früh am Morgen fährt ihr Vater sie durch die Straßen der saudischen Hauptstadt Riad, zu ihrem Arbeitsplatz. Sie steigt aus, aber als sie das Auto aus den Augen verloren hat, tritt sie keinen neuen Tag im Sekretariat der Schule an. Stattdessen ruft sie sich über eine App auf ihrem Smartphone ein Taxi und lässt sich zum Flughafen fahren.

Ein paar Stunden später, gegen zwei Uhr nachmittags, tritt Hamd aus dem Gebäude des Flughafens Istanbul-Atatürk. Sie hat nichts dabei außer ihrem Laptop, ihren Papieren und zweihundert amerikanischen Dollar. Und dann macht sie etwas, wovon sie schon lange geträumt hat: Sie nimmt ihr Kopftuch ab, und ihre Abaya, den bodenlangen schwarzen Mantel, den Frauen in Saudi-Arabien tragen müssen.

„Zehn, fünfzehn Minuten stand ich einfach nur da und sah mich um. Ich sah zur Sonne, ich beobachtete die Autos, die vorbeifuhren, die Menschen um mich herum. Ich fragte mich, ob es ein Traum sei, ob mich jemand aufwecken würde, oder ob ich es wirklich geschafft hatte“, erzählt Hamd. Sie sitzt im Hof eines Restaurants, unweit des Flüchtlingsheims in Köln-Porz, wo sie inzwischen wohnt. Ihre Geschichte sprudelt aus ihr heraus in einem Englisch, aus dem man den arabischen Einschlag deutlich heraus hört, mit einem gerollten R und einem P, das eher wie ein B klingt.

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Papst bittet Flüchtlinge für Europa um Entschuldigung

Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
Franziskus in Videobotschaft an Flüchtlinge: „Ihr werdet als eine Last, ein Problem, ein Kostenfaktor behandelt und seid in Wirklichkeit ein Geschenk“

kath.net

Papst Franziskus sich bei Flüchtlingen für die abweisende Haltung Europas entschuldigt. „Viel zu oft haben wir euch nicht aufgenommen. Vergebt die Abschottung und die Gleichgültigkeit“, sagte er am Dienstag in einer Videobotschaft an das Zentrum des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Rom. Wer immer aufgrund von Verfolgung, Krieg, Umweltschäden oder ungerechter Verteilung von Ressourcen aus seiner Heimat fliehe, sei „ein Bruder, mit dem man das Brot, das Haus, das Leben teilt“.
Die Gesellschaften der Aufnahmeländer fürchteten, wegen der Neuankömmlinge das eigene Leben und die Mentalität ändern zu müssen. „Ihr werdet als eine Last, ein Problem, ein Kostenfaktor behandelt und seid in Wirklichkeit ein Geschenk“, sagte Franziskus.

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„Effektiver Altruismus“: Nächstenliebe – möglichst kosteneffizient

„Effektiver Altruismus“ nennt sich die Gruppe junger Philosophen, die sich zutraut, die Welt zu verbessern. (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)
Die Welt verbessern? Viele glauben nicht mehr daran. Eine Gruppe junger Philosophen aber sagt: Na klar, man muss es einfach machen! Thomas Metzinger erklärt, wie das gelingen kann – und das so wirtschaftlich effizient wie möglich. Außerdem geht es um Philosophinnen der Neuzeit.

Moderation: Simone Rosa Miller | Deutschlandradio Kultur

Man schaltet das Radio an und hört jeden Tag von Desastern – Migrationskrise, Terrorismus, Krieg, Armut, Klimawandel.

Viele verlieren da den Mut, packen ihre Yogamatte aus, entdecken Malbücher für sich oder halten sich am Strohhalm ihres Brokkoli-Smoothies fest.

Anders ausgerechnet eine Gruppe von Philosophen. Die sagen: Die Welt verbessern? Na klar, man muss es einfach machen, und zwar nicht irgendwie: sondern so wirtschaftlich effizient wie möglich.

Diese junge philosophische Bewegung firmiert unter den Namen „Effektiver Altruismus“. In dieser Ausgabe von „Sein und Streit“ sprechen wir mit Thomas Metzinger, Professor für theoretische Philosophie an der Uni Mainz und Mitbegründer der Stiftung Effektiver Altruismus.

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Das christliche Armenien wird attackiert

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Aserbaidschans Diktator bricht einen Krieg gegen das christliche Armenien vom Zaun. Er formiert mit der Türkei einen islamischen Zangengriff gegen den kleinen Nachbarn. Erdogan jubelt

Von Wolfram Weimer | The European

Aserbaidschans Präsident Alijew ist ein Diktator in Nadelstreifen – eine Mischung aus anzugtragendem Ölscheich, korrupten Gangsterboss und schillerndem Partygastgeber. Die sprudelnden Ölquellen am Kaspischen Meer haben aus dem kleinen Land eine Art Dubai im Kaukasus werden lassen. Der eitle Herrscher lässt mit den Ölmilliarden (alleine aus Deutschland kommen jedes Jahr mehr als zwei Milliarden) spektakulär bauen, spektakulär feiern und spektakulär Geld beiseite schaffen. Ob Eurovision-Song-Contest oder Europaspiele oder Formel 1 – keine Bühne ist groß genug für den Mann, der mit seiner schillernden Frau und seinen drei Kindern den Ölstaat führt wie ein zwielichtiges Casino mit Schlägerkommandos und glitzernden Scheinwelten.

Pressefreiheit gibt es nicht

Jede Regimekritik mit mit harter Hand unterdrückt, Pressefreiheit gibt es nicht, dafür aber eine florierende Vetternwirtschaft, die die Ölmilliarden in Familienbande und Selbstdarstellung investiert. So wurde schon vor Jahren bekannt, dass der damals elfjährige Diktatoren-Sohn Besitzer von insgesamt neun Strandhäusern in Dubai mit einem Gesamtwert von 44 Millionen Dollar wurde. Seine Töchter besitzen weit verzweigte Konzerne bis hin zu Offshore-Firmen auf den britischen Jungferninseln. Der Staat vergibt Aufträge, und die Firmen der Familienbande bekommen sie. Das „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) hat Alijew 2012 zum „korruptesten Mann des Jahres“ erklärt. Westliche Diplomatendepeschen vergleichen Alijews Regierungsstil mit dem eines „Mafia Gangsterbosses“ oder einer „Clan-Dynastie“.

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In der Fremde wird die Religion wichtiger

Zwei Flüchtlinge in Brandenburg. (picture-alliance / dpa / Ralf Hirschberger)
Die Angst vieler Deutscher gegenüber muslimischen Flüchtlingen könnte dem Jesuitenpater Frido Pflüger zufolge an deren starker Religiosität liegen. Dieser stünden viele Deutsche hilflos gegenüber, weil sie ihre eigenen Werte aus den Augen verloren hätten.

Frido Pflüger im Gespräch mit Philipp Gessler|Deutschlandradio Kultur

Philipp Gessler: Man kann sich aus religiösen Gründen für die Natur einsetzen, für die Schöpfung, aber mehr Menschen engagieren sich aus den gleichen Gründen für ihre Mitmenschen. Zu ihnen gehört der Jesuitenpater Frido Pflüger. Er kümmert sich um Flüchtlinge hier in Berlin, und zwar für den renommierten Flüchtlingsdienst seines Ordens. Dieser Dienst war schon in der Flüchtlingshilfe tätig, als diese Hilfe noch nicht Teil einer neuen Willkommenskultur war.

Der EU-Türkei-Deal verschiebt das Problem nur

Mit Pater Pflüger habe ich über den neuen Deal der EU mit der Türkei zur Lösung der Flüchtlingskrise gesprochen – wenn es denn eine Krise ist. Morgen treten die neuen Zugangsbeschränkungen für die Flüchtlinge in Kraft. Meine erste Frage an ihn war, wie er diese Einigung mit dem europäisch-asiatischen Staat beurteilt.

Frido Pflüger: Ich sehe das sehr skeptisch, weil ich denke, wir verschieben damit die Verantwortung, die wir eigentlich als Europäische Union hätten, jetzt einfach auf die Türkei, dass die das für uns regelt. Und das sehe ich als große Schwäche, denn die EU selber regelt ja jetzt dadurch eigentlich nichts, sondern die Türkei hat es zu tun. Und das ist halt die große Frage, ob die Türkei fähig ist, das zu regeln. Was wir eigentlich wollen, nämlich einen geordneten Zuzug von Flüchtlingen und von Asyl suchenden Ausländern, in denen Krieg herrschte.

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Syriens Christen fühlen sich alleingelassen

Fünf Jahre Krieg haben den Syrern einen hohen Preis abverlangt. Von rund 2,5 Millionen Christen sind 500.000 bis 700.000 geflohen. Verzweiflung treibt viele dazu, alle Ersparnisse einzusetzen, um das Land zu verlassen.

Von Karin Leukefeld|kath.net

Die Nacht ist tiefschwarz um Jaramana. Die Stromausfälle in und um Damaskus haben zugenommen. An den vereinzelten Kontrollpunkten hantieren die Sicherheitskräfte mit Taschenlampen. Ab und zu lodert ein kleines Feuer, das nicht nur Licht, sondern auch etwas Wärme spendet.

Jaramana ist ein südlicher Vorort von Damaskus, in dem ursprünglich Christen, Drusen und Muslime in einer offenen, toleranten Gemeinschaft zusammenlebten. Hier liegt das Kloster Ibrahim al-Khalil, das zur griechisch-melkitischen Kirche gehört. Das abendliche Treffen mit einem Priester, der sich für die Freiheit christlicher Geiseln einsetzt, findet mangels Strom bei Kerzenschein in einem dunklen Raum statt – und unter der Bedingung, seinen Namen nicht zu nennen. Denn seine Mission ist gefährlich.
Am nächsten Morgen will er in den Nordosten Syriens reisen, um eine Gruppe von Frauen zu befreien, die seit Mai 2015 vom selbst ernannten «Islamischen Staat im Irak und in der Levante» (IS) in Rakka festgehalten würden. Es sei nicht der erste Einsatz dieser Art; einige Menschen habe er schon befreien können. Die Christen der Wüste zwischen Homs und der syrisch-irakischen Grenze seien dem IS schutzlos ausgeliefert und besonders gefährdet, berichtet er: «Wir müssen uns selbst helfen; niemand setzt sich für uns ein.»

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Arabische Medienwelten

In Amerika auf dem Rückzug, aber dennoch eine Stimme mit Gewicht: der panarabische Sender Al Dschasira. – Foto: AFP
Der Einfluss arabischer Medien wie insbesondere Al Dschasira ist größer als mancher denkt. Er wirkt sich sogar auf die Flüchtlingsströme aus.

Von Stephan Russ-Mohl|DER TAGESSPIEGEL

Dass der panarabische Fernsehsender Al Dschasira sein englischsprachiges Programm eindampft, hat der ein oder andere von uns vermutlich mitgekriegt. Aber sonst wissen wir Europäer über die Medienwelt in den arabischen Nachbarländern so gut wie gar nichts. Dabei betrifft es indirekt uns alle, was und wie diese Medien über die Welt berichten, weil zum Beispiel Flüchtlingsströme nicht zuletzt durch Medienberichterstattung und -bilderwelten ausgelöst werden, die Krieg, Elend und ausgebombte Städte in Syrien mit den vermeintlichen Paradiesen Europas kontrastieren.

Wer mehr wissen und vor allem ein Gespür dafür entwickeln möchte, wie unterschiedlich die Medienwelten in Arabien aussehen, kann sich jetzt dank Carola Richter (FU Berlin) und Asiem El Difraoui (Institut für Medien und Kommunikationspolitik, Berlin) einen Überblick verschaffen. In dem von ihnen herausgegebenen Buch zeigen insgesamt 22 Experten, wie sich die Medien entwickelt haben – zunächst in Überblicksbeiträgen, dann in länderspezifischen Einzelstudien, die aber einem gemeinsamen Gliederungsschema folgen und somit Vergleiche ermöglichen.

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Einigung auf zweites Asylpaket

Der lange Streit ums Asylpaket hat ein Ende: Am Donnerstag verkündete die Koalition die Einigung. Beim Reizthema Familiennachzug setzte sich die Union durch. Die SPD erreichte dafür Erleichterungen für Flüchtlinge in der Ausbildung.

evangelisch.de

Die Spitzen der großen Koalition haben sich auf die Details für das zweite Asylpaket geeinigt. Am Donnerstagabend verkündete als erster SPD-Chef Sigmar Gabriel den Kompromiss: „Das Asylpaket II, das steht jetzt.“ Der Einigung zufolge wird der Familiennachzug wie zunächst geplant und von der Union gefordert für subsidiär Schutzberechtigte für zwei Jahre ausgesetzt. Andere Wege für den Nachzug von Angehörigen sollen aber geöffnet werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich erleichtert über die Einigung. Das sei ein guter Tag gewesen, sagte sie am späten Abend in Berlin.

Gabriel zufolge sollen Familienangehörige vorrangig berücksichtigt werden, wenn wie angestrebt syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jordanien, dem Libanon oder der Türkei über Kontingente nach Deutschland geholt werden. Merkel sagte, ein Anknüpfungspunkt sei das bereits auf europäischer Ebene vereinbarte Kontingent für 160.000 Asylsuchende. 20.000 davon sollen aus den Nachbarländern Syriens umgesiedelt werden. Dabei könnten laut Merkel bereits Familienangehörige bevorzugt werden.

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Rückkehr in den Bürgerkrieg

Auch in diesen kalten Wintertagen erreichen viele Flüchtlinge Deutschland. Doch nicht alle wollen bleiben. (Foto: dpa)
Noch immer fallen Bomben in Syrien und dem Irak. Trotzdem wollen viele Flüchtlinge nun nach Hause.

Von Julia Ley|Süddeutsche.de

Yasser und Mohammad treten ungeduldig von einem Bein auf das andere. Die beiden Syrer stehen in der eisigen Kälte vor ihrer Notunterkunft in Grünwald bei München. Jedes Mal, wenn sie ausatmen, steigt vor ihrem Gesicht eine kleine Wolke auf. In ihrem Rücken liegt die Traglufthalle, in der die Stadt München sie untergebracht hat. Es ist kein luxuriöses Zuhause, aber drinnen ist es zumindest warm.

Die provisorische Behausung ist nicht der Grund, warum Yasser und Mohammad hier so schnell wie möglich wieder wegwollen. Vor drei Monaten sind die beiden Cousins aus Syrien geflohen. Yasser hat sein IT-Geschäft verkauft, um das nötige Geld zusammenzubekommen. Gemeinsam bestiegen sie die unsicheren Boote über das Mittelmeer, dann ging es weiter durch Griechenland, Slowenien, Kroatien – bis sie schließlich in diesem Münchner Villenvorort landeten. Es war keine leichte Reise, sagen sie, teuer, gefährlich. Trotzdem wollen sie jetzt nur noch eins: nach Hause.

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Besser ohne Religion?

coexist

Heizen die verschiedenen Religionen die weltweiten Konflikte noch mehr an? Wären wir ohne Religionen vielleicht besser dran? So einfach ist das alles nicht …

Von Heiko Kuschel|evangelisch.de

Lange habe ich gezögert, zu diesen ganzen aktuell hochkochenden Themen etwas zu schreiben. Lange habe ich auch überlegt, in welcher Form und ob ich es wirklich auf der offiziellen Plattform evangelisch.de tun soll oder lieber auf meiner privaten Website www.kuschelkirche.de. Ich tue es hier. Und ich tue es ganz klar in der Ich-Form, denn ich spreche nicht als offizieller Vertreter der EKD oder sonst einer Organisation, auch wenn die Äußerungen beispielsweise von Heinrich Bedford-Strohm in eine ähnliche Richtung gehen. Ich tue es in dem Bewusstsein, dass sich möglicherweise auch hier anschließend, sagen wir mal: unangenehme Kommentare häufen könnten. Ich tue es in mehreren Teilen zu verschiedenen Teil-Themenbereichen, weil die Themen zu komplex für einen einzigen Artikel sind: Religionen und Krieg, Flucht, Vertreibung und „Wir schaffen das“, Frauenbilder, Islam und Religion – das kriegt man nicht in einem einzigen Blogeintrag unter. Also fangen wir mal mit einer Fragestellung an, die immer wieder auftaucht: Wäre die Welt ohne Religionen nicht eine friedlichere?

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Türkei: US-Regierung beunruhigt über Erdogan

„Besuch in Cizre“, 15. September 2015 Bild: Rebecca Harms/CC BY-SA 2.0
In diplomatischen US-Kreisen mehrt sich die Kritik an Erdogans Krieg gegen die kurdische Bevölkerung. Die Bundesregierung hüllt sich nach wie vor in Schweigen, obwohl nun auch die konservativ-liberale Presse von einem Krieg der türkischen Regierung gegen die eigene Bevölkerung spricht.

Von Elke Dangeleit|TELEPOLIS

In einem Kommentar für die irakisch-kurdische Nachrichtenagentur Rudaw schreibt David Romano, dass in Washington mittlerweile die Alarmglocken klingeln, wenn es um Erdogan geht. Zwar erhalte man diesbezüglich keine offiziellen Stellungnahmen – Washington gehe hier „auf Eierschalen“ -, allerdings gebe es „private Warnungen“ von amerikanischen Diplomaten und Vorwürfe hinter den Kulissen.

Washington versuche zwar nach wie vor, Erdogan und seine Regierung freundlich zu einem anderen Kurs zu bewegen, aber wenn es gegenwärtig eine neue WikiLeaks-Enthüllung geben würde, so David Romano, würde die Öffentlichkeit angesichts der vielen kritischen Depeschen von amerikanischen Diplomaten, die in der Türkei leben, sehr beunruhigt sein. Der vorsichtige Umgang mit der türkischen Regierung sei gescheitert, so sein Fazit. Diese Regierung wird in der Kurdenfrage keine Probleme lösen, sondern sie verstärken.

Beleidigung von US-Diplomaten

Dabei hätte Washington genug Gründe, öffentlich einen anderen Ton anzuschlagen: Schon im Mai letzten Jahres verhöhnte Ankaras AKP-Bürgermeister Melih Gökcek die Sprecherin des US-Außenministeriums, Marie Harf. Auf Twitter schrieb er: „Wo bist du, dumme Blondine, die der türkischen Polizei einen unangemessenen Einsatz von Gewalt vorwirft?“ Und: „Komm schon, Blondchen, antworte jetzt!“ Die Sprecherin hatte 2013 wiederholt das Vorgehen der Polizei gegen die Gezipark-Proteste kritisiert.

Auf türkische Beleidigungen von US-Diplomaten reagieren offizielle Stellen bislang eher amüsiert denn brüskiert, ein Zeichen für den Eiertanz der US-Regierung.

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Timur Vermes über „Mein Kampf“: Unser Krampf

Hitler-Szene in „Er ist wieder da“: Jetzt hört der Spaß auf. Bild: ConstantinFilm , lux-nijmegen.nl
Warum diese panische Angst vor dem Buch? Timur Vermes, Autor der Hitler-Groteske „Er ist wieder da“, plädiert für einen gelassenen Umgang mit „Mein Kampf“. Nirgendwo offenbart und entlarvt sich der Nationalsozialismus so klar wie hier.

Von Timur Vermes|SpON

Bei „Mein Kampf“ hört der Spaß auf. Nicht wegen des Buches selbst, sondern wegen der idiotischen Weise, in der dieses Land mit dem Text umgeht. Und schlimmer noch, weil eine Menge Menschen bei diesem Thema Hitler sogar zuarbeiten.

Und da rede ich nicht von der AfD oder Pegida, da rede ich von rechtschaffenen Wissenschaftlern, israelfreundlichen CSU-Politikern, organisierten Juden, von Menschen also, die samt und sonders das Gegenteil wollen. Und die drauf und dran sind, die Chance, die in der Gemeinfreiheit von „Mein Kampf“ liegt, mit Begeisterung in die Tonne zu treten. An dieser Situation hätte nur einer seine helle Freude: Hitler selbst.

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Humanismus: «Der Mensch ist die Krone der Schöpfung»

Im Mittelmeer: «Als EU produzieren wir jede Woche so viele Opfer wie der Eiserne Vorhang während des gesamten Kalten Krieges.» (12. April 2015) (Bild: OPIELOK OFFSHORE CARRIERS / EPA)
Flüchtlinge, Terror, Krieg. Wie ist die Welt noch zu retten? Mit einer radikalen Rückbesinnung auf den Humanismus, mit Kapitalismus und mit Schönheit, sagt der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch im Interview.

Von Martin Helg|Neue Zürcher Zeitung

NZZ am Sonntag: Herr Ruch, am Rand der Aufführung Ihres Theaterstücks «2099» haben Sie diesen Sommer angekündigt, im Dortmunder Zoo das Jaguar-Baby «Raja» zu erschiessen. Wollten Sie das wirklich tun?

Philipp Ruch: Es gab dann doch Wichtigeres aufzuführen. Wir wollten nur verdeutlichen, dass das Tier sechs Monate lang in den Medien stand in einer Zeit, als man sich als Syrer gewünscht hätte, auch nur einen Zehntel dieser Aufmerksamkeit für die syrische Apokalypse zu bekommen. Wir sollten einen neuen Zehnten einführen: eine Aufmerksamkeitssteuer für politische Verbrechen und humanitäre Notlagen.

«Statt die Flüchtlinge auf Todesrouten zu zwingen, könnten wir ihnen gestatten, ein Flugticket zu kaufen.»

Wie erklären Sie sich dieses Missverhältnis?

Medien folgen der Youtube-Logik «Katzen gehen immer». Im belagerten Sarajevo zur Zeit des bosnischen Völkermords war eines der ersten Opfer ein durch einen Kopfschuss getötetes Kind. Weder das Kind noch die darauffolgenden 120 000 Opfer konnten nur annähernd den Pressesturm entfachen, den ein erschossener Gorilla im Zoo von Sarajevo auslöste. Menschen kann man als Scharfschütze problemlos erschiessen. Aber bei Tieren hört der Spass auf.

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Sozialethiker: Der Westen ist mitverantwortlich für Flüchtlingsbewegungen

Kinder und ein Teil eines Sprengkörpers © UNAMID @ flickr.com (CC 2.0)
An der aktuellen Flüchtlingssituation hat nach Ansicht von Prof. Wolf-Dieter Just der Westen einen gehörigen Anteil. Waffenlieferungen, klimaschädlicher Lebensstil und die wirtschaftliche Ausbeutung Afrikas seien wesentliche Ursachen für die Flüchtlingsbewegungen.

Von Michael Bosse|MiGAZIN

Für die derzeitige Flüchtlingssituation tragen nach Ansicht des Sozialethikers Wolf-Dieter Just die westlichen Industrieländer eine Mitverantwortung. „Uns muss klar sein, dass die westlichen Länder zu einem erheblichen Teil mitverantwortlich dafür sind, dass Menschen überhaupt fliehen müssen“, sagte der Mitbegründer und Ehrenvorsitzende der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche dem Evangelischen Pressedienst in Duisburg. Durch Waffenlieferungen in Kriegs- und Krisengebiete, den klimaschädlichen Lebensstil des Westens und die wirtschaftliche Ausbeutung Afrikas durch die Industriestaaten sei die aktuelle Entwicklung forciert worden.

„Wir sollten nicht so tun, als wäre es eine Frage der Barmherzigkeit, ob wir uns der Not der Flüchtlinge annehmen“, sagte Just. „Es geht hier um Gerechtigkeit, um Verantwortungsübernahme“, betonte der Professor für Sozialethik und Sozialphilosophie an der Evangelischen Fachhochschule Bochum. Vorschläge zur Einführung einer Obergrenze für die Flüchtlingsaufnahme wies er als „grund- und menschenrechtswidrig“ zurück. Just: „Sollte man denn Flüchtlinge, die nach Erreichen der Obergrenze zu uns kommen, zurück in Krieg, Verfolgung und die Barbarei des IS schicken?“

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„Die Eroberung der Zeit“: Dem Tod den Stachel ziehen

Je älter wir werden, um so mehr merken wir, dass uns die Zeit wegläuft. (dpa / Felix Kästle)
Angenommen, wir könnten das Altern aufhalten: Wäre das wirklich ein Vorteil? Oder bringt ein verlängertes Leben nicht auch Nachteile und moralische Verpflichtungen mit sich, über die wir uns bisher kaum Gedanken machen? Sebastian Knell hat sich in „Die Eroberung der Zeit“ auf rund 700 Seiten mit diesen Fragen auseinandergesetzt und kommt zu beeindruckenden Gedankenspielen.

Von Manfred Schneider|Deutschlandfunk

Während sich heute Politiker, Ärzte, Pfleger, Angehörige darum sorgen, wie sie den Alten, Dementen, unheilbar Kranken das Recht auf ein menschenwürdiges Leben oder gar auf einen menschenwürdigen Tod gewährleisten können, verfolgen Biotechnologen unbeirrt das Ziel, die menschliche Lebenszeit zu verlängern. Manche Forscher glauben, dass sie bald das Rätsel des Alterns lösen können. Sie stellen Mittel und Wege in Aussicht, die Lebenszeit eines Menschen, die in der westlichen Welt immer häufiger die 80 Jahre übersteigt, zu verdoppeln, zu verdreifachen, ja, vielleicht dem Tod überhaupt den Stachel zu ziehen.

Es ist nicht immer Sache der Wissenschaftler, ihre Forschung auch auf den Sinn oder Nutzen hin zu befragen. So gibt es also gute Gründe, dass Philosophen über diese Aussicht eines beträchtlich verlängerten Lebens nachdenken. Seit ihren Anfängen diskutiert die abendländische Philosophie die Frage, wie denn ein gutes Leben zu führen sei und mit welchen Grundsätzen das Glück, das die Griechen „Eudaimonia“ nannten, erreicht werden könnte. Jetzt fassen sie dieses alte Problem neu und fragen sich, ob und wie unter der denkbaren Möglichkeit eines biotechnisch verlängerten Lebens auch ein höheres Glück zu erreichen sei.

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Daesh-Terror: Das zerstörte Vertrauen

Wachsam. Ein Soldat patrouilliert auf der Grand Place in Brüssel. – Foto: dpa
Der Terrorismus untergräbt die Zivilgesellschaft. Was früher als Kollateralschaden des Kriegs galt, ist jetzt Ziel der Anschläge: die totale Verunsicherung. Sagt der Soziologe Armin Nassehi.

Von Armin Nassehi|DER TAGESSPIEGEL

Die Pariser Anschläge am Freitag, den 13. November, werden in vielen Kommentaren als „neue Art des Krieges“ definiert, als jener asymmetrische Krieg, dessen widerstreitende Subjekte nicht mehr Staaten im engeren Sinne sind. Die Asymmetrie dieses Krieges besteht freilich nicht nur darin, dass sich hier ein Staat durch nicht staatliche Akteure herausgefordert sieht. Sie besteht darin, dass der Adressat dieses Krieges nicht der Machtbereich eines Staates ist, sondern eine Lebensform.

Wandten sich frühere Anschläge gegen Militärs oder gegen die Zwillingsturmsymbolik des globalen Kapitalismus, gelten sie nun der liberalen Presse, dem Recht auf Selbstironie, auf plurale Meinungen, auf das Aushalten von Widerspruch, selbst auf Geschmacklosigkeiten. „Charlie Hebdo“ war ein gut ausgewähltes Ziel – ein Fußballspiel, das im November wohl das eigentliche Ziel war, oder ein Rockkonzert sind es ebenso. Es geht nicht um Hegemonien oder die Herstellung globaler Gerechtigkeit, es geht tatsächlich um den Hass auf die westliche Zivilisation.

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Am Vorabend des Krieges: Die apokalyptischen Reiter machen sich bereit

Wer in Syrien gegen wen kämpft, ist für die Truppen kaum noch zu beurteilen. (Foto: Flickr/ http://www.Army.mil by The U.S. Army CC BY 2.0)
Erstmals seit Jahrzehnten werden alle europäischen Großmächte sowie Russland und die USA in Syrien Kriegshandlungen in Gang setzen. Ob miteinander oder gegeneinander – das ist noch nicht klar. Tatsache ist, dass diese Kriege in vielfältiger Form seit längerem toben. Sie haben ein enormes Zerstörungspotential. Denn niemand weiß genau, wer Feind und wer Freund ist. Die Situation ist brandgefährlich.

Deutsch Türkische Nachrichten

So greift Anonymous den IS an

Die Aktivisten von Anonymous verstecken sich gerne hinter Masken aus dem Film „V wie Vendetta“ (Symbolbild) © landov/Picture Alliance
Nach den Anschlägen in Paris erklärte nicht nur Frankreich dem Islamischen Staat den Krieg. Das Hacker-Kollektiv Anonymous ist ebenfalls von der Partie – und ist dabei nicht gerade zimperlich.
 Von Malte Mansholt|stern.de

Nachdem am Freitag die Terrororganisation „Islamischer Staat“, kurz IS, mit den Anschlägen von Paris ihren Krieg gegen die vermeintlich Ungläubigen ins Herzen Europas trug, wollten nicht nur Politiker endlich handeln. Während Frankreich begann, Luftangriffe zu fliegen, meldete sich auch das Internet-Kollektiv Anonymous zu Wort: Die Hacker sagten dem IS ebenfalls den Kampf an – auf ihre eigene Art.

Natürlich ist der bewaffnete Konflikt nicht die Kerndisziplin des Internet-Kollektivs. Trotzdem können sie der Terror-Organisation spürbar wehtun, indem man ihm eines seiner wichtigsten Werkzeuge wegnimmt: Die sozialen Netzwerke dienen nicht nur zur Rekrutierung neuer Kämpfer, sondern auch als Werbemaschine für ihre Ideologie und die Verkündigung der eigenen „Erfolge.“ Kein Wunder also, dass sich die ersten Angriffe unter den Hashtags #OpParis und #OpISIS auf Twitter-Accounts des IS stürzten. 5500 Accounts von Terror-Sympathisanten will Anonymous in den letzten Tagen aus dem Netz geworfen haben.

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