Das kosmologische Prinzip und die Mittelmäßigkeit der Erde

Universum Nasa, Esa, Hubble SM4 ERO Team
Jahrhunderte dauerte es, bis die Menschheit sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, nichts wirklich Spezielles im Universum zu sein

Von Raúl Rojas | TELEPOLIS

Heute akzeptieren wir, ohne mit der Wimper zu zucken, dass die Erde irgendwo im Universum schwebt, jedoch nicht in dessen Zentrum. Die kopernikanische Wende hat bereits im 16. Jahrhundert den Weg geebnet: Die Sonne ist statt der Erde in die Mitte des Sonnensystems gerückt worden. Seitdem wurde unsere „privilegierte“ Stellung im Universum immer weiter entwertet.

Die erste Kosmologie, die viele von uns gelernt haben, stammt aus der judeo-christlichen Tradition. In Genesis steht, gleich nachdem Gott Himmel und Erde schuf:

1,6 Und Gott sprach: Es werde eine Wölbung mitten in den Wassern, und es sei eine Scheidung zwischen den Wassern und den Wassern!
1,7 Und Gott machte die Wölbung und schied die Wasser, die unterhalb der Wölbung von den Wassern, die oberhalb der Wölbung waren. Und es geschah so.
1,8 Und Gott nannte die Wölbung Himmel.

Genesis

Das Fragment entspricht der alten jüdischen Vorstellung von einer flachen Erde, die im Wasser schwimmt. Über der Erde liegt eine Wölbung, die das Wasser oben vom Wasser unten (ein Sinnbild für umgebendes Chaos) trennt. Die uns zugewandte Seite der Wölbung ist der Himmel. In Genesis geschieht das alles durch das Wort Gottes, da etwas auszusprechen, seine Schöpfung herbeibringt.

Nach Jehova, Adam und Eva kamen allerdings die Griechen und diese haben schließlich begriffen, dass die Erde eine Kugel sein muss. Eratosthenes von Kyrene hat bereits im dritten Jahrhundert vor Christus den Erdumfang geschätzt – für damalige Verhältnisse erstaunlich präzise. Im selben Jahrhundert hat Aristarchos von Samos sogar postuliert, dass sich nicht die Sonne um die Erde dreht, sondern umgekehrt. Das war der Beginn der „heliozentrischen“ Hypothese, die Jahrhunderte lang gegen den Geozentrismus angetreten ist.

weiterlesen

Advertisements

R. Dawkins schöpft aus dem Vollen – ganz ohne Schöpfung!

In welcher Position befinden sich Wissenschaflter, wenn Sie Forschungen über vergangene evolutionäre Ereignisse anstellen? R. Dawkins vergleicht das in Kapitel 1 mit einen Kommissar, der erst nach dem Verbrechen am Tatort eintritt und folglich auch kein Augenzeuge des Geschehens sein kann (vgl. S. 27). Skeptikern, die die Evolutionstheorie oft „nur“ als Spekulation/Theorie bezeichnen, kann man folgendes entgegnen: Eine einzige „Evolutionstheorie“, die alle Teilaspekte der Abstammung mit Abänderung erklärt, gibt es nicht. Wir sprechen daher heute von der Evolutionsbiologie, die ein System zahlreicher Theorien darstellt (Quelle 1, vgl. S. 168).

Von Ockham | Amazon

Der Essentialismus, welcher bis auf Platon zurückgeht, wird in Kapitel 2 angesprochen. Er war wohl dafür verantwortlich, dass Darwin erst so spät auf der Bildfläche erschien (vgl. S. 30). Darwin zog mit der Domestikation (Züchtung) gegen die angebliche Unveränderlichkeit der Arten zu Felde (vgl. S. 37). Ein bekanntes Beispiel ist die Umgestaltung des Wolfes zu den rund zweihundert Hunderassen durch den Menschen (vgl. S. 38).

Kapitel 3 beschreibt den Weg zur Makroevolution. Auch Tiere wie Insekten oder Kolibris kommen als Züchter in Frage (vgl. S. 58). Dies ist ein Beispiel für Koevolution (vgl. S. 98). Auf S. 73 kommen Schwebfliegen zur Sprache, die Wespen oder Bienen ähneln, aber keinen Stachel besitzen. Diese Art der Tarnung wird als „Mimikry“ bezeichnet (Quelle 2, vlg. S. 438). Wenn Arten nicht gegenseitig voneinander profitieren spricht man von „Rüstungswettlauf“, eine Art der Koevolution (vgl. S. 98).

Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Altersbestimmung (ab S. 101), speziell der Dendrochronologie (Altersbestimmung anhand von Baumringen, ab S. 104), es geht um radioaktive Uhren (ab S. 108) und die C-14-Methode (ab S. 122). Als stichhaltiger Evolutionsbeleg wird das zeitliche Auftauchen von z. B. fossilen Säugetieren in ganz bestimmten Schichten angeführt, die in früheren Schichten gerade eben nicht zu finden sind (vgl. S. 118).

In Kapitel 5 geht es um Langzeitexperimente des Bakteriologen Richard Lenski, dessen Forschungsgegenstand das Bakterium Escherichia coli ist (vgl. S. 135). Mit der Arbeit Lenskis wird das Dogma der „nicht reduzierbaren Komplexität“ untergraben (vgl. S. 152).

Evolutionsskeptikern empfiehlt R. Dawkins in Kapitel 6 sich auf die Suche nach anachronistischen Fossilfunden zu machen (vgl. S. 167). Besonders „schlaue“ Kreationisten bemerken bei einem neuen Fossilfund, welcher sich zwischen zwei Fossilfunde taxonomisch einordnen lässt, dass jetzt zwei Lücken entstanden seien. Dazu entgegnet R. Dawkins, dass die Evolution auch bewiesen werden kann, ohne sich auf Fossilfunde stützen zu müssen (vgl. S. 165). Die vergleichende Untersuchung heutiger Arten (Kapitel 10) und ihre geographische Verteilung (Kapitel 9) sind der Schlüssel dazu (vgl. S. 166 f.). In diesem Zusammenhang wird auf den Piltdown-Betrug eingegangen (vgl. S. 171). R. Dawkins verweist indirekt auf den Gradualismus, wenn er erwähnt, dass Evolution allmählich ablaufen muss. Große Sprünge in einer einzigen Generation sind ebenso unwahrscheinlich wie die göttliche Schöpfung. Der Leser erfährt, dass die irrige Forderung nach fehlenden Bindegliedern ihre Grundlage im Mythos der Großen Seinskette („the great chain of being“) hat (vgl. S. 177). Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, da die Evolution nicht auf den Menschen zugelaufen ist, wir sind auch nicht „das letzte Wort der Evolution“ (vgl. S. 181).
Der sensationelle Fund „Tiktalik“ schliesst die Lücke zwischen dem amphibienähnlichen Fisch Panderichthys und dem fischähnlichen Amphibium Acanthostega (vgl. S. 193). Meeresschildkröten sind vom Land ins Wasser zurückgekehrt. Erstaunlich ist, dass manche ihrer Vertreter die Entwicklung später sogar umdrehten und ein zweites Mal aufs Trockene zurückkehrten (vgl. S. 199)!

In Kapitel 7 (ab S. 208) geht es um die Evolution des Menschen. „Lucy“ wird als Zwischenform eines schimpansenähnlichen Vorfahren und uns Menschen vorgestellt (vgl. S. 231 f.). Der Gattungsname von Paranthropus boisei wurde zwei mal geändert, was die manchmal willkürliche Vorgehensweise bei der zoologischen Klassifikation zeigt – ein Streit um die biologische Systematik (vgl. S. 216 f.). Die Tatsache, dass die meisten Bindeglieder fehlen, macht eine Klassifikation mit verschiedenen Arten, Gattungen, Familien… überhaupt erst möglich (vgl. S. 223).

Kapitel 8 beschäftigt sich mit der Embryonalforschung. Hier wird auf den Konflikt zwischen zwei sich widersprechenden Lehren verwiesen, die Präformationstheorie und die Epigenese (vgl. S. 239), welche nicht mit der Epigenetik verwechselt werden sollte (vgl. S. 243). Bei der Epigenese handelt es sich um „Selbstmontage“ (vgl. S. 244). An dieser Übersetzung ist zu kritisieren, dass die Bezeichnung „Selbstorganisation“ (aus der in den meisten Fällen Emergenz entsteht, Quelle 3) gebräuchlicher ist – im engl. Original ist von „self-assembly“ die Rede (Quelle 4, vgl. S. 220). Am Beispiel der Programmierung des Schwarmverhaltens von Staren (vgl. S. 246) wird gezeigt, dass bei der Entwicklung Ordnung, Organisation und Struktur als Nebenprodukt aus Regeln erwächst, die nicht global sondern lokal befolgt werden. Es ist also keine zentrale Planung, kein Architekt notwendig (vgl. S. 247 f.). Für das „formieren“ von Zellen zieht R. Dawkins die Analogie des Papierfaltens (Origami) heran (vgl. S. 248). Nervenzellen, die aus dem Rückenmark oder Gehirn herauswachsen, finden ihren Weg zu ihrem Zielorgan durch chemische Anziehungskräfte, was mit einem Experimente des nobelpreisgekrönten Roger Sperry verdeutlicht wird (vgl. S. 262). Die Zelle als „chemische Fabrik“ kann unterschiedliche Substanzen „ausspucken“, abhängig davon, welches Enzymen vorhanden ist, und dies ist wiederum von eingeschalteten Genen abhängig (vgl. S. 273). Neben der natürlichen Selektion (vgl. S. 274) kommt auch die sexuelle Selektion zur Sprache, wenn sich potentielle Sexualpartner von ästhetischen Erwägungen leiten lassen (vgl. S. 283).

Artbildung ist das Thema des 9. Kapitels. Dabei ist von „Inseln“ die Rede, welches ein Modell der Evolution der Organismen in ihrer jeweiligen Umwelt meint (vgl. S. 285, engl. Original vgl. S. 253). Im Deutschen ist statt von „Inseln“ von der „adaptiven Landschaft“ die Rede (Quelle 2, vgl. S. 20). Auslöser für Artbildungsprozesse sind z. B. geographische Isolation (S. 288) oder die sympatrische Artbildung (S. 289). Dies wird anhand des Galapagos-Archipels verdeutlicht, auf welches Tiere über knapp tausend Kilometer Seeweg gekommen sein müssen, da es nie mit dem Festland verbunden war (vgl. S. 291). Die auf das Archipel gekommenen Schildkröten machten eine Evolution durch, die als „Insel-Riesenwuchs“ bezeichnet wird (vgl. S. 297). Ein weiteres Beispiel für Isolation ist die mehrere hundert Arten umfassende Buntbarschfauna des Victoria-, Tanganjika- und Malawisees (vgl. S. 300). R. Dawkins stellt an Kreationisten zu Recht die Frage, warum ein allmächtiger Schöpfer sich entschließen sollte, seine sorgfältig gestalteten Arten auf Inseln und Kontinenten genau nach dem Prinzip zu verteilen, die unwiderstehlich die Vermutung nahelegen, dass sie durch Evolution entstanden sind und sich von ihrem Entstehungsort aus verbreitet haben (vgl. S. 305). Welche Argumente gegen das Modell der „Grundtypen“ sprechen, erfahren Sie in der Quelle 5. Das Kapitel wird durch die Theorie der Kontinentalverschiebung (vgl. S. 309) bzw. die heutige Theorie der Plattentektonik (vgl. S. 310) abgerundet. Das Auseinanderdriften von z. B. Südamerika und Afrika sowie die Geschwindigkeit dieses Vorgangs ist ein Beleg für das gewaltige, unbiblische Alter der Erde (vgl. S. 313) – ein Stachel im Fleisch aller „Junge-Erde-Kreationisten“ (vgl. S. 320).

Kapitel 10 hat die Verwandtschaft zwischen Tieren zum Thema. Die Homologie wird anhand des Beispiels der Entsprechung unserer Finger und den langen Flügelknochen der Fledermaus erklärt (vlg. S. 322). Homologe Ähnlichkeiten sind solche, die von einem gemeinsamen Vorfahren ererbt wurden. Ähnlichkeiten, die auf gemeinsame Funktion aber nicht auf gemeinsame Abstammung zurückzuführen sind, werden „analog“ genannt (vgl. S. 351). Der Delphin verrät seine Abstammung von den Säugetieren dadurch, dass er den Schwanz auf und ab bewegt. Die seitliche Wellenbewegung der Fischwirbelsäule haben auch die Echsen und Schlangen geerbt (vgl. S. 334). Die Methode der Transformation (morphometrische Transformation) von D’Arcy Thompson wird vorgestellt, bei der ein Gittermuster auf mathematisch nachvollziehbare Weise verformt wird, bis sich die Form eines Tieres in die einer verwandten Spezies verwandelt hat (vgl. S. 347). Wird aus einer auf ein Gummituch gezeichneten menschlichen Hand nach Verzerrung die Hand einer Fledermaus, ist diese homolog. Mathematiker bezeichnen solche Strukturen als „homöomorph“ (vgl. S. 350). Außer dem anatomischen Vergleich kann auch die Molekulargenetik mit einbezogen werden (vgl. S. 353). Die DNA-Hybridisierung wird erläutert, die z. B. hinter der Aussage steht, dass Menschen und Schimpansen 98% ihrer Gene gemeinsam haben (vgl. S. 356). Der Unterschied zwischen den „Schmelzpunkten“ der Bindungen von DNA-Strängen ist ein Maß für den genetischen Abstand zweier Arten (vgl. S. 359). Die auf molekularer Ebene ablaufenden genetischen Veränderungen sind in ihrer Mehrzahl neutral. Damit wird auf die neutrale Theorie von Motoo Kimura verwiesen (vgl. S. 374). „Pseudogene“ hatten früher mal eine nützliche Funktion, wurden jetzt aber an den Rand gedrängt und somit nicht mehr transkribiert oder translatiert (vgl. S. 375). Die Phantasie der Kreationisten wird stark strapaziert, wenn sie einen überzeugenden Grund nennen sollen, warum ein intelligenter Gestalter ein Pseudogen erschaffen sollte, das keinerlei Funktion mehr ausübt und allem Anschein nach die ausgediente Version eines früher nützlichen Gens ist (vgl. S. 375). Wenn verglichen werden soll, vor wie vielen Jahren sich die Vorfahren zweier heute lebender Tiere getrennt haben, werden „fixierte“ Gene betrachtet (vgl. S. 378).

In Kapitel 11 geht es um „historische Überreste“ oder „Fehler“, die in der Evolution nachträglich korrigiert wurden (vgl. S. 384). Anstatt solch unintelligentes Design abzuliefern, hätte es ein Schöpfer – wie jeder Ingenieur auch – besser können müssen! Der gewundene, komplizerte Weg, der zum Blasloch des Delphins führte, legt Zeugnis von den auf dem Trockenen lebenden entfernten Vorfahren des Delphins ab (vgl. S. 384). Ebenso sind die noch heute vorhandenen Rudimente des Beckengürtels der Wale, Seekühe oder Sirenia ein Evolutionsbeleg (vgl. S. 384). Strauße und Emus tragen noch Stummelflügel als Erbe ihrer entfernten fliegenden Vorfahren, beim Kiwi sind noch Reste der Flügelknochen vorhanden und Moas haben die Flügel völlig verloren (vgl. S. 387). In der Heimat der Moas (Neuseeland) gibt es unverhältnismäßig viele flugunfähige Vögel, vermutlich weil es an Säugetieren fehlte und sich deshalb große ökologische Nischen auftaten (vgl. S. 387). Dort leben auch Kakapos, flugunfähige Papageien, die immer noch Flugversuche unternehmen, obwohl sie nicht mehr dafür ausgerüstet sind (vgl. S. 388). Des Weiteren geht es um das zurückgebildete Flügelpaar der Fliegen, die nur noch „Schwingkölbchen“ besitzen (vgl. S. 389), oder um Ameisenarbeiterinnen, die Flügel eingebüßt haben, aber nicht die Fähigkeit, welche vorzubringen (vgl. S. 392). Auch der Höhlensalamander ist ein Beleg für Evolution, da er zurückgebildete Augen besitzt, für die er keine Verwendung mehr hat. Warum sollte ein Schöpfer ihn mit Augenattrappen ausstatten, die eindeutig mit Augen verwandt sind, aber nicht funktionieren (vgl. S. 395)? Erklärt wird auch, dass schädliche Mutationen an den Genen zur Augenherstellung in völliger Dunkelheit nicht bestraft werden und positive Selektion das Wachstum schützender Haut über dem infektionsanfälligen Höhlen der Augen begünstigt (vgl. S. 397). Das Wirbeltierauge (und damit auch das menschliche Auge) hat „Fotozellen“, die nicht zur betrachteten Szene ausgerichtet sind (invers = verkehr herum) sowie den „blinden Fleck“ – R. Dawkins nennt diese die Konstruktion eines völligen Idioten (vgl. S. 399). Das Lieblingsbeispiel von R. Dawkins ist der Umweg des rückläufigen Kehlkopfnervs, der nicht Folge schlechter Konstruktion ist, sondern sich aus der Geschichte – der Evolution – ergibt (vgl. S. 401). Dann werden die „Kiemenbögen“ auch menschlicher Embryonen erwähnt, die eindeutig auf Kiemen unserer Vorfahren zurückgehen (vgl. S. 402). Daran ist zu kritisieren, dass man nicht von Kiemenspalte (-bögen/ -furche), sondern von Pharyngealbögen (-furche/-tasche) bzw. von Schlundbögen (-furche/-tasche) sprechen sollte, da es beim Menschen nicht zur Ausbildung eines Kiemenapparates kommt (Quelle 6, vgl. S. 148 f.)!

Kapitel 12 beschäftigt sich mit Übermaß und Vergeudung in der Natur – hier kommt der Rüstungswettlaufs zur Sprache (vgl. S. 420). Wussten Sie, warum Waldbäume so hoch wachsen? Weil sie gegeneinander konkurrieren! Würden sich alle Bäume auf ein maximales Höhenwachstum von z. B. drei Meter „gewerkschaftlich“ beschränken, könnten sie Holz und Energie einsparen (vgl. S. 423).
Ein weiteres Beispiel für einen Rüstungswettlauf ist der Gepard als Killer der Superlative und die Gazelle, die hervorragend dazu ausgerüstet ist, diesem Killer zu entkommen. Zu Recht fragt R. Dawkins, auf wessen Seite denn nun der „intelligente Designer“ stehe (vgl. S. 430)?
Wir Menschen können uns ökologisch betrachtet wie „kluge Räuber“ (nachhaltig) verhalten, wildlebende Räuber dagegen nicht (vgl. S. 435 f.). Abschließend wird die Frage beantwortet, warum es in der Evolution Leid gibt. Evolutionsbiologen sehen kein Problem im „Theodizee-Problem“, da Böses und Leiden in den Berechnungen zum Überleben der Gene nicht vorkommt (vgl. S. 441). Auch wenn nicht beantwortet werden kann, warum Schmerzen so stark sein müssen, können sie als „darwinistisches Hilfsmittel“ betrachtet werden, welches die Überlebensaussichten des Leidenden verbessern (vgl. S. 441 f.).

Die Schlupfwespe legt ein Ei in ihr Opfer, die Larve achtet dann ihrerseits darauf, die inneren Organe in der richtigen Reihenfolge aufzufressen! Welcher wohlwollende Gestalter hätte sich so etwas grausames ausgedacht (vgl. S. 444 f.)? Das Überleben der Gene ist eine hinreichende Erklärung dafür (vgl. S. 448).

In Kapitel 13 wird der Fehlschluss „argumentum ad consequentiam“ erklärt: Selbst wenn es stimmen würde, dass die Evolutionstheorie und ihre Behandlung im Unterricht der Unmoral Vorschub leisten würde, bedeutet es nicht, das sie deshalb falsch ist (vgl. S. 449).
Die DNA überlebt in einer unendlichen Reihe von Kopien (vgl. S. 453). R. Dawkins nennt noch drei weitere Wege, auf denen Informationen so archiviert werden können, dass sie in Zukunft zur Verbesserung der Überlebensaussichten nutzbar gemacht werden können: das Immunsystem, das Nervensystem und die Kultur (vgl. S. 454).
Unser Gehirn schliesst auch kollektive Erinnerungen (durch mündliche Überlieferung, Bücher, Internet) mit ein, die wir nicht auf genetischem Weg von früheren Generationen geerbt haben. Folgerichtig ist, dass R. Dawkins in diesem Zusammenhang es unterlässt, auf die Memtheorie zu verweisen – diese erklärt nämlich nicht, wie soziales Lernen funktioniert, somit ist sie explanatorisch trivial (Quelle 7, vgl. S. 13 f.). Warum Dawkins Unrecht hat: Eine Streitschrift Nach der häufigen Behauptung von Kreationisten widerspricht der zweite Hauptsatz der Thermodynamik der Evolution nicht, da die Sonnenenergie das Leben antreibt. Dieses Beispiel lässt sich als Parallele zur natürlichen Selektion verstehen, die die Komplexität des Lebens auf „den Gipfel der Unwahrscheinlichkeit“ schiebt (vgl. S. 465 f.). Zur Frage der Entstehung des Lebens wird auf Stanley Miller’s Versuche (S. 469), die Theorie der anorganischen Tonkristalle (S. 470), sowie die Theorie der RNA-Welt eingegangen (vgl. S. 471 f.). Da DNA und RNA in der Entstehung voneinander abhängig sind, wird mit der zuletzt genannten Theorie das Henne-Ei-Paradox gelöst.

44% der US-Amerikaner leugnen die Evolution völlig (vgl. S. 481). Mögen für einen großen Denker – wie R. Dawkins es ist – diese Missstände noch so traurig sein, entlässt er seine Leser trotz alledem mit einer Prise Humor. Er klärt darüber auf, dass 28% der Briten ihre naturwissenschaftlichen und historischen Kenntnisse offenbar von der Familie Feuerstein beziehen (vgl. S. 486). Wenn Sie nicht zu dieser Gruppe gehören möchten, kann ich Ihnen das Lesen des Buches nur wärmstens empfehlen!

Quellen:
Quelle 1: Designfehler in der Natur, U. Kutschera, 2014
Quelle 2: Evolution, Ein Lese- Lehrbuch, Hynek Burda u. Sabine Begall, 2009
Quelle 3: Wikipedia, Emergenz, Emergenz als disziplinübergreifendes Konzept
Quelle 4: The greatest show on earth, Richard Dawkins, 2009
Quelle 5: Internetseite der Ag-Evolutionsbiologie, Newsticker, Erläuterungen zum Grundtypmodell, Martin Neukamm, 27.01.2015
Quelle 6: Humanenbryologie: Lehrbuch und Atlas der vorgeburtlichen Entwicklung des Menschen, Klaus V. Hinrichsen, korrigierter Nachdruck 1993
Quelle 7: Meme, Meme, Meme: Darwins Erbe und die Kultur, M. E. Kronfeldner

Das Märchen vom Abendland

Bild: Qantara.de
Die Berliner Ausstellung „Juden, Christen, Muslime“ zeigt die abenteuerlichen Wege des Weltwissens im Mittelalter und demontiert nebenbei die These, es gäbe ein christlich-jüdisches Europa.

Von Gustav Seibt | Qantara.de

Seit einigen Jahren ist vermehrt von den „jüdisch-christlichen Wurzeln“ des „Westens“ (oder des „Abendlands“) zu hören, vor allem wenn es darum geht, Europa vom Islam abzugrenzen. Das ist schon deshalb ziemlich heuchlerisch, weil es den Eindruck erweckt, das Miteinander von Juden und Christen sei eine zweitausend Jahre lange Woche der Brüderlichkeit gewesen. Zugleich unterschlägt es, dass Juden und ihre Gemeinschaften viele Jahrhunderte lang in den arabisch-osmanischen Reichen mehr Luft zum Atmen hatten als in der vormodernen Christenheit.

Die Verhältnisse waren viel komplizierter und reicher. Das wird am besten sichtbar, wenn man auf die Geschichte des Wissens blickt. Da kann eine nicht untypische Geschichte ungefähr so verlaufen: Im neunten Jahrhundert wurden im „Haus der Weisheit“, einer Übersetzerakademie im abbasidischen Bagdad, Texte der antiken Medizin von Hippokrates und Galen aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt. Von Bagdad gelangten sie ins muslimische Spanien und von dort in die christlichen Königreiche, und zwar nach Toledo.

Dort wurden diese arabischen Versionen griechischer Wissenschaft in der Mitte des zwölften Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt. An der Übersetzung beteiligten sich nicht selten des Arabischen kundige Juden, die (oft nur mündliche) Zwischenversionen in der romanischen Volkssprache erstellten, die danach von gelehrten Geistlichen in die abendländische Wissenschaftssprache Latein übertragen wurden. Damit wurden diese Texte für den Rest Europas zugänglich und konnten in den akademischen Unterricht von Paris oder Köln eingespeist werden.

weiterlesen

Uni Hamburg: Wem gehört der Raum der Stille?

Der Raum der Stille in Hamburg: Der Raumteiler-Vorhang wurde abgehängt. © Deike Uhtenwoldt
Ein Verhaltenskodex regelt, wie Studenten an der Uni Hamburg ihre Religion ausüben dürfen. Das gefällt nicht jedem. Wir haben uns umgesehen, was da los ist.

Von Deike Uhtenwoldt | Frankfurter Allgemeine

Interreligiöser Raum der Stille? Das klappt nicht immer reibungslos. Ein Zettel hängt an der Tür: „Mittwoch, 12.00 bis 13.15 Uhr Meditation in der Tradition des Zen-Buddhismus“. Es ist Mittwochmittag, kurz nach 13.00 Uhr, und eine Studentin – sie möchte lieber anonym bleiben – steht unentschlossen im Treppenhaus vor verschlossener Tür. Sie ist traditionell muslimisch gekleidet, ein langer schwarzer Mantel, der Kopf und Körper bedeckt, das Gesicht ist offen – und ein wenig ratlos: „Dürfen wir da nicht rein?“, fragt sie eine andere Muslima, die gerade die Treppe hochkommt. Sie wisse es nicht, sie habe im Keller gebetet, antwortet diese. Aber die Studentin will nicht in den Keller, sie ist unterwegs mit einer Freundin, die sich bereit erklärt hat, sie zum Gebet zu begleiten, und die nächste Vorlesung startet bald. Sie fasst sich also ein Herz. Aber kaum hat sie die Tür geöffnet, trifft sie der verärgerte Blick des Zen-Meisters und ein energisches Handzeichen, das um Ruhe bittet. „Oh, das gibt Ärger“, murmelt sie.

Seit mehr als elf Jahren gibt es den Raum der Stille an der Universität Hamburg. „Ein Ort des Gebetes und der Meditation, aber vor allem des persönlichen Rückzugs und damit auch offen für konfessionslose Studierende und Akademiker“, sagt Gisela Groß-Ikkache, Pastorin der Evangelischen Studierendengemeinde ESG Hamburg. Die ESG hat den Raum zusammen mit der katholischen und der islamischen Hochschulgemeinde initiiert, unterzeichnet wurde der Nutzungsvertrag gemeinsam mit dem Präsidenten der Universität.

weiterlesen

Die Physik hinter dem Latte Macchiato

Latte Macchiato: Espresso trifft Milch © Seen001/ thinkstock
Kaffee und Physik: Wenn heißer Espresso auf warme Milch trifft, setzt dies im Glas einen komplizierten Prozess in Gang. Im Latte Macchiato entsteht dabei idealerweise eine Abfolge mehrerer horizontaler Schichten. Entscheidend dafür ist neben der Temperatur auch die Eingieß-Geschwindigkeit, wie Forscher nun herausgefunden haben. Nur wenn der Espresso mit dem richtigen Tempo ins Glas fließt, ist das Ergebnis ein „gestreifter“ Latte Macchiato.

scinexx

Die Natur ist voller faszinierender Muster: Ob die Wellen auf der Oberfläche eines tiefen Gewässers, riesige Wirbelstraßen in Wolken oder die symmetrische und doch komplexe Form von Schneeflocken – solche Strukturen sind nicht nur schön anzusehen. Auch Wissenschaftler interessieren sich für diese Musterbildung.

weiterlesen

Geminiden: Es regnet Sternschnuppen

Es regnet Sternschnuppen: Meteore des Geminiden-Meteorschauers. © Asim Patel/ CC-by-sa 3.0
Ein Blick an den Nachthimmel lohnt sich: In den kommenden Nächten regnet es besonders viele Sternschnuppen. Denn der Meteorschauer der Geminiden erreicht am frühen Morgen des 14. Dezember seinen Höhepunkt. Mit besonders vielen hellleuchtenden Meteoren ist er einer der spektakulärsten Sternschnuppen-Regen des Jahres. Günstig auch: Die Sternschnuppen regnen die gesamte Nacht.

scinexx

Die Geminiden gehören zu den ergiebigsten unter den jährlichen Sternschnuppen-Regen – und zu den spektakulärsten. Denn typisch für diesen Meteorschauer sind vielen hellen, gelblich-weiß leuchtenden Meteore, die selbst an nicht ganz so dunklen Standorten sichtbar sind. Schon in den Tagen vor dem Höhepunkt des Meteorschauers steigt die Menge der über den Himmel rasenden Sternschnuppen deutlich an.

weiterlesen

Salafismus: Experten fordern mehr Schulsozialarbeit

Themenbild. Salafisten in Deutschland (Bild: DW)
Zur Präventionsarbeit gegen Salafismus ist Fachleuten zufolge vor allem mehr Personal in Schulen nötig. „Prävention geht nicht mit Checklisten und Apps, sondern nur mit Menschen, die dies umsetzen“, sagte die Berliner Pädagogin Sanem Kleff am Montag in Hannover.

evangelisch.de

„Wir brauchen mehr Schulsozialarbeit.“ Schüler benötigten kompetente Erwachsene, mit denen sie auf Augenhöhe über das Thema sprechen könnten, sagte Kleff, die die Initiative „Schule ohne Rassismus“ leitet. Sie sprach bei einer Tagung des Niedersächsischen Kultusministeriums zur schulischen Präventionsarbeit gegen „Neo-Salafismus und Muslimfeindlichkeit“.

Es wäre zudem von Vorteil, wenn mehr pädagogische Fachkräfte einen arabischen Migrationshintergrund oder zumindest arabische Sprachkenntnisse hätten, sagte Kleff. Die Pädagogen könnten dann sofort reagieren, wenn sie bestimmte arabische Begriffe bei ihren Schülern hörten oder wenn sie auf arabischsprachige, salafistische Internetvideos bei den Jugendlichen aufmerksam würden.

weiterlesen

Das katholische Canisius-Kolleg ist keine staatliche Schule

Pater Tobias Zimmermann ist Rektor des katholischen Canisius-Kolleg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Der Senat streitet weiter über das Neutralitätsgesetz. Tobias Zimmermann stellt als Rektor des katholischen Canisius-Kolleg eine Lehrerin ein, die Kopftuch trägt.

Von Ann-Kathrin Hipp | DER TAGESSPIEGEL

Ein Religionsloser brachte ihn zum Glauben: sein agnostischer Lehrer. Der habe ihn zum Denken angeregt und so sein Leben beeinflusst. Denn beim Grübeln über Gott und die Welt kam Tobias Zimmermann zu ganz anderen Ergebnissen, als sein Pädagoge. Er trat dem Jesuitenorden bei und wurde Priester.

Seit 2011 leitet der gebürtige Münchner das katholische Canisius-Kolleg, ein Berliner Elitegymnasium. In seiner Funktion als Rektor hat der 50-Jährige nun eine Entscheidung getroffen, die den Berliner Umständen geschuldet zu einer außergewöhnlichen wird. Während sich der Senat weiter über das Neutralitätsgesetz streitet, das Kopftuch, Kippa und Kreuz aus den Klassenzimmern verbannt, stellt Zimmermann für seine katholische Schule eine Lehrerin ein, die Kopftuch trägt. „Sie hat sich beworben und mit ihren mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten überzeugt“, sagt er. So pragmatisch, so gut. Als Rektor einer Privatschule kann er frei entscheiden.

weiterlesen

Wenn wir im falschen Leben stecken

Der IQ der Mutter hat Auswirkungen auf die Intelligenz ihrer Kinder.
Verwirklichung. Die Kinder kluger Eltern sind nicht automatisch auch klug. Genau das wird von ihnen aber erwartet. Und zwingt sie in ein Leben fern ihrer Grundbedürfnisse und Kompetenzen.

Von Andrea Lehky | Die Presse.com

Mama und Papa haben es weit gebracht. Sie haben studiert und ihre eigenen Eltern karrieretechnisch weit hinter sich gelassen. Dasselbe erwarten sie von ihren Kindern. Weil, so die Logik, jede Generation klüger ist als die vorhergehende.

So wird es das nicht spielen, widerspricht der Schweizer Kinderpsychologe Remo H. Largo. Zwar wurden die Menschen in unserer westlichen Welt über die vergangenen Generationen immer intelligenter, im Schnitt um drei bis fünf IQ-Punkte pro Jahrzehnt. Das hatte aber keine genetische Gründe. Es lag an der kontinuierlich besseren Ernährung und Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Jetzt sind auch die untersten Schichten so gut versorgt, dass keine Steigerung mehr möglich ist.

Für Ausreißerbegabungen geht es nun wieder bergab. Als Beweis führt Largo das Gesetz von Galton an, benannt nach dem 1911 verstorbenen Briten Sir Francis Galton, Cousin von Charles Darwin und Mitbegründer der Genetik. Diesem Gesetz zufolge tendiert jedes Merkmal zur „Regression zur Mitte“. Begabte Eltern haben damit nicht notwendigerweise auch begabte Kinder.

weiterlesen

Philosoph Martens: „Unsere mediale Wirklichkeit verführt zum Bullshit“

foto: privat Der deutsche Philosoph Ekkehard Martens zählt neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch Philosophieren mit Kindern zu den Kulturtechniken, die die Schule vermitteln sollte.

Philosoph Ekkehard Martens über politisches Blabla, das Gerede vom postfaktischen Zeitalter, permanentes Meinungsgeplapper, Sokrates als guten Lehrer für heute und Philosophieren mit Kindern als Kulturtechnik

Interview Lisa Nimmervoll | derStandard.at

STANDARD: Vom antiken Philosophen Sokrates (469 – 399 v. Chr.) wissen wir: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, von US-Philosoph Harry G. Frankfurt, dass wir von „Bullshit“ umzingelt sind. Er legte schon 1985 mit „On Bullshit“ eine Art Manifest der Dummheitsforschung vor. Und Sie sagen jetzt, genau zwischen diesem sokratischen Nichtwissen und dem weitverbreiteten Bullshit liegt „eine aktuelle bildungspolitische Herausforderung“ – welcher Art ist die denn?

Martens: Ich beobachte in der Schule, aber auch an der Uni immer häufiger den schulterzuckenden Satz: „Ach, das muss jeder selbst wissen.“ Ich sehe darin eine grundskeptische Haltung, die ich für sehr gefährlich halte: „Ist doch letztlich alles egal, wir wissen doch sowieso nichts Sicheres.“ Da kann jeder gleich drauflosreden. Daraus folgt so eine geheime Ideologie: „Wir wissen und können alles. Sollen die anderen doch anderer Meinung sein, macht nichts, mal sehen, wer sich durchsetzt.“ Natürlich wird jedem gleich ein gewisser amerikanischer Präsident einfallen, aber das war auch vor Donald Trump schon weitverbreitet – und das muss man erkennen und etwas dagegen tun.

weiterlesen

Fanfare der Unabhängigkeitskämpfe

Aimé Césaires „Rede über den Kolonialismus“ wurde in viele Sprachen übersetzt. (imago/Danita Delimont / Kramer Verlag)
Aimé Césaire aus Martinique kämpfte als Schriftsteller und Politiker gegen koloniale Machtverhältnisse. Seine „Rede über den Kolonialismus“ von 1950 wurde zur zentralen Kampfschrift. Die kommentierte Neuausgabe hat auch Bezüge zur Gegenwart – so thematisiert der Text auch die Folgen des Kolonialismus.

Von Katharina Döbler | Deutschlandfunk Kultur

Aimé Césaires „Rede über den Kolonialismus“ wurde niemals gehalten. Aber kaum war sie 1950 im Druck erschienen, verbreitete sie sich über die Welt, wurde unendlich oft zitiert und in viele Sprachen übersetzt: Sie wurde zur zentralen Kampfschrift gegen den Kolonialismus, zur Fanfare der Unabhängigkeitskämpfe. Frantz Fanon, ein Schüler Césaires, ließ sich davon zu seinem antikolonialen Aufruf „Verdammte dieser Erde“ inspirieren.

Es gibt heute kaum noch Kolonien. Martinique, wo Aimé Césaire 1913 geboren wurde und 2008 starb, ist heute ein gleichberechtigtes französisches Übersee-Departement. Dass es so kam, hat die Insel weitgehend Césaire zu verdanken, der als ihr Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung saß.

weiterlesen

Kirchen in NRW unterstützen Philosophie-Unterricht

Bild: Wikimedia Commons/Metropolitan School (CC-BY-SA 3.0)
Die Grünen wollen an den Grundschulen in NRW neben dem Religionsunterricht das Fach „Philosophieren mit Kindern“ einführen. Die Kirchen unterstützen das grundsätzlich. Doch es gibt Bedingungen.

katholisch.de

Die beiden großen Kirchen in Nordrhein-Westfalen unterstützen im Grundsatz den Vorstoß der Grünen, an den Grundschulen neben dem Religionsunterricht das Fach „Philosophieren mit Kindern“ einzuführen. Es erscheine „sinnvoll“, ein Ersatzfach für Kinder einzurichten, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, erklärten die Vertreter des Katholischen und des Evangelischen Büros am Mittwoch übereinstimmend bei einer Anhörung im Schulausschuss des Düsseldorfer Landtags. Die Auseinandersetzung mit Sinn- und Wertefragen müsse „auch und gerade in der Grundschule“ gefördert werden.

Die Vertreter der beiden Kirchen verwiesen darauf, dass NRW in Bezug auf Religionen „bunter“ geworden sei. Dies spiegle sich nicht zuletzt in der Zunahme muslimischer und konfessionsloser Schulkinder wider. Zugleich widersprachen die Kirchenvertreter aber Darstellungen, dass sich inzwischen landesweit 30.000 Schüler vom Religionsunterricht abgemeldet hätten.

weiterlesen

Kreationismus: Allah statt Darwin

Fossilien als angebliche Beweise: Titelseite der Wurfsendung. (Foto: oh)
In ihren Briefkästen finden Einwohner von Fürstenfeldbruck eine Broschüre von Adnan Oktar. Der türkische Publizist leugnet von einem islamischen Standpunkt aus die Evolutionslehre

Von Peter Bierl | Süddeutsche Zeitung

Aufsehen hat vor Kurzem eine Postwurfsendung an Fürstenfeldbrucker Haushalte erregt. Im Briefkasten fanden Einwohner eine bunte Broschüre, in der die Evolutionstheorie als Irrlehre abgetan wurde. Das Heft stammt allerdings nicht von christlichen Fundamentalisten, sondern aus muslimischen Kreisen. „Das steckte bei mir und meinen Nachbarn im Postkasten“, erzählte ein Leser, der das Pamphlet der Redaktion zugeschickt hat. Der Mann wohnt im Norden der Stadt.

Die Broschüre enthält eine islamische Variante des sogenannten Kreationismus. Dessen Anhänger, überwiegend christliche Fundamentalisten, leugnen die Evolution von Pflanzen, Tieren sowie des Menschen und behaupten, alle Lebewesen seien von Gott so geschaffen worden, wie man sie heute antrifft. Ähnlich argumentiert der türkische Publizist Adnan Oktar. Er ist auch der Urheber der in Bruck verteilten Broschüre. Demnach gilt Allah als wahrer Schöpfer aller Lebewesen. Oktars Ziel ist es, mit dem Kampf gegen den Darwinismus „den Atheismus zu beseitigen und die Moral des Quran zu verbreiten“.

weiterlesen

Sachsen-Anhalt: Zwangsmission in der Grundschule

Hettstedt – hier geht die evangelische Kirche neue Wege. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Im Mansfelder Feld geht seit Jahrzehnten die Anzahl der Kirchenmitglieder zurück. Eine neue Idee soll diesen Trend stoppen: Eine Grundschule wird zur Kirchengemeinde – ohne Kirche, aber mit vielen engagierten Mitstreitern.

Von Dorothea Heintze | Deutschlandfunk Kultur

Lehrerin: „Wir hatten im letzten Jahr für jede Klasse ein besonderes Lutherlied und unsere Klasse hat auch ein ganz tolles.“

Musikunterricht in der dritten Klasse der „evangelischen Grundschule Martin Luther“ in Hettstedt. Das Reformationsjahr ist zu Ende, doch das dafür extra einstudierte Lied singen die Kinder immer noch mit Begeisterung – sein Titel?

„Habe Mut!“

Luisa ist neun Jahre alt und erst vor zwei Jahren mit ihren Eltern nach Hettstedt gezogen. An ihrer neuen Schule fühlt sie sich wohl:

„Also, ich finde schön, dass man hier gut lernen kommen kann und wenn man mal traurig ist, dass man von den Lehrern getröstet wird.“

Obwohl aus einem nichtchristlichen Haushalt, wollte sie letztes Jahr getauft werden:

„Ja, also ich bin in der Schule getauft, das war sehr aufregend für mich, und ich bin sehr glücklich dass ich jetzt eine Patentante habe.“

Christliche Lieder singen, den Morgen mit einer Andacht beginnen und ja, selbst eine Taufe für Kinder, Eltern oder auch Lehrer – all dies ist typisch für Schulen in christlicher Trägerschaft. Die Martin Luther Grundschule in Hettstedt jedoch ist mehr – sie nennt sich „Schulgemeinde auf Zeit“.

weiterlesen

Criticizing Religious Beliefs Is a Fundamental Human Right

Image. Church and State
Social etiquette dictates that when in mixed company, one should avoid discussing politics and religion. As someone who is quite active on various social portals, I can attest to the visceral emotions that are triggered when these topics are broached!

By Gad Saad | Church and State

Clearly then, most people choose to play it safe and adhere to this social norm. More formally, various legal codes (e.g., the Civil Rights Act of 1964; the Civil Service Reform Act of 1978; see here) afford legal protection to individuals as a function of their political and religious affiliations among other variables that define one’s personhood (e.g., national identity, race, sexual orientation, and biological sex). Furthermore, several Western liberal democracies have instituted Hate Speech laws that make it illegal to forcefully criticize religious beliefs as this is construed as a form of fomenting hatred. Which of the latter social norms and legal edicts are congruent with or antithetical to the ethos of Western liberal democracies? Let me take each in turn.

As an academic, I value the free exchange of ideas. As such, while I understand the social pressures to avoid contentious discussions on politics and religion, I find this a form of intellectual cowardice. One’s political views and/or religious beliefs should not exist in an impenetrable and inviolable bubble wherein they are protected from criticism or scrutiny. Needless to say, I fully support the legal codes that are meant to protect individuals from discrimination. As someone whose family escaped execution in Lebanon (see here), I am only too aware of the evils of religious intolerance and hatred. That said I am unsure that in secular liberal democracies, one’s religion should fall in the same all-encompassing protective category as one’s sexual orientation, biological sex, or race.

read more

Berliner Koalition streitet über Kopftuchverbot an Schulen

Bild: dpa/Jens Kalaene
Kein Kopftuch und keine Kreuze an Schulen – so schreibt es das Berliner Neutralitätsgesetz vor. In der rot-rot-grünen Koalition bahnt sich darüber neuer Streit an: Die Grünen wollen das Verbot aufweichen, die Linken fordern eine Überarbeitung – und in der SPD rumort es.

rbb24

Sollen Berliner Lehrerinnen im Unterricht ein Kopftuch tragen dürfen oder nicht? Darüber wird in der rot-rot-grünen Koalition derzeit wieder heftig diskutiert. Den Anstoß für eine Neuauflage des alten Streits lieferten die Grünen. Sie stimmten auf ihrem Parteitag am Wochenende einstimmig dafür, das Kopftuchverbot aufzuweichen.

Kultursenator Lederer will Gesetz überarbeiten

Auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hält es für nötig, das Neutralitätsgesetz zu verändern. Die Regelung verbietet seit etwa zehn Jahren religiöse Symbole wie Kopftücher, Kreuze oder Kippas im öffentlichen Dienst, also auch an Schulen – ausgenommen sind Berufsschulen. „Ich glaube, dass das Gesetz mit der geltenden Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht vereinbar ist“, sagte Lederer am Dienstag dem rbb. Die Richter in Karlsruhe hatten Anfang 2015 entschieden, ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrkräfte – wie es in Berlin gilt – sei nicht mit der Verfassung vereinbar.

Das Gesetz muss nach Ansicht Lederers daher überarbeitet werden. Bei einer Neureglung sei es wichtig, einerseits Schüler auch weiterhin vor religiöser Beeinflussung zu schützen, sagte er radioBerlin 88,8. Andererseits müsse die Politik dafür zu sorgen, dass Regeln, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen treffen, sich nicht integrationshemmend auswirkten, betonte der Linkenpolitiker.

weiterlesen

Fast 20 Prozent der Viertklässler haben Probleme beim Lesen

Schüler einer Frankfurter Grundschule üben in der Schulbibliothek. (Foto: dpa)
  • Bei der aktuellen Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) liegen Deutschlands Viertklässler im Mittelfeld.
  • Ihre Leistungen haben sich seit der Vorgängerstudie 2011 kaum verändert.
  • Allerdings gibt es mehr sehr leistungsschwache Schüler, die laut Studie vermutlich Probleme in ihrer weiteren Schulkarriere bekommen werden.

Süddeutsche Zeitung

Die Leistungen von Deutschlands Viertklässlern in den Bereichen Lesekompetenz und Leseverständnis haben sich seit 2011 kaum verändert. Das ergab die aktuelle Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu). Die Erhebung zeigt jedoch auch: Es gibt mehr sehr leistungsstarke sowie mehr sehr leistungsschwache Schüler – und fast jeder fünfte Viertklässler erreicht im Lesen kein ausreichendes Leistungsniveau.

Insgesamt bestätigt Iglu in vierlei Hinsicht den kürzlich erschienenen IQB-Bildungstrend. Auch dort hatten sich die Leseleistungen der Grundschüler im Vergleich zur Vorgängerstudie kaum verändert. Trotzdem kann die seit 2001 zum vierten Mal durchgeführte Iglu einige spannende Trends aufzeigen.

weiterlesen

Gegenwart verstehen mit Hannah Arendt

Hannah Arendt (picture alliance / dpa)
Für Hannah Arendt sei Politik ein Akt des gemeinsamen Handelns gewesen, sagt Philosophin Eva von Redecker. Überwiege eine technokratische Politik, begünstige dies eine Krise der Demokratie – als Beispiel nennt Redecker Emmanuel Macron.

Eva von Redecker im Gespräch mit Stephanie Rohde | Deutschlandfunk Kultur

Hannah Arendt sei ein scharf beobachtender Mensch gewesen, sagt Eva von Redecker im Gespräch. Ihre eigenen Erfahrungen als Jüdin, ihre Flucht in die USA hätten Arendts Denken tief beeinflusst. Abgelehnt habe die Denkerin stets eine bestimmte Art des akademischen Philosophierens, das erst einmal Theorien aufwendig widerlege, bevor es eigene gedankliche Innovationen entwickeln könne.

Freihändiges Denken

Dafür habe Arendt in ihrer spezifischen historischen Situation auch schlicht keine Zeit gehabt, meint Redecker. Eine feministische Haltung habe Arendt nie eingenommen, weil sie Unterdrückung aufgrund ihres Geschlechts schlicht nicht erlebt oder zumindest nicht wahrgenommen habe. Auch sei Arendt zwischen den feministischen Wellen politisch sozialisiert gewesen. Arendts Philosophie sei klar unkonventionell zu nennen, so Redecker. Kants ästhetische Theorie habe sie auf moralische und politische Fragen übertragen, „freihändiger“ lasse sich kaum arbeiten.

weiterlesen

Wissenschaft ist nie ganz frei

Finanzieller Druck ist Alltag in der Forschung, populistische Politiker verstärken ihn

Von Peter Illetschko | derStandard.at

Es war nur eine Fußnote im politischen Alltag der USA: Donald Trump ließ sich entschuldigen, er lud die amerikanischen Nobelpreisträger nicht ins Weiße Haus, ehe sie zur Gala nach Stockholm reisten. Zeitmangel war die offizielle Begründung für den Traditionsbruch, herzerfrischend die Reaktion des deutsch-amerikanischen Laureaten Joachim Frank, der meinte, er wäre ohnehin nicht gekommen.

Die Episode und vor allem die spärliche Resonanz darauf zeigen, wie normal das schlechte Verhältnis zwischen US-Präsident und Wissenschaftern bereits geworden ist. Hier ein politischer Machthaber, der schon oft bewiesen hat, wie wenig er von wissenschaftlichen Fakten hält, dort Wissenschafter, die auf seine Ignoranz nur mehr mit Zynismus reagieren können – und damit Einblick in eine tiefgreifende Verbitterung über die vielen kleinen und größeren Untergriffe der Regierung Trump gegen die Wissenschaften gewähren: Ob es nun Steuerpläne sind, die, sofern sie umgesetzt werden, Uni-Studenten massiv belasten würden, oder Kürzungspläne für die nationalen Förderfonds, um mehr Geld für Militär und Sicherheit zu lukrieren.

weiterlesen

Hassprediger mit Heiligenschein

Zeuge der Verwüstung der alten klassischen Welt: Triumphbogen in Palmyra (Syrien) um 1880. Foto: Spencer Arnold (Hulton Archive, Getty Images)
Sie kamen durch die Wüste, bärtige Männer in kleinen Banden, für die es nur einen Gott geben durfte. Vor Palmyra sammelten sie sich. Sie stürmten die alte Oasenstadt, schändeten die Tempel und rissen Säulen nieder, die ein halbes Jahrtausend lang hier gestanden hatten. Sie zertrümmerten jede Statue, derer sie habhaft werden konnten. Sie verbrannten jedes Buch, das nicht ihren Gott pries.

Von Ralph Pöhner | Basler Zeitung/Blogs

Der «Islamische Staat» in Syrien 2017? Nein. So geschah es im Römischen Reich anno 385. Christliche Mönche hatten die Macht im Osten des Imperiums übernommen. Mit der Schandtat von Palmyra beginnt die englische Publizistin Catherine Nixey ihr neues Buch über «das dunkle Zeitalter», «The Darkening Age». Es dreht sich um die Zerstörung der klassischen Welt durch das Christentum.

Wer hielt wem die andere Wange hin?

In unserem Gedächtnis erscheinen die ersten Christen ja als verträumte Aussenseiter, die von den Römern furchtbar verfolgt werden, still in Katakomben hausen und ihren Peinigern noch die andere Wange hinhalten. Wenn jemand die Hochkulturen der Antike bedroht und am Ende niederreisst, dann sind es sehr heidnische Barbaren aus Germanien. Die ernsthafte Forschung hat dazu schon allerlei Details richtiggestellt. Catherine Nixey malt nun aber ein Gesamtbild, das die Sonntagsschulgeschichte vollends umschreiben will, vor allem in zwei Punkten.

Erstens: Der Märtyrermythos der frühen Christen ist ein ziemlicher Fake. Gewiss, es gab Christenverfolgungen im Römischen Reich, aber sie waren kurz, halbherzig und schlampig organisiert. In gerade mal 12 oder 13 von über 300 Jahren liefen offizielle staatliche Unterdrückungsaktionen.

Bluttriefende Bildnisse

Und gewiss, es gab auch damals junge Männer, die es sinnvoll fanden, für ihren einzigen Gott theatralisch den Tod zu suchen. Aber nur wenige konkrete Fälle lassen sich nachweisen. Schon im 18. Jahrhundert vermutete der berühmte Historiker Edward Gibbon, dass weniger als zweitausend Christen überhaupt wegen ihres Glaubens hingerichtet wurden – und das in mehreren Jahrhunderten.

weiterlesen