Autoritäre Einstellungen bei Schülern

Bild: RDF
Als eine der ersten empirischen deutschsprachigen Studien in diesem Bereich wurden im Rahmen einer Masterarbeit autoritäre Einstellungen von 668 SchülerInnen mit besonderer Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit gemessen.

Von Felix Kruppa | Richard-Dawkins-Foundation

Der Fragebogen ermittelte Einstellungen zu den Themen Minderheitenfeindlichkeit, der Bedeutsamkeit der eigenen Weltanschauung, Einstellungen zur Erziehung, Demokratie sowie Rollenbildern und Sexualität. Während die Einstellungen von SchülerInnen christlichen Glaubens und jenen ohne Religionszugehörigkeit oft nur marginal voneinander abwichen, erwiesen sich die muslimischen SchülerInnen in fast allen Bereichen als autoritärer.

Der Text kann auch unter folgendem Link als PDF-Datei heruntergeladen werden: Felix Kruppa – Autoritäre Einstellungen bei Schülerinnen und Schülern mit besonderer Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit (Diskussionspapier)

Die komplette Masterarbeit, die u.a. alle Studienergebnisse enthält, versende ich gerne auf Anfrage.

Einleitung

Die Studie zur „Autoritären Persönlichkeit“ von Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford (1950) war der Beginn für die wissenschaftliche Suche nach den Erklärungsansätzen und Ursprüngen von faschistischen und antidemokratischen Einstellungen, sowie Vorurteilen und Diskriminierung. Grundlage dieser autoritären Persönlichkeit sind u.a. negative Intergruppeneinstellungen, die spätestens durch den starken Anstieg der Zuwanderung nach Deutschland seit dem Jahr 2015 wieder in Erscheinung treten. Die eigene Identität wird verstärkt ex negativo zu anderen (Gruppen-)Identitäten gebildet und findet in ihnen ihren vermeintlichen Konterpart. Bestrebungen zur Abgrenzung der eigenen Gruppenidentität und dem Versuch der Herausstellung ihrer Überlegenheit gegenüber anderen Gruppen bei gleichzeitiger Besinnung auf traditionelle, oft reaktionäre Wertegefüge, sind allerdings nicht nur einer nach rechts rückenden Mehrheitsgesellschaft zuzuschreiben.

Ein gewichtiger Faktor für die Begründung und Genese autoritärer Einstellungen scheint auch die Religion zu sein. Homophobie, Judenfeindlichkeit oder die Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau finden oft auch religiöse Anleihen. In Bezug auf den Islam führt die Besinnung auf die eine konservative muslimische Identität in vielen Fällen dazu, dass Prinzipien wie der Säkularismus, Religionskritik, aber auch die Akzeptanz von Homosexualität und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht als Selbstverständlichkeit aufgefasst werden. Konservative bis fundamentalistische Auslegungen des Korans gewinnen an Zuspruch und der islamische Glaube gewinnt auch generell für immer mehr Muslime an subjektiver Bedeutung.[1] Aber auch die Kirche unterstützt seit ihrer Gründung traditionelle Rollenbilder und leistet u.a. einen erheblichen Beitrag zur Abwertung von homosexuellen Menschen, die sich im Katechismus, aber auch den Aussagen hoher christlicher Würdenträger wie des Papstes widerspiegeln. Der Katechismus der katholischen Kirche bezeichnet die Homosexualität als „schlimme Abirrung“ und „Prüfung“, und „keinesfalls zu billigen“, weil sie gegen das „natürliche Gesetz [verstößt]“. Deswegen sei Homosexuellen mit „Mitgefühl“ zu begegnen.[2]

Die beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich teilweise in Zonen diskursiver Immunität befinden, zeichnen sich oft schon in den Schulen ab. Schulklassen und die Einstellungen der SchülerInnen[3] werden zunehmend heterogener. Teilweise konfligierende Werte und Lebensmodelle sind für LehrerInnen eine besondere Herausforderung, weil sie nicht nur als Vermittlungsinstanz für Schulwissen, sondern auch als Erziehende einen großen Beitrag für die Wertebildung im Sinne einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft leisten. Schulen müssen insofern nicht nur als Spiegel für die Gesellschaft, sondern auch als wichtige Instanz ihrer Konstitution gesehen werden. Gerade deshalb ist ihre integrative Funktion und die Vermittlung demokratischer und aufklärerischer Grundprinzipien auch in Zeiten der zunehmenden Diversifizierung eine Aufgabe, die neben ihrer Qualifikationsfunktion höchste Priorität hat.

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US-Regierung erwägt verschärfte Handykontrollen bei Einreise

Image: NBCNews/YouTube
Bei der Einreise in die USA könnten Ausländer künftig dazu gezwungen werden, ihre Kontakte und Passwörter in sozialen Netzwerken preiszugeben sowie Fragen zu ihrer Weltanschauung zu beantworten.

Frankfurter Rundschau

Die US-Regierung erwäge diese Maßnahmen, um die Sicherheitskontrollen zu verschärfen, berichtete das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen. Die Änderungen könnten dem Bericht zufolge möglicherweise auch für die 38 Länder gelten, die Teil des Visa-Waiver-Programmes (ESTA) sind. Dann wäre auch Deutschland betroffen.

Sollte man Frauen mit Kopftuch diskriminieren?

Themenbild
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Die junge Muslimin Selma Laiouar schrieb einen Artikel namens „Ich sehe, Sie tragen Kopftuch“: Was mich meine Vorstellungsgespräche über Deutschland gelehrt haben, der in der Huffington Post veröffentlicht wurde. Sie beschreibt darin ihre Gründe für den Verdacht, dass ihr Kopftuch für viele Unternehmen ein Anlass sein könnte, sie nicht einzustellen. Eigentlich ist sie sehr qualifiziert, wovon man sich anhand ihres Xing-Profils überzeugen kann.

Von Andreas Müller | Richard-Dawkins-Foundation

Ich halte ihre Befürchtung für plausibel. Wer sich von Frau Laiouars Darstellung nicht überzeugen lässt, findet eine umfassende Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit vielleicht aussagekräftiger.

Unter dem HuffPo-Artikel finden sich fast ausschließlich Kommentare, die eine Diskriminierung von Kopftuchträgerinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht etwa bestreiten, sondern die ihre Diskriminierung ausdrücklich rechtfertigen, darunter sogar von selbst beschriebenen Unternehmensleitern (was angesichts der Gesetzeslage eine unglaublich dämliche Idee ist). Das war für mich der Anlass, mich im Kommentarbereich auf die Seite von Frau Laiouar zu schlagen. An dieser Stelle möchte ich darauf eingehen, was ich als atheistischer, libertärer Islamkritiker von den Argumenten der Gegenseite halte.

Politik: Sollte man weltanschaulich diskriminieren dürfen?

Zunächst einmal teile ich die libertäre Auffassung zum Thema, dass jedes Unternehmen die gesetzliche Freiheit besitzen sollte, jeden einzustellen oder nicht einzustellen, den es haben möchte. Schließlich ist es nicht das Unternehmen anderer und nicht das Unternehmen des Gesetzgebers, also warum sollten sie sich in die Entscheidungsfreiheit eines Unternehmers einmischen dürfen? Aufgrund des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes ist das in Deutschland anders geregelt, was viele Kommentatoren erstaunlicherweise nicht wissen. Vielmehr dürfen Unternehmen niemanden aufgrund seiner Religion oder Weltanschauung als Bewerber ablehnen.

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Hitler war kein Atheist, er war Katholik

hitlerAtheismus bedeutet zunächst nicht mehr als die Behauptung, dass es Gott oder Götter gibt, als unbegründet zurückzuweisen – so lange, bis messbare Daten vorliegen, die die Existenz von Göttern belegen oder als wahrscheinlich erscheinen lassen.

Von Florian Wildenhahn | Leserbrief-Badische Zeitung

Atheismus ist eben nicht, wie es Frau Baitz offensichtlich missversteht, eine andere Weltanschauung ähnlich einer Religion. Deshalb folgt aus dieser Haltung auch nicht automatisch ein Wertesystem. Das Einzige, was daraus folgt ist, dass man nicht „den Willen Gottes“ als Rechtfertigung für sein Handeln heranzieht. Und damit ist es zumindest für das Problem, dass Menschen Verbrechen im Namen von Gott verüben, sehr wohl die Lösung. Auch wenn nicht das der Grund sein sollte, diese Haltung einzunehmen, sondern die Tatsache, dass es für eine andere Position bis heute keine wissenschaftliche Rechtfertigung gibt.

Zweitens: Hitler war kein Atheist, er war Katholik. Und er hat sich mehrfach zum Christentum bekannt. Aber was viel schwerer wiegt: Es gibt wohl kaum Zweifel daran, dass der Mord an sechs Millionen Juden die direkte Folge der judenfeindlichen Hetze war, die die christlichen Kirchen jahrhundertelang mit großem Eifer betrieben haben.

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Welthumanistentag: Religionsfrei – und schulfrei

Menschen feiern den Welthumanistentag (Christoph Eckelt)
Am 21. Juni ist Welthumanistentag, in Berlin ein anerkannter Feiertag. Erstmals können sich Schülerinnen und Schüler, die daran teilnehmen wollen, vom Unterricht befreien lassen. Der Beschluss ist zwar schon älter, aber die Kirchen tun sich noch immer schwer mit der Feiertagskonkurrenz

Von Claudia van Laak | Deutschlandfunk

Caroline Sattler hat morgen frei. Die 15jährige Schülerin aus Berlin ist in einer nicht-kirchlichen Familie aufgewachsen und Mitglied im Humanistischen Verband. Deshalb reicht ein kurzer Brief an die Schulleitung: Am sogenannten Welthumanistentag kann sie den Unterricht schwänzen. „Den Feiertag nutzt man ja halt, um die Interessen der eigenen Weltanschauung mal zu feiern. So. Ich weiß nicht, warum es da keine Gleichbehandlung geben sollte. Weil, Weltanschauung ist eben Weltanschauung, egal in welche Richtung“, sagt sie.

So sieht es auch der Berliner Senat. Egal ob Weltanschauung oder Religion, ob Islam, Juden- oder Christentum – für die rot-schwarze Landesregierung scheint alles gleich wichtig zu sein. Dem SPD-Bildungsstaatssekretär Mark Rackles ist diese Gleichbehandlung ein besonderes Anliegen: „Es geht ja nicht um irgendeinen Gedenktag, irgendeinen Tag X, der ADAC wird jetzt nicht kommen können.  Das ist auch nicht etwas, was so in das persönliche Leben so stark eingreift. Quantitativ sind die Buddhisten, die Juden, die Hinduisten auch nicht große Gruppen, verglichen mit den großen Kirchengemeinschaften in Berlin. Wir reden jetzt nicht über groß oder klein. Sondern es geht um ein persönliches Bekenntnis. Und wenn es glaubwürdig unterlegt wird, ist der Staat gut beraten, wenn er sagt, wir behandeln Euch gleich.“

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Islamkritik ist kein Rassismus

Bild: Reuters
Bild: Reuters
Jede Religion darf kritisiert werden. Wer es tut, ist kein Rassist. Im Fall der Islamkritik werden jedoch oft andere Maßstäbe angelegt. So entsteht ein Schutzwall, der weder der offenen Gesellschaft noch dem Islam guttut
 

Von Alexander Kissler | Cicero

Das waren harte Worte, damals, vor 16 Jahren: Die „kulturelle Gesamtbilanz“ dieser Religion sei „insgesamt verheerend“. Ihre „sieben Geburtsfehler“ habe diese monotheistische Weltreligion nie ablegen können, sie laste „als Ideologie, Tradition und Institution als Fluch auf unserer Zivilisation“. Man könne dieser weltumspannenden Religion nur zur „Selbstaufgabe“ raten, das wäre ihr „letzter segensreicher Dienst“. Möge sie also, hoffte der Autor damals, endlich in Frieden ruhen und uns nicht länger mit ihren menschenverachtenden, intoleranten, Angst und Schrecken schürenden, Mord und Blutbad legitimierenden Lehren das Leben vergällen. Einmal reichte es.

Wie erging es dem Autor hernach? Musste der Philosoph Herbert Schnädelbach um seine Sicherheit fürchten, wurde er des Rassismus geziehen? Nein. Sein Zeit-Artikel, der im Mai 2000 Wellen schlug, hieß nicht „Der Fluch des Islam“, sondern „Der Fluch des Christentums“. Er wurde gesittet aufgenommen. Natürlich gab es scharfes Kontra ebenso wie begeisterten Applaus, endlich bekomme das Christentum seine Quittung präsentiert. Niemand aber verfiel damals auf die Idee, in dem Essay ein rassistisches Machwerk, in dem Philosophen einen Rassisten und in der Zeit ein christophobes Hassorgan zu sehen. All das wäre auch absurd gewesen.

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Humanismus: Grundbegriffe

„Humanismus“ ist eine kulturelle Bewegung, ein Bildungsprogramm, eine Epoche, eine Tradition, eine Weltanschauung, eine Form von praktischer Philosophie, eine politische Grundhaltung, welche für die Durchsetzung der Menschenrechte und für humanitäre Praxis eintritt.

Humanistischer Verband Deutschlands

Das neue Kompendium erfasst die einfachen und allgemeinen Begriffe in ihrem Zusammenhang und stellt den Nutzen für die Erkenntnis gegenwärtiger Probleme in Medizin, Ethik, Ökonomie, Recht und Politik dar. Der Band enthält einen systematischen Teil und einen Teil mit den Grundbegriffen. Die verschiedenen Richtungen und Institutionen der humanistischen Bewegung in Geschichte und Gegenwart werden im Umriss sichtbar gemacht und die neuen Felder und Aufgaben gezeigt, die der Humanismus-Forschung durch die Entwicklung der modernen Medizin, der Menschenrechtspolitik und der Geschlechterstudien, der digitalen Revolution und der Globalisierung entstanden sind. Das humanistische Erbe aus Antike, Renaissance und Aufklärung wird kritisch mit diesen neuen globalen Anforderungen vermittelt.

Humanismus: Grundbegriffe versammelt neben einem knappen systematischen Teil vor allem kurze und prägnante Artikel zu insgesamt 38 Grundbegriffen: Von Arbeit, Aufklärung, Feier/Fest, Glück über Humanitäre Praxis, Liebe, Menschenrechte/Menschenwürde bis zu Religionskritik, Seelsorge, Wahrheit und Zweifel. Der Band resümiert einschlägige wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahre und stellt eine solide Grundlage nicht nur für weitere Forschungen, sondern auch für den praktischen Humanismus dar.

Für Getränke und einen kleinen Imbiss ist gesorgt. Um Anmeldung wird gebeten: info@humanistische-akademie-berlin.de

7. Juni 2016 – 17:0020:00

Buchvorstellung mit den Herausgebern Prof. Dr. Dr. h.c. Hubert Cancik, Dr. phil. habil. Horst Groschopp und Prof. Dr. phil. habil. Frieder Otto Wolf.

„Das Wort“: Jesus war nicht tolerant

Ständig wird von ihr gesprochen und ständig wird sie von allen Seiten eingefordert: Die Toleranz. Aber was bedeutet das Wort eigentlich? Eine Begriffsanalyse.

Von Jan Hedde | SpON

Kaum eine Haltung hat eine derartig steile Karriere aufzuweisen – die der Toleranz. Sie gilt als Tugend, wenn nicht sogar die Tugend. Wer nicht tolerant ist, hat es zu Recht schwer; kein reflektierter Mensch wird sich selbst als intolerant bezeichnen, und schon leise geäußerte Zweifel an der Toleranz sind sozial desintegrierend.

Toleranz wird geübt gegenüber anderen Meinungen und Ideen, aber auch Menschen anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung und Religion, Ethnie, Weltanschauung, Herkunft, Abstammung, gegenüber Menschen jeder Nationalität und jeden Geschlechts, jeden Alters und jeder Behinderung. Kurz: Toleranz übt, wer Teil der Mehrheit ist und Toleranz genießt, wer davon abweicht.

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Grüne wollen Privilegien der Kirchen beschneiden

Kirchen vorn, hier während eines ökumenischen Kreuzwegs in Lübeck an diesem Karfreitag. Die Grünen wollen auch anderen Religionen…Foto:Markus Scholz/ dpa
Deutschland wird auch religiös immer vielfältiger. Über politische Konsequenzen wird kaum geredet. Die Grünen machen jetzt einen Versuch.

Von Andrea Dernbach|DER TAGESSPIEGEL

Die Woche vor Ostern ist womöglich ein guter Zeitpunkt, über Glauben zu reden. Die Grünen haben’s getan. Vor ein paar Tagen ist der Abschlussbericht ihrer Kommission „Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat“ erschienen, die sie im Oktober 2013 eingesetzt hatten, um eigene Positionen zum Verhältnis von Staat und Religion zu entwickeln.

Staatsgeld für die Domherren

Das Thema blitzte in den letzten Jahren immer einmal kurz und heftig auf – als es um muslimische Kopftücher und christliche Kruzifixe im Klassenzimmer ging – doch eine gesellschaftliche Grundsatzdebatte wurde nie daraus.

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Was uns verbindet

Was ist der Humanistische Verband, wie sehen seine Mitglieder die Welt und wofür engagieren sie sich? In Zukunft soll darüber ein überarbeitetes Selbstverständnis aktuell und zeitgemäß Auskunft bieten. Es will die Betonung eigener Werte deutlich erkennbar machen.

HVD Bundesverband

Zwei Mitglieder der Redaktionsgruppe, die in den letzten zwei Jahren die zahlreichen Vorschläge für eine Aktualisierung aufgenommen und zu einem grundlegend überarbeiteten Text zusammengefügt hat, sprachen im Interview über Motive und Hintergründe der Entwicklung des neuen Entwurfs: Dr. Ralf Schöppner, Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland, und Dr. Alexander Bischkopf, Bildungsreferent im Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg.

Was sind Anlass und Ziel der Erarbeitung des neuen Humanistischen Selbstverständnisses?

Dr. Ralf Schöppner: Die Welt verändert sich. Menschen und Organisationen stehen beständig vor neuen Herausforderungen. Eine Weltanschauungsgemeinschaft sollte regelmäßig prüfen, ob ihr Selbstverständnis noch zu ihrer eigenen Praxis und zum Zustand der Welt passt. Darüber hinaus gab es konkrete Kritik an alten Selbstverständnissen, wie z.B. an der überwiegenden Negativorientierung „wir sind gegen Religion“.

Dr. Alexander Bischkopf: Dass aus der Überprüfung nun eine grundsätzliche Überarbeitung geworden ist, hängt auch damit zusammen, dass der mit der Gründung des Humanistischen Verbandes begonnene Transformationsprozess von freidenkerischen Positionen, also der Selbstdefinition über Ablehnung von Religion, hin zu humanistischen, also der Betonung eigener Werte, deutlich erkennbar sein sollte.

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Was ist neu am neuen Atheismus

Snapshot : The Four Horsemen, RDF, Bild: brightsblog
Snapshot : The Four Horsemen, RDF, Bild: brightsblog
Atheismus (vom altgriechischen Wort átheos, gottlos), bezeichnet eine Weltanschauung, die eine Existenz Gottes verneint. Atheisten gab es schon immer, doch der Atheismus selbst fand in der Epoche der Aufklärung und mit der Weiterentwicklung der Wissenschaften großen Aufschwung. Seit einigen Jahren gibt es eine Form von neuem Atheismus, einen humanistischen, philosophischen, und gleichzeitig wissenschaftlichen Atheismus, der laut und selbstbewusst auftritt und neben einer gottfreien Weltanschauung auch konkrete Rechte einfordert. Doch was denkt der neue Atheist und wie sieht seine Gedankenwelt aus?

trailer

Religion selbst und religiöser Glaube ist den Menschen nicht angeboren, sondern das Ergebnis von Erziehung und Sozialisation. Vielen Gläubigen mag der Gedanke an einen Gott Halt und Sicherheit im Leben geben. Die Gewissheit, dass ein Gott existiert, kann einen Sinn im Leben schaffen und erleichtert möglicherweise den Umgang mit Ängsten, Vergänglichkeit und dem Tod.

Für den neuen Atheisten hingegen bedeutet Glaube eine Fremdbestimmung des Einzelnen durch eine nicht beweisbare und somit unhaltbare Kraft. In ihren Augen sind deshalb Glaube und Wissenschaft nicht miteinander zu vereinbaren und Religiosität stellt für sie den blinden Glauben an Mythen und Dogmen dar.

Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, einer Denkfabrik mit dem Leitbild des evolutionären Humanismus, gilt als einer der bekanntesten neuen Atheisten Deutschlands. Er tritt vor allem für die Werte der Aufklärung, kritische Rationalität, Selbstbestimmung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit ein. Jedweder Gedanke an Gott als einen Schöpfer wird im neuen Atheismus abgelehnt. Im Zentrum steht eine Anschauung, die vom Menschen als aktiven Gestalter der Welt und dem absoluten Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen ausgeht. Zugleich gibt es eine naturalistische Komponente: In der Welt geht es mit rechten Dingen zu, kein Gott oder andere spirituelle Kräfte greifen in die Gesetzmäßigkeiten der Natur ein. Das Fundament bilden Hypothesen, die jederzeit überprüft und verändert werden können. Im Mittelpunkt steht hier also der Mensch selbst, der sich in sich selbst und nicht in einer Kraft außerhalb seines Selbst verortet hat. Ein Mensch, der seiner Vernunft und Rationalität folgt, und statt in einen Gott nun in sich selbst vertraut.

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„Adams Apfel und Evas Erbe“: Sexueller Selektionsdruck

Adam und Eva in einem Gemälde von Bréviaire Grimani (Imago)
Eines macht Axel Meyer in seinem Buch „Adams Apfel und Evas Erbe“ gleich zu Anfang klar: Er kann sich leidenschaftlich aufregen – über Gender-Mainstreaming, Homöopathie-Verfechter und Gentechnik-Gegner. Er will, dass Wissenschaftler sich mehr einmischen, vor allem, wenn es um Themen geht, bei denen sie die Experten sind. Und dann – bitteschön – soll es um die Fakten gehen, sonst um nichts.

Von Katrin Zöfel|Deutschlandfunk

„Ich werde nicht vor ‚heißen Eisen‘ wie genetischem Geschlecht, kulturell und sozial determiniertem Gender, genetischem Beitrag zur Intelligenz etc. zurückschrecken, sondern vielmehr thematisieren, was dazu aus wissenschaftlicher Sicht zu sagen ist. Es geht mir um wissenschaftliche Erkenntnisse, nicht um Weltanschauung und politische Korrektheit.“

Damit ist die Tonlage klar. Axel Meyer sieht in Deutschland eine beunruhigende Welle an unreflektierter, irrationaler Wissenschaftsfeindlichkeit heranrollen. Dagegen setzt er seine Expertise als Genetiker. Erst einmal widmet er sich den Grundlagen, angefangen bei Gregor Mendels Erbsenversuchen, weiter mit der Doppelhelix von Watson und Crick bis hin zum Human-Genom-Projekt und seinen Nachfolgern. Das ist das Fundament, auf dem er dann sein eigentliches Thema diskutiert: Das Verhältnis zwischen Mann und Frau, die Frage, wie sehr Geschlechterrollen und andere Eigenschaften biologisch determiniert sind. Ein Beispiel:

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Mein Weg zum Humanismus

Wie findet man seine Weltanschauung? Unser Gastautor beschreibt seinen Weg vom Protestanten zum Kommunisten zum Humanisten.


Von Bruno Osuch|DER TAGESSPIEGEL

welthumanistentag

Vor ein paar Wochen fragten mich Zehntklässler in meinem Ethikunterricht, ob ich „Atheist“ sei. Ich antwortete mit „Ja, aber …“ und versuchte zu erklären, dass ich mich keineswegs nur negativ, also in Ablehnung eines Glaubens an eine höhere Macht, definiere, sondern vor allem positiv die Werte meiner „humanistischen Weltanschauung“ vertrete. Bei den meisten der Schülerinnen und Schüler war Nachdenklichkeit die erste Reaktion – bis ein Pfiffikus etwas spontan in die Klasse rief: „Ach, Sie meinen Atheist-Plus!“ Interessanterweise verstanden das seine Mitschülerinnen und -schüler offenbar viel besser.
Sind Humanisten nur „Atheisten-Plus“?

Dieses kleine Erlebnis zeigt bereits die besondere Problematik, wenn es darum geht, den Humanismus als nicht religiöse Ethik und Weltanschauung zu erklären. Im Unterschied etwa zu Frankreich wird der Begriff bei uns facettenreicher assoziiert. So rief auch der damalige deutsche Papst Benedikt XVI. zu einem „neuen christlichen Humanismus“ auf. Wenn im Folgenden von „Humanismus“ gesprochen wird, dann im Sinne einer Konzentration auf den Menschen und seine Fähigkeit zu einem „guten Leben“ ohne religiöse Begründung. Die entsprechende Ethik orientiert sich an den Werten und Grundsätzen der Selbstbestimmung und Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeit, der Vernunft und des kritischen Denkens und nicht zuletzt am Toleranzgebot. Es sei daran erinnert, dass ein solches Denken seinen Ursprung in den Humanitätsidealen der antiken und vorchristlichen stoischen Philosophie hat.

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„Grundvertrauen à la Hayek und Grundskepsis à la Popper“

Bild: heise.de
2009 erregte der FAS-Wirtschaftsressortleiter Rainer Hank viel Aufmerksamkeit mit einem Buch, in dem er darlegte, wie US-Regierungen mit Eingriffen in die Wirtschaft dazu beitrugen, dass es 2008 zu einer Finanzkrise kam. Jetzt hat er unter dem Titel Links, wo das Herz schlägt die „Inventur einer politischen Idee“ veröffentlicht.


Von Peter Mühlbauer|TELEPOLIS

Herr Hank, Sie fordern in Ihrem neuen Buch eine Renaissance der Ideologie – und Sie trennen sie dazu vom Dogma. Wo liegt für Sie der Unterschied?[1]

Rainer Hank: Ideologie lässt sich von Ideen treiben und unternimmt den Versuch, Anschauung und Begriff zusammen zu bringen. Das Dogma hingegen ist starr, lässt sich von neuen Erfahrungen nicht aus der Ruhe bringen.

Ideologie ist für Sie nach Romano Guardini Welt-Anschauung im wörtlichen Sinne – der Standpunkt, von dem aus man die Welt betrachtet. Sollte man nicht versuchen, einen Standpunkt mit möglichst viel Abstand zum Geschehen einzunehmen, von dem aus sich gut abstrahieren lässt? Zum Beispiel den des Historikers, der verschiedene Epochen vergleichen kann? Oder den des Ethnologen, dem das mit Kulturen und Glaubensvorstellungen möglich ist?

Rainer Hank: Das unterstellt, es gäbe interesselose Standpunkte: eine Illusion. Ich will Aufklärung über den Standpunkt, deshalb will ich das Wort Weltanschauung rehabilitieren. Den neutral-objektiven Beobachter gibt es nicht. Wir sind alle Akteure, auch wenn wir Journalisten, Historiker, Philosophen sind. Das ist kein Nachteil, sondern eine Chance.

In einem großen Teil des Buches versuchen Sie, Ihren eigenen Standpunkt klar zu machen. Ganz klar wird er aber doch nicht: Einerseits berufen Sie sich auf Libertäre wie Robert Nozick und kritisieren die deutschen Ordoliberalen[2], andererseits sehen Sie einen starken Staat als Garant für Märkte.[3]

Rainer Hank: Na ja, dass der Liberalismus kein monolithisches Gedankengebäude ist, spricht aus meiner Sicht eher für als gegen die Freisinnigen. Da erlaube auch ich mir, ein wenig hin und her zu changieren. Das ist so lange erlaubt, so lange es keine Widersprüche gibt. Ich will einen Staat, der Garant der Freiheit ist. Insofern bin ich kein Radikalanarcho. Von „starkem“ Staat spreche ich nicht. Das haben Sie gesagt.

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Am Humanistentag humanistisch in den Unterricht gehen!

welthumanistentag

Einige Berliner Schüler dürfen bald am Welthumanistentag zu Hause bleiben. Ihnen empfiehlt unser Kolumnist, an diesem Feiertag darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, in die Schule zu gehen. Unterricht ist wichtiger als Weltanschauung. Ein Appell.


Von Harald Martenstein|DER TAGESSPIEGEL

Berlin hat einen neuen Schulfeiertag, den Welthumanistentag. Ab dem kommenden Schuljahr können sich Schülerinnen und Schüler am 21. Juni beurlauben lassen, sofern sie dem Humanistischen Verband oder einer anderen Humanistenvereinigung angehören. Das gibt es nur in Berlin, der Hauptstadt der Schulreformen, und wir verdanken es unserer Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Sie sagt: An diesem Tag sollen die humanistischen Schüler über Zusammenhalt und das Miteinander in unserer Gesellschaft nachdenken.

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Bischof Oster: ‚Jesus ist nicht nur ein freundlicher Wanderprediger‘

FB-Page, Screenshot:bb
FB-Page, Screenshot:bb
Passauer Bischof schreibt auf Facebook, seine „politisch heutzutage natürlich völlig unkorrekte Antwort auf die Frage“, welche ‚Weltanschauung‘den höchsten Ansprüchen nach Wahrheit, Schönheit, Tiefe genüge, heiße: „Der katholische Glaube!“

kath.net

„Meine persönliche und politisch heutzutage natürlich völlig unkorrekte Antwort auf die Frage“, welche „Weltanschauung“ den höchsten Ansprüchen nach Wahrheit, Schönheit, Tiefe genüge, „heißt ohne jedes Zögern: Der katholische Glaube!“ Dies schrieb der Passauer Bischof Stefan Oster am Samstag auf Facebook an seine Facebook-Freunde. „Die Alternative dazu wäre aus meiner Sicht nicht irgendwas anderes, z.B. etwas, was ich als weniger konsequent empfände, schon gar nicht mag ich irgendwas weich gespültes, auch nicht irgendein anderes philosophisches oder esoterisches System oder einen anderen religiösen Glauben.“ Wenn überhaupt, dann fände er für sich persönlich „höchstens noch ehrlichen und konsequenten Skeptizismus akzeptabel. Den finde ich, sofern er wirklich aufrichtig nach Wahrheit fragt – auch noch vernünftig und in gewisser Hinsicht auch schön, eben weil er so sehr an die Wurzel der Dinge geht und fragt.“ Doch der Skeptizismus reiche „nicht in die Tiefe, in der sich mir schon Antworten aus unserem Glauben erschlossen haben“.

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Gut gepöbelt ist nur halb gewonnen

Bild: The European, cc bycc by sa Melanie Feuerbacher
Ob drohende „Instrumentalisierung von weiblichen Körpern“ oder sexuelle Umerziehung durch „schlechtgelaunte bärtige Sandalenträger“ – Matthias Matussek hat da einiges falsch verstanden. Eine Richtigstellung.

Von Julia KorbikThe European

Einige Menschen, darunter Matthias Matussek, sind der festen Überzeugung, dass Homosexuelle keine Gleichberechtigung verdienen, weil ihr Begehren widernatürlich ist und deshalb nicht zur Fortpflanzung führen kann.

Diese Menschen wird man nicht eines besseren belehren können. Natürlich gibt es auch heterosexuelle Paare ohne Nachwuchs, gewollt oder ungewollt – dieses Argument kennen sie, es interessiert sie aber nicht. Ihnen geht es nicht um rationale Argumente. Es geht um eine bestimmte Weltanschauung und über die lässt sich schwer diskutieren. Manchmal bleibt nur die Einsicht, dass man sich nicht einig wird.

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Humanisten wollen Alternative zu Religionsunterricht in NRW

Bild: members.aon.at
Religion ist nicht ihr Ding. Genau deshalb fordert der Humanistische Verband ein eigenes Schulfach als Ersatz für den Religionsunterricht in NRW. Nach dem Gang durch die Instanzen soll jetzt das Oberverwaltungsgericht entscheiden.

RP ONLINE

Der Humanistische Verband fordert für Nordrhein-Westfalen das Unterrichtsfach Humanistische Lebenskunde als Alternative zum Religionsunterricht. Die CDU/FDP-Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) hatte das im Jahr 2007 abgelehnt.

Auch das Verwaltungsgericht Düsseldorf sagte 2011 Nein zu dem Wunsch. Jetzt befasst sich am Dienstag (14.1.) das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster mit dem Thema. Staatsrechtler geben dem Landesverband NRW gute Chancen. In anderen Bundesländern wie in Brandenburg ist das Fach längst eingeführt. Die Resonanz der Schüler auf das Angebot ist allerdings gering.

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Schweiz: Freidenker organisieren Ferienlager in Surcuolm

Die «Camp Quest»-Teilnehmerinnen Sharon und Jaime (vorn) beim Bestimmen von Blutgruppen. Bild: Pressebild
Mitten in der katholisch geprägten Surselva findet diese Woche ein Sommerlager der anderen Art statt: das «Camp Quest» der Schweizer Freidenker und Skeptiker.

SÜDOSTSCHWEIZ.ch

Abenteuer und Ausflüge, Freundschaften und Lagerfeuer – auf den ersten Blick ist es eine Ferienwoche für Kinder und Jugendliche wie viele andere auch. Anderseits: Blutgruppen bestimmen, Klebstoffe herstellen, einen Elektromotor zusammenbauen, pH-Werte messen – nein, etwas ist da doch speziell. Und der Name tönt es ja an, «Camp Quest»: Auf der Suche ist man diese Woche im Ferienhaus Canetg in Surcuolm, auf Forschungsreise, sozusagen.

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Kretschmann: Keine laizistische Verbannung der Religionen

Foto: dpa

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und ZdK-Mitglied: Der Staat müsse die Religionsfreiheit der Bürger und der Glaubensgemeinschaften nicht nur schützen, sondern auch fördern

Kath.net

Für eine «positive und aktive Religionsfreiheit» sowie für eine «kooperative Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften» hat sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Die Grünen) ausgesprochen. Einer «laizistischen Trennung und Verbannung des Religiösen» aus der Öffentlichkeit erteilte der Katholik in seinem Vortrag über das Verhältnis von Staat und Kirche am Donnerstagabend in der Katholischen Akademie in Berlin eine klare Absage.

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