Steven Pinker: „Aufklärung jetzt“

Das Buch des Harvard-Professors ist ein erholsamer Gegenentwurf zu Wissenschaftsfeindlichkeit und Verschwörungstheorien, die sich in Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren breitgemacht haben. (Buchcover: S.Fischer Verlag / Hintergrund: dpa/Bifab)
Er ist einer der Popstars im internationalen Wissenschaftsbetrieb: Steven Pinker. Der Psychologieprofessor an der Universität Harvard schreibt Bestseller-Bücher und regelmäßig Beiträge für die „New York Times“ oder den „Guardian“. In seinem neuesten Werk singt er ein Loblied auf die Aufklärung.

Von Benjamin Dierks | Deutschlandfunk

Der wohl größte Fan von Steven Pinkers Buch „Aufklärung jetzt“ ist Bill Gates. Gleich nach Erscheinen erklärte der Microsoft-Gründer es zu seinem „absoluten Lieblingsbuch aller Zeiten“. Gates setzt sich mit seiner Stiftung gegen Hunger, Armut und Krankheit ein. Da wird ihm gefallen, dass mit Pinker mal jemand kommt und die Erfolge feiert, die auf diesem Gebiet erzielt wurden. Auf der anderen Seite hat Gates sein Leben lang Computer gebaut und ist es gewohnt, die Welt in Nullen und Einsen einzuteilen. Da liegt es nahe, dass ihm Pinkers Mission gefällt, denn der setzt auch auf Zahlen, um die Welt zu erklären. Mit ihrer Hilfe will der Harvard-Psychologieprofessor aufzeigen, dass es uns heute allen Klagen zum Trotz so gut geht wie noch nie und in Zukunft voraussichtlich sogar noch besser gehen wird.

„Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ – der Untertitel klingt nach einem Manifest. Pinker will in seiner 600 Seiten langen Abhandlung nachweisen, dass Aufklärung und Wissenschaft, die Naturwissenschaft vor allem, den Menschen mehr Wohltaten bereitet haben, als es viele heute wahrhaben wollen.

„Ich bin auf Datensätze gestoßen, die belegten, dass es den Menschen immer besser geht. Die schien niemand zu kennen, weil nicht über sie berichtet wurde. Ich wollte sie abbilden und erklären.“

Pinker hat in der Tat sehr viele ermunternde Daten zusammengetragen. In 15 Kapiteln von Gesundheit über Wohlstand, Sicherheit und Demokratie bis hin zu Lebensqualität und Glück zählt er penibel auf, was sich für den Menschen verbessert hat: Die Lebenserwartung liegt heute im weltweiten Durchschnitt bei 71 Jahren – im Vergleich zu 30 Jahren im 18. Jahrhundert. Die Arbeitszeit ist gesunken, die Zahl der Demokratien gestiegen, Krankheiten, die vor nicht langer Zeit noch Millionen Todesopfer forderten, sind mit Medikamenten und Impfstoffen eingedämmt oder ausgerottet worden.

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„Die Religionspolitik in Deutschland ist konzeptlos“

Neuer Übersichtsband „Religionspolitik heute“ vereint erstmals religionspolitische Positionen aus Wissenschaft, Politik, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften – Beiträge zu religionspolitischen Grundsatzfragen, aktuellen Konflikten und Lösungsmöglichkeiten – „Moscheebau, Kopftuch, Kruzifix, Arbeitsrecht, Antisemitismus: Wir sollten nicht mehr unvorbereitet in Konflikte stolpern“ – „Bevölkerung nicht auf religiöse Vielfalt vorbereitet – Mehr offene Gesprächsformate wie Deutsche Islam Konferenz Ende November“
Viola van Melis Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werfen der Politik in Deutschland „Konzeptlosigkeit“ im Umgang mit religionspolitischen Konflikten vor. „Ob Moscheebau, Kopftuch oder Kruzifix, kirchliches Arbeitsrecht, Schächten oder Beschneidung: Die Politik reagiert vielerorts konzeptlos, wenn es Streit um die Rechte, Symbole und Praktiken von Religionsgemeinschaften gibt – ohne erkennbare politische Ideen, wie sich religiöse Interessen konstruktiv aushandeln lassen“, kritisieren die Herausgeber des neuen Übersichtsbandes „Religionspolitik heute. Problemfelder und Perspektiven in Deutschland“, der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems und die Publizistin Viola van Melis vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU und der Historiker Dr. Daniel Gerster vom Centrum für Religion und Moderne. „Im Konfliktfall werden immer wieder Gerichte angerufen. Damit wurden zwar viele Einzelfälle entschieden, aber es wurden nicht dahinterliegende Grundkonflikte behandelt.“

Das im Herder Verlag erschienene Buch vereint erstmals in dieser Form religionspolitische Positionen und Analysen aus Wissenschaft, Politik, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und bietet Überblickswissen zum lange vernachlässigten Politikfeld Religionspolitik. „Damit wollen wir Debatten anregen und helfen, weniger unvorbereitet in religionspolitische Konflikte zu stolpern.“ Offene Gesprächsformate zu konkreten Fragen des Miteinanders wie die neu konzipierte Islam Konferenz Ende November in Berlin seien richtig, dürften sich aber nicht auf die Bundesebene und wenige Termine im Jahr beschränken. „Schließlich müssen wir längst Anhänger religiöser Minderheiten wie Juden und Muslime in vielen Städten auch vor Gewalt schützen.“

Die 32 Buchbeiträge beleuchten aktuelle religionspolitische Konflikte und Lösungsmöglichkeiten sowie Grundsatzfragen aus historischer, systematischer, normativer und internationaler Sicht. Es geht um Konfliktthemen wie Moscheebau, Burka, Blasphemie und Beschneidung ebenso wie um Religionsfreiheit, Körperschaftsstatus und Religionsfragen im Arbeits-, Sozial- und Medienrecht. Die religionspolitischen Positionen der deutschen Parteien sind ebenso nachzulesen wie Positionen im Ausland. „Die Vorstellungen, wie Religionspolitik in Zukunft aussehen soll, liegen teils so weit auseinander, dass Deutschland ohne breite Diskussionen nicht auskommen wird“, so die Herausgeber. Das zeige im Buch die Bandbreite an Einschätzungen aus verschiedenen Fächern sowie an kontroversen Interessenbekundungen aus Parteien und Religionsgemeinschaften. Schon jetzt werde der Ruf nach Reformen lauter: „Lobbyisten muslimischer Gruppen fordern erheblich selbstbewusster als vor wenigen Jahren Zugang zu denselben Ressourcen wie die christlichen Kirchen. Zugleich lehnt eine religionskritische Öffentlichkeit vernehmlich religiöse Praktiken wie das Kopftuchtragen oder die Beschneidung ab.“ Umfragen zeigten, dass sich die Bevölkerung bis heute nicht „an den Wandel von einer christlich homogenen zur religiös heterogenen Gesellschaft“ gewöhnt habe. Entscheidend seien entemotionalisierte Debatten. Als Vorbild nennen die Herausgeber Kanadas Provinz Québec, die mit den Philosophen Charles Taylor und Gérard Bouchard einen landesweiten Diskurs zur Religionspolitik in Gang setzte.

Befunde aus dem Überblicksband „Religionspolitik heute“

Benachteiligungen in der Religionspolitik: Das Spektrum an Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ist heute so breit wie nie zuvor in der deutschen Geschichte. Vor diesem Hintergrund wachsen seit Jahren religionspolitische Herausforderungen und Polarisierungen, wie die Herausgeber in den ersten beiden Buchbeiträgen skizzieren. Sie liefern Überblickswissen über Grundzüge und aktuelle Ausrichtungen der deutschen Religionspolitik sowie zur Entwicklung der religiösen Landschaft in den vergangenen Jahrzehnten. In deutschen Metropolen seien vor allem durch Migration teils mehr als 200 Religionsgemeinschaften anzutreffen. „Eine weitgehend homogen christlich-kirchlich geprägte Religionslandschaft, wie sie die 1950er-Jahre prägte, ist längst passé.“ Die Herausgeber kritisieren eine Bevorzugung der christlichen Kirchen. Die rund vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime und die wachsende Gruppe der Konfessionslosen würden angesichts einer „religiös-christlich-großkirchlichen Schlagseite“ benachteiligt, so Politikwissenschaftler Ulrich Willems. „Eine Integration des Islams in die religionspolitische Ordnung der Bundesrepublik findet vor allem als Fundamentalismus-Prävention statt: beim islamischen Religionsunterricht und der islamischen Theologie an Universitäten.“ Während der Staat hier Kreativität zeige, fehle in anderen Fällen das Entgegenkommen, etwa bei der Verleihung des Körperschaftsstatus an islamische Gruppen.

Parteien und Polarisierungen: Politikwissenschaftler Ulrich Willems kritisiert in seinem Beitrag auch religionspolitische Versäumnisse der Parteien: „Schaut man in aktuelle Wahl- und Parteiprogramme, dann findet sich bei der SPD ein freundliches Desinteresse an religionspolitischen Veränderungen und bei der Union ein beherztes Weiter so.“ Eine solche zögerliche Religionspolitik habe bei gleichzeitiger Privilegierung des Christentums zur verschärften Unterscheidung zwischen einem „christlichen Europa“ und Muslimen geführt. „Islamskepsis und die Anti-Islam-Politik der AfD sind auch die Geister dieser vernachlässigten Religionspolitik.“ Die Politik müsse handeln, bevor das religionspolitische Klima durch jüngste Verschärfungen nicht zu vergiftet für nachhaltige Debatten sei. – Der evangelische Theologe und Sozialethiker Arnulf von Scheliha analysiert die aktuellen religionspolitischen Positionierungen der Parteien, etwa im Bundestagswahlkampf 2017. Er findet darin viel „ideenpolitisch motivierte Geschichtsdeutung“, einhellige Bekenntnisse zur Religionsfreiheit sowie sehr unterschiedliche Auffassungen zum Islam. Er resümiert, dass „in der Religionspolitik durchaus eine gewisse Bewegung herrscht, aber immense Beschleunigungen nicht zu erwarten sind“.

Internationaler Vergleich: Der Philosoph Hermann Lübbe vergleicht in seinem Beitrag die deutsche mit der Religionspolitik in den USA, die Religion im Unterschied zu Deutschland schon lange als wichtigen Faktor in der Innen- und Außenpolitik wahrnehme. Auch herrsche in den USA viel mehr Offenheit gegenüber neuen Glaubensrichtungen. Lübbe warnt im deutschen Fall davor, Zuwanderungsreligionen wie den Islam zu verpflichten, sich analog zum Staatskirchenrecht zu organisieren. Er rät davon ab, eine religionskulturelle Integration erlangen zu wollen, indem „Besonderheitsprofile“ religiöser Traditionen aufgegeben werden müssen. Wenn etwa auf ein Verbot des Kopftuchtragens auch das Verbot des Ordensschleiers folge, sei diese Verpflichtung zum Verzicht auf öffentliche Bekundung von Besonderheit „schadensträchtig“ – sowohl für die alten wie für die zugewanderten (Religions-)Kulturen.

Religionsentwicklung seit den 1950ern: Die Herausgeber von „Religionspolitik heute“ zeigen, wie stark sich die religionspolitische Landschaft verändert hat: Während 1950 44,3 Prozent der westdeutschen Bevölkerung katholisch und 51,5 Prozent evangelisch waren, waren es 2010 nur noch 36,5 beziehungsweise 31,9 Prozent. Die Zahl der Konfessionslosen hat sich dagegen durch stetige Entkirchlichung massiv erhöht, sie liegt heute bei einem Drittel der Bevölkerung. Weitere 5 bis 7 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören schließlich anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an, darunter sind Anhänger des Islams, des Judentums, von Buddhismus und Hinduismus ebenso wie Vertreter esoterischer und neureligiöser Gruppierungen. Die größte Gruppe unter den religiösen Minderheiten stellen die rund vier Millionen Musliminnen und Muslime dar, die zurzeit in Deutschland leben. – Vor diesem Hintergrund umreißt Zeithistoriker Thomas Großbölting in seinem Beitrag die Entstehung und Entwicklung des religionspolitischen Regimes in der jungen Bundesrepublik. Er zeigt, wie die religionsrechtlichen Regelungen der Weimarer Reichsverfassung ins Grundgesetz gelangten, und bettet dies in die politische Kultur und Mentalität der 1940er- und 1950er-Jahre ein.

Religionsfreiheit unter Druck: Die katholische Theologin und Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins stellt in ihrem Beitrag das Recht auf Religions-, Weltanschauungs- und Gewissensfreiheit als „konstitutiven Bestandteil der Freiheitsrechte jedes Menschen“ dar, das den Glauben des Einzelnen genauso schützt wie die individuelle und gemeinschaftliche Religionsausübung, die positive ebenso wie die negative Religionsfreiheit. Das Menschenrecht sei jedoch in religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaften aus zwei Richtungen gefährdet: aus dem Verdacht heraus, es diene bloßen Partikularinteressen oder Privilegien, und aufgrund des Versuches, Religionsfreiheit tatsächlich partikular für religiöse Interessen zu vereinnahmen oder politisch zu instrumentalisieren. Die Autorin appelliert an alle religionspolitischen Akteure in Staat und Gesellschaft, das Recht auf Religionsfreiheit vehement zu verteidigen.

Auch der Rechtswissenschaftler Thomas Gutmann unterstreicht, das Recht auf Religionsfreiheit dürfe „als grundlegende Dimension menschlicher Freiheitsentfaltung in einer liberalen Gesellschaft“ nicht zur Disposition gestellt werden. Zugleich, so Gutmann, sei die Religionsfreiheit eine wesentliche Errungenschaft des säkularen Staates, die dessen weltanschauliche Neutralität unbedingt voraussetze. Gutmann zeigt an Beispielen, inwiefern die Religionsfreiheit in Konkurrenz zu anderen Rechtsgütern steht, und arbeitet damit ihre Grenzen heraus. Ein „fragiles Gut“ nennt er die gleiche Glaubensfreiheit: In der Praxis sieht er Defizite in der Gleichbehandlung aller Religionen und „starke Tendenzen, die Hegemonie des organisierten Christentums zu verteidigen“.
Körperschaftsstatus: Die Verleihung des Körperschaftsstatus an Religionsgemeinschaften ist für Staatsrechtswissenschaftler Hinnerk Wißmann eine von mehreren Möglichkeiten, Religion zu organisieren. Ihre Zukunftsfestigkeit müsse sich angesichts zunehmender religiöser Pluralität aber erst beweisen. Der Automatismus von Sonderregelungen für Religionsgemeinschaften mit Körperschaftsstatus, die viel diskutierten „Privilegienbündel“, sollten auf ihren funktionalen Grund hin überprüft werden. So könnten künftig bestimmte Rechte herausgelöst und auf Antrag auch Religionsgemeinschaften ohne Körperschaftsstatus gewährt werden. Wißmann betont, „der Anspruch auf Gleichbehandlung aller Religionen ist nicht durch Gleichförmigkeit einzulösen.“ – Religionswissenschaftlerin Astrid Reuter schließt sich aus religionswissenschaftlicher Perspektive dem Urteil von Wißmann grundsätzlich an, indem sie die Debatte um den Körperschaftsstatus als einen „Scheinriesen“ bezeichnet. Der Körperschaftsstatus stehe in der Debatte symbolisch für das, was am herkömmlichen staatskirchenrechtlichen System als dringend reformbedürftig, wenn nicht abschaffungswürdig gelte.

Diskussionsfelder Wohlfahrtsstaat, Arbeitsrecht, Medienrecht: Der Politikwissenschaftler Philip Manow und der katholische Theologe und Sozialethiker Karl Gabriel untersuchen religiöse Einflüsse auf die Entstehung der europäischen Wohlfahrtsstaaten. Der protestantische Sozialethiker Hartmut Kreß und der evangelische Theologe Thorsten Moos diskutieren das kirchliche Arbeitsrecht, während der Kommunikationswissenschaftler Tim Karis und die Publizistin Viola van Melis den Umgang im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit religiöser Vielfalt untersuchen. Sie sehen in den Rundfunkräten und bei den Drittsenderechten viele religiöse Minderheiten nicht vertreten und sehen hier religionspolitischen Handlungsbedarf, der sich nach van Melis auch positiv auf die Berichterstattung über religiöse Vielfalt auswirken und so fundierten gesellschaftlichen Debatten Vorschub leisten könne.

Aktuelle Konflikte – Moscheebau, Burka, Blasphemie, Beschneidung: Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie zeichnet die politischen und sozialen Konflikte der vergangenen Jahrzehnte nach, die mit dem vermehrten Bau von Moscheen in westlichen Ländern aufflammten. Um künftig Eskalationen zu vermeiden, gelte es, den Streitfällen eine neue institutionelle und kommunikative „Form zu geben“. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Spohn beleuchtet die emotional diskutierten gesetzlichen Burka-Verbote in europäischen Demokratien und fragt, warum Burka-Verbotsinitiativen trotz umfassender Kritik aus der Wissenschaft immer wieder politische Erfolge erzielen. Sie sieht dies in einem grundsätzlichen „Unbehagen europäischer Gesellschaften an der Verschleierung des Gesichts“ begründet und stellt fest, dass die Verbote dennoch nicht zur Befriedung der Konflikte beitrügen. Mit der Blasphemie nimmt sich der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme eines Themas an, das die meisten europäischen Gesellschaften nach seiner Einschätzung überwunden geglaubt hatten. Seine gesellschaftliche Sprengkraft habe sich in den vergangenen Jahren erneut erwiesen, etwa im Streit um die ‚Mohammed-Karikaturen‘ oder um Kritik an Überzeugungen evangelikaler Christen. Çefli Ademi skizziert aus Sicht der islamischen Rechtswissenschaft die Debatte über die religiöse Jungen-Beschneidung, die das Urteil des Kölner Landgerichts 2012 auslöste. Der Beitrag kann als Plädoyer gegen eine als allgemeine Religionskritik verkleidete Islamophobie verstanden werden.

Religionspolitische Akteure: In den Buchbeiträgen von religionspolitischen Akteuren aus Politik und Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften besteht Einhelligkeit, dass das Grundrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit als hohes Gut unbedingt zu schützen sei. Jenseits dieses Einvernehmens eröffnet sich allerdings eine Bandbreite an kontroversen Meinungen und Interessenbekundungen zur aktuellen Religionspolitik in Deutschland:

a) Positionen aus der Politik: Stellung beziehen fünf Politikerinnen und Politiker, deren Parteien in der 18. Wahlperiode des Deutschen Bundestages (2013–2017), in der das Buch überwiegend entstand, Fraktionen stellten. Religionsbezogene Aussagen der Parteien FDP und AfD, die seit der Bundestagswahl vom Herbst 2017 ebenfalls mit Fraktionen ins Parlament eingezogen sind, finden in den Beiträgen des Politikwissenschaftlers Ulrich Willems und des Sozialethikers Arnulf von Scheliha Beachtung. Zu den Autorinnen und Autoren, die in diesem Band zu Wort kommen, zählen als (ehemalige) Bundestagsabgeordnete: Volker Beck (Partei Bündnis 90/Die Grünen), Christine Buchholz (Die Linke), Kerstin Griese (SPD) und Johannes Singhammer (CSU); sowie Thomas Sternberg (CDU), der bis Mai 2017 Mitglied im Landtag Nordrhein-Westfalen war.

Die Beiträge aus der Politik spiegeln im Umfang ihrer thematischen Ausdifferenzierung nach Einschätzung der Herausgeber auch den Grad wider, in dem sich die Parteien bisher systematisch mit religionspolitischen Fragen befassen: So haben Bündnis 90/Die Grünen einen mehrjährigen bundesweiten Diskussionsprozess durchlaufen und einen vom Parteitag beschlossenen Abschlussbericht vorgelegt, der zu zahlreichen religionspolitischen Feldern Stellung nimmt; auch in der Partei Die Linke, die zunächst mit laizistischen Forderungen auftrat, entwickeln sich nun Debatten mit differenzierterem Themen- und Meinungsspektrum. SPD und FDP treten derzeit in religionspolitische Überlegungen ein, die sich aber noch nicht in Reformpapieren konkretisiert haben. Die CSU stellt dagegen kein Reformbestreben heraus, sondern plädiert für den Erhalt des Status quo, den Singhammer als „austarierte Balance zwischen Kirche und Politik“ würdigt, während die CDU zwar das Religionsverfassungsrecht als bewährt herausstellt, zugleich aber, wie Sternberg es nennt, „wichtige Weiterentwicklung“ etwa beim islamischen Religionsunterricht befürwortet. – Die Lektüre der Beiträge der Politikerinnen und Politiker lässt, so die Herausgeber, erkennen: Je eher diese dafür plädieren, die Pluralität als Realität anzuerkennen, desto stärker zeigen sie religionspolitische Probleme, aber auch mögliche Lösungswege auf, sei es zum Körperschaftsstatus, zum kirchlichen Arbeitsrecht, zu den Staatsleistungen, zum Religionsunterricht oder zu den Theologien an öffentlichen Hochschulen.

b) Positionen aus Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften Die Auswahl der Autorinnen und Autoren aus Religion- und Weltanschauungsgemeinschaften folgte den Herausgebern zufolge dem Ziel, ein möglichst vielfältiges Meinungsbild zu zeigen und einen Eindruck vom Facettenreichtum des religiösen Spektrums im heutigen Deutschland zu geben. Allerdings seien Vollständigkeit und Repräsentativität auf diesem Gebiet angesichts der hohen Anzahl an Religionsgemeinschaften und ihrer jeweiligen Konfessionen und Strömungen von Anfang an unmöglich. Exemplarisch kommen im Band zu Wort: Rabbiner Achivai Apel von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, Michael C. Bauer vom Humanistischen Verband Deutschlands, Mohammad Dawood Majoka von der Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland, Antonius Hamers vom Katholischen Büro NRW, Mohammed Khallouk vom Zentralrat der Muslime in Deutschland, Armin Pikl von der Gemeinschaft Zeugen Jehovas, Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung sowie Irmgard Schwätzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. – Konkreten religionspolitischen Handlungsbedarf formulieren den Herausgebern zufolge in der Regel die Beiträge aus der Feder von Vertretern der Minderheiten-Religionen: So behandeln die Islam-Vertreter ausführlich die Frage des Körperschaftsstatus. Sie betonen, ohne Körperschaftsstatus ließen sich viele religionsspezifische Bedürfnisse von Muslimen „von der Wiege bis zur Bahre“ in Seelsorge, Sozialsektor und Bildung nicht regeln. Andere Beiträge nennen Benachteiligungen, die etwa Juden im Alltag in Deutschland erführen. (sca/vvm)


Weitere Informationen:

https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2018/nov/PM_Religions…


Wissenschaft in den Medien

In den Medien kommen immer die gleichen Forschenden zu Wort. Die Wissenschaften tragen daran eine Mitschuld, doch auch Journalisten stehen in der Verantwortung und müssen ihren Umgang mit Forschenden überdenken.

Servan Grüninger | Neue Zürcher Zeitung

Man könnte meinen, die Schweizer Wissenschaften bestünden nur aus einer Handvoll von Forschenden. Zumindest erhält man diesen Eindruck, wenn man ihre Präsenz in den Schweizer Medien betrachtet. Wie eine noch unveröffentlichte Untersuchung des Kommunikationswissenschafters Mike Schäfer zeigt, bestreitet eine kleine Minderheit von Forschenden ungefähr die Hälfte aller medialen Statements – die restlichen Wissenschafter werden öffentlich kaum wahrgenommen. In seinem Artikel «Immer dieselben Wissenschafter am Mikrofon» beschreibt Stephan Russ-Mohl verschiedene Gründe dafür. Er erwähnt die fehlenden Anreize für Öffentlichkeitsarbeit ebenso wie die Gefahr von Shitstorms und die oft mangelhafte Fähigkeit von Forschenden, allgemeinverständlich zu schreiben und zu reden. Auf die Rolle der Medien geht er jedoch kaum ein. Dabei sind diese gleich aus drei Gründen mitverantwortlich für die mangelnde Diversität von Forschenden in der medialen Öffentlichkeit. Denn der Spardruck, die Tendenz zur Zuspitzung und die immergleichen Erzählmuster in den Medien verhindern, dass die ganze Vielfalt der Wissenschaften zur Geltung kommt.

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„Epoch Times“: Bullshistic zur Strategie des Teufels die Menschheit zu vernichten

Screenshot: bb
Strategien des Teufels zur Zerstörung der Menschheit: Atheismus, Materialismus, Evolution, Kult um die Wissenschaft, Philosophie des Kampfes, Untergrabung der Natur, Niveau der Volksmassen herabsetzen, Erzeugung sozialer Unruhen, Erschaffung des Mobs … Epoch Times veröffentlicht Kapitel 1 (Teil 1/2) des neuen Buches „Wie der Teufel die Welt regiert“. Der zweite Teil erscheint am Wochenende.

Epoch Times

Um den Plan des Teufels zur Zerstörung der Menschheit zu verstehen, muss man das große Ganze betrachten. Denn der Teufel ist mit seinen unzähligen Arrangements bereits seit Jahrhunderten am Werk, um die Menschheit in seinen Bann zu ziehen und sie zu vernichten. Nicht umsonst heißt es, dass der Teufel im Detail steckt. Deshalb wollen wir uns genau ansehen, wie er sich im komplexen Gefüge der menschlichen Gesellschaft manifestiert – denn von den Massenbewegungen der Geschichte bis hin zu den heute regierenden Eliten arbeitet er auf der ganzen Welt unaufhörlich an seinem Plan.

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Ig-Nobelpreise 2018 verliehen

Der Ig-Nobelpreis soll erst zum Lachen, dann zum Nachdenken anregen © Improbable Research
Erst lachen, dann nachdenken: Gestern Abend wurden die diesjährigen Ig-Nobelpreise verliehen – die Auszeichnung für skurrile, lustige, aber dennoch seriöse Forschung. Preise gab es unter anderem für Studien zum Achterbahnfahren gegen Nierensteine, Voodoo gegen tyrannische Chefs und Spucke als Reinigungsmittel. Ebenfalls preiswürdig war für die Jury die Erkenntnis, dass sich der Kannibalismus für unsere Vorfahren zumindest in puncto Nahrhaftigkeit nicht lohnte.

scinexx

Sie bringen Menschen erst zum Lachen, dann zum Nachdenken: Jedes Jahr im September werden in den USA die Ig-Nobelpreise verliehen. Mit ihnen werden Forschende ausgezeichnet, die sich der ungewöhnlichen, skurrilen und auch lustigen Seiten der Wissenschaft angenommen haben – aber mit durchaus seriösen Methoden und dem Ziel eines realen Wissensgewinns. Verliehen wird der Preis an der Harvard University in einer Zeremonie, bei der echte Nobelpreisträger die Preise übergeben.

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In Turkey, Darwin is being removed from textbooks

A copy of Darwin’s „Origin of Species“ in front of a stone bust of Charles Darwin at London’s Natural History Museum. Soon, references to the pioneering biologist and his theory of evolution will be removed from Turkish textbooks (SHAUN CURRY/AFP/Getty Image
Science education is being attacked in several countries at the same time, including right here in the good ol‘ U. S. of A.

By Brandon A. Weber | big think

The latest? The country of Turkey has banned the teaching of evolution and even the mention of natural selection and Charles Darwin from the biology textbooks of secondary school children. The law was passed to make such changes soon after an attempted political coup in 2016. Since that move, the country’s government has moved toward a much more authoritarian model—one that regards religious fundamentalism above science and schools. Erdogan’s government is also creating a massive refugee crisis as those who do not wish to live under sharia law escape the country, mainly to Greece.

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Kann man beweisen, dass Gott existiert?

Gott hat in der Wissenschaft nichts verloren. Oder? Ein Theologe erklärt, ob es einen Gottesbeweis gibt und wie sich die Suche danach verändert hat.

Von Jakob Simmank | ZEIT Campus

Wir glauben an die Wissenschaft. Daran, dass ein Wassermolekül aus zwei Atomen Wasserstoff und einem Atom Sauerstoff besteht und Meteorologen das Wetter besser vorhersagen als der Heubauer auf der Alm. Da ist kein Platz mehr für den Glauben an Gott. Oder?

In der Serie Jung und Gott gehen wir der Frage nach, wie wir heute glauben – und warum wir so wenig darüber sprechen. Dazu gehört auch die Frage, ob es Gott gibt, ob man seine Existenz beweisen oder widerlegen kann. Die Antwort kennt Dirk Evers. Er setzt sich als Theologieprofessor der Uni Halle-Wittenberg und Präsident der European Society for the Study of Theology and Science seit Jahren damit auseinander, ob Glaube und Wissenschaft vereinbar sind.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Evers, der Anthropologe Robert J. Priest hat einmal gesagt: „Für Akademiker ist es ganz einfach, sich zu diskreditieren. Sie müssen nur sagen, dass sie religiös sind.“ Ist das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft wirklich so mies?

Dirk Evers: Mies würde ich nicht sagen. Eher: Zwischen der Naturwissenschaft und dem Glauben gibt es eine ungeheure Spannung. Der eine Wissenschaftler löst sie auf, indem Gott auch in seinem Privatleben keine Rolle mehr spielt. Für andere ist das gut miteinander vereinbar. Ein Beispiel: Der berühmte Physiker Michael Faraday war ein sehr frommer Mensch. Aber jeden Tag, wenn er betete, machte er die Tür zum Labor zu.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Evers: Die Wissenschaft, vor allem die Naturwissenschaft,betrachtet die Wirklichkeit so, als gäbe es Gott nicht. Das ist eine methodische Grundannahme. Die rührt daher, dass sie sich nur auf das konzentriert, was man experimentell und empirisch überprüfen oder mathematisch modellieren kann. Da ist Gott raus. Wer versucht, Gott oder ein Wunder oder irgendwelche religiösen Zusammenhänge in der Naturwissenschaft unterzubringen, outet sich sofort als jemand, der nicht nach wissenschaftlichen Grundsätzen vorgeht.

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Künstliche Intelligenz: „Wir sind in Gegenwart einer gewaltigen Kreatur“

Die Euphorie der Aufbruchsstimmung zu den neuen Ufern des Internets trifft „Surfen“ viel besser als etwa Graben, Wühlen oder Navigieren. (Foto: Getty Images)
Künstliche Intelligenz verändert Wissenschaft und Technik. Klar. Aber was macht sie mit der Gesellschaft? Ingenieure, Künstler und Wissenschaftler kommen zu einer unausweichlichen Erkenntnis.

Von Adrian Kreye | Süddeutsche.de

Es ist gar nicht so verkehrt, in den „Märchen aus 1001 Nacht“ nach Erkenntnissen über die künstliche Intelligenz zu suchen. Der Schriftsteller Adam Thirlwell und die Literaturwissenschaftlerin Marina Warner, derzeit Präsidentin der Royal Society of Literature, taten das vergangene Woche im großen Saal des Londoner Rathauses. In der mächtigen Spiralkuppel mit Blick auf Themse und Tower Bridge trafen sich ein paar Dutzend Wissenschaftler, Ingenieure, Künstler und Schriftsteller, um nach schlüssigen Bildern für die künstliche Intelligenz zu suchen.

Da saßen die beiden also im architektonisch hochwertig gleißenden Herbstlicht und machten sich öffentlich Gedanken darüber, ob der morgenländische Märchengeist Dschinn, dieser dienstbare Wunscherfüller aus rauchlosem Feuer, nicht das perfekte Sinnbild für jene digitalen Kräfte sei, die derzeit überall entfesselt werden. Nicht nur könnte man das digitale Lodern als zeitgenössisches Bild für das rauchfreie Feuer sehen, es stellt sich auch die Frage nach der Beherrschbarkeit dieses eigentlich aufmüpfigen Flaschengeistes. Wer ihn aus seiner gottgewollten Gefangenschaft befreit, ahnt erst einmal nicht, was Dschinns Zauberkräfte alles anrichten könnten.

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Gedankenaustausch mit Harald Lesch zu Physik und Gott

Ein Gespräch zwischen dem Astrophysiker Professor Dr. Harald Lesch, München, und Akademiedirektor Dr. Frank Vogelsang über Grenzfragen naturwissenschaftlicher Forschung ist Auftakt zur neuen Video-Reihe „Akademiegespräche“ der Evangelischen Akademie im Rheinland.

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Prominente auf dem Kirchentag – Dodo-Treffen

Auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag werden zahlreiche prominente Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Kirche erwartet.

evangelisch.de

So wird der ehemalige US-Präsident BARACK OBAMA am 25. Mai mit Bundeskanzlerin ANGELA MERKEL vor dem Brandenburger Tor zum Thema „Engagiert Demokratie gestalten – Zuhause und in der Welt Verantwortung übernehmen“ diskutieren. Ebenfalls aus den USA reist MELINDA GATES an, Ehefrau von Microsoft-Gründer Bill Gates. Sie spricht am 25. Mai darüber, wie Armut auf der Welt wirksam verringert werden kann.

Außenminister SIGMAR GABRIEL können Besucher am 26. Mai in einer Diskussion über deutsche Außenpolitik in Zeiten des Umbruchs erleben. SPD-Kanzlerkandidat MARTIN SCHULZ spricht am selben Tag über „Glaubwürdigkeit in der globalen Gesellschaft“. Bundespräsident FRANK-WALTER STEINMEIER referiert am 27. Mai zum Thema „Ist die Vernunft noch zu retten? Verantwortliches Handeln in den Gegenwart“. Er spricht zudem am 28. Mai ein Grußwort nach dem Festgottesdienst in Wittenberg.

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Vom Glauben der Ungläubigen

Eine Gläubige in Colombo wartet auf Papst Franziskus bei dessen Besuch in Sri Lanka. (Bild: Alessandra Tarantino / AP)
Die Kirchen schrumpfen, die Zahl der Nicht-Religiösen wächst, die Atheisten organisieren sich. Und doch geht das Gespenst des Christentums um. Oder war es gar nie weg?

Von Urs Hafner | Neue Zürcher Zeitung

An Weihnachten jubiliert der Christ und leidet der Atheist. Auf Schritt und Tritt stösst er auf den Gottessohn in der Krippe. Ostern sind besser: Da geht auch die Atheistin Eier suchen, isst Schokoladenhasen und freut sich an Fruchtbarkeit und Frühlingserwachen. Das heidnische Kirchenfest bietet allen einen spirituellen Mehrwert. Und der Atheist bemerkt einmal mehr, dass auch die Christin die komplexe Bibelgeschichte nicht kapiert, die in die pfingstliche «Ausgiessung des Heiligen Geistes» mündet.

Ist die westliche Kultur noch christlich geprägt oder nicht mehr, steuern wir auf einen gottlosen Zustand zu? Dies vermutet die sogenannte Säkularisierungstheorie der Religionssoziologie: Seit dem Mittelalter emanzipiere sich die Gesellschaft zunehmend von der Kontrolle durch die Kirchen und von der Religion. In der Tat ist die christliche Religion, die noch vor ein paar hundert Jahren die europäische Welt fast lückenlos umspannte und das Denken durchdrang, in der Moderne in einen Sonderbereich abgedrängt worden – neben den Bereichen Recht, Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft.

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Bundesrichter setzen sich Grenzen

© dpa Die Richter am Bundesfinanzhof gehören unter den Bundesrichtern zu den Topverdienern.
Der Druck auf die Richter wächst seit Monaten. Nun haben sich auch die Juristen am Bundesfinanzhof Regeln verordnet, wie mit lukrativen Nebenjobs umzugehen ist.

Von Hendrik Wieduwilt | Frankfurter Allgemeine

Die Richterschaft setzt Zeichen: Seit Monaten läuft eine Debatte um die Grenzen für richterliche Nebentätigkeiten und Wohlverhaltensregeln nach einem etwaigen Wechsel in die private Wirtschaft. Nun haben sich nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auch die Juristen am Bundesfinanzhof (BFH) ein paar Regeln vor Augen geführt – sie gehören unter den Bundesrichtern zu den Topverdienern.

Den „Hinweisen zum Nebentätigkeitsrecht“ zu Folge müssen die Richter insbesondere dann auf der Hut sein, wenn ihre Vorträge und Publikationen den Hauptberuf beeinträchtigen. Rechtlich ist das eine Binsenweisheit – doch nun gibt der BFH seinen Robenträgern erstmals eine rote Linie vor. Kurz: Geprüft wird, wer wegen seiner Nebenjobs hinterherhinkt. Genauer: Wenn ein Richter weniger als die Hälfte der Revisionen in einem Jahr erledigt als der Durchschnitt aller Richter sowie der Mitglieder seines Senats, sei eine Prüfung „angezeigt“, ob eine Dienstpflichtverletzung wegen Vernachlässigung der Amtsgeschäfte vorliege.

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Warum Theologen Atheisten nicht verstehen

Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au. (imago / epd-bild /Rolf Zoellner )
Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au. (imago / epd-bild /Rolf Zoellner )
Christina Aus der Au, Präsidentin des Evangelischen Kirchentages, sprach in Erfurt über die Vereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft. Am liebsten wäre sie mit Atheisten ins Gespräch gekommen, doch die gaben sich nicht zu erkennen.

Von Henry Bernhard | Deutschlandfunk

Christina Aus der Au möchte sich nicht langweilen. Als Theologin und Präsidentin des diesjährigen evangelischen Kirchentages ist sie es gewohnt, zu den bereits Getauften und Bekehrten zu predigen. Auf die Frage aber, vor welchem Publikum sie es aufregender findet, über das Grenzgebiet zwischen Glaube und Wissen zu referieren, muss sie in ihrer Eigenschaft als Philosophin gestehen:

„Ich glaube, ich würde sagen: vor Atheisten! Weil, meine Erfahrung ist, dass Christinnen und Christen, die nicken relativ schnell, die finden sich relativ schnell wieder. Atheisten, Atheistinnen müssen sich auf dieses Verständnis von Glauben einlassen, was sie ja selber gar nicht kennen. Und von daher: Wenn es überzeugend ist, dann müsste es auch vor Atheisten überzeugend sein. Fände ich spannender.“

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Gysi hält Kanzelrede in Leipzig: „Keine Moral ohne die Kirchen“

Gregor Gysi. Bild: FB
Gregor Gysi. Bild: FB

„Krieg und Frieden“ im Zeichen des Reformationsjubiläum: Zu dem Thema hat der Politiker Gregor Gysi am Sonntag in der Michaeliskirche in Leipzig referiert. Im domradio.de-Interview erklärt der Atheist, warum Religion für uns so wichtig ist.

domradio.de

domradio.de: Ihr Thema in der Michaeliskirche war „Krieg und Frieden“. Da denkt man im Moment schnell an islamistischen Terrorismus. Wo sehen Sie in dem Zusammenhang die Rolle von Religion?

Gregor Gysi (Mitglied des Bundestags, Die Linke, Vorsitzender der Europäischen Linken): Ich habe versucht zu erklären, weshalb Religion und Kirchen in unserer Gesellschaft so wichtig sind. Ich habe – obwohl ich selbst nicht an Gott glaube – versucht, der Gemeinde zu erklären, dass ich eine gottlose Gesellschaft ganz furchtbar fände. Und zwar schon aus folgenden Gründen: Erstens sind die Religions- und Kirchengemeinschaft Bestandteil unserer Kultur, und zweitens sind zurzeit nur die Kirchen- und Religionsgemeinschaften in der Lage, allgemeinverbindliche Moralnormen aufzustellen. Die Linke konnte das mal, aber seit dem Scheitern des Staatssozialismus kann sie zwar Moralnormen aufstellen, die sind dann nur nicht allgemeinverbindlich. Der Kapitalismus ist auf Konkurrenz aus, das heißt, für den einen ist es besser, wenn der andere pleitegeht; auch das hat alles wenig mit Moral zu tun. Wenn wir also die Kirchen und die Religionsgemeinschaften nicht hätten, gäbe es keine verbindliche Moral. Über dieses Bild kann man sich dann auch dem Thema „Frieden und Krieg“ nähern. Dazu habe ich den Römerbrief aus Kapitel 12 ausgesucht und die Verse 17 bis 21 vorgelesen.

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Kernphysiker: ‚Es gibt eine Logik, die die Welt leitet‘

Universum Nasa, Esa, Hubble SM4 ERO Team
Universum Nasa, Esa, Hubble SM4 ERO Team
Italienischer Kernphysiker Zichichi gegenüber Radio Vatikan: Wissenschaft und Glauben kein Widerspruch – Britischer Astrophysiker Hawking glaubt an keinen göttlichen Schöpfungsakt – Beide Wissenschaftler vom Papst empfangen

kath.net

„Es gibt eine Logik, die die Welt leitet. Wenn diese Logik nicht existieren würde, hätte ich rein gar nichts entdecken können.“ Das hat der italienische Kernphysiker Antonino Zichichi, Teilnehmer der laufenden Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, im Gespräch mit Radio Vatikan erklärt. Der ehemalige Präsident des italienischen nationalen Institutes für Kernphysik ist bekennender Katholik; Wissenschaft und Glauben stellen für ihn keinen Widerspruch dar.

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Kamerun: Stammesreligions-Integralisten zerstören Bergkreuz

Eine interreligiöse Begegnung in Kamerun - REUTERS
Eine interreligiöse Begegnung in Kamerun – REUTERS
Integralisten, die für eine Rückkehr zu den Stammesreligionen eintreten, haben das Holzkreuz auf dem Berg Ngock Lituba zerstört. Wie die in Kamerun erscheinende Tageszeitung „Le Messager“ berichtet, führen Mitglieder des Bassa-Stammes seit mehreren Monaten Angriffe durch, da er keine andere Religion neben der Stammesreligion tolerieren will.

Radio Vatikan

Die Zerstörung des Kreuzes auf dem Berg Ngock Lituba ist von symbolischer Bedeutung, weil der Berg als heilige Stätte der Stammesreligion betrachtet wird und viele die Aufstellung eines Kreuzes an diesem Ort abgelehnt hatten. Die neue Bewegung will nach Angeben der einheimischen Presse aber auch Kultstätten wie Kirchen und Moscheen zerstören, die in den vom Bassa-Volk bewohnten Gebieten gebaut wurden. Außerdem sollen alle Symbole entfernt werden, die für die westliche Kultur stehen, und durch Symbole der Stammestradition ersetzen werden.

„Le Messager“ befürchtet, dass auch das westlich geprägte Bildungssystem in Kamerun und die Werte der Philosophie, Wissenschaft, Religionsfreiheit sowie die säkulare Staatsform in Frage gestellt werden.

 

Staat und Frömmigkeit: Religion im Hinterhof

„Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix, 1830. Historiker verweisen darauf, dass die Marianne mit entblößter Brust – anders als es dieser Tage Frankreichs Premierminister nahelegte – im 19. Jahrhundert kein Kommentar zu einer bevorzugten Kleiderordnung war, sondern eine nationale Allegorie. (Foto: oh)
Warum streitet Frankreich so erbittert über den Burkini? Und was bedeutet eigentlich Laizismus? Der Hintergrund sind die Kulturkämpfe, die Europa früher schon einmal ausgefochten hat – gegen die katholische Kirche.

Von Gustav Seibt | Süddeutsche.de

Geistliche sollen erst predigen dürfen, nachdem sie ein „Kulturexamen“ zu Philosophie, Geschichte und deutscher Literatur abgelegt haben. Ihre Predigten werden politisch überwacht. Wer gegen den Staat hetzt, wird verhaftet. In den Gemeinden geschlossene Ehen sollen nicht mehr gültig sein, sondern vom Staat registriert werden. Religiöse Umzüge gelten als „Ruhestörung“, gar als Herausforderung der Leitkultur. Erhitzte Patrioten dringen mit Holzlatten in Kulträume, um sich mit Betenden zu prügeln. Verdächtiges Schrifttum wird beschlagnahmt. Religiöse Symbole werden aus dem öffentlichen Raum verbannt.

Sind das Maßnahmen heutiger Regierungen gegen islamische Parallelwelten? Man muss Spitzel in die religiösen Gemeinschaften einschleusen, zu verdächtig sind sie. Sagt das der Verfassungsschutz? Man sollte die Kinder dieser Frommen in staatliche Schulen schicken, um ihnen moderne Staatsgrundsätze und fortschrittliche Wissenschaft beizubringen – wer will das? Heinz Buschkowski und Monika Maron? Die geistlichen Gerichte sind ein Ärgernis, niemand weiß, was in ihnen vorgeht – sagt das Necla Kelek? Sogar eine eigene Presse haben diese gefährlichen Frommen – wer sind ihre Finanziers? Ein fernes Priesterregime im Ausland steuert sie!

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Der Dummheit eine Gasse

Kardinal Peter Turkson, Bild: Radio Vatikan
Wissenschaft kann Realität erklären, für den Wandel braucht es aber Motivation, und hier kann Religion einen wesentlichen Beitrag leisten: Kardinal Peter Turkson sprach an diesem Montag in Stockholm über das Thema „Glaube und Entwicklung“, anlässlich des bevorstehenden Weltgebetstages für die Schöpfung an diesem Donnerstag ging er auf die Papstenzyklika Laudato Si’ ein und auf die Hilfen, die Religion im Allgemeinen und das Christentum im Besonderen beim aktiven Schutz für die Umwelt leisten können.

Radio Vatikan

Warum sollten mich die negativen Nachrichten über Arbeitslosigkeit, Korruption, Wassermangel, Umweltschäden und Ähnliches betreffen? Wissenschaft allein könne darauf keine Antwort geben, „jede rein technische Lösung ist machtlos“, so der Kardinal, der im Vatikan für die Themen Gerechtigkeit und Frieden zuständig ist.

Wandel ist ohne die Motivation dazu unmöglich, und hierbei könne Glaube und Spiritualität eine große Rolle spielen, zeigt sich der Kardinal überzeugt. Glaube zeige eine komplexe Vision des Menschen, er betrachte ihn nicht nur als Konsumenten oder Humankapital.

 

Wie sich Gott und die Wissenschaft vertragen

Bild: (c) Die Presse (Clemens Fabry)
Das Verhältnis von Religion und Wissenschaft ist nicht immer ohne Probleme. Auf den Universitäten macht sich das Spannungsfeld vor allem in den theologischen Studien bemerkbar – bei den Inhalten und bei der Personalauswahl.

Von Erich Kocina | Die Presse.com

Glauben gehört in die Kirche, Wissen auf die Universität – es wäre ein grobe Vereinfachung, diesen Satz einfach so stehen zu lassen. Doch tatsächlich stehen Religion und Wissenschaft in einem gewissen Spannungsfeld. Dann nämlich, wenn es um das Verhältnis der beiden zueinander geht. Wie sehr soll etwa die Religion in einer wissenschaftlichen Einrichtung mitbestimmen können? Eine Frage, die sich vor allem bei den theologischen Studien stellt – und genau darüber wird heute, Mittwoch, auch in Alpbach diskutiert. Vertreter von Universitäten, Religionsgemeinschaften und Bund sprechen über „Universitätsautonomie und Theologien“.

Nur ist die Theologie überhaupt eine Wissenschaft? „Natürlich“, sagt Oliver Henhapel, Leiter des Kultusamts im Bundeskanzleramt. „Letztlich geht es um Textinterpretation und historische Interpretation.“ Und natürlich haben theologische Studien auch eine spirituelle Dimension. Relevanter sei aber die Frage, wie sich die Freiheit der Wissenschaft und die Freiheit der Religion gegenüberstehen. Praktisch herunterbrechen lässt sich das auf die Frage der Autonomie, die die Theologie an der Uni von ihrer Religionsgesellschaft hat bzw. wie stark sie an sie rückgebunden ist.

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