Darf ein Alkoholiker Sterbehilfe bekommen?

© Screenshot/BBC Marcel Langedijk: „Es ist nicht so, dass wir in Holland reihenweise Alkoholiker umbringen.“
© Screenshot/BBC Marcel Langedijk: „Es ist nicht so, dass wir in Holland reihenweise Alkoholiker umbringen.“
In den Niederlanden hat ein 41 Jahre alter Familienvater legal eine Giftspritze bekommen, weil er alkoholkrank war. Hätte es einen anderen Ausweg gegeben? Sein großer Bruder begleitete ihn bis aufs Sterbebett. Er sagt: Wir haben alles versucht.

Von Sebastian Eder | Frankfurter Allgemeine

Der 14. Juli 2016 war ein wunderschöner Tag in den Niederlanden, die Sonne schien, es war heiß, Marcel Langedijk aus Amsterdam verließ zusammen mit seinem 41 Jahre alten Bruder Mark am frühen Morgen das Haus. „Das ist also mein letzter Morgen“, sagte Mark. Zusammen tranken die Brüder ein Glas ihres Lieblingsweines, dann gingen sie zu einer Ärztin und rauchten dort eine letzte gemeinsame Zigarette.

Die Ärztin erklärte Mark Langedijk den weiteren Ablauf: Die erste Flüssigkeit, die sie ihm gleich spritzen werde, sei eine Salzlösung. Die zweite ein starkes Schlafmittel. Und die dritte sorge dafür, dass sein Herz aufhöre zu schlagen. Dann kam die Frage: „Sind Sie sich hundertprozentig sicher?“ Die beiden Brüder weinten, am Tag davor hatte sich Mark Langedijk von seinen beiden Söhnen verabschiedet, seine feuchten Augen mit „Heuschnupfen“ erklärt. Jetzt sagte er: „Ja.“ Wenig später war er tot.

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Wenn Mütter ihre Söhne missbrauchen

Foto: imago/ Roland Mühlanger
Foto: imago/ Roland Mühlanger
Mütter, die ihre eigenen Söhne missbrauchen. Das ist ein Satz, in dem so gar nichts zu stimmen scheint. Die Mutter ist der Inbegriff des Warmen, Wohligen, Kuscheligen, des „Hast du denn auch deine Mütze dabei?“ und „Alles wird gut!“. Und dennoch gibt es Jungen, die stillschweigend unter den sexuellen Übergriffen ihrer wichtigsten Bindungsperson leiden.
 

Von Christine Kewitz | VICE.com

Diesem Thema widmet sich nun ein Spielfilm von Florian Eichinger, der aktuell in den Kinos läuft: Die Hände meiner Mutter. Jessica Schwarz spielt die Ehefrau des 39-jährigen Markus (gespielt von Andreas Döhler). Markus wurde in seiner Kindheit das Opfer seiner eigenen Mutter, die sich mit seiner Hilfe körperliche Befriedigung holte. Dabei schafft es der Regisseur, die Geschichte ohne Klischees zu erzählen. Eichinger scheint viel recherchiert zu haben und so gelingt es ihm, der Realität in einem Spielfilm sehr nahe zu kommen.

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Kindesmissbrauch: Als das Jugendamt Pädophile zu Pflegevätern machte

 Schatten auf der Kindheit: Mindestens drei Jugendliche wurden in den 70ern an Pädophile vermittelt Quelle: E+/Getty Images
Schatten auf der Kindheit: Mindestens drei Jugendliche wurden in den 70ern an Pädophile vermittelt Quelle: E+/Getty Images
Beste Absichten: Der Berliner Senat brachte in den 70ern auf Empfehlung eines renommierten Pädagogen Straßenkinder bei vorbestraften Päderasten unter. Jetzt beginnt endlich die Aufarbeitung.

Von Claudia Becker | DIE WELT

Es war ein Experiment. War es gut gemeint? „Diese Leute“, sagte er 1981 bei einer Fraktionsanhörung vor FDP-Bundestagsabgeordneten, „haben diese schwachsinnigen Jungen nur deswegen ausgehalten, weil sie eben in sie verliebt, verknallt und vernarrt waren.“

„Schwachsinnig“ und nur erträglich, wenn man in sie „verknallt“ war – so beschrieb der Berliner Sexualwissenschaftler Helmut Kentler die Jungen, die wie viele andere Kinder und Jugendliche Ende der 60er-Jahre auf West-Berlins Straßen unterwegs waren und mit denen er ein besonderes Experiment durchgeführt hatte. Er hatte sie bei „Pflegevätern“ untergebracht, die wegen Pädophilie bereits vorbestraft waren.

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Todesfälle bei wichtiger neuer Krebstherapie

So genannte Immuntherapien sollen Menschen retten, deren Krebs anders nicht mehr zu besiegen ist. Mehrere Todesfälle bei einer klinischen Studie werfen jetzt jedoch Fragen über ihre Zukunft auf.

Von Emily Mullin | Technology Review

Der Tod von zwei Patienten in einer klinischen Studie wirft Fragen über die Zukunft von so genannten Immuntherapien gegen Krebs auf. Bei diesem Ansatz soll das Immunsystem der Patienten den Krebs selbst bekämpfen, und er galt bislang als sehr viel versprechend.

Kurz vor dem Thanksgiving-Feiertag hatte Juno Therapeutics die Aussetzung seiner Studie an Patienten mit akuter lymphoblastischer Leukämie bekannt gegeben, nachdem zwei ihrer Teilnehmer gestorben waren. In diesem Jahr waren bereits zuvor drei Teilnehmer derselben Studie gestorben. Trotzdem forschen andere Gruppen weiter an der neuen Medikamentenklasse, die bei manchen Patienten mit tödlichen Krebsarten enormes Potenzial verspricht.

Bei der so genannten CAR-T-Therapie entnehmen Wissenschaftler den Patienten T-Zellen und verändern sie außerhalb des Körpers genetisch so, dass sie, nachdem sie den Patienten wieder zugeführt wurden, Krebszellen erkennen und angreifen. Wenn sie von den Aufsichtsbehörden zugelassen werden, könnten diese Therapien das Leben von Patienten retten, die auf die derzeit verfügbaren Therapien nicht ansprechen.

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Sex-Vorwurf gegen Kirchenmann: Bischof soll Zweijährige vergewaltigt haben

missbrauch

Ein Flüchtlingslager im niedersächsischen Friedland. Hunderte Familien haben hier Unterschlupf gefunden. An einem Tag im Juli begrüßt die Lagerleitung wieder Neuankömmlinge, die vielen Kinder werden in eine Spielgruppe gebracht. Ein zweijähriges Mädchen wird in ein Hinterzimmer gezerrt. Dort wird sie von einem Bischof vergewaltigt.

Von Malte Arnsperger | FOCUS ONLINE

Danach wird das Mädchen zurück in den Hort gebracht. Dort nimmt die Mutter ihr völlig verstörtes und schreiendes Kind wieder in Empfang.

Dieser Fall soll sich am 20. Juli 1957 in dem Lager für Spätaussiedler aus Pommern abgespielt haben. Das Mädchen ist mittlerweile 61 Jahre alt. Maria S. (Name geändert) meldete sich vor einigen Tagen bei FOCUS Online und berichtete über das, was ihr vor 59 Jahren widerfahren sei. Ob die Erzählungen stimmen, ist unklar.

Klar ist nur: Ihr Bericht birgt Sprengstoff. Denn der Mann, den sie so schwer belastet, heißt Heinrich Maria Janssen. Er war von 1957 bis 1982 Bischof in Hildesheim, er starb 1988. Er ist Ehrenbürger der Stadt. Im Herbst 2015 wurde bekannt, dass der damalige Bischof in den 60er-Jahren einen Messdiener jahrelang sexuell missbraucht haben soll.

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Virtueller Patient: Nebenwirkungen sind digital

Bild: 4ever.eu
Bild: 4ever.eu
Der Genetiker Hans Lehrach setzt sich für virtuelle Patienten ein, um die Behandlung realer Personen zu verbessern. Damit könnten Ärzte das wirksamste Medikament für den jeweiligen Patienten herausfinden.

Von Susanne Donner | Technology Review

Bei Zahnbürsten und Autos ist die Simulation vor der Produktion längst selbstverständlich. Nicht so bei Medikamenten. Ein fataler Missstand und ein Auslaufmodell, findet Hans Lehrach, Genetiker und emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin. Künftig werden Pharmaunternehmen ihre potenziellen Arzneien zunächst an digitalen Patienten testen, schilderte er beim „Innovators Summit Digital Health“ in Berlin am 30. November 2016. Ärzte werden den virtuellen Kranken auf Knopfdruck verschiedene Tabletten einverleiben, damit sie ihrem Patienten anschließend die wirksamste und schonendste Therapie geben können. Das wäre freilich eine Kernsanierung der Pharmabranche und der Gesundheitsversorgung.

Bei Krebs hat Lehrach seinerzeit am Max-Planck-Institut und heute in einer Ausgründung namens Alacris Theranostics vorgemacht, wie die digitalen Medikamententests funktionieren. Einer Patientin mit Hautkrebs etwa, die bereits Metastasen hatte, konnte er helfen. Dazu speiste er das Netzwerk ihrer Krebszellen samt 21.000 Krebsgenen und Tausenden Proteinen, die sein Unternehmen zuvor dechiffrierte, in ein Computermodell ein. Die Technik dafür ist längst da.

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Homöopathie, Osteopathie, Akkupunktur: Warum die Ausbildung von Heilpraktikern unzureichend ist

Wer heilt, hat Recht? Diese Auffassung wird zwischen Fans der Heilpraktiken und ihren Gegnern immer wieder diskutiert. Fest steht: Heilpraktiker dürfen praktizieren, ohne eine entsprechende Qualifikation nachweisen zu müssen. Warum und wie sich das ändern sollte.

stern-TV Redaktion

Als der heute sechsjährige David auf die Welt kam, wusste niemand, warum der Junge immerzu schrie. Da organisch alles in Ordnung war, wusste auch der Kinderarzt keinen Rat. In ihrer Verzweiflung wandten sich Davids Eltern mit dem einjährigen Jungen schließlich an eine Heilpraktikerin, die bei David einen Impfschaden diagnostizierte. „Sie hat ihn mit ein Stimmgabel behandelt, um damit Energien auszuleiten. Dann hat sie uns erklärt, dass die Impfung einen Darmschaden angerichtet hat“, erzählt Davids Mutter Kerstin Hermann-Ernst. Die Heilpraktikerin empfahl eine Darmsanierung bei dem Jungen, das würde den Jungen beruhigen.

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Your Brain Can Resurrect ‚Forgotten’ Short-Term Memories

Graphic courtesy of Vimeo, Human Brain Project
Graphic courtesy of Vimeo, Human Brain Project
Day-to-day living can be such a struggle for people with short-term memory loss. But scientists have now found that memories are rarely completely lost—instead they’re just moved to the subconscious.

By Grennan Milliken | MOTHERBOARD

A functioning working memory—a part of short-term memory that deals with immediate processing of information—is critical for decision making and behavior. Without the ability to retain information where it can be easily accessed, basic cognitive functions become extremely difficult. Remembering the way to a friends house, for example, could turn into a fresh hell.

For a working memory to be maintained, scientists have long believed that the neurons associated with a memory must be continuously buzzing. But new neuroscience research published in Science suggests that it’s actually possible for the brain to let a working memory go “dormant,” and then fire it back up when it needs it again. This illuminates a whole new mechanism of how the brain processes memories and could perhaps help in treating people with cognitive problems in the future.

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Bottroper Apotheker soll Krebs-Medikamente gestreckt haben

 Nur wenige Apotheken in Deutschland sind auf die Herstellung der Krebsmedikamente spezialisiert. (Foto: dpa)
Nur wenige Apotheken in Deutschland sind auf die Herstellung der Krebsmedikamente spezialisiert. (Foto: dpa)
In Bottrop soll ein Apotheker in mindestens 40 000 Einzelfällen Krebsmedikamente zu gering dosiert haben. Der beschuldigte 46-Jährige sitzt derzeit in U-Haft. Mit den Krankenkassen soll er den vollen Betrag für die angeforderte Dosierung abgerechnet haben. Der finanzielle Schaden soll bei 2,5 Millionen Euro liegen.

Süddeutsche.de

Ein Apotheker in Bottrop steht im Verdacht, massenhaft Krebsmedikamente beim Zusammenmischen zu niedrig dosiert zu haben. Der Staatsanwaltschaft Essen zufolge sitzt der 46-Jährige derzeit in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen.

In mindestens 40 000 Fällen soll der Apotheker Infusionen zur Krebsimmuntherapie abweichend von den individuellen ärztlichen Verordnungen zu gering dosiert haben. Dabei seien die Infusionen „normalerweise abgestimmt auf die Heftigkeit des Krebses“, sagte der Vorsitzende des Bottroper Apothekerverbandes Florian Mies der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ).

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Großbritannien : Im britischen Missbrauchsskandal melden sich hunderte weitere Opfer

Andy Woodward sprach als einer der Ersten über den Missbrauch. Foto: REUTERS
Andy Woodward sprach als einer der Ersten über den Missbrauch. Foto: REUTERS
Mehrere britische Ex-Profis sprechen öffentlich über sexuellen Missbrauch in Jugendjahren. Sie bringen eine Lawine ins Rollen – bei einer eigens eingerichteten Hotline melden sich hunderte weitere Opfer.

Frankfurter Rundschau

Mindestens 350 Menschen sind nach Polizeiangaben als Kinder oder Jugendliche in britischen Fußballvereinen sexuell missbraucht worden. Diese Zahl ergibt sich aus Meldungen bei der Polizei und einer speziell zu diesem Zweck eingerichteten Hotline einer Kinderschutzorganisation, wie britische Medien am Donnerstag berichteten. Mehrere ehemalige Fußball-Profis hatten sich in den vergangenen Wochen getraut, öffentlich über ihr Leid zu berichten. Dazu zählt auch der frühere Profi Andy Woodward, der der Presse vom jahrelangen Missbrauch durch einen Jugendtrainer erzählte.

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Rollstuhl kann Treppen steigen

© Uli Benz / TUM Die beiden
© Uli Benz / TUM Die beiden „Füße“ (gelb) heben den Rollstuhl vorsichtig und selbstgesteuert von Stufe zu Stufe.
Mehr Selbstständigkeit für Gelähmte: Forscher haben einen Rollstuhl entwickelt, der selbstständig Treppen hinauf- und hinabsteigen kann. Das besonders schmale Gefährt besitzt dafür automatische „Füße“, die sensorgesteuert Stufen erkennen und den Stuhl nach oben oder unten heben. Der Clou dabei: Der Rollstuhl stabilisiert sich dabei selbst, so dass er auch auf der Treppe sicheren Halt hat.

scinexx

Freunde besuchen, einkaufen gehen, an Veranstaltungen teilnehmen: Mobilität ist die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Allerdings ist es für gelähmte Menschen oft schwierig, ohne Hilfe auch nur das Haus zu verlassen. Sie müssen Schwellen überwinden, durch enge Türen navigieren und nicht zuletzt oft auch Treppen hinauf oder hinunterkommen. „Die wenigsten Häuser, in denen ältere Menschen wohnen, besitzen Aufzüge“, erklärt Bernhard Wolf von der Technischen Universität München.

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Watch If You Dare: This Tentacled Robot Will Perform Microsurgery on Your Eyes

Watch this tiny robot uses its pincers to perform a cataract surgery and — oh my god, stop, keep it away from my eyeballs!

By Samantha Cole | MOTHERBOARD

If you can stand to watch it through your laced fingers, it’s a pretty amazing little dude. Called Axsis, the robot was designed by Cambridge Consultants and showed off earlier this week. Its body is the size of a soda can and its instruments measure only 1.8 millimeters in diameter. It’s made to perform one of the most common surgeries —cataract correction.

This miniature eye-probing bot is meant to provide greater precision and less human error than a doctor’s fleshy fingers, but it still relies on a human surgeon controlling it using joysticks, with some help from motion-sensing algorithms. “That computer can recognize when the surgeon’s about to make a motion that’s gonna go outside and puncture the lens, for example, and stop that motion,” Chris Wagner, head of advanced surgical systems at Cambridge Consultants, says in this video from Reuters and CCTV News.

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Donald Trump ernennt aktiven Lebensschützer zum Gesundheitsminister

Tom Price, Bild: wikimedia.org/Pd
Tom Price, Bild: wikimedia.org/Pd

Designierter US-Präsident traf wichtige Personalentscheidung: der überzeugte Lebensschützer Tom Price wird Gesundheitsminister – Obama-Care wird rückgängig gemacht – Der Abtreibungsorganisation Planned Parenthood soll das Geld gestrichen werden

kath.net

Der designierte US-Präsident Donald Trump hat am Dienstag den Lebensschützer Tom Price zum neuen Gesundheitsminister ernannt. Die Ernennung gilt als klare Kursänderung und als Absage an die umstrittene Obamacare-Gesundheitsreform, die Trump zum Großteil rückgängig machen möchte. Außerdem soll die finanzielle Unterstützung der Pro-Abtreibungsorganisation Planned Parenthood eingestellt werden. Price, der derzeit noch Kongressabgeordneten aus Georgia ist, gilt daher als einer der wichtigsten Ernennungen von Trump bisher. Der neue Gesundheitsminister nahm bereits mehrfach am bekannten „Marsch für das Leben“ in Washington DC. teil. In einer Rede beim 43. Marsch für das Leben erklärte er, dass es das Wertvollste sei, „die Heiligkeit des Lebens zu verteidigen“. Trump zeigte sich von der Ernennung überzeugt: „Price ist die ideale Wahl für diesen Posten. Er wird daran mitarbeiten Obamacare zu ersetzen und leistbare Gesundheitsvorsorge für alle Amerikaner zu ermöglichen.“

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Studien mit Demenzkranken: Wichtige Aspekte fehlen in der Diskussion

Gegen die Änderungen im deutschen Arzneimittelgesetz haben die Philosophen Prof. Dr. Thomas S. Hoffmann und Dr. Marcus Knaup von der FernUniversität in Hagen sowie die Gastwissenschaftlerin Prof. Dr. Valentina Kaneva aus Sofia große Bedenken. Durch sie werden medizinische Studien mit Menschen ermöglicht, die sich über die Tragweite ihrer Einwilligung zur Teilnahme vielleicht nicht oder nicht mehr im Klaren sind, etwa Demenzkranke (aber nicht nur sie). Der Schutz von „nicht einwilligungsfähigen“ Personen erscheint den Wissenschaftlern unzureichend. In der öffentlichen Diskussion vermissen sie zentrale Punkte: Wurde sie interessengeleitet gesteuert? Wem nützt die Gesetzesänderung überhaupt?

Susanne Bossemeyer Dez. 7.2 – Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
FernUniversität in Hagen

Die vom Bundestag beschlossene Novelle des „vierten Gesetzes zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ bewegt Öffentlichkeit, Politik und verschiedene Verbände. Sie ermöglicht Forschung an volljährigen Personen, die nicht in der Lage sind, „Wesen, Bedeutung und Tragweite der klinischen Prüfung zu erkennen und ihren Willen hiernach auszurichten“. Diese Forschung soll ausschließlichen „Nutzen für die repräsentierte Bevölkerungsgruppe, zu der die betroffene Person gehört“, haben. Im Gesetz werden diese Studien als „gruppennützige“ klinische Prüfungen bezeichnet.

Für Prof. Thomas Sören Hoffmann, Dr. Marcus Knaup und Prof. Valentina Kaneva handelt es sich jedoch um ethisch äußerst fragwürdige „fremdnützige“ Forschung an besonders verletzlichen Menschen, die „Wesen, Bedeutung und Tragweite der klinischen Prüfung“ eben nicht erkennen können und die von den Ergebnissen wohl eher keinen Vorteil haben dürften. Betroffen von diesen neuen Möglichkeiten der Forschung könnten nicht nur Demenzkranke sein, die ganz besonders im Zentrum der öffentlichen Debatten stehen.

Prof. Thomas Sören Hoffmann leitet das Lehrgebiet Philosophie II, Praktische Philosophie: Ethik, Recht, Ökonomie der FernUniversität, Dr. Marcus Knaup ist hier Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Prof. Valentina Kaneva aus Sofia war im Oktober und November 2016 Gastwissenschaftlerin am Lehrgebiet. Sie arbeitet an einem Projekt zu ethischen Problemen medizinischer Forschung am Menschen.

Nebulöse Interessenslage

Für Prof. Valentina Kaneva ist die Diskussion in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern stark politisiert: „Vor allem Politikerinnen und Politiker reden darüber, ob Forschung mit Menschen, die zu einer Einwilligung nicht fähig sind, erlaubt sein soll. Was meinen sie damit, wenn sie über die ‚Notwendigkeit‘ solcher Forschungen sprechen? Welche Interessen vertreten sie? Die der Patientinnen und Patienten? Der Forschung? Des Gesundheitssystems? Der pharmazeutischen Industrie?“

Sie und ihre beiden Hagener Kollegen können auf diese zentrale Frage keine wirkliche Antwort finden, die Interessenslage ist nebulös. Thomas S. Hoffmann schließt einerseits „Druck aus Brüssel für eine EU-einheitliche Regelung“ nicht aus. „Dabei hat die EU ausdrücklich nichts dagegen, wenn einzelne Staaten ein höheres Schutzniveau vorschreiben!“ Marcus Knaup weist darauf hin, dass „der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA) die Gesetzesänderung für nicht notwendig hielt“. Der Bundestag habe im Januar 2013 solche Studien unter der Voraussetzung erlaubt, wenn nicht-einwilligungsfähige Teilnehmende selbst einen individuellen Nutzen davon haben könnten. Davon sei auf einmal keine Rede mehr. Knaup: „Warum gab es eine so schnelle Meinungsänderung?“

Nicht nur Demenzkranke betroffen

Aufgefallen ist den dreien, dass sich die politisch dominierte öffentliche Diskussion vor allem um Demenzkranke dreht. Die Gesetzesänderung bezieht sich jedoch ebenso auf andere „Nicht-Einwilligungsfähige“ wie z.B. Menschen in intensivmedizinischer Fürsorge oder mit einer psychischen Erkrankung. Prof. Hoffmann: „Der §40b AMG hat eine viel breitere Wirkung, als es die Diskussion vermuten lässt.“

Kaneva betont, dass die Beurteilung der Entscheidungsfähigkeit von Demenzkranken sowie von Menschen mit psychischen Erkrankungen sehr komplex ist. „Ob Menschen mit psychischen Einschränkungen entscheidungsfähig sind, wechselt oft von einem Moment zum anderen!“ sagt sie.

Für Hoffmann ist die neue gesetzliche Regelung, nach der neben der Patientenverfügung mit der Einwilligung auch eine Betreuungsperson Stellung nehmen muss, jedenfalls nicht besonders wirkungsvoll: „Als Gesunder kann ein Mensch mit etwas einverstanden sein, was er dann als Demenzkranker offenkundig gar nicht mehr will. Er könnte also als eine Person behandelt werden, die er nicht mehr ist.“

Falsche Reihenfolge

Wenn eine medizinische Studie bewertet werden soll, gehe es – so Kaneva – zunächst um Risiko-Nutzen-Abwägungen: „Dies zu bewerten ist Aufgabe von Forscherinnen und Forschern“, betont sie. „Die Verantwortung liegt bei ihnen und den Ärztinnen und Ärzten in Zusammenarbeit mit Ethikkommissionen. Auch wenn eine Einwilligung vorhanden ist, heißt das nicht, dass die Studie schon gerechtfertigt ist.“ Zunächst müsse geprüft werden, ob alle wissenschaftlichen und ethischen Standards eingehalten werden: Gibt es eine plausible Hypothese als Grundlage der Studie? Dann: Welchen Zweck verfolgt die Studie? Gibt es genügend Mittel? Und sind die Teilnehmenden adäquat geschützt? Erst am Ende stehe deren Einwilligung – um die es jedoch in der Diskussion zuerst gehe.

Kaneva glaubt, dass die Forschung den streng vorgegebenen Ablauf medizinischer Studien weiter einhalten wird: „Erst wird im Labor geforscht, dann an Tieren, dann an gesunden Menschen und erst dann an kranken. Die Forscherinnen und Forscher selbst sind daran interessiert, diese bewährte Reihenfolge einzuhalten.“ Thomas S. Hoffmann ist skeptischer: „Es gab schon im Vorfeld der Gesetzesverabschiedung Versuche, restriktive Vorgaben aufzuweichen und das Einwilligungserfordernis wegfallen zu lassen, vor allem bei psychischen Erkrankungen.“

Historische Erfahrungen

„Der besondere Schutz des Einzelnen hat in der Bioethik zentrale Bedeutung, besonders in Deutschland“, betont Hoffmann. „Die Bundesrepublik und Österreich gehören zu den Staaten, die der ‚Oviedo-Konvention‘ nicht beigetreten sind.“ Dieses „Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin des Europarates“, das in Oviedo (Spanien) unterzeichnet wurde, war beiden Ländern nicht konsequent genug beim Schutz von Menschen. Zudem gab es in der NS-Zeit das Prinzip der „Gruppennützigkeit“: Mit Menschen, die selbst keinen Nutzen davon hatten, wurden Experimente durchgeführt, oft gegen ihren Willen. Einen solchen „Volkskörper“ wollten beide Staaten nie wieder. Und jetzt?

Es geht immer um das Individuum

Hoffmann befürchtet, dass das menschliche Leben immer mehr unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet wird, die gar nicht so weit entfernt sind vom „Volkskörper“ im „Dritten Reich“: Person A nimmt (nur) zum Nutzen der Personen B und C an einer Studie teil.

Marcus Knaup sieht als heutigen gesellschaftlichen Hintergrund einen immer weiter erstarkenden Utilitarismus: „Das pure Nützlichkeitsprinzip steht hier im Vordergrund. Eine Handlung soll ein Maximum an Wohlergehen für alle, die von ihr betroffen sind, erzielen. Der Einzelne wird dadurch aber immer unwichtiger.“ Valentina Kaneva ergänzt: „Wir haben starke Gründe, genau diese Menschen zu schützen. Es geht immer um das Individuum!“

 

Glyphosat: Von Ängsten und Wahrheiten

Glyphosat ist nicht der einzige Inhaltsstoff in Pflanzenschutzmitteln, der bedenklich ist. (Foto: Flickr/ Roundup, Monsanto by Mike Mozart CC BY 2.0)
Glyphosat ist nicht der einzige Inhaltsstoff in Pflanzenschutzmitteln, der bedenklich ist. (Foto: Flickr/ Roundup, Monsanto by Mike Mozart CC BY 2.0)

Schon seit Monaten streitet die EU über die Risiken des Pflanzenschutzmittels. Kritiker halten das Mittel für krebserregend und fordern ein Verbot. Aber sind die Alternativen wirklich besser?

Von Katja Scherer | Technology Review

Mit manchen Sätzen macht man sich derzeit nicht viele Freunde. „Wer Glyphosat verbieten will, sollte sich vorher auch die Auswirkungen der Alternativen anschauen“, ist so einer – selbst wenn man wie Christoph Schäfers der Parteinahme für Monsanto unverdächtig ist. Dabei spricht der Ökotoxikologe vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie nur aus, was in der derzeitigen Debatte um das Pflanzenschutzmittel viel zu kurz kommt: Wenn Glyphosat vom Markt verschwindet, was ist damit wirklich gewonnen?

Stattdessen dominieren Bilder von grünen, jungen Maispflanzen die Debatte. Sie wachsen auf Feldern, die bis zum Horizont reichen, Kleinflugzeuge besprühen sie, als dichter weißer Nebel regnet das Pflanzengift auf die grünen Triebe herab. Den gentechnisch veränderten Maispflanzen kann das Glyphosat nichts anhaben. Die Unkräuter, die zwischen ihnen sprießen, sterben dagegen in den nächsten Tagen ab.

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Alternativmedizin: Starb der kranke Ryan, weil ihm die Mutter Öl gab?

Bild: svz.de
Bild: svz.de

Tamara L. lehnt die Schulmedizin ab und setzt auf „natürliche Heilmittel“. Für ihren Sohn könnte das fatal gewesen sein. Die Mutter steht jetzt vor Gericht. Der Verdacht ist schwerwiegend.

Von Michael Remke | DIE WELT

Ryan Lovett war schwerkrank. Der sieben Jahre alte Junge aus dem kanadischen Calgary litt unter hohem Fieber, klagte über kaum zu ertragende Halsschmerzen. Er schniefte, hustete und hatte sichtbar Mühe beim Atmen. Eine ganz gewöhnliche Grippe, glaubte seine Mutter Tamara L. und gab ihm zur Behandlung Hausmittel wie Löwenzahn-Tee und Oregano-Öl. Mit ihrem Sohn zum Arzt zu gehen kam der Frau, die die moderne Medizin ablehnt und auf „natürliche Heilmittel“ schwört, nicht in den Sinn.

Selbst als sich der Zustand des Kleinen von Tag zu Tag verschlechterte und Freunde sie aufforderten, doch endlich mit ihrem Kind in eine Klinik zu gehen, lehnte die Alleinerziehende jede Hilfe ab. Zehn Tage dauerte das Leiden des Jungen. Dann war Ryan tot. Eine Autopsie ergab später, dass der Junge an einer Streptokokken-A-Infektion gestorben war – eine einfache Behandlung mit Antibiotika hätte ihm vermutlich das Leben gerettet.

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Mehrere Menschen in Australien an Skorbut erkrankt

Zahnfleischbluten bei Skorbut. Bild: wikimedia.org/PD/ CDCP
Zahnfleischbluten bei Skorbut. Bild: wikimedia.org/PD/ CDCP
Skorbut kostete einst vielen Menschen das Leben. Heute kommt die Vitaminmangelkrankeit nur noch selten vor. Doch bei extrem schlechter Ernährung kann man noch immer daran erkranken – so geschehen in Australien.

stern.de

Es ist eine Krankheit, die man eigentlich nur noch aus Erzählungen kennt: Skorbut war im 18. Jahrhundert besonders unter Seefahrern verbreitet, die sehr lange Zeit auf dem offenen Meer verbrachten. Das wohl bekannteste Symptom der Erkrankung ist starkes Zahnfleischbluten und der Verlust der Zähne. Auch Wunden heilen bei an Skorbut erkrankten Personen nur sehr schlecht.

Die Krankheit entsteht durch einen starken Mangel an Vitamin C, welches der Körper nicht selbst produzieren kann. Wie die Nachrichtenagentur Australian Associated Press (AAP) nun berichtet, wurden am Westmead-Krankenhaus im australischen Sydney gleich mehrere Fälle gemeldet, bei denen an Diabetes erkrankte Patienten offenbar auch an Skorbut litten. Der Grund: eine sehr schlechte Ernährung. Eine einfache Vitamin-C-Behandlung führte bei den Personen, die an nicht verheilenden Wunden litten, zu einer schnellen Heilung.

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Tödliche Gene

Anopheles gambiae beim Stich. Bild: wikimedia.org/PD/James D. Gathany
Anopheles gambiae beim Stich. Bild: wikimedia.org/PD/James D. Gathany

Mithilfe der Gentechnik können die Menschen erstmals die Malariamücke ausrotten. Aber dürfen wir das auch?

Von Antonio Regalado | Technology Review

Malaria tötet eine halbe Million Menschen jedes Jahr, vor allem Kinder im tropischen Afrika. Die Ausrottung der Seuche würde in den nächsten 15 Jahren schätzungsweise mehr als 100 Milliarden Dollar kosten. Man bräuchte Moskitonetze für jedermann, Zehntausende Kisten voller AntiMalaria-Medikamente und zig Millionen Liter Insektizide. Warum nicht stattdessen nur einen Kübel voller genveränderter Moskitos?

Am Imperial College in London herrschen in einem Raum hinter schweren Stahltüren feuchtwarme 30 Grad. In kleinen Gazekäfigen hängen die Stechinsekten, ein Warnschild weist sie als „Gene Drive“-Moskitos aus. Der rätselhafte Begriff heißt so viel wie „Genantrieb“ und bezeichnet eine Methode, durch die Gene dazu gebracht werden, sich deutlich stärker zu verbreiten als normal.

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Sexuelle Gewalt: Vor aller Augen

Bild: WAZ
Bild: WAZ
Ein Darmstädter Lehrer vergewaltigte 38 Jahre lang Schüler. Opfer berichten, wie er sie zu sich nach Hause lockte – und niemand ihnen half.

Von Matthias Bartsch | SpON

Das Leiden hätte ein Ende haben können an diesem Vormittag vor fast 40 Jahren. Andreas Ratz erinnert sich noch gut daran, wie er damals auf einer Holzbank vor dem Büro der Schulleiterin hockte. Er habe vorsichtig angeklopft, erzählt er, es gehe „um einen Lehrer“, habe er der Sekretärin gesagt.

Ungefähr eine Stunde lang habe er im Flur gewartet, sagt Andreas Ratz. Er habe auf die geschlossene Bürotür gestarrt, sich Worte zurechtgelegt und wieder verworfen. In seinem Inneren kämpfte die Furcht vor dem Gespräch mit der Rektorin gegen die Wut auf den Mann, der sein Leben so brutal aus der Bahn geworfen hatte. Und der gerade dabei war, anderen Kindern dasselbe anzutun.

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Mysteriöse Atemnot nach Gewitter fordert fünftes Todesopfer

 Nach einem schweren Gewitter in Melbourne mussten über 8500 Menschen in Krankenhäusern behandelt werden (Symbolfoto) © Silas Stein/DPA
Nach einem schweren Gewitter in Melbourne mussten über 8500 Menschen in Krankenhäusern behandelt werden (Symbolfoto) © Silas Stein/DPA
In Australien mussten mehr als 8500 Menschen nach einem Gewitter wegen Atemnot und Asthma behandelt werden. Nun hat das Phänomen namens „Thunderstorm Asthma“ den fünften Menschen das Leben gekostet. Weitere liegen auf Intensivstationen.

stern.de

Die rätselhaften Atemnotanfälle nach einem Gewitter in Australien haben ein fünftes Todesopfer gefordert. Das berichten die „Deutsche Welle“ und ABC. In Melbourne mussten Anfang der Woche über 8500 Menschen in Krankenhäusern behandelt werden. Die Patienten hatten über Atemnot geklagt, viele erlitten Asthmaanfälle. Vier Menschen waren bereits verstorben. Sechs weitere befinden sich laut ABC auf Intensivstationen, vier davon in kritischen Zuständen.

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