Wenn Amerikas Neonazis ihr Blut reinwaschen

Kinn hoch, Kehle durch, IS-Stil: Ein Vertreter der überlegenen weißen Rasse in Charlottesville zeigt Gegendemonstranten, was er tun möchte Quelle: AFP
In der „White Supremacy“-Bewegung, die in Charlottesville wütete, wird blütenweiße Abstammung verlangt. DNA-Tests sind beliebt. Die Mehrheit erlebt, wie eine Studie zeigt, eine böse Überraschung.

Von Uwe Schmitt | DIE WELT

Wann immer Amerikas Neonazis, die an die Überlegenheit der weißen Rasse glauben, ihren Ahnen mit DNA-Tests auf die Spur kommen wollen, steht das Ergebnis fest: Es kommen nur nicht-jüdische, hundertprozentig blütenweiße Europäer infrage. Man erahnt das Entsetzen, das den militanten Rassisten Craig Cobb ergriffen haben muss, als er in einer Live-Talkshow 2013 erfuhr, er sei „86 Prozent europäisch und 14 Prozent schwarzafrikanisch“.

Doch Cobb blieb ruhig. Selbst als die schwarze Moderatorin Trisha Goddard Salz in die Wunde rieb: „Liebling, du hast ein bisschen was Schwarzes in dir.“ Cobb, polizeibekannter Gründer einer weißen Enklave in North Dakota, entgegnete lächelnd: „Halt, Moment, das nennt man statistisches Rauschen.“ Der Test hatte versagt, nicht sein Blut, das rein war wie sein Gewissen. Er tat vor der Kamera, was Tausende seiner Glaubensbrüder auf Neonazi-Webforen wie „Stormfront“ ständig tun: ideologische Blutwäsche.

weiterlesen

„Gehirnwäsche“ durch einen marokkanischen Imam?

Ripoll. Bild: Antonio De Lorenzo/CC BY-2.5
Die Rolle des bekannten Islamisten, gegen den es sogar einen Abschiebebefehl gab, wirft immer neue Fragen auf.

Von Ralf Streck | TELEPOLIS

In Katalonien wird weiter mit Hochdruck daran gearbeitet, Licht in die mörderischen Vorgänge in Barcelona und Cambrils zu bringen. Durch Mitwirkung der Bevölkerung konnte die Mossos d’Esquadra (katalanische Polizei) den 22-jährigen Younes Abouyaaqoub stellen, der allein vergangenen Donnerstag den Lieferwagen im mörderischen Zickzackkurs über die „Ramblas“ gesteuert hatte. Dabei wurden 13 Menschen in der katalanischen Metropole getötet und mehr als 100 zum Teil schwer verletzt.

Bestätigt ist nun auch, dass er auch für ein 14. Opfer in Barcelona verantwortlich ist. Denn nach dem Anschlag in der Fußgängerzone hatte er mit einem Auto eine Straßensperre durchbrochen. In dem Wagen wurde später der Katalane Pau Pérez erstochen gefunden. Der katalanische Innenminister Joaquim Forn hat den Zusammenhang bestätigt, dass Pérez von Abouyaaqoub erstochen wurde, um an sein Auto als Fluchtwagen zu kommen.

Tagelang war nach dem jungen Marokkaner gefahndet worden. Doch die katalanische Regionalregierung konnte nun mitteilen, dass er am Montag „kurz vor 17.00 Uhr“ in der Stadt Subirats niedergeschossen wurde, die etwa 50 Kilometer westlich von Barcelona liegt. Auch er trug eine Sprengstoffweste, die sich aber wie bei den Terroristen, die in Cambrils erschossen wurden, als Attrappe herausgestellt hat. Es ist eine bekannte Taktik, die Sicherheitskräfte zu Todesschüssen zu provozieren, um als „Märtyrer“ ins Paradies zu kommen. Und damit ist natürlich auch verbunden, dass die Islamisten keine Aussagen mehr über die Hintermänner machen können.

Das ist aber in Barcelona gescheitert, denn vier mutmaßliche Mitglieder der Terrorzelle wurden verhaftet und werden heute dem Ermittlungsrichter am Nationalen Gerichtshof in Madrid vorgeführt. Sie haben schon umfassende Aussagen gemacht, weshalb die Mossos relativ schnell die Identitäten der Beteiligten kannten und deshalb auch konkret nach dem Marokkaner Abouyaaqoub suchen konnten.

Mohamed Houli Chemlal, der die Explosion in Alcanar verletzt überlebte, hat vor dem Ermittlungsrichter Fernando Andreu in Madrid ausgesagt, man hätte einen Anschlag gegen die Sagrada Familia und andere bedeutsame Punkte in Barcelona verüben wollen. Der 21-jährige Spanier aus Melilla, der auch in Ripoll gelebt hat, war der erste, der vernommen wurde. Er hatte aber schon gegenüber der Polizei ausgesagt, „große Anschläge“ vorgehabt zu haben.

weiterlesen

Die Nazis lernten von den USA

Ku-Klux-Klan-Mitglieder in Atlanta, 30er Jahre. Foto: afp
Ein Buch über der Entstehung der Rassengesetze der Nazis: Es belegt, dass Hitler fasziniert war von der amerikanischen Rassentrennung.

Von Arno Widmann | Frankfurter Rundschau

Die Nationalsozialisten waren fasziniert von den USA. Man kann das in den verschiedensten Veröffentlichungen von Hitlers „Mein Kampf“ bis zu begeisterten Reiseberichten in der nationalsozialistischen Presse der 30er Jahre lesen. Der 1957 geborene James Q. Whitman ist Rechtsanwalt und Professor für Ausländisches Recht und Vergleichende Rechtswissenschaft an der Yale University. Er hat Anfang des Jahres ein Buch vorgelegt, in dem er zeigt, wie genau nationalsozialistische Juristen sich ansahen, wie US-Juristen und US-Politiker Fragen des Staatsbürgerschaftsrechts behandelten.

Die USA sind in diesen und noch mehr in der Behandlung der sogenannten Rassenfrage ein immer wieder konsultiertes Vorbild für die in den Nürnberger Gesetzen von 1935 kulminierende rechtliche Entwicklung. Whitman verfolgt die zu den Rassengesetzen führenden Debatten auf den einschlägigen Tagungen und in den Zeitschriften. Das Buch ist dem „Geist von Louis B. Brodsky“ gewidmet.

weiterlesen

Janitscharen: Erdogans osmanische Helden sind Symbole der Reaktion

Die Janitscharen waren der Inbegriff des Schreckens, den die osmanische Armee über Jahrhunderte hinweg verbreitete. Auf seinem Aquarell stellte Daniel Chodowiecki 1763 vor allem ihre Fremdartigkeit heraus. Quelle: picture-alliance / akg-images/akg-images
Wenn der türkische Präsident die Größe der Osmanen beschwört, verweist er gern auf ihre Elitetruppe, die Jantischaren. Ausgerechnet sie stehen für ein Strukturproblem vieler muslimischer Gesellschaften.

Von Berthold Seewald | DIE WELT

Wenn der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan über Geschichte spricht, gerät er ins Schwärmen: von der Größe des Osmanischen Reiches, der Pracht seiner Sultane und der Stärke seiner Soldaten. Bei den üblichen Feiern anlässlich der Eroberung Konstantinopels durch die Türken (was immerhin vor mehr als 564 Jahren geschehen ist), kommen auch Szenen mit den berühmtesten osmanischen Truppen zur Aufführung, den Janitscharen.

Um ihren Glanz seinen Untertanen vor Augen zu führen, scheut Erdogan keinen Konflikt. So entzündeten sich die Protestaktionen im Jahr 2013 in Istanbul an einem Plan seiner Regierung, den populären Gezi-Park für die Rekonstruktion einer osmanischen Kaserne zu opfern, einer Janitscharenkaserne. Drei Jahre vor dem Militärputsch und der autoritären Wende in der Türkei gab dieses Projekt schon einen Vorgeschmack auf die Gegenwart.

weiterlesen

Zehn Schweine als Wiedergutmachung für eine Vergewaltigung

Sexuelle Gewalt ist in Papua-Neuguinea weit verbreitet. Vom schwachen Staat können die Opfer wenig Hilfe erwarten.

Von Patrick Zoll | Neue Zürcher Zeitung

Deborah schaut zum eisernen Tor an der Einfahrt zum Haus. Draussen quält sich der Morgenverkehr von Port Moresby durch die Schlaglöcher. Busse holpern vorbei, Menschen schlendern scheinbar ziellos. Deborah könnte sich problemlos unter sie mischen, das Tor steht offen. Doch die Furcht hält sie zurück, die Furcht vor ihrem Ehemann. «Wenn er mich zufällig auf der Strasse sehen, aus seinem Auto steigen und mich verprügeln würde – niemand käme mir zu Hilfe», sagt sie auf der Terrasse, von wo sie das Tor nicht aus den Augen lässt.

Die gekaufte Frau

Deborah will ihren richtigen Namen nicht nennen. Einer lokalen Zeitung würde sie auch nie erzählen, was sie erlebt hat. Aber einer, die in einer fremden Sprache und weit weg erscheint – das sollte eigentlich ungefährlich sein, meint sie, ebenfalls zögernd. Obwohl Deborah sagt, dass es ihr jetzt gutgehe und dass sie glücklich sei, ist ihre Angst deutlich zu spüren. «Eine Frau ohne Mann gilt in Papua-Neuguinea nichts», sagt sie. Eine Narbe über dem rechten Auge und die zersprungene Lippe sind Spuren des Missbrauchs, den sie jahrelang erleiden musste – von ihrem Ehemann. Dass er ihr den Arm und die Seele gebrochen hat, ist weniger sichtbar.

weiterlesen

So viele nukleare Sprengköpfe bunkern die Atomnationen

© Statista
14.935 atomare Sprengköpfe gibt es weltweit. Mehr als 92 Prozent der todbringenden Waffen lagern in den Arsenalen nur zweier Länder.

stern.de

Weltweit geht die Zahl der Atomwaffen zwar zurück, wie nah ein nuklearer Konflikt trotzdem sein kann, bewiesen in dieser Woche Nordkorea und die USA. Nachdem die gegenseitigen Drohungen aus Washington und Pjöngjang immer schärfer wurden, lenkte Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un zuletzt ein und kündigte an, die USA zunächst weiter beobachten zu wollen.

weiterlesen

Taliban drohen Trump: Afghanistan wird euer Friedhof

Zahlreiche Taliban-Kämpfer in Paktika leisten ihren Treueschwur auf den neuen Führer, will zumindest das Foto der Taliban demonstrieren. Bild: heise.de
Die radikalislamischen Taliban haben als Reaktion auf die neue Afghanistanstrategie von US-Präsident Donald Trump angekündigt, einen „heiligen Krieg bis zum letzten Atemzug“ führen zu wollen.

Frankfurter Rundschau

Trump hatte in einer Ansprache an die Nation eine Verstärkung des US-Engagements in Afghanistan in Aussicht gestellt, er äußerte sich aber weder über eine Aufstockung von US-Truppen noch über die Länge des Militäreinsatzes am Hindukusch. Ein Talibansprecher schrieb in einer Email an Medien, solange auch nur ein US-Soldat im Land sei, würden die Taliban ihren „Dschihad mit Entschlossenheit“ fortsetzen.

Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen

Fernsehbild vom Pogrom in Rostock-Lichtenhagen
Heute vor 25 Jahren verübten Rechtsextremisten im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen die schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen nach der Wende.

MiGAZIN

Vor 25 Jahren, vom 22. bis zum 26. August 1992, ereigneten sich im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen die schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen nach der Wende. Im Verlauf der vier Tage gerieten dabei 150 Menschen in akute Lebensgefahr, nachdem ein Wohnhaus vietnamesischer DDR-Vertragsarbeiter in Brand gesetzt worden war. Mehr als 200 Polizisten wurden verletzt, einer davon schwer.

Die Gewalt, die sich durch Parolen, Sprechchöre, Steine und schließlich Brandbomben ausdrückte, richtete sich gegen die damalige Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, gegen Wohnungen der Vietnamesen und gegen die Polizei. Zu den Tätern gehörten auch Rechtsextremisten aus ganz Deutschland. Die Krawalle einiger hundert Gewalttäter wurden durch 2.000 bis 3.000 Sympathisanten und Schaulustige vor Ort unterstützt.

weiterlesen

Assad: Das westliche Projekt ist in Syrien gescheitert

Screenshot der Rede Assads. Video der Nachrichtenagentur Sana auf YouTube.
Der syrische Präsident erklärt in einer Rede zur Zukunft Syriens eine klare „Ostorientierung“

Von Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Es ist ein eklatanter Kontrast. Zwischen dem Papier eines US-Think-Tanks und der Rede Baschar al-Assad zur Zukunft Syriens liegen Welten. Zwar räumt das Atlantik-Council-Papierein, dass es nicht sicher sei, in welchem Ausmaß die USA am Wiederaufbau Syriens beteiligt sein wird, aber man mahnt dort schon einmal an, dass es prioritär darum gehen müsse, den Fokus auf die syrische Zivilgesellschaft zu richten, um das Land zu „stabilisieren“.

Jeder, der lesen kann, weiß, welche Wünsche hinter den Empfehlungen des Atlantic Councils stecken, die Mitwirkung der Zivilgesellschaft an der Regierungsarbeit zu stärken. Der Atlantik Council-Denkbunker ist seit jeher Unterstützer eines Umsturzes in Syrien. So bedeutet der Vorschlag lediglich einen Umweg, um zu bewirken, was auf anderem Weg nicht gelang, die Beschneidung der Macht Assads. Auf lange Frist bleibt es beim Ziel, Assad von der Regierung zu entfernen. Nun halt durch den Aufbau einer Opposition über das Governance-Paradigma.

Ganz anders stellt sich die Lage aus Sicht des syrischen Präsidenten dar. Er ging in seiner Rede am gestrigen Sonntag (auf Arabisch hier, englisch, von der syrischen Nachrichtenagentur Sana zusammengefasst, hier) auf diesen Ansatz ein:

Wir werden es unseren Feinden und Rivalen nicht erlauben, über Politik das zu erreichen, woran sie mit der Unterstützung von Terroristen gescheitert sind. (…) Alles, was mit der Zukunft von Syrien zu tun hat, ist zu 100 Prozent eine Angelegenheit Syriens.

Baschar al-Assad

Manche, wie der syrisch-amerikanische Beobachter Ehsani2, halten die etwa einstündige Rede Assads für eine seiner wichtigsten, weil sie eine Grundausrichtung formuliert, und das angegebene Zitat für einen Schlüsselsatz. Damit, so Ehsani2, könne sich der UN-Sonderbotschafter de Mistura von seinem Posten zurückziehen, die Genfer Gespräche seien nicht mehr sinnvoll, da Assad sich vom Westen und seinen arabischen Verbündeten nicht in die politische Gestaltung hineinreden lassen wolle.

Tatsächlich lässt es Assad bei seiner vom TV übertragenen Rede zu einer Konferenz des Außenministeriums nicht an Deutlichkeit fehlen, wenn es um sein Verhältnis zum Westen und dessen arabische Partnern und Erdogan geht. Für die westliche Politik der Einflussnahme in Syrien erhebt er nicht nur den Vorwurf der Unterstützung von Terroristen, er vergleicht sie mit Bulldozer und Schlangen.

weiterlesen

Mehrfrontenkrieg gegen die Terrormiliz IS

(c) APA/AFP/MOHAMMED SAWAF
Vier nahöstliche Armeen ziehen mittlerweile gegen den sogenannten Islamischen Staat in den Krieg. Nun gesellten sich auch die libanesischen Streitkräfte hinzu. Und Russland bombardiert die IS-Stellungen heftiger denn je.

Von Martin Gehlen | Die Presse.com

Der militärische Druck auf das „Kalifat“ des sogenannten Islamischen Staates wächst immer mehr. Seit dem Wochenende zieht nun auch die vierte nahöstliche Armee gegen die Terrormiliz in den Krieg. Die libanesischen Streitkräfte wollen die Jihadisten aus deren libanesisch-syrischer Enklave im Qalamoun-Gebirge vertreiben. Parallel dazu startete die Armee des Irak ihren Feldzug gegen die Stadt Tal Afar, nach dem Fall von Mossul die letzte IS-Bastion auf irakischem Boden.

Die syrische Armee greift im Osten des Landes das IS-Zentrum Deir Ezzor an, während die von den USA gestützten arabisch-kurdischen Streitkräfte inzwischen mehr als die Hälfte der IS-Hauptstadt Raqqa zurückeroberten.

Auf libanesischem Territorium hatten sich die Jihadisten im Herbst 2014 rund um die Grenzstädte Ras Baalbek und Al-Qaa eingenistet. Bei dieser Offensive kidnappte die Terrormiliz 30 libanesische Soldaten und Polizisten. Vier wurden ermordet, einer starb an seinen Schusswunden. 16 wurden später gegen Gefangene ausgetauscht, neun sind immer noch in der Hand der Fanatiker.

weiterlesen

ABDELBAKI ES SATTY: Der Kopf der katalanischen Terrorzelle war drei Monate in Belgien

Abdelbaki Es Satty is believed to have been the ringleader of the Barcelona attack. Image: telegraph.co.uk
Imam Abdelbaki Es Satty soll der Kopf der zwölfköpfigen katalanischen Terrorzelle sein, die für die Anschläge in Barcelona und Cambrils verantwortlich ist. Der Marokkaner ist seit einer Woche verschwunden.

DIE WELT

In einer kleinen katalanischen Stadt am Fuße der Pyrenäen hat er gewohnt, unauffällig, eher einzelgängerisch: Imam Abdelbaki Es Satty soll der Kopf der Terrorzelle gewesen sein, die vergangene Woche die verheerenden Anschläge in Barcelona und Cambrils verübte. Im katalanischen Ripoll radikalisierte er womöglich die jungen Männer, die 15 Menschen töteten und mehr als 120 verletzten. Von vielen Menschen in Ripoll wird der Imam aber als „normal“ und „zurückhaltend“ beschrieben.

weiterlesen

Polizeigewalt: „Alle Erwartungen mit einem Schlag zerstört“

Die Polizei im Einsatz. Das Symbolfoto entstand in Berlin. Foto: Imago
„Entwürdigt“ in Hamburg: Ein arabisch-israelischer Student berichtet von Polizeigewalt in Hamburg am Rande des G20-Gipfels.

Von Carina Braun | Frankfurter Rundschau

Man merkt Firas S. an, dass er es sehr ernst gemeint hat mit Deutschland. Erst seit Ende 2016 ist er hier, aber der 18-Jährige will lieber Deutsch sprechen als Englisch. Er macht sich, während er spricht, Gedanken über die korrekte Grammatik.

Firas kam aus dem arabischen Dorf Eilaboun in Israel nach Deutschland, um Maschinenbau zu studieren. Eigentlich lief alles gut. Er absolvierte Sprachkurse, bestand Prüfungen, seit Juni lebt er in Baden-Württemberg bei langjährigen Freunden seiner Familie. Im nächsten Jahr wollte er sein Studium beginnen. Aber jetzt, sagt er leise, wisse er nicht, ob er bleibe.

Wenn er über die Ereignisse der Nacht vom 7. auf den 8. Juli spricht, klingt er bedrückt. Als an jenem Abend im Hamburger Schanzenviertel die G20-Ausschreitungen eskalierten, stand Firas kilometerweit von den Krawallen entfernt am Hauptbahnhof. Tags zuvor hatte er in der Stadt das Global Citizen Konzert besucht. Fotos zeigen ihn zwischen den Zuschauern, strahlend. Er formt mit den Fingern ein Herz in der Luft.

weiterlesen

„Wir würden noch viel mehr Terror aushalten können“

Hat jahrelang zu Angstthemen geforscht: Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen Quelle: picture alliance / Stefan Rampfe
Terroranschläge in Europa werden zum traurigen Alltag. Doch anstatt sich zu fürchten, gewöhnen sich viele Menschen an die neue Situation. Der Angstforscher Borwin Bandelow hält das für absolut natürlich.

Von Anett Selle | DIE WELT

Paris, Brüssel, Berlin und zuletzt Barcelona: Terroranschläge werden für die Europäer zur traurigen Realität. Und damit auch der Umgang mit den schrecklichen Ereignissen. Eine gewisse Gewöhnung stellt sich nach den Anschlägen ein. Doch wie schlimm ist es wirklich, wenn wir uns an Terror gewöhnen? Borwin Bandelow (66) ist Professor an der Universität Göttingen und forscht seit Jahren zu dem Phänomen Angst.

DIE WELT: Herr Bandelow, die deutschen Reaktionen auf die Anschläge in Barcelona reichen von „Es war ein Horror, und ich konnte nicht schlafen“ bis hin zu „Ich finde schlimm, wie wenig es mich berührt“. Wie abgestumpft darf man sein?

Borwin Bandelow: „Abstumpfen“ ist negativ konnotiert und soll einem ein schlechtes Gewissen einreden. Ich würde davon absehen, dieses Wort zu benutzen. Viele Leute denken, dass sie abgestumpft seien, wenn sie nicht mehr so betroffen sind wie bei anderen Anschlägen. Ich denke, niemand muss sich Gedanken machen, dass man zu wenig Mitgefühl habe, wenn man nach so vielen Anschlägen nicht mehr so emotional betroffen ist. Was da abläuft, ist eine natürliche Reaktion.

weiterlesen

Der Terror kann Spanien nichts anhaben

Eine Frau hält nach dem Anschlag von Barcelona einen Zettel in die Höhe: „Ich bin Muslimin und Katalanin, keine Terroristin. Der Islam ist Frieden.“ (Foto: AP)
Nach dem Attentat von Barcelona wird sich die offene Haltung gegenüber Muslimen im Land kaum ändern. Doch die Politik hat einen entscheidenden Fehler gemacht.

Von Thomas Urban | Süddeutsche.de

Wird sich Spanien durch den Terroranschlag von Barcelona verändern? Wenig spricht dafür. Denn das Land und seine Menschen sind nicht zum ersten Mal von terroristischer Gewalt betroffen. Schon vor dreizehn Jahren, als Islamisten vier Pendlerzüge in Sichtweite des Madrider Bahnhofs Atocha in die Luft sprengten und 191 Menschen in den Tod rissen, verfiel Spanien nicht in Hysterie. Auch heute sind kaum Stimmen vernehmbar, die nach Vergeltung und Repression rufen.

Wahrscheinlich wird die Politik an der bisherigen Doppelstrategie festhalten: Einerseits werden islamistische Gefährder scharf überwacht, es wird weiterhin vorbeugende Inhaftierungen geben; ebenso wird der Nachzug von Migranten aus dem Maghreb sowie den Ländern südlich der Sahara sehr begrenzt bleiben. Andererseits werden verstärkt Angebote für den gesellschaftlichen Aufstieg der bereits im Lande lebenden Muslime gemacht.

weiterlesen

Türkei-Touristen unbeeindruckt von Appell zur Vorsicht

Die verschärften Spannungen zwischen Berlin und Ankara haben nach Angaben von Tourismuskonzernen bisher keine Spuren bei der Nachfrage nach Türkei-Reisen hinterlassen. Foto: Marius Becker/dpa
Vor einem Monat verschärfte die Bundesregierung ihren Kurs gegenüber der Türkei. Privatreisende rief Außenminister Gabriel zu erhöhter Vorsicht auf. Doch bisher reagieren Sonnenhungrige gelassen.

Frankfurter Rundschau

Die verschärften Spannungen zwischen Berlin und Ankara haben nach Angaben von Tourismuskonzernen bisher keine Spuren bei der Nachfrage nach Türkei-Reisen hinterlassen.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte Privatreisende vor vier Wochen zu erhöhter Vorsicht bei Trips in das Land aufgerufen. Das habe das Interesse Kurzentschlossene jedoch nicht gedämpft, berichteten Veranstalter. Die Türkei sei derzeit eines der beliebtesten Last-Minute-Ziele.

weiterlesen

Berlin-Spandau: Neun Verletzte durch Rauchbombe bei kurdischer Veranstaltung

Berliner Rettungsdienst im Einsatz. (Symbolbild)FOTO: PICTURE ALLIANCE / DPA
Ein Rauchgas-Wurfkörper hat am Sonntagabend in Spandau neun Menschen verletzt. Der Vorfall ereignete sich während einer Veranstaltung für ein unabhängiges Kurdistan.

DER TAGESSPIEGEL

Auf einer kurdischen Veranstaltung in Berlin-Spandau ist am Sonntagabend eine Rauchbombe gezündet worden. „Es handelt sich um einen Rauchgas-Wurfkörper, der am Sonntagabend gegen 22.00 Uhr explodiert ist. Neun Menschen sind durch das Einatmen von Rauch verletzt worden“, sagte eine Polizeisprecherin am Montagmorgen.

Die Verletzten seien ambulant behandelt worden. Hinweise zu den Tätern und ihrem Motiv lägen noch nicht vor. Der Staatsschutz habe die Ermittlungen übernommen.

weiterlesen

Märchen und Schuldzuweisungen zu Anschlägen in Katalonien

Das gesprengte Haus der islamistischen Terroristen, die Bomben bastelten. Screenshot aus RT-YouTube-Video
Die Attentäter hatten mehrere große Bombenanschläge geplant, ihr mutmaßlicher Kopf ist ein alter Bekannter der Sicherheitskräfte

Von Ralf Streck | TELEPOLIS

Auch Zufall und Unfähigkeit haben dazu geführt, dass in Katalonien ein Massaker nach dem Vorbild der islamistischen Anschläge im März 2004 verhindert worden ist, bei dem 191 Menschen in der Hauptstadt Madrid ermordet wurden. Dass sich ein Teil der Attentäter in Alcanar in der Nacht vor den mörderischen Vorgängen in Barcelona und Cambrils in die Luft gejagt haben, als sie mit Sprengstoff zum Bombenbau hantierten, hat wohl das Schlimmste in Barcelona verhindert. Die Ermittler haben in den Trümmern mehr als 120 Gasflaschen gefunden, mit denen die Sprengwirkung von Bomben vervielfacht werden sollte.

Sie gehen davon aus, dass die islamistischen Terroristen „einen oder mehrere Bombenanschläge in Barcelona geplant hatten“, sagte der Chef der katalanischen Polizei Josep Lluís Trapero auf einer Pressekonferenz am Sonntagmittag. Das hatte sich längst über die Tatsache aufgedrängt, dass der 17-jährige Moussa Oukabir Soprano, der schließlich in Cambrils erschossen wurde, zwei Lieferwagen angemietet hatte. Einer davon blieb unbenutzt und wurde nach der mörderischen Fahrt im Zentrum von Barcelonaunbenutzt gefunden.

Es dürfte sich kaum um nur eine Bombe drehen, denn 120 Gasflaschen passen nicht in einen der Lieferwagen. Vermutlich sollte er – oder beide – auch als Auto-Bomben im Rahmen einer Aktion eingesetzt werden, um eine sehr hohe Opferzahl zu erreichen und die von Madrid möglichst noch zu überbieten. Da schnell ein Zusammenhang zwischen den Anschlägen in Barcelona, Cambrils und dem Haus im südkatalanischen Alcanar hergestellt werden konnte, ist nun für die Mossos d’Esquadra auch klar, dass die Anschläge „unmittelbar“ bevorstanden. Die Explosion in Alcanar ließ aber die Islamisten zu einem Plan B greifen. Ihnen war klar, dass sie über kurz oder lang nach den Vorkommnissen in Alcanar enttarnt werden würden.

Die fünf in Cambrils erschossenen Terroristen hatten eigentlich ein Massaker mit Messerattacken in dem Tourismusort am Mittelmeer geplant. Das hat die katalanische Polizei allerdings durch ein entschlossenes Eingreifen weitgehend verhindert. Eine Frau fiel ihnen aber doch noch zum Opfer. Deshalb seien sie zu fünft in nur einem Auto unterwegs gewesen. Sie sollen nicht geplant haben, wie in Barcelona viele Menschen zu überfahren. Das hätten sie erst versucht, nachdem sie schon entdeckt waren.

weiterlesen

Erdogans Einmischung ist die beste Wahlkampfhilfe

Bild: FB
Was der türkische Präsident Bürgern in Deutschland rät – geschenkt. Dass sein langer Arm jetzt aber via Interpol bis nach Spanien reicht, ist zu viel. Die EU muss die Beitrittsverhandlungen beenden.

Von Alan Posener | DIE WELT

Für die Wahlkampfhilfe aus Ankara werden sich Union, SPD und Grüne bedanken. Etwas Besseres, als von Recep Tayyip Erdogan beschimpft zu werden, kann einem deutschen Politiker kaum passieren.

Ärgern werden sich Linke und AfD; aber Erdogan weiß, dass seine Anhänger in Deutschland kaum versucht sein dürften, der kurdenfreundlichen Linkspartei oder der islamfeindlichen AfD die Stimme zu geben. Freilich wären radikale Parteien die Gewinner, falls Deutsche türkischer Abstammung in größerer Zahl die Bundestagswahl boykottieren. Sie sollten also klüger sein als Erdogan.

Dass deutsche Politiker mit starken Worten reagieren, gehört mit zum Spiel. Deutschland-Bashing macht sich bei Erdogan-Anhängern gut, Erdogan-Bashing bei deutschen Wählern.

weiterlesen

Entführung im Vatikan – Wo ist Emanuela Orlandi?

Emanuela war die jüngste Bürgerin des Vatikanstaats. Sie verschwand spurlos. Ihr Bruder stößt bis heute auf eine Mauer des Schweigens © Mattia Balsamini
Sie ist die jüngste Bürgerin des Kirchenstaats, sie wird entführt. Aber von wem? Von Mädchenfängern? Geheimdiensten? Der Mafia? Ihr Bruder rennt auch noch nach 34 Jahren gegen die Mauern des Schweigens im Vatikan an.

Von Nicolas Büchse | stern.de

Gleich werden sich zwei Menschen begegnen, der eine ist Papst, der andere Bruder eines verschollenen Mädchens, sie werden sich die Hände schütteln, und Papst Franziskus wird einen Satz sagen, der Pietro Orlandi trifft wie ein Faustschlag in die Magengrube.

Noch aber muss Franziskus seine Predigt zu Ende bringen, es ist der Morgen des 17. März 2013, der erste Sonntag nach seiner Wahl zum neuen Pontifex. Er spricht über die Barmherzigkeit Gottes vor einer erwartungsfrohen Gemeinde in St. Anna, der Hauptkirche des Vatikanstaats.

Pietro Orlandi war lange Teil dieser Gemeinde, doch ihn treibt weder sein Glaube noch die Neugier auf den Neuen in die Kirche. Er will ein Verbrechen aufklären. Und dazu braucht er den Papst.

Er will von ihm wissen, was seiner Schwester Emanuela widerfahren ist.

weiterlesen

Irakische Armee beginnt Bodenoffensive auf IS-Bastion

Ein Foto der irakischen Armee zeigt Soldaten auf dem Weg nach Tal Afar, eine der letzten größeren IS-Bastionen im Norden des…FOTO: AFP
Tal Afar liegt rund 70 Kilometer westlich von Mossul. Dort verschanzte IS-Mitglieder müssten „aufgeben oder sterben“, sagt der irakische Ministerpräsident.

DER TAGESSPIEGEL

Die irakische Armee hat nach Regierungsangaben ihre seit längerem erwartete Bodenoffensive auf eine der letzten größeren IS-Bastionen im Norden des Landes begonnen. In der Stadt Tal Afar verschanzte Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat müssten „aufgeben oder sterben“, sagte Ministerpräsident Haidar al-Abadi am Sonntagmorgen laut dem Nachrichtenkanal Al-Arabija in einer Fernsehansprache.

Am Dienstag hatte die irakische Luftwaffe damit begonnen, die Bodenoffensive mit Luftangriffen auf IS-Stellungen vorzubereiten.

weiterlesen