Autor undercover in Hamburgs Moscheen „Islamisten tanzen uns auf der Nase herum“

Shams Ul-Haq (43) wurde in Pakistan geboren und kam mit 15 als Flüchtling mit Schleusern nach Deutschland. Heute arbeitet er als Autor („Eure Gesetze interessieren uns nicht“) und Terrorismusexperte für TV-Sender und Zeitungen. Foto: Privatfoto
Viele Jugendliche aus Einwandererfamilien gleiten in den radikalen Islamismus ab. Sie gehen als Kämpfer des „Islamischen Staats“ nach Syrien und in den Irak. Oder sie versuchen in Deutschland oder anderen europäischen Ländern Terroranschläge zu verüben. Was treibt diese jungen Menschen an? Wie genau funktioniert die Radikalisierung?

MOPO

Ich bin Journalist, und diese Fragen beschäftigten mich seit Langem. Daher beschloss ich, tiefer in die salafistische Szene einzutauchen. Dabei war mir natürlich von Nutzen, dass ich selbst Muslim, selbst Einwanderer bin – mit 15 kam ich aus Pakistan mithilfe von Schleppern ins Land … Als Deutscher wäre es mir natürlich kaum gelungen, zwei Jahre undercover mehr als 150 Moscheen in Deutschland und Österreich aufzusuchen. Ich habe mir angehört, wie gepredigt wurde. Ich habe mit Imamen gesprochen. Ich habe erlebt, wie die Gehirnwäsche der Islamisten funktioniert.

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Machen Moscheevereine genug gegen die Extremisten in ihren Reihen?

An der An-Nur-Moschee in Winterthur trieben Islamisten lange ihr Unwesen, bis die Behörden eingriffen. (Bild: Keystone / Walter Bieri)
Lassen sich Jugendliche vom radikalen Islamismus verführen, fällt dies oft auch ihren gemässigten Glaubensgenossen auf. Doch nicht immer erhalten die Behörden warnende Hinweise.

Von Beat Stauffer | Neue Zürcher Zeitung

Der junge Iraker fiel immer wieder durch seine radikalen Äusserungen und seine offen bekundete Sympathie für den IS auf. Davon wollten seine Glaubensgenossen in der arabischen Moschee im sankt-gallischen Wil, in welcher der Extremist verkehrte, nichts wissen. Der Imam Kabil Idrizi untersagte dem Iraker, das Gotteshaus zu betreten – und wandte sich, als dieser Morddrohungen aussprach, an die Wiler Behörden. Diese erliessen ein offizielles Hausverbot und schalteten die Kantonspolizei ein.

Es gibt nur wenige öffentlich bekannte Fälle wie diesen aus dem Mai 2015, in denen sich Moscheevereine aus eigenem Antrieb gegen radikale Kräfte zur Wehr setzen und die betreffenden Personen auch den Behörden melden. In vielen anderen Beispielen gibt es zwar deutliche Hinweise auf eine solche Zusammenarbeit. Doch die Behörden bewahren meist Stillschweigen. Und für die Moscheevereine ist das Thema heikel, stecken sie doch in einem Loyalitätskonflikt und setzen sich durch die Kooperation mit den Behörden der Kritik konservativer oder gar salafistischer Mitglieder aus.

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Islam und Antisemitismus: „In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter und die deutsche Publizistin Alice Schwarzer diskutieren in der Pariser Wohung Badinters. © Aulock, Michael von
Kommt es durch die Einwanderung von Muslimen zum Erstarken des Antisemitismus? Und was bedeutet diese Diskussion für Feministinnen? Ein Gespräch zwischen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der deutschen Journalistin Alice Schwarzer.

Von Michaela Wiegel | Frankfurter Allgemeine

Führt Masseneinwanderung aus dem islamischen Kulturraum zu einem Erstarken der Judenfeindlichkeit in unseren Gesellschaften?

Elisabeth Badinter: Die Antwort ist schwierig. Die erste Generation und auch die zweite Generation der Einwanderer in Frankreich sind überhaupt nicht durch eine antisemitische Haltung aufgefallen. Ein radikaler Antisemitismus hat sich erst in der dritten, in Frankreich geborenen Generation entwickelt, die sich zugleich zum radikalen Islamismus bestimmter Imame hingezogen fühlt. Es gibt heute in Frankreich keine andere Bevölkerungsgruppe, die wie die Juden ausschließlich aufgrund ihrer Religion schikaniert, gefoltert und sogar getötet wird. Diese Straftaten werden immer von Personen mit muslimischem Einwanderungshintergrund begangen, die sich dem Islamismus verschrieben haben.

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Anklage fordert lange Haft für Syrienkämpfer

Der 27 Jahre alte Deutsche Harun P. soll als Mitglied der Gruppe ‚Junud Al-Sham‘ am Terror in Syrien beteiligt gewesen zu sein. (Foto: dpa)
Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft dem Syrien-Rückkehrer Harun P. Mord vor. Das Gericht hatte einen Deal vereinbart – durch den der 27-Jährige einer lebenslangen Haftstrafe entrinnt.


Von Annette Ramelsberger|Süddeutsche.de

Der Mann ist in München geboren und hier aufgewachsen. Doch dann brach er drei Lehren ab, trennte sich von seiner langjährigen Freundin und schloss sich dem radikalen Islamismus an. Am Ende ging er nach Syrien in den Dschihad. Harun P. ist der erste Syrienkämpfer, dem nach seiner Rückkehr wegen eines Mordvorwurfs in Deutschland der Prozess gemacht wird.

Seit Frühjahr wird vor dem Oberlandesgericht München verhandelt, nun hat die Bundesanwaltschaft 13 Jahre und sechs Monate Haft für den 27 Jahre alten Mann gefordert – es ist auch ein Zeichen dafür, was rückkehrwillige Dschihadisten zu erwarten haben. Die Verteidigung plädierte auf zehn Jahre.

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Weshalb der IS Mädchen rekrutiert

In Syrien, wie hier auf einem Hügel bei Kobane, und in anderen Ländern des Mittleren Ostens versuchen Kämpfer der Terrormiliz IS die Macht zu erlangen – auch Frauen sind beteiligt. (AFP / Aris Messinis)
Zurzeit rekrutieren die Islamisten in Deutschland vor allem junge Frauen – die andere Motive haben, sich dem IS anzuschließen, als die Männer. Das Gemeinschaftsgefühl spiele dabei eine wichtige Rolle, sagt die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke.


Claudia Dantschke im Gespräch mit Martin Steinhage|Deutschlandradio Kultur

Seit einigen Jahren kümmert sich die Beratungsstelle Hayat um Menschen, die sich dem Islamismus verschrieben haben, oder im Begriff sind dies zu tun. Das Berliner Büro von Hayat wird geleitet von Claudia Dantschke. Zurzeit berät sie über 160 Familien, bei denen sich ein Mitglied radikalisiert hat.

Deutschlandradio Kultur: Mein Gast in dieser Ausgabe von Tacheles heißt Claudia Dantschke. Sie ist Islamismus-Expertin und leitet in Berlin die Beratungsstelle Hayat beim Zentrum für demokratische Kultur. Dort kümmert man sich um Menschen, die sich dem radikalen Islamismus zugewandt haben bzw. im Begriff sind, dies zu tun. Und genau darüber wollen wir in den kommenden knapp 30 Minuten sprechen. – Hallo, Frau Dantschke, schön, dass Sie da sind.

Claudia Dantschke: Hallo.

Deutschlandradio Kultur: Frau Dantschke, was zeigen Ihre Erfahrungen bei der Beratungsstelle Hayat? Wer ist anfällig für islamistisches Gedankengut, für diese Form der Radikalisierung? Lässt sich da ein Muster beschreiben?

Claudia Dantschke: Das Interessante ist, dass es eigentlich – sage ich jetzt inzwischen immer – faktisch jede Familie treffen könnte. Es gibt keine Art von Herkunft, sozialer, religiöser oder ethnischer, die besonders quasi anfällig ist, sondern es sind eher Arten von Familienstrukturen, die anfällig sind.

Also, kaputte Familien, fehlende Vaterfigur, Familien, wo es kriselt, wo Jugendliche das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, wo autoritäre Erziehungsstile sehr stark sind – das sind so bestimmte Muster, die immer wiederkehren. Religiöse Familien nicht, das Thema Religion spielt keine Rolle. Es sind sehr, sehr oft eher weltliche Familien. Das heißt, sie sind vielleicht christlich geprägt oder muslimisch geprägt, aber sie sind jetzt nicht vertieft religiös. Da muss man aber auch dazu sagen, dass ein ganz bestimmtes Teilsegment der betroffenen Familien sich nicht an Außenstehende wendet mit dieser Frage. Das sind eben sehr, sehr traditionelle, konservative muslimische Familien. Die gehen dann lieber sozusagen innerhalb der Community auf Suche nach Partnern, die ihnen helfen können, oder vielleicht zur Moscheegemeinde, wo sie angebunden sind. Das heißt, aus diesem Segment haben wir sehr wenig Anrufe, nur vereinzelte, aber ansonsten ist wirklich alles vertreten.

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Kamel Daoud: „Religion bringt uns nicht Frieden, sondern Gewalt“

foto: nacerdine zebar / gamma-rapho/laif Kamel Daoud schreibt nicht nur für eine algerische Tageszeitung eine Kolumne, er setzt das Werk von Albert Camus als Aufklärer fort. Für ihn ist es undenkbar, Algerien zu verlassen
Mit Waffen könne man gegen den radikalen Islamismus nichts ausrichten, sagt der algerische Autor Kamel Daoud


Interview Jan Marot|derStandard.at

STANDARD: Wie beschreiben Sie Ihre Lage angesichts der Fatwa, die im vergangenen Dezember gegen Sie ausgesprochen worden ist?

Kamel Daoud: Ich versuche mein Leben so normal wie nur möglich fortzusetzen, wenngleich ich zugebe, sehr viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen zu haben. Die Fatwa hindert mich keineswegs daran, weiterhin zu schreiben und zu arbeiten. Ich versinke keinesfalls in Angst. Ich arbeite und reise viel. Aber es ist für alle schwer. In gewisser Weise existiert eine Fatwa gegen die ganze Welt.

STANDARD: Haben Sie je daran gedacht, ins Exil zu gehen und aus Algerien auszuwandern?

Daoud: Nein, niemals. Algerien ist mein Lebensmittelpunkt. Zwar bin ich oft in Frankreich, was mit meiner Arbeit zu tun hat, doch sollte ich eines Tages die Entscheidung treffen, aus Algerien auszuwandern, dann werde ich diese nur treffen, wenn ich es so will.

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