Ethik bei Religionen „in schlechten Händen“

Die Initiatoren der „Ethik für alle“-Plattform haben sich am Montag einmal mehr dagegen ausgesprochen, Ethik nur als Ersatzfach für Religion einzuführen. Ethische Themen seien bei Religionsgemeinschaften „in schlechten Händen“.

religion.ORF.at

Das seien etwa Themen wie Frauenrechte oder Bioethik, sagte der Sprecher der Mitinitator der „Ethik für alle“-Plattform und Sprecher der Initiative Religion ist Privatsache, Eytan Reif, am Montag vor Journalistinnen und Journalisten. Der Plan der Vorgängerregierung, ein Ersatzpflichtfach Ethik für Schüler einzuführen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, führe allerdings zu einer Stärkung von letzterem.

Wenn der Religionsunterricht noch stärker zur „primären Wertevermittlungsquelle“ in der Schule werde, müsse man sich darüber im Klaren sein, dass hier vor allem „vorgefertigte Antworten und nur Scheindiskussion“ aus dem Fundus der „in der Regel wenig demokratisch geführten“ Religionsgemeinschaften angeboten würden, so Reif bei einer Pressekonferenz in Wien.

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„Religionen brauchen eine Entpolitisierung“

Religion und Krieg – es gibt Verbindungen (E. Landschek )

Der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser fordert eine Entpolitisierung der Religion. So ließen sich ihre kriegerischen Potenziale entschärfen. Zinser sprach sich im Dlf dafür aus, die Glaubensrichtungen sollten mit ihrer Geschichte ins Gericht gehen und kriegstreibende Aussagen verurteilen.

Hartmut Zinser im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Religionsvertreter aus aller Welt reisen dieser Tage an den Bodensee – Montag beginnt dort die Weltkonferenz der Bewegung „Religions for Peace“, Religionen für den Frieden. Es geht auch darum, das Gewalt-Potenzial, das in den Religionen steckt, zu erkennen und gewissermaßen zu neutralisieren. Wie nötig das ist, zeigt ein Blick in die Religionsgeschichte – und natürlich auch in unsere Gegenwart. Andreas Main hat über das Kriegspotenzial der Religionen mit dem Religionswissenschaftler Hartmut Zinser gesprochen.

Andreas Main: Was macht Religionen potenziell zu Kriegstreibern? 

Hartmut Zinser: Religionen geben Antwort auf die Frage, wie soll ich leben, was darf ich tun, was darf ich nicht tun und was kann ich erhoffen. Die Antworten unterscheiden sich. Damit entstehen Differenzen. Ferner – Religionen bilden moralische und solidarische Gemeinschaften mit bestimmten Regeln wie etwa: „Du sollst nicht töten!“, „Du sollst nicht lügen!“, „Du sollst nicht rauben und stehlen!“. Aber diese Regeln gelten in der Regel nur für die Religionsgemeinschaft selbst. Nur wenige Religionen haben daraus universale Lehren gemacht.

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Auswärtiges Amt will Kontakte zu Religionsvertretern ausbauen

84 Prozent der Weltbevölkerung gehören einer Religion an. Das Auswärtige Amt erkennt darin ein großes „Friedenspotenzial“, das diplomatisch genutzt werden soll. Deswegen will es bei einem Treffen die Beziehungen zu den Religionen ausbauen.

katholisch.de

Ein Jahr nach seiner Gründung will das im Auswärtigen Amt angesiedelte Referat „Religion und Außenpolitik“ die Kontakte zu Religionsvertretern vertiefen. Es gehe nicht um einen Dialog der Religionen, sondern darum, das „Friedenspotenzial“ der Religionen für die gesellschaftliche Entwicklung nutzbar zu machen, sagte Andreas Görgen, Leiter der Abteilung für Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amts, am Montag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. Religionen spielten eine wichtige Rolle „für die Erziehung von Menschen zum Frieden und zur Versöhnung“.

Das Referat „Religion und Außenpolitik“ wurde am 1. August 2018 eingerichtet. Angesiedelt ist es in der von Görgen geleiteten Abteilung.

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Starke Götter als Kitt der Hochkulturen

Religionen mit strengen Moralvorgaben und Gottheiten stärkten den Zusammenhalt in komplexen, multiethnischen Hochkulturen. (Bild: imagineGolf/ iStock)

Warum und wann haben sich Religionen mit starken Göttern und strengen Moralregeln entwickelt? Darauf haben Forscher nun eine überraschende Antwort gefunden. Denn entgegen gängiger Annahme waren solche Religionen nicht die Triebkraft für die Entwicklung komplexer Gesellschaften, sondern eher ihr Kitt: Sie entstanden erst nach den komplexen Großreichen, sorgten dann aber dafür, dass diese Sozialgebilde auf Dauer stabil blieben, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature“ berichten.

scinexx

Ob Christentum, Islam, Judentum oder Buddhismus: In vielen großen Weltreligionen gibt es strenge moralische Gebote und starke Gottheiten, die ihren Gläubigen bestimmte Regeln auch im sozialen Umgang untereinander auferlegen. Das Auffallende daran: Religionen mit starken moralisierenden Gottheiten haben sich vor allem in Hochkulturen entwickelt, aber nur selten bei Naturvölkern. Schon länger vermuten Wissenschaftler deshalb einen engen Zusammenhang zwischen der Umwelt, der gesellschaftlichen Komplexität einer Kultur und der Art ihrer Religion.

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Schweiz: Religion ist ein Auslaufmodell

Symbole der fünf Weltreligionen auf verlorenem Posten? In der Schweiz lebt mittlerweile jeder Vierte ohne Religion. (Archivbild) (Keystone/URS FLUEELER)

Bis in die 1980er Jahre haben noch über 90 Prozent der Einwohner der Schweiz einer der beiden Landeskirchen angehört. Heute sind es noch knapp 60 Prozent. Mehr als ein Viertel der ständigen Wohnbevölkerung über 15 Jahren ist mittlerweile ohne religiöse Zugehörigkeit.

Liechtensteiner Vaterland

Die Anteile der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Landeskirchen haben zwischen 2010 und 2017 um drei beziehungsweise vier Prozentpunkte abgenommen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Angehörigen von muslimischen und verwandten Glaubensgemeinschaften um einen Prozentpunkt leicht zu.

Allerdings praktizieren Muslime von allen Religionsgruppen ihren Glauben am passivsten. „Nach den Konfessionslosen weisen die islamischen Gemeinschaften den grössten Anteil Personen auf, die angaben, in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung nie oder einmal pro Woche an einem Gottesdienst teilgenommen zu haben“, schreibt das BFS.

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Christian Joppke: „Der säkulare Staat“ – Ruhige Worte in hitziger Debatte

Christian Joppke fokussiert auf die zunehmende politische Präsenz der religiösen Rechten in den USA. (Hamburger Edition / Unsplash / Aleks Dahlberg)

Was tun, wenn Religion und Rechtsstaat aufeinanderkrachen? In der oft hitzigen Debatte um Kruzifix und Kopftuch tut dieses Buch von Christian Joppke gut: Völlig unaufgeregt benennt und bewertet es die Probleme allzu offensiver Religiosität.

Von Marko Martin | Deutschlandfunk Kultur

Nein, dieses Buch ist trotz des Titels kein Buch aus der Aufreger-Reihe: „Was jetzt zu tun ist“. Christian Joppke, Soziologieprofessor an der Universität Bern und Mitglied im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, ist kein schriller Thesenritter, sondern ein bedächtig wägender Wissenschaftler. Seine Rückversicherungen bei Klassikern der Soziologie und die in ruhigem Ton vorgetragenen Relativierungen so mancher Schnellschuss-Befunde zeugen von fachlicher Seriosität, sind stilistisch jedoch häufig eine beträchtliche Lektüre-Herausforderung.

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Im Namen des Atheismus wurde noch kein Kondom verboten und kein Selbstmordattentat durchgeführt

Zeitgemäßer Zynismus: Mathias Tretter brachte vor rund 300 Zuschauern im Festsaal des Kultur im Oberbräu sein aktuelles Soloprogramm „Pop“ auf die Bühne. © Andreas Leder

Ein fulminantes und fesselndes Spitzenkabarett lieferte Mathias Tretter. Mit seinen Soloprogramm „Pop“ war er im Festsaal des Holzkirchner Kultur im Oberbräu.

Reinhold Schmid | Merkur.de

Mit seinem aktuellen Soloprogramm „Pop“ liefert Mathias Tretter ein Musterbeispiel für fesselndes und dichtes Kabarett. Zwei Stunden lang brannte er am Samstag vor knapp 300 Zuhörern im Festsaal des Holzkirchner Kultur im Oberbräu ein satirisches Feuerwerk ab. Dabei kamen leichtere Gags zum zwischenzeitlichen Durchschnaufen ebenso zum Einsatz wie verblüffende Geistesblitze, frappierende Gedankenverbindungen und schonungslos zugespitzte kabarettistische Abrechnungen mit Missständen und Fehlentwicklungen unserer Zeit.

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Weshalb linke Politik nicht antireligiös sein sollte – regressive Begründung

Religionen sind ambivalent – wie jede andere Weltanschauung auch. Religionen haben emanzipatorische Seiten und ebenso autoritäre Seiten. Sie können auf Befreiung drängen und sie können Herrschafts- und Unterdrückungsintrument sein. Es gibt christliche Fundamentalisten ebenso wie islamische. Beide versuchen Menschen in eine enges Korsett von Reglementierung zu zwängen und stabilisieren damit bestimmte Herrschaftsverhältnisse.

Von Jürgen Klute | Die Freiheitsliebe

Aber es gibt ebenso auch die religiösen Sozialisten und die Theologie der Befreiung. Die christlichen Basisgemeinden in Lateinamerika haben wesentlich zur Überwindung der rechten Diktaturen in Lateinamerika in den letzen Jahrzehnten beigetragen, sie haben für Menschenrechte, für soziale und individuelle, gekämpft. Dass die Herrschenden versuchen, Einfluss auf diese emanzipatorischen Traditionen zu bekommen, um sie in ihrem Sinne umzudeuten, sollte nicht überraschen. Ähnliche Prozesse gab und gibt es ja auch in linken Parteien und Organisationen.

Religiös zu sein schließt also keineswegs aus, kapitalistische Produktionsverhältnisse zu kritisieren, sich für soziale Gerechtigkeit, für Frieden, Demokratie und Umweltschutz einzusetzen, also für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse und für emanzipatorische Projekte. Das sind Schnittmengen zum politischen Programm der Linken.

Unter der Voraussetzung, dass demokratische Parteien keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften sind, sondern politische Interessengemeinschaften, die gemeinsame Ziele verfolgen und gesellschaftlich mehrheitsfähig machen wollen, macht es keinen Sinn, als linke Partei eine antireligiöse Position einzunehmen. Damit grenzt man lediglich mögliche politische Bündnispartner aus, die man für politische Veränderungen aber dringend braucht. Mit einer Ausgrenzung von Bündnispartnern bedient man letztlich die Interessen derjenigen, die den status quo nicht geändert haben wollen.

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„Religion nicht den Fanatikern überlassen“

Sind Religionen Ursache von Konflikten? Nein, sagt Pater Nikodemus Schnabel, Benediktiner in Jerusalem. Er warnt vor einer politischen Instrumentalisierung. Außenminister Sigmar Gabriel unterstützt seine Arbeit.

Von Christoph Strack | Deutsche Welle

Es ist ein Kloster, von dem sogar der deutsche Außenminister schwärmt. „Ich freue mich, dass die dringend notwendige Sanierung der Dormitio-Abtei in Jerusalem Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hat“, sagt Sigmar Gabriel der Deutschen Welle. „Die Abtei in Jerusalem liegt mir am Herzen, das dort angesiedelte Studienprogramm ist ein herausragendes Beispiel für die Verständigung zwischen Konfessionen und Religionen in einer wahrlich nicht einfachen Umgebung.“ Der Prior, also der Leiter, der deutschsprachigen Benediktinerabtei ist Pater Nikodemus Schnabel. Das Auswärtige Amt beteiligt ihn an seinem Projekt „Friedensverantwortung der Religionen“.

DW: Pater Nikodemus, Sie haben vor einigen Tagen Außenminister Gabriel getroffen. Welche Bedeutung hat das Thema „Friedensverantwortung der Religionen“?

Nikodemus Schnabel: Dieses Thema ist hochaktuell und wird immer wichtiger, gerade weil viele Konflikte religiös verbrämt werden. Bei vielen Konflikten hört man auf einmal religiöse Argumentationen. Ich glaube, alle Religionsführer, egal welcher Religion, sind herausgefordert zu sagen: Wir machen jetzt klar, wofür Religion wirklich steht.

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Evolution der Religion

Ina Wunn
Barbaren, Geister, Gotteskrieger
Verlag: Springer, Berlin und Heidelberg 2018
ISBN: 9783662547724
19,99 €

Wie und warum sind Religionen entstanden? Warum verändern sie sich? Welche Faktoren sind dabei von Bedeutung? Diesen Fragen nähert sich Ina Wunn, indem sie ein Evolutionsmodell für Religionen entwirft.

Von Elena Bernard | Spektrum.de

Dabei greift sie auf ihr umfangreiches interdisziplinäres Fachwissen zurück: Bevor sie Professorin für Religionswissenschaft wurde, hat sie Biologie, Geologie und Paläontologie studiert und in letzterem Bereich promoviert. Wunns Überzeugung nach ist die Entwicklung der Religionen den gleichen Gesetzen unterworfen wie die Evolution des Lebens und lässt sich ebenso wissenschaftlich erfassen.

Bereits früher gab es Versuche, eine Evolutionstheorie der Religionen aufzustellen. Stammesreligionen früherer oder heutiger nichtindustrialisierter Kulturen wurden dabei oft als niedrige Entwicklungsstufe klassifiziert und mit frühmenschlichen Formen der Religiosität gleichgesetzt. Für Wunn zeugen diese Ansätze von mangelndem Verständnis der biologischen Evolution. Diese sei eben kein gerichteter Prozess, der zur Vervollkommnung strebe, sondern stetige Variabilität und Anpassung an sich wandelnde Umweltbedingungen.

Wenn Menschen Stimmen aus dem Jenseits hören – Bullshistic

Neuartiges Forschungsprojekt entdeckt in vielen Religionen und Kulturen Berichte von Stimmen „aus dem Jenseits“ – Neuer multimedialer Band mit Texten, Bildern, Hörspielen und Videos – Interdisziplinäre Forschung am Exzellenzcluster zum Medium „Stimme“
Viola van Melis Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Nicht nur Stoff für Fantasy-Filme: Mit „Stimmen aus dem Jenseits“ haben sich nach wissenschaftlicher Erkenntnis Menschen seit der Antike bis heute in verschiedensten Kunstwerken befasst. „Ob Texte oder Bilder, Radio oder Filme: Viele Werke lassen erkennen, dass Menschen verschiedener Epochen und Religionen Stimmen hören, die sie als göttlich auffassen. Sie sprechen auch zu Geistwesen, etwa beim Austreiben von Dämonen. So verbinden sich Diesseits und Jenseits“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. In einem neuartigen Forschungsprojekt hat sie mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen das Medium „Stimme“ in Hinduismus, Christentum, Islam und weiteren Religionen untersucht. Die Ergebnisse der Gruppe sind jüngst unter dem Titel „Stimmen aus dem Jenseits / Voices from Beyond“ in einem multimedialen Werk im Ergon-Verlag in der Reihe „Religion und Politik“ erschienen, die der Exzellenzcluster herausgibt.

Der Band enthält neben den deutsch- und englischsprachigen Beiträgen der Projektbeteiligten auch die Quellen, die sie untersuchen: Texte und Bilder sowie Audios und Videos auf einer beigelegten DVD. „Denn ein Buch über die Stimme muss auch sprechen können“, sagt Martina Wagner-Egelhaaf. „Das Buch ist vielstimmig: Die Beiträge sind aus der Sicht unterschiedlicher Fächer geschrieben und werden aus der Perspektive anderer Fächer kommentiert.“ Die Quellen reichen vom Konversionsbericht des Augustinus über historische Trauerrituale australischer Aborigines bis zum Hörspiel „Die Zikaden“ von Ingeborg Bachmann, das nun mit NDR-Genehmigung nach Jahren wieder zugänglich ist.

Menschliche und körperlose Stimmen

„Die Stimme ist ein besonders komplexes Medium: Wegen ihrer flüchtigen Materialität und Ortlosigkeit lässt sie sich kaum dingfest machen“, erläutert Prof. Wagner-Egelhaaf, „sie scheint sich dem diskursiven Zugriff zu entziehen.“ Die Forscherin hat an dem interdisziplinären Projekt mit einer Gruppe aus Religions- und Literaturwissenschaftlern, Ethnologen, Theologen, Historikern und Soziologen zusammengearbeitet. Die Gruppe fand in den zahlreichen Quellen sowohl menschliche Stimmen, die sich während religiöser Vollzüge erheben, als auch körperlose, nur gehörte Stimmen, die von außen auf den Hörer zukommen und oft Göttern oder Geistern zugesprochen werden. Dazu gehört die Stimme, die Augustinus in seinem Konversionsbericht zur Bibellektüre auffordert. Auch die Idee, dass heilige Texte göttlich offenbart werden, basiert auf der Vorstellung einer Stimme, die der Schreiber hört: Die christliche Kunstgeschichte stellt das etwa als Szene zwischen Engel und Evangelist dar. Martina Wagner-Egelhaaf: „Aber auch ‚innere Stimmen‘ werden als Verbindung des Menschen zu einer göttlichen Sphäre angesehen, wie in der Vorstellung einer ‚voice of the inner light‘, die die Gruppe der Quäker im 17. Jahrhundert in England entwickelte.“

Religiöse Klanglandschaft

Wie menschliche Stimmen in religiösen Ritualen wirken, zeigt der Band anhand von Videoaufnahmen aus dem muslimischen Sufi-Heiligtum Bava Gor in Indien: Pilger, die an Formen von Besessenheit leiden, bringen die quälenden dämonischen Geister in Dialog mit den Geistern von Heiligen – mit Hilfe ihrer eigenen menschlichen Stimme. Die Macht der Geister soll so die Dämonen besiegen, wie die Ethnologin Prof. Dr. Helene Basu erläutert. Predigtveranstaltungen des hinduistischen Gurus Morari Bapu stellen die Forscher als „religiöse Klanglandschaft“ („soundscape“) vor, in der das religiöse Gemeinschaftsgefühl und das Erleben des Einzelnen nicht durch Augen-, sondern Ohren-Kontakt („ear-based social relation“) entstehen.

In verschiedenen Religionen verschränken sich bisweilen menschliche Stimmen mit jenen aus dem Jenseits. „Lehrgespräche zwischen einem hinduistischen Guru und seinen Schülern stellen eine Verbindung von Mensch zu Mensch her, zugleich gilt das Gelehrte als ursprünglich göttlich“, sagt die Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Wilke. „Die religiöse Gruppe der ‚Chinmaya Mission‘ sieht diese stete Wissensweitergabe als Abbild der Flussgöttin Gaṅgā, als einen fließenden Strom von Stimmen erleuchteter Meister.“ Eine Verschränkung jenseitiger und diesseitiger Stimmen zeigt sich auch in einem Bekehrungsbericht des 19. Jahrhunderts: Worte, die ein sächsischer Schulmeister, der durch die USA reiste, zunächst innerlich vernahm, brachten ihn erst zur Konversion zum Mormonentum, als später ein Missionar eben diese Worte aussprach.

Metaphysischer Stellenwert von Radiostimmen

Einige Beiträge des Buches blicken über die Weltreligionen hinaus. Am Beispiel von Radiostimmen und dem Hörspiel „Die Zikaden“ von Ingeborg Bachmann wird dargestellt, wie Stimmen, deren Ursprung nicht erkennbar ist, auch außerhalb der Weltreligionen mitunter ein metaphysischer Stellenwert und eine besondere Autorität zugeschrieben werden. Medienwissenschaftler sehen so eine „besondere Affinität des Radios zu metaphysischen Stoffen“.

Das Buch-Projekt ist am Exzellenzcluster aus der Arbeitsgruppe „Säkularisierung und Sakralisierung der Medien“ im Rahmen des Forschungsfeldes „Medialität“ hervorgegangen. Autorinnen und Autoren sind die Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf und PD Dr. Christian Sieg, die Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Wilke, der katholische Theologe Prof. Dr. Reinhard Hoeps, die Ethnologinnen Prof. Dr. Helene Basu und Mrinal Pande, die Historiker PD Dr. Klaus Große Kracht, Dr. Felicity Jensz und Simon Rapple sowie die Soziologin Silke Müller. Sie reflektieren in dem Band auch die Chancen und Grenzen interdisziplinärer Zusammenarbeit. (ill/vvm)

Hinweis:
Wagner-Egelhaaf, Martina (Hg.): Stimmen aus dem Jenseits / Voices from Beyond. Ein interdisziplinäres Projekt / An Interdisciplinary Project (Religion und Politik, Bd. 14), Würzburg: Ergon-Verlag 2017, 318 S., 27 Abb., DVD, ISBN 978-3-95650-262-0, 58,00 Euro.

Ist religiöse Erziehung eine sanfte Art der Indoktrination?

Foto: pixabay.com

Der Glaube an höhere Mächte ist vermutlich fast so alt wie die Menschheit. Er diente unseren Vorfahren primär dazu, Naturkatastrophen und unverständliche Phänomene erklären zu können.

Von Hugo Stamm | Richard-Dawkins-Foundation

Heute liefern uns Wissenschaft und Technik schlüssige Antworten auf viele Fragen, die früher mit übersinnlichen oder paranormalen Argumenten begründet wurden.Trotzdem glaubt die Mehrheit der Menschen immer noch an einen Gott oder an Götter.

Der Grund ist meist einfach: Der Glaube ist anerzogen. Kinder sind bekanntlich ahnungslos bezüglich Religionen, Heilslehren, Gott und einem Leben nach dem Tod.

In der abendländischen Kultur werden die meisten Kinder in den christlichen Glauben eingeführt. Für sie werden Gott, Jesus und der Heilige Geist lebendige Figuren, so real wie Vater und Mutter. Kein Kind kommt auf die Idee, dass der christliche Gott möglicherweise eine Fiktion ist und Jesus womöglich nicht der Sohn Gottes, wie ihm die Eltern erklären. Sie können auch die Aussage nicht hinterfragen, dass Maria Jesus unbefleckt empfangen haben soll.

Kinder müssen glauben, was ihnen ihre Eltern erklären

Kinder haben keine andere Wahl, als alles, was ihnen ihre Eltern erklären, für wahr zu halten. Zweifel in kognitiven Belangen kennen sie nicht. Das abstrakte Denken ist noch nicht ausgebildet, übersinnliche oder transzendentale Konzepte übersteigen ihr Vorstellungsvermögen.

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Exorzismen: Hier geht’s mit dem Teufel zu

Marcus Wegner ist Journalist und war bereits bei mehr als 100 Teufelsaustreibungen mit dabei. Bei allen war er eingeladen. Foto: Elke Böcker

In der Vortragsreihe bei Audi berichtete der Journalist Marcus Wegner von Exorzismen. Die sind alles andere als ein Relikt aus dem düsteren Mittelalter.

Von Elke Böcker | Augsburger Allgemeine

Marcus Wegner beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema „Exorzismus“. Der Journalist berichtete in der Reihe Auditoirum bei Audi mit beeindruckender Sachlichkeit von der weltweit in vielen Religionen, Sekten und religiösen Gruppierungen verankerten Behandlung sogenannter Besessener. Im Anschluss gab es bei der von Anna Niemann (Audi Kommunikation) moderierten Gesprächsrunde für die Zuhörer die Möglichkeit, Fragen an Marcus Wegner zu stellen.

Wegner konnte als Journalist und geladener Beobachter bislang an mehr als 100 sogenannten Teufelsaustreibungen teilnehmen. Die Informationen und Zahlen, die er recherchiert hatte, ließen dann so manchem aus dem Publikum den Atem stocken. So werden die meisten und auch die brutalsten Exorzismen innerhalb verschiedener evangelischer Freikirchen durchgeführt, erklärte Wegner. Er berichtete von einem Exorzismus an einem dreijährigen Kind: Es war ungehorsam und hatte genascht, obwohl es verboten war. In der Esoterikszene müsse man von drei bis vier Fällen pro Tag in Deutschland ausgehen. Diese Teufelsaustreibungen würden unter anderem von sogenannten Geistheilern durchgeführt – und kosten natürlich auch Geld. Mehrere tausend Euro seien nicht unüblich.

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Atheisten werden als gefährlich betrachtet

Intuitiv, so eine Untersuchung, werden Verbrechen eher Atheisten zugeschrieben, die mangels Religion als moralisch haltlos gelten – was selbst Atheisten zu glauben scheinen

Von Florian Rötzer | TELEPOLIS

Religion, so glaubt man vielfach, sei wichtig, um Gesellschaften zusammenzuhalten und für moralisches Verhalten zu sorgen. Dabei spielen Religionen immer eine wichtige Rolle bei der Ausgrenzung von Andersgläubigen und der Gewalt gegen diese, um die Glaubensgemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Zu den verschiedenen, im Heilsanspruch miteinander konkurrierenden, mehr oder weniger extremen Religionen und Sekten kommen nun aber immer mehr Atheisten, die das religiöse Grund- und Gemeinschaftsgefühl zu gefährden scheinen. Sie können deswegen in sehr religiösen Gesellschaften gefährlich leben, auch deswegen, weil sie Ziel von Vorurteilen sind. Wissenschaftler haben nun in einer Umfrage mehr als 3000 Menschen, darunter neben Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten auch Atheisten, 13 sehr religiösen und eher säkularen Ländern befragt, wie sie Atheisten wahrnehmen.

Die Autoren der Studie, die in Nature Human Behavior veröffentlichte wurde, gingen von einem kulturevolutionären Verständnis der Religion aus, nach dem Religion mit der Kooperation und dem Vertrauen in einer Gruppe verbunden ist. Das kann sich auch auf Angehörige anderer Religionen erweitern, aber nicht auf Nichtgläubige. Aus der kulturevolutionären Verschmelzung von Religion und Gruppe könnten Vorurteile gegen Atheisten auch in säkularen Gesellschaften weiter bestehen und selbst bei Atheisten zu finden sein.

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Ist religiöse Erziehung eine sanfte Art der Indoktrination?

bild: ap

Der Glaube an höhere Mächte ist vermutlich fast so alt wie die Menschheit. Er diente unseren Vorfahren primär dazu, Naturkatastrophen und unverständliche Phänomene erklären zu können.

Von Hugo Stamm | watson/Sektenblog

Heute liefern uns Wissenschaft und Technik schlüssige Antworten auf viele Fragen, die früher mit übersinnlichen oder paranormalen Argumenten begründet wurden.Trotzdem glaubt die Mehrheit der Menschen immer noch an einen Gott oder an Götter.

Der Grund ist meist einfach: Der Glaube ist anerzogen. Kinder sind bekanntlich ahnungslos bezüglich Religionen, Heilslehren, Gott und einem Leben nach dem Tod.

In der abendländischen Kultur werden die meisten Kinder in den christlichen Glauben eingeführt. Für sie werden Gott, Jesus und der Heilige Geist lebendige Figuren, so real wie Vater und Mutter. Kein Kind kommt auf die Idee, dass der christliche Gott möglicherweise eine Fiktion ist und Jesus womöglich nicht der Sohn Gottes, wie ihm die Eltern erklären. Sie können auch die Aussage nicht hinterfragen, dass Maria Jesus unbefleckt empfangen haben soll.

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Dodo Marx: Religionen nicht freisprechen bei gewaltsamen Konflikten

Quelle: http://www.bgland24.de

Religionen können nach Einschätzung von Kardinal Reinhard Marx mitverantwortlich für gewaltsame Konflikte sein. Man könne Religionen hierbei „nicht generell freisprechen“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am Wochenende in einem Interview der Zeitung „Luxemburger Wort“.

kathpress

Religionen müssten sich fragen lassen, ob sie „dazu beitragen, Konflikte zu rechtfertigen oder sogar zu schüren, oder ob sie Ausgleich, Frieden und Versöhnung zwischen kulturell unterschiedlich geprägten Nationen und Gruppen fördern“, sagte Marx.

Religionen könnten einen „recht großen Einfluss auf die charakterliche und seelische Bildung gerade von jungen Menschen haben“. Er fragte: „Nutzen sie diesen Einfluss, um zu deren Radikalisierung beizutragen oder lehren Sie Maß und Mitte? Wird Gewalt in der Theologie grundsätzlich und unzweideutig kritisch beurteilt? Werden diejenigen, die Gewalt religiös legitimieren, von der Gemeinschaft korrigiert?“ Hier müsse „Klarheit herrschen“, forderte Marx.

„In der Bibel findet sich durchgehend eine Kritik der Gewalt“, gab sich der Kardinal überzeugt. „Die Bibel verherrlicht Gewalt keinesfalls, sondern zielt auf die Überwindung von Gewalt.“ Die Kirche habe sich „leider nicht immer in der Geschichte auf diesem Niveau bewegt“. Sie habe lernen müssen, „dass Toleranz nicht dasselbe bedeutet wie Relativismus“, sagte Marx. „Und sie musste lernen, die Wahrheit des christlichen Glaubens zu bezeugen, ohne sie gewaltsam durchzusetzen“, sagte der Erzbischof von München und Freising.

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Islam-Experte Khorchide kritisiert gewalttätiges Gottesbild

Theologe bei Berliner Kirchentag zu Manchester-Attentat: „Kann es sein, dass wir an einen gewalttätigen Gott glauben?“

kathpress

Die Religionen allein können nach Einschätzung des islamischen Theologen Mouhanad Khorchide die Probleme von Krieg und Gewalt nicht lösen. Die eigentlichen Gründe für solche Konflikte lägen in wirtschaftlichen Interessen, sagte der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster am Donnerstag beim Kirchentag in Berlin. Gleichwohl müssten sich die Religionen kritisch mit ihrem Gottesbild auseinandersetzen. „Kann es sein, dass wir an einen gewalttätigen Gott glauben?“, fragte Khorchide unter Hinweis auf das jüngste Bombenattentat in Manchester. Im „Mainstream der islamischen Theologie“ fänden sich immer noch Ansätze, mit denen solche Gewalttaten legitimiert werden könnten.

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Weltkirchenrat fordert multireligiösen Irak

Der Weltkirchenrat hat dazu aufgerufen, den Irak wieder zur Heimat vieler Religionen zu machen. Nach einem Sieg über die Terrormilz „Islamischer Staat“ müssten die Regierung und die Weltgemeinschaft dafür sorgen, dass Angehörige verschiedener Glaubensrichtungen sicher und frei im Irak leben könnten, verlangte der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Olav Fykse Tveit, am Dienstag in Genf.

evangelisch.de

Tveit betonte, dass Christen und andere religiöse Minderheiten im Irak Opfer von Verfolgung geworden seien. Nach ÖRK-Angaben wurden in den vergangenen Jahren Hunderttausende Christen aus dem Land vertrieben, viele seien von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ und anderen Extremisten getötet worden. Tveit hatte auf einer Podiumsdiskussion am Rande der 34. Sitzung des UN-Menschenrechtsrates gesprochen.

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Selbstbedienungsladen Religion

Er begrüsst den Wettbewerb unter den Welt- anschauungen: Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz. Bild: Madeleine Schoder
Er begrüsst den Wettbewerb unter den Welt- anschauungen: Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz. Bild: Madeleine Schoder

Heute sind Weltanschauungen und Religionen frei wählbar, sagt Judith Albisser vom Forschungsinstitut SPI der katholischen Kirche. Für Andreas Kyriacou von der Freidenker-Vereinigung ist das eine erfreuliche Entwicklung.

BERNER ZEITUNG

Bald scheint der Wendepunkt erreicht zu sein. Wie die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, fehlt nicht mehr viel, bis die Konfessionslosen die Reformierten in der Schweiz zahlenmässig eingeholt haben. Immer mehr Menschen drehen der Kirche den Rücken zu. In Basel-Stadt entzieht sich mit 46 Prozent sogar fast die Hälfte der ­Bevölkerung einer Religions­gemeinschaft. «Konfessionslose sind ein Massenphänomen geworden», bestätigt Judith Albisser vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI). Die Mitarbeiterin dieses Forschungsinstituts der katholischen Kirche schreibt von einem «rasanten Anstieg in wenigen Jahrzehnten», der auf drei Faktoren zurückzuführen sei: Menschen treten aus der Kirche aus; Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr taufen; konfessionslose Personen wandern in die Schweiz ein.

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Gegen Kopftuch, Kreuz, Kippa & Co. im öffentlichen Dienst

religionen

Dass ich als Naturwissenschaftler zur Debatte über das Kopftuch beitrage, finde ich eigentlich selbst befremdlich. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass langfristig nur die Äquidistanz des Staates zu den Religionen – unter gleichzeitiger Gewährleistung von deren Freiheit – den Frieden im Land erhalten kann.

Von Kurt Kotrschal | Die Presse.com

Nur so gedeiht jenes liberal-aufgeklärte Klima, in dem sich Wissenschaften und Künste entfalten können. Das war ja auch in der Vergangenheit so. Wo die Religionen friedlich zusammenlebten, blühten Kultur und Geist. Goldrichtig ist deshalb die Ansage von Heinz Fassmann von der Uni Wien, dem Leiter des Integrationsbeirats, über ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst.

Goldrichtig allerdings nur dann, wenn sie als Verbot jeglicher religiöser Insignien gemeint war – also auch von Kreuz und Kippa. Als Staatsbürger will ich nicht mit Beamten, Polizisten, Richtern oder Lehrern jeglicher Art zu tun haben, die mir durch Zurschaustellung ihrer Religion deutlich zu verstehen geben, dass sie einer religiösen Ideologie mehr verpflichtet sein könnten als dem staatstragenden Geist der Aufklärung.

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