Irakische Truppen haben Kurden Ölprovinz Kirkuk komplett abgenommen

Gefechte in Altin Köprü. Screenshot: TP
Gesellschaft für bedrohte Völker warnt vor neuer Islamisierung von Minderheiten durch Schiiten

Von Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Dem gemeinsamen irakischen Operationskommando nach hat die Armee des Landes gestern zusammen mit schiitischen Milizen die vorwiegend von Turkmenen bewohnte 10.000-Einwohner-Stadt Altin Köprü besetzt – den letzten vorher von kurdischen Peschmerga gehaltenen Ort in der sowohl von der Zentral- als auch von der kurdischen Autonomiegebietsregierung beanspruchten Ölprovinz Kirkuk. Den Rest dieser Provinz hatten sie vergangene Woche eingenommen – meist ohne größeren Widerstand der Peschmerga, die sie besetzt hatten, nachdem die Soldaten der Zentralregierung 2014 vor der Terrororganisation Islamischer Staat geflüchtet waren (vgl. Kirkuk: Die irakische Armee fährt mit Panzern in die Stadt).

In Altin Köprü soll es dagegen zu schweren Kämpfen gekommen sein, die auch vom Sicherheitsrat der Kurden (der die komplette Einnahme noch nicht bestätigt hat) eingeräumt werden. Angeblich kamen dabei etwa 30 Peschmerga-Milizionäre ums Leben. Wie die kurdische Regionalregierung, auf deren Unabhängigkeitsreferendum hin die Besetzung erfolgte (vgl. Unabhängigkeitsvotum: Barzani hat verloren), darauf reagieren wird, ist unklar. Vorerst hat man lediglich die eigentlich für November vorgesehenen Wahlen auf das nächste Jahr verschoben.

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Die gefährlichen Konfliktlinien im Windschatten des Anti-IS-Kampfs

Im irakischen Kirkuk hält ein Vertreter der irakischen Regierung (wahrscheinlich ein iranischer Milizionär) grinsend die kurdische Fahne nach unten – als Zeichen des Sieges gegen den Peschmerga Quelle: REUTERS
Die Zerschlagung des IS in Syrien und im Irak hat den Frieden in der Region nicht näher gebracht. In Syrien und Irak brechen andere Konflikte aus. Besonders ein Land ist Zielscheibe.

Von Richard Herzinger | DIE WELT

In Syrien und im Irak scheint die Horrormiliz IS militärisch weitgehend besiegt. Und vor allem infolge der massiven Militärintervention Russlands und eines gnadenlosen Kriegs gegen die eigene Bevölkerung steht nun fest, dass das mörderische Regime Baschar al-Assads in Damaskus an der Macht bleibt, kontrolliert es doch weitgehend unangefochten wieder weite Teile Syriens.

Vom Frieden, schon gar von einem gerechten, ist die Region aber nach wie vor weit entfernt. Denn die Fixierung auf den Kampf gegen das monströse „Kalifat“ des IS und auf die falsche Alternative „Assad oder die Dschihadisten“ hat verdeckt, welche vielfältigen und verwirrenden Konfliktlinien sich im Verlauf vor allem des syrischen Krieges aufgebaut haben.

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Irakisches Militär drängt Kurden weiter zurück

foto: ap photo Irakische Milizen auf dem Vormarsch.
Regierungstreue Milizen sollen die Stadt Sinjar eingenommen haben

derStandard.at

Die kurdischen Peschmerga befinden sich nach dem Vorstoß des irakischen Militärs weiter auf dem Rückzug. Eine mit den Regierungstruppen verbündete Miliz habe am Dienstag die Kontrolle über die im Nordwesten des Iraks gelegene Stadt Sinjar übernommen, sagten Einwohner der Nachrichtenagentur Reuters. Am Abend zuvor hätten sich die dort stationierten Peschmerga-Kämpfer zurückgezogen. Sicherheitskreisen zufolge übernahmen die irakischen Truppen auch die Kontrolle über zwei weitere Ölfelder in der Region.

Schneller Vorstoß auf Kirkuk

Die Armee hatte am Montag mit einem schnellen Vorstoß die von Kurden kontrollierte Öl-Stadt Kirkuk eingenommen. Dies war die bisher härteste Reaktion auf das Unabhängigkeitsreferendum in der Region und nährte die Sorge vor einem Bürgerkrieg zwischen den Kurden und der Zentralregierung.

IS-Terroristen ergeben sich massenhaft Kurden

Gelbgrün: Peschmerga. Pflaumenfarben: Irakische Armee und schiitische Milizen. Karte: BlueHypercane761. Lizenz: CC BY-SA 4.0
Britische Studie untersucht Anziehungswirkung der Dschihadisten auf Triebtäter

Von Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Der New York Times zufolge haben sich letzte Woche mehr als tausend IS-Terroristen aus der knapp 60 Kilometer von Kirkuk entfernten Stadt Hawidscha den kurdischen Peschmerga ergeben. Im Vergleich zur Kapitulantenrate bei der Befreiung anderer Städte ist die Zahl bemerkenswert hoch: Als man neun Monate lang Mosul belagerte, ergab sich kaum ein IS-Kämpfer. Nachdem kurz darauf Tal Afar fiel, streckten etwa 500 Salafisten die Waffen. In Hawidscha gaben die über 1000 Terroristen nun bereits nach 12 Tagen Belagerung und weiteren drei Tagen schwerer Kämpfe auf.

Zahlreiche von ihnen geben an, ihre Vorgesetzten beim IS hätten ihnen gesagt, sie sollten sich nach Osten zu den Kurden flüchten. Die würden sie – anders als die mit der irakischen Armee verbündeten schiitischen al-Haschd asch-Schaʿbī-Milizen – nicht töten. Auf die Frage, warum er das glaube, antwortete einer der IS-Überläufer Reportern: „Sie sind zivilisierter als wir“. Der nordirakisch-kurdische Geheimdienst Asayish will nun in seinem Verhörzentrum Dibis herausfinden, ob es sich bei den angeblichen oder tatsächlichen IS-Abtrünnigen um Deserteure handelt, die nicht mehr an einen Sieg des IS glauben – oder um Schläfer, die das Kurdengebiet durch Selbstmordanschläge destabilisieren sollen.

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Kurdenpräsident verspricht eigenen Staat in zwei Jahren

foto: reuters russell boyce Ein riesiges Banner, das Kurdenpräsident Massud Barzani zeigt, an einer Wand der Zitadelle von Erbil: Am Montag stimmen die Kurden über ihre Unabhängigkeit ab.
Die große Mehrheit der irakischen Kurden steht hinter dem Referendum am Montag. Das Ergebnis ist vorhersehbar

Von Gudrun Harrer | derStandard.at

Der ganz große Schub für die kurdische Einheit, den das Unabhängigkeitsreferendum am 25. September bringen sollte, bleibt letztlich aus. Zwar zweifelt unter den irakischen Kurden über die Parteigrenzen hinweg so gut wie keiner das Recht auf ein Referendum und einen eigenen Staat an; aber die Meinung, dass der Zeitpunkt falsch ist, hält sich bei einigen konstant. Als einen „gefährlichen Schritt“ bezeichnet etwa die Partei Gorran (Wandel) auf ihrer Homepage die Abstimmung. Aber es ist zu vermuten, dass viele ihrer Anhänger trotzdem am Montag zur Urne gehen und mit Ja stimmen werden.

Gemeinsam mit der islamischen Partei Komal boykottierte Gorran auch die Parlamentssitzung am 15. September, bei der das von Kurdenpräsident Massud Barzani ausgerufene Referendum abgesegnet wurde. Die Sitzung war die erste seit zwei Jahren: Dass die kurdischen demokratischen Institutionen in einem schlechten Zustand sind – auch das Mandat Barzanis als Präsident der Regionalregierung in Erbil ist ja längst abgelaufen -, gehört zu den Sorgen der Referendumsgegner. Ganz abgesehen von den chaotischen Zuständen rund um Kurdistan.

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Islamischer Staat: „Ein paar Stunden noch und sie hätten mich hingerichtet“

Eine der 69 ehemaligen IS-Geiseln bei einem Termin in Erbil. (Foto: REUTERS)
Kurdische und US-amerikanische Soldaten haben 69 Menschen aus einem IS-Gefängnis befreit. Nun haben einige von ihrem Leid erzählt.

Von Benedikt Peters|Süddeutsche.de

Das Gewehrfeuer ist ohrenbetäubend, als der Mann ins Freie tritt. Er blickt hektisch nach links, nach rechts, bleibt dann stehen. Wie erstarrt. Und hebt die Hände, als wolle er sagen: „Erschießt mich nicht!“ Ein Soldat zieht ihn schnell weiter. Hinter ihm, so zeigt es das Video, treten immer mehr Männer ins Freie. Sie tragen weiße Nachthemden, sonst nichts. Einige pressen die Hände auf die Ohren, denn das Gewehrfeuer reißt nicht ab. Angst steht auf den Gesichtern. Doch sie sind jetzt frei.

Vergangenen Donnerstag haben US-Soldaten gemeinsam mit Kämpfern der kurdischen Peschmerga ein Gefängnis der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) nahe der irakischen Stadt Hawija gestürmt. Dabei wurden 69 Geiseln befreit. Nun haben sich einige von ihnen in der New York Times geäußert. „Ein paar Stunden noch, und sie hätten mich hingerichtet“, sagte einer der Gefangenen. Nach US-Angaben hatte der IS eine Massenexekution der Geiseln geplant. Ihre Geschichten ermöglichen eine Innenansicht der Gefängnisse des IS.

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Ein Kalifat des Krieges

Historische Aufnahme: Bagdadi bei seiner Predigt am 4. Juli 2014 ©DPA
Vor einem Jahr zeigte sich des Anführer des „Islamischen Staats“ erstmals in der Öffentlichkeit. Inzwischen herrscht er über ein Gebiet, das größer ist als Großbritannien. Und er gewinnt weiter an Stärke.


Von Rainer Hermann|Frankfurter Allgemeine

Vor genau einem Jahr, am 4. Juli 2014, hat der „Islamische Staat“ ein Gesicht bekommen: Damals zeigte sich sein Anführer Abu Bakr al Bagdadi zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. In der Großen Moschee von Mossul hielt er die erste Freitagspredigt des Fastenmonats Ramadan. Damit erfüllte er eine Voraussetzung, um als „Kalif“ Anerkennung zu finden. Wenige Tage zuvor, am 29. Juni, dem ersten Tag im Ramadan, hatte er den „Islamischen Staat“ (IS) als „Kalifat“ ausgerufen. Die islamische Theologie verbietet es jedoch, jemandem als Kalifen zu folgen, der nur im Verborgenen wirkt und nicht bekannt ist.

Anfangs bezeichneten viele den IS noch als „Terrormiliz“ und stellten ihn in die Reihe zahlreicher nichtstaatlicher Akteure, die im Sog des Staatszerfalls in Syrien und im Irak entstanden waren. Aber der IS, dessen Vorläufer in das Jahr 1999 zurückreichen, eroberte im Sommer 2014 innerhalb von wenigen Wochen den größten Teil seines heutigen Territoriums. Ein Jahr nach seiner Gründung herrscht er nun über ein Gebiet, das größer ist als Großbritannien. In seinem Kerngebiet expandierte er trotz zeitweiliger Rückschläge, zuletzt mit der Eroberung der Städte Ramadi im Irak und Palmyra in Syrien. Im Irak näherte er sich der Hauptstadt Bagdad, in Syrien steht er vor Damaskus. Bedrohlich ist auch die Expansion in der Peripherie. Dschihadisten in mehr als zehn Ländern haben sich dem IS als „Provinz“ unterstellt. Der Bogen reicht von Afghanistan über den Kaukasus nach Algerien, von Nigeria über den Jemen nach Pakistan.

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Streit: Ist der Islam eine ‚Religion des Friedens‘?

us_flagge_bibel_kreuzUS-Evangelikale kritisieren Präsident Barack Obama – Sie werfen unter anderem Präsident Barack Obama vor, mit der Formel, der Islam sei eine durch und durch friedliche Religion, die ganze Wahrheit zu verschweigen.


kath.net

Gegen eine Verharmlosung des Gewaltpotentials im Islam haben sich führende Evangelikale in den USA gewandt. Sie werfen unter anderem Präsident Barack Obama vor, mit der Formel, der Islam sei eine durch und durch friedliche Religion, die ganze Wahrheit zu verschweigen. Obama hat angesichts des Terrors von militanten Organisationen wie dem „Islamischen Staat“ (IS), El Kaida und Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde) eine internationale Anti-Extremismus-Konferenz in Washington einberufen. Dabei betonte Obama, dass man sich nicht im Krieg gegen den Islam befinde; die Mehrheit der Muslime sei friedlich.

Allerdings müssten führende Muslime deutlich zum Ausdruck bringen, dass der Islam nicht mit Gewalt verteidigt werde, sondern dass Gewalt Muslimen und dem Islam schade. Ähnlich hatte sich Obama beim Nationalen Gebetsfrühstück am 5. Februar in Washington geäußert. Dabei verurteilte er einerseits den islamischen Terrorismus scharf, erinnerte aber andererseits an die blutige Geschichte der Christenheit mit den Kreuzzügen und der Inquisition. In allen Religionen gebe es „eine sündhafte Tendenz, die unseren Glauben pervertieren und verzerren kann“.

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