Wissenschaftliche Theologie: Die funktionalisierte Religion

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Gehört die Theologie an die Universitäten? Unbedingt, meinte der Wissenschaftsrat vor knapp zehn Jahren. Gilt das auch heute noch?

Von Felix Grigat | Forschung & Lehre

Wie hält es die Wissenschaft mit der Religion? Hört man sich um unter Wissenschaftlern, so outen sich die meisten als eher religiös unmusikalische Zeitgenossen. Dabei zählen sich die meisten der Gebildeten noch nicht einmal mehr zu den Verächtern der Religion. Sie haben schon vergessen, dass sie den Glauben vergessen haben, meint gar ein Zeitgenosse. Gut eingerichtet in einer funktional differenzierten Welt ist man damit zufrieden, nur noch für den eigenen Code zuständig zu sein. Was soll die Religion auch inmitten von Exzellenzinitiativen, anwendungsorientierter Forschung und Studienreformen? Die Religion als „Sinn und Geschmack für das Unendliche“, als das, was uns „unbedingt angeht“, stünde inmitten dieser Vorläufigkeiten wohl ein wenig verloren herum. Es sei gelungen, „das irdische Leben so reich und vielseitig zu machen“ (Schleiermacher), dass man der Religion nicht mehr bedürfe, diagnostiziert Friedrich Schleiermacher bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Inmitten dieser selbstgewissen Religionslosigkeit hatte der Wissenschaftsrat in seinen letzten Empfehlungen zum Thema aus dem Jahr 2010 dafür plädiert, die Theologien als für die Universität notwendige Wissenschaften zu stärken. Von einer „(relativen) Erfolgsgeschichte“ der Theologien war gar die Rede, ja, man habe ein „vitales Interesse“ an ihnen. Woher kam dieser neue Ton? „Die lange gängige These, in modernen Gesellschaften werde Religion bedeutungslos, hat sich als nicht haltbar erwiesen“, konstatierte der Wissenschaftsrat auf die ihm eigene nüchterne Weise. Nicht haltbar sei die These, weil „religiöse Bindungen nach wie vor Lebenswelten“ prägten, Religion einen wesentlichen Bezugspunkt kollektiver Zugehörigkeit darstelle und einen wichtigen Aspekt globaler Konflikte ausmachen könne.

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Bodo Ramelow: Christentum wichtiger als Marxismus

Bodo Ramelow, Bild: FB
Bodo Ramelow, Bild: FB
Für Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) ist das Christentum wichtiger als der Marxismus. „Im Christentum wohnt die Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht vom Menschen beeinflusst ist“, sagte er der „Berliner Zeitung“ (Samstag-Ausgabe) mit Blick auf Ostern.

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„Das ist das Göttliche. Am Ende kam auch Marx immer wieder an Punkte, die er nicht erklären konnte. Diese Erkenntnis über das Vorhandensein des Unerklärbaren gibt mir wiederum Kraft. Ich bin froh, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe. Man muss Widersprüche aushalten und daraus Kraft ziehen können. Versöhnung heißt, aufeinander zugehen – selbst in Fällen, in denen das nicht möglich erscheint. Wie sollte Jesus Christus auf Pontius Pilatus zugehen?“ Ramelow fügte mit Blick auf die hohe Zahl Konfessionsloser in Ostdeutschland hinzu: „Konfessionslosigkeit heißt ja nicht Religionslosigkeit. Konfessionslosigkeit ist eher ein Erbe der DDR. Dennoch hatte meine PDS in Thüringen nie ein Problem mit mir als Gläubigen. Es gab aber Debatten bei der Vereinigung mit der WASG, als Alt-68er aus Westdeutschland dazu kamen und vereinzelt anti-klerikale Parolen vor sich hertrugen. Das hat sich beruhigt.“

Deutsche verlieren ihren Glauben an Gott

Auch bei evangelischen Kirchenmitgliedern nimmt die Zahl der Kirchenfernen beständig zu. Besonders junge Generationen können mit dem Glauben nichts mehr anfangen. Dass in Ostdeutschland die Werte deutlich anders sind, liegt daran, dass dort nur wenige Menschen der Kirche angehören. Wer überhaupt noch dazu gehört, fühlt sich der Kirche dann auch tatsächlich verbunden. Hingegen schwindet in Westdeutschland die Religiosität innerhalb des Traditionschristentums. Infografik:DIE WELT
Eine Studie der Evangelischen Kirche zeigt: Der rasante Glaubensverlust ist nicht rückgängig zu machen. Zugleich gibt es mehr treue Christen als gedacht. Die wollen aber keine politisierenden Pfarrer.

Von Matthias KamannDIE WELT

Ganz oder gar nicht. Entweder glauben die Menschen fest an Gott und beteiligen sich am kirchlichen Leben – oder sie sind komplett unreligiös. Diese zunehmende Polarisierung bei gleichzeitigem Rückgang einer mittleren Mentalität von trägen „Weihnachtschristen“ ist der zentrale Befund der neuen „Erhebung über Kirchenmitgliedschaft“, die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) durchgeführt und am Donnerstag vorgestellt wurde.

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Diesseits von Gott und Glauben

Glauben ist Erfahrung: Wünsche am Gebetskreuz der Thomaskirche in Leipzig. Foto: Imago/IPON
Deutschland ist im Wandel. Geht man nach der Anzahl der Menschen, die sich einer Kirche oder einem Glauben zugehörig fühlen, stellt man schnell fest: Die am deutlichsten wachsende Gruppe ist die der Religionslosen.

Von Dirk Pilz Berliner Zeitung

Es gibt keine Heiden mehr. Das ist zu begrüßen. Es gibt heute zunehmend Religionslose, Menschen, denen Fragen der Religion zunehmend egal sind, und die das Religiöse nicht vermissen. Auch das kann man begrüßen – das Verhältnis zum Religiösen entspannt sich. Dass die schwindende Sensibilität für die Religion auch Anlass für Klage ist, lehren die Kirchen. Sie werden zusehends als Dienstleister an Feier- oder Hochzeitstagen, gern bei Trauerfällen in Anspruch genommen, immer weniger als Ort von Glauben und Gemeinde.

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Muezzinruf und Glockenläuten: »Viel Lärm um nichts«

Joachim Kahl, Quelle: wikipedia

Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere
Zeit

Von Hans-Martin BarthEvangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Joachim Kahls „Weltlicher Humanismus“ hat innerhalb von drei Jahren vier Auflagen erlebt. Das lässt aufhorchen. Wie erklärt es sich, dass sein Buch so gut ankommt? Wer sind die Leserinnen und Leser, die sich für das interessieren, was er schreibt? Er weiß, dass wir Menschen „sinnbedürftige und sinnfähige Wesen“ sind (123), und empfiehlt „nachdenkliche Distanz zu sich selbst und zur Welt“ (15). Er vertritt eine „skeptische Vision“, die eine Perspektive aufzeige „für dieses eine Leben im Schoße dieser einen Menschheit in dieser einen Welt auf diesem einen Erdball mit Hilfe dieser einen Vernunft“ (30). Er wiederholt zwar einige der üblichen Argumente für den Atheismus – es existiere kein Gott, „der die Welt geschaffen hat“ oder „Tiere und Menschen aus ihrem Leben erlöst“ (106). Er bekennt sich aber zu einem Naturalismus, dem der blanke Materialismus zu eng ist und der in der Diskussion mit Evolutionstheorie und Hirnforschung entfaltet wird. Diese Position erlaube ein „wohldurchdachtes Ja zu Metaphysik“ und ein ebenso „wohldurchdachtes Nein zu Religion“ (66ff, 85ff). Das Absolute, von dem auch Kahl spricht, gewähre „Halt, aber kein Heil“ (76ff). Die noch immer verführerische Kraft der Religion begegnet dem humanistischen Philosophen im 23. Psalm oder in Bonhoeffers Zeilen „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Er habe aber „seit langem begriffen“, dass dies „ein Exempel für autosuggestives Wunschdenken“ ist (90f). Er wendet sich gegen die Vorstellung, der Mensch könne ohne Religion nicht gedacht werden. Aber „Religion ist und bleibt nur eine menschliche Möglichkeit … Die Freiheit von Religion tritt gleichrangig neben die Freiheit zu Religion“ (89). Das heute Europa bestimmende säkulare Bewusstsein könne sich „in einer ehrwürdigen Tradition der Religionsindifferenz, Religionskritik, Religionslosigkeit“ wissen (88).

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