Der Staat und die vielen Religionen

Die Zürcher Regierung legt sieben Leitsätze zum Umgang mit dem religiösen Pluralismus vor.

Von Walter Bernet | Neue Zürcher Zeitung

Die Probleme finden sich täglich in den Schlagzeilen, die Grundsatzfragen dazu werden selten ohne Emotionen diskutiert. Die Rede ist von Winterthurer IS-Kriegern, Hasspredigern oder religiösen Schulen zweifelhafter Qualität. Die Rede ist aber auch von der polarisierten Diskussion darüber. Am Freitag ist Jacqueline Fehr, Direktorin der Justiz und des Inneren, mit einem Papier der Regierung an die Öffentlichkeit getreten, das die Diskussion versachlichen will.

Eine Erfolgsgeschichte

Von einer Zürcher Erfolgsgeschichte sprach Fehr. Das friedliche Zusammenleben der Religionen hat im Kanton bei aller Hitze der Debatten seit Jahrzehnten eine grosse Konstanz. Auf die Zunahme der katholischen Bevölkerung reagierte man 1963 mit der verfassungsrechtlichen Anerkennung der römisch-katholischen Körperschaft. Frühere Versuche, auf die zweite Welle der Pluralisierung seit der Jahrtausendwende zu reagieren, scheiterten aber. Es blieb bei der privatrechtlichen Anerkennung zweier jüdischer Gemeinden. Für das Verhältnis zu den neuen islamischen Gemeinschaften, aber auch zu der grossen Zahl von Menschen ohne religiöse Bindung existieren keine Handlungsgrundlagen des Staates.

weiterlesen

EKD: Der protestantische Christengott ist nicht islamisch – katholisch?

islam_christentum

Grundsatztext würdigt religiösen Pluralismus, dennoch gehe es in den beiden Religionen nicht um denselben Gott

Von Matthias Kamann|DIE WELT

Vater Abraham soll Harmonie stiften. Von „abrahamitischen Religionen“ sprechen versöhnungsfreudige Christen, wenn sie Gemeinsamkeiten mit Juden und Muslimen suchen. Schließlich seien sich ja alle drei Religionen in der Wertschätzung des biblischen Stammvaters einig und könnten sich entsprechend verbunden fühlen. Aber da spielt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nicht mit. In ihrem neuen Grundsatztext „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“ stellt die EKD-Kammer für Theologie fest, dass „Abraham jeweils für eine andere religiöse Grundüberzeugung“ stehe. „Die drei monotheistischen Religionen unterscheiden sich in dem, was sie verbindet.“

Abraham sei für Christen der „Vater des Glaubens, der sich dem Wort der Verheißung anvertraut“. Für Muslime aber sei er derjenige, „der sich von allen Göttern seiner heidnischen Herkunftsreligion abgewendet hat“. Es gehe auch nicht um denselben Gott. Der habe sich für Christen in Jesus offenbart, für Muslime im Koran. Daher sei die Ansicht, dass alle drei monotheistischen Religionen an denselben Gott glauben würden, „eine Abstraktion“. Und da gelte: „Leere Abstraktionen helfen nicht weiter.“

Das heißt nicht, dass die EKD dem Islam feindselig gesonnen wäre. Im Gegenteil: Muslime werden gegen Pauschalisierungen in Schutz genommen: „Wir wollen mit diesem Text dazu anhalten, dass Berichte über den IS nicht für die Wahrnehmung des Islams in Deutschland genutzt werden“, sagte der Vorsitzender der EKD-Kammer, der Berliner Theologe Christoph Markschies, bei der Vorstellung des Textes am Freitag.

weiterlesen

Religiöse Lage in Deutschland ändert sich dramatisch

Das Kreuz mit den Religionen
Das Kreuz mit den Religionen
Deutscher Forscher Großbölting sieht „Erosion“ – Staat soll auf zunehmenden religiösen Pluralismus reagieren

kathweb

Für den Münsteraner Historiker Thomas Großbölting ändert sich die religiöse Situation in Deutschland dramatisch. Das religiöse Feld sei „von Erosion geprägt“, und es wachse der Anteil der „Religionsmüden“, sagte Großbölting am Freitag laut einem Bericht der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Er sprach beim „Karlsruher Verfassungsdialog“ über „Religion in der säkularen Gesellschaft zwischen Konsens und Kulturkampf“. Veranstalter der Reihe ist die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung.

Das Staat-Kirche-Verhältnis habe sich von einer Win-Win-Situation zur Zeit der Gründung der Bundesrepublik zu einem heute für beide Seiten problematischen Verhältnis entwickelt, so Großbölting weiter. Der Staat ist nach seiner Ansicht zu verhaftet in den rechtlichen Strukturen und reagiert nicht angemessen auf den zunehmenden religiösen Pluralismus etwa gegenüber Muslimen.

weiterlesen