Agaplesion gAG: Dodo des Monats November 2016

Dodo des Monats November 2016 ©HFR
Dodo des Monats November 2016 ©HFR

agaplesion_unternehmen_logoMan kann es die Konfessionalisierung des Gesundheitswesen nennen. Der Staat, die Kommunen ziehen sich in der Fläche aus der gesundheitlich-medizinischen Sorge zurück. Diese Zurückziehen geht mit der Übertragung des Sorge-und Vorsorge-Prinzips an konfessionelle Träger einher. Sofern der Bürger Mitglied des Klubs der konfessionell tätigen Gesundheitseinrichtungen ist dürfte kein Widerspruch entstehen. So ist es aber nicht. Die Regel, der Gesetzgeber überträgt vormundschaftliche Rechte an religiös gebundene Institutionen. Im Falle des Selbstbestimmungsrecht der Frauen, über sich selbst, über ihren Körper tritt die gesetzlich fixierte Entmündigung. Frauen wird das Recht abgesprochen, selbstbetreffende Entscheidungen zu verwirklichen. Menschenrechte, einschließlich das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, geregelt im Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz trifft für Frauen nicht zu. Man spricht ihnen den verantwortungsvollen Umgang mit Schwangerschaft ab.
Einhergehend mit der Tatsache, dass der Staat Funktionen seiner selbst an religiöse Einrichtungen des Sozial-und Gesundheitswesens abgibt tritt die Situation ein, dass pfäffische Entscheidungsträger zum Vormund von Frauen gekürt werden. Völlig außer acht lassend, dass kirchliche Institutionen nur im Rahmen ihren religiösen Auftrags tätig werden können. Mit anderen Worten, sie haben außer sich selbst, niemanden moralische, ethische und legale Vorschriften zu machen.

Nichts anderes ist im Landkreis Schaumburg passiert. Ein neues Krankenhaus wird gebaut, es gibt reichlich Steuergelder für den konfessionellen Träger der Einrichtung, hier also die Agaplesion gAG. Gemeinnützige Aktiengesellschaft

Die gemeinnützige Aktiengesellschaft (Abkürzung gAG) ist

  • eine Kapitalgesellschaft in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft,
  • ein Unternehmen, dessen Erträge für gemeinnützige Zwecke verwendet werden (§ 55 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 AO),
  • ein Unternehmen, das in Teilen von der Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer befreit ist.

Die Bezeichnung „gemeinnützige“ AG ist eine steuerrechtliche Besonderheit, mit der auf eine gemeinnützige Ausrichtung der AG hingewiesen werden soll. Entsprechen Satzung und tatsächliche Geschäftsführung den Anforderungen des Gemeinnützigkeitsrechts der Abgabenordnung, wird die Gesellschaft von bestimmten Steuern ganz oder zum Teil befreit.
Wikipedia

20 Aktionäre, Stiftungen, diakonische Rechtssubjekte, alle gut evangelisch, kein säkularer, weltanschaulich neutraler Aktionär involviert. Umsatz 2015 1,1Mrd. Euro, 6.300 Krankenhausbetten. Bezahlt aus den Kranken-und Pflegekassenbeiträgen der Patienten. Im Aufsichtsrat der gAG 18 Personen, davon zwei Frauen. Die Männer, Pfarrer, Pastoren, Staatsminister a.D.
Gesellschaftliche Kompetenz wurde in die Hände von Menschen gelegt, die ihren religiösen Obskurantismus ganz im Sinne Luthers, sola scriptura, allein durch die Schrift, auf die Allgemeinheit übertragen und im Landkreis Schaumburg gibt es keine Wahlfreiheit mehr. Das macht Angst, solcher Einrichtung möchte man nicht seine Gesundheit anvertrauen. Salafistische Christen, die über eine Milliarde Euro, im Jahr, umsetzen. Dort praktizierenden Ärzten, die ihre bigotte Moral an Abtreibungen festmachen kann man eigentlich nur mit tiefsten Misstrauen begegnen. Ein Vertrauensverhältnis von Patient – Arzt ist etwas anderes.
Beschäftigt man sich mit den Zahlen fallen andere Strukturen ins Auge. Die Sterbehilfe wurde in Deutschland vehement gegen Privatisierung verteidigt. Es war und ist schlicht ein Totschlag-Argument, dass Sterbehilfe-Vereine nicht im Sinne ihres Statuts wirksam werden können. Hochgerüstete Palliativ-Medizin, Hospize in Einrichtungen der Kirche müssen Umsatz erwirtschaften, also, genau das, was man den Sterbehilfe-Vereinen vorwirft wird praktisch realisiert. Sterbehilfe-Vereine stören das Geschäft. Unter dem Deckmantel Lebensschutz, der Bewahrung der Schöpfung werden Wettbewerber staatlich aus dem Markt geschmissen und die Monopolstellung der Krankenhauskonzerne gesichert. Politik bringt dann den Satz, dass Subsidiaritätsprinzip habe sich bewährt.
Die Würde des Menschen, sein Selbstbestimmungsrecht, formuliert und legalisiert im Zuge der Aufklärung, werden durch Staat und Kirche unterminiert.

Herzlichen Glückwunsch zum Dodo.

 

Kerry, in stinging rebuke of settlements, doesn’t rule out UN action

Secretary of State John Kerry speaks to Saban Forum on December 4, 2016 (Screenshot)
Secretary of State John Kerry speaks to Saban Forum on December 4, 2016 (Screenshot)
Outgoing US secretary of state excoriates Netanyahu government, slams Naftali Bennett for ‘disturbing’ remarks on two-state solution

By Rebecca Shimoni Stoil | The Times of Israel

Secretary of State John Kerry excoriated the Israeli right, claiming that support for settlement construction stems from a desire to subvert Israeli-Palestinian peace, during a speech before the Brookings Institution’s Saban Forum on Sunday afternoon.

A subdued Kerry, wearing reading glasses and referring to extensive notes, notably refrained from committing to veto any UN resolution intended to establish a Palestinian state, only promising a veto “if it is a biased, unfair resolution calculated to delegitimize Israel.”

US officials last week indicated that US President Barack Obama had nearly ruled out any major last-ditch effort to put pressure on Israel over stalled peace negotiations with the Palestinians, including at the United Nations.

Kerry, who will end his tenure as secretary of state in January, warned the audience that “you can fight about where we are in this process, but I’ll tell you this: There is no status quo. It is getting worse. It is moving in the wrong direction.”

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Medien: Zwischen Willkommenskultur und Wutbürgern

WDR © Simon @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
WDR © Simon @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Was macht der Vorwurf „Lügenpresse“ mit Journalisten? Tappen sie in eine Falle, unbegründete Ängste ernst zu nehmen? Und machen sie es den „Wutbürgern“ dann um so mehr recht? Beim WDR-„Integrationsgipfel“ ging es heiß her.

Von Thuy-An Nguyen | MiGAZIN

„Wissen Sie was Herr Schönborn, ich glaube, Sie mögen mich nicht“, behauptet Naika Foroutan. „Ich glaube, Sie stellen sich vielleicht hierhin und denken ich bin eine Frau und kann Ihre Meinung nicht richtig verstehen. Oder vielleicht denken Sie, ich bin eine Ausländerin.“ Ein peinlich berührtes Schweigen folgt. „Sofort bringe ich Sie damit in die Defensive“, behauptet Foroutan weiter. „Sie müssen jetzt hier stehen, sich verteidigen und sagen, dass das, was ich gesagt habe, nicht stimmt. Wenn ich aber sage, so fühle ich nun einmal und ich finde es nicht richtig, dass Sie meine Ängste nicht ernst nehmen, dann sind Sie noch mehr in der Defensive.“

Der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönborn und Naika Foroutan stehen sich bei einer Podiumsdiskussion des WDR-Integrationsgipfels gegenüber. Foroutan, Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt Universität Berlin, veranschaulicht in dieser Szene eine grundsätzliche Problematik, die sie bei Journalisten der deutschen Medienlandschaft beobachtet hat.

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Katholische Kirche warnt davor, die „stillen Tage“ auszuhöhlen

 Besonders geschützt ist in Bayern der Karfreitag. (Foto: Stephan Rumpf)
Besonders geschützt ist in Bayern der Karfreitag. (Foto: Stephan Rumpf)
Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Tanzverbot an „stillen Tagen“ hoffen Münchner Club-Betreiber auf Erleichterungen.
Die katholische Kirche mahnt dagegen zu Zurückhaltung.

Von Jakob Wetzel, Veronika Wulf | Süddeutsche.de

Steht das strikte Tanzverbot an den „stillen Tagen“ nun vor dem Ende? Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts hoffen Münchner Club-Betreiber zumindest auf spürbare Erleichterungen. Die Richter hatten entschieden, dass Ausnahmen nicht pauschal per Gesetz ausgeschlossen werden dürfen.

Das Gericht habe damit klar Position bezogen, sagt Alexander Wolfrum, der Vorsitzende des Verbands der Münchner Kulturveranstalter. „Wir rechnen damit, dass Veranstalter jetzt Ausnahmeanträge für viele Tage stellen werden.“ Und die Verwaltung müsse sich künftig an den Spruch des Gerichts halten. Die katholische Kirche dagegen mahnt zu Zurückhaltung.

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Atheisten kippen strenge Karfreitags-Verbote

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden.Foto: dpa
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden.Foto: dpa
Ein Freigeister-Bund hat in Bayern ein ganz großes Fass aufgemacht. Vor dem Bundesverfassungsgericht hat er durchgesetzt, dass am Karfreitag Musik gespielt werden darf.

Von Jost Müller-Neuhof | DER TAGESSPIEGEL

Wer sich als Durchschnittsberliner in das bayerische Feiertagsgesetz einliest, wird meinen, dass es kein Vorrecht afghanischer Taliban sein muss, bei öffentlichen Tanzvergnügen auf die Spaßbremse zu treten. An „stillen Tagen“ wie etwa zu Ostern, Heiligabend oder am Aschermittwoch, so wird in Bayern dekretiert, sind „Unterhaltungsveranstaltungen“ nur erlaubt, wenn der „ernste Charakter“ der Tage gewahrt werde. Die Gemeinden dürfen Ausnahmegenehmigungen erteilen, kein Pardon gibt es jedoch für den Karfreitag, an dem „in Räumen mit Schankbetrieb musikalische Darbietungen jeder Art verboten“ sind. Der Tag wird von allen Ausnahmen ausgenommen.

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Charlie Hebdo: Obszönität ist politisch

Bild: AFP. Shit or get off the pot. :D
Bild: AFP.
Heute probieren die Satiriker von „Charlie Hebdo“ das Heft erstmals auf Deutsch aus. Doch ist diese sehr gallische Auffassung von Humor exportierbar?

Von Stefan Brändle | Frankfurter Rundschau

Kann man, ja muss man sich Angela Merkel bald in zweideutiger Stellung mit Recep Tayyip Erdogan vorstellen? „Warum nicht?“, sagt Gérard Biard, der Chefredakteur von „Charlie Hebdo“. Dem Blattcredo treu verpflichtet, will er „nichts ausschließen“, wenn er am heutigen Donnerstag eine deutschsprachige Ausgabe lanciert. Die Startauflage beträgt 200 000 Exemplare. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Übersetzung der französischen Stammausgabe, die durch die Mohammed-Karikaturen und den Terroranschlag von 2015 in die internationalen Schlagzeilen geraten war. Die Karikatur auf der Titelseite werde für die deutsche Ausgabe allerdings speziell hergestellt, sagt Biard. Zwei weitere Seiten werde man ändern, weil zu stark auf die französische Innenpolitik bezogen. „Einige Zeichnungen“ im Blattinnern werden aus dem gleichen Grund ersetzt.

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Wahl Dodo des Monats November 2016

Dodo des Monats November 2016 ©HFR
Dodo des Monats November 2016 ©HFR

Zum Jahresende gab es noch einige Paukenschläge. Die Synode der EKD beschließt die Abkehr von der Judenmission, was natürlich einige Evangelikale Protestrufe nach sich zieht. In Niedersachsen wird mit viel Geld vom Staat eine Klinik aufgebaut, Betreiber ein evangelischer Konzern, der natürlich nichts besseres weiß, als Abtreibungen zu verhindern. Steuergeld für einen Pfaffenkonzern, der noch meint Frauen entmündigen zu müssen. Das kann nicht sein.
Eine Reihe von Theologen haben das Thema des Atheismus für sich in Anspruch genommen, Richard Dawkins ein kleiner ungläubiger Wicht, Atheismus ist böse aber das Schlechteste noch lange nicht. Noch schlimmer als der Papst schwurbelt sich Heinrich Bedford-Strohm durch die Medien. Ohne Linie, schlüpfrig wie eine Nacktschnecke windet er sich durch die Höhepunkte der Zeit. Die EKD weiter im Abwärtstrend ihrer öffentlichen Wahrnehmung.

Die Wahl ist bis zum 07. Dezember 2016, 18:00 Uhr befristet. Der Gewinner wird am folgenden Tag gewürdigt werden. Viel Spaß!

  1.  Olaf Latzel, „will Juden missionieren, alles andere ist Antisemitismus.
  2.  Agaplesion-Konzern, „Geld stinkt nicht, aber Frauen sind zu bevormunden.“
  3.  Wilhelm Imkamp, „er duldet keine Hedonisten neben sich.“
  4.  Christiane Tietz, „Krampfhafte Selbstsorge, oder asoziales Klugscheißen.“
  5.  Daniel Böcking, „Stellv. Chefredakteur Bild.de mit Mission.“
  6.  Reiner Haseloff, „im atheistischen Sachsen-Anhalt kann Kirche nichts gestalten, es sei denn durch Zwang.“
  7.  Antonino Zichichi, „Kernphysiker mit teleologischer Attitüde.“
  8.  Neals Nowitzki, „Helfersyndrom für Luther-Happening.“
  9.  Tomáš Halí, „mit Aberglauben Aberglauben kritisieren.“
  10.  Rainer Wendt, „polizeilicher Wut-Gewerkschafter.“
  11.  Susan Neiman, „möchte die Bibel philosophisch einbringen.“
  12.  Heinrich Bedford-Strohm, „Kreuz ist unwichtig.“
  13.  Papst Franz, „möchte in Gebärmüttern mitbestimmen.“
  14.  Herfried Münkler, „Bestandteil eines dummen Volkes.“

„Wahl Dodo des Monats November 2016“ weiterlesen

Tanzverbot an Karfreitag in Bayern ist verfassungswidrig

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Da Leben des Brian, Screengrab Youtube/BB
Das Bundesverfassungsgericht kippt die derzeit bestehende Regelung im Freistaat, wonach am Karfreitag generelles Tanz- und Musikverbot herrscht.
 

Süddeutsche.de

Der ausnahmslose Schutz des Karfreitags in Bayern verstößt gegen das Grundgesetz. Das hat das Bundesverfassungsgericht mit einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluss festgestellt. Die Karlsruher Richter gaben damit einer Verfassungsbeschwerde des Bundes für Geistesfreiheit statt.

Die anerkannte Weltanschauungsgemeinschaft vertritt die Interessen konfessionsloser Menschen und will die strikte Trennung von Kirche und Staat. Um die bayerische Regelung gerichtlich prüfen zu lassen, hatte die Gruppierung am Karfreitag 2007 eine Veranstaltung in einem Münchner Theater organisiert. Die zum Abschluss geplante „Heidenspaß-Party“ wurde – wie abzusehen war – untersagt.

Zu Unrecht, sagt nun das Bundesverfassungsgericht. Zwar darf der Karfreitag als „stiller Tag“ laut Beschluss besonders geschützt werden. Jede Befreiungsmöglichkeit von vorneherein auszuschließen sei aber unverhältnismäßig.

„Charlie Hebdo“ auf Deutsch: Politisch Korrekte, bitte Abstand halt

Bild: AFP. Shit or get off the pot. :D
Bild: AFP.
Am Donnerstag erscheint die erste deutsche Ausgabe der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Die Werbung zeigt Angela Merkel auf dem Klo. Wer auf politische Korrektheit setzt, sollte nicht weiterlesen.

Von Martina Meister | DIE WELT

Angela Merkel muss sich jetzt warm anziehen. „Es tut Politikern immer ganz gut, sich an neuen Dingen zu reiben und zu lernen, was politische Satire ist“, sagt Gérard Biard, Chefredakteur der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Demnächst wird die deutsche Kanzlerin unvollständig bekleidet auf dem Klo zu sehen sein, erwischt bei der Lektüre von „Charlie Hebdo“.

„Wirkt befreiend“ steht auf dem Plakat mit Angela Merkel auf der Toilette, das ab Donnerstag an deutschen Kiosken hängen wird. Es ist Werbung in eigener Sache.

Am 1. Dezember wird das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ zum ersten Mal seine deutschsprachige Ausgabe herausbringen. Mit 200.000 Exemplaren wollen sie an den Start gehen. Allerdings wird sich das Blatt anfangs von dem französischen Original nicht groß unterscheiden. Die meisten Artikel werden schlicht ins Deutsche übersetzt.

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Satire: Die Deutschen haben Charlie Hebdo verdient

„Charlie Hebdo“ erscheint bald in deutscher Übersetzung. Foto: AFP
Vom ersten Dezember an soll den deutschen Lesern in Übersetzung Charlie Hebdo zugemutet werden. Es ist ein fürchterliches Blatt. Willkommen, Charlie Hebdo. Ein Kommentar.

Von Christian Bommarius | Frankfurter Rundschau

Die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist ein fürchterliches Blatt. Der Humor seiner Zeichner und Texter ist subtil wie eine Dampframme, seine Unverschämtheit vor allem im Umgang mit den Religionen legendär. Gäbe es Preise für Vulgarität und Undifferenziertheit, Charlie Hebdo hätte sie längst gewonnen. Das Blatt ist eine Zumutung. Vom ersten Dezember an soll es nun den deutschen Lesern in deutscher Übersetzung zugemutet werden. Was soll man dazu sagen? Ganz einfach: Herzlich willkommen, Charlie Hebdo.

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Berlins Türken sind tief gespalten

Harte Worte. Friseur Murat K. ärgert sich über „Vaterlandsverräter“.Foto: Hasan Gökkaya
Harte Worte. Friseur Murat K. ärgert sich über „Vaterlandsverräter“.Foto: Hasan Gökkaya
Der türkische Staatschef hat in Deutschland ein miserables Image. Unter Berlins Türken ist er dagegen heftig umstritten – viele verehren ihn, andere hassen ihn. Ein Ortstermin am Kottbusser Tor

Von Hasan Gökkaya | DER TAGESSPIEGEL

Fruchtig, saftig, vollgetankt mit Sonnenstrahlen – wenn Murat Ç. über seine Granatäpfel redet, kommt er beinahe ins Schwärmen: „Die Deutschen stehen total auf diese Frucht, aber auch die Quitten werden gerne gekauft“, sagt er. Der zweifache Familienvater verkauft Obst am U-Bahnhof Kottbusser Tor. Ein höflicher Mann, der anders als viele Berliner dieser Tage noch einen ruhigen Puls bewahrt, wenn es wieder mal um den Mann in Ankara geht – um Recep Tayyip Erdogan, den türkischen Staatspräsidenten.

„Wir sind endlich keine Menschen zweiter Klasse mehr“

„Erdogan hat mir sogar eine Identität gegeben. Mein Blick auf die Türkei hat sich durch ihn völlig verändert“, sagt er mit ruhiger Stimme. Verändert? Wie denn? „Wir Türken haben uns so lange als Menschen zweiter Klasse gesehen, bis wir uns am Ende wirklich so fühlten, aber das ist endlich weg.“ Der 43-Jährige lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland, an die alte Türkei erinnert er sich, aber ungerne: „Früher war für uns gut genug, was den Europäern zu schlecht war. Die Türken sind Autos gefahren, die die Deutschen nicht wollten. Gucken sie sich heute mal auf den Straßen in der Türkei um – überall stehen Luxus-Autos!“

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Für eine demokratische Polarisierung

 Jürgen Habermas bei einer Diskussion in der Hochschule für Philosophie München. Bild: wikimedia.org/CC-BY-SA-3.0/Wolfram Huke
Jürgen Habermas bei einer Diskussion in der Hochschule für Philosophie München. Bild: wikimedia.org/CC-BY-SA-3.0/Wolfram Huke
Wie man dem Rechtspopulismus den Boden entzieht

Von Jürgen Habermas | Blätter.de

Blätter-Redaktion: Nach 1989 war vom „Ende der Geschichte“ in Demokratie und Marktwirtschaft die Rede, heute erleben wir das Aufziehen eines neuen Phänomens autoritär-populistischer Führerschaft, von Putin über Erdogan bis zu Donald Trump. Offensichtlich gelingt es einer neuen „autoritären Internationale“ mehr und mehr, die Diskurse zu bestimmen. Hatte Ihr Jahrgangsgenosse Ralf Dahrendorf also Recht, als er ein autoritäres 21. Jahrhundert vorhersah? Kann man, ja muss man bereits von einer Zeitenwende sprechen?

Jürgen Habermas: Als Fukuyama nach der Wende von 1989/90 den ursprünglich auf einen grimmigen Konservativismus gemünzten Slogan vom „Posthistoire“ aufgriff, drückte sich in seiner Umdeutung der kurzsichtige Triumphalismus westlicher Eliten aus, die dem liberalen Glauben an eine prästabilisierte Harmonie von Marktwirtschaft und Demokratie anhingen. Diese beiden Elemente prägen die Dynamik der gesellschaftlichen Modernisierung, verbinden sich aber mit funktionalen Imperativen, die immer wieder in Konflikt geraten. Der Ausgleich zwischen kapitalistischem Wachstum und einer auch nur halbwegs als sozial gerecht akzeptierten Teilhabe der Bevölkerung am durchschnittlichen Wachstum hoch produktiver Wirtschaften konnte nur durch einen demokratischen Staat herbeigeführt werden, der diesen Namen verdient. Eine solche Balance, die erst den Namen „kapitalistische Demokratie“ rechtfertigt, war aber, historisch gesehen, eher die Ausnahme als die Regel. Schon deshalb war die Idee einer globalen Verstetigung des „amerikanischen Traums“ eine Illusion.

Die neue Unordnung der Welt, die Hilflosigkeit der USA und Europas angesichts der zunehmenden internationalen Konflikte ist beunruhigend, und die humanitären Katastrophen in Syrien oder im Südsudan zerren ebenso an unseren Nerven wie die islamistischen Terrorakte. Dennoch kann ich in der Konstellation, auf die Sie hinweisen, keine einheitliche Tendenz zu einem neuen Autoritarismus erkennen, sondern eher verschiedene strukturelle Ursachen und viele Zufälle. Das Verbindende ist die Klaviatur des Nationalismus, den aber haben wir mittlerweile auch im eigenen Haus. Russland und die Türkei waren auch schon vor Putin und Erdogan keine „lupenreinen Demokratien“. Mit einer etwas klügeren Politik des Westens hätten die Weichen im Verhältnis zu beiden Ländern vielleicht anders gestellt, hätten vielleicht auch liberale Kräfte in diesen Bevölkerungen gestärkt werden können.

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„Miss Homophobia“ 2016: Die Freifrau ist nicht zu schlagen

Hedwig Freifrau von Beverfoerde. Grafik von Ralf Ricker, Grafikdesigner aus Wien. Foto: Ralf Ricker
Hedwig Freifrau von Beverfoerde. Grafik von Ralf Ricker, Grafikdesigner aus Wien. Foto: Ralf Ricker

Drei Frauen haben sich um den unbeliebten Titel „Miss Homophobia 2016“ bemüht. Hedwig Freifrau von Beverfoerde konnte sich gegen starke Konkurrenz durchsetzen. Die Kolumne.

Von Katja Thorwarth | Frankfurter Rundschau

Jetzt ist sie es schon wieder geworden: „And the winner[in] is …“ Hedwig Freifrau von Beverfoerde. Die „Miss Homophobia“ von 2015 hat es mit ihrer Performance in der Öffentlichkeit auch 2016 nach oben auf das Treppchen geschafft. Das zweite Krönchen in Folge, und wer sie kennt, weiß: Sie ist stolz auf diese Auszeichnung.

Die hat ihr die schwul-lesbische Menschenrechtsinitiative „Enough is Enough. Open your Mouth!“ verliehen, die im Internet abstimmen ließ, wer die Bedürfnisse derjenigen am meisten befriedigt, die den deutschen Heimatfilm der 50er Jahre (B-Movie) der heutigen Lebenswirklichkeit vorziehen. Frau von Beverfoerde, Organisatorin der „Demo für alle“, Adelige, enge Vertraute der Beatrix von Storch und CDU-Parteimitglied, konnte erneut ihre starken Konkurrentinnen ausstechen: Mit Birgit Kelle (Mutter und Publizistin) und Gabriele Kuby (Publizistin und Mutter) waren immerhin zwei Frauen mit am Start, die nie verschwiegen haben, dass Kinder an den Herd gehören und Frauen auf den Küchenboden – oder war es umgekehrt?

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Endless Absurdities of Religion

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know (Image: Joachim Fenkes / Flickr)
Pentecostalism—in which worshippers compulsively spout incomprehensible sounds called “the unknown tongue” (glossolalia)—has become a major world religion. An estimated three hundred million North Americans and Southern Hemisphere residents now attend churches where glossolalia occurs. This faith is surging, while most other branches of Christianity fade.

By James A. Haught | CHURCH and STATE

Santeria worshippers sacrifice thousands of dogs, pigs, goats, chickens, and the like to a variety of deities that are partly Catholic saints and partly African jungle gods. Bodies of the unlucky animals are dumped into waterways. Miami police patrol boats fish out the carcasses. Santeria (“way of the saints”) is somewhat similar to voodoo, but it arose among Spanish slaves instead of French ones.

Many millions of Hindus pray over models of Shiva’s penis. They make pilgrimages to a Himalayan cave where a penis-like ice stalagmite rises in winter. In San Francisco’s Golden Gate Park, many worshippers pray at a phallic-looking traffic barrier.

About five thousand fervent young Muslims have detonated themselves as human bombs in “martyrdom operations” to kill tens of thousands of “infidels.” The phenomenon peaked on September 11, 2001, when nineteen suicide volunteers hijacked four airliners and crashed them like projectiles to kill nearly three thousand Americans. The year 2007 had more than five hundred suicide attacks worldwide—well above one per day.

Another exception to Christian decline is the steady rise of Mormons. Latter-day Saints say an angel named Moroni revealed buried golden plates in New York State and gave Joseph Smith magical stones enabling him to translate the writing on those plates. The plates and stones cannot be examined as evidence today, because Moroni allegedly took them back to heaven.

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Satireblatt: „Charlie Hebdo“ startet deutsche Ausgabe

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Die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ erscheint ab 1. Dezember auch in einer deutschen Ausgabe. Es ist der erste ausländische Ableger des Wochenblattes, auf dessen Redaktion Islamisten im Januar 2015 einen Anschlag verübten.

Frankfurter Rundschau

„Charlie Hebdo“ kommt nach Deutschland: Die bekannte französische Satirezeitung, die im Januar 2015 Ziel eines islamistischen Anschlags wurde, bietet bald eine deutsche Ausgabe an. Die erste Nummer wird am 1. Dezember mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren in den Handel kommen, wie eine „Charlie Hebdo“-Sprecherin der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch sagte. Wieviele deutsche Exemplare der Wochenzeitung künftig gedruckt werden, ist noch nicht entschieden.

Für die deutsche Version werden vor allem Texte und Karikaturen des französischen Originals übersetzt. Vorgesehen sind aber auch eigens für die deutsche Ausgabe angefertigte Inhalte. Schon seit Monaten bereitet ein kleines Team aus Journalisten und Übersetzern das Projekt vor.

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Soziologe Joas warnt Kirchen vor erhobenem Zeigefinger

Der Soziologe Hans Joas hat die Kirchenleitungen vor der Ausgrenzung Andersdenkender gewarnt. 

evangelisch.de

„Die Kirchenleitung darf nicht einfach ihre Position für die einzig christliche erklären und damit andere, die zu anderen politischen Schlussfolgerungen gelangen, in die Ecke stellen und ausgrenzen“, sagte der 67-jährige Sozialphilosoph der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt„. „Die evangelische Kirchenführung in Deutschland tut derzeit so, als würde aus dem Ethos des Christentums eindeutig ein Eintreten für eine liberale Migrationspolitik folgen. Das ist aber nicht so.“ Deshalb dürften die Gegner einer liberalen Migrationspolitik nicht in den Anruch des Unchristlichen gebracht werden, betonte Joas.

„Religion ist nicht Moral. Und Kirche sollte auch keine Agentur sein, sollte sich nicht mit ihrer Nützlichkeit anpreisen“, fügte Joas hinzu.

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Erst kommt das Beten, dann die Moral

Wenn es um Werte geht, dann sind die Religionen ganz vorn dabei im Schulunterricht. Das Fach Ethik dagegen – immerhin schon seit 20 Jahren Schulversuch in Österreich – fristet ein Schattendasein, obwohl es nötiger wäre denn je.

Von Martin Praska | derStandard.at

Die bibelfesten Anteile der USA und ihre Trump’schen: Stehen sie in irgendeinem Zusammenhang? So wie die katholischen und die nationalsozialistischen im Österreich des Thomas Bernhard? Wo gibt die politische Bühne dem Allmächtigen heute nicht wieder eine tragende Rolle? Vom türkischen und weiter östlich gelegenen Allahu-akbar-Jenseits einmal abgesehen.

Auch bei uns kramt einer den lieben Gott hervor, um mit dessen Segen Rechtspopulismus und -extremismus in die Hofburg zu tragen. In seinem Gefolge die Retter des christlichen Abendlandes. Gegen den Jihad in Stellung gebracht. Denn auch der Islamismus ist hier angekommen. In Kindergarten, Schulhof und Jugendzentrum. Das Land teilt sich in Gut- und in Bösmenschen. Allenthalben Hasspostings und Hassprediger. Aus allen religiösen und pseudoreligiösen Ecken. Am Viktor-Adler-Markt und in der Hinterhofmoschee.

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Philosophin Susan Neiman rät zur Bibellektüre

Susan Neiman (2015), Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0
Susan Neiman (2015), Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0

Die Philosophin Susan Neiman rät ihren Berufskollegen, sich mit der Bibel zu beschäftigen. Angesichts der Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre könne man „nicht mehr davon ausgehen, dass Religionen einfach aussterben“, sagte die Direktorin des Einstein Forum Potsdam dem „Philosophie Magazin“.

Ein solch radikal säkulares Denken sei „nicht klug“. Religionen blieben auf absehbare Zeit Teil der Kultur „und damit müssen wir uns auseinandersetzen“, sagte Neiman. Im 20. Jahrhundert sei die Philosophie strikt vom Glauben getrennt und die Religion aus der Philosophiegeschichte herausgenommen worden, kritisiert Neiman. Doch die Bibel müsse auch als philosophisches Werk gelesen werden, weil sie viele philosophische Fragen stelle – wie die, „warum die Schöpfung dermaßen unperfekt ist“, sagt Neiman in der Magazin-Sonderausgabe „Die Bibel und die Philosophen“.

James Randi: Magier und Urvater der Skeptiker

 Skeptiker James Randi kokettiert mit den Symbolen des Aberglaubens © 2014 Getty Images
Skeptiker James Randi kokettiert mit den Symbolen des Aberglaubens © 2014 Getty Images
James Randi ist Magier, Hellseher, Entfesselungskünstler – und vor allem glühender Verfechter des rationalen Denkens. Seit Jahrzehnten entlarvt der heute 88-Jährige Scharlatane und prangert Aberglauben aller Art an. Nun erhält er in Wien den ersten Heinz-Oberhummer-Preis. Zeit für ein Porträt des Vaters aller Skeptikerbewegungen.
 

Von Alwin Schönberger | profil.at

Da saß er nun, ratlos und verzagt. Er bat um eine Pause, klagte, dass er sich unter Druck gesetzt fühle. Die TV-Zuseher verfolgten an diesem Abend im Jahr 1973, wie Uri Geller die größte Blamage seiner Karriere einsteckte. Johnny Carson, Moderator der legendären „Tonight Show“, hatte Geller in seine Sendung eingeladen. Doch statt den jungen Israeli, der behauptete, allein mit der Kraft seiner Gedanken Löffel verbiegen zu können, zu interviewen, legte Carson ihm einige Gegenstände vor: Besteck, Uhren, Schlüssel, Metalldosen. Geller möge doch seine psychokinetische Begabung live unter Beweis stellen, bat Carson. „Das schreckt mich“, sagte Geller, druckste herum, hielt seine Hand über die Objekte, als warte er auf eine geisterhafte Verbindung zu ihnen. Nichts geschah: Kein Löffel knickte, keine kaputte Uhr begann wieder zu ticken, keine Eingebung verriet ihm, welche der Filmdosen eine kleine Kugel enthielt.

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Kreationismus auf dem Vormarsch in Europa

Darwin-Büste im Naturkunde-Museum Berlin. Bild: BB
Darwin-Büste im Naturkunde-Museum Berlin. Bild: BB

Kreationisten lehnen die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Evolution ab. Bisher gab es ihre Bewegung primär in den USA, doch langsam breitet sich ihr Gedankengut auch auf unserer Seite des Atlantiks aus.

Von Stefaan Blancke, Peter C. Kjærgaard | Spektrum.de

„Einfach unglaublich!“ Mit hochrotem Kopf und sichtlich erregt schritt der knapp über 60-Jährige auf eine Person zu – eine aus Silikon geformte, hyperrealistische Rekonstruktion von Lucy, dem weltweit bekanntesten und 3,2 Millionen Jahre alten Australopithecus afarensis. Nach ein paar Minuten völligen Durcheinanders war klar, dass der Mann in einer anderen, biblischen Zeitrechnung lebte – für ihn dauerte die Erdgeschichte erst 6000 Jahre lang. Aber er störte sich in erster Linie nicht an Lucys evolutionärem Alter – er entrüstete sich mehr über ihren nackten Körper. „Sie müssen sie unbedingt bedecken! Das ist ja schon fast so schlimm wie am Strand!“

Lucy steht auf der Evolutionstreppe in der zentralen Halle des Prähistorischen Museums Moesgaard in Dänemark und ist wahrlich einer der Stars hier: Die neue Attraktion ließ die Besucherzahlen des Museums schon im ersten Jahr von 10 000 auf 500 000 in die Höhe schnellen. Bei der wissenschaftlichen Rekonstruktion wurde besonders darauf geachtet, eine individuelle Person darzustellen und nicht nur einen in der Evolution weit entfernten Vorfahren des heutigen Menschen. Und da steht sie nun – dunkelhäutig und wild, einen Meter groß und mit selbstsicherer Ausstrahlung. Der aufgebrachte Besucher war Anhänger der Kreationisten und erkannte noch nicht einmal den Affen in ihr – er sah nur ihren nackten Körper. Die Vorgeschichte bedeutete ihm viel weniger als die Moral, und die Ausstellung tat das ihr Übriges.

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