Dodo Gysi: „Jesus wäre ein kritisches Mitglied unserer Partei.“

Bild: FB

Der Vorsitzende der Europäischen Linken, Gregor Gysi, hält die Kirchen für unverzichtbar. Ohne Kirchen gäbe es keine allgemeinverbindlichen Moralnormen mehr, sagte der Linken-Politiker der „Berliner Zeitung“ (Dienstag).

evangelisch.de

Die Linke sei über lange Zeit in der Lage gewesen, solche Normen im Sozialbereich aufzustellen. Durch das Scheitern des Staatssozialismus sei die Linke für die Allgemeinverbindlichkeit zu geschwächt. „Ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften hätten wir also keine solchen Moralnormen mehr. Der Kapitalismus kann sie nicht erzeugen.“

Den am Mittwoch in Berlin beginnenden evangelischen Kirchentag hält Gysi für „etwas Wichtiges“. Die Menschen brauchten diese Art der Begegnung, den Austausch, das Gespräch. In Berlin werde das sicherlich spannend werden.

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Kara Cahil

Aydan Özoğuz. Bild: RDF
Über Aydan Özoğuz und die deutsche Kultur

Von Giordano Brunello | Richard-Dawkins-Foundation

Die deutsche Sprache ist eine wunderbare Sprache, reich an Ausdrücken, die manchmal so perfekt sind, um gewisse Dinge zu umschreiben, dass andere Sprachen Begriffe aus ihr eins zu eins übernommen haben. Der französische Ausdruck le leitmotiv ist ein solches Beispiel, oder le kitsch, oder le glockenspiel. Das Französisch steht aber nicht alleine da, wenn es darum geht, der deutschen Sprache Wörter zu entnehmen. Auch das Englische hat sich mehrfach aus dem deutschen Sprachschatz bedient. So gibt es im Englischen Begriffe wie the bildungsroman, the doppelganger, the rucksack oder the wunderkind.

Die türkische Sprache ist gewiss nicht so reich an Ausdrücken wie die deutsche. Nichtsdestotrotz konnte sie die deutsche Sprache beispielsweise mit den Begriffen Kiosk (köşk für Villa oder Pavillion) oder Joghurt (yoğurt) bereichern, die aus dem Türkischen stammen. Es gebe noch weitere Wörter im Türkischen, welche Aufnahme in andere Sprachen – unter anderem auch ins Deutsche – finden könnten, weil sie Dinge beschreiben, für die es in anderen Sprachen keine befriedigende Übersetzung gibt, so wie der deutsche Begriff Leitmotiv, den ich oben erwähnt habe. Yakamoz ist ein solches Beispiel. Yakamoz beschreibt das Leuchten im Meer, das insbesondere in Mondnächten entsteht, wenn sich Fische im Wasser bewegen, oder wenn sich die Ruder von Booten, die sich im Wasser befinden, bewegen. Gemäss Spiegel-Bericht sei yakamoz übrigens im Jahr 2007 zum schönsten Wort der Welt ernannt worden, wobei der Artikel den Begriff fälschlicherweise und damit etwas unglücklich mit „Widerspiegelung des Mondes im Wasser“ übersetzt. Phosphoreszenz wäre als Übersetzung sicherlich treffender, wobei yakamoz eben nicht jede Phosphoreszenz umschreibt, sondern nur jene in der vorerwähnten Konstellation.

Es gibt einen weiteren wunderbaren türkischen Ausdruck, der sich ähnlich wie yakamoz auch nicht so ohne weiteres ins Deutsche übersetzen lässt: Kara cahil. Mir ist es wichtig, dass die Leser kara cahil richtig aussprechen: Kara Dschaahill. Nur so gibt es wenn auch nur eine äußerst kleine Chance, dass der Ausdruck wenigstens in der deutschen Umgangssprache Gebrauch findet, insbesondere wenn von Aydan Özoğuz die Rede ist. Und jetzt alle zusammen: Kara cahil! Und nochmals: Kara cahil!

Genau diese beiden Wörter sprach ich ganz spontan und laut aus, als ich gestern die nachfolgenden zwei Sätze der Integrationsbeauftragten des Bundes Aydan Özoğuz in einem von ihr verfassten Artikel im Tagesspiegel las:

„Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar. Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unsere Geschichte geprägt.“

Da ich meistens in deutscher Sprache denke, erst recht, wenn ich Deutsch spreche oder einen deutschen Text lese, war ich selbst ein wenig überrascht, als ich ausgerechnet auf Türkisch spontan und laut (keine Angst, liebe Leser, ich war in meinem Wohnzimmer) „Kara cahil!“ rief. „Kara cahil Aydan Özoğuz!“ sprach ich weiter. Dann sagte ich noch einige weitere Dinge auf Türkisch, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.

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Syrien: Für Christen keine Alternative zum Assad-Regime

Szene aus dem IS-Video: Kalte Menschenverachtung
Youtube
Salzburger Orientexperte Prof. Winkler in Interview für Magazin „Information Christlicher Orient“: Einfluss des fundamentalistischen Islam bereits so stark, dass es für Christen ohne Assad „ganz düster“ aussehen würde

kath.net

Die Christen in Syrien unterstützen das Regime von Präsident Bashar Assad allein aus dem Grund, weil sie keine Alternative haben. Das betont der Salzburger Ostkirchenexperte Prof. Dietmar Winkler. „Wenn Assad fällt, was passiert dann? Der Einfluss des fundamentalistischen Islam ist im Land bereits so stark, dass es für die Christen dann ganz düster aussehen würde“, so Winkler wörtlich in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Information Christlicher Orient“. Sogenannte „gemäßigte“ Rebellen gibt es laut Prof. Winkler in Syrien de facto nicht.

„Im Krieg gibt es keine Waisenknaben“, so Winkler. Kriegsverbrechen würden von allen Seiten begangen. Und wenn von mancher Seite das Assad-Regime als unschuldig dargestellt wird, stimme das natürlich auch nicht. Aber, so Winkler: „Die lokalen Bischöfe sagten und sagen mir immer wieder in Gesprächen: Was ist die Alternative für die Christen? Wer schützt die Christen, wenn nicht das Assad-Regime? Welche Perspektiven gibt es überhaupt?“

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Warum Deutschland eine Anti-Folter-Stelle braucht

Gibt es Folter in deutschen Gefängnissen? In Haftanstalten wird die Würde der Insassen manchmal unwissentlich verletzt. (Foto: dpa)
Gefesselte Senioren, Videokameras auf Toiletten, Häftlinge, die sich nackt ausziehen müssen: Die „Nationale Stelle zur Verhütung von Folter“ hat viel zu tun.

Von Bernd Kastner | Süddeutsche.de

Es ist ein paar Jahre her, da bat Rainer Dopp in einem Gefängnis um Einlass. Der Pförtner griff zum Telefon und meldete mit süffisantem Unterton nach oben: „Die Folter-Kommission ist da.“ Dopp gehört zu einer Einrichtung, die einzigartig ist in Deutschland und hin und wieder mit Stirnrunzeln oder Spott begrüßt wird, sie heißt „Nationale Stelle zur Verhütung von Folter“. Folter? In Deutschland?

Rainer Dopp, 68, zuletzt Justizstaatssekretär in Mecklenburg-Vorpommern, arbeitet ehrenamtlich für diese „Stelle“. Er sitzt jetzt am Konferenztisch in einer alten Wiesbadener Villa, der Jahresbericht für 2016 liegt auf dem Tisch. Darin ist gleich im Vorwort von verletzter Menschenwürde die Rede. Ja, in deutschen Haftanstalten.

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Dodo Käßmann will fröhlichere Gottesdienste – mehr Trinken?

Die Theologin Margot Käßmann fordert Reformen im Alltag der Kirchen. Ein zentraler Punkt der Kirchenerneuerung müsse der Gottesdienst sein, erklärte die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Montag in Wittenberg: „Viele unserer Gottesdienste sind trostlos. Die Frage ist also: Wie können wir fröhlich feiern, damit Menschen uns öfter brauchen als nur im Weihnachtsgottesdienst?“

evangelisch.de

Käßmann rief auch dazu auf, den Dialog mit anderen Religionen zu suchen. Für sie persönlich sei Jesus der Weg zu Gott, andere Menschen hätten andere Wege, und das sei gut so. „Wer Angst vor dem Glauben anderer hat, ist schwach aufgestellt“, betonte Käßmann bei einem Besuch der Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

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Evangelisches Dekanat Wiesbaden wehrt sich gegen Unterstellung, Flüchtlinge ließen sich aus „asyltaktischen Gründen“ taufen

Das evangelische Dekanat Wiesbaden wehrt sich gegen Vorwürfe, Iraner würden aus „asyltaktischen Gründen“ zum Christentum übertreten und sich taufen lassen.

Von Christoph Cuntz | Gießener Anzeiger

In der evangelischen Auferstehungsgemeinde Wiesbaden-Schierstein gebe es bereits seit sechs Jahren einen persischsprachigen Gottesdienst. Mehr als 100 Frauen und Männer hätten seither zum christlichen Glauben gefunden. Der überwiegende Teil sei aus politischen und oder religiösen Gründen aus dem Iran oder Afghanistan geflohen. Die Annahme, diese Flüchtlinge ließen sich aus „asyltaktischen Gründen“ taufen, mache ihn fassungslos, so Farhad Mostaschari, der selbst Iraner und Mitglied im Vorstand der Auferstehungsgemeinde ist. „Ich bin schockiert. Diese Vorwürfe treffen in unserer Gemeinde absolut nicht zu“, sagt Mostaschari.

Entscheider haben Zweifel an Beweggründen

Wie berichtet, haben Entscheider des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Asylverfahren immer wieder Zweifel am Bekenntnis der vermeintlichen Neu-Christen.

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Arbeitsgericht: Fristlose Kündigung wegen Abtreibungsfrage unwirksam

Justitia Skulptur (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)

Klinikdirektor Fröhling hatte öffentlich Abtreibungsweigerung des Gynäkologiechefarztes der Capio-Klinik Danneberg unterstützt, dafür durfte er nicht gefeuert werden – Ärztekammer kritisiert finanziellen Druck der Gesundheitsministerin auf die Klinik

kath.net

Klinikdirektor Markus Fröhling war im Februar 2017 von seiner Klinik in Dannenberg fristlos gekündigt worden, da er öffentlich den damaligen Gynäkologie-Chefarzt Thomas Börner unterstützt hatte, der Abtreibungen in seiner gynäkologischen Abteilung Abtreibungen abgelehnt hatte. Fröhling hatte gegen die Kündigung Klage eingereicht. Das Arbeitsgericht Lüneburg am 19. Mai diese fristlose Kündigung für unwirksam erklärt, der Capio-Konzern muss die Kündigung zurücknehmen und Fröhling zu den früheren Konditionen weiterbeschäftigen. Das berichtete die Evangelische Nachrichtenagentur „idea“. Unter Hinweis auf die „Elbe-Jeetzel-Zeitung“ berichtete „idea“ weiter, dass der Konzern aber wohl den Klinikdirektor nicht weiterbeschäftigen, sondern eher eine deutliche Abfindung bezahlen werde.

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Dodo Gabriel: Wir müssen das Friedenspotenzial der Religionen fördern

Sigmar Gabriel 2017. Bild: wikimedia.org/Olaf Konsinsky, bearb.: bb
Wer Religion stets nur als konfliktverschärfend sieht, macht einen großen Fehler. Der interreligiöse Dialog muss Teil einer neuen Außenpolitik der Gesellschaften sein. Ein Kommentar.

Von Sigmar Gabriel | DER TAGESSPIEGEL

Palmyra liegt in Trümmern, weil der sogenannte Islamische Staat die Erinnerung der Menschen in Syrien an eine jahrtausendealte kulturelle Identität zerstören will. Boko Haram führt seit Jahren im Nordosten Nigerias einen blutigen Feldzug, um ein islamisches Kalifat zu errichten. In Myanmar wird die muslimische Minderheit der Rohingya verfolgt. Von Paris bis Berlin haben Attentäter im Namen der Religion schändliche Anschläge verübt.

All diese Beispiele zeigen, wie politische und wirtschaftliche Konflikte pseudoreligiös aufgeladen werden und wie Religion als reines Feigenblatt benutzt wird. Das droht zu überdecken, welche positive Kraft in Religionen steckt: die Überwindung der Angst, das Vertrauen auf die Barmherzigkeit und die Weitergabe dieser Barmherzigkeit an den Nächsten. Religionen bewahren ein tiefes Wissen um Schuld, Vergebung und Versöhnung. Religionsgemeinschaften können für Ausgleich und Gerechtigkeit in ihren Gesellschaften eintreten. Sie haben ein langes Zeitverständnis, das etwa in der Friedensarbeit notwendig ist. Und sie machen an den Grenzen der Nationalstaaten nicht halt.

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Das Vergnügen an der Verrohung ✠ Homonationalisten – ihre Ziele und Antriebe

Dresden am 15. Dezember 2014 Foto: Flickr-User Karl-Ludwig Poggemann – Eigenes Werk, CC BY 2.0
Unser Gastautor Wolfgang Brosche mit einer Bestandsaufnahme des Rechtsrucks und seiner Ursachen. Warum stehen manche schwule Männer auf Führertypen, warum neigen einige Homosexuelle zu Ausgrenzung und Hass. Welchen Einfluss hat dabei sexuelles Verlangen?

Von Wolfgang Brosche | blu.fm

Homonationalisten und der „Wille zur Macht“

Im Jahr 2007 prägte die Queer-Theoretikerin Jasbir Puar den Begriff Homonationalismus. Er bezeichnet die Akzeptanz und die Übernahme heteronormativer, rassistischer, und klassistischer Denkweisen in den queeren Diskurs. In der Tat kann man homonationalistische Phänomene und Personen beobachten, die Teil sind des allgemeinen Abgleitens in den rechten Sumpf der Entsolidarisierung, des brutalen Sozialdarwinismus und des faulig schimmernden Nationalismus. Die Tendenzen der Verrohung machen nicht vor homosexuellen Menschen halt, deren Erfahrung der Differenz zur Mehrheitsgesellschaft sie eben nicht zwangsläufig einsichtiger macht. Der Wunsch zur Mehrheit zu gehören, die Norm zu sein und die Norm zu bestimmen, entspringt dem „Willen zur Macht“ über andere, der das skrupellose Ausnutzen und Verbrauchen von Mensch und Umwelt rechtfertigen soll; in dieser traurigen Tatsache unterscheiden sich homosexuelle Menschen in Nichts von Heterosexuellen.

Die angeblich neue Rechte ist die alte. Der lärmende Aufwand, den sie betreibt, um ihre Ansprüche, Antriebe und Ziele zu rechtfertigen oder zu verschleiern mag andere Formen haben als vor 85 Jahren, seine Stoßrichtung führt jedoch genau wie damals ins Antizivilisatorische nach unten. Tatsächlich bietet die Rechte – auch wie damals – keine wirklich politischen Ziele, nichts Konstruktives, keine Bewältigungsversuche der sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Probleme der Gegenwart, sondern nur Destruktion: Zerstörung, Gewalt, gigantische Fresssucht und letztendlich todessehnsüchtige Vernichtung dessen, was die Rechten nicht verstehen, geschweige denn meistern können. Die neue wie die alte Rechte legen eine barbarische Dummheit und ein gewalttätiges Unvermögen an den Tag, dessen End-Ziel die Beseitigung der Gegner, der „Anderen“, die mörderische Lust, der Lust-Mord ist. Das Pauken-Getöse um angeblich alte Werte, Traditionen, Patriotismus und Nationalismus ist nur Tarnung. Es geht tatsächlich um das primitive „Wir oder sie“, eine Maxime, vor deren endgültiger Konsequenz ihre Vertreter immer weniger zurückschrecken.

Das werde ich an einigen Fallbeispielen von Homonationalisten zeigen.

Nöler, Opportunisten, Kleingeister

Fangen wir unten an: die meisten der Homonationalisten sind subalterne Nöler, Opportunisten, Mitläufer, egoistische Kleingeister und Kleinbürger; manche spült der Zufall für kurze Zeit an die Oberfläche. Dann steigt ihnen der kurzfristige Bekanntheitsgrad zu Kopf und sie präsentieren ihre Ressentiments mit entlarvender Plumpheit und Schambefreitheit. Immer wieder spie zum Beispiel Mirko Welsch, der sich Sprecher der Schwulengruppe in der AfD nannte, Beleidigungen und Frechheiten aus gegen Personen, die ihm nicht passten und über politische Gedanken, die er nicht zu begreifen in der Lage war. Mit einer Hand voll von Schlagwörtern (jawohl, „Schlag“wörtern, er benutzte sie wie derbe Knüppel um zuzuschlagen, zu verletzen) versuchte er den Gegner auszuschalten.

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Wie reich die großen deutschen Kirchen sind

Der Berliner Dom kostet in der Unterhaltung jedes Jahr 600 Millionen Euro Bild: bb
Die katholische und die evangelische Kirche besitzen ein Milliardenvermögen. Kritiker stören sich daran, dass sie zusätzlich auch noch Leistungen vom Staat bekommen.

Von Carla Neuhaus | DER TAGESSPIEGEL

Die Badewanne des Bischofs von Limburg hat es den Besuchern angetan. Etliche Fotos von ihr tauchen derzeit im sozialen Netzwerk Instagram auf. Das Bistum hat im Mai gleich zwei Mal zu einem Rundgang der besonderen Art eingeladen. Interessierte konnten das Bischofshaus besuchen und wurden dabei aktiv aufgefordert, ihre Fotos bei Instagram hochzuladen. Eine mutige Entscheidung. Schließlich stehen Badewanne, Fitnessraum und Karpfenteich in Limburg für: Verschwendung und Protz. Der frühere Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst hat beim Bau des Komplexes so viele Sonderwünsche geäußert, dass die Kosten explodierten – statt sechs wurden 30 Millionen Euro fällig. Allein für die freistehende Badewanne sollen 15.000 Euro draufgegangen sein. Tebartz-van Elst hat das sein Amt gekostet. In Limburg wie in anderen Bistümern ist man seitdem sehr auf Transparenz bedacht. Und trotzdem ist das mit dem Geld und der Kirche bis heute immer noch so eine Sache.

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Kirchentag und Atheismus: Für mich bitte kein Kreuz

Bild: Leipziger Blatt
Messen sind oft große Shows, Gläubige engagieren sich, der Armenpapst wirkt bereichernd. Warum ich trotzdem nicht an Gott glaube: Bekenntnis eines Berliners zum Kirchentag.

Von Robert Ide | DER TAGESSPIEGEL

Heute werden sie wieder durch den Kiez klingen und in meinen Ohren, als Sinfonie unserer Großstadt, als schlagendes Herz meiner Nachbarschaft, als Unterbrechung des Alltags zumindest in Gedanken – die Kirchenglocken rufen wieder zum heiligen Sonntag. Ich werde sie gern hören und gleichzeitig überhören. Denn was ist Berlin schon heilig? Schon gar nicht die Kirche. Mir auch nicht.

Dies ist ein Bekenntnis zum Kirchentag, zu dem in der kommenden Woche Zehntausende nach Berlin pilgern werden, die an das Gute im Menschen und im Himmel glauben oder zumindest daran, dass selbst der Tod ein gutes Ende nehmen kann. Als neugieriger Mensch bedaure ich, dass mir diese Welt verschlossen ist und bleibt. Aber die Wahrheit, die ich mit vielen Berlinerinnen und Berlinern teile, ist schlicht und deshalb nicht schlecht: Ich kann mit der Kirche nichts anfangen, nicht an Gott glauben. Der Kirchentag wird trotz spannender Veranstaltungen an mir vorüberziehen wie einst die Loveparade. Verkleidete Menschen aus aller Herren und Frauen Bundesländer liegen sich zu mir unbekannten Liedern in den Armen. Wenigstens werden die Gotteskinder den Tiergarten nicht achtlos zumüllen.

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„Vatertag“ in Deutschland: Wenn die „Herren“ Wagen ziehen

foto: picturedesk / dpa / andreas lander Herrentagspartie in Magdeburg: Ein Bollerwagen mit Verpflegung ist Pflicht, Frauen sind hingegen nicht so gerne gesehen
Hunderttausende Männer werden am Donnerstag losziehen, um sich mit viel Alkohol selbst zu feiern. Eine Herausforderung für ganze Landstriche

Von Birgit Baumann | derStandard.at

Frauen? Georg schaut so entsetzt, als habe man ihm gerade seinen Lohn um die Hälfte gekürzt. Also nee, echt nicht. Frauen dürfen bei der Herrentagspartie, die der Ostberliner Altenpfleger plant, nun wirklich nicht dabei sein. „Bei allem Sinn für Gleichberechtigung, da ziehen wir Männer schon alleine los, um ein bisschen Spaß zu haben.“

Zu acht werden sie sein, mit der Berliner S-Bahn raus nach Friedrichshagen, dann runter zum Müggelsee. Das ist zwar nicht wahnsinnig weit zu gehen, aber am Herrentag will man sich ja auch nicht überanstrengen – was das Marschieren betrifft. Und ewig lang hat auch keiner Lust, den Bollerwagen mit dem ganzen flüssigen Proviant zu ziehen.

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Eva Menasse: „Für Juden ist es befremdlich, wie Porzellanelefanten behandelt zu werden“

Eva Menasse liefert hohe Literatur aus fein ätzendem Humor und herzerweichender Melancholie. (Foto: Ekko von Schwichow)
Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse irritiert bis heute die Verkrampftheit der Deutschen, wenn es um jüdisches Leben geht. Ihre Herkunft will sie deshalb aber nicht verstecken.

Von Thorsten Schmitz | Süddeutsche.de

Sie hat das Manzini vorgeschlagen, mehr Westberlin geht nun wirklich nicht: Kellner in bodenlangen weißen Schürzen, soignierte Herren, geliftete Damen. Die Schriftstellerin Eva Menasse schätzt das behagliche Berliner Lokal. Sie mag aber vor allem auch dessen Ravioli: „Die schmecken jedes Mal besser“.

2005 hatte die gebürtige Wienerin Menasse, 47, einen Bestseller geschrieben, die packende, rührende jüdisch-katholische Familiensaga „Vienna“. Es war ihr erster Roman überhaupt. Seitdem liefert sie hohe Literatur aus fein ätzendem Humor, herzerweichender Melancholie, immer gepaart mit Empathie für ihre Protagonisten. Und immer geht es in ihren Geschichten um das, was sie am meisten interessiert: den Menschen und seine (vertrackten) Beziehungen. Jetzt erhält die Schwester des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse den Hölderlin-Preis der hessischen Stadt Bad Homburg.

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Cornel West and Bill Maher Have Screaming Match About Trump, Hillary and Bernie

West, a prominent backer of Sen. Bernie Sanders, insisted that the Vermont independent could have won the election.

By Tom Boggioni | Alternet

Friday night, HBO Real Time host Bill Maher went toe-to-toe with professor and social activist Cornel West over the 2016 election, with Maher confronting West for calling Hillary Clinton and President Donald Trump “equally awful.”

West, a prominent backer of Sen. Bernie Sanders, insisted that the Vermont independent could have won the election, and took a shot at Clinton after Maher pointed out that one of the former Secretary of State’s first speeches as a candidate was about mass incarceration that disproportionately affects young black men.

„Hillary gave speeches about a whole lot of stuff,“ West shot back,“ but it didn’t have a whole lot of integrity in it, brother.“

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Jane Goodall: „Wer sehr arm ist, wird Bäume fällen“

foto: the jane goodall institute Ihre Forschungsergebnisse wurden wegweisend für die Wahrnehmung dieser Tiere. Sie beschrieb ihre Charaktere, ihre Emotionen, ihre Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, und zeigte damit, wie ähnlich sie uns Menschen sind.
Die Verhaltensforscherin berichtet, wie man die Umwelt durch den Bau von Toiletten in Schulen und Bildung von Mädchen stärken kann

Interview Julia Schilly | derStandard.at

Mit 23 Jahren und ohne Universitätsabschluss in der Tasche zog Jane Goodall los, um Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark im Westen Tansanias zu erforschen. Das Budget kam von dem Paläoanthropologen Louis Leakey, der auch die Arbeit von Dian Fossey mit Gorillas und Birutė Galdikas mit Orang-Utans unterstützte. „Zu der Zeit waren wir alle sehr naiv in dem Alter“, sagt die Britin. Dennoch konnte sie bald erste Erfolge vorweisen: Schon im ersten halben Jahr sammelte sie bahnbrechende Erkenntnisse. So beobachtete sie etwa, wie Schimpansen mit Ästen nach Termiten fischten und mit Steinen Nüsse knackten. Den Gebrauch von Werkzeugen trauten sich die Menschen bis dahin nur selbst zu. der STANDARD traf die 83-Jährige am Donnerstag vor ihrem Vortrag in der ausverkauften Expedithalle in der Ankerbrotfabrik.

STANDARD: Ihre Arbeit Anfang der 1960er-Jahre wurde von Kollegen als unkonventionell bewertet: Sie gaben den Schimpansen Namen anstatt Nummern und betrachteten sie als Individuen mit eigenständigen Persönlichkeiten. War diese Herangehensweise ohne die Scheuklappen der damaligen wissenschaftlichen Regeln ein Vorteil?

Goodall: Mein Mentor Louis Leakey war überzeugt, dass diese Denkweise nicht durch die wissenschaftlichen Theorien jener Zeit eingeschränkt war. Ich weiß nicht, wie sehr mich ein akademischer Grad verändert hätte.

STANDARD: Sie beobachteten Schimpansen etwa beim Gebrauch von Werkzeugen. Wie war die Reaktion anderer Wissenschafter?

Goodall: Mir wurde nicht geglaubt. Ich hatte ja noch keine wissenschaftlichen Referenzen. Mir wurde sogar vorgeworfen, dass ich den Affen beigebracht hätte, die Werkzeuge zu verwenden. Wie sollte man das komplett wilde Tiere lehren? Das wäre doch ein brillanter Erfolg gewesen. (lacht)

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DITIB soll weltoffene Kräfte systematisch ausgrenzen

Bild: rbb|24
Es rumort beim Islamverband DITIB: Nachdem der Jugendvorstand geschlossen zurückgetreten ist, weitet sich die Affäre aus. Dokumente deuten darauf hin, dass weltoffene Kräfte innerhalb des Verbandes systematisch ausgegrenzt werden.

Von Torsten Mandalka | rbb|24

Angefangen hatte alles mit einem Facebook-Post. Ende vergangenen Jahres machte der BDMJ, der Bund der muslimischen Jugend – so heißt die Jugendorganisation der DITIB – einen Vorgang in der Berliner Sehitlik Moschee öffentlich. Ender Cetin, der Vorsitzende des Moscheevereins sollte nicht mehr zur Wiederwahl aufgestellt werden. Die Weisung sei vom zuständigen aus der Türkei entsandten Religions-Attaché ergangen.

Der geschasste Ender Cetin – der im öffentlichen Leben der Hauptstadt längst kein Unbekannter mehr ist – war offenbar in Ungnade gefallen, weil er einen zu offenen Dialog auch mit Vertretern der nicht-muslimischen Welt pflegte. In der deutschlandweit bekannten Moschee fanden unter seiner Ägide zahlreiche Veranstaltungen statt – auch zu politischen Themen: De-Radikalisierung, Integration, Frauenrolle im Islam und so weiter.

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Religiöse Symbole und Dröges kognitive Dissonanzen

Das Kreuz mit den Religionen
Eine Berliner Lehrerin musste ihre Kette mit dem Kreuz ablegen. Auch der Fisch, Symbol der Urchristen, ist verboten. Der evangelische Bischof Markus Dröge plädiert für Toleranz – gegenüber Christen und Muslimen.

Von Alexander Triesch | DIE WELT

Die Diskussion um das Neutralitätsgesetz in Berlin geht weiter. Nachdem eine Lehrerin nicht mit einem sichtbaren Kreuz um den Hals unterrichten durfte, erschien sie wenig später mit einem Fisch-Anhänger in der Schule – den sie ebenfalls ablegen musste. Seit 2005 gilt in Berlin: Keine religiösen Symbole in Bildungseinrichtungen. Die Berliner SPD will weiter am bestehenden Gesetz festhalten. Jetzt schaltet sich Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, ein.

DIE WELT: Herr Dröge, in einer Berliner Schule hat man einer evangelischen Lehrerin untersagt, ein Schmuckstück mit einem Kreuz zu tragen. Können Sie das nachvollziehen?

Markus Dröge: Nein, dafür habe ich kein Verständnis. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die religiöse Überzeugung öffentlich ausgelebt werden darf. Das garantiert uns die Religionsfreiheit.

DIE WELT: Der Berliner Senat hat da offenbar eine andere Auffassung als Sie.

Dröge: Das Bundesverfassungsgericht hat 2015 – damals ging es speziell um das Kopftuch – entschieden, dass das Tragen solcher Symbole nicht generell verboten werden kann, sondern nur, falls der Schulfrieden dadurch konkret in Gefahr ist. Hier in Berlin sieht es allerdings anders aus. Mit dem sogenannten Neutralitätsgesetz hat das Land entschieden, grundsätzlich alle religiösen Zeichen in den Klassenräumen zu verbieten. Für mich ist das nicht im Geiste des Grundgesetzes.

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Belgien: Wallonie beschließt Schächtverbot

Symbolbild: Schächten im Schlachthof © flickr, CC 2., dierk schaefer.
In der belgischen Wallonie gilt ab 2018 ein Schächtverbot. Trotz Kritik der verschiedenen Religionsgemeinschaften wurde dies beschlossen.

IslamiQ

Das wallonische Parlament in Belgien hat am Mittwochabend ein Schächtverbot ab Juni 2018 beschlossen. Für Religionsgemeinschaften soll es bis zum 1. September 2019 noch eine Ausnahme geben, berichteten belgische Medien. Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche hatten in einer gemeinsamen Erklärung auf die Religionsfreiheit verwiesen. Sie schätzten soziale Sensibilität für den Tierschutz, verwiesen aber gleichzeitig auf die Traditionen und Vorschriften in Islam und Judentum.

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Gilbert & George: „Religion nimmt uns die Freiheit“

Die britischen Künstler Gilbert Prousch (l) und George Passmore vom Künstlerduos Gilbert & George stehen in Berlin in der St.-Matthäus-Kirche. ©dpa
Sie sind für ihre provokanten Aktionen bekannt. Jetzt stellen Gilbert & George, das britische Künstlerpaar, erstmals in einer Kirche aus. Es geht um Religion, Fundamentalismus und Terrorgefahr.

Sächsische Zeitung

„Luther und die Avantgarde“ – im Rahmen dieses ambitionierten Projekts stellt das britische Künstlerduo Gilbert & George (73 und 75) Bilder aus seiner „Sündenbock“-Serie in der Berliner Matthäus-Kirche aus. Das ist brisant. Denn die beiden sind für ihre harsche Kritik an Kirche und Religion bekannt. Nada Weigelt von der Deutschen Presse-Agentur erzählen sie, wie es dazu kam.

Pfarrer Neubert, der Hausherr der Kirche, der Sie mit eingeladen hat. Stimmt das?

Gilbert: Das denkt er!

George: Nein, das ist richtig. Wir sind moralische Künstler. Wir glauben an Gut und Böse. Wir glauben nur nicht an Gott. Alle Götter sind von Menschen erfunden, nichts weiter.

Sie greifen immer wieder die Kirche an …

George: … nur ihre kriminellen Seiten. Die Kirche war sehr, sehr langsam bei der Abschaffung der Sklaverei, sie war sehr langsam bei der Abschaffung der Todesstrafe. Und sie ist hintendran, was sexuelle Rechte, Homosexualität, Schwulenehe und Scheidung angeht. Die Kirche hält den Fortschritt auf.

Trotzdem bespielen Sie jetzt eine Kirche. Warum?

Gilbert: Wir wurden von der Stiftung für Kunst und Kultur in Bonn eingeladen. Wir sind bloß der Einladung gefolgt.

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Anleitung für eine richtige Leitkultur

Braucht es eine Leitkultur? Ja, aber nicht wie Thomas de Maizière sie skizziert. (Foto: Jessy Asmus)
Innenminister de Maizière erklärt, was ihm zufolge in Deutschland wirklich zählt. Doch sowohl er als auch seine Kritiker liegen falsch. Wir brauchen eine Leitkultur. Aber nicht diese.

Analyse von Markus C. Schulte von Drach | Süddeutsche.de

In jeder Demokratie werden Minderheiten gezwungen, unter Bedingungen zu leben, die eine von der Mehrheit gewählte Regierung ihnen zumutet. Seit der Einführung der Agenda 2010 etwa müssen etliche Bürgerinnen und Bürger mit weniger Geld vom Staat auskommen als zuvor – was für viele eine extreme Belastung war und ist. Im Prinzip ist es also üblich, dass eine Mehrheit in einer demokratischen Gesellschaft über das Leben von Minderheiten mitbestimmt.

Besonders heikel wird dies aber, wenn die betroffenen Mehrheiten und Minderheiten sich durch Sprache, Glaubensvorstellungen oder wichtige Traditionen unterscheiden – Merkmale, die mit einer Gruppenidentität zusammenhängen. Deshalb wird über den Begriff „Leitkultur“ und die Vorstellung, was er bedeuten soll, so leidenschaftlich gestritten.

Viele halten schon den Versuch für überheblich festzulegen, welche Werte und Normen rechtfertigen sollen, dass eine Kultur Vorrang vor allen anderen hat. Andere erklären einfach die eigenen Werte zu denen der Leitkultur. Das Niveau, auf dem die Debatte verläuft, lässt viel zu wünschen übrig – sowohl bei den konservativen Anhängern einer Leitkultur als auch auf der Seite der Kritiker, die meist dem liberalen oder linken Spektrum angehören.

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