Der „Bund für Geistesfreiheit“ will an Karfreitag feiern

Auch andere Gruppen demonstrieren seit Jahren gegen das Tanzverbot am Karfreitag, im Bild etwa Jugendliche, die im Jahr 2012 einem Aufruf der Münchner Grünen gefolgt waren. (Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Der Münchner Ableger des „Bundes für Geistesfreiheit“ lädt am Karfreitag zur „Heidenspaß-Party“.
  • 2016 hat das Bundesverfassungsgericht das generelle Tanzverbot in Bayern an Karfreitag für verfassungswidrig erklärt. Seitdem müssen an den „stillen Tagen“ Ausnahmen möglich sein.
  • Das Kreisverwaltungsreferat will nun prüfen, ob die geplante Party mit den Vorgaben des Feiertagsgesetzes in Einklang steht.

Von Jakob Wetzel | Süddeutsche.de

Vor zehn Jahren ist er untersagt worden, jetzt aber soll dem Tanz am Karfreitag nichts mehr im Wege stehen: Nachdem das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, dass ein entscheidender Halbsatz im bayerischen Feiertagsgesetz verfassungswidrig ist, hat der Münchner Ableger des „Bundes für Geistesfreiheit“ (BfG) erneut zur „Heidenspaß-Party“ geladen.

Unter dem Motto „10 Jahre verboten – jetzt erlaubt!“ sind im Oberangertheater in der Altstadt unter anderem eine Comic-Lesung, eine Filmvorführung, eine Tanz-Einlage und ein Kabarettprogramm vorgesehen. Ob die Party wie angekündigt stattfindet, ist allerdings auch nach der neuen Rechtslage noch unklar.

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Das Schönste an der Heterosexualität… sind die Schwul

Anfang März starb 70jährig der amerikanische Psychologe und Autor Joseph Nicolosi, der behauptete, man könne mit seiner „Reparativtherapie“ Homosexuelle heilen. Sein Leben lang hat er sich manisch damit beschäftigt, Homosexuelle als nicht von Gott so vorgesehen zu erklären und deren Lieben und Begehren als unmännlich, unnatürlich und krankhaft zu definieren.

Von Wolfgang Brosche | DIE KOLUMNISTEN

Anfang März starb 70jährig der amerikanische Psychologe und Autor Joseph Nicolosi, der behauptete, man könne mit seiner „Reparativtherapie“ Homosexuelle heilen. Sein Leben lang hat er sich manisch damit beschäftigt, Homosexuelle als nicht von Gott so vorgesehen zu erklären und deren Lieben und Begehren als unmännlich, unnatürlich und krankhaft zu definieren – daraus leitete er folgerichtig die Berechtigung, ja die Notwendigkeit ab, sie „heilen“ zu müssen. Er stürzte sich schon auf Kinder (sein jüngster Patient war sieben Jahren alt), um sie auf seinen rechten Weg zu bringen. Seine scharlatanischen Pseudoforschungen werden weltweit von seriösen Wissenschaftlern abgelehnt. Damit er sie ungeschoren führen und verbreiten konnte, sie haben keine wissenschaftliche Grundlage, gründete er sogar seine eigene Klinik: was übrigens David Berger freuen wird, der ja über Thomas von Aquin promoviert hat, die ST. Thomas Aquinas Psychological Clinic in Kalifornien.
Auf Nicolosi berufen sich weltweit alle Feinde der Homosexuellen bei den Evangelikalen wie den Fundamentalkatholiken. Auch die deutschen Homosexuellengegner von der „Demo für Alle“ führen ihn immer wieder im (Kampf-)Schilde.
Dieser Text war eigentlich entstanden, um darzulegen, warum noch heute soviele Fanatiker Homosexuelle für krank, verfehlt und als Menschen zweiter Klasse bezeichnen – und meinte damit natürlich die deutsche Kampforganisation gegen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Die „Demo für Alle“.
Der Tod Nicolosis läßt die Frage nach den wirklichen Motivationen der Homosexuellenfeinde noch einmal ganz virulent werden: denn gleichzeitig mit der Todesnachricht wurde auch bekannt, daß es allein in den USA rund 2000 christliche Zentren und Organisationen gibt, in denen die menschenverachtende Reparativtherapie und ähnliches zur Anwendung kommen. In Deutschland scheiterte dieser Tage im Bundestag erneut der Versuch, „Homo-Heilung“ zu verbieten.
Warum müssen Homosexuelle in der ganzen Welt noch immer um die menschliche Gleichberechtigung kämpfen?

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Zehntausende Kurden trotzen Erdogan

Die zentrale Kundgebung zum kurdischen Neujahrsfest Newroz in Frankfurt teht im Schatten der im April geplanten Volksabstimmung in der Türkei. Foto: RALPH ORLOWSKI (X00960)
Rund 30.000 Kurden sind in Frankfurt auf die Straße gegangen. Es bleibt friedlich. Das Zeigen von verbotenen Fahnen und Symbolen wird wohl aber Konsequenzen haben.

Von Danijel Majic | Frankfurter Rundschau

Anlässlich des Neujahrsfestes Newroz haben Polizeiangaben zufolge am Samstag rund 30.000 Kurden in der Frankfurter Innenstadt demonstriert (lesen Sie hier das Minutenprotokoll).

Die aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Demonstranten zogen in zwei Zügen von der Bockenheimer Warte und dem Opernplatz aus los, ehe sich beide Züge am Platz der Republik vereinigten.

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Philosophie: „Wir kommen nicht hinterher“

Artist’s render of the TRAPPIST-1 system. Image: ESO/M.Kornmesser Themenbild
Der Philosoph Thomas Leinkauf über das beunruhigende Leben an der Schwelle zu einer neuen Zeit und die Arbeit „am offenen, pulsierenden Herzen des Wissens“.

Von Arno Widmann | Frankfurter Rundschau

Herr Leinkauf, wann haben Sie zuletzt ein Buch gelesen, das zweitausend Seiten Umfang hat?
Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das zweitausend Seiten Umfang hat.

Warum muten Sie uns das zu?
Als ich anfing, das Projekt zu realisieren, war mir nicht klar, dass es einmal diesen Umfang haben würde. Aber das Buch ist so konstruiert, dass man es nicht von der ersten bis zur letzten Seite lesen muss. Querverweise und Indizes gestatten auch eine Benutzung, die auf ein bestimmtes Problem konzentriert ist oder bestimmte Begriffe in ihrem jeweiligen Kontext diskutiert sehen möchte.

Man diskutiert immer wieder bei Figuren jener Zeit – nehmen Sie zum Beispiel Nicolaus Cusanus oder Martin Luther – darüber, ob sie noch Repräsentanten des Mittelalters oder schon der Neuzeit seien.

Es geht Ihnen aber doch gerade ums Ganze der Renaissancephilosophie, nicht um eine Addition der einzelnen Disziplinen.
Man diskutiert immer wieder bei Figuren jener Zeit – nehmen Sie zum Beispiel Nicolaus Cusanus oder Martin Luther – darüber, ob sie noch Repräsentanten des Mittelalters oder schon der Neuzeit seien. Das scheint mir die Situation der Renaissance völlig zu verkennen. Sie markiert eine Schwelle, einen Übergang von einem in einen anderen Raum. Ihre Protagonisten sind in beiden Räumen und somit in keinem von beiden ganz.

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Vorhölle mit Vergnügungspark

Die nachgebaute Arche Noah in Grant County, Kentucky. bild: arkencounter
Im 27 Millionen Dollar teuren Kreationisten-Museum im US-Bundesstaat Kentucky erklären evangelikale Christen ihren Besuchern die Welt. Jetzt wurde in eine 100 Millionen Dollar teure Arche Noah investiert.

Von Sabine Mezler | General Anzeiger

Der Garten Eden liegt in Kentucky, die Arche Noah auch. Und beide haben dieses Jahr etwas zu feiern: das Paradies im Kreationisten-Museum sein zehnjähriges Bestehen, das biblische Schiff – ein 155 Meter langer, 100 Millionen Dollar teurer Nachbau der Arche – den Beginn des ersten richtigen Geschäftsjahres.

Geschaffen wurden beide Attraktionen, die gern auch als „Disneyland für Darwin-Gegner“ bezeichnet werden, von der AiG, der Evangelisten-Gemeinde „Answers in Genesis“ unter der Führung von Ken Ham. Wie der Name schon sagt, nimmt die Organisation die Bibel wörtlich und findet alle Antworten im ersten Buch Mose. Weshalb sie weder Kosten noch Mühen gescheut hat, um Orte entstehen zu lassen, in denen sie ihre Sicht auf die Welt vermitteln und die Menschen vor den vermeintlichen Irrlehren der Evolutionstheorie bewahren kann.

Am Anfang schuf Ham dazu 2007 das Kreationisten-Museum in Petersburg im US-Bundesstaat Kentucky, um (O-Ton) einen „Gegenpol zu den evolutionsgeschichtlichen Ausstellungen zu bilden, die den Geist gegen die Heilige Schrift und Jesus Christus, den Erschaffer des Universums, verdrehen“.

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It’s Time to Start Calling Evangelicals What They Are: The American Taliban

(Photo: Ben White / Unsplash)
The Council For National Policy” is a Conservative Think Tank, made up of a who’s who of prominent conservatives; Rick Santorum, Mike Huckabee, Reince Priebus, Tim LaHaye, Bobby Jindal, John McCain… the list goes on…

By JC Weatherby | Church and State

This article, published by the Washington Post, but reported elsewhere, lays out the group’s plan to “restore education in America,” by bringing god into classrooms.

I have said for years and years, the Christian Right is really seeking to establish a theocracy in the United States — at least regionally, throughout the deep south. And this latest effort by the “Council for National Policy” lays further proof to that claim. This is an effort which — in spite of what many Christian leaders say — is NOT supported by the Constitution. The Constitution strictly prohibits the establishment of Religion, as part of the First Amendment, which also guarantees Freedom of Speech and Freedom of the Press. The purpose of this “Separation of Church and State” is intended to do two things:

  1. It protects religious freedom for everyone.
  2. It prevents the tyranny of any one religion.

But this fact won’t stop many southern christians, who feel it is their duty — as christians — to make the United States “a godly nation” in their eyes. And they will cite the numerous biblical passages in which god exhorts all nations to be faithful to him and condemns those nations who are not, as the basis for this duty — which they feel is their right.

I grew up in this world, so I know what I’m talking about. As a kid, during the 1970’s, I attended churches in Atlanta with my devout grandmother. I heard Jerry Falwell speak numerous times at First Baptist on Peachtree. I was indoctrinated into the evangelical way of thinking by a fiery minister in Smyrna. I studied my “King James” bible. I feverishly read Ernest Angley’s book about the “end times” that depicted christians being boiled alive by the antichrist. I loved “The Omen” movies, wholly believing they portended something real. Trust me. I’ve been there. Fortunately, I had the sense to give it up. By age 15, at the peak of my adolescent sexual curiosity, I realized that any religion that demanded giving up my basic humanity was nuts.

Of course, not all christian evangelicals share this extreme view. Nevertheless, the extremists always give themselves away with their trademark refrain, “I’ll pray for you,” as if you are possessed by demons and in need of an exorcism. They seem completely unaware of how this statement makes them appear; that they alone understand “truth,” that everyone else is “ungodly” and in need of “redemption,” as they see it; by being “born again,” and baptized, and accepting their world view. This self-righteous arrogant presumption is at the root of all religious extremism.

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Über den Nike-Hidschāb

Bild: RDF
Der Sportartikelhersteller Nike hat eine Kollektion für muslimische Sportlerinnen angekündigt, zu der auch ein Hidschāb gehören wird (Pro Hijab).

Von Stephanie Guttormson | Richard-Dawkins-Foundation

Ex-Muslime:

„Hidschābs sind ein Symbol der Unterdrückung und sie zur Alltäglichkeit zu machen ist eine schlechte Idee. Die Gesetze, die das Tragen eines Hidschābs verlangen, sollten nicht unterstützt werden, noch sollte man sich an sie anpassen. Nike tut mit diesem Produkt genau das; es ist eine miserable Idee.“

Weiße Linke:

„Nee, das ist was Gutes, denn jetzt können diese Frauen an irgendwas teilnehmen, was sie vorher wegen genau der repressiven Gesetze nicht konnten, gegen die ich eigentlich bin, die ich aber aus Gründen, die mir gleich einfallen, jetzt doch unterstütze, wie Kapitalismus (und Nike ist amerikanisch, und USA! USA! USA!).“

Wenn ihr nichts dagegen habt, bleibe ich eine Verbündete und höre auf die Ex-Muslime, die in dieser Sache immer ziemlich klar waren. Nur weiße Linke überschlagen sich dabei, etwas zu verteidigen, das sie sonst nicht unterstützen würden.

Ich frage mich, wie weiße Linke auf ein Unternehmen reagieren würden, das für Kinder-Brautkleider wirbt. Wenn ihre obige Logik irgendein Indiz ist, so wird das etwa wie folgt aussehen: „Ja, aber das wird diese Kinderbräute befähigen, der Unterdrückung zu entrinnen, weil sie mehr Möglichkeiten haben!“

Vielleicht sollte ich betonen, dass besagte weiße Linke gegen die Unterdrückung von Frauen bei der „Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ sind, bei der Quiverful-Bewegung oder bei den Amish People. Soll Nike Sportkleidung herstellen, die diesen Frauen erlaubt, getreu den Gesetzen ihrer Religion an irgendwas teilzuhaben? Nein. Warum? Weil das genau die Unterdrückung vertiefen würde, die wir versuchen zu bekämpfen. Dasselbe gilt für Nike und den Hidschāb; sie erklären repressive religiöse Gesetze für gültig. Weiße Linke sagten, ohne Ironie, dass der Nike-Hidschāb muslimischen Frauen erlaubt, an Dingen teilzunehmen, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten. Ja aber – warum hätten sie denn keinen Zugang?

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Komplizen des Holocaust

Warschau unter deutscher Herrschaft 1940: Eine Frau sitzt in einer Straßenbahn, mit der nur Juden fahren durften. Bei anderen Verkehrsmitteln wiederum war die Benutzung für Juden verboten. Auf diese Weise trennten die Besatzer Juden und Nicht-Juden voneinander. Wenig später begannen die NS-Führung mit der systematischen Ermordung der jüdischen Europäer. (Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
Historiker Götz Aly dokumentiert die Judenfeindschaft in Europa vor 1945 – und den Hass auf Holocaust-Überlebende nach dem Zweiten Weltkrieg.

Rezension von Barbara Distel | Süddeutsche.de

Es ist sicherlich nicht rufschädigend zu behaupten, dass Götz Aly, den die Welt als „Bestsellerautor, Journalist und Historiker“ tituliert, umstritten ist. Der heute fast Siebzigjährige hat es im Laufe von Jahrzehnten immer wieder verstanden, Mitglieder seiner Zunft vor den Kopf zu stoßen, persönlich zu kränken oder lächerlich zu machen.

Wandte sich in den 1980er Jahren seine Kampfeslust gegen das zeithistorische Establishment, so überraschte er seine Leser in späteren Jahren mit warmen Worten für Professor Ernst Nolte, der 1986 den Historikerstreit mit der Frage ausgelöst hatte, ob der Holocaust eine Reaktion der Nationalsozialisten auf vorausgegangene Massenverbrechen des Gulag-Systems in der Sowjetunion gewesen war.

Mitarbeiter von Gedenkstätten bezeichnete er als „schlecht getarnte Langweiler, die einfallslos und betulich an ihren Lebenszeitstellen kleben und den Status quo verteidigen“. Und in seinem Buch „Unser Kampf“ (2010) polemisierte er gegen die Studentenbewegung der 1968er Jahre, der er selbst angehört hatte und deren Wirken er im Nachhinein als „kollektiven Wahn“ apostrophierte.

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Texas: Gesetzentwurf fordert 100 Dollar Strafe für Masturbation

Screenshot aus dem Film Monty Python’s The Meaning of Life
Abgeordnete will mit dem Vorstoß Verschärfung des Abtreibungsrechts kritisieren

Von Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

In Zeiten zunehmend neopuritanischer Subkulturen an US-Universitäten kann man sich nicht mehr ganz sicher sein, ob ein Gesetzentwurf, der Masturbation mit einer Strafe in Höhe von 100 Dollar belegt, ernst gemeint ist oder nicht. Jessica Farrar, der demokratische Abgeordnete, die diesen Gesetzentwurf mit der Nummer 4260 im texanischen Repräsentantenhaus einbrachte, geht es jedoch nicht um Zwang zum Verzicht, sondern darum, auf ein ihrer Ansicht nach zunehmend aus dem Ruder laufendes Abtreibungsrecht aufmerksam zu machen.

In Texas müssen Frauen, die eine Abtreibung vornehmen lassen wollen (ähnlich wie in Deutschland) zu einer vorhergehenden Beratung verpflichtet. Dabei zeigt man ihnen Bilder von Föten, lässt sie deren Herzschlag hören und warnt sie vor einem angeblich erhöhten Brustkrebsrisiko nach Schwangerschaftsabbrüchen – was Farrar für wissenschaftlich nicht haltbar und für „Manipulation“ hält. Außerdem bricht der Fötenschutz in diesem US-Bundesstaat Patientenverfügungen: Befindet sich eine Frau (beispielsweise nach einem Unfall oder einer Gehirnblutung) in einem Zustand, in dem sie eigentlich nicht mehr künstlich am Leben erhalten werden will, müssen Ärzte das trotzdem tun, wenn sie schwanger ist.

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Gentechnik für alle?

Bild: merakname.com
Biohacking: Wie gefährlich kann Synthetische Biologie aus dem Gen-Baukasten werden?

Von Bernd Schröder | TELEPOLIS

Es war einmal eine Zeit, in der Dr. Sheldon Cooper der Jüngere mittels rekombinanter DNA-Technologie ein Fabelwesen als treuen Gefährten für den Heimgebrauch erschaffen wollte – einen Greif. Das Experiment kam jedoch nicht zustande, da sich seine Eltern wenig geneigt zeigten, die nötigen Mittel für die benötigten Adlereier und Löwensamen aufzubringen.

Doch die Epoche der Unerschwinglichkeit von Experimental-Utensilien neigt sich für Do-it-yourself-(DIY)-Biologen oder Biohacker ihrem Ende zu. Auch dank von Leuten wie >Josiah Zayner, der eigentlich bei der NASA als synthetischer Biologe an Bakterien für das Mars Terraforming arbeitete und sich dann über eine Crowdfunding-Aktion selbständig machte.

Sein Biohacking-Ausrüster-Unternehmen Open Discovery Institute (ODIN) vertreibt DIY-CRISPR-Kits für Heimanwender: Gen-Scheren für zu Hause. Je nach ausgewähltem Baukasten lassen sich Bakterien dazu bringen, auf Medien zu gedeihen, die sie normalerweise nicht tolerieren würden. Mit einem anderen Kasten kann man Hefen zur Fluoreszenz verhelfen. Kostenpunkt eines Kits: rund 150 US-Dollar. Ein ebenfalls angebotenes Genetic Engineering Home Lab Kit kostet um die 1000 US-Dollar. Für die Einrichtung eines gentechnischen Labors werden momentan um 5000 US-Dollar veranschlagt.

Diese leichtere Verfügbarkeit bringt Probleme mit sich. Obwohl sich mit Zayners CRISPR-Kits nur ganz einfache Experimente bewerkstelligen lassen sollen, wittern Kritiker eine Weichenstellung für potentiellen Missbrauch, zum Beispiel für die unkontrollierte Entwicklung neuer Pathogene. Andere wiederum zeigen sich besorgt, dass die biologischen Experimente im Heim aus dem Rahmen der Sicherheitsstandards akademischer oder industrieller Labore fallen. Zayner selber liefert das Anschauungsmaterial

In seinem Kühlschrank stehen die Petrischalen gleich neben den Nahrungsmitteln. Ein eigens für Experimente angeschaffter Kühlschrank – das ist für ihn nicht nur eine Raum- und Geldfrage, das ist die Klassenfrage: Zayner will jeden einbeziehen, nicht nur die Interessierten weißer Hautfarbe, die aus der oberen Mittelklasse stammen und für die monatliche 100-Dollar-Labormieten kein Problem sind.

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Ricky Gervais zu Stephen Colbert: „Sie glauben nicht an 2999 Götter. Es ist nur einer mehr, an den ich nicht glaube.”

Wenn der strenggläubige Katholik Stephen Colbert den Atheisten Ricky Gervais in seine Show einlädt, kann man darauf wetten, dass es in ihrem Gespräch irgendwann um Religion gehen wird. Gestern Abend (Anm. d. Red.: 1. Februar 2017) warteten beide nicht erst, bis das Thema von selbst auftaucht, sondern kamen gleich zur Sache; sie diskutierten „erste Ursachen”, die Definition von Atheismus und warum Gervais nicht einfach nur „an Wissenschaft glaubt”.

Von Hemant Mehta | Richard-Dawkins-Foundation

Die Konversation war nicht streitlustig, erlaubte aber beiden Bühnenkomikern, ihre Positionen klar zu machen.

Gervais: „Der Atheismus lehnt lediglich die Behauptung ab, es gäbe einen Gott. Er ist kein Glaubenssystem. Das ist Atheismus, in aller Kürze. Sie sagen, es gibt einen Gott. Ich sage: Können Sie das beweisen? Sie sagen: Nein. Ich sage: Daher glaube ich Ihnen nicht. Sie glauben an Gott, nehme ich an?

Colbert: „Ähm… in Gestalt dreier Personen, aber fahren Sie fort.”

Gervais: „Ok. Es gibt etwa 3000 Götter zur Auswahl. Im Grunde lehnen Sie einen weniger ab als ich; Sie glauben nicht an 2999 Götter, und ich glaube an nur einen weiteren nicht.”

Gervais sagte weiterhin, er fühle immense Dankbarkeit für seine Existenz, denn „die Chance war eins zu Milliarden, dass ich als ich selbst auf diesem Planeten erscheine, und ich werde es nie wieder.” Anschießend, nachdem er hörte, sein Vertrauen in die Wissenschaft sei auch nur eine Art Glaube, konterte Gervais mit diesem hübschen Monolog.

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Hayir – Nein!

© Reuters Gegen das türkische Referendum: „Hayir“, das türkische Wort für „nein“, ist am 7.3. auf die Wand des Hamburger Plaza Event Centers gesprayt.
Erdogans Minister kämpfen in Deutschland für ihre Verfassungsreform. Sie haben viele Anhängern in Deutschland. Aber es gibt auch Türken, die das ganz anders sehen.

Von Thomas Gutschker, Lydia Rosenfelder | Frankfurter Allgemeine

Ende Januar geschah etwas Ungewöhnliches im Hessischen Landtag. Turgut Yüksel, vor sechzig Jahren in Anatolien geboren, SPD-Abgeordneter, starrte auf seinen Laptop. Die türkische Regierung hatte gerade den Termin für das Referendum über ein Präsidialsystem bekanntgegeben. Yüksel sah sich dazu ein Video an, in dem Regierungspolitiker denen von der Opposition an die Gurgel gehen, um das Referendum durchzusetzen. Er drehte den Bildschirm zu seiner Nachbarin im Plenum. „Guck dir mal den Unterschied an, wie es hier läuft und dort“, sagte Yüksel. „In der Türkei wird es nach dem Referendum keinen Raum mehr für andere Meinungen geben.“

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Türkische Journalisten demonstrieren für inhaftierte Kollegen

In Istanbul haben am Samstag türkische Journalisten und Abgeordnete der Opposition gegen die Inhaftierung von zahlreichen Journalisten nach dem gescheiterten Putsch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan demonstriert. „Journalismus ist kein Verbrechen!“ und „Wir werden nicht still sein!“, riefen die rund 50 Teilnehmer der Kundgebung.

derStandard.at

„Viele inhaftierte Journalisten dürfen wegen des Ausnahmezustands keine Briefe empfangen“, sagte der Abgeordnete Baris Yarkadas von der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP). Als Zeichen des Protests beschrifteten die Teilnehmer der Kundgebung Karten, die sie an inhaftierte Journalisten abschickten.

Ausnahmezustand

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 verhängte die Regierung den Ausnahmezustand. Seither wurden rund 170 Medien eingestellt und fast 800 Presseausweise einkassiert.

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Kopftuch: Symbol des Psychoterrors im Maghreb

cover: orell füssli Samuel Schirmbeck, „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen. Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen“. € 20,- / 288 S.; Orell Füssli, Zürich 2016
Darf man den Islam kritisieren? Man darf nicht, man muss, lautet die Antwort Samuel Schirmbecks

Von Heiko Heinisch | derStandard.at

Der Islam habe, so der im Buch zitierte Philosoph Abdennour Bidar, in seiner Mitte ein Monster hervorgebracht, und ohne aufgeklärte Islamkritik wird er weitere produzieren.

Schirmbeck lebte und arbeitete zehn Jahre in Algier, baute dort 1991 das ARD-Studio auf und berichtete aus dem gesamten Maghreb. Er erlebte den Ausbruch des algerischen Bürgerkrieges, dem 150.000 Menschen zum Opfer fielen, die Jahre des Terrors, in denen Frauen mit Säure verätzt oder erschossen wurden, weil ihre Kleidung zu viel Haut unbedeckt ließ oder weil sie kein Kopftuch trugen. Er erlebte die mörderische Jagd auf Intellektuelle, auf Journalistinnen und Journalisten. Er beobachtete die schleichende Islamisierung der Gesellschaften, die Ausbreitung eines religiösen Obskurantismus, der alle unter Druck setzte, die ein Leben jenseits religiöser Regeln wollten. Sein Resümee: Der Islam sollte endlich seinen Gott unter Kontrolle bringen.

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Böhmermann geht in Berufung

Screenshot: youtube
  • Jan Böhmermanns Anwalt hat am Freitag Berufung gegen die Entscheidung des Landgerichts Hamburg zu Böhmermanns Schmähgedicht eingelegt.
  • „Man kann ein Kunstwerk nicht in Einzelteile sezieren“, so die Begründung von Christian Schertz. Das Gericht habe außerdem den aktuellen Gesamtkontext nicht berücksichtigt.
  • Das Landgericht Hamburg hatte Böhmermann am 10. Februar verboten, anzügliche Passagen aus seinem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdoğan zu wiederholen.

Von Annette Ramelsberger | Süddeutsche.de

Jan Böhmermann will nicht klein beigeben. Er will den Streit mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bis zum Ende ausfechten, der ihn wegen eines Schmähgedichts verklagt hatte. Der Fernsehsatiriker und fünffache Grimme-Preisträger geht gegen die Entscheidung des Landgerichts Hamburg vor, das ihm am 10. Februar große Teile seines „Schmähgedichts“ verboten hatte. Böhmermann hatte in seiner Sendung Neo Magazin Royale vor einem Jahr satirisch erklärt, wie man Erdoğan kritisieren darf und wie nicht.

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Megan Phelps-Roper – This is Extraordinary

Megan Phelps-Roper, a third-generation Westboro Baptist Church member (Nate Phelps’ niece) who left her family behind, condemned her former bigotry and embraced diversity, gave a TED talk about her experiences. It left me in tears. Please watch the whole thing.

By Ed Brayton | Dispatches from the Culture Wars

Nein zu Anti-Terroreinsätzen der Bundeswehr im Inneren

Falsche Sicherheit wird suggeriert: Polizei und Bundeswehr üben gemeinsam gegen fiktive Terrorszenarien. Ernstfall-Simulation sieht erstmals Bundeswehreinsatz im Inland mit Waffengewalt vor.

Pressemitteilung Humanistische Union

Die Innere Sicherheit, eine klassische Polizeiaufgabe, soll durch Militär flankiert werden. „Mit den Übungen zur Kooperation von Polizei und Bundeswehr werden in diesen Tagen Terrorszenarien politisch instrumentalisiert“, erklärte der Vorsitzende der Humanistischen Union, Werner Koep-Kerstin. „Die bisher in der Bundesrepublik wohlbegründete Trennung von Polizei und Militär soll unter dem Signum ‚Starker Staat und Handlungsfähigkeit‘ durchlöchert werden.“

Nach dem Grundgesetz ist der Einsatz der Bundeswehr im Inneren nur in wenigen Ausnahmesituationen zulässig: nämlich als Amtshilfe bei Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen gemäß Art. 35 Abs. 2 und 3 GG, oder nach Art. 87a Abs. 3 und 4 GG im Verteidigungs- und im Spannungsfall oder bei bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Keine dieser Ausnahmesituationen lag beispielsweise bei den Terroranschlägen in Berlin, Würzburg, München oder Ansbach vor – von einer Überforderung der Polizei konnte dabei keine Rede sein. Tatsächlich ist es die Bundeswehr, die als chronisch überlastet gilt. Im Übrigen existieren bereits Alarmierungsketten und Notfallszenarien; seit Jahren üben Territorialeinheiten zum Heimatschutz gemeinsam mit den Ländern den Ernstfall.

Die verstärkt vorgetragenen Forderungen nach Einsatz der Bundeswehr im Inland bei „terroristischen Großlagen“, wie sie im Weißbuch der Bundesregierung 2016 formuliert wurden, verkennen die bereits heute vorhandenen Möglichkeiten der polizeilichen Terrorbekämpfung. Die Länder verfügen über Spezialeinsatzkommandos (SEKs), ihre Kriminalpolizeien ebenso wie das Bundeskriminalamt haben Mobile Einsatzkommandos (MEKs), und die GSG9 steht ebenfalls zur Gewaltbekämpfung zur Verfügung. Und: Erst jüngst wurde bei der Bundespolizei die sog. BFE+ (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit plus) gegründet, die bei besonderen Gefährdungslagen oder Fahndungen, also auch besonderen Terrorlagen im gesamten Bundesgebiet, zum Einsatz kommen soll.

Zum Unterscheidungsmerkmal von Militär und Polizei gehört – auch vor dem Hintergrund schlechtester historischer Erfahrungen – insbesondere die polizeiliche Bindung an den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz bei der Anwendung von Zwangs- und Kampfmitteln. Auf deren rechtliche und taktische Beherrschung bei Einsätzen wird in der Polizeiausbildung sehr viel Wert gelegt. Es ist daher bezeichnend, dass Bürgerrechts- und Friedensgruppen ebenso wie der Bundeswehrverband oder Polizeigewerkschaften gegen einen Anti-Terroreinsatz der Bundeswehr im Inland sind.

Bei den gemeinsamen Übungen mit der Bundeswehr wird verharmlosend auf deren spezifische Fähigkeiten wie Aufspüren von Sprengstoffen oder Bereitstellung von Sanitätsdiensten hingewiesen, die unter polizeilichem Kommando zum Einsatz kommen sollen. Tatsächlich sehen die Übungsszenarien in diesen Tagen aber auch erstmals den Einsatz von Waffengewalt durch die Bundeswehr vor. „Es steht zu befürchten, dass diese gemeinsamen Übungen perspektivisch den Einstieg in einen Inlandseinsatz der Bundeswehr bedeuten, der im Ernstfall auch zur Anwendung militärischer Waffen führt. Sogenannte Kollateralschäden bei Zivilisten, wie wir sie von Kriegseinsätzen im Ausland kennen, sind schlimm genug – wer aber könnte dafür im Inland Verantwortung übernehmen?“, fragt Prof. Martin Kutscha, Verfassungsrechtler und Bundesvorstandsmitglied der Humanistischen Union. Terrorbekämpfung in Deutschland könne nicht Kriegführung bedeuten, sondern Bekämpfung von Schwerkriminalität mit polizeilichen Mitteln entsprechend der gesetzlichen Zuständigkeit. Die klare Trennung in den Zuständigkeiten für innere und äußere Sicherheit dürfe nicht verwässert werden, so Kutscha.

Edgar Dahl: Gibt es Gott? – Eine Rezension

Edgar Dahl: Gibt es Gott? ISBN-13: 978-3981836608, NIBE-Verlag, Alsdorf, 2016 124 S., 9,95 Euro
„Ob der liebe Gott alles sieht? Ob der liebe Gott hilft, wenn ich viel bete?“ So etwa wird manches Kind, mancher Jugendliche sich schon gefragt haben

Von Uwe Lehnert | Richard-Dawkins-Foundation

„Wie sag‘ ich’s meinem Kind?“ So wird mancher Vater, manche Mutter überlegt haben, als ihre Kinder sie mit Fragen dieser Art konfrontierten.

Im Vorwort sagt der Autor, dass sein Buch eine Anleitung zum Zweifel sein will. Er ruft seine jugendlichen Leser und Leserinnen dazu auf, nicht blind zu glauben, sondern den eigenen Verstand zu benutzen. Er will aber auch zeigen, dass die Überzeugung, dass es keinen Gott gibt, keineswegs so drastische Konsequenzen hat, wie gern behauptet wird. Auch in einer Welt ohne Gott ist das Leben lebenswert und gibt es Moral.

Dahl unterscheidet grob drei Arten von Gründen, die gegen Gott und einen religiösen Glauben sprechen. Er zählt Gründe auf, die auf der Ebene von einfachen Plausibilitätsüberlegungen liegen, also unmittelbar einleuchten. Er führt ferner moralische Argumente an, die gegen einen „allgütigen Gott“ sprechen und Religionen anhand ihres Umgangs mit Un- und Andersgläubigen kritisch bewerten. Und er nennt Gründe, die aus wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen.

Er sät erste Zweifel, indem er gleich zu Beginn seine noch zur Schule gehenden Leser fragt, ob ihnen nicht schon aufgefallen ist, dass sich in ihrer Klasse Mitschüler befinden, die völlig unterschiedlichen Religionen angehören, und das offenbar nur deswegen, weil sie zufällig in verschiedenen Ländern geboren wurden. Auch die Gottesvorstellungen der jeweils anderen Religionen unterscheiden sich. Gleichzeitig sind aber die Anhänger der verschiedenen Religionen jeweils fest davon überzeugt, dass ihr Glaube der einzig wahre sei. Wer hat denn nun Recht, gibt er seinen Lesern zu bedenken, und könnte es nicht vielmehr so sein, so fragt er, dass alle Unrecht haben?

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Volker Kauder: Dodo des Monats Februar 2017

Dodo des Monats Februar 2017 ©HFR

Die Frömmigkeit hat gewonnen. Angesiedelt zwischen evangelikalen Irrsinn und gestapelte Notrationen im Keller. Wartend auf das Jüngste Gericht. Kauder selbst ist wohl pietistischer Protestant mit katholischer Kontamination. Der Mensch ist die Schöpfung Gottes, geformt nach seinem Ebenbild. Von ihm kommen Menschenwürde und Menschenrechte. Erstere spricht Bibel-Fundamentalist Kauder den Homosexuellen, bei christlicher Notwendigkeit, mehrmals am Tag ab. Er meint, er sei konservativ. Er hat ein beschissenes Menschenbild, das ist der Punkt, nicht sein Konservatismus.
Als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag wird er hauptsächlich in Sachen Glaube wahrgenommen. Dafür wird er vom säkularen Staat gut bezahlt. Ein Bild mit dem Ratzinger-Papst ist in seinem Zimmer zu sehen. Nichts dessen man stolz sein sollte. Aber so verschieden sind die Weltbilder.

Kauder selbst steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, jener religiös klaustrophoben Truppe die gut gepflegte Homophobie artikuliert und in Sachen Lebensrecht und Bildung auch rot-braunen AfD Kontakten nicht aus dem Wege geht.

Eigener Darstellung ist zu entnehmen, dass er Kontakt zum Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, al-Tayyeb“ hat.  Der habe ihm gesagt:“„Hören Sie bitte auf, mit mir darüber zu reden, dass der Islam durch die Aufklärung muss. Wir wollen nicht durch die Aufklärung, denn bei der Aufklärung ist das Ergebnis gewesen, dass der Staat über der Religion steht und bei uns muss die Religion über dem Staat stehen …“ Kauders Antwort war tiefes Schweigen. Er war nicht entsetzt, empört, entrüstet, er schwieg. Nicht auszuschließen, dass er ähnliche Gedanken im Kopf hat. Wohlwissend, die Menschenrechte, die Gleichheit vorm Gesetz und nicht zuletzt die Religionsfreiheit sind Errungenschaften der Aufklärung, gegen die Interessen der Kirchen durchgesetzt. Die römische Spuktruppe hat fast 240 Jahre gebraucht um das Prinzip der Religionsfreiheit anzuerkennen um es danach mit Gutdünken bei jeder Gelegenheit zu missbrauchen. Kauder, in seinem Gotteswahn, ist durchaus zu zutrauen, dass er die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam partiell wenn nicht in Gänze anerkennt. Die Wege des Herrn sind unergründlich. Er selbst ist aber sehr schnell dabei, Gründe zu finden um Religion passfähig zu machen. Eloquent werden Halbwahrheiten dem Pöbel zum Fressen gegeben. Der frisst es.

Gelingt es den Kirchen nicht, den Islam auf das Niveau der Amtskirchen zu heben, Körperschaft des öffentlichen Rechts, Einzug von Steuern, eigenes Arbeitsrecht, soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime auf der Grundlage des Korans zu schaffen, stehen die Pfründe der Kirchen zur Disposition. Der Staat kann nur als handlungsfähiges Rechtssubjekt existieren, wenn er religiös geeint ist. Geeint in dem Sinne, dass man katholisch, evangelisch, islamisch und jüdisch an einem Strang zieht. Hauptsache der Pöbel ist gläubig. Gelernt haben die Pfaffen und mit ihnen Kauder nicht. Die religiöse Gleichschaltung  bringt Ergebnisse hervor, die man nicht andenken konnte oder sie schlicht und einfach nicht für möglich gehalten hat.

Am 25. Februar zum Abschluss des 10. Kongresses christlicher Führungskräfte in Nürnberg äußerte sich Kauder folgendermaßen:

„Wenn die Türkei sagt: Interne Vorgänge sind unsere Sache, sage ich: Aber der Einsatz für Christen in diesem Land ist unsere Sache“Volker Kauder

Es ist nicht Sache des Fraktionsvorsitzenden einer Partei im Bundestag auf einem demokratisch nicht legitimierten Kongress mit seiner Funktion die Muskeln zur Errettung des Christentums, spielen zu lassen. Er könnte doch sofort, wie seine Kollegen von der AKP es in Deutschland tun, nach Erdoganistan reisen und auf dem Taksim-Platz in Istanbul für die Rechte der rd. 100.000 in der Türkei lebenden Christen eintreten. Rechtsstaatlichkeit, Presse-und Meinungsfreiheit, Parlamentarismus wären die Eckpunkte einer flammenden Rede, seinem Gott würde das Weihwasserbecken überlaufen. Selbst dann, wenn er verhaftet werden würde, wäre das immer noch ein positives Ergebnis. Der christliche Gott braucht Märtyrer und Kauder wäre doch ein ordentliches Opfer. Der CDU/CSU würde es zur anstehenden Bundestagswahl die absolute Mehrheit bringen. Ein paar Gottesbonzen der Deutschen Evangelischen Allianz würden mit Freuden zur Mission auf den Taksim-Platz aufbrechen. Das wäre ganz großes Kino, ein gutes Bier, Popcorn und Kartoffelchips bräuchte es dann aber.
Das Problem, alle, auch Kauder fläzen in ihrer sicheren sozialen Hängematte, ohne jede Risikobereitschaft für ihren Gott. Das ist Mangel am Glauben. Statt dessen sehen sie wohlgefällig wie die Kanzlerin Bedford-Strohm die Wangen hätschelt und überlegen sich ob der dicke Marx Stachelbeerwaden unter seiner Soutane versteckt.

In dem Sinne. Herzlichen Glückwunsch zum Dodo.

 

Afrikanische Atheisten: Gottlos in Ghana

Ungläubige gelten in Ghana oft als Eigenbrötler. Umso wichtiger ist der Kontakt zu Gleichgesinnten: Treffen der Humanist Association in Accra. (Bild: Stefan Heunis / afp)
Ungläubige gelten in Ghana oft als Eigenbrötler. Umso wichtiger ist der Kontakt zu Gleichgesinnten: Treffen der Humanist Association in Accra. (Bild: Stefan Heunis / afp)
Der religiöse Extremismus äussert sich in Afrika nicht nur islamisch, sondern auch christlich. Freikirchen sind in Ghana allgegenwärtig und oft fanatisch. Eine Gruppe Ungläubiger gibt Gegensteuer.

Von David Signer | Neue Zürcher Zeitung

Vor fünf Jahren hat das Meinungsforschungsinstitut WIN-Gallup einen Glaubensindex veröffentlicht. Er wurde angeführt vom westafrikanischen Land Ghana. Auf die Frage «Sind Sie religiös?» antworteten dort 96 Prozent mit Ja. (Zum Vergleich: Saudiarabien 75 Prozent, Schweiz 50 Prozent, China 14 Prozent.) Ghana ist mehrheitlich christlich, der Norden des Landes ist muslimisch geprägt. Vor allem haben sich in den letzten Jahren jedoch, wie in vielen subsaharischen Ländern, die evangelikalen Freikirchen explosionsartig ausgebreitet. Ihre Priester locken oft mit Wundern, angeblichen Heilungen und masslosen Versprechungen von Reichtum neue Schäfchen an, die dann regelmässig skrupellos ausgenommen werden. Ihre riesigen Kirchen, die Plakate und die hysterischen Anwerber sind allgegenwärtig im Land.

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