Flüchtlinge: Jedem das Seine – auch in der Flüchtlingspolitik

Das Aufnehmen von Menschen in Not ist eine Gerechtigkeitspflicht aller Staaten. Das internationale Recht ist zu eng.

Von Mathias Risse | Frankfurter Allgemeine

Ist es eine Frage der Gerechtigkeit, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt? Früh in der abendländischen Philosophie ist Gerechtigkeit so definiert worden, dass jedem das Seine zu geben sei. Trotz des furchtbaren Missbrauchs dieser Formulierung durch die Nationalsozialisten gibt es keine bessere Definition. Die Frage ist, was „das Seine“ (beziehungsweise das Ihre) ist und in welchem Kontext wir darüber nachdenken sollten. Die Griechen verstanden „das Seine“ als Anteil am Stadtstaat. Überhaupt war es damals der Stadtstaat, mit dem die politische Philosophie befasst war. In der Neuzeit war es der Flächenstaat. Heutzutage, in einer Welt, die Probleme globalen Ausmaßes bewältigen muss (Klimawandel, Migration), sind die relevanten Bezugspunkte Weltgesellschaft und Erdkugel. Und doch gibt es in der zeitgenössischen Philosophie auch immer noch das Verständnis „des Seinens“ als eines angemessenen Anteiles an Gütern, die im Staat gemeinsam möglich gemacht werden. Gleichzeitig denken Kosmopoliten heute, „das Seine“ eines jeden bestehe darin, in angemessener Weise auf seine Menschlichkeit zu reagieren. Es sind die ausgeprägten Eigenschaften unserer Menschlichkeit (Vernunftbesitz, Fähigkeit zum Reflektieren, Planen, tiefes Empfinden, Zusammenwirken mit anderen usw.), deren Schutz die Gerechtigkeit verlangt. Die Menschenrechte gehen aus einem solchen Gerechtigkeitszugang hervor.

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Essen wie geschmiert: Mineralöle in Lebensmitteln

Aufgespießt: Vegane und vegetarische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Foto: picture alliance/Westend61
Aufgespießt: Vegane und vegetarische Lebensmittel auf dem Prüfstand. Foto: picture alliance/Westend61
Mineralölrückstände brachten vielen der jetzt von der Stiftung Warentest bewerteten Fleischersatzprodukte schlechte Noten ein. Doch diese Schadstoffe belasten nicht nur Lebensmittel für Vegetarier und Veganer.

Von Maria-Elisa Schrade | greenpeace magazine

Immer mehr Verbraucher greifen zu fleischlosen Alternativen im Kühlregal. Die Gründe sind vielfältig: Manche handeln aus ethischer und moralischer Überzeugung, andere erhoffen sich durch den Verzicht auf Fleisch eine gesundere Ernährung. Das Essen ohne Fleisch immer auch besser für das körperliche Wohlbefinden ist, stellen neue Ergebnisse der Stiftung Warentest allerdings infrage: Nur sechs der zwanzig getesteten Produkte erhielten die Note „Gut“. Denn die meisten der überprüften Lebensmittel enthalten nicht nur zu viel Fett, sondern auch Schadstoffe – vor allem Mineralöle.

Diese kommen auf ganz unterschiedlichen Wegen in die Nahrung. So gelangen Schadstoffe oftmals aus recycelten Pappverpackungen ins Essen. Oder bei der Verarbeitung, wenn an Maschinen Mineralölprodukte eingesetzt werden, etwa um die die Wurstmasse leichter in die Pelle pressen zu können. In der Nahrung haben diese Schmiermittel nichts zu suchen, insbesondere, weil nach Angaben von Stiftung Warentest genügend andere, unbedenkliche Öle zur Verfügung stehen.

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Insektizid-Hersteller halten Erkenntnisse über Gefahren für Bienen unter Verschluss

Der Einsatz von Neonikotinoiden kann zu einer geringeren Fortpflanzungsrate bei Bienen führen. Foto: Holger Weber/Greenpeace
Der Einsatz von Neonikotinoiden kann zu einer geringeren Fortpflanzungsrate bei Bienen führen. Foto: Holger Weber/Greenpeace
Was unabhängige Wissenschaftler schon seit langem befürchten, haben nun auch bislang unveröffentlichte Studien der Chemikonzerne Bayer und Syngenta ergeben: Neonikotinoide schaden Honigbienen.

Von Joe Sandler Clarke, Matthias Lambrecht | greenpeace magazine

Nach Recherchen des britischen Investigativ-Rechercheteams von Greenpeace Energy Desk dienten die konzerninternen Untersuchungen dazu festzustellen, in welchen Konzentrationen die in Produkten der Unternehmen enthaltenen Neonikotinoide eine Gefahr für Bienen bedeuten. Bei der Gestaltung der Tests hatten sich die Unternehmen mit den Aufsichtsbehörden abgestimmt, die die Grenzwerte für Giftstoffe festlegen und den Herstellern derartige Untersuchungen vorschreiben. Produkte mit Neonikotinoiden von Bayer und Syngenta werden etwa zur Bekämpfung von Blattläusen oder Käfern in der Landwirtschaft eingesetzt.

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Warum Erdogan überall Verschwörungen wittert

Bild: FB
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Zehntausende Türken sind seit dem gescheiterten Staatsstreich Mitte Juli verhaftet oder entlassen worden. Die Regierung glaubt, eine gewaltige Konspiration enttarnt zu haben. Eine erklärbare Illusion.

Von Sven Felix Kellerhoff | DIE WELT

Kein Zweifel: Der Putsch in der Türkei am 15. und 16. Juli 2016 war dilettantisch. Das ist überraschend angesichts der Erfahrungen, die das türkische Militär seit Jahrzehnten mit Staatsstreichen hat. Mindestens genauso verwirrend erscheint Europäern allerdings die Reaktion des populistischen Regimes um Recep Tayyip Erdogan.

Obwohl der gescheiterte Coup gezeigt hatte, wie schwach die Aufständischen tatsächlich waren, witterte der islamistische Präsident überall Verschwörungen: Zu Tausenden wurden Offiziere, Richter, Journalisten festgenommen, mehr als 76.000 Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes entlassen.

Wenn tatsächlich alle oder auch nur die Mehrheit dieser Funktionsträger entschiedene Gegner des Erdogan-Regimes gewesen wären: Seine Regierung hätte den Putsch kaum überstanden. Das ist so offensichtlich, dass kaum jemand in Europa die Motive für Erdogans brutales Durchgreifen verstand.

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NSU-Ausschuss deckt auf: Vorsätzliche Aktenvernichtungen beim Bundesverfassungsschutz

Bild: heise.de/TP
Bild: heise.de/TP
Die Aktenvernichtungen im Bundesamt für Verfassungsschutz nach dem Auffliegen des NSU-Trios im November 2011 geschahen vorsätzlich und nicht wie bisher kolportiert aus Versehen. Für diese Feststellung präsentierte der Untersuchungsausschuss des Bundestages bei seiner letzten Sitzung am Freitag Belege. Die Bundesanwaltschaft kennt den Sachverhalt seit mindestens zwei Jahren und unternahm nichts.

Von Thomas Moser | TELEPOLIS

Nach der Vernichtung von Beweismaterial im Falle des NSU-Tatverdächtigen Jan Botho Werner, veranlasst durch die oberste Ermittlungsbehörde selbst, rückt damit der nächste Fall von Spurenverwischung durch Sicherheitsbehörden in den Fokus. Es sind Vorgänge, die Jahre zurückliegen und die belegen, wie sehr die Aufklärung des Mordkomplexes durch Behörden behindert wird. Der NSU-Skandal endet nicht 2011, sondern fand danach unter anderen Vorzeichen seine Fortsetzung und reicht bis in die Gegenwart.

Am 4. November 2011 wurde das NSU-Trio bekannt. Am 11. November veranlasste ein Referatsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Köln die Löschung von Akten zu mindestens sieben Quellen im rechtsextremen Thüringer Heimatschutz (THS), in dem sich auch die NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bewegt hatten.

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Europa – nach 1000 Jahren Krieg ein Sehnsuchtsort

Bild: bb
Bild: bb
Nach 1.000 Jahren Krieg fast aller gegen fast alle ist die Europäische Union ein unverdientes Paradies für die Menschen eines ganzen Kontinents. Ein Auszug aus der am Freitag im VfGH gehaltenen Festrede zum Verfassungstag

Von Heribert Prantl | derStandard.at

Europa. In diesem, unserem Europa gärt es. Und ob es – um Georg Christoph Lichtenberg zu zitieren – Wein oder Essig werden wird, ist ungewiss. Lichtenberg hat das zu Zeiten der Französischen Revolution geschrieben. Ja, es gärt wieder in Europa. Nationale Fronten machen quer durch Europa Front gegen Europa und gegen die Werte der Aufklärung, gegen die Werte, die in der Französischen Revolution grundgelegt wurden und die in die Europäische Grundrechtecharta eingegangen sind; die Grundrechtecharta ist von diesem Österreichischen Verfassungsgerichtshof in einen hohen Verfassungsrang erhoben worden.

Diese Ihre Entscheidung im Jahr 2012 war ein Meilenstein, weil sie in Verbindung mit der Verfassung und der Menschenrechtskonvention einen sehr dichten Grundrechtsschutz bewirkt hat. Diese Entscheidung Österreichs hat klargemacht, was Europa ist und sein muss: eine Rechts- und Wertegemeinschaft. So ist es de jure. So sollte es sein.

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„1000 Jahre“ vor Gericht: Die Verurteilung der NS-Hauptkriegsverbrecher

Die Anklagebank im Nürnberger Prozess gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher, links Hermann Göring / Bild: (c) imago/ZUMA/Keystone (imago stock&people)
Die Anklagebank im Nürnberger Prozess gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher, links Hermann Göring / Bild: (c) imago/ZUMA/Keystone (imago stock&people)
Vor 70 Jahren ergingen die Urteile gegen Hermann Göring, Ernst Kaltenbrunner und die anderen Angeklagten im ersten Nürnberger Prozess. Er revolutionierte das internationale Recht.

Von Helmar Dumbs | DiePresse.com

Der historische Moment beginnt mit einer Panne. Es handelt sich zwar nur um ein geringfügiges, schnell behobenes technisches Gebrechen, aber es ist von hoher Symbolkraft. Und es ist durchaus symptomatisch für einen von mancher Panne begleiteten Prozess: Als der vorsitzende Richter im Nürnberger Prozess gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher, der Brite Sir Geoffrey Lawrence, am 1. Oktober 1946 beginnt, das Strafmaß für den im Sinne der Anklage schuldig gesprochenen Hermann Göring zu verkünden, bekommt Göring nichts mit. Der Kopfhörer funktioniert nicht. Erst im zweiten Anlauf gelingt es, dem ehemaligen Reichsmarschall Hitlers mitzuteilen, was der nun zwar akustisch hört, aber, sich unschuldig bekennend, nicht verstehen kann: Tod durch den Strang.

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Spektakuläre Kometen-Landung geglückt: Esa beendet „Rosetta“-Mission

 Eines der letzten Bilder der Mission: Der Komet
Eines der letzten Bilder der Mission: Der Komet „Tschuri“ im Abstand von etwa sechs Kilometer aus fotografiert. (Foto: dpa)
  • Die Kometenmission um die Raumsonde Rosetta ist beendet.
  • Die Sonde ist wie geplant auf dem Kometen Tschuri aufgeprallt.
  • Die gewonnenen Daten werden Forscher noch Jahre beschäftigen.

Süddeutsche.de

Nach zwölf Jahren im All ist die Raumsonde Rosetta wie geplant auf den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko, kurz Tschuri, geprallt. Damit hat die Europäische Raumfahrtagentur Esa am Freitag ihre historische Weltraummission zu einem Kometen abgeschlossen. Die Mission mit der Sonde Rosetta sei ein für alle Mal beendet, sagte der Chef des Esa-Flugbetriebs, Paolo Ferri, im Kontrollzentrum Darmstadt: „Sie bleibt in der Kälte für immer und ewig.“

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„Ansteckende Verantwortlichkeit“: Weltweites Experiment zu Folgen der Überwachung

Bundespolizei erprobt mobile Körperkameras, die Gewalttäter abschrecken sollen. Bild: Bundespolizei
Bundespolizei erprobt mobile Körperkameras, die Gewalttäter abschrecken sollen. Bild: Bundespolizei
Bei der Aufrüstung der Polizei mit BodyCams lässt sich beobachten, wie das Wissen um Beobachtung das Verhalten beeinflusst

Von Florian Rötzer | TELEPOLIS

Derzeit findet ein weltweites Experiment mit der Überwachungstechnik von Kameras statt, die Polizisten mit sich führen. Die Polizisten sind damit, ebenso wie die Menschen, die mit ihnen zu tun haben, unter Dauerbeobachtung von Dritten bzw. diese können die audiovisuellen Aufzeichnungen nachträglich ansehen. Da die Polizisten unter Befehl stehen, die Kameras anzuschalten, findet in der Regel keine Selektion statt, was das Experiment dahingehend interessant machen, welche Folgen die dauerhafte Beobachtung des Verhaltens hat, wenn alle Beteiligten sich bewusst sind, dass ihr Verhalten gewissermaßen neutral dokumentiert wird.

BodyCams für Polizisten wurden und werden eingeführt, um Beweismaterial zu sammeln – mit dem erwarteten Nebeneffekt der „Abschreckung“ oder Befriedung, dass sich sowohl Polizisten wie Personen, mit denen sie zu tun haben, regelkonformer und weniger aggressiv verhalten sollen, weil sie anhand der Aufnahmen belangt werden können.

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Sam Harris: Can we build AI without losing control over it?

 

Scared of superintelligent AI? You should be, says neuroscientist and philosopher Sam Harris — and not just in some theoretical way. We’re going to build superhuman machines, says Harris, but we haven’t yet grappled with the problems associated with creating something that may treat us the way we treat ants.

TED.com

„Rosetta“ auf Kollisionskurs mit Komet

Philae. ©ESA/ATG medialab
Philae. ©ESA/ATG medialab
Die Geschichte der Raumsonde „Rosetta“ und ihres Begleiters „Philae“ entwickelte sich zu einem Weltraum-Thriller. Nun findet die Mission ein spektakuläres Ende.

Von Tanja Banner | Frankfurter Rundschau

Wenn die Esa-Raumsonde „Rosetta“ am Freitag direkt auf den Kometen „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“ zusteuert und schließlich auf der Oberfläche des Himmelskörpers zerschellt, dann tut sie etwas, wofür sie eigentlich nicht gebaut wurde. Die Sonde wird gezielt auf Kollisionskurs mit dem Kometen gebracht, den sie seit August 2014 umkreist. Das wird sie nicht überleben, denn dieses Ende der Mission war eigentlich nicht geplant. „Rosetta war absolut nicht dafür gemacht, Schwerkraft auszuhalten“, erklärt die Esa-Ingenieurin Armelle Hubault. „Sie ist als Satellit in der Umlaufbahn eines Kometen angelegt, ein kleines, sehr schwaches Gestell.“

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Die biologische Uhr tickt – unabhängig vom Lebensstil

Proteinuhr
Proteinuhr

Wer genetisch Pech hat, stirbt noch früher, wenn die Hypothese einer epigenetischen Uhr zutrifft

Von Florian Rötzer | TELEPOLIS

Es ist ein schwerer Schlag für die Anti-Aging-Community, die davon ausgeht, dass sich die Lebenszeit durch gesundes Leben und Einhalten bestimmter Regeln verlängern lässt. Wie auch zunehmend in Bezug auf Krankheiten und überhaupt den Lebenserfolg, soll jeder selbst verantwortlich dafür sein, wie lange und wie gesund er lebt. Der Körper ist eine Maschine, die gut gepflegt und ausgelastet werden muss.

Die puritanisch getragene Hoffnung, mit Sport, Diät und anderen Mitteln, die Zeit, Geld und Beharrlichkeit erfordern, das Leben verlängern zu können, ist besonders ausgeprägt in Kalifornien, wo auch der Transhumanismus entstanden ist. Just in Kalifornien, an der University of California, Los Angeles, haben nun Forscher herausgefunden, dass der Lebensstil zumindest bei einer Bevölkerungsgruppe nicht viel zur Lebenserwartung beiträgt, es also möglicherweise nicht so wichtig ist, ob man sich hedonistisch dem Faulenzen und der Völlerei hingibt oder seinem Körper nur bestimmte Lebensmittel einflößt und ihn möglichst viel und anstrengend in Bewegung hält.

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Warum fünf Tech-Giganten gemeinsam künstliche Intelligenz erforschen

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Ethische Richtlinien für Roboter und Algorithmen – dieses Ziel scheint Google, Amazon, Facebook, IBM und Microsoft so wichtig, dass sie dafür ihre Rivalität vergessen.

Von Adrian Kreye | Süddeutsche.de

Fünf Giganten der digitalen Industrie haben am vergangenen Mittwoch angekündigt, dass sie ihre Forschungen zur Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) bündeln wollen. Alphabet/Google, Amazon, Facebook, IBM und Microsoft haben dafür die „Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society“ gegründet, auf deutsch in etwa eine Partnerschaft, damit künstliche Intelligenz den Menschen und der Gesellschaft zum Nutzen dient.

Man könnte nun eine Weltverschwörung des Silicon Valley vermuten. Immerhin handelt es sich hier um die fünf Konzerne, die international die größten Datenbanken und damit das Gros der globalen Datensätze besitzen. In Wahrheit ist die Gründung jedoch ein historischer Schritt, denn die Partnerschaft für künstliche Intelligenz soll vor allem garantieren, dass die Konzerne gemeinsame ethische Richtlinien für die Entwicklung künstlicher Intelligenz finden.

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Bibel: Zank ums Testament

Die Bibel mit dem Alten Testament steht in einem Regal in Euskirchen (imago / Hermann J. Knippertz)
Die Bibel mit dem Alten Testament steht in einem Regal in Euskirchen (imago / Hermann J. Knippertz)
Der Berliner Theologe Notger Slenczka löste im vergangenen Jahr eine Kontroverse aus. Er hatte sich dafür ausgesprochen, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon herauszulösen. Unter Theologen, aber auch in den Medien, schlugen die Wellen hoch. Von Antijudaismus war die Rede. Was ist aus der Debatte geworden?

Von Carsten Dippel | Deutschlandfunk

Im christlichen Bibelkanon stehen Altes und Neues Testament als zwei gleichberechtigte Teile nebeneinander. Doch genau um diese Kanonizität wird in der evangelischen Theologie nun seit letztem Jahr heftig gestritten. Selbstverständlichkeiten sind ins Wanken geraten, der Streit reicht weit über die akademische Zunft hinaus. Denn hierbei geht es um die Grundfesten des christlichen Selbstverständnisses, um die Haltung gegenüber dem Judentum, um die Art und Weise, wie die biblische Botschaft in Forschung, Lehre, den Gottesdiensten behandelt wird. Es geht bei all diesen Fragen buchstäblich ums Ganze. Alexander Deeg lehrt Praktische Theologie an der Universität Leipzig:

„Wir lesen Texte, die nicht nur unsere Texte sind, aber die wir notwendig als unsere Texte reklamieren. Das führt uns immer in die Spannung: Christliche Identität ist niemals bei sich selbst und vollkommen, sondern wir erzählen uns hinein in die Geschichte Israels, die teils unsere Geschichte ist und zu gleichen Teilen bleibend eine fremde Geschichte ist.“

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Muslime in Deutschland

Moscheekuppel © Islamwoche Berlin
Moscheekuppel © Islamwoche Berlin
In einer Zeit, in der die Öffentlichkeit in fast inflationärer Weise mit Erklärungen, Aufrufen und Deklarationen zur Islam-Debatte überschüttet wird, braucht es eine grundlegende Standortbestimmung. Es ist unverzichtbar, die Grundkoordinaten der aktuellen Diskussionen offenzulegen, um Akteure, Positionen und Argumente richtig einordnen zu können. Im Folgenden ein erster Auftakt für diese Standortbestimmung in 10 Thesen.

Von Murat Kayman | MiGAZIN

These 1 – Das Narrativ des gesellschaftlich „Anderen“ hat einen historischen Transformationsprozess durchlaufen, resultiert aber gleichzeitig in der Perpetuierung der Vorstellung vom „Fremden“ – und das trotz der gestiegenen muslimischen Bemühungen zur Beheimatung ihres Glaubens und ihrer Gemeinden

Beginnend mit dem „Gastarbeiter“ in den Anfangsjahren der „Gastarbeitermigration“ bis in die 1980er Jahre hinein waren Muslime vor allem die kulturell Fremden – jene, die anders riechen, anders aussehen, anders reden. Damals hat man sie noch nicht Muslime genannt, sondern Türken.

Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung und der Herausforderung, ein neues deutsches „Wir“ zu konstruieren, wandelte sich das Bild dieses „Türken“ bis Anfang der 2000er Jahre zu dem, eines nationalen Fremden. Im Fokus standen Fragen des Staatsangehörigkeitsrechts, des Doppelpasses, des „Beileidstourismus“. Unausgesprochen, vielleicht auch nur unterbewusst, ging es um die Frage, wer der „deutsche Bürger“ ist. Der „Ausländer“, der seit 40 Jahren fest in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit verankert war oder der „Ossi“ nach 40 Jahren Sozialisation als politischer Gegner im Kalten Krieg?

Spuren dieses Wandels finden sich auch in den Schmähungen als exkludierende Begleitmusik jener Zeit: Aus „Kümmel-Türken“ und „Knoblauchfressern“ wurden „Ausländer“, denen possessiv deutlich gemacht wurde, dass „Deutschland den Deutschen“ gehört.

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„Die braucht man nicht fördern, die wird bald schwanger“

 Männer verteidigen im Büro ihr Revier vor Frauen, weil sie Angst vor Machtverlust haben. (Foto: imago/Westend61)
Männer verteidigen im Büro ihr Revier vor Frauen, weil sie Angst vor Machtverlust haben. (Foto: imago/Westend61)
Mit so einem Spruch wird einer Frau gerne einmal die Karriere verbaut. Warum Männer Angst vor starken Frauen haben, erklärt Psychologe Werner Dopfer in seinem Buch „Das Mama-Trauma“. Sie seien einfach die besseren Chefs.

Von Nadja Lissok | Süddeutsche.de

Frauen sind kooperativer, kompromissbereiter und weitsichtiger als Männer – davon ist Diplom-Psychologe und Managementcoach Werner Dopfer überzeugt. In seinem Buch „Mama-Trauma – Warum Männer sich nicht von Frauen führen lassen“ beklagt er, dass es dennoch so wenige Chefinnen in Deutschland gibt. Viele Männer bleiben immer noch lieber unter sich. Und warum? Weil sie sich vor starken Frauen fürchten.

Sz.de: Herr Dopfer, in Ihrem Buch stellen Sie fest, dass Männer, von Konkurrenz- und Leistungsdenken getrieben, auch gern mal organisiert im großen Stil betrügen. Hätte es die Finanzkrise oder den VW-Skandal nie gegeben, wenn mehr Frauen in den Führungsriegen sitzen würden?

Werner Dopfer: Aktuelle Forschungsergebnisse legen das nahe. Frauen sind gewissermaßen ein Garant für Fairness und Nachhaltigkeit, sie sind weniger anfällig für Größenwahn und versuchen seltener eigene Interessen durchzusetzen. Frauen wollen Risiken eher minimieren und spüren intuitiv, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

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Gewalt: Biologisches Erbe oder Kultur?

Aggression unter Artgenossen gibt es bei Schimpansen und anderen Primaten häufiger als bei den meisten anderen Säugetieren. © USO/thinkstock
Aggression unter Artgenossen gibt es bei Schimpansen und anderen Primaten häufiger als bei den meisten anderen Säugetieren. © USO/thinkstock
Gewalttätiges Erbe: Sind Mord und Totschlag bei uns kulturell bedingt – oder doch ein biologisches Erbe? Eine „Rasterfahndung“ im Säugetierstammbaum liefert dazu nun neue Fakten. Demnach nimmt die innerartliche Aggression auf dem Weg zu den Primaten deutlich zu, gleichzeitig fördert eine soziale und territoriale Lebensweise die Gewalt, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature“ berichten. Wir Menschen haben daher gleich in doppelter Hinsicht eine hohe Gewaltneigung geerbt.

scinexx

Mord und Totschlag gibt es schon seit den Anfängen der Menschheit: Schon unter Neandertalern gab es tödliche Fehden, Massaker und sogar Kannibalismus, aber auch der Homo sapiens metzelte Gegner nieder, wie 10.000 Jahre alte Skelettfunde belegen.

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Vor lückenloser Säkularisierung wird gewarnt

Überlegenswert: Luxus als radikale Welterfahrung und absolute Diesseitigkeit Foto: Laurent Gillieron
Überlegenswert: Luxus als radikale Welterfahrung und absolute Diesseitigkeit Foto: Laurent Gillieron
Im österreichischen Lech trafen sich zum 20. Mal beim Philosophicum hochrangige Denker. Sie debattierten über „Gott und die Welt“.

Von Georg Herrnstadt | taz.de

Unter dem Allerweltstitel „Über Gott und die Welt – Philosophieren in unruhigen Zeiten“ beging das Philosophicum Lech sein 20. Jubiläum. Und es verlief prächtig.

Denn der, von Konrad Paul Liessmann als „anarchistisches Querformat der Kommunikation – locker und ohne zweckrationalen Ergebnisdruck“ angekündigte Denkraum bot ihm selbst und einigen Anderen wie etwa Heinz Bude, Herfried Münkler, Mouhanad Khorchide reichlich Gelegenheit mit Philosophie als „Diskussionstechnik plus ehrlich offener Wahrheitssuche“ (Carlos Fraenkel) zu brennenden Fragen unserer Zeit Stellung zu beziehen.

Ganz imposant, wenngleich etymologisch nicht durchwegs nachvollziehbar gelang dies Christoph Türcke, der unter der Schlagzeile „Wir kommen von Gott nicht los, solange wir mit Geld hantieren“ eine alternative Deutung der historischen Verknüpfung von Geld, Schuld und Opfer bot.

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Babi Jar: Erschossen und in der Schlucht verscharrt

Gedenktafeln erinnern an die 33.771 ermordeten Juden in Babi Jar. Foto: dpa
Gedenktafeln erinnern an die 33.771 ermordeten Juden in Babi Jar. Foto: dpa
Vor 75 Jahren töten die Nazis in der Schlucht von Babi Jar 34.000 Juden. Der Vernichtungsfeldzug der Nazis gegen Europas Juden hat dort seinen Anfang genommen.

Frankfurter Rundschau

Raissa Maistrenko war erst drei Jahre alt, doch der eine Tag vor 75 Jahren hat sich in ihr Gedächtnis eingegraben. „Hier wurden wir versammelt und auf den ‚Todespfad‘ geschickt“, erzählt die 78-Jährige und zeigt auf die mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Böschung im Nordwesten der ukrainischen Hauptstadt. Ursprünglich lag die Schlucht außerhalb der Stadtgrenze von Kiew. Ihr Name, Babi Jar, steht für das schlimmste Massaker an Juden vor dem fabrikmäßigen Massenmord durch Gaseinsatz im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Nach ihrem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 begannen die Nazis mit der systematischen Ermordung der Juden in den von ihnen eroberten Gebieten. Nach der Eroberung Kiews töteten SS-Sonderkommandos mit Hilfe ukrainischer Kollaborateure am 29. und 30. September in der Schlucht von Babi Jar 34.000 Juden, meist Ältere, Frauen und Kinder. Ohne Unterbrechung schossen sie auf ihre Opfer, die sich zuvor entkleiden und in die Schlucht legen mussten.

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Pangolins, the World’s Most-Trafficked Mammal, Are Now One of the Most Protected

Pangolins—the painfully-cute, scale-covered creatures that are the most trafficked mammals on the planet—are now one of the world’s most protected species.

By Kaleigh Rogers | MOTHERBOARD

Nations that agree to the Convention on International Trade in Endangered Species (CITES), an international treaty to protect endangered plants and animals, voted Wednesday to add all eight species of pangolins to the Appendix I listing—the category for the most endangered species that enforces the strictest limitations. That means that all international commercial trade of pangolins is now banned.

“This decision will help give pangolins a fighting chance,” Susan Lieberman, the vice president of international policy for the Wildlife Conservation Society, said in a press release. “The world is standing up for the little guy with this pivotal decision for greater protection of the pangolin.”

Pangolins are poached for their scales, which are used in Chinese medicine, and for their meat, which is considered a delicacy in some parts of the world. But this demand has meant that more than 1 million pangolins have been poached over the last 10 years. Conservationists say it’s difficult to estimate how many are left in the wild, but their population may have dropped as much as 90 percent. Every species of pangolin is listed as either Critically Endangered, Endangered or Vulnerable by the International Union for Conservation of Nature (the world’s biggest conservation organization).

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