System-Logik: Der Fall Professor Birbaumers

Grafik: TP
Was uns der Forschungsskandal über das Wissenschaftssystem lehrt

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Jetzt ist es also amtlich: „Untersuchungskommission stellt wissenschaftliches Fehlverhalten durch Tübinger Hirnforscher fest“ titelt die Pressemitteilung der Universität Tübingen vom 6. Juni. Namen werden darin keine genannt. Bloß vom „Fall zweier Hirnforscher“ ist die Rede.

Die Presse war nicht so zurückhaltend. Bereits am 8. April erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über „Massive Zweifel an Studie zum Gedankenlesen“. Dass die Rede vom „Gedankenlesen“ hier fehlplatziert ist, lassen wir einmal beiseite.

Es geht schlicht darum, dass (zum Beispiel gelähmte) Versuchspersonen auf Kommando bestimmte Denkprozesse vornehmen, etwa sich die Bewegung mit einem Körperteil vorstellen, die mit bestimmten Gehirnprozessen einhergehen. Diese können unter Umständen über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle als Ja-nein-Reaktion interpretiert werden.

Niels Birbaumer, laut SZ „einer der prominentesten Wissenschaftler Deutschlands“, leistete jahrzehntelang Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Und diese Forschung ist in der Tat nicht nur wissenschaftlich interessant, indem sie uns mehr über die Arbeitsweise des Gehirns verrät, sondern auch für bestimmte Patientengruppen essenziell: eben diejenigen, die aufgrund fortschreitender Lähmungen nicht mehr mit der Außenwelt kommunizieren können oder eigene Körperfunktionen nicht mehr unter Kontrolle haben. Eine Art Gehirn-Schreibmaschine oder eine gedanklich gesteuerte Neuroprothese kann dann die letzte Hoffnung sein.

Vier Verstöße gegen gute wissenschaftliche Praxis

Keine zwei Monate später liegt nun schon das Untersuchungsergebnis einer Kommission im Auftrag der Universität Tübingen vor. Und diese kommt nun zum Ergebnis, dass der Hirnforscher und ein Kollege auf vier Weisen gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen haben:

Erstens seien bei der Erhebung Daten selektiv ausgewählt worden: So seien auf nicht nachvollziehbare Weise Datensätze bei der Auswertung nicht berücksichtigt worden. Nach Auffassung der Kommission ist das eine „Verfälschung von Daten durch Zurückweisen unerwünschter Ergebnisse ohne Offenlegung.“

Zweitens seien Daten und Skripte nicht offengelegt worden. Somit konnten die in der strittigen Publikation in der Zeitschrift PLoS Biology aus dem Jahr 2017 veröffentlichten Ergebnisse nicht nachvollzogen werden. Die Kommission nennt das „Verfälschung von Daten durch Unterdrücken von relevanten Belegen.“

Drittens würden Daten schlicht fehlen. Für die Studie wurden von mehreren Patienten tagelang Gehirnströme gemessen, zwischen sechs und 17 Tagen pro Patient. Für mehrere Tage seien aber keine Daten vorhanden. „Nach den Ermittlungen der Kommission stimmt die Anzahl der Tage, zu denen Daten vorliegen, mit der Anzahl der Tage, für die im Artikel Auswertungen dargestellt werden, in keinem Fall überein.“

Viertens und letztens gebe es eine mögliche Datenverfälschung durch eine fehlerhafte Analyse. Die statistischen Berechnungen ließen sich, wie gesagt, ohnehin nicht nachvollziehen. Die Kommission fand aber zusätzlich heraus, „dass ein ehemaliger Mitarbeiter des Seniorprofessors diesen bereits im November 2015 darauf hingewiesen hatte, dass sich aus den Daten in statistisch korrekter Auswertung keine signifikanten Ergebnisse belegen lassen.“ Das lässt den Verdacht aufkommen, dass hier bewusst falsche Resultate veröffentlicht wurden.

Solch ein Vorgehen wäre schon bei Grundlagenforschung hochproblematisch. In angewandter Forschung mit Patienten, die, wie hier, im Endstadium völlig gelähmt und somit ausgeliefert („completely locked-in“) sind und deren Angehörige in der Gehirn-Computer-Schnittstelle die einzige Chance zur Kommunikation sehen, fehlt schlicht ein angemessenes Wort. Das Rektorat der Universität Tübingen kündigte dann auch schon Konsequenzen an, darunter eine Anlaufstelle für die Betroffenen.

Birbaumer wehrt sich

Ich will hier nicht viel über den Einzelfall schreiben, sondern auf ein paar Aspekte der System-Logik der heutigen Wissenschaft hinweisen. Dass Birbaumer die Vorwürfe schon im April als „Blödsinn“ bezeichnet und gemeint haben soll, die Untersuchung der Kommission interessiere ihn überhaupt nicht, klingt jedenfalls nicht sehr professoral.

Der SWR berichtet nun von einem Brief des Hirnforschers an die Medien, in dem er behaupte, die Universität sei womöglich einem Informanten aufgesessen, der ihn verleumden wolle. Das überzeugt allerdings wenig, wenn man weiß, dass der Untersuchung und den Medienberichten bereits ein langer Streit innerhalb der Wissenschaft vorangegangen war. Und die Kommission sowohl Birbaumer als auch einen anderen Autor der strittigen Veröffentlichung stundenlang befragte.

Wenn die Vorwürfe haltlos wären, dann hätten sie sich doch in dieser Zeit überzeugend zurückweisen lassen können. Und wenn sich, wie oben genannt, fehlende Daten und Skripte spätestens während der über Monate dauernden offiziellen Untersuchung nicht auftreiben ließen, wie sollte sich daran auf einmal etwas ändern?

PLoS Biology ist auch nicht irgendein Journal, sondern genießt einen guten Ruf. Die Redakteure der nun seit 15 Jahren bestehenden Zeitschrift wollten es gerade besser machen als die herkömmlichen Publikationsorgane des Mainstreams: Open Access und so viel wie möglich Open Data als Garant für Offenheit und höchste wissenschaftliche Standards.

Die Dachorganisation PLoS (für Public Library of Science) gibt inzwischen zehn Journals heraus und operiert nicht auf Profitbasis. PLoS Biology ist die älteste davon und gilt laut dem Web of Science als die am dritthäufigsten zitierte Zeitschrift von 85 in der Kategorie Biologie und ist auf Platz 18 von 293 in der Kategorie Biochemie/molekulare Biologie.

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Tausende Forscher sind auf Fake-Journale hereingefallen

Bild: Fotolia
Immer mehr seriöse Forscher lassen sich von „Raubverlagen“ das Geld aus der Tasche ziehen. Ihr Ziel: der schnelle Ruhm. Nun sind Zahlen über das Ausmaß auf dem Tisch, Gegenmaßnahmen werden gefordert.

Von Joachim Müller-Jung | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Markt für Pseudowissenschaften wächst offenbar immer schneller, und auch seriöse Wissenschaftler gehen den Strippenziehern vermehrt auf den Leim, die vor allem als Wissenschaftsverlage mit offenen Zugang (Open access) auftreten. „Mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler“ wurden von dem Sender NDR, WDR und das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ identifiziert, die mindestens einmal in einem dieser als „Raubverlage“ bezeichneten Plattformen publizierten. Ausgenommen seien auch einzelner Wissenschaftler aus hoch angesehenen  Institutionen und Hochschulen nicht. Zumindest so viel hat das Recherchenetzwerk ein paar Tage vor der Ausstrahlung einer halbstündigen Dokumentation im ARD mitgeteilt.

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Blick in die Gedankenwelt des jungen Stephen Hawking

Der britsche Physiker Stephen Hawking bei einem Vortrag. Er hat jetzt seine Doktorarbeit frei zugänglich gemacht © NASA/ Paul Alers
Er ist einer der bekanntesten Astrophysiker weltweit: Stephen Hawking. Jetzt ist seine vor gut 50 Jahren geschriebene Doktorarbeit erstmals im Internet frei zugänglich. Die University of Cambridge hat die Arbeit in Absprache mit dem Physiker online gestellt, um den Open Access Gedanken voranzutreiben. Hawking hofft, dass sein Beispiel dazu beiträgt, den Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten künftig zu erleichtern.

scinexx

Der britische Physiker und Kosmologe Stephen Hawking hat unsere Sicht des Kosmos entscheidend geprägt. Er postulierte als erster grundlegende Eigenschaften Schwarzer Löcher, darunter die nach ihm benannte Hawking-Strahlung und präzisierte Theorien zum Ereignishorizont. Zudem beschäftigte er sich mit der quantenphysikalischen Erklärung des Urknalls und der kosmischen Inflation.

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Scientists Are Debating Whether Animals Have a Right to Privacy

A grizzly bear in Alaska. Image: Gregory „Slobirdr“ Smith/Flickr
A growing number of scientists are deliberately concealing tracking data to protect their location.

By Sarah Hewitt | MOTHERBOARD

The psychedelic rock gecko lives among the rocks on a tiny island in the South China Sea. Scientists first described this small, colourful creature in 2010 in the journal Zootaxa—where to find it, what it looks like, and how it behaves. Three years later, you could buy one in Europe through the international pet trade. Same story for the Bornean earless monitor lizard, Campbell’s alligator lizard, and countless other species.

Scientific data used to be accessible only through university subscriptions to specialized journals. But these days, there’s a push to remove those limitations and make it available to anyone who wants it. It’s a Catch-22—scientists now find themselves inadvertently putting animals at risk of exploitation by publishing and sharing their location and tracking information. And they’re grappling with what to do about it.

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Open Access: Digitale Wissenschaftskontrolle

© Wonge Bergmann Begleiterscheinung von Open Access: das musealisierte Buch
© Wonge Bergmann Begleiterscheinung von Open Access: das musealisierte Buch
Open Access läuft auf ein Kontrollsystem hinaus, das jeden Schritt von Wissenschaftlern überwacht. Die Politik verschenkt die Arbeit der Forscher an private Investoren.

Von Uwe Jochum | Frankfurter Allgemeine

Das größte Missverständnis bei der Digitalisierung der Wissenschaften durch die Einführung eines „Open Access“-Publikationssystems liegt in der Annahme, die Wissenschaft werde dadurch freier und demokratischer. Diesen Befreiungs- und Demokratisierungsschub denkt man sich so: Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen.

Stattdessen soll die digitale Publikation auf den universitären Volltextservern zu „Open Access“-Konditionen erfolgen, das heißt eine beliebige und für die interessierten Leser kostenfreie Nachnutzung der Veröffentlichung erlauben. Das, so glaubt man, sei die gelungene Synthese aus einer digital sich selbst organisierenden und dank Ausschaltung der Verlage ökonomiefreien und daher billigeren Wissenschaft, die übers Internet mit der interessierten Öffentlichkeit direkt in Kontakt kommen und in diesem Direktkontakt die Demokratisierung der Gesellschaft voranbringen könne.

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Fake Science News Is Just As Bad As Fake News

Image: Shutterstock
Image: Shutterstock
Fake news has been getting a lot of attention around the US election, and rightly so. But science has its own problem with fake news—and fake research published in scientific journals. To prove how bad it is, a journalist at a Canadian daily newspaper got some plagiarized ‘research’ published. According to watchdogs, the problem might be getting worse.

By Bryson Masse | MOTHERBOARD

This year, OMICS International, based out of Hyderabad, India, purchased two Canadian medical research journal publishers, which are now “churning out low-quality OMICS material, while still using their Canadian names,” as journalist Tom Spears put it in his piece in The Ottawa Citizen.

This summer, OMICS reached out to Spears, who has previously demonstrated how to game the scientific publishing system, and now gets a lot of spam from journal publishers. This time, he decided he might have some fun with them.

Spears explained that he „mostly plagiarized from Aristotle“

“I’d sent test submissions to a couple of predators in the past and had kind of moved on, but then I got this request to write for what looked like a fake journal—of ethics,” Spears wrote me in an email. “Something about that attracted me so I just thought: Why not? And one morning in late August when I woke up early I made extra coffee and banged out some drivel and sent it to them.”

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Evolutionsbiologie und die dunklen Seiten von Open Access

Bild:orf.at
Mit dem Internet haben sich die Möglichkeiten des wissenschaftlichen Publizierens verändert. Open Access soll Veröffentlichungen billiger und transparenter machen. Doch es gibt auch immer mehr Scharlatane, die Forscher und Forscherinnen damit täuschen und ausbeuten wollen.

SCIENCE ORF.at

Executive Director wider Willen

„Wow, das gibt’s ja nicht“, meinte Ralf Sommer am Telefon, als er zum ersten Mal gesehen hat, dass er einer von vier „Executive Directors“ sein soll, die die Konferenz „Entomology-2013“ leiten. Anfang September wollen sich Insektenkundler aus der ganzen Welt auf der Konferenz in Orlando im US-Bundesstaat Florida treffen.

Als Sommer vor vielen Monaten per Mail von den Organisatoren gefragt wurde, ob auch er daran teilnehmen möchte, hat er zugesagt. „Als Vortragender“, betont der Direktor der Abteilung für Evolutionsbiologie am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Dass er als „Executive Director“ auf der Homepage der Veranstaltung steht, hat er erst durch science.ORF.at erfahren. „Dem habe ich niemals zugestimmt.“

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