Kritik am Naturalismus: Brauchen wir Gott für die Moral?

Der evangelikale Christ Markus WIDENMEYER schreibt in seinem Buch, Moral setze die Existenz eines zeitlosen, göttlichen Wesens voraus, das ihre objektive Gültigkeit garantiere:

AG Evolutionsbiologie

„Moral kann es nur geben, wenn die Welt so beschaffen ist, dass die Frage, warum eine bestimmte moralische Norm wirklich Gültigkeit besitzen soll, prinzipiell beantwortet werden kann. Eine moralische Intuition reicht hier nicht aus. Erstens kann sie zum Beispiel durch ideologische Einflüsse stark verfälscht sein. Noch wichtiger ist, dass solche Intuitionen moralische Sachverhalte bestenfalls anzeigen, aber nicht deren Gültigkeit erzeugen können. Ein wirklicher moralischer Anspruch setzt folglich das Vorhandensein einer absoluten moralischen Autorität voraus, die seine objektive Gültigkeit verbürgt“ (S. 34).

„Weder materielle nichtgeistige Dinge noch endliche Personen, wie wir es sind, kommen hierfür in Betracht … Nötig ist vielmehr eine absolute Person, die mit ihrem Wesen und Willen die absolute Gültigkeit universeller moralischer Maßstäbe garantiert“ (S. 198).

Der „Darwinismus und der Naturalismus“, so der Autor, seien „entscheidende Grundlagen der Ideen Hitlers und des Marxismus“ gewesen. Entsprechend hätten sich „diese Gedankensysteme … durch massive Menschenrechtsverletzungen hervorgetan“ (S. 91). Und: „Der Naturalismus ist … der eigentliche Unterbau der voranschreitenden sittlichen Verwahrlosung und Dekadenz unserer Zeit“ (S. 221). Da nichtreligiöse Menschen die Existenz übernatürlicher Wesenheiten verneinen, verfügten sie über keine Moral, die diesen Namen verdiene.

Was ist dran an dieser Argumentation? Gibt es objektiv gültige normative Aussagen? Lässt sich Moral mit „Gott“ rechtfertigen? Sind naturalistisch-humanistische Ethiken irrational und willkürlich? Tragen Darwinismus und Naturalismus Schuld an den Verbrechen der Nazis und Stalinisten? Und vor allem: Lässt sich eine verantwortbare Moral auf den Wortlaut der Bibel gründen? Um es vorwegzunehmen: Der Autor läuft in alle Gegenargumente, die Philosophen seit Jahrhunderten gegenüber der Begründung von Moral durch göttliche Autorität vorbringen.

Entweder Naturalismus oder Moral? Der falsche Gegensatz

Als erstes ist anzumerken, dass WIDENMEYERs Glaubensethik im breitgefächerten Spektrum des Theismus nur eine kleine Nische belegt. Sie genießt in den Offenbarungsreligionen wie dem Christentum und dem Islam eine gewisse Popularität. Andere Religionen, wie etwa der Buddhismus und Jainismus, begründen ihre Moral nicht mit einer „absoluten moralischen Autorität“, da sie weder Offenbarung noch Kulte kennen.

Auch im Christentum richtet sich die Ethik methodisch neu aus: Moraltheologen wie Alfons AUER, Franz BÖCKLE, Josef FUCHS und viele andere betonen, dass Religion keine argumentative Voraussetzung für die Legitimation sittlicher Normen sein könne (vgl. AUER 2016; VAZ 2014). Moral bedürfe einer vernünftigen, rational nachvollziehbaren Begründung statt des Verweises auf die Theologie.

Anders gesagt, der Autor baut einen falschen Gegensatz auf. Nicht der Naturalismus verkörpert die Antithese zu dessen Moraltheologie, sondern jede Religion und Ontologie, die von einer autonomen Moralbegründung ausgeht. Selbst in der christlichen Theologie stellt WIDENMEYERs strikte Glaubensethik heute eine Minderheiten-Position dar. Daher ist seine Argumentation gegen den Naturalismus so unergiebig.

Gibt es objektiv gültige moralische Werte (normative Aussagen)?

„Moralische Sachverhalte [Gebote, Verbote] bestehen, wenn es sie gibt, im eigentlichen, strengen Sinne objektiv: Sie hängen zum Beispiel nicht davon ab, was Menschen zu einer bestimmten Zeit als moralisch empfinden, allein schon deshalb nicht, weil unser moralisches Empfinden zum Beispiel durch Medien und Politik sehr stark beeinflussbar ist. Moral hängt nicht davon ab, was besonderen menschlichen Interessen entspricht oder was lediglich von Menschen erlassene Gesetze verbieten, befehlen oder erlauben. Moralische Sachverhalte sind selbstständig, sie können nicht auf andere, nicht-moralische Sachverhalte zurückgeführt werden und sie sind nicht von ihnen abhängig“ (S. 33).

Hinsichtlich der Frage, ob es objektiv gültige (absolute) normative Aussagen gibt, beziehen Naturalisten zumeist den Standpunkt des moralischen Subjektivismus (z. B. MACKIE 1977, S. 18). Danach sind Aussagen objektiv gültig, wenn sie unabhängig vom bewertenden Subjekt (faktisch) wahr sind. Wahr können in diesem Sinn nur beschreibende Aussagen sein, da Wahrheit Übereinstimmung einer Aussage mit der Realität bedeutet. Normative Aussagen (über das, was sein soll) gehören nicht in diese Kategorie. Zwischen dem, was ist und dem, was sein soll, klafft eine logische Lücke: Aus dem Sein lässt sich nicht ohne weiteres auf das Sollen schließen (HUMEs Gesetz).

Beschreibende und normative Aussagen haben einiges gemeinsam. Wir können sie postulieren, aus anderen Aussagen ableiten, auf Widerspruchsfreiheit testen, kritisieren usw. Gleichwohl bleibt ein entscheidender Unterschied:

„Beschreibende Aussagen können wahr sein, normative Aussagen nicht. Fakten werden in der Natur gefunden, Normen nicht. Deshalb können deskriptive Aussagen empirisch getestet werden, normative Aussagen nicht. Während wir gute Gründe haben mögen, für eine Beschreibung Wahrheit zu beanspruchen, können wir niemals gute Gründe haben, für Normen Geltung zu beanspruchen“ (VOLLMER 1985, S 184).

Das bedeutet nicht, dass sich Moral nicht auf Wahres beziehen kann und sollte. Die Aussage beispielsweise, dass chronischer Hunger Leid verursacht und dem friedlichen Zusammenleben schadet, ist faktisch wahr. Daraus lässt sich die Maxime ableiten, dass wir um der menschlichen Bedürfnisse Willen und im Interesse des friedlichen Zusammenlebens aller versuchen sollten, Hungersnöte einzudämmen.

So nachvollziehbar diese moralische Forderung ist, so wenig gibt es eine davon losgelöste, objektive Verpflichtung zur Beseitigung des Hungers. Frühchristliche Mönche, die Anachoreten, sahen im Hungern gar einen erstrebenswerten Zustand auf dem Weg zu Gott und in ihren Bedürfnissen ein Hindernis. Sie versetzten ihren Körper bewusst in einen elenden Zustand, denn Askese und Schmerzerfüllung waren für sie von hohem moralischem Wert. Wir müssen uns also, wie MACKIE (1977) betont, mit subjektiven Ansprüchen auf ethisch richtige Interessen begnügen.

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Dodo Müller: In der Kurie herrscht ein Klima der Angst

Gerhard L. Müller links im Bild
Papst Franziskus ist von ‚Spionen’ und ‚falschen Freunden’ umgeben, sagt der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation.

kath.net

In der römischen Kurie herrsche ein Klima der Angst. Ein kurzes oder harmloses Wort der Kritik sei oft ausreichend, um in Ungnade zu fallen. Diese Bemerkungen würden Papst Franziskus zugetragen und die fälschlich beschuldigten Personen hätten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Dies sei ihm aus verschiedenen Bereichen der römischen Kurie versichert worden, sagte Kardinal Müller in einem Interview mit Edward Pentin vom National Catholic Register.

Dieses Phänomen sei nicht auf den Vatikan beschränkt, ergänzte Müller. An Hochschulen und Universitäten sei es ähnlich. Jeder, der das nachsynodale päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ in Frage stelle, insbesondere die vieldiskutierte Fußnote 351, gefährde seine akademische Karriere, sagte er.

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Das Christentum und die Sache mit dem Sex

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Es ist kompliziert. Sehr kompliziert und voller Widersprüche. Das ist, kurz gesagt, das Fazit der Geschichte von „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum“. Vorgelegt hat sie der vom Niederrhein stammende Theologe und Priester Arnold Angenendt, der lange in Münster lehrte. Wer nun glaubt, ein katholischer Priester müsse über Sexualität schreiben wie der Blinde von der Farbe, nämlich weltfremd, der nehme Angenendt zur Hand – er wird angenehm überrascht, auch wenn das Fazit vor allem aus katholischer Sicht durchaus (der Kalauer sei erlaubt) unbefriedigend ausfällt.

Von Frank Vollmer|RP ONLINE

Angenendt schüttelt eine Reihe oft gehörter Thesen über Religion und Sex gründlich durcheinander. Das Christentum misstraut der Frau? Ja, es gibt üble Sätze der Kirchenväter, aber Jesus und Paulus waren Revolutionäre, widerspricht Angenendt, weil sie die Gleichwertigkeit der Geschlechter anerkannten. Die romantische Ehe ist eine christliche Erfindung. Augustinus hat den Christen die Leibesfreuden vergällt? Wollust in der Ehe ist für ihn das Normalste der Welt. Die Reformatoren waren ja so aufgeschlossen? Zürich richtete, kaum protestantisch geworden, flugs ein „Ehe- und Zuchtgericht“ ein, das aus dem kirchlichen weltliches Recht machte – Ehebrecher wurden ertränkt.

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Katholische Beseelungs-Bullshistic—pränatale Fruchtwasserträume

Bild: alles-ueber-kinder.net
Es wäre dem menschlichen Leib wesensfremd, nicht vom allerersten Anfang seiner Existenz an beseelt zu sein. Dogmatische Gedanken über Seele und Leib

Von Mag. theol. Michael Gurtnerkath.net

In Diskussionen rund um die Thematik von Abtreibung und Empfängnisverhütung, speziell aber wenn es um die abtreibende Wirkung der sogenannten „Pille danach“ geht, stößt man immer wieder auf eine Problematik, welche es lohnt einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Es handelt sich um das Argument, das zusammengefaßt etwa so widergegeben werden könnte: „Ich bin gegen Abtreibung, aber nicht von der Empfängnis an. Erst ab dem Zeitpunkt, ab dem aus der befruchteten Eizelle ein Mensch geworden ist“.

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Sex im Nonnenkloster

Sant’Ambrogio della Massima, Bild: public domain

Geheime Initiationsriten und sexuelle Gewalt: Hinter den Klostermauern von Sant’Ambrogio in Rom spielten sich Mitte des 19. Jahrhunderts ungewöhnliche Szenen ab. Der Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf hat pikante Details in einem Buch zusammengetragen.

Von Michael Hollenbach Deutschlandradio Kultur

„Die unkeuschen Handlungen wurden mit Berührungen durch die Hände, den Körper und zwei- oder dreimal auch durch die Zunge begangen. Maria Luisa erwies sich als am meisten begierig nach den Berührungen des Körpers, (…) und sie machte Bewegungen und einen solchen Laut, dass ich das nicht mit Worten auszudrücken mag.“

Die junge Nonne Maria Giancinta beschreibt, wie die Novizenmeisterin Maria Luisa sie zwang, in ihr Bett zu kommen und mit ihr zu schlafen. Sexualisierte Gewalt in einer Zelle des Nonnenkloster Sant’Ambrogio in Rom anno 1856. Als stellvertretende Leiterin des Klosters erklärt Maria Luisa den Nonnen, mit denen sie Sex hat, ihre Körperflüssigkeit sei von Gott gegeben, um damit die Schwestern zu heilen. Die sexuelle Gewalt wird religiös legitimiert.

Und es bleibt nicht bei Einzelfällen im römischen Kloster Sant’Ambrogio. Für die Schwestern, die nach dem Noviziat ihr Ordensgelübde ablegen, existiert eine Art Initiationsritus. In der Nacht vor der Profess muss jede Novizin mit Maria Luisa in einem Bett schlafen. Dabei lag man – so ist in den Akten zu lesen – Gesicht an Gesicht und Brust an Brust, statt – wie es die Ordensregel vorsah – die Nacht allein im Gebet zu verbringen.

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Stimmen aus Kirche und Religion zum Rücktritt von Wulff

Vertreter der Kirchen haben mit Respekt, Dank und Erleichterung auf den Rücktritt von Christian Wulff reagiert. Mit Blick auf das Amt des Bundespräsidenten sprachen sie von einem wichtigen und richtigen Schritt.

domradio.de

Ethikrat-Mitglied Eberhard Schockenhoff schlägt im domradio.de-Interview einen möglichen Nachfolger vor.

Der Rücktritt sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr vermeidbar gewesen, sagte der Priester und Professor für Moraltheologie in Freiburg, Eberhard Schockenhoff. Wulff sei von seiner Vergangenheit eingeholt worden. Ein möglicher Nachfolger müsse die politisch-moralischen Grundwerte Deutschlands glaubwürdig repräsentieren und „breites Ansehen in allen Schichten der Bevölkerung“ besitzen. Als geeigneten Kandidaten bezeichnete Schockenhoff den CDU-Politiker Thomas de Maizière. Der aktuelle Bundesverteidigungsminister komme aus de, christlichen Umfeld und besäße lange politische Erfahrung. Dadurch sei er auch ein Beispiel dafür, „dass es in der aktiven Politik Menschen gibt, die viele von diesen Eigenschaften aufweisen“. Zur Debatte um die künftige Besoldung des zurückgetretenen Bundespräsidenten plädierte Ethikrat-Mitglied Schockenhoff für Großzügigkeit. Wulff habe lange Zeit seines Berufslebens im Dienst des Gemeinwesens gestanden, „da solle man nicht Neidimpulse schüren. Wenn es ihm  juristisch zusteht, hat er auch moralisch das Recht dazu, es zu erhalten.“ Diskutiert wird gerade, ob Wulff der Ehrensold zusteht, also die Fortzahlung der vollen Amtsbezüge von jährlich 199.000 Euro bis zum Lebensende.

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Jetzt ist alles klar, die Häresie in theologischen Fakultäten ist schuld an der Kirchenkrise

Quelle: uibk.ac.at

Häresien im Theologiestudium
Wenn während meines Theologiestudiums „die kirchliche Lehre vorkam, dann meist nur um sie zu kritisieren“ – Ein Insiderbericht von einer katholischen Fakultät in Österreich von N.N.

Kath.net

N.N. hat vor einigen Jahren einer österreichischen Universität Theologie studiert, inzwischen ist er als Religionslehrer aktiv. N.N. schreibt über seine Erfahrungen im Rahmen des Theologiestudims folgendes:

Lehrende und Inhalte

In meinem Studium wurde die Lehre der Kirche nicht rezipiert. Der Katechismus und kirchliche Dokumente spielten in meinem Studium fast keine Rolle. Sie wurden von den Lehrenden nicht angeführt und ich wurde niemals dazu angehalten, den Katechismus oder ein kirchliches Dokument (Enzyklika, …) zu lesen.

Wenn die kirchliche Lehre vorkam, dann meist nur um sie zu kritisieren ohne wirklich zu verstehen, warum die Kirche das lehrt. Besonders auffällig war dies in der Dogmatik und Fundamentaltheologie sowie der Moraltheologie. Am Beginn des Studiums steht ein dogmatischer Einführungskurs in die Grundlagen des Katholischen Glaubens.

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