Schlagwort-Archive: Wissenschaft

Dodo Lütz sieht Gott grammatikalisch im Futur II

Manfred_LützDer Einstieg ist vielversprechend. Manfred Lütz geht es darum, die Menschen wieder ungläubig werden zu lassen. Sonst würde sein Vortrag über „Die Werte, die Wahrheit und das Glück“ wenig Sinn machen: Wenn das reichlich vorhandene Publikum im Pfarrsaal von St. Peter und Paul bereits restlos mit sich, Gott und der Welt im Einklang wäre. „Stellen Sie sich vor, Sie wären Atheist“, lockt der 62-jährige Rheinländer, und beruhigt die anwesenden Gläubigen wieder: „Am Ende des Vortrags können Sie wieder Christ werden.“

Von Uwe Eichler | MAIN POST

Aber auch Atheisten und Agnostiker dürfen entspannen: Es ist kein eifernder Laienprediger, der hier auf Einladung von Pfarrer Frank Sommerhoff durch einen ebenso amüsanten wie informativen Abend führt, rund um die zentrale Frage: „Existiert Gott, oder existiert er nicht?“ Am Pult steht ein hochkarätiger katholischer Theologe, lange Zeit Hausarzt des „Deutschen Friedhofs“ des Vatikan, nunmehr Leiter der Psychiatrischen Klinik der Alexianer in Köln. Außerdem Kirchenkabarettist und Autor von Büchern wie „Irre! Wir therapieren die Falschen“, „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ oder eben „Gott.

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„Religionspolitik nicht länger vernachlässigen“

coexist

Nach Anti-Islam-Äußerungen der AfD: Politikwissenschaftler Ulrich Willems mahnt die übrigen Parteien, religionspolitische Debatten und Entscheidungen nicht länger zu vermeiden. Man solle „in der Bevölkerung Verständnis für Religionsvielfalt wecken“.
 

hpd.de

Angesichts der Anti-Islam-Äußerungen der AfD sollten sich die herkömmlichen Parteien nach Einschätzung von Politikwissenschaftlern dringend dem „lange vernachlässigten Feld der Religionspolitik“ zuwenden. „Wir haben ein hohes Niveau der Polarisierung erreicht, die Verschärfung war lange vorherzusehen. Jetzt sollten endlich alle Parteien eine offene und sachliche Debatte über die Rolle der christlichen Kirchen, des Islams und anderer religiöser Minderheiten sowie der Konfessionslosen führen“, sagt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster.
„Wir brauchen auch differenzierte Gespräche darüber, ob sich das Modell einer engen Staat-Kirche-Kooperation noch eignet, um den religiösen Mehr- und Minderheiten gleichermaßen Religionsfreiheit zu gewähren. Bislang sind sich die Gruppen sogar oft innerhalb der herkömmlichen Parteien nicht einig.“

Der Wissenschaftler kündigte eine neue öffentliche Reihe „Religionspolitik heute“ des Exzellenzclusters und des Centrums für Religion und Moderne (CRM) der WWU mit Vorträgen und Podien ab dem 10. Mai in Münster an, die eine differenzierte Debatte über religionspolitische Grundsatzfragen und aktuelle Konflikte und Lösungswege stärken will. „Wir ziehen auch internationale Beispiele heran, da andere Länder in der Religionspolitik weiter sind als Deutschland“, so Prof. Willems. „Die Ringvorlesung bringt gezielt Wissenschaft, Politik, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften ins Gespräch. Der Exzellenzcluster stellt mit seiner Wissenschaftskommunikation seit Jahren seine Expertise in aktuellen Fragen öffentlich zur Verfügung.“

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Bewusstseinsschärfung statt direkte Problemlösung

Der Physiker und Technikphilosoph Klaus Kornwachs (geb. 1947) lehrte und lehrt an verschiedenen deutschen und internationalen Universitäten und ist heutzutage vor allem publizistisch und als Berater tätig. Bekannte Werke von ihm sind die „Philosophie für Ingenieure“, die „Strukturen technologischen Wissens“ und eine Schrift zur Theorie der Offenen Systeme. 2013 erschien sein Buch „Philosophie der Technik – Eine Einführung“. Er glaubt, dass „vermutlich gar nichts“ passieren würde, „wenn wir durch einen Zufallsgenerator einfach ein Drittel der wissenschaftlichen Publikationen streichen“.

Von Reinhard Jellen | TELEPOLIS

Herr Kornwachs, haben Technik und Wissenschaft Probleme erzeugt, die sie selbst gar nicht mehr lösen können – und kann die Philosophie bei ihrer Lösung helfen?

Klaus Kornwachs: Zunächst einmal geht es um das Verhältnis von Wissenschaft und Technik: Technik hat mit Handeln und Wissenschaft mit Wissen zu tun, aber die Grenzen zwischen Wissenschaft und Technik verschwinden immer mehr.

Nun wurden Probleme geschaffen, die Folgen bestimmter Technologien (also nicht ursprünglich gesellschaftlicher Natur) sind, die aber nachher, wie sich herausstellt, eine erhebliche gesellschaftliche Wirkung besitzen. Diese gesellschaftliche Wirkung kann wiederum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein.

Wenn wir nun im Zusammenhang mit der ganzen Umwelt- und Klimaproblematik oder der Veränderung der Strukturen in der Gesellschaft und Arbeitswelt an die Philosophie denken: Natürlich kann die Philosophie einerseits Wissenschaften und die Auswirkungen der Technik analysieren, andererseits ist Philosophie selbst keine Wissenschaft. Wissenschaft, hat Heidegger einmal gesagt, denkt nicht.

Das heißt, die Wissenschaft selbst – denken wir aktuell zum Beispiel an die Theorien zur Nutzung von Big Data – hat nicht ihren Problem-Fokus in den strukturellen und geistigen Veränderungen, die sie bewirkt. Diesen Fragen kann sich wiederum die Philosophie stellen. Sie kann wahrscheinlich nicht direkt zu einer Problemlösung beitragen, aber sie kann die Fragen und das Bewusstsein schärfen und trägt damit mittelbar zur Lösung bei.

Die technologische Entwicklung hat mittlerweile Folgen, welche den Menschen Tausende von Jahren betreffen können. Wie hat sich diese Verselbständigung von Wissenschaft und Technik ergeben?

Klaus Kornwachs: Dass Wissenschaft und Technik sich verselbstständigt hätten, ist selbst schon eine philosophische oder gesellschaftstheoretische These, der ich in dieser Form widersprechen möchte: Haben sich Wissenschaft und Technik tatsächlich verselbstständigt oder haben wir nicht zugelassen, also Institutionen und Regeln geschaffen, dass sie das tun können? Seit dem Aufstieg der wissenschaftlichen Methode bei Galilei hält man etwas fest, analysiert es und gibt sich dadurch Regeln, wie man wissenschaftlich vorgeht.

Dies sind nicht nur methodische Regeln, sondern auch institutionelle Regeln, die dann der Stabilisierung des Wissenschaftssystems dienen. Dies wird zum Teil als Verselbständigung interpretiert. Wenn heute in der Wissenschaft gilt, veröffentliche oder gehe unter, dann wird das als reiner Zwang und Verselbständigung interpretiert – aber dabei wird unterschlagen, dass Menschen dafür verantwortlich sind, dass diese und keine anderen Regeln durchgesetzt worden sind. Regeln und das, was Menschen wollen – all das kann sich wandeln.

Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass ab einem gewissen Punkt sogar eine Sättigung in Sachen Wissenschaft eintreten könnte, denn wirklich ganz neue Erkenntnisse zu gewinnen, wird immer aufwändiger. Was würde denn passieren, wenn wir durch einen Zufallsgenerator einfach ein Drittel der wissenschaftlichen Publikationen streichen würden? Vermutlich gar nichts.

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Judentum: „Es gibt No-go-Areas“

© Bild: Andreas Gregor
Am heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus spricht Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Landtag von Sachsen – dem Bundesland, in dem Pegida und die AfD besonders stark sind. Im Interview mit katholisch.de spricht Knobloch über das Holocaust-Gedenken, Antisemitismus unter Deutschen und Migranten sowie die Gefahr durch Pegida.

Von Gudrun Lux|katholisch.de

Frage: Frau Knobloch, der 27. Januar ist auch 71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ein schmerzlicher Gedenktag. Sehen Sie diesen Tag aktuell in Deutschland genug gewürdigt?

Knobloch: Zunächst hat das Gedenken vor allem in den einzelnen jüdischen Gemeinden stattgefunden – obgleich der 27. Januar eigentlich nicht der Gedenktag für die jüdischen Gemeinden ist. Das ist der Jom Haschoa. Der 27. Januar ist der Gedenktag, den sich die Gesamtgesellschaft zur Aufgabe gemacht hat. Ich war nach diesen Anfängen sehr überrascht und bin heute fast euphorisch: Ich finde, dieser Tag hat sich – auch über Deutschland hinaus – sehr etabliert. Auch die Vereinten Nationen spielen da eine wichtige Rolle, sie haben den 27. Januar ja 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.

Frage: Wie schätzen Sie allgemein die Erinnerungskultur an die Opfer der Shoa in Deutschland ein?

Knobloch: Ich habe den Eindruck, dass es insgesamt kaum Routineveranstaltungen sind, sondern wirklich Veranstaltungen, die Menschen bewegen. Vorhin war ich in einer Schule zu Gast, und es berührt mich, wie interessiert und einfühlsam die jungen Menschen fragen. Diese Schule hat den 27. Januar zum Anlass genommen, sich mit dem Judentum in Deutschland zu beschäftigen. Und da gibt es ja nicht nur den Holocaust, sondern auch die Zeit davor, als in Politik, Wissenschaft, Kunst, Kultur und Wirtschaft jüdische Menschen eine große Rolle gespielt haben und sich auch für das Land Deutschland verantwortlich sahen. Das gerät durch die furchtbare Geschichte oft in den Hintergrund. Ich empfehle sehr, das jüdische Leben in Deutschland in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht auf den Holocaust zu reduzieren.

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Michael Wolffsohn: „Vormodernes Frauenbild des Islam“

Michael Wolffsohn. Bild. Frankfurter Neue Presse

Von DIETER HINTERMEIER|Frankfurter Neue Presse

Herr Professor Wolffsohn, wie beurteilen Sie die Vorfälle von Köln?

MICHAEL WOLFFSOHN: Wie jedermann, der die Würde des Menschen – Artikel 1 Grundgesetz – ernst nimmt. Köln ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Eisberg heißt Völkerwanderung. Jede hat in der Menschheitsgeschichte alles verändert.

Hat der Staat in Köln versagt?

WOLFFSOHN: Die alte und neue Bundesrepublik ist ein Staat, der die weichen Werte seit jeher pflegt. Das ist die wunderbar menschliche Seite unserer Gesellschaft und unseres Staates. Alles hat immer zwei Seiten: Unmenschliche Menschen nutzen die Menschlichkeit anderer Menschen oft aus. Die Aufgabe des Staates ist es, Härte anwenden zu können, wenn es denn sein muss. Daran hapert es seit Jahrzehnten, nicht erst seit Köln.

Von verschiedenen Politikern wurde die „sexualisierte Gewalt von Männern“ für die Kölner Exzesse verantwortlich gemacht. Ein erster Reflex war auch, nicht alle Flüchtlinge unter „Generalverdacht“ zu stellen. Was halten sie von dieser Rhetorik?

WOLFFSOHN: Ich halte nie etwas von Schwarz-Weiß-Denken, also Rhetorik. Ruhige Analysen sind nötig. Erst die Diagnose, dann die Therapie. Erst denken, dann reden. Solche Exzesse gab es in Deutschland jedenfalls bislang nicht, Punkt.

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Die Schlange der Fiktion

Postmodernismus

Die Gegenwart formuliere keine philosophischen Systeme mehr, heißt es. Der Franzose Bruno Latour hat trotzdem eine Theorie über alles entwickelt. Was heißt das für die Literatur?

Von Ernst-Wilhelm Händler|DIE WELT

Dem deutschen Feuilletonleser der Gegenwart begegnet lebendige Philosophie nahezu ausschließlich in Form von philosophischen Brocken, die vor allem in den von den Neurowissenschaftlern angestoßenen Debatten um das Bewusstsein und den freien Willen eine Rolle spielen. Die Tradition umfassender philosophischer Theorien wird durch die – sehr verdienstvollen – historischen Darstellungen Rüdiger Safranskis und die mitlaufende Deutung der Gegenwart gemäß Nietzsche durch Peter Sloterdijk bewahrt. Ansonsten findet sich im deutschen Sprachraum immer wieder die Behauptung, in der Gegenwart würden keine philosophischen Systeme mehr formuliert. Das entspricht nicht den Tatsachen.

Die amerikanischen Philosophen sind seit jeher keine Systembauer und halten sich auch heute nicht damit auf, die Gegenwart zu beschreiben. Die „praktischen Philosophen“ der Westküste gestalten den Menschen der Gegenwart mit einem Mix aus Hardware – iPhone – und Software – Apps und Facebook – um. Die theoretischen Philosophen wie Ray Kurzweil beschreiben eine Zukunft, für die das Axiom gilt: Alle technischen Möglichkeiten werden verwirklicht. Europäer wie der Schwede Nick Bostrom versuchen, in dieser Zukunft ohne Menschen den Menschen durch abstrakte Wertsysteme zu ersetzen. Aber die Franzosen entwerfen noch klassische philosophische Systeme. Zwei herausragende Beispiele sind die radikalplatonistische Theorie von Alain Badiou und der soziologische Ansatz von Bruno Latour. Badious Obsession ist die Möglichkeit von Ontologie. Er sieht die Mengenlehre als diejenige Disziplin, die das Reden über die Welt und ihre Bestandteile ermöglicht und begrenzt. Badious Überlegungen setzen allerdings mathematische Kenntnisse voraus, über die der normale philosophisch Interessierte und der Feuilletonleser nicht verfügen können.

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„Wer denkt, dass wir im Notfall einfach den Stecker ziehen können, der irrt sich“

Bild: heise.de
Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und Superintelligenz schreitet in rasendem Tempo voran. Da die technologische Entwicklung aus sich heraus keine ethischen Maßstäbe liefert, um diese zu beurteilen und gegebenenfalls konterkarieren zu können, wurde die „Stiftung für effektiven Altruismus“ gegründet. Telepolis hat dazu Adrino Mannino befragt.

Von Reinhard Jellen|TELEPOLIS

Herr Mannino, was ist die Stiftung für effektiven Altruismus?

Adriano Mannino: Die Stiftung für effektiven Altruismus ist eine Denkfabrik und Projektschmiede im Schnittbereich von Ethik und Wissenschaft. Der Effektive Altruismus ist unser Leitkonzept: Es handelt sich dabei um eine Philosophie und wachsende internationale Bewegung mit dem Ziel, diejenigen Maßnahmen zu finden – und durch hohe Zeit- und Geldspenden zu unterstützen – die nachweislich den meisten Menschen (beziehungsweise leidensfähigen Wesen insgesamt) nachhaltig helfen. Unsere Ressourcen sind immer limitiert, weshalb es gerade im Bereich der angewandten Ethik zentral ist, zu fragen: Wie können wir mit diesen Ressourcen am meisten bewirken?

„Leid wird nicht dadurch weniger schlimm, dass es sich in der Ferne ereignet“

Können Sie philosophische Argumente für dieses altruistische Engagement anführen?

Adriano Mannino: Nach wie vor sterben beispielsweise jeden Tag 20.000 Kinder an den Folgen der extremen Armut. Man stelle sich vor, diese ethische Katastrophe würde sich in unserer eigenen Stadt ereignen – auf dem Weg zur Arbeit sind wir täglich mit dem Massensterben konfrontiert. Würden wir dann nicht unter anderem die folgenden beiden Dinge tun:

Erstens versuchen, möglichst viel Geld zu spenden, und zweitens uns überlegen, wie wir unsere Berufskarriere insgesamt auf eine effektive Leidminderung ausrichten können.

Das wirft sofort die Frage auf: Sollten wir das – logisch konsequent – nicht auch dann tun, wenn sich das Leid in der Nachbarstadt zuträgt? Im Nachbarland? Auf dem Nachbarkontinent? Weshalb sollte die räumliche Distanz einen Unterschied machen?

Leid wird nicht dadurch weniger schlimm, dass es sich in der Ferne ereignet. Und es wurde in Studien nachgewiesen, dass wir das Leiden und Sterben in der Ferne kausal nachhaltig beeinflussen können, das heißt, dass wir nolens volens über Leben und Tod entscheiden, wenn wir Geld beziehungsweise Zeit ausgeben. Durch die Verteilung von Malaria-Bettnetzen etwa kann ein Menschenleben für schätzungsweise 3000 Dollar gerettet werden.

Angesichts der Globalisierung und Technologisierung werden die ethischen Stakes unserer Handlungen zudem immer höher. Die EA-Stiftung interessiert sich deshalb auch besonders für die Herausforderungen, vor die uns zukunftsträchtige Technologien stellen.

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Islamische Theologie wird erstmals evaluiert

Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für islamische Theologie der Universität Osnabrück. ( picture alliance / dpa / Friso Gentsch/dpa)
Wenn in diesen Tagen jemand vom Islam spricht, fällt im gleichen Satz oft der Begriff Terror. Besonders zu spüren bekommen das Studierende und Professoren der Islamischen Theologie – eines der jüngsten Fächer in der deutschen Hochschullandschaft. Jetzt kommt es zum ersten Mal auf den Prüfstand.

Von Burkhard Schäfers|Deutschlandfunk

„Ein Meilenstein für die Integration“, jubelte die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan, als sie vor vier Jahren den Startschuss gab für die Islamische Theologie an deutschen Universitäten. Und: „Religion braucht Aufklärung.“ Inzwischen ist der Jubel verebbt, heute klingt das leiser und differenzierter. Harry Harun Behr, Professor für Religionspädagogik an der Universität Frankfurt, berichtet von etlichen Herausforderungen.

„Sie bringen die Islamische Theologie, wie sie gerade entsteht, ein klein wenig ins Schleudern, weil jetzt so ein riesen Haufen an Fragen und vor allem krisenhaften Wahrnehmungen an die Islamische Theologie herangetragen werden. Aber man wird in die großen Schuhe, in die man sich hineingestellt fühlt, dann schon hineinwachsen.“

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Bilder der Wissenschaft und Bund der Steuerzahler

Stößt dem Steuerzahlerbund bitter auf: Eine Passage aus dem Wissenschaftscomic „Klar soweit?“. – Foto: Helmholtz-Gemeinschaft / Veronika Mischitz / CC-BY-ND 4.0
Eine Berliner Ausstellung und ein Symposium präsentieren Comics, die Wissenschaft unterhaltsam vermitteln. Einem Verein ist das suspekt, er wittert Geldverschwendung.

Von Lars von Törne|DER TAGESSPIEGEL

Diese Möhren schmecken dem „Bund der Steuerzahler“ gar nicht gut: „Mit dem ihr anvertrauten Steuergeld sollte die Helmholtz-Gemeinschaft sorgfältiger umgehen und nicht Comics über Mohrrüben mit minimaler Reichweite finanzieren“, rügt die Organisation in ihrem aktuellen „Schwarzbuch 2015“. Was den Verein, der sich gegen die Verschwendung öffentlicher Gelder engagiert, so aufregt? Ein Projekt der Helmholtz-Gemeinschaft, das im Februar 2014 begann: In einem monatlichen Comic der Zeichnerin Veronika Mischitz werden wissenschaftliche Themen auf leicht zugängliche, spielerische Weise vermittelt, jeden Monat gibt es einen neuen Strip, 865 Euro kostet das im Monat laut Steuerzahlerbund.

Zu teuer? Nach Ansicht des Vereins auf jeden Fall – was mit einer Episode begründet wird, die im April unter dem Titel „Verbitterte Möhren“ veröffentlicht wurde. Darin wollte die Zeichnerin „neueste Erkenntnissen von Lebensmittelchemikern an der TU München“ zur Freisetzung von Bitterstoffen vermitteln. Das stieß den selbst ernannten Kostenwächtern bitter auf – auch weil sie vermuten, dass der Comic nur wenig Verbreitung erfährt. So sei er „in den gängigen Netzwerken Facebook und Twitter bisher weniger als 100 Mal“ weiterempfohlen worden.

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Gender-Ideologie: Vorbotin der Diktatur?

Bild: tillnikolausvonheiseler.wordpress.com
Totalitätsforschung: Stellt Gender Main Streaming tatsächlich einen Angriff auf die Demokratie dar?

Von Till Nikolaus von Heiseler|der Freitag

Was ist Demokratie? Die Systemtheorie des deutschen Soziologen Niklas Luhmann unterscheidet zwischen traditionellen Gesellschaften, also Adelsgesellschaften, in denen in der Regel Religion eine bedeutende Rolle spielt (stratifizierten Gesellschaften) und der modernen Demokratie (ausdifferenzierter Gesellschaft).

In den traditionellen Gesellschaften verkörpert die Spitze das Ganze und Moral, Recht, Wissenschaft, Kunst, Politik, Wirtschaft und Religion bilden eine Einheit. Es existiert keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Moral und Recht. Beide sind in der religiösen Tradition begründet. Klassischerweise wird auch Herrschaft religiös begründet. Die Kunst steht ebenfalls im Dienste der Religion. Die Wissenschaft beschränkt sich auf Medizin und Technik. Ehe und Familie unterstehen der Tradition.

Die modere Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass einzelne weitgehend autonome gesellschaftliche Funktionssysteme entstanden sind; wie beispielsweise das Rechtssystem, die Kunst, die Politik, das Wirtschaftssystem, die Wissenschaft. Das moderne Rechtssystem kann nur deshalb weiterbestehen, weil es sich von moralischer Kommunikation unterscheidet. In ihm soll weder politische Macht noch Geld eine Rolle spielen.

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Vatikan-Astrologe äußert sich zu Leben auf neuem Planeten

Chefastronom Funes zu neu entdecktem Planeten Kepler 452b: Erst feststellen, ob dort Leben möglich ist, dann kann sich Theologie dazu äußern – kein Widerspruch zwischen Glaube und Wissenschaft


kathweb

Erde_CousinNach Einschätzung des vatikanischen Chefastronomen kann es noch Jahre dauern, bis zuverlässige Aussagen über mögliches Leben auf dem neu entdeckten Planeten Kepler 452b möglich sind. Die Wissenschaftler müssten erst prüfen, ob der Planet denselben Aufbau und dieselbe Dichte wie die Erde aufweise, sagte Jose Gabriel Funes am Samstag dem Sender „Radio Vatikan“. „Vielleicht brauchen wir noch zehn Jahre, um festzustellen, wie die Atmosphäre dort aussieht. Und erst danach können wir auch abwägen, ob Leben auf jenem Planeten überhaupt möglich ist?, so der Leiter der vatikanischen Sternwarte und argentinische Jesuitenpater. Erst dann könne sich die Theologie dazu äußern.

Die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA hatte jüngst die Entdeckung des erdähnlichen Planeten Kepler 452b in 1.400 Lichtjahren Entfernung bekanntgeben. Diese Entdeckung gilt als Sensation und beflügelte Spekulationen über außerirdisches Leben.

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Bis zu 41 Prozent aller Arzneimittel weltweit sind Fälschungen

Tabletten können Leben retten – aber nur wenn sie nicht gefälscht sind © thinkstock
Forscher schlagen Alarm: Bis zu 41 Prozent aller Medikamente weltweit sind inzwischen Fälschungen. Sie enthalten entweder zu wenig oder sogar gar keine wirksamen Bestandteile. Das belegen Analysen von 17.000 Proben gängiger Arzneimittel – vom einfachen Antibiotikum bis zum teuren Krebsmedikament. Nach Schätzungen der Forscher sterben durch solche Fälschungen jedes Jahr bis zu eine Million Menschen.


scinexx

Das Problem gefälschter Medikamente ist schon länger bekannt: Vor allem in Ländern der Dritten Welt, aber auch in und von Schwellenländern werden häufig Arzneimittel verkauft, die nicht das enthalten, was auf der Packung steht. In Zeiten des Internets ist aber auch bei uns beim Kauf von Mitteln aus dem Ausland Vorsicht geboten. Denn nimmt man ein Mittel ein, dass die falschen oder zu wenig Wirkstoffe enthält, kann dies im schlimmsten Fall sogar tödlich sein.

Weltweite Bestandsaufnahme

Wie viele gefälschte Medikamente aber weltweit im Umlauf sind, ist unbekannt. „Keiner hat eine Ahnung, wie groß das Problem wirklich ist“, sagt Tim Mackey von der University of California in San Diego. „Es gibt zwar Schätzungen, aber es schwer, akkurate Statistiken über kriminelle Machenschaften dieses Ausmaßes zu erhalten.“ Die Globalisierung macht es zudem immer schwieriger, den Arzneimittelhandel lückenlos zu überwachen.

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Auf der Suche nach letzten Antworten

Rolf Heilmann Auch Physiker kochen nur mit Wasser  Verlag: Herbig, München 2015 ISBN: 9783776627572 20,00 €
Rolf Heilmann
Auch Physiker kochen nur mit Wasser
Verlag: Herbig, München 2015
ISBN: 9783776627572
20,00 €
„Wo die Wissenschaft an ihre Grenzen gerät“ – der Untertitel trifft den Inhalt des Buchs sehr gut. Autor Bernd Heilmann verficht darin den Standpunkt, die Physik sei nicht der Weisheit letzter Schluss. Was in seinem Fall einiges Gewicht hat, denn Heilmann ist selbst Physiker, entwickelte Lasersysteme für Satelliten am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und lehrt heute Physik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München.


Von Frank Schubert|Spektrum.de

Auf die Frage, warum Gegenstände nach unten fallen, würden die meisten physikalisch korrekt mit der Gravitationskraft antworten, führt Heilmann beispielhaft an. Doch schon bei der simplen Nachfrage, warum es die Schwerkraft denn gebe, müsse auch ein gestandener Physiker die Segel streichen. Im Prinzip, schreibt der Autor, können alle Warum-Frageketten von Naturwissenschaftlern nicht abschließend beantwortet werden. Schon nach zwei- oder dreimaligem Nachhaken stießen wir an die Grenzen des Verstehbaren.

Gleichgültig gegenüber dem Unfassbaren

Eine Gewissheit über die ersten beziehungsweise letzten Ursachen könne die Naturwissenschaft nicht geben, betont der Physiker. Uns bleibe, über die Welt zu staunen, doch das hätten wir weitgehend verlernt. So nähmen wir ziemlich unbekümmert hin, dass wir auf einer riesigen rotierenden Kugel leben, die durchs leere All rast. Eigentlich sei das ungeheuerlich, doch man habe uns beigebracht, nicht weiter darüber nachzudenken.

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Religion als Wissenschaft – Bullshistic

Darum geht es in allen Religionen. Bild: AAA
Darum geht es in allen Religionen. Bild: AAA
Die Frage, ob Theologie eine Wissenschaft sei, verneinte der Theologe Heinz-Werner Kubitza und löste damit eine Diskussion aus. Nun antwortet ihm Stefan Förner vom Erzbistum Berlin.


Von Stefan Förner|DER TAGESSPIEGEL

In der Karwoche habe ich mich wieder daran erinnert, wie mein Onkel – milde mit dem Kopf schüttelnd – von seinem Theologie-Studium erzählte und dem mehr oder weniger verzweifelten Versuch eines Professors, einen Widerspruch in den Passions-Erzählungen aufzulösen. Denn während im Markus-Evangelium der Hahn zweimal kräht, nachdem Petrus Jesus verleugnet hat, kräht er bei Matthäus, Lukas und Johannes nur einmal. Die Antwort damals – die aber schon meinen Onkel nicht überzeugte: der eine konnte von seinem Platz aus offenbar besser hören als die anderen. Das ist natürlich Unsinn und hat mit Wissenschaft nichts zu tun.

Theologie weist auf den Widerspruch hin, ohne ihn letztlich klären zu können

Knapp 50 Jahre später habe ich es in meinem Theologie-Studium so gelernt:
Die Erzählungen von Jesus wurden zunächst mündlich weiter getragen, dabei konnten unterschiedliche Details unterschiedlich ausgeschmückt werden. Die Geschichte(n) von Jesus wurden erst nach Ostern erzählt, sie sind alle aus der Perspektive des leeren Grabes, aus dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi formuliert. Welchen Grund hätte es auch gegeben, das peinliche Verhör, die grausame Folter und die schmähliche Hinrichtung eines unbedeutenden Wanderpredigers aus der letzten Ecke des römischen Reiches weiterzuerzählen und aufzuschreiben, wenn man nicht davon überzeugt wäre: dieser Jesus von Nazareth ist tatsächlich auferstanden!? Und schließlich ist eine weitere Aussage wichtig: die ersten Jünger waren keine Helden, jedenfalls nicht von Anfang an. Auch sie hatten Angst, versuchten ihre Haut zu retten, während ihr Rabbi gekreuzigt wurde. Theologie, so wie ich sie verstehe, wird also auf den Widerspruch hinweisen, ohne ihn letztlich klären zu können.

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Die Torah und die Wissenschaft

Wissenschaft und Torah teilen die Auffassung, dass der menschliche Geist diese Ordnung auch rational wahrnehmen kann. (dpa / picture alliance / Daniel Bockwoldt)
Torah und Wissenschaft, Glaube und Wissen, das passe nicht zusammen – so meinen all jene, die von Judentum und Torah nicht viel verstehen. Denn tatsächlich haben beide Dinge gewisse Gemeinsamkeiten und Schnittmengen.


Von Yael Kornblum|Deutschlandradio Kultur

Es gab und gibt immer wieder Versuche, den Wahrheitsgehalt der Torah wissenschaftlich zu belegen. Doch hier soll es nicht um den Beleg des Urknalls oder der Evolution in der Torah gehen, sondern um die allgemeine Fragstellung: Was haben die Torah als religiöse und daher a priori irrationale Schrift und die Wissenschaft, per Definition rational, miteinander gemeinsam? Zwischen ihnen beiden existieren drei Parallelen.

Zunächst: Der Glaube an die Gesetzmäßigkeit der Natur. Wenn es keine Ordnung, keine Kausalität gibt, ist der menschliche Geist wie blockiert. Naturereignisse scheinen dann das Resultat eines Gottes auf Rachefeldzug gegen eine rivalisierende Gottheit. Chaos ist dann die Konsequenz völliger Willkür. Außerdem ist die individuelle Eigenverantwortung dann hinfällig, weil göttlicher Eigenwilligkeiten ausgesetzt. Die moderne Naturwissenschaft konnte nur deshalb entstehen, weil es Menschen gab, die intuitiv an die Gesetzmäßigkeit der Natur glaubten. Dieses intuitive Wissen manifestiert sich übrigens erstmalig in der Torah auf der Suche nach Gott: Abraham beobachtet das Himmelsgestirn und vermutet einen tieferen Sinn, eine Kausalität dahinter. „Die Tage der Erde soll immer währen. Säen und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht sollen nie enden.“ (Genesis 8,22). Der Glaube an und das Wissen um die Gesetzmäßigkeit der Natur – die erste große Gemeinsamkeit.

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Moral als Handlungsmaßstab gefährlich

Der erhobene Zeigefinger – schlecht für die Kommunikation zwischen Konfliktparteien (dpa / Tim Brakemeier)
Auf die Moral zu pochen, verbaue Kompromisse zwischen Konfliktparteien, legt Thilo Hagendorff in „Sozialkritik und soziale Steuerung“ dar. Der Soziologe empfiehlt stattdessen, sich konkrete Handlungsstrategien zu überlegen, um tatsächlich etwas zu verändern.


Von Florian Felix Weyh|Deutschlandradio Kultur

Es findet sich kaum ein Satz bei Adorno, welcher nicht eindeutig moralisch codiert wäre da werden selbst die Pantoffeln, in welche man schlupfen kann, zum Denkmal des Hasses gegen das sich Bücken oder der Fund eines Dinosaurierskeletts zur Kollektivprojektion des totalitären Staates.“

Starke Worte eines jungen Rebellen. Starke Worte? Ja. Aber rebellisch ist der junge Mann irgendwie nicht so richtig:

O-Ton: „Ich meine, dass man nicht davon ausgehen kann, man könne Gesellschaften oder große Systeme im Ganzen irgendwie revolutionieren und diese komplett auf andere Füße stellen.“

Das aber meinten die Altvorderen durchaus noch. Die Soziologie und die in der Philosophie angesiedelte Frankfurter Schule fungierten nachgerade als universitäre Heimathäfen für Veränderungswünsche aller Couleur. An den Lehrstühlen und in den Seminaren wurde Gesellschafts- und Sozialkritik vorgedacht, die dann irgendwie und von irgendjemandem im politischen Raum verwirklicht werden sollte. Als das nach den rauschhaften Revoluzzer-Jahren von 1968 nicht mehr so recht klappte, schlugen die beteiligten Akademiker nach Beobachtung des Tübinger Nachwuchssoziologen Thilo Hagendorff eine ziemlich bequeme Richtung ein, die der Selbstreferenzialität nämlich.

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Öffentliche Religion – religiöse Öffentlichkeit

Bild: KAS
Selten wird Religion in öffentlichen Räumen jenseits von Kirchenmauern und Äußerungen ihrer Repräsentanten so sichtbar wie in Kunst und Kultur. Dabei erkennen sie in ihrer Sensibilität für Brüche, Verborgenes und Unausgesprochnes oft Veränderungen in der Gesellschaft, bevor sich diese öffentliche manifestieren. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Auseinandersetzungen von Politik und Wissenschaft mit Religion. Stellungnahmen zu diesen Befunden finden Sie im vorliegenden Band.


Von Karlies Abmeier, Michael Borchard|Konrad-Adenauer-Stiftung

Öffentliche Religion(pdf)

Bedford-Strohm regt Gesellschaftsvertrag über Tierhaltung an

Bild: Wikimedia Commons/alfa88papa (CC-BY-SA 3.0)
Bild: Wikimedia Commons/alfa88papa (CC-BY-SA 3.0)
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sieht die Notwendigkeit, die Bedüfnisse von Landwirten auf der einen Seite und den Marktdruck des Handels auf der anderen neu in Einklang zu bringen.


evangelisch.de

In der kontroversen Debatte über landwirtschaftliche Tierhaltung schlägt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, einen Gesellschaftsvertrag vor. Eine derartige Vereinbarung über die Zukunft der Nutztierhaltung könnte Landwirtschaft, Politik, Handel „und uns alle als Verbraucher“ auf ethisch begründete Leitlinien verpflichten, schreibt Bedford-Strohm in einem Beitrag für das Magazin „top agrar“ (Januar-Ausgabe). Spannungen, die zwischen Arbeitsbelastung und Existenzsicherung der Landwirte auf der einen Seite sowie dem Marktdruck des Handels und den ethischen Erwartungen der Gesellschaft andererseits bestünden, müssten neu in Einklang gebracht werden.

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Konkurrenz und Wettbewerb als Evolution destruierende Mechanismen

Bild: youtube
Evolution aus systemtheoretischer Perspektive
Dass der „Geist des Kapitalismus“ (Max Weber) kurioser Weise sowohl die Ökonomie als auch, wie es scheint, die Natur durchdringt, bleibt selten unbemerkt. Kapitalismus gibt sich derart den Anschein einer gleichsam natürlichen Wirtschaftsordnung. Denn wenn festgestellt werden kann, „dass die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert“ (Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein Volhard), lässt sich in Umkehrung auch schlussfolgern, dass der Kapitalismus auf gewissermaßen natürliche Weise funktioniert.

Von Jörg RäwelTELEPOLIS

Ideengeschichtlich war es so, dass Darwin zunächst auf soziale Verhältnisse bezogene Theorien, insbesondere die Vorstellungen Thomas Robert Malthus‘, auf „natürliche“ Gegebenheiten, biotische Verhältnisse übertrug:

Darwin überträgt den malthusischen struggle for existence auf die Natur. So steht die ökonomische Analyse des Manchester-Kapitalismus gewissermaßen Modell für die Theorie biologischer Evolution – vom Konkurrenzkampf, jeder gegen jeden, über die Selektionsmechanismen des Marktes bis zur Entstehung neuer Nischen oder Produkte. Lebewesen werden zu Objekten der Evolution, die eine unbestechliche Warenkontrolle einem Bio-Ranking unterwirft. Der heutige Sozialdarwinismus macht im Grunde nichts anderes, als die frühkapitalistische Wirtschaftsideologie über eine wissenschaftliche Theorie wieder auf die Gesellschaft zurückzuspiegeln – und ihr damit scheinbar zu einem naturgesetzlichen Fundament zu verhelfen.

J. Neffe: Danke Darwin!

In sich so gegenseitig bestätigender Perspektive wird Konkurrenz (struggle for existence) zu einem wirkmächtigen Prinzip, das grundlegend für das Verständnis sowohl von natürlich-biologischen wie sozial-wirtschaftlichen Verhältnissen relevant sein soll.

Evolution aus systemtheoretischer Perspektive

Allerdings bestätigt sich in in einer systemtheoretischen Konzeption der Evolutionstheorie[1] die sich aus der Ideengeschichte geradezu aufdrängende Skepsis; nämlich, dass in der Perspektive der konventionellen, offenkundig sozialdarwinistisch gewendeten Evolutionsbiologie ein Anthropomorphismus zur Geltung kommt, Gegebenheiten sozialer Konstruktion unangebracht auf „natürliche“, biotische Verhältnisse übertragen werden.

Aus der Sicht der Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann sind es autopoietische Systeme (spezifisch: Populationen und Arten), die evolvieren. Autopoietische Systeme erhalten sich als Einheiten in ihren Grenzen durch das Netzwerk eben jener Operationen, die gerade diese Operationen selbst erst ermöglichen.[2] Mit Blick auf Populationen und Arten ist dies die Operation der (geschlechtlichen) Reproduktion. Reproduktion ermöglicht (weitere) Reproduktion, grenzt mit dieser Operation Arten und Populationen von ihren Umwelten ab bzw. erhält sie selbstreproduktiv als eben autopoietische Einheiten. Fundamentale Operation lebender Systeme wie Populationen und Arten ist demnach – sich selbst reproduzierende – Reproduktion.

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Hässlich-schöne Natur: Bibel des Grauens

Caspar Henderson: Wahre Monster Ein unglaubliches Bestiarium Matthes & Seitz; 349 Seiten; 38,00 Euro
Caspar Henderson:
Wahre Monster
Ein unglaubliches Bestiarium
Matthes & Seitz;
349 Seiten; 38,00 Euro
Spinnen, Reptilien und auch Viren sind Wunderwerke der Natur. Caspar Henderson widmet ihnen einen prächtig illustrierten Band: „Wahre Monster“, die aussehen wie mittelalterliche Dämonenfratzen.

Von Hilmar SchmundtSpON

An einem sonnigen Sommernachmittag saß der britische Journalist Caspar Henderson mit seiner Frau in einem Park. Er las das Buch „Einhorn, Sphinx und Salamander“ des argentinischen Autors Jorge Luis Borges. Darüber schlief er ein und träumte: So ein Buch will ich auch schreiben!

Vier Jahren ist das her, nun erscheint sein Werk auf Deutsch – und tatsächlich: Es ist gelungen. Auch wenn er fast das Gegenteil seines Vorbildes gemacht hat. Während Borges in seinem „Buch der imaginären Wesen“ 1957 Ausgeburten der Fantasie besingt, darunter doppelköpfige Schlangen, Engel und Dämonen, beschränkt sich Henderson strikt auf Fakten. In alphabetischer Reihenfolge schreibt er über Tiere wie Axolotl, Yetikrabbe oder Zebrabärbling. Doch die Fakten muten oft fantastischer an als jede Fiktion. „Wahre Monster“ ist ein Kompendium des Staunens, eine literarische Wunderkammer der Biologie.

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