„Eine Gesellschaft aus Atheisten könnte perfekt funktionieren“

Aber wie? Philosoph Andreas Urs Sommer über das Fast-Verschwinden der Religion, Angst vor dem Tod und die Frage: Ist uns die Suche nach dem Sinn des Lebens einfach egal?

ZEIT Campus ONLINE

ZEIT Campus ONLINE: Herr Sommer, es ist doch so: In die Kirche gehen junge Menschen, wenn überhaupt, nur noch an Weihnachten. Vielleicht schicken wir vor schweren Klausuren noch ein Stoßgebet in den Himmel. Aber mehr auch nicht. Ist Religion für uns heute überflüssig geworden?

Andreas Urs Sommer: Überflüssig nicht — jedenfalls nicht für alle. Für viele Menschen unserer pluralen Gesellschaft hat Religion aber tatsächlich als Lebensorientierung jede Bedeutung verloren. Und für nicht wenige ist Religion lediglich ein schönes Accessoire zu feierlichen Anlässen, weil man noch keine überzeugenden säkularen Riten gefunden hat: zur Taufe, an Weihnachten, bei einer Beerdigung.

ZEIT Campus ONLINE: Glauben Sie, solche säkularen Riten werden sich noch entwickeln?

Sommer: Eher nicht, denn ich glaube, Religion wird niemals vollkommen erledigt sein, so wie sich das etwa atheistische Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts gewünscht haben. Das ist eine Illusion — zumal das An-den-Rand-Drängen von Religion im menschlichen Leben eine sehr westlich-europäische Erscheinung ist und Religion breiten Bevölkerungsschichten in anderen Erdteilen Halt gibt. Das hat damit zu tun, dass unsere westlichen Gesellschaften dem Individuum weiten Freiraum bei der privaten Sinnstiftung gewähren, während andere Gesellschaften eher auf Sinnvermittlung von oben herab gepolt sind: Man erwartet dort, dass autoritäre Instanzen, als die sich religiöse Anführer gerne gebärden, den Sinn des Lebens vorgeben.

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Kölner Schriftsteller auf Betreiben der Türkei festgenommen

Die spanische Polizei hat den deutschen Autor Doğan Akhanlı festgenommen. Sie reagierte auf einen Dringlichkeitsvermerk von Interpol, den die Türkei veranlasst hatte.

ZEIT online

Der Kölner Schriftsteller Doğan Akhanlı ist auf Veranlassung der türkischen Regierung in der spanischen Stadt Granada festgenommen worden. Das teilte sein Anwalt mit. Das Auswärtige Amt bat die spanische Regierung Akhanlı nicht an die Türkei auszuliefern. Des weiteren sei die spanische Regierung gebeten worden, die „schnellstmögliche konsularische Betreuung“ des Schriftstellers zu ermöglichen.

Der religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, hatte zuvor Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) aufgefordert, sich unverzüglich für die Freiheit Akhanlis einzusetzen. „Der Haftbefehl ist eindeutig rechtsmissbräuchlich“, teilte er mit.

SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz sprach gegenüber der Bild am Sonntag von einem un­ge­heu­er­li­chen Vor­gang. Er for­derte die Bun­des­re­gie­rung und die Eu­ro­päi­sche Union zu einer deut­li­chen Re­ak­ti­on auf: „Es muss mit aller Ve­he­menz dar­auf ge­drun­gen wer­den, dass Herr Akhanlı nicht in die Tür­kei aus­ge­lie­fert wird und statt­des­sen schnellst mög­lich frei­ge­las­sen wird.“ Das Ver­hal­ten von Prä­si­dent Recep Tayyip Erdoğan trage in­zwi­schen „pa­ra­no­ide Züge.“

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Bloß nicht zu integriert

Bild: Amed Sherwan/FB, barb.:bb
Ich habe ein Integrationsproblem. Dabei ist es gar nicht so, dass es mir schwer fällt, mich in die deutsche Gesellschaft einzuleben, im Gegenteil. Aber genau deswegen falle ich seltsamerweise immer wieder auf. Vielleicht bin ich einfach zu integriert?

Von Amed Sherwan | jungle world

Ich gehe lieber in die Kneipe als in den Kulturverein, denn ich trinke lieber Bier als Chai. Ich esse lieber vegetarisch als halal, rauche lieber Weed als Shisha und finde Frauen mit Dreadlocks schöner als mit Kopftuch. Ich tanze lieber bei LGBTI-Partys als in der Oriental-Disco und feiere lieber CSD als Eid. Ich gehe lieber Wandern als ins Fitnessstudio, spare lieber für eine Weltreise als auf ein Auto, und ich sage lieber Moin als Salaam.

Wenn ich im Ausland gefragt werde, wo ich herkomme, sage ich Deutschland und empfinde das auch so. Deutschland ist derzeit meine Heimat, Kurdistan nur der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Mit meiner Flucht habe ich meine Vergangenheit hinter mich gelegt und alles Neue begeistert aufgesogen. Meine erste Zeit in Deutschland war ich das einzige Kind mit Migrationshintergrund in einem Kinderheim – ich musste einfach auch schnell ankommen, um nicht alleine zu sein.

Ich kenne viele Geflüchtete, die ihre Heimat vermissen. Sie mussten weg, wären aber viel lieber dort geblieben. Und nun hängen sie in einer Art kulturellem Niemandsland fest. Sie kommen nicht richtig an, haben aber auch keinen Kontakt mehr nach Hause. Sie isolieren sich in ihrem Communities, hören traurige Musik aus ihrer Heimat und zelebrieren ihre Kultur. Im Exil werden sie dabei oft viel traditioneller, als sie jemals in ihrer Heimat gewesen sind.

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Islamgelehrter: Terrorismus und Islam hängen zusammen

© EPA In stillem Gedenken an die Opfer des Anschlags: Trauernde an diesem Freitag in Barcelona
Der Islamgelehrte Kyai Haji Yahya Cholil Staquf ist Generalsekretär der größten Muslim-Vereinigung Indonesiens. Zum islamistischen Terror spricht er Klartext. Der Westen müsse aufhören, Kritik am religiösen Fundament des Extremismus für „islamophob“ zu erklären, sagt er.

Frankfurter Allgemeine

Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Fundamentalismus, Terror und Grundannahmen der islamischen Orthodoxie“ sagt Kyai Haji Yahya Cholil Staquf, Generalsekretär der größten Muslim-Vereinigung in Indonesien, in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Samstagsausgabe vom 19. August, zu lesen von 20 Uhr an diesem Freitag an im E-Paper und bei F.A.Z. plus). Insbesondere das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen, sowie die Einstellung von Muslimen zu Staat und Recht seien problematisch und führe zu Segregation und Feindschaft. „Zu viele Muslime sehen die Zivilisation, das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedenen Glaubens, als etwas an, das bekämpft werden muss“, sagt Yahya Cholil Staquf. Die zunehmende Angst des Westens vor dem Islam sei daher durchaus verständlich. Und über die Zusammenhänge müsse man deutlich sprechen: „Der Westen muss aufhören, das Nachdenken über diese Fragen für islamophob zu erklären.“

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Evolutionslehre, Kuckucke und eigenständiges Denken

Die Evolutionstheorie besagt nicht, dass wir vom Affen abstammen; es ist etwas komplizierter

Ein Armutszeugnis: Immer mehr Politiker und Eiferer möchten die Evolutionslehre und nachfolgende wissenschaftliche Konzepte nicht mehr an der Schule gelehrt haben.

Von Manuel Battegay | Basler Zeitung

Mein ehemaliger Biologielehrer am Gymnasium Ernst Hufschmid faszinierte meine MitschülerInnen und mich früh für Biologie und biologische Kreisläufe. Alle um einen Tisch sitzend und ohne grosse Hilfsmittel, ein Bleistift und Schreibblock genügte, forderte er uns bis aufs Letzte. Ein abschweifender Blick, schon gar nicht zu reden von Kaugummis, aber auch eine Antwort ohne nachzudenken wie «Ich weiss es nicht», strafte er energisch ab.

Während Prüfungen vertraute er uns und verliess das Klassenzimmer. Er forderte und förderte eigenständiges Denken. So erarbeiteten und diskutierten wir neue, spannende Erkenntnisse der Biologie. Mal waren es Pflanzen, mal Tiere, mal der Mensch und nie war es reine Wissensvermittlung. Lapidar sagte er wissend, dass einige von uns Medizin studieren würden: «Knochennamen lernt ihr noch früh genug, ihr müsst denken und fragen!» Wie recht hatte er!

Jetzt begegnen wir immer mehr Politikern und Eiferern, so aktuell Erdogan in der Türkei, die die Evolutionslehre und nachfolgende wissenschaftliche Konzepte nicht mehr an der Schule – oder gar nicht mehr – gelehrt haben möchten oder den Unterricht darüber gar verbieten. Ein Armutszeugnis! «Intelligent design», das heisst der intelligente Entwurf, die intelligente Gestaltung des Universums und des Lebens durch einen intelligenten Urheber, entsprechen autoritären Vorstellungen da schon eher.

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Humboldt-Forum: Klaus Lederer warnt vor „Desaster“

Immer noch umstritten. Der Blick auf das Humboldt Forum mit dem dahinter zu sehenden Kreuz des Berliner Doms.FOTO: JÖRG CARSTENSEN/DPA
Berlins Kultursenator Klaus Lederer fordert einen „diskursiven Neuanfang“ zu dem im rekonstruierten Stadtschloss geplanten Humboldt-Forum.

DER TAGESSPIEGEL

Die Baustelle nimmt mehr und mehr Form an, die Dinge sind entschieden, aber die Grundsatzdiskussion reißt nicht ab. Jetzt hat sich Berlins Kultursenator Klaus Lederer zu Wort gemeldet. Er warnt vor einem „Desaster“ beim Humboldt-Forum. Die rekonstruierte Preußen-Residenz sei die „Kopie eines vordemokratischen Gebäudes“, sagte der Politiker der Linken der „Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten“. Lederer führt in dem Interview aus: „Wenn wir wollen, dass es kein Völkerkundemuseum alter Schule wird, dann brauchen wir Formen, die den in der Schlosskopie als Hülle angelegten Widerspruch nicht zum Desaster gereichen lassen, sondern produktiv machen.“ Er fordert einen „diskursiven Neuanfang“ zu dem im Schloss geplanten Kultur- und Museumszentrum. Die Verantwortlichen müssten aufhören, sich die Verhältnisse schönzureden.

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Atheisten werden als gefährlich betrachtet

Intuitiv, so eine Untersuchung, werden Verbrechen eher Atheisten zugeschrieben, die mangels Religion als moralisch haltlos gelten – was selbst Atheisten zu glauben scheinen

Von Florian Rötzer | TELEPOLIS

Religion, so glaubt man vielfach, sei wichtig, um Gesellschaften zusammenzuhalten und für moralisches Verhalten zu sorgen. Dabei spielen Religionen immer eine wichtige Rolle bei der Ausgrenzung von Andersgläubigen und der Gewalt gegen diese, um die Glaubensgemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Zu den verschiedenen, im Heilsanspruch miteinander konkurrierenden, mehr oder weniger extremen Religionen und Sekten kommen nun aber immer mehr Atheisten, die das religiöse Grund- und Gemeinschaftsgefühl zu gefährden scheinen. Sie können deswegen in sehr religiösen Gesellschaften gefährlich leben, auch deswegen, weil sie Ziel von Vorurteilen sind. Wissenschaftler haben nun in einer Umfrage mehr als 3000 Menschen, darunter neben Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten auch Atheisten, 13 sehr religiösen und eher säkularen Ländern befragt, wie sie Atheisten wahrnehmen.

Die Autoren der Studie, die in Nature Human Behavior veröffentlichte wurde, gingen von einem kulturevolutionären Verständnis der Religion aus, nach dem Religion mit der Kooperation und dem Vertrauen in einer Gruppe verbunden ist. Das kann sich auch auf Angehörige anderer Religionen erweitern, aber nicht auf Nichtgläubige. Aus der kulturevolutionären Verschmelzung von Religion und Gruppe könnten Vorurteile gegen Atheisten auch in säkularen Gesellschaften weiter bestehen und selbst bei Atheisten zu finden sein.

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Dodo Juli 2017: Gloria von Thurn und Taxis

Lasst uns über Fossilien reden. Lebende.
Die Töne des Abschlussberichts zu Missbrauch und Gewalt bei den Regensburger Domspatzen waren noch nicht verklungen als sich die unheilige Allianz von Pfaffentum und blaublütiger Melange, aus Hausfrau und Unternehmerin, zu Wort meldete. Nirgendwo wird der Gegensatz zwischen Moderne und Ewiggestrigkeit deutlicher als in der Thematik sexueller Missbrauch und Gewalt.
Um es vorweg zu nehmen. Natürlich gibt es häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauch bis in die Familien, oder gerade dort. Aber niemand von den Tätern behauptet Kinder ficken zu müssen im Namen Gottes, geweiht zu sein um mit irdischen Leid den Christen zu formen. Keiner der Täter meint seine Moral als unabdingbar darstellen zu müssen oder gar als gesellschaftliche Norm einzufordern. All das tun kinderfickende, prügelende, cholerische Pfaffen, die sich noch als Vertreter Gottes auf Erden sehen. Jahrzehnte schaute die Institution Kirche wohlgefällig in andere Ecken. Mit dem öffentlichen Ruf „Haltet den Dieb“ lenkte man von sich ab und stahl Kindern und Jugendlich einen wichtigen Teil ihres Lebens, die Kindheit, die Jugend. Ein Schuldbewusstsein, bis in „ehrwürdigste“ katholische Kreise, hat sich nicht entwickelt. Im Gegenteil, die Täter-Opfer-Umkehr funktioniert bestens. Die anderen sind schuld. Die anderen sind die Schweine, die am komatösen Kirchenkörper auch noch die letzten Dreckstellen aufdecken wollen.

Eilfertig kommt die Regensburger Hausfrau Gloria in die Dislussion gestürzt und versucht aus dem Dreckschwein ein sauberes zu machen. Ihre Argumentation kann man durchaus Plemplem nennen:

Das ist totaler Schmarrn. Das ist einfach richtig gemein. In jeder Schule, in jedem Sportverein gibt es dieses Phänomen und das wird es auch immer geben. Man geht gerne auf die Kirche los und das ist ein gefundenes Fressen.
Gloria von Thurn und Taxis

Irgendjemand meinte nach dieser Äußerung, dass die Regensburger Hausfrau nicht mehr alle Latten am Zaun habe. Angesichts der Bereitschaft die Ereignisse, Straftaten, die Gewalt bei den Regensburger Domspatzen zu relativieren ist das noch geschmeichelt.

Auf Schloß Emmeram können sich die Betroffenen ihre Wunden lecken und über die ach so schlechte Welt wehklagen. Thron und Kirche, moralischer Niedergang aller orten. Dank des Konstrukts der Beichte ist man mit seinem imaginären Freund schon wieder im Reinen. Politische Unterstützung gibt es auch, ob nun von Vertretern der AfD oder von der schweigenden Mehrheit „christlicher“ Politik. Klerikaler Konservatismus mit faschistoider Tendenz. Die Fossilien wollen zurück in ihren Sumpf. Den gilt es trockenzulegen.
Gloria von Thurn und Taxis Kämpferin für Recht und eine Ordnung die die meisten Menschen nicht wieder haben wollen. Sexuelle Aufklärung im Kindesalter fördere Pädophilie. Im Oberstübchen scheinen etliche Kontakte nicht mehr zu funktionieren.

In dem Sinne, herzlichen Glückwunsch zum zweiten Dodo.

Die Menschen werden niemals frei sein bis man nicht den letzten König mit den Eingeweiden des letzten Priesters erdrosselt hat.Denis Diderot

 

Das unmoralische Image der Atheisten

ap Richard Dawkins, der „Papst der Atheisten“, mit dem Slogan einer agnostischen Werbekampagne. Das moralische Image der Atheisten hat laut einer neuen Studie viel Luft nach oben.
Eine internationale Vergleichsstudie zeigt, dass sogar Atheisten unbegründete negative Vorurteile über ihresgleichen haben

Von Klaus Taschwer | derStandard.at

Es wäre vielleicht einmal eine eigene Studie wert, warum so viele Biologen und Verfechter der Evolutionstheorie zu den sichtbarsten Atheisten zählen: 1904 ließ sich der deutsche Darwinist Ernst Haeckel in Rom vor dem Denkmal Giordano Brunos zum Gegenpapst ausrufen. Heute hat diese Rolle des „Papsts der Atheisten“ der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins inne, der mit seinem Buch „Der Gotteswahn“ vor gut zehn Jahren einen Bestseller landete.

In Österreich ist die Biochemikerin Renée Schroeder eine der öffentlichsten Atheistinnen – und als Kandidatin auf der Liste Pilz auch eine der ganz wenigen Politikerinnen und Politiker, die offen für die Gottlosigkeit eintreten.

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Gegen die Germanomanie

Die Wartburg. Im Oktober 1817 versammelten sich hier nationalistische Burschenschaftler. Ihrem symbolischen Feuerritual fiel auch…FOTO: MARTIN SCHUTT/DPA/PICTURE ALLIACNE
Er sah den deutschen Fremdenhass im 19. Jhdt. voraus, wollte das Judentum reformieren und einen Staatshumanismus etablieren. Der vergessene Berliner Aufklärer Saul Ascher wird wiederentdeckt.

Von Willi Jasper | DER TAGESSPIEGEL

Im Lutherjahr eine andere Reformation zu präsentieren, ist mutig. Die Potsdamer Religionswissenschaftler Christoph Schulte und Marie Behrendt zeigen mit einer „philosophiegeschichtlichen Darstellung“ von Werk und Leben des vor 250 Jahren geborenen „Berliner Aufklärers“ Saul Ascher bewusst eine deutsch-jüdische Jubiläumsalternative auf. Dafür haben sie ein 800-seitiges Monografie-Manuskript aus dem Nachlass des Philosophiehistorikers William Hiscott (1974–2013) überarbeitet. Es ging ihnen dabei auch um konträre Berührungspunkte mit Ereignissen wie den Wartburgfeiern. Für Luther („Junker Jörg“) war die Burg der heimliche Ort für seine Übersetzung des Neuen Testamentes.

Im Oktober 1817 versammelten sich hier nationalistische Burschenschaftler, um ihr Gedenken an die Völkerschlacht von Leipzig mit dem 300. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag zu verbinden. Die Verbrennung der päpstlichen Bulle nahmen sie zum Vorbild eines symbolischen Feuerrituals, dem auch Bücher wie Saul Aschers „Germanomanie“ zum Opfer fielen, angeheizt mit den Worten: „Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judentum und wollen über unser Volkstum und Deutschtum schmähen und spotten.“

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Witziger als Erdogan erlaubt

Zu Gast beim Sultan. Die Zeitschrift „LeMan“ würdigte die Besuche von Angela Merkel bei Recep Tayyip Erdogan im Jahr 2016. FOTO: AUS DEM BESPROCHENEN BUCH
Wer Karikaturen über den türkischen Präsidenten macht, lebt gefährlich. Das Buch „Schluss mit Lustig“ gibt einen beeindruckenden Einblick in aktuelle Satire des Landes.

Von Erik Wenk | DER TAGESSPIEGEL

Recep Tayyip Erdogan versteht keinen Spaß. Spätestens nach den Kontroversen um Jan Böhmermann und Extra 3 ist klar, dass jeder, der sich über den türkischen Präsidenten lustig macht, mit Klagen, Repressionen und Inhaftierung rechnen muss. Eine harmlose Karikatur, die Erdogan als Katze zeigte, brachte der türkischen Satire-Zeitschrift „LeMan“ 2010 eine Klage ein. Der Zeichner, Musa Kart, ist unter den 17 Journalisten der Traditionszeitung „Cumhuriyet“, denen wegen des Vorwurfs, Terrorismus zu unterstützen, der Prozess gemacht wird. Kart wurde am Freitag vor einer Woche mit sechs Mitarbeitern der Zeitung vorläufig freigelassen, der Rest der Redaktion ist weiterhin in Haft.

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Türkische Satire: Das Ende des Humors

Bild: heise.de/tp
Im Gespräch mit der in Istanbul lebenden Journalistin Sabine Küper-Büsch über ihre Ausstellung türkischer Satire und über die Lage vor Ort

Von Gerrit Wustmann | TELEPOLIS

Seit Anfang der Neunziger lebt die deutsche Journalistin Sabine Küper-Büsch in Istanbul. Sie arbeitet gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Büsch als Dokumentarfilmerin und portraitiert immer wieder für deutsche Medien die Situation in der Türkei, aber auch in angrenzenden Ländern. Nun hat sie unter dem Titel „Schluss mit Lustig. Aktelle Satire aus der Türkei“ 46 Karikaturisten und Comiczeichner in einem Buch versammelt und zeigt die letzte noch halbwegs freie Bastion der türkischen Medienwelt. Doch auch die großen Satiremagazine Uykusuz und LeMan stehen zunehmend unter Druck. Bis zum 27. August sind die Arbeiten außerdem in der Caricatura Galerie in Kassel zu sehen. Im Gespräch mit Telepolis gibt Küper-Büsch Einblicke in die lange türkische Satiretradition und die Probleme, mit denen humorvolle Gesellschaftskritik in der heutigen Türkei zu kämpfen hat.

Nicht nur in der politischen Lage, sondern auch in den Karikaturen findet man viele Parallelen zur Zeit nach dem Putsch von 1980. Inwiefern ist die damalige Phase mit heute vergleichbar?
Sabine Küper-Büsch: Der Putsch von 1980 war von starken Unruhen in den politischen Lagern begleitet. Die Linke und die Rechte bekriegten sich, es gab innen- und außenpolitische Interessenskonflikte. Viele der damaligen Eskalationen waren vom türkischen Staat selbst gesteuert und auch die USA hatten sich eingemischt. Es wurde eine Destabilisierung hervorgerufen, die als Begründung dafür herhielt, vehement gegen die vermeintlich Schuldigen vorzugehen.
Die Strafverfolgung war noch extremer als heute, Menschen wurden hingerichtet. Die Militärregierung entrechtete mit Notstandsgesetzen die Justiz, ähnlich wie heute. Bis jetzt ist unklar, was bei dem Putschversuch von 2016 eigentlich genau passiert ist, aber die staatliche Legende ist zementiert. Damals trat das Militär als Stabilitätsgarant auf, heute ist es die Erdogan-Regierung. Hunderttausende Menschen stehen vor Gericht oder warten auf ihre Verhandlung. Die Vorwürfe sind absurd, ein gutes Beispiel dafür ist aktuell der Prozess gegen die Mitarbeiter der Cumhuriyet. Journalistische Arbeit und Meinungsäußerungen werden als Terrorpropaganda interpretiert.
Wie gelingt es Blättern wie Uykusuz und LeMan, trotz der Repressionen noch weiter teils heftige Beiträge zu publizieren?
Sabine Küper-Büsch: Satire hat den Vorteil, dass sie metaphorisch und allegorisch ist. Die Karikaturisten haben gelernt, Tabuzonen teilweise zu meiden. Zum Beispiel wird man keine Zeichnung finden, die konkret versucht, das staatliche Szenario zum Putschversuch anzuzweifeln. Aber es gibt hintersinnige Anspielungen, wie in einer Zeichnung mit zwei Bauern am Tisch, die Melone essen, und einer sagt: „Es heißt, dass 80 Prozent der Wassermelone zu Fethullah Gülen gehören.“
Erdogan als Hitler darzustellen, ist kein Problem. Satire ist die Spielwiese innerhalb der Medienwelt, auf der am meisten noch gesagt werden kann. Das heißt aber keineswegs, dass die Satiriker frei sind, wie ich bedrückenderweise auch in den letzten Wochen im Rahmen der Ausstellung erlebt habe. Es herrscht eine starke Selbstzensur. Die Freiheit ist massiv eingeschränkt, ist aber immerhin noch größer als im TV-Bereich oder bei den Tageszeitungen.

Wer bist du?

Bild: pixabay.com/RDF
Erinnerungen, Perspektiven und das Selbst

Von Michael Shermer | Richard-Dawkins-Foundation

The Discovery ist ein 2017 von Netflix produzierter Film, in welchem Robert Redford einen Wissenschaftler spielt, der beweist, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. „Sobald der Körper stirbt, verlässt uns ein Teil des Bewusstseins und reist auf eine neue Ebene“, erklärt der Wissenschaftler, unterstützt von seinem Apparat, der, wie es eine andere Filmfigur ausdrückt, „Gehirnwellen misst, die auf einer subatomaren Ebene den Körper nach dem Tod verlassen.”

Diese Idee ist nicht allzu weit von einer Theorie entfernt, die Quantenbewusstsein genannt wird, propagiert von etlichen Persönlichkeiten, vom Physiker Roger Penrose bis zum Arzt Deepak Chopra. Einige Varianten der Theorie behaupten, dass unser Geist nicht nur das Produkt unseres Gehirns ist, und dass Bewusstsein getrennt von Materie existiert, so dass der Tod unseres Körpers nicht das Ende unserer bewussten Existenz darstellt. Da dies das Thema meines nächsten Buches ist, Heavens on Earth: The Scientific Search for the Afterlife, Immortality, and Utopia [Himmel auf der Erde: Die wissenschaftliche Suche nach Leben nach dem Tod, Unsterblichkeit und Utopie] (Henry Holt, 2018), sprach der Film eine Reihe von Problemen an, die ich bei all diesen Konzepten festgestellt habe; wissenschaftliche wie religiöse.

Erstens, ist da die Annahme, dass unsere Identität in unseren Erinnerungen liegt, von denen man glaubt, dass sie fortwährend in unserem Gehirn aufgezeichnet werden: Wenn sie in einen Computer übertragen oder dupliziert und in einen wiederbelebten Körper oder eine Seele implantiert werden könnten, würden wir wiederhergestellt. Aber das ist nicht die Art, wie Erinnerung funktioniert. Erinnerung ist nicht wie ein Videorekorder, der die Vergangenheit auf einem Bildschirm in Ihrem Geist abspielen kann. Erinnerung ist ein fortwährend verarbeitet werdender und fließender Vorgang, der ganz und gar davon abhängt, dass die Nervenzellen in unserem Gehirn funktionieren. Gewiss, wenn Sie einschlafen und am nächsten Morgen erwachen, oder wenn Sie sich für eine Operation einer Narkose unterziehen und nach Stunden wieder zu sich kommen, kehren Ihre Erinnerungen zurück, wie sie das sogar nach sogenannter schwerer Hypothermie und Kreislaufstillstand tun. Bei dieser Prozedur wird das Gehirn eines Patienten bis auf 10 Grad Celsius abgekühlt, wodurch die elektrische Aktivität der Nervenzellen zum Stillstand kommt – und das lässt darauf schließen, dass Langzeit-Erinnerungen statisch gespeichert werden. Aber dies kann nicht geschehen, wenn Ihr Gehirn stirbt. Deshalb muss eine Reanimation auch so kurz nach einem Herzanfall oder Ertrinken ausgeführt werden: Wenn es dem Gehirn an sauerstoffreichem Blut mangelt, sterben die Neuronen zusammen mit den Erinnerungen, die in ihnen gespeichert sind.

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Warum Dawkins nicht Unrecht hat

Was die elementaren Frage – ob Evolution oder Schöpfung – angeht, kommt die Evolutionstheorie im Vergleich zur Schöpfung mit weniger Unbekannten aus. Langthaler vertritt mit Thomas von Aquin die Überzeugung, dass Schöpfung die Voraussetzung von Evolution sei. (vgl. S. 416) Die Position Langthalers zu bestimmen ist teils schwierig, wenn er sich (lediglich in einer Anmerkung!) mit K. Jaspers sehr aufgeklärt gibt, welcher Weltschöpfung durch Gott als Symbol und nicht als Wissen sieht.

Von Ockham

Langthaler versucht sich somit einen seriösen Anstrich zu verpassen. Er weist ausserdem auf Kreationistische Ansichten hin, die Lücken in den Erklärungen der „letzten Fragen“ mit Gott füllen. „Weder eine methodisch besonnene Naturwissenschaft, noch kritische Philosophie und auch keine ernsthafte Theologie würden sich bezüglich der offenen Fragen in eine „faule Vernunft“ hineinflüchten.“ (S. 498) Doch genau in diese faule Vernunft flüchtet sich Langthaler durch sein Festhalten an der Schöpfung.
Es gibt gute Gründe dafür, dass die moderne Kosmologie den Urknall oder das, was ihn erzeugt hat, letztlich nicht zu erklären vermag. Ein Schöpfungsglaube hilft da auch nicht weiter. (Quelle: Glaube und Denken: Jahrbuch der Karl-Heim-Gesellschaft. 26. Jahrgang 2013; Nichts, Urknall oder Gott?; Rüdiger Vaas; S. 65)
Langthalers Vorgehensweisen ist eine „Spielart“ des Kreationismus. Kreationisten stellen den Stand der Evolutionsbiologie systematisch falsch dar, zudem wird deren Wissenschaftlichkeit zu Unrecht in Frage gestellt: Langthaler verweist auf R. Spaemann, für den die moderne Naturwissenschaft ausschließlich Bedingungsforschung ist. (S. 73) Ebenso wird angemerkt, man solle Evolution als Bedingungsforschung genau nehmen. (vgl. S. 433) Paul Tillich vertritt z. B. die These, dass Gott unbedingt ist, aber das Unbedingte nicht Gott ist. Die Theologie versucht das Unbedingte zu retten, indem sie die Wissenschaft als Bedingungsforschung bezeichnet. Nietzsches Kritik am Unbedingten besagt, dass es nicht erkannt werden kann, sonst wäre es eben nicht unbedingt. (Quelle: Unbedingte, das; Historisches Wörterbuch der Philosophie; Joachim Ritter, Karlfried Gründer u. Gottfried Gabriel; Sonderdruck aus Band 11: U-V; S. 108-111)
Langthaler bezeichnet die Aussage von H. Mynarek: „Darwinismus und Neodarwinismus können nicht als Wissenschaft gelten, weil sie die grundlegenden Kriterien der Wissenschaft nicht erfüllen: Beobachtung, experimentelle Wiederholbarkeit /Reproduzierbarkeit, Überprüfbarkeit (Mynarek 2010, 118)“ als schwer nachvollziehbar. Er merkt dazu lediglich an, dass z. B. Papst Benedikt XVI. und Kardinal Schönborn der Evolutionstheorie als einer naturwissenschaftlichen Theorie näher stehen als Mynarek. (vgl. S. 284)
Der Aussage Mynareks kann ergänzend folgendes entgegnet werden:
Jüngere Autoren haben sich gegen die engen Grenzen der Erklärung (mittels kausaler Gesetze) von klassischen Wissenschaftsphilosophen gewandt. Auf vergangene evolutionäre Ereignisse lässt sich die experimentelle Methode nicht anwenden, daher konstruiert der Biologe eine historische Darstellung (historical narrative), indem er Rückschlüsse zieht: Der Biologe muß alle bekannten Tatsachen zu einem bestimmten Problem untersuchen, alle möglichen Folgen aus den rekonstruierten Faktorenkonstellationen erschließen und dann versuchen, ein Szenario zu entwickeln, das die beobachteten Tatsachen dieses besonderen Falles erklären würde. Natürlich kann man niemals kategorisch beweisen, daß eine historische Darstellung „wahr“ ist. (Quelle: Das ist Biologie, Ernst Mayr, 2000, vgl. S. 99)
Außerdem muss richtiggestellt werden, dass aus dem Mangel an Belegen zugunsten einer Theorie nicht geschlossen werden kann, sie sei falsch. Plausibel wäre es, positive Befunde gegen die Evolutionstheorie anzubringen. (Quelle: Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus; Martin Neukamm; vgl. S. 306) Dies findet bei Langthaler allerdings nicht statt.

Offene Detailfragen über den Ablauf und die Triebkräfte der Evolution sind der Antrieb der Evolutionsforschung. Der Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass eine Haltung des Abwartens, gepaart mit Neugierde und begleitet mit der Zuversicht, dass Forschung in der Zukunft noch mehr Aufschluss geben werden, vernünftig ist. Zum Schreibstil des Buches ist anzumerken, dass es stellenweise aufgrund ellenlanger, komplizierter und verworrener Sätze schwer zu lesen ist. Die Fülle der Anmerkungen bremst den Lesefluss. Ein Stichwortverzeichnis fehlt.

Die Kritik Langthalers an der Schöpfungsvorstellung Dawkins ergibt sich vornehmlich durch den unpassenden deutschen Titel von Dawkins Buch „Die Schöpfungslüge“, welches im englischen Original den Titel „The Greatest Show on Earth: The Evidence for Evolution“ trägt. Über den deutschen Titel war Dawkins unglücklich, da sich das Buch ausdrücklich nicht gegen die Religion richten sollte.
Schöpfung sei kein „innerzeitlicher Vorgang“ und folglich auch nicht kosmologisch datierbar bzw. messbar. (vgl. S. 409) Weiter ist zu lesen: Die von J. Eccles gestellte Frage: „Liegt das Rätsel der Schöpfung für immer jenseits aller Erklärung?“ sei eindeutig mit Kant zu bejahen, der erklärt: „wo alles Naturgesetz aufhört auch aller Erklärung aufhören muss“. (vlg. S. 418) Dieser Schluss ist geschickt, denn dadurch scheint Schöpfung nicht angreifbar, da sie naturwissenschaftlich nicht „greifbar“ ist.

Es geht Langthaler darum herauszuarbeiten, wie theologische bzw. philosophische Ansätze zum Thema Vernunft, Bewusstsein, Moral, Schöpfung, Teleologie, Gottesbeweise, Offenbarung, Dreieinigkeit und Wunder „richtig“ zu verstehen sind. Weitere Themen sind Platons Essentialismus; das Gotteszentrum im Gehirn; Deszendenz-Theorie; Ignorabismus; Phänomenologie; Kausal- und Finalnexus; Positivismus; Naturalismus; Anthropisches Prinzip; Multiversentheorie; Urknalltheorie; Noma-Prinzip; Szientismus; Altruismus; Phänomenologie; das Nichts.

Richtig stellt Langthaler fest, dass mit der Memetik kulturelle Phänomene in biologische Begriffe gedeutet werden sollen. (vgl. S. 143)
M. E. Kronfeldner bringt es allerdings besser auf den Punkt: Dawkins hat betont (1982a: 112), dass der Wert der Analogie (Mem zu Gen) gar nicht in der Erklärung von Kultur liege. Die Analogie könne aber helfen, das Wirken der natürlichen Selektion (auf der Basis von Replikatoren) besser zu verstehen. Die Memtheorie bietet nichts Neues, um die damit verbundenen ontologischen Fragen über den Status der postulierten ideellen Einheiten zu klären, und tritt nicht als Alternative zu den detaillierten Erklärungen, wie soziales Lernen funktioniert, auf, und ist somit auch explanatorisch trivial. Entweder wird nichts weiter behauptet, als dass Menschen aus diesen oder jenen Gründen bzw. Ursachen bestimmte Meme übernehmen, oder die „survival of the fittest meme-„Erklärungen werden tautologisch, weil die Rolle des Geistes als selektive Umwelt ignoriert wird.
(Quelle: Meme, Meme, Meme: Darwins Erbe und die Kultur, M. E. Kronfeldner, vgl. S. 13 f.)

Langthaler wirft Dawkins vor, er gebe sich durch ein Zitat von A. Einstein religiös-metaphysisch begabt:
„Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in Ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinne, und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen“. (S. 472)
Einstein sagte auch: „Was Sie über meine religiösen Überzeugungen lesen ist natürlich eine Lüge, und zwar eine, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und habe das auch nie verhehlt, sondern immer klar zum Ausdruck gebracht.“ Das zweite Zitat Einsteins findet sich auch in Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ (S. 27), was Langthaler verschweigt.
Einstein Antwortete dem Rabbiner Herbert S. Goldstein, dass er an Spinozas Gott glaube, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart. (Quelle 1, vgl. S. 31) Obgleich Einstein keine Mystik, keinen religiösen Kult und sogar keinen persönlichen Gott, der „sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, anerkannte, wäre es ein Irrtum, ihn einen Atheisten zu nennen, wie es Kardinal O’Connell getan hat. (Quelle 1: Einstein und die Religion, Max Jammer, 1995, S. 54)

Des Weiteren verkenne Dawkins naturteleologische Betrachtungsperspektiven. (S. 502)
Die Zweckmäßigkeit natürlicher Organismen, Strukturen und Systeme kann die Biologie auch erklären, ohne auf zwecksetzende Instanzen zurückgreifen zu müssen.
Da im Naturalismus alles mit rechten Dingen zugeht, sei eine teleologische Konzeption sogar notwendig. (S. 190) Damit bläst Langthaler in dasselbe Horn wie Thomas Nagel, wenn er auf dessen kontrovers diskutiertes Buch „Geist und Kosmos“ hinweist. Nagel versucht dem Kosmos Zielgerichtetheit zu unterstellen, die er gar nicht besitzt. (Quelle: Geist und Kosmos, vgl. S. 176)

Dass laut Kant Moral unumgänglich zu Gott führe, muss allerdings auch von der anderen Seite aus betrachtet werden. (S. 332) Überzeugungen können leicht als „Brandbeschleuniger“ in einen fanatischen Idealismus ausarten. Hierbei werden Menschen von hehren Idealen motiviert, böse Taten zu begehen, um die Welt vermeintlich zu verbessern, weil Gott „das Gute“ angeblich befiehlt. Beispiel hierfür sind die Kreuzzüge oder der Deißigjährige Krieg (es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es in vielen Kriegen um Macht, Einfluss, Reichtum, Bodenschätze oder um territoriale Kämpfe geht). Trotzdem hat sich Religion als Kraft erwiesen, die Menschen außerordentlich gut zu spalten und gegeneinander aufzubringen. (Quelle: Vom Bösen; Roy F. Baumeister; S. 203 ff.)

Anscheinend hält Langthaler nicht viel von einer evolutionären Ethik, wenn er schreibt, eine Ethik ließe sich nicht aus der Evolution ableiten. (S. 124)
Die evolutionäre Ethik bietet einen fruchtbaren und humanen Ansatz zum Verständnis moralischen Verhaltens von Menschen. Bei der komplizierten Frage, inwieweit bestimmte Verhaltensstrukturen genetisch oder kulturell bedingt sind, ist große Sorgfalt geboten. (Quelle: Potential und Grenzen einer evolutionären Ethik; Eckart Arnold)
Obgleich es keine eigenständige evolutionäre Ethik geben kann, ist eine Auseinandersetzung mit ihr dennoch sinnvoll, weil sie zu der grundlegenden Frage führt, inwiefern organische Evolution und kulturelle Geschichte Gemeinsamkeiten besitzen. (Quelle: Unmöglichkeit einer Evolutionären Ethik und die Möglichkeit einer Historischen Ethik; Werner Loh)

Langthaler argumentiert mit Dostojewski: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.“ (S. 352) Dieses Argument wird von dem Historiker Lukas Mihr in seinem Artikel „Ohne Gott ist alles erlaubt? – Zahlen“ entkräftet bzw. relativiert.

Zum Theodizeeproblem (warum es Leid gibt, wenn Gott doch allgütig, allmächtig und allwissend sein soll) unterliegt Langthaler einem Zirkelschluss: „Wie Hiob wissen wir die Antwort auf Leid nicht, wir haben nur eine Antwort bekommen, die Gott selber gegeben hat.“ (S. 290) Programm ist auch, von dem Problem abzulenken: „Niemand wird das Theodizee-Problem übersehen, wegreden oder theologisch glätten wollen, aber für Mem-Gesteuerte ‚Überlebensmaschinen‘ gibt es diese Probleme ohnehin nicht.“ (S. 290) Es wäre eine intellektuelle Zumutung auf das Theodizeeproblem eine Antwort geben zu wollen. So kommt es nicht von ungefähr, wenn Langthaler am „Fels des Atheismus“ vorbei schippert, um nicht Schiffbruch zu erleiden.
Er hätte sich viel Empörung sparen können, wenn er den Ausdruck Überlebensmaschine statt moralisch wertend als Metapher (aus der Sicht eines Gens) verstanden hätte.

Langthaler argumentiert mit Max Planck, nach dem sich Religion und Naturwissenschaft nicht ausschlössen, sondern einander sogar ergänzen und bedingen würden. (S. 274)
Vom Liberalitätsgrad der betrachteten Einzelreligion hängt es ab, wie die Kompetenzabgrenzung aussieht bzw. welche und wie viele Konflikte mit dem Bestand wohl bestätigter wissenschaftlicher Erkenntnis bestehen. Selbst religiöse Wissenschaftler wissen, dass die Wissenschaft naturalistisch ist. Mit dem Glauben an Übernatürliches ist Beliebiges möglich, deshalb halten sie ihren Glauben lieber aus der Wissenschaft heraus. Wer als Minimalannahme einen weltimmanenten Naturalismus akzeptiert, die Vorstellung von einer Übernatur aber trotzdem nicht aufgeben will, dem bleibt nur noch ein philosophischer Deismus übrig. (Quelle: Über die Natur der Dinge; Mario Bunge; Martin Mahner; vgl. S. 220, S. 225, S. 226) Der Deismus bringt das Göttliche mit dem Ursprung des Universums in Verbindung, ein weiteres Eingreifen Gottes wird jedoch bestritten.

Leibniz Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, könne nicht als naturwissenschaftlich zu beantwortende Frage gelten. (S. 387) Der kritische Rationalismus ersetzt den Abbruch das Rückschreitens ins Unendliche (infiniter Regress) mittels Dogma durch eine Hypothese, die so lange vertreten wird, bis man etwas besseres weiss. (Quelle: Scilog; Warum ist eigentlich etwas und nicht einfach nichts?; J. Honerkamp)

Langthaler wirft Dawkins die intellektuelle und kulturelle Zerstörung der Religion vor. Es sei eine unerfreuliche Eigenschaft, die er mit anderen Fundamentalisten teile. (S. 454) Dieses Ressentiment zeigt Langthalers Ohnmacht. Überdies ist der Fundamentalismusvorwurf hier wenig hilfreich, da der Begriff aufgrund seiner definitorischen Bedeutung am Ziel vorbei geht. (Quelle: Neuer Atheismus wissenschaftlich betrachtet; S. 28; Albert J.J. Anglberger; Paul Weingartner)

„Spaghettimonster“-Kirche wird nicht mit Kirchen gleichgestellt

Screenshot: http://www.pastafari.eu/
Die satirische „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ wird in Brandenburg nicht als mit den Kirchen gleichberechtigte Weltanschauungsgemeinschaft anerkannt.

evangelisch.de

Der Verein vertrete „kein umfassend auf die Welt bezogenes Gedankensystem im Sinne einer Weltanschauung“, urteilte das Brandenburgische Oberlandesgerichts am Mittwoch in Brandenburg an der Havel. Die „Spaghettimonster“-Kirche habe deshalb auch kein Recht, Hinweisschilder für wöchentliche „Nudelmessen“ am Ortseingang von Templin aufzustellen. (Az.: 4 U 84/16 Brandenburgisches Oberlandesgericht)

Der Schilderstreit über die Hinweistafeln beschäftigt in Brandenburg bereits seit einigen Jahren Gerichte und Öffentlichkeit. Der „Spaghettimonster“-Verein hatte in Templin solche Schilder aufgestellt, die nach dem Vorbild der Hinweistafeln der Kirchen für Gottesdienste gestaltet waren.

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Waren die Nazis wirklich „Humanisten“? Die große Harari-Ver(w)irrung

Cover links: randomhouse.de, Cover rechts: chbeck.de. Bild hpd.de
Der israelische Historiker Yuval Noah Harari hat mit seinen Büchern „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo deus“ internationale Bestseller vorgelegt. Tragischerweise sind ihm in der Analyse haarsträubende Fehler unterlaufen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen.

Von Michael Schmidt-Salomon | hpd.de

Normalerweise verzichte ich darauf, Bücher anderer Autoren zu kritisieren. Allzu schnell entsteht der Eindruck, man wolle seine eigenen Werke über die Abwertung Anderer aufwerten. Doch nachdem Hararis Bücher Millionenauflagen erreicht haben, nachdem ernstzunehmende Denker wie Daniel Kahneman den Autor über den Klee lobten und nachdem sogar der Humanistische Pressedienst (!) eine unbedingte Leseempfehlung für Hararis „Kultbücher“ aussprach (Thomas Hummitzsch am 28.6.2017: „Hararis kluges, anregendes und aufwühlendes Buch ist ein Weckruf, in dem er das Heute analysiert, um die Möglichkeit einer menschlichen Zukunft zu bewahren. Wenn Sie nur ein Buch mit in den Koffer packen wollen, dann nehmen Sie dieses!“), sehe ich mich gezwungen, meine selbstauferlegte „Abstinenzregel“ zu brechen. Denn vor einem Autor, der so sehr in ideologischen Denkschablonen gefangen ist, dass er den Nationalsozialismus (!) als „humanistische Religion“ (!) beschreibt, kann nur gewarnt werden.

Wohlgemerkt: Bei dieser ungewöhnlichen Charakterisierung des Nationalsozialismus bzw. des Humanismus handelt es sich keineswegs um einen einmaligen, nebensächlichen Ausrutscher des Bestsellerautors, sondern um ein Kernelement seiner Weltsicht. Um dies verständlich zu machen, muss ich etwas weiter ausholen: In beiden Büchern, sowohl in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ als auch in „Homo deus“, beschreibt Harari den Aufstieg des Humanismus, der die alten theistischen Religionen abgelöst habe, sowie den bevorstehenden Untergang des Humanismus, der durch neue technologische Ideologien („Posthumanismus“ bzw. „Dataismus“) ersetzt werde. In beiden Büchern meint Harari auch, den Humanismus als eine „Religion“ charakterisieren zu müssen (eine Differenzierung zwischen „Religionen“, „Weltanschauungen“ oder „Philosophien“ sucht man vergeblich), die in drei verfeindete „humanistische Sekten“ zerfällt, nämlich in die Konfessionen des „liberalen Humanismus“, des „sozialistischen Humanismus“ und des „evolutionären Humanismus“.

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Seyran Ateş und ihr Kampf für einen liberalen Islam

Seyran Ates / Rechtsanwältin, Gründerin „Lieberale Moschee“ im Gaten des Ullstein Verlags in der Friedrichstraße. Bild: Reto Klar
Die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş gründet eine liberale Moschee. „Eine Revolution“, sagt sie. Jetzt wird sie bedroht.

Von Ulrich Kraetzer | Berliner Morgenpost

Es gibt Momente, die vergisst ein Mensch sein ganzes Leben lang nicht. Sie erscheinen zunächst unwichtig, doch sie setzen Energie frei, geben Kraft und vermitteln mehr Zuversicht als das Abitur, die bestandene Führerscheinprüfung und die Feier zum 50. Geburtstag zusammen. Für Seyran Ateş liegt ein solcher Moment nicht lange zurück. Als U2 Mitte Juli im Berliner Olympiastadion spielte und die irischen Stadionrocker in der Zugabe den Song „Ultraviolet“ spielten, den sie Feministinnen, Bürgerrechtlerinnen und Widerstandskämpferinnen widmeten, erschienen auf einer gigantischen Videoleinwand hinter der Bühne die Fotos und Namen von Ikonen der Frauenbewegung. Anne Frank, Sophie Scholl, Angela Davis. Und dann, überlebensgroß und unübersehbar, war da auch ihr eigenes Gesicht zu sehen, und die rund 70.000 Zuschauer konnten auch ihren Namen lesen: „Seyran Ateş“.

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Ralf König: „Es ging mir sehr in die eigene Unterhose“

foto: wolf-diert tabbert „Real ist, dass auch bei Männern nicht nur die Haare grau werden und man ’ne Lesebrille braucht“: Ralf König.

Der Comiczeichner bekommt Applaus für seine Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema: Auch Schwule altern, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt

Interview Ingo Petz | derStandard.at

Konrad und Paul – der eine intellektuell und schöngeistig, der andere draufgängerisch und zuweilen großmäulig – sind das wohl bekannteste Paar der Schwulenszene. Die gleichnamigen Comics sind längst Kult. Erfunden hat sie Ralf König, der bereits mit Der bewegte Mann große Erfolge feierte. Nun ist ein neuer Comic des Wahlkölners erschienen. Und in dem geht es um ein Thema, das alle Männer fürchten.

STANDARD: Von dem Wort „Andropause“ hören viele Männer wohl zum ersten Mal in Ihrem Comic. Bisher denkt die ganze Männerwelt immer noch, dass der Kelch des Älterwerdens auch in Bezug auf die sexuelle Lust an ihr vorüberziehen wird. Wollten Sie tatsächlich eine Art Aufklärungscomic über das Älterwerden für Schwule machen?

König: Ja, Männer reden sich da von jeher sehr viel ein. So was wie Wechseljahre haben nur die Frauen, uns betrifft das ja nicht! Wir können Sex haben bis ins hohe Alter, siehe Picasso, Chaplin und Berlusconi! Und nun kommt die Wissenschaft plötzlich mit dem Begriff Andropause, und uns geht’s doch an die Eier. Ich wollte mit dem Comic mit den Mythen und den Trostsprüchen aufräumen und die Realität beschreiben, und real ist nun einmal, dass auch bei Männern nicht nur die Haare grau werden und man ’ne Lesebrille braucht. In der Hose bleiben wir auch nicht mehr 30, leider.

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A Week of Reckoning

Where is he taking us? Photo: Yuri Gripas/AFP/Getty Images
We have become, at this point, inured to having an irrational president in an increasingly post-rational America. We’ve also come to tell ourselves that somehow (a) this isn’t really happening, (b) by some miracle, it will be over soon, or (c) at some point the Republican Party will have to acknowledge what they are abetting, and cut their losses.

By Andrew Sullivan | New York Mag

And yet with each particular breach of decency, stability, and constitutionality, no breaking point seems to have arrived, even as the tribalism has deepened, the president’s madness has metastasized, and the norms of liberal democracy are hanging on by a thread.

But surely this week must mark some kind of moment in this vertiginous descent, some point at which the manifest unfitness of this president to continue in office becomes impossible to deny.

Compare it with any other week in modern political history. Day after day, the president has publicly savaged his own attorney general for doing the only thing possible with an investigation into a political campaign he was a key part of: recusing himself. And the point of the president’s fulminations was that the recusal prevented Sessions from obstructing that very investigation. The president, in other words, has been openly attacking his own attorney general for not subverting the rule of law.

He is also complaining that Sessions is not investigating his former opponent, Hillary Clinton, even though an extensive FBI investigation has already taken place and no charges were deemed sufficient for prosecution and even though the president himself said, after the election, that he would oppose such an investigation. What special kind of madness is this?

Then we were subjected to the spectacle of the president going to the Boy Scout jamboree, of all places, and delivering a series of partisan jabs, campaign-rally catcalls, and completely inappropriate personal ramblings to a crowd of thousands of boys. The speech was, in some ways, a metaphor for everything Trump is and has done. He took a regular, civil, apolitical American gathering of mainly children and turned it into diatribe of deranged and nakedly partisan narcissism. He is actively despoiling our civic culture.

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„Sind christliches Haus“: Frau hängt Wäsche auf Balkon auf und wird von Nachbarn ermahnt

Frau hängt Unterwäsche auf Balkon und erhält überraschenden Zettel. Colourbox
Nichtsahnend stellte eine Frau ihre Wäsche auf den Balkon. Neben Hosen, Blusen und Pullis hing natürlich auch Unterwäsche am Wäscheständer. Doch das gefiel offensichtlich einem Nachbarn gar nicht, wie jetzt ein Berliner Blogger auf Twitter zeigt.

FOCUS ONLINE

Denn mit einem Zettel ermahnte die entrüstete Person die Frau mit den Worten: „Hallo Nachbarin, könnten Sie in Zukunft bitte keine Unterwäsche auf Ihren Balkon hängen? Dies ist ein christliches Haus und unser Sohn soll frei von Scham und Versuchung aufwachsen!!!“

Im Netz sorgt die Aktion für Lacher. Eine Userin schreibt: „Aufwachsen frei von Scham? Wenn Sohnemann diesen Zettel gelesen hat, ist es dafür jetzt leider zu spät.“ Und auch der Berliner Blogger „Sueco Viejo“ kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Ich hätte tausende Ideen, was man sonst noch so aufhängen könnte!“