Martin Meters Plädoyer für wissenschaftliches Denken in Zeiten anschwellender Verschwörungstheorien

Martin Meter: Die Befreiung des Denkens. Foto: Ralf Julke
Sein großer Gegner heißt eigentlich Platon. Genug Unheil hat der griechische Philosoph mit seiner Ideenlehre ja angerichtet. Es ist nur den meisten Menschen nicht bewusst, weil 2.000 Jahre Christentum auch dafür gesorgt haben, dass der platonische Dualismus tief in unserem Denken steckt. Und genau darum geht es, wenn der Informatiker Martin Meter sein Buch „Die Befreiung des Denkens“ nennt.

Von Ralf Juhlke | Leipziger Internet Zeitung

Den meisten Menschen ist überhaupt nicht bewusst, wie tief die platonischen Vorstellungen in unserem Denken stecken. Sie ist aufs Engste verquickt mit dem Christentum, das den griechischen Philosophen so intensiv rezipierte, wie es sonst nur noch mit Aristoteles geschah. Und da kommt einem natürlich ein Verdacht, denn von vielen anderen griechischen Philosophen, die zu ihrer Zeit genauso berühmt waren, sind deutlich weniger Schriften, oft nur noch Fragmente oder Zitate in den Werken anderer Autoren übermittelt.

Wir rühmen zwar die frühen Klöster gern dafür, dass sie das antike Schriftgut durch emsiges Kopieren für uns gerettet hätten. Aber augenscheinlich wurde sehr gezielt kopiert. Und was mit dem dualistischen Weltbild der christlichen Kirche nicht kompatibel war, hatte kaum Chancen, überliefert zu werden.

Wie sehr dieser platonische Dualismus in unseren Köpfen steckt, das schildert Martin Meter sehr ausführlich und akribisch. Es geht dabei um das, was Platon als erster Philosoph systematisch getan hat – der alte Platon, müsste man sagen. Denn der jüngere Platon war ja bekanntlich ein Schüler des Sokrates. Sokrates’ beharrliche Methode, das scheinbar felsenfest Gewusste seiner Zeitgenossen zu hinterfragen, wird ja in mehreren der berühmten platonschen Dialoge überliefert – und zwar nur dort.

Es war eine Schule des rigiden Skeptizismus, die alles für gewusst Geglaubte hinterfragte und die Gesprächspartner wahrscheinlich an den Rand der Verzweiflung brachte, wenn Sokrates immer wieder darauf drang, eine wirklich belastbare Begründung für eine Aussage zu bekommen. Es mutet stellenweise modern an. Denn in der Konsequenz läuft so ein Denken auf wissenschaftliches Denken hinaus, dessen wichtigste Grundlage die zentrale sokratische Aussage „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist. Obwohl die

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Moralkritik:“Die politische Einmischung der Kirche halte ich für verfehlt“

Ein riesiger Geschäftsmann ermahnt einen Miniatur-Geschäftsmann mit ausgestrecktem Zeigefinger, über dem kleinen Mann schweben Pfeile. (imago/Ikon Images)
„Im Moralapostolat“ heißt das Buch von Horst G. Herrmann. Darin kritisiert er eine „Zivilreligion der Schuld- und Willkommenskultur“. Diese habe mit der Reformation begonnen. „Angela Merkel ist genau so ein Sturkopf wie Luther“, sagte er im Dlf.

Christiane Florin im Gespräch mit Horst G. Herrmann | Deutschlandfunk

Christiane Florin: In „Tag für Tag“ beschäftigen wir uns in lockerer Folge mit dem Verhältnis von Moral und Glauben. Es ist gerade in Mode, Moral gleichzusetzen mit  Moralismus und Hypermoral, mit Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit, Moral ist zum Schimpfwort geworden. Vor kurzem landete ein Buch auf meinem Schreibtisch mit dem Titel „Im Moralapostolat“. Darin legt der Autor Horst Herrmann eine heiße Spur von der Reformation bis zur, Ökumene der Moralisten, wie er es nennt, von Luther bis Heinrich Bedford-Strohm und Angela Merkel. Der wortwitzige Stil des Buches hat meine Neugier geweckt, der Inhalt meinen Widerspruchsgeist. Gestern war Horst Herrmann bei uns im Studio zum Interview. Er nennt sich selbst einen freien Beobachter und Philosophen. Ich wollte zunächst von ihm wissen, was ist ein Moralapostel ist.

Horst G. Herrmann: Ich könnte jetzt antworten, ein Moralapostel ist jemand, der Moral verabsolutiert. Also jemand, der Moral verabsolutiert, wird in meiner Einschätzung mit dem Begriff der Tugend nicht viel anfangen können, weil man Tugenden nicht so gut verabsolutieren kann. Klugheit, Besonnenheit, Tapferkeit, die sperren sich so ein bisschen gegen das Verabsolutieren. Die klassische tugendethische Frage: Was soll ich tun?, stellt sich eigentlich für einen Moralapostel nicht so. Ich denke einmal, ein Moralapostel würde sich, wenn er sich überhaupt eine Frage stellt, die Frage stellen, was muss ich tun. Moralapostel, finde ich, lieben auch so einen Satz wie: „Es kann nicht sein, dass… „. Ich finde, er ist unnachsichtig, ungnädig, er ist auch ressentimentbeladen.

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Rezension des Buches „Der Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz: Die geheime Geschichte des Christentums?

Bartholomäusnacht, „Massacre de la Saint-Barthélemy“ (1572) von François Dubois (1529–1584) gemalt zwischen 1572 und 1584 (Ausschnitt)
Der Autor und ehemalige Verleger Dr. Heinz-Werner Kubitza hat das letzte Buch von Manfred Lütz, „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ gelesen. In seiner Rezension läßt er kein gutes Haar an dem Bestseller.

Von Dr. Heinz-Werner Kubitza | hpd.de

Eigentlich wollte ich kein Buch von Manfred Lütz mehr lesen. Sein Gottesbuch fand ich für einen studierten Theologen so naiv historisch-unkritisch, und dabei so befremdlich katholisch, dass ich noch heute, wenn ich das Buch aus dem Regal nehme, aufpassen muss, weil ein abgestandener Katholizismus an allen Seiten herauszulaufen droht, und dann unschöne Flecke auf dem gesunden Menschenverstand hinterlassen kann.

Dieses Buch ist auf der Bestsellerliste gelandet, obwohl es eigentlich eine Mogelpackung ist. Denn vermutlich alle Beispiele und Zitate daraus stammen aus dem Buch „Toleranz und Gewalt“ von Arnold Angenendt. Lütz hat dieses Buch gelesen, und war von ihm so fasziniert, dass er auf die Idee kam, es unter seinem eigenen Namen quasi erneut herauszubringen. Dabei hat er im Wesentlichen nur die Beispiele aus Angenendts Buch auf unter 300 Seiten eingedampft, und zuweilen mit einigen lockeren Lütz-Passagen versehen. Auch wenn nun „Lütz“ draufsteht, stammen sicher mehr als 90 Prozent des Textes von Angenendt. Da wirkt es fast schon etwas dreist, wenn es lediglich heißt, das Buch sei „unter Mitarbeit“ von Angenendt entstanden. Man kann nur hoffen, dass Lütz wenigstens so korrekt ist, nun auch 90 Prozent seines nicht unerheblichen Autorenhonorars an den eigentlichen Autor abzutreten (ich werde bei Angenendt mal nachfragen!). Denn da Lütz deutlich bekannter als Angenendt ist und auch schon vorher Bestsellerautor war, hat es auch dieses Buch mühelos in die Bestsellerlisten geschafft. Hilfreich dazu war auch noch der Titel, wo das Wort „Skandal“ gleich zweimal vorkommt und von einer „geheime(n) Geschichte des Christentums“ geraunt wird. Der Titel hat mit dem Inhalt des Buches reichlich wenig zu tun, und ist vermutlich nur eine Marketingidee von Herder, Gottes eigenem Verlag gewesen. Als ehemaliger Verleger habe ich für diese Strategie sogar ein gewisses Verständnis.

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Alexander Gauland – Dodo des Monats Juni 2018

Dodo des Monats Juni 2018 ©HFR

Der hetzende Polit-Opa Alexander Gauland hat sich gegenüber Jens Spahn durchsetzen können, auch wenn die ersten Tage Spahn wie einen Sieger aussehen lassen haben.

Um es vornweg zu nehmen. Gauland ist wie die meisten Mitlieder seiner Partei ein Kind der CDU, dort konnte er seine national-populistischen Attitüden pflegen und entwickeln. In ähnlicher Art und Weise wie Sozialdemokrat Sarrazin. Verbiesterte alte Männer, die einem mytholgischen Freiheitsbegriff anhängen, der scheinbar in der Moderne abhanden gekommen ist. Kerndeutsche Tugenden sind aber Gaulands Sache nicht. Unbezahlte Parkknöllchen führten zur Androhung des Führerscheinentzugs in Potsdam, schlampig oder aber viel geschworener Widerstand gegen das System. Egal, Gauland ist pragmatisch genug um auch einen Meineid zu leisten, wenn es der eigenen Sache dient, siehe die Affäre Gauland in Hessen.

Der Sachse Gauland offenbart hinsichtlich deutscher Geschichte einen lockeren Umgang mit derselben. Unkenntnis ist es nicht, gezielte Provokation schon eher, die Schnappatmung deutscher Politik ist ihm gewiss.

Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag hatte beim Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative im thüringischen Seebach gesagt:

„Wir haben eine ruhmreiche Geschichte, daran hat vorhin Björn Höcke erinnert. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre. Und nur, wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre. Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Alexander Gauland, ebenda.

Unterstellt man dem deutsch-nationalen Gauland Deutschland als Nationalstaat gemeint zu haben hat er schlicht und ergreifend Blödsinn von sich gegeben. Die Reichsgründung erfolgte 1871, bis dahin war deutsches Land provinziell. Die 1000 Jahre deutscher Geschichte beinhalten die Schweiz, selbst die Niederlande, von denen hat Gauland sicherlich nicht geredet. Erst im 19. Jahrhundert schied Österreich aus der Phalanx „deutscher“ Staaten aus, nach der Niederlage bei Königsgrätz. Der kurze Abriss deutscher Geschichte muss genügen. Die 12 Jahre nationalsozialistischer Herrschaft nicht. Die waren alles andere als ein Vogelschiss und man muss sich fragen welcher Vogel mittels Darmentleerung Gauland da wohl getroffen hat. Der Vogelschiss, welcher in Gaulands Gehirn eingeschlagen sein muss war tief braun. Und so verwundert es nicht, wenn Gauland, nach Hosendiebstahl, in leicht braunen Schwimmschlüpfern, unter polizeilicher Begleitung, die Straße entlang schlurft, so gesehen am Heiligen See in Potsdam. Die Enttäuschung war groß, ich hatte mir zumindest Buggsn mit Dackelmuster vorgestellt. Der Skandal war nicht die Abbildung Gaulands in seinen Badehosen, der Skandal ist die Relativierung deutscher Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Opfer sind egal, sie dienen nicht dem Zweck den Gauland verfolgt. Nationalismus, Revisionismus und eine gehörige Portion Chauvinismus lassen Gauland und die AfD deutsche Politik vor sich hertreiben.

Herzlichen Glückwunsch zum Dodo.

IBKA gegen Islam-Institut an der Humboldt-Universität

Foto: © Frank Nicolai
Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) Berlin-Brandenburg kritisiert die Einrichtung eines Instituts für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität. „Staat und Religion müssen endlich getrennt werden“, sagte Landessprecherin Silvia Kortmann.

hpd.de

Wegen ihrer Bindung an bestimmte Bekenntnisse könne Theologie keine echte Wissenschaft sein. Die Ausbildung religiöser Funktionäre dürfe nicht die Aufgabe staatlicher Fakultäten sein. Die IBKA-Sprecherin weiter: „Die Hoffnung, sich einen staatskonformen moderaten Islam heranzuziehen, ist illusorisch und offenbart ein fragwürdiges Verhältnis zur Religionsfreiheit. Die gleichfalls fragwürdige Beiratskonstruktion verschafft konservativ ausgerichteten Islamverbänden unangemessenen Einfluss auf das Bildungssystem. Sogar der Vorwurf des Extremismus gegen einzelne Verbände steht im Raum. Anstatt weitere theologische Fakultäten einzurichten, sollten die bestehenden abgeschafft beziehungsweise in den Verantwortungsbereich der Religionsgemeinschaften verlagert werden, in den sie gehören.“

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„Man kann jede Religion bis zum militanten Fundamentalismus treiben“

Thomas Bauer: „Die Vereindeutigung der Welt“ (Reclam / Andreas Diel)
Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer kritisiert die „Vereindeutigung der Welt“, gerade im Bereich der Religionen. Der Koran sei von Gelehrten vielschichtig interpretiert worden, nun setzten sich die Vereinfacher durch. Er plädiert für Ambiguitätstoleranz.

Thomas Bauer im Gespräch mit Christiane Florin | Deutschlandfunk

Das Wort Ambiguitätstoleranz darf derzeit in keinem gepflegten Feuilleton fehlen. Verantwortlich dafür ist der Islamwissenschaftler Thomas Bauer. Er hat zu dem langen Wort einen vergleichsweise kurzen Text geschrieben, einen Essay von 100 Seiten wie die „Vereindeutigung der Welt“. Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten, werde uns abtrainiert, beklagt er. Eindeutigkeit verkaufe sich besser, in der Politik, im Kulturbetrieb, aber auch im religiösen Angebot. Ist das nicht eindeutig zu pessimistisch?

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Alternativer Nobelpreis: Der Preis, den die Autoren fürchten werden

Haben Sie am Todestag Alfred Nobels schon was vor? Der Literaturpreis zumindest wird in diesem Jahr nicht verliehen. Dafür planen hundertsechs Schweden einen Ersatz. Aber sie haben etwas übersehen.

Von Andreas Platthaus | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Literaturnobelpreis wird in diesem Jahr nicht verliehen, weil der Schwedischen Akademie, aus der sich die Jury rekrutiert, nach der Aufdeckung diverser Skandale (Missbrauch, Indiskretionen) durch Rück- und Austritte derzeit acht von achtzehn Mitgliedern fehlen. Dabei gibt es 106 Schweden, die nichts lieber täten, als den Literaturnobelpreis zu verleihen, und sich deshalb nun für ein halbes Jahr zur Nya Akademien, der Neuen Akademie, zusammengeschlossen haben.

Ihre Absicht: Ein Nya Litteratur-Priset (neuer Literaturpreis) soll einmalig in diesem Herbst anstelle des abgesagten Nobelpreises vergeben werden, zum selben Termin wie das Original, mit demselben Anspruch, allerdings nicht mit demselben Preisgeld (acht Millionen Kronen, also zirka 766.000 Euro).

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Löw und Seehofer: Wir bleiben! – Neueste Nachrichten aus dem Sommer der Egos

Grafik: TP
Deutschland atmet auf! Jogi Löw und Horst Seehofer bleiben! Einen Moment dachten wir, wir wären beide los, aber …

Arno Kleinebeckel | TELEPOLIS

Also dann so, zwei generieren sich als Anker im aufgewühlten Meer, das die teutonische Ruhe unversehens aufschreckte. Jetzt kommen auch grad die großen Ferien, da passt es gar nicht, wenn man mit Mann und Maus die deutsche Grenze in den wohl verdienten Urlaub passiert und zu Hause ist Unordnung. Also freut sich der redliche Wochenmensch über gute, das heißt stabile Nachrichten.

Zwei, drei Fragezeichen sind indes erlaubt. Das eine ist relativ einfach: Wieso übernimmt Joachim Löw nicht die Verantwortung für das erbärmliche russische Roulette – und geht? Sicher, mit 58 in die Rente oder zurück in die Bundesliga, mag hart sein. Und den jetzigen Job gibt es schließlich auch nur einmal. Aber die Bilder- und Zeichensprache aus Russland weist den Weg: Jogi’s Time is out. Man sah den deutschen Nationaltrainer zuletzt einfach zu oft gutgelaunt mit einem Espresso in der Hand, das Gesicht entspannt in der Sonne – dank Jobgarantie.

Kurzer Rückblick: Anfang 2015 wird Löw zum FIFA Welttrainer 2014 ausgezeichnet. „Es ist wichtig, dass die Mannschaft stabil bleibt und die Qualifikation gnadenlos durchzieht“, orakelt der Coach anlässlich seiner (vor-)letzten Vertragsverlängerung zwei Jahre darauf, im Herbst 2016, über die bevorstehende Aufgabe der WM-Qualifikation.

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Amos Oz: „Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers“

Fanatismus kann auch Motor für etwas Neues sein: Heute ist Ivrit, das moderne Hebräisch, für die meisten jüdischen Israelis die Muttersprache. (Buchcover: Verlag Suhrkamp; Hintergrundbild: picture alliance / dpa / epa / Olivier Fitoussi)
Der israelische Roman-Schriftsteller Amos Oz meldet sich auch immer wieder mit Essays zu Wort. In „Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers“ beschäftigt er sich mit religiösem Fanatismus ebenso, wie mit dem Judentum oder der Zwei-Staaten-Lösung. „Ein Buch, dass jeder lesen sollte, der verstehen will, wie Israel tickt“, sagt Matthias Bertsch im Dlf.

Matthias Bertsch im Gespräch mit Melanie Longerich | Deutschlandfunk

Melanie Longerich: „Herr Bertsch: Ist es nun ein Brief an die Fanatiker, oder doch eher ein Plädoyer gegen Fanatismus?“

Matthias Bertsch: „Also sicher eher das Letztgenannte. Dieses ‚Liebe Fanatiker‘ ist eindeutig ironisch gemeint, und Ironie ist eine der Waffen, die Amos Oz in seinem Kampf gegen Fanatismus auffährt, denn Fanatiker, so seine Diagnose, kennen keine Ironie.“

Longerich: „Worum geht es denn genau in den Essays? Das erste trägt ja den Titel des Buches: ‚Liebe Fanatiker‘.“

Bertsch: „Genau. Das geht zurück auf eine Vortragsreihe, die Oz wenige Monate nach dem 11. September 2001, also nach den Terroranschlägen in den USA, in Tübingen gehalten hat. In dem Essay geht es nicht nur um Terror im Namen des Islam sondern darum, dass Fanatiker aller Couleur bereit sind, für ihre Sache – selbstverständlich immer eine gute Sache – über Leichen zu gehen.“

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Hexenjagd in der Hallertau

Die Hexenprobe. Zeichnung von G. Franz aus „Germania“ von 1878 (public domain)

Wie schwer das Leben für nicht religiöse Menschen selbst im Deutschland des 21. Jahrhunderts noch sein kann, das erlebt seit vielen Jahren eine Familie in Bayern. Diskriminierung und Mobbing schlagen derzeit hohe Wellen, weil die Familie dafür kämpft, dass das riesige Kruzifix aus einem Schulfoyer verschwindet.

Von Daniela Wkonigg | hpd.de

Die Hallertau ist eine jener Regionen Bayerns, die japanischen Touristen die Kameras vor die tränenden Augen treiben. Eine Idylle, in der sich Fuchs und Hase zwischen Kirchtürmen und Hopfendolden gute Nacht sagen. Ja, in der Hallertau ist die Welt noch in Ordnung. Wenigstens für Christen.

Nicht religiöse Menschen hingegen führen in der Hallertau nicht unbedingt ein idyllisches Leben. Eine Erfahrung, die Familie A.* seit vielen Jahren machen muss. In den vergangenen Monaten war es so schlimm wie selten zuvor, denn die Familie setzt sich dafür ein, dass das Gymnasium von Wolnzach, das von den beiden Töchtern besucht wird, aus seinem Foyer das Kruzifix entfernt.

Bereits vor Jahren hatten die heute 16-jährige Emma A.* und die 14-jährige Mia* zusammen mit ihren Eltern erstritten, dass in ihren Klassenzimmern die Kreuze abgenommen werden müssen. Laut Bundesverfassungsgericht ihr gutes Recht. Auch und gerade in Bayern. Doch das über ein Meter hohe Kruzifix im Foyer, das dort bereits weit vor Söders Kreuzerlass hing, will sich die Schule nicht nehmen lassen.

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Wer für abweichende Haltungen nur Schweigen übrig hat, verrät das Erbe der Aufklärung

Wo die Moralisten mit erhobenem Zeigefinger die «Unwissenden» zum Schweigen bringen, ist der Kampf um die Vernunft am Ende. (Bild: Imago)
Im Juste Milieu, das sich als fortschrittlich versteht, stösst man mit einer Gegenposition nicht mehr auf Widerspruch, sondern erntet eine peinliche Stille. Das ist gefährlich.

Thomas Ribi | Neue Zürcher Zeitung

Es gibt Dinge, die sind furchtbar einfach: Wer Fleisch isst, handelt verantwortungslos, wer Auto fährt und sein Haus mit Öl heizt, vergeht sich vorsätzlich an der Umwelt, und wer dagegen ist, dass die Grenzen Europas vorbehaltlos für alle offenstehen, ist ein hartherziger Egoist.

Einverstanden, ganz so einfach sind die Dinge natürlich nicht. Aber für manche sind sie es eben trotzdem. Die Signale aus dem Juste Milieu, das sich linksliberal nennt und als Vorhut des gesellschaftlichen Fortschritts versteht, sind auf jeden Fall eindeutig: Man lebt sein Leben, wie alle anderen auch, in einem prekären Dauerkonflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit, aber man achtet peinlich genau darauf, dass die Gesinnung unerschütterlich bleibt. Sie muss das retten, was der Alltag an Konzessionen abfordert. Man ist zumindest Flexitarier, entschuldigt sich verlegen, weil man noch kein Elektroauto fährt, und empört sich über die Unmenschlichkeit einer Migrationspolitik, die darauf pocht, dass die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.

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Neil Young: „Musik ist von Tech-Konzernen kastriert worden“

„Ich kann mir meine Songs nicht auf Spotify anhören, das macht mich verrückt“, sagt Neil Young Quelle: WireImage,
Für Rock-Legende Neil Young ist die miserable Klangqualität auf Spotify und Apple Music ein Verbrechen an der Kunst. Mit einem eigenen Streaming-Angebot will er langfristig eine Alternative bieten.

Von Martin Scholz | DIE WELT

Die kanadische Rock-Legende Neil Young („Heart Of Gold“, „Rockin‘ In The Free World“) hat IT-Giganten wie Apple und Streamingdiensten wie Spotify vorgeworfen, Musik durch schlechte Klangqualität zu ruinieren. „Die Musik ist von monopolitischen Tech-Konzernen kastriert worden“, sagte Young im Interview mit WELT AM SONNTAG, „ich kann mir meine Songs nicht auf Spotify anhören, das macht mich verrückt. Höre ich mir das an, denke ich sofort: ,Das ist doch nicht der Song, den ich aufgenommen habe. Die Leute sollten sich so einen Scheiß nicht anhören müssen.‘“

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Wahl Dodo des Monats Juni 2018

Dodo des Monats Juni 2018 ©HFR

Der Monat Juni war angereichert mit einer Fülle von kruden Obskurantismus. Der Papst stellt immer mehr unter Beweis ein Schwätzer zu sein, mit einer großen Diskrepanz zwischen Wort und Tat.
Alexander Gauland mit seinem Vogelschiss-Getöse und einer Beschönigung deutscher Geschichte die ihresgleichen sucht. Markus Söder übt sich weiter in der Prostitution seines Glaubens, der Tatsache zum trotz, dass es bis auf einige Theologen so richtig niemanden interessiert.
Die Bundesfamilienministerin Giffey findet Burkinis, als Badebekleidung für Mädchen ganz toll, und schmeißt so, ganz nebenbei ein paar wichtige Errungenschaften der Aufklärung ins Klo.
Religiotie ist zur Staatsdoktrin verkommen und einmal mehr erweisen sich Politiker als willfährige Steigbügelhalter der Gegenaufklärung.

Die Wahl ist bis zum 07. Juli 2018, 18:00 Uhr befristet. Mehrfachauswahl ist möglich. Der Preisträger wird am folgenden Tag hier gewürdigt werden. Viel Spaß!

  1.  Vitus Huonder, „alter Mann, der gern in fremden Schlafzimmern mitreden will.“
  2.  Jens Spahn, „selbstbestimmtes Sterben Schwerkranker verhindert er postalisch.“
  3.  Deutsche Zentrumspartei, „bedient sich in der Debatte um Abtreibungen nationalsozialistischer Vergleiche. Den Tenor kennen wir von den Kirchen.“
  4.  Sigurd Rink, „mit Waffen für den Frieden, ist wie Vögeln für die Jungfräulichkeit.“
  5.  Franziska Giffey, „ist es eine Frage der Zeit, wann sie in einer Burka auftritt?“
  6.  Joachim Heinz, „dilettiert gern über die Staatsleistungen an die Kirchen.“
  7.  Matteo Salvini, „weg mit der Impfpflicht in Italien.“
  8.  Detlev F. Neufert, „der Jesus-Walker von München.“
  9.  Gero Winkelmann, „Homoheiler mit Glaubulis. Zucker ist alles.“
  10.  Papst Franz, „sein Familienverständnis ist aus der Zeit gefallen.“
  11.  Rainer Hangler, „Homosexualität ist Mord.“
  12.  Jürgen Klopp, „betet des Ball ins Tor.“
  13.  Peter Dabrock, „mit bigotter christlicher Moral zum Werbeverbot von Abtreibungen.“
  14.  Alexander Gauland, „verzerrte Wahrnehmung in Sachen Vogelscheiße.“

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Atheismus: Nietzsche gab es immer wieder

Karfreitag in Jerusalem. Foto: afp
Es wird viel über Religion geredet. Aber auch der Atheismus hat eine lange Tradition. Nicht Gott hat die Menschen, sondern die Menschen haben die Götter geschaffen.

Von Arno Widmann | Frankfurter Rundschau

Tim Whitmarsh, geboren 1969, ist Professor für die Kultur des klassischen Griechenlands an der Universität Cambridge. 2016 veröffentlichte er im Verlag Faber & Faber das Buch „Battling the Gods – Atheism in the Ancient World“. Dreihundert Seiten für die Auseinandersetzung mit den Göttern und mit Gott von Homer bis zu Justin dem Märtyrer, also um eintausend Jahre Atheismus. Das klingt nach einem sehr schnellen Durchlauf durch hochkomplexe Materien. Whitmarsh ist aber ein sehr gründlicher Leser und der Reiz seines Buches besteht darin, dass wir, solange wir ihm folgen, auch zu gründlichen Lesern werden.

Zu dieser Gründlichkeit gehört natürlich, dass er uns beibringt, dass a-theos, zunächst, seit dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, der genannt wurde, den Gott verlassen hatte. Ein Atheist war also ein Mensch, von dem die Götter ihre schützenden Hände abgezogen hatten. Erst danach wurde Atheist der genannt, der sich von Gott losgesagt hatte, der seine Existenz leugnete. In dem ihm auch wegen Gottlosigkeit gemachten Prozess erklärte Sokrates – so sein Schüler Platon – „Ich glaube sicher an Götter– ich bin Atheist“.

Wie es zu dieser zweiten Bedeutung kam, darüber schreibt Whitmarsh nicht. Weil die Quellen sich darüber ausschweigen.

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Philosophie als Klassenkampf

Louis Althusser prägte eine ganze Generation von einflussreichen Philosophen wie Michel Foucault, Etienne Balibar oder Jacques Rancière. (Passagen-Verlag / picture-alliance / dpa)
Niemand beeinflusste die Marx-Deutung in Frankreich so sehr wie Louis Althusser. Jetzt ist aus seinem Nachlass eine „Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen“ in deutscher Übersetzung erschienen – eine zwiespältige Lektüre.

Von Andrea Roedig | Deutschlandfunk Kultur

Althusser erinnere ihn an einen „mittelalterlichen Gelehrten, der sich verzweifelt in seiner phantasierten Begriffswelt zu orientieren versucht“ – so schrieb Tony Judt einmal in einem polemischen Essay. Ganz von der Hand weisen lässt sich diese böse Charakterisierung nicht, wenn man die „Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen“ liest, eine aus dem Nachlass herausgegebene Schrift aus den Jahren 1978 bis 1980. Althusser hatte sie – unter dem Eindruck einer „Krise des Kommunismus“– als ein Lehrbuch für Laien konzipiert, in dem er die Philosophie als einen „Klassenkampf in der Theorie“ darstellen und die Idee einer „neuen Praxis der Philosophie“ auf den Punkt bringen wollte.

Die Philosophie und die Ideologien der herrschenden Klassen

Die Sprache ist klar gehalten, und fast klippschulmäßig einfach beginnt das Buch mit dem großen Gegensatz von idealistischem versus materialistischem Denken. Ihr Antagonismus bilde das notwendige Bewegungsprinzip, das die Philosophie durch ihre Geschichte treibe, wobei keine der beiden Seiten rein sei, jede trage ihr Gegenteil in sich. Als Marxist ist Althusser klar auf der Seite der materialistischen Philosophie, die der Praxis einen Vorrang vor der Theorie einräumt.

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«Ein Pfarrer kann sich schwer in einen Atheisten hineinversetzen»

Den Rosenkranz beten wollen Atheisten am Sterbebett gewiss nicht. (Bild: Keystone)
Freidenker-Präsident Andreas Kyriacou fordert gleich lange Spiesse für Säkulare: Sie sollen bei der Seelsorge in Spitälern weder gegenüber Christen noch Muslimen diskriminiert werden.

Simon Hehli | Neue Zürcher Zeitung

Immer mehr Kantone überlegen sich, wie sie Muslimen eine professionelle Seelsorge bieten können. Die Freidenker sehen diese Entwicklung kritisch. Warum?

Andreas Kyriacou: Es mag sein, dass stark religiös geprägte Muslime eine eigene Seelsorge brauchen. Aber das ist nur eine kleine Gruppe unter den Muslimen, die meisten sind religionsfern. Die islamischen Verbände, mit denen einzelne Kantone zusammenarbeiten, sind meistens konservativ-orthodox ausgerichtet und können damit nicht für die Mehrheit sprechen. Heikel ist auch, dass Projekte für muslimische Seelsorge wie jenes im Kanton Zürich eine Ungleichbehandlung befördern.

Was meinen Sie damit?

Die am stärksten wachsende Gruppe in der Schweiz sind die Konfessionslosen, mittlerweile stellen sie einen Viertel der Bevölkerung. Wenn der Staat findet, eine niederschwellige Form von Beratung und Betreuung sei eine notwendige und unterstützungswürdige Aufgabe, kann er die Säkularen nicht einfach davon ausschliessen.

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Neue deutsche Solidaritätsbewegung

Heimat und Idyll. Bild: RitaE / gemeinfrei
Als „linke Ansage gegen Rassismus“ wird sie in sozialen Medien vielfach gehandelt, die Erklärung Solidarität statt Heimat. Sie sei gedacht als Antwort auf die Erklärung 2018, einer gemeinsamen Erklärung von Konservativen bis hin zu Rechten gegen „illegale Masseneinwanderung“ und für die Wiederherstellung der „rechtsstaatlichen Ordnung“. Die Liste ihrer Unterzeichnenden wird angeführt von dem Publizisten Henryk M. Broder, dem Autor Uwe Tellkamp und dem SPD-Politiker Thilo Sarrazin.

Birgit Gärtner | TELEPOLIS

Nun also gibt es eine Antwort. Belassen es die Initiatoren der „Erklärung 2018“ bei zwei Sätzen, holt die Antwort „Solidarität statt Heimat“ etwas weiter aus. Der Text ließe sich so zusammenfassen: Die Antwort auf die derzeitigen Migrationsbewegungen in historisch bislang nicht bekannten Ausmaß ist bedingungslose Solidarität und wer das anders sieht, ist mindestens rassistisch, rechts oder gleich Nazi, vor allem aber fehlt ihm oder ihr das Solidaritäts-Gen.

Das haben offenbar nur die Initiatorinnen und Unterzeichnenden der Erklärung „Solidarität statt Heimat“.Das zeichnet sie als die guten Deutschen aus. Alle anderen werden in Bausch und Bogen verdammt:

Vom „gefährdeten Rechtsstaat“ in Ellwangen über die „Anti-Abschiebe-Industrie“, vom „BAMF-Skandal“ über „Asylschmarotzer“, von der „Islamisierung“ bis zu den „Gefährdern“: Wir erleben seit Monaten eine unerträgliche öffentliche Schmutzkampagne, einen regelrechten Überbietungswettbewerb der Hetze gegen Geflüchtete und Migrant*innen, aber auch gegen die solidarischen Milieus dieser Gesellschaft. Die politischen Debatten über Migration und Flucht werden seit Monaten von rechts befeuert und dominiert – und kaum jemand lässt es sich nehmen, auch noch mit auf den rechten Zug aufzuspringen.

Solidarität statt Heimat

Doch deren Solidarität gilt offenbar nur für eine zur schützenswerten Spezies erkorenen „Rasse“ Geflüchteter, männliche Geflüchtete zumal, von Solidarität mit Frauen, z. B. denen, die auf der Flucht vergewaltigt werden, aber auch mit denen, die sich in diesem Land in der Öffentlichkeit zunehmend unsicherer fühlen, ist da nichts zu lesen. Aber die wollen ja auch bloß die Heimat schützen. Und das ist anrüchig, weil rechts und sowieso rassistisch.

Nennen wir das Problem beim Namen. Es heißt nicht Migration. Es heißt Rassismus.

Solidarität statt Heimat

Das ist mehr als zynisch, denn für die zig Millionen Menschen weltweit auf der Flucht heißt das Problem nicht Rassismus, sondern Verlust der Heimat oder der ökonomischen Existenz.

Problematisch ist zudem der Kreis der Initiatorinnen. Diese gehören einem von der ehemaligen Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoǧuz, geförderten Netzwerk an, in dem „Neue Deutsche“ unter dem Stichwort „neue Vielfalt“ agieren – und damit weite Teile der Zivilgesellschaft erreichen.

Das Problem dabei wiederum ist, dass das „neu“ bei der Vielfalt die Forderung nach Akzeptanz des fundamentalen Islams als gleichberechtigte Lebensweise bedeutet. Ein Umstand, der vielen der inzwischen mehr als 6.000 Unterzeichnenden vermutlich nicht klar ist. Diese neue deutsche Solidarität ist der neueste Coup der „NeuDeutschen“ und ihrem fragwürdigen Verständnis von Vielfalt.

Aiman Mazyek hat auch unterschrieben. Auf Platz 34 steht der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Also nicht so weit unten, dass ernsthaft von den Unterzeichnenden behauptet werden könnte, es sei nicht bekannt gewesen, dass der oberste Repräsentant des fundamentalen Islams, in dessen Vereinigung die Muslimbrüder mit den Grauen Wölfen tanzen, zu den Unterzeichnenden gehörte.

Oder der Vertreter der Überzeugung, die Scharia sei mit dem Grundgesetz vereinbar, dessen gesamtes Bestreben es ist, genau das hier durchzusetzen, die Regeln, Werte, Normen und daraus resultierend das Justizwesen des fundamentalen Islams, kurz Scharia, habe sich unter die inzwischen mehr als 6.000 Unterzeichnenden gemogelt.

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Austritt aus der Komfortzone absoluter Gewissheiten

Man mag sich zuweilen wundern, ob Donald Trump nicht ein makroskopisches Quantensystem darstellt. Sein intellektueller, emotionaler und allgemein geistiger Zustand ist objektiv nicht bestimmbar. Er lebt sozusagen in einer Superposition aus Dialogbereitschaft und sturer Wutpolitik, sozialen Versprechungen und knallhartem Reichen-Klientelen-Lobbyismus, Charmebemühungen und Rotzbengel-Auftritten.

Lars Jaeger | TELEPOLIS

Erst die konkrete Interaktion mit einem Gegenüber, sei es politischer Gegner, Partner oder die Presse, bringt einen bestimmten Zustand in seinem Verhalten hervor, und dies auf a priori nicht determinierte Weise. Vorher ist sein Zustand vergleichbar mit dem eines Elektrons vor der Messung: nicht nur unbekannt, sondern objektiv unbestimmt. Ihm kommt keinerlei eigene substantielle Realität zu. Mag diese Parallele zwischen Quantenphysik und dem heutigen Rechtpopulismus amerikanischer Prägung auch ein wenig zu sehr dem Wunsch nach satirischer Erfassung des Unfassbaren entspringen, so lassen sich auf einer tieferen Ebene durchaus Verbindungen beider herstellen, wie im Folgenden dargelegt werden soll.

Wir können unsere Epoche, die nicht ganz zufällig vor 100 Jahren mit dem Ende des 1. Weltkrieges ihren Anfang nahm, durch zahlreiche Prädikate beschreiben. Am stärksten geprägt wurde sie in materieller und lebensalltäglicher Hinsicht eindeutig vom technologischen Fortschritt. In geistiger, intellektueller und emotionaler Hinsicht kommt ihr allerdings eine noch eindeutigere Charakterisierung zu: der Verlust der Komfortzone absoluter Gewissheiten, seien diese von religiöser, philosophischer, psychologischer oder wissenschaftlicher Natur.

Bzgl. ersterer hatte dieser Prozess bereits 150 Jahre zuvor begonnen, in einer geistigen Epoche, die wir nicht ohne Grund die „Aufklärung“ nennen. Antriebfeder dieses epochemachenden Umbruchs war die wissenschaftliche Revolution des frühen 17. Jahrhunderts – nicht zuletzt wurde das Physikgenie Isaak Newton bereits früh als erster Held dieser Epoche gefeiert.

Von nun an sollten die Phänomene und Entwicklungen in der Natur, und sogar der Mensch selbst, keiner übernatürlichen Erklärungen mehr bedürfen. Gott verlor seine Stellung als letzte und absolute Instanz der Wahrheit. Doch auch die historischen Anfänge der neuen Autorität im Tempel des Wissens, der Naturwissenschaften, liegen in der philosophischen Sehnsucht und Suche nach einer absoluten und letzten Wahrheit. Bereits bei den Vorsokratikern und spätestens mit Platon und Aristoteles waren die Grundlagen einer Metaphysik entstanden, die nach den letzten hinter den Phänomenen der Natur verborgenen absoluten Gründen und Zusammenhängen sucht. Die Naturwissenschaftler des 17. und 18. Jahrhunderts übernahmen diese bedenkenlos.

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Hamed Abdel-Samad: Integration? Wohin?

In diesem Teil unseres Gesprächs mit Hamed Abdel-Samad anlässlich seines jüngsten Buches „Integration – Protokoll eines Scheiterns“ geht es um die Illusion, dass man sich nur am Grundgesetz orientieren müsse, und schon könnten sich Migranten integrieren.

Peter Grimm | Achgut.com

Doch statt von Zuwanderern zu fordern, die hiesigen Regeln zu respektieren, verhandeln wir die Grundrechte mit konservativen Islamverbänden. Die fordern unter Verweis auf die Religionsfreiheit von der Gesellschaft die Akzeptanz der Beschneidung vieler anderer Grundrechte, wenn sie nach den Regeln Allahs und seines Propheten geboten ist. Und deutsche Regierungen und Behörden gehen darauf auch noch ein.

Keiner wagt auszusprechen, dass es – so man tatsächlich einen gesellschaftlichen Zusammenhalt statt auseinanderdriftender Parallelgesellschaften haben will – eigentlich um Assimilation gehen muss. Da kommt allerdings auch ein spezielles deutsches Problem hinzu: Wohin sollen sich denn Zuwanderer integrieren? Wie sollen sie sich denn positiv zu Deutschland bekennen, wenn selbiges unter Deutschen offenbar als anrüchig gilt?

Wenn der Deutschlandfunk Jordan B. Peterson liest

Auf der Fahrt zu einem Hausbesuch, kurz nach sechzehn Uhr, da durfte ich es wieder einmal hören: Man muss den Deutschlandfunk nicht mögen, zuhören aber sollte man ihm. Es gibt Dinge, die darf man einfach nicht sagen, ohne dass der Deutschlandfunk geistigen Schluckauf bekommt. Beispielsweise darf Jordan B. Peterson offenbar nicht „Gott“ sagen: Gott taucht immer wieder in seinen Ausführungen auf. Der Glaube an seine Existenz wird vorausgesetzt. Für einen atheistischen Skeptizismus ist kein Platz. 

Jesko Matthes | Achgut.com

Wie neutral sich Peterson über seinen eigenen Glauben äußert, und dass er damit wohl niemand irgendeinen Glauben aufzwingen kann, ist dem Rezensenten des DLF nicht aufgefallen. Störend genug ist für ihn wohl schon, dass Peterson auch den Atheismus für einen Glauben hält. So geht es munter weiter: Wenn man das Leben als Leiden begreift, ist man laut Deutschlandfunk nicht möglicherweise Buddhist oder zitiert wenigstens die Erste Edle Wahrheit, sondern vollkommen unterbelichtet.

Der Psychoanalytiker und Schüler Sigmund Freuds, C.G. Jung, arbeitete mit den Archetypen und Mythen, auf die sich auch Jordan B. Peterson bezieht. Es sind jene Ur-Geschichten, die beinahe weltweit in irgendeiner Form überliefert sind, wahrscheinlich schon seit der Jungsteinzeit. Wenn man mit C.G. Jung diese Ur-Geschichten für bedeutender hält als rein soziale Erwägungen, wie sie in Deutschland die „Frankfurter Schule“ oder in Frankreich die „Dekonstruktivisten“ propagierten, dann ist man laut DLF „rechtskonservativ“, vor allem, wenn man diese Strömungen als das bezeichnet, was sie waren: neomarxistische Philosophenzirkel. Das ist natürlich mindestens ignorant (denn man müsste doch wenigstens „Adorno“ sagen!) oder gefährlich. Mit C.G. Jung sogar gefährlich in der Nähe von „Nazi“, denn das war C.G. Jung eine Zeit lang ja auch. Bis die Nazis ihn auf den Index setzten, weil er ihren eigenen germanischen Archetypen und Mythen zu nahe getreten war. Das allerdings erwähnt der Rezensent nicht.

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