„Für soziale Verantwortung benötigen wir keine höhere Instanz“

Marieke Prien. Bild: HVD, Bundesverband
Schon seit Jahrtausenden nutzen viele Kulturen auf der Welt das astronomische Ereignis der Sonnenwenden, um Feste zu feiern. Auch eine wachsende Zahl konfessionsfreier Menschen nimmt seit einigen Jahrzehnten die Sommersonnenwende zum Anlass, am „längsten Tag des Jahres“ den Dialog über ihre Überzeugungen und Erfahrungen zu erneuern und sich bei gemeinsamen Feiern zu begegnen und wiederzusehen. Anlässlich des World Humanist Day 2017 grüßen drei Vertreterinnen humanistischer Organisationen ihre Freundinnen und Freunde in Deutschland und der Welt.

HVD – Bundesverband

Marieke Prien, Vorsitzende der International Humanist and Ethical Youth Union: Der Welthumanistentag – ein Tag, an dem wir Humanist*innen weltweit uns und unsere Projekte vorstellen möchten. Wir möchten damit auch zeigen, was unsere Werte sind. Die Liebe zu unseren Mitmenschen, aber auch das Hinterfragen von Strukturen und der Kampf für Freiheit und Gleichheit. Dass wir einander achten und füreinander eintreten. Und dass wir für diese Dinge keinen übernatürlichen Glauben brauchen, sondern sie aus uns selbst heraus als richtig und gut erkennen.

Dadurch können wir unsere positiven Botschaften vermitteln, unser Humanismus-Verständnis erklären und vorleben — und hoffentlich auch Vorurteile abbauen, die es gegenüber den meist nicht-religiösen Humanist*innen gibt.

Es geht auch darum, Mut zu machen. Mut, den man schnell verliert, wenn man einen Blick in die Zeitung wirft oder dem mächtigsten Mann der Welt auf Twitter folgt.

Ein Inhalt des Humanismus ist der Versuch, eine Gesellschaft zu entwickeln, in der jede Person sich selbst verwirklichen und frei sein kann. In der man sich vorurteilsfrei gegenseitig unterstützt und voranbringt. Das beinhaltet nicht nur das Hinterfragen von Stereotypen. Es beinhaltet auch, dass man persönliche Meinungen und Geschmäcker als solche erkennt und nicht als universale Regeln sieht, an die andere sich zu halten haben.

Um das zu erreichen, muss man sich an die eigene Nase fassen und sich kritisch mit den eigenen Gedanken und Handlungen auseinandersetzen. Auch hierzu soll der internationale humanistische Feiertag einen Anstoß geben.

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Salafismus und die „Gier nach Reinheit“

Manchmal vermag es Glauben in den Wahn zu leiten: Salafismus gilt als eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams. Im Bild: Gläubige bei einer Predigt im einer Moschee in Beirut. (Foto: dpa)
Jeans-Verbot, willkürliche Koran-Auslegung und die Lehre vom „wahren Islam“. Das Buch „Die Salafisten“ erläutert trittsicher ein religiöses Phänomen.

Von Simon Wolfgang Fuchs | Süddeutsche.de

Deutschland ist längst ein begriffliches Einwanderungsland. Arabisch-islamische Ausdrücke wie Dschihadist, Salafist oder Wahhabit haben sich erstaunlich mühelos in den Duden integriert. Die dahinterliegenden Konzepte zu benennen oder gar auseinanderzuhalten, fällt jedoch selbst Spezialisten schwer. Es ist daher ein Glück für die deutschsprachige Öffentlichkeit, dass sich Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaften an der Universität Wien, in seinem neuen Buch „Die Salafisten“ als trittsicherer Erläuterer dieses religiösen Phänomens erweist. Mit seiner klaren Meinung hält der Autor dabei nie hinter dem Berg. Für ihn ist der Salafismus in all seinen Spielarten bedenklich, da er einem friedlichen Zusammenleben und respektvollen Miteinander entgegenwirkt.

Lohlker geht es darum, die salafistische Selbstsicht als einzig authentische Version des Islam konsequent zu hinterfragen. Er unterstreicht die Verwandtschaft des Salafismus mit anderen modernen religiösen Bewegungen wie dem Pietismus, die in ähnlicher Weise die Rolle der Gemeinschaft betonen und den direkten, unverstellten Zugang zu den Textquellen suchen.

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Die Freiheit zur Blasphemie: Beleidigte religiöse Gefühle als Tatbestand?

© PICTURE-ALLIANCE Für den Propheten: Proteste in Islamabad gegen Karikaturen in „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, zwei Wochen nach dem Anschlag auf die Pariser Redaktion
Bloß keine Sonderregeln für den Islam: Der Pariser Rechtshistoriker Jacques de Saint Victor warnt vor einer Restauration des Delikts Blasphemie.

Von Michael Pawlik | Frankfurter Allgemeine

Zu den beliebtesten Kampfmitteln heutiger Identitätspolitik gehört der Kunstgriff, Sachkritik dadurch zu diskreditieren, dass ihr rassistische Motive untergeschoben werden. So wird die Befürchtung, der Islam enthalte ein ungezähmtes und womöglich auch unzähmbares Gewaltpotential, gern zum Ausdruck einer rassistischen Gesinnung erklärt. Derartige Vorwürfe werden nicht nur von islamischen Funktionären erhoben, die sich wortreicher über das Leiden ihrer Glaubensgenossen im Westen als über das der Opfer islamistischer Anschläge auszulassen pflegen. Sie werden auch von hyperkritischen westlichen Intellektuellen nachgesprochen, die den Kapitalismus für die Wurzel allen Übels halten und nach dem Kollaps des Kommunismus in islamischen Vorstadtbewohnern ihr Ersatzproletariat gefunden haben.

Wie wirksam diese Strategie ist, hat sich zum ersten Mal in der Auseinandersetzung um die Mohammed-Karikaturen gezeigt. Zwar wird das angebliche „Recht auf Blasphemie“ erbittert verteidigt, solange seine Ausübung sich gegen das Christentum, namentlich in dessen katholischer Variante, richtet. Im Hinblick auf den Islam sollen hingegen ganz andere Maßstäbe gelten.

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Und sie werden eintreten und die Lieder von Mumford & Sons singen

Bild: RDF
Ein Auszug aus Annabelle Gurwitchs neuem Buch „Wherever You Go, There They Are“ über Familien jeglicher Art

Von Annabelle Gurwitch | Richard-Dawkins-Foundation

Wenn du durchblicken lässt, ungläubig zu sein, werden wohlmeinende Freunde Dinge sagen wie „Ich kann beweisen, dass es Gott gibt.“ Der Ehemann einer Freundin nahm kürzlich diese Herausforderung an. Er ist ein Musikproduzent, der nicht nur sein Leben nicht dem Studium der menschlichen Sinnsuche gewidmet hat; darüber hinaus ist er völlig unbelastet von seinem Mangel kultivierten Wissens. „Na los“ sagte ich, immerhin eine winzige Hoffnung hegend, er möge etwas Neues in der Tasche haben. Ich bin nicht der Typ „Hurra, es gibt keinen Gott!“ Ich bin der Typ „Es ist Mist, dass es keinen Gott gibt, aber ich habe mich damit abgefunden. Einen doppelten Espresso und das Neueste von Sam Harris bitte.“

„Ok, wenn es keinen Gott gibt, warum ist das Zahlenverhältnis von Männern zu Frauen auf der Welt immer im Gleichgewicht? Selbst nach Kriegen, in denen viele Männer sterben, kehren die Zahlen immer zum gleichen Niveau zurück. Das ergibt doch keinen Sinn, wenn nicht Gott eingegriffen hat?“

„Ich melde mich zu dem Thema wieder“ sagte ich, denn vor einem Kommentar wollte ich angemessene Sorgfalt üben. Also bat ich die Physikerin Lisa Randall, Autorin von „Knocking on Heaven’s Door“ („Die Vermessung des Universums“) und anderen unterhaltenden wie erhellenden Büchern um ihre Meinung.

„Wie hoch ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Jeremy Wright, Musikproduzent aus Los Angeles, ein Welträtsel gelöst hat?“

„Reden wir über die Wahrscheinlichkeit vor dem Hintergrund aller Leute, die sich seit dem Beginn der Geschichtsschreibung dieser Aufgabe stellten oder nur dem unserer Generation? So oder so ist sie vermutlich nicht nur Null, sondern negativ. Wenn Mr Wright beweisen könnte, dass eine höhere Macht unser Universum am Laufen hält, nun, dann hätten wir den Beweis für Gottes Existenz. Er bringt aber nur ein weiteres ‚Intelligent Design‘-Argument, bei dem ein spezifisches wissenschaftliches Phänomen (in diesem Fall, wie menschliches Sperma eher männliche Nachkommen hervorbringt) als Erklärung einer völlig unverwandten Thematik benutzt wird, der Existenz Gottes nämlich.

Als „drei-minus-Schüler“, was die Wissenschaften betrifft, finde ich das Argument des „intelligenten Designs“ aus eher praktischen Gründen fehlerhaft. In einer wirklich intelligent designten Welt gäbe es keine Pädophilen, keine Diktatoren und man müsste keine Linsen essen. Es existierte weder AIDS noch Alzheimer noch Sportkleidung im Alltag. Wir hätten gleiche Bezahlung der Geschlechter, einen Mindestlohn, von dem sich leben lässt und die Leute hörten auf, „alles ist gut“ zu sagen. Antifaltencreme würde Falten beseitigen, das Glas von iPhones würde nicht springen, mit Unwahrheiten hausieren gehende Politiker würden durch Blitze niedergestreckt und Hot Pants wären gesetzlich verboten. Wenn jemand eine Theorie postulierte, die eine realistischere Beurteilung unserer Welt wiedergäbe, wäre ich geneigter, sie zu akzeptieren; skeptisch bin ich jedoch, dass „Gott liefert sein bestes Design“ auf große Begeisterung stieße. [1]

Ich fühlte nie die Verpflichtung, atheistische Gruppierungen ausfindig zu machen, bis zu jenem Tag, als mich ein Video über Bürger in seinen Bann zog, die im griechischen Legos freiwillig syrischen Flüchtlingen an Land halfen. Schon wollte ich den Namen der fördernden Organisation notieren, um mit ihr zwecks Beteiligung an den Rettungsbemühungen Kontakt aufzunehmen, als einer der Freiwilligen sich der Kamera zuwandte.

„Ich will nur, dass diese Leute gute Erfahrungen mit Christen machen.“

Können wir Humanisten jemals hoffen, mit solchem Enthusiasmus zu Werke zu gehen und so wie glaubensbasierte Gruppen auf Katastrophen und Krisen zu reagieren? Menschen, die sich als „ungebunden“ bezeichnen, sind gemäß „Pew Research„ die am wenigsten vertrauenswürdige Gruppe in Amerika. Könnte ich daran teilhaben, diese Wahrnehmung zu ändern?

Hätte ich in meinen Zwanzigern ein bisschen weniger Zeit damit verbracht, mit Esoterikern über frühere Leben nachzusinnen, dann hätte ich gewusst, dass größere Geister als ich schon an der Organisation säkularer Gemeinschaften rund um die Welt arbeiteten.

Eine schnelle Suche im Web ergibt, dass die Humanisten in meinem Stadtviertel Naturburschen sind, gern auf den örtlichen Wanderwegen unterwegs. Eine gesunde Ader für Humor durchzieht viele ihrer Online-Profile:

„Ich bin Atheist, weil ich sonntags gern ausschlafe.“

„Ich konnte wegen einer Pilzinfektion nicht zum Passahfest nach Hause; wenn das kein Grund ist, Gott aufzugeben, dann weiß ich auch nicht.“

„Ich bin Agnostiker, Satiriker, Autor und Rasputin-Darsteller. Besucht mein Blog für Blödsinn und Quark, hauptsächlich Quark.“

Dann erzählte mir ein Freund von der „Sunday Assembly“ in Los Angeles. Zwei britische Komiker, Sanderson Jones und Pippa Evans, hatten in England die Bewegung initiiert, als etwas wie „Kirche, aber völlig säkular“. Der Slogan „sei nützlich, staune mehr, hilf oft“ ist ihr Markenzeichen, übernommen von den siebzig weiteren Assemblies in acht Ländern, die seit 2013 aus dem Boden sprossen. Die Assembly-Website verkündet die Absicht, „radikal inklusiv“ zu sein; „wir machen nichts Übernatürliches, halten dich aber nicht davon ab“.

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Salman Rushdie zum 70.: Selig sind die Lügner

© AFP Seinen Roman „Die satanischen Verse“ kann man nicht mehr unbefangen als Fabelgespinst lesen, mit den anderen sollte man das aber unbedingt versuchen: Der britisch-indische Autor Salman Rushdie.
Er hadert mit den Religionen, guckt den Menschen lieber in die Gesichter als in die gläubigen Köpfe, schert sich nicht um Schubladen und ist vor allem eins: Geschichtenerzähler. Heute wird Salman Rushdie siebzig Jahre alt.

Von Dietmar Dath | Frankfurter Allgemeine

Der Roman, der diesem Schriftsteller am Bein hängt wie die Eisenkugel dem Kettenhäftling, ist nicht sein bester, aber doch voll sinnreicher Beobachtungen, die es gar nicht nötig haben, das, was der Verfasser nicht leiden kann (religiöse Einbildungen zum Beispiel) mit Röntgenblick zu durchleuchten, wo doch die Oberfläche der Erscheinung schon alles sagt: „Allmählich wurde klar, dass der große Regen ausbleiben würde. Klappriges Vieh durchstreifte das Land auf der Suche nach Wasser. ‚Liebe ist Wasser‘ hatte jemand mit weißer Tünche an die Backsteinwand einer Motorrollerfabrik geschrieben. Unterwegs begegneten sie anderen Familien, die nach Süden zogen, ihr Leben auf die Rücken sterbender Esel gebündelt, und auch diese strebten hoffnungsvoll dem Wasser entgegen. ‚Aber nicht zum Scheißsalzwasser‘, rief Mirza Said den Pilgern von Titlipur zu. ‚Und auch nicht, um zu sehen, wie es sich zweiteilt! Sie wollen am Leben bleiben, aber ihr Irren wollt ja sterben.‘ Geier rotteten sich am Wegesrand zusammen und schauten den Pilgern nach.“

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Ich glaube an Gleichberechtigung

Foto (Ausschnitt): Holger Bloehte
Ein kontroverses Plakat für die ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“

Von Giordano Brunello | Richard-Dawkins-Foundation

Gestern hat ein mit mir über Facebook befreundeter Profifotograf, Markus Hibbeler, ein Foto eines Plakats der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“ auf seine Facebook-Wall gepostet, das er wie folgt kommentierte: „Ich glaube an Gleichberechtigung”, sagt eine Frau, die ein Symbol trägt, das für genau das Gegenteil steht. Die Mehrheit der Muslimas hierzulande trägt übrigens kein Kopftuch. In vielen Ländern kämpfen Frauen unter Lebensgefahr gegen die Verschleierung, während der öffentlich-rechtliche Staatsfunk den Hidschab als Gleichberechtigung verkauft.“

Selbstverständlich kann ich den Ausführungen von Markus Hibbeler, dessen Ansichten ich sehr schätze, zu 100% beipflichten. Es gibt aus meiner Sicht jedoch noch einiges mehr zu diesem Plakat respektive über dessen Inhalt, Bedeutung und die darin enthaltenen Botschaften zu sagen, was Gegenstand des vorliegenden Blog-Artikels sein soll.

Auf dem Bild ist eine nach den Regeln der Scharia lebende orthodoxe Muslimin zu sehen, die ihr islamisches Kopftuch (hijab) in Ordnung bringt. Durch diese Handlung steht folglich vor allem der Umstand, dass diese Frau ein islamisches Kopftuch trägt, im Zentrum der Botschaft, die das Bild vermitteln soll. Diese Botschaft wird verstärkt, da mitten auf dem Bild in fetten Großbuchstaben die Worte „Ich glaube” stehen, womit das islamische Kopftuch mit dem Glauben in einen funktionalen und unmittelbaren Zusammenhang gebracht wird. Damit wird das Tragen des islamischen Kopftuchs als unbedingt erforderlicher Bestandteil des Glaubens gerechtfertigt. Bereits diese Bildbotschaft ist insbesondere gegenüber nichtmuslimische Zuschauer, die wenig bis keine Ahnung vom Islam haben, irreführend, zumal das islamische Kopftuch mit dem Glauben selbst nichts zu tun hat. Wenn das islamische Kopftuch für den muslimischen Glauben derart zentral wäre und ein unmittelbarer Zusammenhang dieses Kleidungsstücks zum Glauben bestünde, wären sämtliche Musliminnen, die kein Kopftuch tragen, Ungläubige (was von Schariamuslimen ja immer wieder behauptet wird). Das islamische Kopftuch hat mit dem Glauben an das Transzendente nichts zu tun und hat nicht die zentrale Bedeutung im Islam, wie dieses Bild es vermitteln möchte. Das islamische Kopftuch zielt allein darauf ab, die in einer islamischen Scharia-Gesellschaft zu geltende strenge Sexualmoral und die damit einhergehende Geschlechterapartheid durchzusetzen. Die Durchsetzung dieses gesellschaftspolitisch motivierten Verhaltens hat mit dem Glauben selbst, insbesondere mit dem Glauben an Gott, überhaupt nichts zu tun.

Besonders interessant bei der beim graphischen Aufbau des Plakats ist auch die Fortsetzung des Satzes, der mit „Ich glaube” beginnt. Der zweite Satzteil „an die Gleichberechtigung”, ist nämlich in kleinerer und normaler Schrift (also nicht mehr mit fetter Schrift wie „Ich glaube”) wiedergegeben. Die Botschaft, die damit vermittelt wird, kann, soll und muss in zweifacher Hinsicht verstanden werden. Der Glaube steht einerseits über dem Gedanken der Gleichberechtigung und hat durch diese Schriftwahl einen wichtigeren Stellenwert als diese, insbesondere auch wegen des Bildes mit einer ihr Kopftuch zurecht richtenden Muslimin, die mit dieser Handlung der Strenge der Scharia folgt und dafür sorgt, dass man bloß kein Haar von ihr sieht. Der Islam respektive der Glaube steht mit dieser Schriftwahl über der verfassungsrechtlich garantierten Gleichberechtigung. Andererseits kann man bei genauerer Betrachtung dieses Plakats auch die Suggestion wahrnehmen, dass der Gedanke der Gleichberechtigung sogar Teil dieses Glaubens sei. Das Letztere wird durch den erklärenden Anschlusssatz verdeutlicht: „Glauben hat viele Gesichter”. Mit anderen Worten kann und soll der Gedanke der Gleichberechtigung der Geschlechter auch über Alternativwege verwirklicht werden können, namentlich auch durch die Scharia. Dies bedeutet freilich, dass die Scharia angeblich nicht nur nicht im Widerspruch zu den Gedanken der Gleichberechtigung stünde. Gemäß dieser Ansicht, die nach Meinung des öffentlich-rechtlichen Senders mindestens vertretbar sein muss, zumal er keine Probleme damit hat, solche Botschaften zu verbreiten, kann die Gleichberechtigung sogar als Teil der Scharia betrachtet werden. Damit wird die Gleichberechtigung der Geschlechter zu einer Errungenschaft der Scharia und diese wird durch den Glauben verwirklicht, wobei der Glaube mit dem Tragen des islamischen Kopftuchs geradezu erfüllt wird, womit das Kopftuch angeblich ein zentraler Bestandteil dieses Glaubens sei. Gleichberechtigung ist damit angeblich allein eine Frage der Perspektive, wobei nach Ansicht der ARD-Redaktion offenbar auch die muslimische Perspektive gegenüber der Gleichberechtigung Achtung und Aufmerksamkeit verdient.

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Journalisten in Haft: Bitte nicht vergessen!

Laute Proteste sind am Ende die einzige Hoffnung für Menschen, die in autoritären Ländern zu Unrecht im Gefängnis sitzen.FOTO: EPD
Fünf Jahre dauert die Haft von Raif Badawi, 126 Tage die von Denis Yücel, 50 Tage die von Mesale Tolu: Ihre Gefangenschaft ist ein fortwährender Skandal ohne dauernde Empörung. Aber auf die kommt es an.

Von Max Tholl | DER TAGESSPIEGEL

Soll man erleichtert sein, dass Raif Badawi nun die Hälfte seiner Haftstrafe hinter sich hat oder empört, dass er mittlerweile schon fünf Jahre zu Unrecht in Haft sitzt? „Beleidigung des Islams“ lautete im Juni 2012 die offizielle Begründung für die Festnahme des saudischen Bloggers, der mit seiner Webseite „Freie saudische Liberale“ eine offene und pluralistische Debatte über die politischen Zustände im Königreich anstoßen wollte und somit den saudischen Herrschern zum Dorn im Auge wurde. In Wahrheit ist sein Fall eine Beleidigung der Meinungsfreiheit – und kein Einzelfall. Repressalien gegen Kritiker sind in Autokratien alltäglich. Einige Fälle sorgen international für Aufsehen und Protest, die meisten kritischen Stimmen verstummen aber ohne Nachhall.

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Julian Nida-Rümelin: Statt offener Grenzen – ein Marshall-Plan für Afrika!

Rettungsaktion für Flüchtende auf dem Mittelmeer – der Philosoph Julian Nida-Rümelin fordert eine Bekämpfung von Fluchtursachen statt offener Grenzen (Imago | Rene Traut )
Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, Tausende sterben jedes Jahr beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Ein politisches Großproblem, eine menschliche Tragödie, aber auch eine Herausforderung an das philosophische Denken.

Moderation: Susanne Führer | Deutschlandradio Kultur

Deutschlandfunk Kultur: Unser Thema in Tacheles heute sind Grenzen, und zwar die Grenzen zwischen Staaten, die verhindern sollen, dass Menschen aus dem Senegal oder aus Syrien einfach nach Deutschland oder Schweden zum Beispiel ziehen können in der Hoffnung auf Arbeit, auf Sicherheit und eine Zukunft. Es geht also um Migration und um Flüchtlinge und um die Frage, welche Verantwortung wir, die wir in Wohlstand und in Frieden leben, für diejenigen tragen, die dieses Glück nicht haben.

Damit tut sich ein Feld auf, das von der Politik bis zur Philosophie reicht, von Fragen nach Recht und Gesetz bis zu Fragen der Ethik. Und einer, der sich seit Jahren virtuos auf der Grenze von Philosophie und Politik bewegt, ist Julian Nida-Rümelin. Er ist Philosoph, lehrt auch als Universitätsprofessor in München und er war einmal Politiker, unter anderem Bundeskulturminister. Erstmal herzlich willkommen, Herr Nida-Rümelin.

Julian Nida-Rümelin: Guten Tag, Frau Führer.

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben vor kurzem ein Buch veröffentlicht, „Über Grenzen denken“ heißt es, in dem Sie eine „Ethik der Migration“ entwerfen, so lautet also auch der Untertitel. Haben Sie eigentlich beim Schreiben dieses Buches jemals gedacht, Mensch, was habe ich für ein Glück, dass ich zu dieser Zeit in diesem Land geboren wurde und nicht im Irak, in Syrien oder Afghanistan?

Julian Nida-Rümelin: Also, nicht nur beim Schreiben dieses Buches, sondern ich habe mich vor Jahrzehnten schon engagiert für eine andere Weltpolitik, für gerechtere Verhältnisse. Das knüpft also da unmittelbar an, dieses Buch. Ich hatte den Eindruck, dass die gesamte Debatte entgleist ist.

Nachdem sich die Welt jahrzehntelang nicht mehr um das Elend und die Not gekümmert hat und stattdessen Welthandelsverträge beraten hat, glauben wir nun, mit offenen Grenzen das Weltelend mindern zu können. – Das ist eine völlige Fehleinschätzung auch der Größenordnung und der Herausforderung, vor der diese Welt steht.

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«Warum braucht ein lebensmüder Mensch eine Lizenz zum Sterben?»

Eine Kommission soll prüfen, wie die Abgabepraxis von Sterbemitteln liberalisiert werden kann. Das hat die Deutschschweizer Sektion der Sterbehilforganisation an ihrer jährlichen Generalversammlung beschlossen.

Von Lena Schenkel | Neue Zürcher Zeitung

Sollen auch gesunde, lebensmüde alte Menschen in den Freitod begleitet werden können? Mit dieser Frage haben sich am Samstag rund 500 Mitglieder von Exit Deutsche Schweiz an ihrer jährlichen Generalversammlung in Zürich befasst. Eine 13-köpfige Gruppe von langjährigen Exit-Mitgliedern rund um den ehemaligen Leiter ihrer Geschäftsprüfungskommssion Klaus Hotz und den ehemaligen Präsidenten Werner Kriesi hatte einen entsprechenden Antrag gestellt, der bereits im Vorfeld der GV für mediales Aufsehen gesorgt hatte.

Dabei hatte Exit sein Bestreben, den sogenannten Altersfreitod zu enttabuisieren, bereits vor drei Jahren in seinen Statuen verankert und sich vor sechs Jahren ebendort für einen erleichterten Zugang zum Sterbemittel Natrium-Pentobarbital (NaP) ausgesprochen, jeweils mit hoher Zustimmung ihrer Mitglieder.

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Bin ich transweiblich, cross-gender oder inter*?

Mann oder Frau? Biologische Tatsache oder soziale Konstruktion? / picture alliance
Das auf Selbstverwirklichung gepolte Individuum der Spätmoderne möchte keine Grenzen kennen. Am allerwenigsten so kontingente wie das Geschlecht. Auch wenn das mitunter absurde Züge annimmt

Von Alexander Grau | Cicero

Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenexperiment aus dem Genre Science-Fiction: Stellen wir uns einfach vor, dass, irgendwann in ein paar tausend Jahren, wenn die Menschheit schon lange das Zeitliche gesegnet hat, Außerirdische unsere Erde besuchen. Sie werden Reste unserer einstmaligen Zivilisation finden, letzte Trümmer unserer Städte und Siedlungen. Neugierig geworden, werden sie früher oder später unsere Friedhöfe entdecken. Außerirdische Archäologen werden dann versuchen, aus den Gräbern Rückschlüsse über unsere Kultur zu ziehen, und ihre Humanpaläontologen werden sich über unsere Knochen beugen. Sie werden feststellen, wie alt wir im Schnitt geworden sind, welche Krankheiten wir hatten, wie wir uns ernäherten und sie werden – Achtung, Überraschung – feststellen, dass Homo Sapiens zwei Geschlechter hatte. Dafür benötigen unsere Alien-Freunde Gentests und anatomische Vergleiche.

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„Wir befinden uns mitten in der islamischen Inquisitions­zeit“

Foto: Imad KarimDer libanesische Regissuer Imad Karim
Der deutsch-libanesische Regisseur Imad Karim gilt als einer der umstrittensten Islam-Kritiker. Im Interview spricht er über das Versagen der arabischen Gesellschaft, über den politischen Islam, und warum er gegen Einwanderung ist.

Von Stefan Kaltenbrunner | kurier.at

KURIER: Es gibt im Internet ein Video, das den ehemaligen ägyptischen Präsidenten Nasser zeigt, der vor Parteikollegen eine Rede hält, in der er launig erzählt, dass der Chef der Muslimbrüder tatsächlich von ihm verlangt hätte, dass Frauen dazu verpflichtet werden ein Kopftuch zu tragen. Alle Beteiligten im Saal fanden das sehr lustig.

Karim: Ich kenne das Video, das war Ende der Fünfzigerjahre. Ein Kopftuchzwang war damals völlig illusorisch.

Heute gibt es kaum mehr ein islamisches Land, in dem Frauen kein Kopftuch mehr tragen, was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der arabischen Welt verändert?

Man hat bis in die Achtzigerjahre in vielen arabischen Ländern geglaubt, dass man mit demokratischen und säkularen Mitteln die Gesellschaft verändern könnte. Aber diese Kräfte haben völlig versagt.

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Humanistentag – „Kirchentag“ für Ungläubige

Frank Lüdecke, Bild: BR.de
Beim Deutschen Humanistentag 2017 werden in Nürnberg in den nächsten Tagen mehrere Hundert Teilnehmer erwartet. Philosophische Reden, Diskussionsrunden und Kultur stehen auf dem Programm.

BR.de

Eine Art Kirchentag will der Humanistentag sein, allerdings für Menschen, die sich gerade nicht als religiös bezeichnen. Und das sind nach Angaben des Humanistenverbandes immerhin rund ein Drittel der Bevölkerung.

Diskussionsrunden und Musik

40 Veranstaltungen stehen bis zum Sonntag in Nürnberg rund um die Meistersingerhalle auf dem Programm. Dabei sind philosophische Reden, Diskussionsrunden sowie Film und Musik. Inhaltlich geht es um ethische Fragen wie Sterbebegleitung, Verschwörungstheorien oder die Suche nach dem Glück.

Prominente Redner zu Gast

Zu Gast sind prominente Redner wie die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Comiczeichner Ralf König und der ehemalige Bundesrichter in Karlsruhe, Thomas Fischer. Obwohl sich die Veranstaltung explizit an Atheisten richtet, sind auch religiöse Menschen willkommen.

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Alles Rassisten, oder was?

Aiman Mazyek (Bild: Wikimedia Commons/Jakub Szypulka)
Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime wirft gern mit Diskriminierungs-Vorwürfen um sich. Besser wäre es, er würde helfen, den Islam zu modernisieren.

Von Jochen Bittner | ZEIT ONLINE

Wie lange eigentlich glaubt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland noch am eigentlichen Problem vorbeireden zu können? Unter der hoffnungsvollen Überschrift Wir Muslime müssen den Extremismus entlarven stellte Aiman Mazyek Anfang der Woche in der FAZ zunächst einmal klar, dass „wir Muslime“ schon ausreichend Gesicht gegen den Terrorismus zeigten, um dann eine von dessen angeblichen Hauptursachen zu benennen, „nämlich den Krieg und die Kriegstreiberei“. Die schändliche Ideologie, so Mazyek, die hinter dem muslimischen Extremismus stehe, müsse als das demaskiert werden, was sie sei: „areligiöser Nihilismus“. Nur werde tragischerweise ebenjenes spalterische Denken durch „antimuslimischen Rassismus“ gestärkt, der gerade „salonfähig“ werde.

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„Religion lenkt davon ab, die richtigen Dinge zu tun“

Als Kind wollte Martin Wagner Bischof werden. Jetzt ist er hessischer Landessprecher eines Konfessionslosenverbundes. Warum er Religionen für gefährlich hält und gut mit der Erkenntnis leben kann, „ein unbedeutendes Sandkörnchen in der Weltgeschichte“ zu sein, erzählt er im Interview.

hessenschau.de

Über ein Drittel der deutschen Bevölkerung gilt als konfessionslos. Einer von ihnen ist der Frankfurter Martin Wagner. Der 64-Jährige ist Landessprecher des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) Hessen. Für ihn ist die organisierte Religion mitverantwortlich für religiöse Gewalt und Intoleranz. Wagner arbeitet als Berater und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe.

hessenschau.de: Herr Wagner, Sie waren früher Mitglied in der katholischen Kirche. Warum lehnen Sie Religion inzwischen ab?

Martin Wagner: Als Kind habe ich immer als Berufswunsch Bischof angegeben und bin auch bis zum Einschreiben in das Theologie-Studium gekommen. Dann habe ich mich in verschiedenen Etappen wegbewegt. Das begann mit politischen Gründen wie dem Aufstand der Jugend in den 68er-Jahren und ging bis hin zur Philosophie. Ich bin dann zum Marxisten geworden und zu einem ziemlich engagierten Atheisten.

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Menschen ohne Gott

Früher eine Kirche, heute ein Restaurant: die ehemals evangelische Kirche von Prester, einem Stadtteil von Magdeburg. Foto: MDR/Hoferichter&Jacobs
Eine Doku zur ARD-Themenwoche rund um den Glauben porträtiert angenehm unaufgeregt den gottlosesten Landstrich Europas: Ostdeutschland.

Von D.J. Frederiksson | Frankfurter Rundschau

Eine dahinplätschernde Doku mit gelegentlichen Interviewpartnern und eingestreuten Statistiken – Kai Voigtländers Beitrag zur Themenwoche „Was glaubst du?“ kommt unscheinbar daher. Diese Gretchenfrage, bei der so viel emotionale Dramatik und gerne auch mal politisches Explosionspotential mitschwingt, wird hier gutmütig, pragmatisch und mit einem Augenzwinkern beantwortet: „An nichts.“

Ostdeutschland war bei Gründung der DDR noch zu 95 Prozent christlich, schon zehn Jahre später waren 50 Prozent konfessionsfrei, 1989 waren es 70 Prozent. Und anstatt sich nach der Wiedervereinigung dem Westen anzugleichen, könnte der Atheismus eine der wenigen DDR-Hinterlassenschaften sein, die sich weiter entwickeln: Heute sind schon 80 Prozent der Menschen im Osten religionsfrei, und zur Abwechslung eifert der Westen mal dem Osten nach: Dort ist die Atheistenquote zwar erst bei 25 Prozent, steigt aber stetig.

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„Ein altes Interesse an Philosophie ist neu entfacht“

Der Philosoph und Autor Stefan Gosepath (imago )
Politik und Fake News, Sex und Luther, Kunstmarkt und Kapitalismus sind Themen der phil.Cologne, die immer mehr Besucher anlocken. Nach den Worten des Philosophen Stefan Gosepath ist seine Disziplin von der eigenen Renaissance selbst überrascht. Er sagte im Dlf, deutsche Philosophen verließen gerade ihren Elfenbeinturm und stießen auf neue öffentliche Räume.

Stefan Gosepath im Gespräch mit Maja Ellmenreich | Deutschlandfunk

Die Fragen der Philosophie – etwa nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Lebenszielen – habe es in der Gesellschaft schon immer gegeben; allein das Angebot habe bislang gefehlt, sagte der Philosoph Stefan Gosepath im Deutschlandfunk. Dieser Markt werde jetzt mit Festivals und Zeitschriften stärker bedient. „Wir wollen alle hoffen, dass das nicht ein Hype ist, der ganz schnell wieder vorbei ist, weil es ein Überangebot gibt.“

„Charakteristisch für diese Fragen ist auch, dass es nicht die eine einfache Antwort gibt, die man irgendwo im Lexikon nachschlagen kann und dann ist die Frage beantwortet, sondern die Fragen stellen sich immer wieder und verlangen immer wieder neue situative Antworten.“ Wobei es aus Sicht Gosepaths keine Antwort gibt, „die die Frage ruhig stellt“. Dieses Wechselspiel sei vielmehr endlos.

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Antisemitismus-Film: So ist die Doku, die von Arte zurückgehalten wird

Der jüdische Staat, diffamiert als Schurkenstaat: Anti-israelische Demonstranten im Sommer 2014 in Berlin Quelle: imago/IPON/imago stock&people
Der Sender Arte hält eine Dokumentation über Antisemitismus unter Verschluss. Offenbar, weil sie zu israelfreundlich ist. Das ist ein Skandal. Rezension eines Films, der rasch veröffentlicht gehört.

Von Richard Herzinger | DIE WELT

Der deutsch-französische TV-Sender Arte weigert sich seit fünf Monaten, den mit Geldern des WDR für ihn produzierten Film „Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ der Autoren Sophie Hafner und Joachim Schröder auszustrahlen. Als offizielle Begründung führt Arte nun in einem Pressestatement an, die fertige Doku entspreche nicht dem – vom WDR eingebrachten – ursprünglichen Programmvorschlag.Sophie Hafner und Joachim Schröder

Sie habe „einen Überblick über das aktuelle Erstarken des Antisemitismus in verschiedenen Ländern Europas bieten“ sollen, „u.a. in Norwegen, Schweden, Großbritannien, Ungarn und Griechenland“. Stattdessen konzentriere sie sich „hauptsächlich auf den Nahen Osten“ und behandele „die fünf genannten Länder in keiner Weise“. Andere inhaltliche Gründe für die Ablehnung bestreitet der Sender. Den „Vorwurf von Antisemitismus“ weist er als „grotesk“ zurück – den allerdings hatte gar niemand gegen ihn erhoben.

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Scharia, Juden und Oliven

Foto: pixabay.com/RDF
Das Todesurteil für die „jüdischen“ Olivenbäume der Türkei und die angebliche Vereinbarkeit der Scharia mit den Menschenrechten

Von Giordano Brunello | Richard-Dawkins-Foundation

Nachdem die AKP-Islamofaschisten die Gewaltenteilung in der Türkei mit der Verfassungsänderung vom vergangenen April durch einseitige Berichterstattung in den von ihnen gesteuerten Medien sowie Medienzensur, massivste Einschüchterungen der Bevölkerung und systematischen Wahlbetrug beseitigen konnten, hat nun auch die letzte Stunde der türkischen Olivenbäume geschlagen. Die AKP-Bande hatte zuvor während Jahren versucht, insbesondere die Olivenhaine der Ägäis abzuholzen, was bis anhin durch Gerichtsentscheide teilweise verhindert werden konnte. Da in der heutigen Türkei Gerichte keine eigenständige Rolle mehr spielen und in faktischer Hinsicht genauso wie das türkische Parlament nur noch Akklamationsinstanzen des Diktators darstellen, gibt es leider nichts mehr, was die Islamofaschisten von diesem Vorhaben noch abhalten könnte.

Die insbesondere an der türkischen Ägäis-Küste seit Jahrhunderten wachsenden Olivenbäume sind der geldgierigen AKP-Clique und dem noch geldgierigeren Diktator, der dazu noch an einer Bau-Megalonomie leidet, schon lange ein Dorn im Auge, weil diese Bäume wertvollem Bauland Platz wegnehmen würden, so wie diese Leute es ausdrücken. Vor einigen Tagen konnte nun das entsprechende Gesetzespaket die vorberatende Industriekommission des türkischen Parlaments passieren und wird demnächst vom Parlament durchgewunken. Die Landwirtschaftskommission, die bei einem derart wichtigen landwirtschaftspolitischen Entscheid klar zuständig wäre, wurde nicht einmal angehört, geschweige denn irgendwelche Einwände aus der Opposition, aus dem betroffenen Industriezweig oder von der Bevölkerung. Die Olivenhaine, welche die Landschaft der Ägäis aber auch das Leben und die Kultur dieser Region seit Jahrhunderten prägen, dürften demnächst der Vergangenheit angehören.

Dass es jetzt so einfach und so schnell ging, sollte nicht davor hinwegtäuschen, dass die AKP-Islamofaschisten für dieses Ziel sehr lange gekämpft haben und dabei keine Mittel scheuten, um die Olivenbäume schlecht zu machen. Sie führten sogar eine regelrechte Hasskampagne gegen die Olive. Das ist durchaus keine Übertreibung. Im November 2014 ging dies so weit, dass sie den Hashtag #ZeytinAlmıyoruz auf Twitter verbreiteten, was so viel heißt wie „Wir kaufen keine Oliven!“. Dabei wurde von der AKP-Propaganda unter anderem auch behauptet, dass der Olivenbaum ein „jüdischer Baum“ sei und deshalb sämtliche Olivenbäume der Türkei abgeholzt werden müssten. Die nachfolgende antisemitische Darstellung mit Text, die damals in den sozialen Medien verbreitet wurde, gibt eine bemerkenswerte Begründung dafür ab, die ich nachfolgend übersetzen und anschließend kommentieren werde.

(Türkische antisemitische Karikatur mit Text aus dem Jahr 2014)

„Weshalb sollten Olivenbäume gefällt werden??

(In einer Zeit) in der Nähe des Jüngsten Tages wird es einen Krieg zwischen den Muslimen und den Juden geben. Die Muslime werden von diesem Krieg als Sieger hervorgehen. Es wird sich so verhalten, dass die Juden sich hinter den Bäumen und den Steinen verstecken werden; die Bäume und die Steine werden jedoch Nachricht darüber geben und sagen „Hey Muslim, was sich hinter mir befindet, ist ein Jude. Komm geschwind und töte ihn!”.

Aber nur der Olivenbaum wird keine Nachricht darüber geben, weil dieser ein Judenbaum ist. Heute ermutigt Israel alle Länder, dass diese Olivenbäume pflanzen. Sie wissen nämlich, dass diese Bäume die Juden beschützen werden.

(es folgt die krass antisemitische Darstellung eines Juden; „zeytin ağacı” bedeutet Olivenbaum)

Gestern hat Israel versucht, um das Fällen der Olivenbäume zu verhindern, den Bau des Wärmekraftwerks in Soma zu stoppen und hat dies mit der Unterstützung des Danıştay (Türkischer Staatsrat, sprich das höchste türkische Verwaltungsgericht) geschafft. Aber unsere Regierung hat trotz dieses Entscheids des Danıştay das Fällen der Bäume fortgesetzt und hat damit sämtliche Pläne Israels vereitelt.

Es ist geplant, dass sämtliche Olivenbäume in der Türkei innerhalb von drei Jahren gefällt werden; auf diese Art und Weise wird man Israel einen großen Schlag versetzen.

Aber es reicht nicht, nur die Bäume zu fällen. Unsere Nation sollte die ihr zukommende Pflicht erfüllen und von dieser Stunde an keine Oliven mehr gebrauchen und sollte sich damit nicht zu einem Werkzeug dieses Spiels machen lassen.

Werde nicht zum Spielball, o Ottomanensohn!

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Mikroskop statt Kreuz

Westfassade des Berliner Stadtschlosses mit Kuppel, März 2017. Bild: Doovele / CC0 1.0
Der Humanistische Verband (HVD) möchte kein christliches Symbol, sondern ein Zeichen naturwissenschaftlicher Gesinnung auf dem Dach des Berliner Schlosses. Ein Kommentar

Von Meinhard Creydt | TELEPOLIS

Die Leitung der Berliner Ortsgruppe des Humanistischen Verbands (HVD) möchte laut einer Pressemitteilung vom 2.6. 2017 das Dach des Berliner Schlosses (bzw. „Humboldt-Forum“) gekrönt sehen nicht durch ein Kreuz, sondern durch ein Mikroskop.

Dieser Vorschlag gleicht einer Schlüsselszene. Sie stellt symbolisch verdichtet eine von der FDP bis zu Linken weit verbreitete problematische Haltung zur Religion dar. Suggeriert wird, die Sinnstiftung des christlichen Glaubens lasse sich ersetzen durch eine naturwissenschaftliche Gesinnung.

Die Fragen und Problemstellungen sowie die Antworten von Religionen zu kritisieren ist das eine. Etwas anderes ist es, die Überwindung der Ursachen und Gründe für die Religion einem Wissenschaftsglauben zuzutrauen. Diese Vorstellung gehört zu einer über sich selbst unaufgeklärten Aufklärung und grenzt heute an Realsatire. Mikroskop statt Kreuz – das ist einfach nur schief gedacht. Beide stehen nicht auf einer Ebene.

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