„Es ist nicht legitim, eine Frau zu behandeln, als wäre sie ein ausgeliehener Akkuschrauber“

„Die Menschen tun so, als würde sie das Thema nicht betreffen“: Die Autorin Nora Bossong hat Orte erkundet, an denen mit Sex Geld gemacht wird. (Foto: dpa)
Wie soll unsere Gesellschaft mit Prostitution umgehen? Und warum kaufen sich Frauen keinen Sex? Für ihr Buch „Rotlicht“ erforschte die Autorin Nora Bossong das Geschäft mit der Lust.

Interview von Luise Checchin | Süddeutsche.de

Wie verändert sich das Erleben von Sexualität, wenn man Geld dafür bezahlt? Das ist die Kernfrage in Nora Bossongs Reportagenband „Rotlicht“. Die 35-jährige Schriftstellerin hat dafür Orte erkundet, die sonst meist nur dem männlichen Blick vorbehalten sind: Von der Frankfurter Tabledancebar über eine Sexmesse in Berlin bis zur Verrichtungsbox auf dem Dortmunder Straßenstrich.

SZ.de: Beim Wort „Rotlicht“ hat jeder sofort bestimmte Bilder im Kopf. Sind Sie während Ihrer Erkundungen auch auf Orte gestoßen, die ganz anders waren als erwartet?

Nora Bossong: Das Sexkino in Hamburg hat mich überrascht. Ich hatte die naive Vorstellung, man gehe dorthin, um sich tatsächlich einen Porno auf einer Leinwand anzuschauen. Aber es ist ja eigentlich klar, dass das in Zeiten der Internetpornographie nicht mehr der Grund sein kann. Stattdessen wurde dort in einem der Räume live relativ extremer, orgiastischer Sex praktiziert, bei dem es mir schon mulmig wurde. Andere Orte widersprachen aber auch gar nicht so sehr meiner Vorstellung und trotzdem ist es immer noch einmal etwas anderes, sich die Dinge in der Realität anzugucken. Das Laufhaus, in dem ich war, sah auf den ersten Blick zum Beispiel aus wie erwartet: Flure, dahinter Zimmer. Aber es waren dann die Details, die Brüche oder Irritationen, die diesen Ort greifbar machten: Das Teelicht, das noch einen Rest an Behaglichkeit ausstrahlen sollte, aber total verloren wirkte an diesem ansonsten auf die Verrichtung ausgerichteten Ort. Oder die Bibel, in einem Plastikumschlag, die dort auf dem Tisch lag.

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Polizeigewahrsam für deutsch-türkischen Journalisten verlängert

 Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel befindet sich in der Türkei in Polizeigewahrsam © Can Merey/DPA
Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel befindet sich in der Türkei in Polizeigewahrsam © Can Merey/DPA
Seit bald einer Woche ist der deutsche Journalist Deniz Yücel in Polizeigewahrsam, wo er auf Antrag der Staatsanwaltschaft nun zunächst bleiben muss. Amnesty fordert die Behörden auf, Beweise für eine Straftat zu präsentieren – oder Yücel umgehend freizulassen.

stern.de

Der in der Türkei festgenommene „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel bleibt vorerst in Polizeigewahrsam. „Am Montag teilte die Polizei Yücels Rechtsanwälten mit, dass der Staatsanwalt die Verlängerung des Gewahrsams um weitere sieben Tage verfügt hat“, meldete die „Welt“. Der Journalist – der sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt – hatte sich am vergangenen Dienstag bei der Polizei gemeldet, weil wegen Terrorverdachts nach ihm gefahndet wurde. Er war dann in Polizeigewahrsam genommen worden.

Während des Ausnahmezustands können Verdächtige in der Türkei sieben Tage in Polizeigewahrsam gehalten werden. Diese Frist wäre bei Yücel (43) am Dienstagnachmittag ausgelaufen. Der Gewahrsam kann – wie in seinem Fall geschehen – auf Beschluss des Staatsanwaltes um weitere sieben Tage verlängert werden. Spätestens nächste Woche Dienstag muss Yücel entweder freigelassen oder einem Haftrichter vorgeführt werden. Dieser Richter müsste dann über Untersuchungshaft entscheiden.

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Offener Brief des IBKA zum Berliner Neutralitätsgesetz

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(hpd)Der Landesverband Berlin-Brandenburg des Internationalen Bundes der Atheisten und Konfessionslosen e.V. (IBKA) hat an die Linksfraktion und die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen sowie den Justizsenator und den Kultursanator einen offenen Brief gesandt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Bestürzung haben wir, die Berliner Regionalgruppe des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) e.V., zur Kenntnis genommen, dass Sie das Kopftuch-Urteil des Landesarbeitsgerichtes (LAG) Berlin-Brandenburg zum Anlass nehmen wollen, das Berliner Neutralitätsgesetz aufzuweichen oder gar abzuschaffen. Als Begründung dafür geben Sie an, dass ein pauschales Kopftuchverbot nicht verfassungskonform sei.

Jedoch handelt es sich bei diesem Gesetz keinesfalls um das Verbot des Tragens von Kopftüchern und schon gar nicht um das Verbot eines Glaubens. Das Neutralitätsgesetz verlangt in seinem die Schule betreffenden Teil lediglich, dass Lehrkräfte und andere Beschäftigte mit pädagogischem Auftrag in den öffentlichen Schulen sich mit der Demonstration ihres Glaubens oder ihrer Weltanschauung zurückhalten. Es geht um das Verbot aller(!) religiösen und weltanschaulichen Symbole und Kleidungsstücke in wohldefinierten Situationen und Umgebungen. Auch ein Lehrer, der ein T-Shirt mit dem bekannten Marx-Zitat vom Opium des Volkes trüge, müsste es für die Dauer seiner dienstlichen Tätigkeit ablegen. Die klageführende Lehrerin jedoch wollte nicht einmal stundenweise für die Zeit des Unterrichts von Grundschulkindern auf die Demonstration ihres muslimischen Glaubens verzichten, obwohl auch ihr vermutlich klar ist, wie leicht beeinflussbar Kinder sind. Das lässt ernsthafte Zweifel aufkommen, ob der Lehrerin eine neutrale Erziehung der Kinder wirklich wichtig  ist. Andere Pädagogen können dieser Forderung im Interesse ihrer Schüler ohne weiteres nachkommen.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass Grüne und Linke sich dafür einsetzen, einzelnen Interessengruppen zu gestatten, gegenüber unmündigen Kindern offensiv für ihre Ideologie zu werben. Der Erziehungs­wunsch konfessionsfreier Eltern wird in dieser Angelegenheit komplett ignoriert. Die Kinder selbst haben ein Recht darauf, Wissen zu erwerben und vor religiöser Beeinträchtigung geschützt zu werden. Und eine Lehrkraft mit Kopftuch, Kreuz oder Kippa mag vielleicht versuchen, sich neutral zu verhalten – durch das gesamte Erscheinungsbild wird immer eine Botschaft übermittelt. In diesem speziellen Fall die Botschaft, der Islam wäre eine wichtigere Religion als alle anderen, und muslimische Frauen haben die Pflicht, ein Kopftuch zu tragen.

Fatal ist auch die Auffassung, ein  Verbot von Kopftüchern an Schulen käme nur bei einer konkreten Störung des Schulfriedens in Frage. Eine solche Argumentation macht eine Störung des Schulfriedens geradezu erforderlich, um religiöse Symbole aus einer Schule zu verbannen. Abgesehen davon, dass es unseriös ist, politische Streitigkeiten auf dem Rücken der Kinder auszutragen – in der Konsequenz  leistet man damit einer Separierung der Schulen nach Glaubensrichtungen Vorschub. Lehrerinnen mit Kopftuch würden sich an Schulen konzentrieren, an denen Beispiele von Frauen, die sich religiösen Dogmen nicht unterwerfen, besonders nötig wären.

Das Neutralitätsgesetz auf ein Kopftuchverbot zu reduzieren oder gar als Glaubensverbot darzustellen, wäre eine Verfälschung der Tatsachen. Anders als in kirchlichen Einrichtungen wie Diakonie und Caritas, deren Betreibern es gestattet wird, ihre Angestellten zu christlichem Glauben und kirchengefälligem Privatleben zu verpflichten, dürfen staatliche Beamte und Lehrkräfte glauben, was sie wollen, oder es auch bleiben lassen. Mehr Religionsfreiheit geht nicht.

Das Berliner Neutralitätsgesetz trägt ganz wesentlich dazu bei, diese Freiheit zu schützen und ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Menschen  aller Glaubens- und Denkrichtungen zu sichern. Sollte es aufgeweicht werden, dann würde auch die Neutralität kippen, dann würde eine Minderheit über neue Privilegien verfügen. Das ist kein Beitrag zu Integration. Deshalb fordern wir Sie auf, das Neutralitätsgesetz zu verteidigen.

Mit freundlichen Grüßen,
Silvia Kortmann, Wolfgang Mahnfitz, Frank Fuhlbrück
IBKA e.V. Landesverband Berlin-Brandenburg

Deniz Yücel – Opfer fragwürdiger Politik

© Reuters Proteste in Berlin gegen die Verhaftung des Journalisten Deniz Yücel durch die türkische Polizei
© Reuters Proteste in Berlin gegen die Verhaftung des Journalisten Deniz Yücel durch die türkische Polizei
Bei der Verhaftung des Korrespondenten Deniz Yücel geht es nicht nur um Journalismus. Auch auf politischer Ebene steht Einiges auf dem Spiel im Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland.

Von Michael Martens | Frankfurter Allgemeine

Wenn Menschen ungeschickt lügen, macht sie das oft sympathisch, liebenswert geradezu. Aber für das Auswärtige Amt wäre es vielleicht besser, wenn es einige weniger liebenswerte Leute in den eigenen Reihen hätte – zumindest in dem Fall, der hier geschildert werden soll. Eine Szene Mitte Januar, Ankara. Drei deutsche Journalisten unterhalten sich mit einer Person, die bei der deutschen Botschaft beschäftigt ist, über die Türkei. Es geht um das Verfassungsreferendum, den andauernden Ausnahmezustand, die Angst vor Terroranschlägen. Ein munteres Gespräch, offen werden Ansichten und Prognosen ausgetauscht, im Vertrauen natürlich, denn Diplomaten lassen sich nur selten zitieren, und in der Türkei in diesen Tagen schon gar nicht.

Als es um die Verfolgung von Journalisten geht, fragt ein Journalist in die Runde: „Was ist eigentlich mit Deniz Yücel? Der hat schon seit Wochen nichts mehr geschrieben.“ Yücel ist Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ mit Sitz in Istanbul – und seit Dienstag in Polizeigewahrsam. Seine Festnahme sorgt in Deutschland für Empörung. Als das Gespräch stattfand, war es schon mehr als einen Monat her, seit der letzte Artikel Yücels in der „Welt“ erschienen war. Und seltsam war, dass Yücel, eifriger Nutzer des Kurzmitteilungsdienstes Twitter, auch dort schwieg.

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Wer bedroht unsere Gesellschaftsordnung?

Bild: bb
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Üblicherweise lautet die Antwort auf diese Frage, dass es der Rechtsextremismus sei, der unsere Gesellschaft bedroht, dass Parteien wie die NPD oder die AfD die Grundlagen unserer Verfassung in Frage stellen und aushöhlen würden.

Von Uwe Lehnert | Richard-Dawkins-Foundation

Zur NPD hat das Bundesverfassungsgericht jüngst erklärt, dass diese zwar verfassungswidrig, aber mangels Potenz und relevanter Anhängerschaft als Gefahr zu vernachlässigen sei. Was die AfD angeht, so wird diese Partei – von einigen im Zwielicht verfassungswidrigen Verhaltens sich bewegender Mitglieder abgesehen – vom Verfassungsschutz nicht als beobachtungsbedürftig eingeschätzt. Programm und Auftritte dieser Partei mögen rückwärtsgewandtes, in Teilen erzkonservativ-religiöses, europaskeptisches bis europafeindliches und nationalkonservatives bis nationalistisches Denken aufweisen – verboten sind solche Auffassungen nicht. Sie sind generell durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Verboten wären Aktivitäten, die gegen die verfassungsmäßige Ordnung gerichtet sind oder die Strafgesetze verletzen. Meinungsfreiheit schließt dennoch nicht aus, die politischen Ziele der AfD angesichts einer sich zunehmend multikulturell entwickelnden und global sich öffnenden Gesellschaft für falsch oder gefährlich zu halten.

Die eigentliche Gefahr für unsere freiheitsliebende, demokratische, offene, tolerante Gesellschaft geht von einer polit-religiösen Ideologie aus, die über Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern zu uns gekommen ist und zusätzliche finanzielle und personelle Unterstützung aus dem muslimischen Ausland erhält. Dieser orthodoxe Islam wird vertreten in Deutschland zum Beispiel von der DITIB, einer von der türkischen Religionsbehörde in Ankara personell, finanziell und weisungsmäßig vollständig gesteuerten muslimischen Organisation. Ebenso zwielichtig einzuschätzen ist der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) unter der Führung von Aiman Mazyek. Ein Mitglied des ZMD ist die Islamische Gesellschaft in Deutschland (IGD). Für den bayerischen Verfassungsschutz ist die IGD ein Tarnverein für die islamistische und antidemokratische Muslimbruderschaft. Ein weiteres Mitglied im ZMD ist die Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa (ATIB), den wiederum der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz als Tarnverein den ultra-nationalistischen und faschistoiden Grauen Wölfen zuordnet. Von Milli Görüs, ebenfalls eine muslimische Organisation, ist bekannt, dass sie wiederholt ins Visier der deutschen Sicherheitsbehörden geraten ist. Dabei repräsentieren die verschiedenen muslimischen Verbände, die in erster Linie politisch agieren, dabei nur rund 15 Prozent der Muslime in Deutschland. Dennoch werden DITIB und ZMD bisher von der Bundesregierung als Vertreter »der« Muslime anerkannt und geradezu hofiert.

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Wie Winston Churchill über Aliens dachte

Winston Churchill hielt schon 1939 außerirdisches Leben für sehr wahrscheinlich - udn begründete auf erstaunlich moderne Weise, warum. © HG: NASA, Portrait: historisch
Winston Churchill hielt schon 1939 außerirdisches Leben für sehr wahrscheinlich – udn begründete auf erstaunlich moderne Weise, warum. © HG: NASA, Portrait: historisch
Erstaunlich modern: Schon vor gut 75 Jahren hielt der britische Premierminister Winston Churchill außerirdisches Leben durchaus für möglich – und begründete dies mit überraschend wissenschaftlichen Gedankengängen. Das belegt ein nie veröffentlichter Essay des Politikers aus dem Jahr 1939. Lange bevor der erste Exoplanet entdeckt wurde, spekulierte er schon über die Zahl fremder Planeten und die habitable Zone in einem Planetensystem.

scinexx

Winston Churchill ist heute vor allem als der britische Premier zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und als begnadeter Redner in Erinnerung. Doch der Politiker war auch ungewöhnlich stark an der Wissenschaft interessiert. Er traf sich regelmäßig mit Physikern, Astronomen und Ingenieuren und stellte 1940 als erster britischer Premierminister einen wissenschaftlichen Berater ein. „Zu einer Zeit, in der viele heutige Politiker von Wissenschaft nichts wissen wollen, finde ich diese Erinnerung besonders wichtig“, sagt der Astrophysiker Mario Livio.

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Frankfurter Freimaurer-Loge: Kein Geheimbund

Die Symbole der Freimaurer (Zirkel, Winkel, Hammer und Kelle) sind im Tor zur Loge in Frankfurt am Main zu sehen. Foto: dpa
Die Symbole der Freimaurer (Zirkel, Winkel, Hammer und Kelle) sind im Tor zur Loge in Frankfurt am Main zu sehen. Foto: dpa
Sie sollen Verschwörungen planen und okkulte Bräuche pflegen. Über Freimaurer kursieren viele Vermutungen. Um den Vorurteilen zu begegnen, öffnen sich die Logen inzwischen mehr nach außen. Und geben ab und zu einen kurzen Blick in ihr Innenleben frei.

Frankfurter Rundschau

Freimaurer haben einen geheimnisvollen Ruf. Viele Menschen wissen nicht, was sie eigentlich machen – auch weil die Freimaurer-Logen die Öffentlichkeit nicht gerade suchen. Doch sie sind aktiv, wenn auch unter dem Radar. Allein in Frankfurt gibt es acht Logen mit 438 Brüdern, wie sich die Mitglieder nennen.

Was machen Freimaurer? Am Mittwochabend gab es Gelegenheit, dazu etwas zu erfahren. Die Loge «Zur Einigkeit» feierte 275-jähriges Jubiläum. Londoner Diplomaten und Frankfurter Bürger gründeten sie im Jahr 1742. Es handelt sich um eine der ältesten Logen Deutschlands und die älteste in Frankfurt. Hessenweit gibt es nach Angaben des Dachverbands Vereinigte Großlogen von Deutschland 30 solche Zusammenschlüsse, im ganzen Bundesgebiet sind es rund 500 mit mehr als 15 000 Brüdern.

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Islamistische Terrorgefahr: „Die Politik duckt sich weg“

„Auf allen Ebenen ist die Politik mit zweifelhaften islamischen Lobbyisten in Kontakt und oft sogar bereit, diese Leute vor Kritik zu schützen. Das ist gegenüber der Gesellschaft verantwortungslos.“ Sigrid Herrmann-Marschall gilt als Expertin in Sachen islamischer Fundamentalismus. Foto: Heike Lyding
„Auf allen Ebenen ist die Politik mit zweifelhaften islamischen Lobbyisten in Kontakt und oft sogar bereit, diese Leute vor Kritik zu schützen. Das ist gegenüber der Gesellschaft verantwortungslos.“ Sigrid Herrmann-Marschall gilt als Expertin in Sachen islamischer Fundamentalismus. Foto: Heike Lyding
Es ist was faul in Frankfurt und Umgebung. Staatsschutz und Polizei nehmen zunehmend islamische Vereine ins Visier und machen Razzien in Moscheen. Aber die für Integration zuständigen Politiker und Ämter bleiben passiv. Für Sigrid Herrmann-Marschall passt das ins Bild. Die Sozialdemokratin findet: Wenn es um Islamismus geht, versagt Kommunalpolitik an wichtigen Stellen. FNP-Mitarbeiter Mark Obert hat mit ihr über die Gründe gesprochen.

Frankfurter Neue Presse

Frau Herrmann-Marschall, haben Sie Feinde?

SIGRID HERRMANN-MARSCHALL: Mir schlagen Anfeindungen entgegen, ich erhalte auch Drohungen. Aber es ist nicht so schlimm und häufig, wie man meinen könnte. Obwohl mein Blog natürlich auch von Islamisten, Dschihadisten und Salafisten gelesen wird.

Sie decken seit drei Jahren in Ihrem Blog „Vorwärts und nicht vergessen“ Verbindungen von Moscheen und muslimischen Verbänden im Rhein-Main-Gebiet mit Hasspredigern und radikalen Gruppierungen auf. Wie kamen Sie dazu?

HERRMANN-MARSCHALL: Als politisch aktivem Mensch ist mir das zunehmende Problem mit dem Islamismus früh aufgefallen. Also habe ich mich entschieden, diese Verbindungen offen zu legen oder auf andere zu verweisen, die seriös recherchieren. Es ist mir wichtig, konkret zu benennen, auch um deutlich zu machen, wie ungerechtfertigt der Generalverdacht gegen Muslime ist. Die Debatte um Islam und Islamismus wird ja oft viel zu unkonkret geführt. Dadurch entsteht überhaupt erst diese diffuse Angst.

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Zwischen Political Correctness und alternativen Fakten

„Freedom of Speech“ von Ahdieh Ashram (flickr)
„Freedom of Speech“ von Ahdieh Ashram (flickr)
Debattenkultur heute. In wichtigen gesellschaftlichen Debatten ist das Sprechen miteinander einem Sprechen gegeneinander gewichen.

Von Felix Kruppa | Richard-Dawkins-Foundation

Nicht nur Verschwörungstheorien und Szenarien des Weltunterganges zeichnende Rechte, sondern auch linke Vertreter der Political Correctness, leisten durch das Übergehen von Fakten der politischen und gesellschaftlichen Lagerbildung Vorschub.

Experiment

Inwieweit würden Sie den einzelnen Aussagen zustimmen?

  1. Ideologien sind Systeme von Überzeugungen, die sich vor Kritik immunisieren, und darauf abzielen, Werte und Normen allgemeingültig durchzusetzen.
  2. Werte und Normen allgemeingültig durchzusetzen und sich dabei vor Kritik zu immunisieren, resultiert (historisch oft) in gefährlichen Konsequenzen.
    3. Monotheistische Religionen sind Ideologien
    4. Monotheistische Religionen sind gefährlich
    5. Das Christentum ist gefährlich
    6. Der Islam ist gefährlich.

Ich gehe davon aus, dass viele Leser den ersten Aussagen zustimmen, mit der Bejahung jeder weiteren Aussage (insbesondere Nr. 6) aber größere Schwierigkeiten haben. Wichtig ist vor allem, dass man die erste Definition von „Ideologie“ für sich annehmen kann. Der Begriff ist terminologisch schwer zu fassen, dürfte in der obigen Definition aber zumindest dem impliziten Wortverständnis vieler Menschen entsprechen. Alle weiteren Aussagen sind Extensionen (das ist die Menge der Gegenstände, die unter einen Begriff fallen) des Begriffes „Ideologie“. Und zwar weil monotheistische Religionen Intensionen bzw. Merkmale aufweisen, aufgrund derer sie als ideologisch bezeichnet werden können.

Gemeinsam haben sie die Merkmale meiner Arbeitsdefinition von „Ideologie“, die aus ihrem dogmatischen Charakter resultieren. Keine dieser Religionen kommt z.B. ohne das Dogma, also ohne unumstößlichen Wahrheitsanspruch aus. Auch benutzen sie einen metaphysischen Bezugsrahmen, um daraus gesellschaftliche Normen abzuleiten, die zudem für alle Zeiten gültig sein sollen. Infolgedessen sind also alle monotheistischen Religionen ideologisch. Mal abgesehen davon, dass es religiöse Narrative und Strömungen gibt, die mal mehr und mal weniger dogmatisch sind. Sie alle eint jedoch der absolute Wahrheitsanspruch. Hoch problematisch sind gerade deshalb Passagen in den „heiligen Schriften“, die zur Gewalt oder sogar Mord aufrufen. Die Zahl derer, die im Namen des Christentums oder des Islams töteten, ist groß. Je mehr Menschen eine Ideologie als Legitimationsgrundlage für die Anwendung von Gewalt benutzen (können), desto gefährlicher ist sie.

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René Descartes: Der mysteröse Tod des großen Philosophen

René Descartes (Porträt nach Frans Hals, 1648) Bild. wikimedia.org/PD
René Descartes (Porträt nach Frans Hals, 1648) Bild. wikimedia.org/PD

Der große Denker René Descartes starb vor 367 Jahren plötzlich. Wurde der Franzose in Schweden mit Arsen vergiftet? Das behaupten manche – und verweisen auf eine angebliche Geheimbotschaft.

Von Florian Goldmann | Süddeutsche.de

Mürrisch trifft René Descartes im Oktober 1649 in Stockholm ein. Königin Christina hat gerufen: Seine Schriften seien fabelhaft, er möge ihr Philosophie beibringen.

Doch Reisen sind nicht die Sache des 53-Jährigen. Frühere Versuche, ihn für Privataudienzen nach Schweden zu holen, hat der Franzose abgelehnt. Nun lockt aber das Geld, das er dringend braucht. Doch es kommt nur zu wenigen Sitzungen: Descartes stirbt plötzlich, im Februar 1650. Lungenentzündung, wie das Königshaus sofort vermeldet. Einige hingegen munkeln sogleich, er sei vergiftet worden.

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Unaufgeklärte Religion ist ein Problem

Bild: HVD_Hessen/Twitter
Bild: HVD_Hessen/Twitter
HVD-Präsident Frieder Otto Wolf diskutierte am vergangenen Freitag beim Forum des Bundesinnenministeriums in Leipzig zur Frage: „Wie hältst Du es mit der Religion? Glauben als Kitt oder Keil unserer Gesellschaft?“

HVD Bundesverband

Fördern Glaube und Religion den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Oder schüren sie im Gegenteil Konflikte und Unfrieden in unserem Land? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Bürgerdialogs in Leipzig. Rund 150 Bürgerinnen und Bürger waren der Einladung des Bundesinnenministers Dr. Thomas de Maizière gefolgt, um über die Bedeutung von Religion für unser Zusammenleben zu diskutieren.

Der Bürgerdialog ist Teil der Werkstattreihe mit dem Titel Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Integration – #gemeinsam für ein starkes Deutschland, in deren Rahmen der Bundesinnenminister offen und konstruktiv aktuelle gesellschaftspolitische Themen ansprechen möchte.

An die Begrüßung durch Bundesinnenminister de Maizière schloss sich eine Podiumsdiskussion an. „Die Zuneigung zu Kirchen hat abgenommen, die Abneigung gegen Islam oder Kirchen hat zugenommen“, sagte de Maizière zum Auftakt der Diskussion, und fragte, wo die Distanz und Abneigung gegenüber Religion herrührten. Neben Thomas de Maizère und Frieder Otto Wolf auf dem Podium: Gesa S. Ederberg, Rabbinerin in Berlin, und Dagmar Mensink, katholische Theologin, sowie Hamideh Mohagheghi, Wissenschaftlerin an der Universität Paderborn für Islamische und Komparative Theologie.

HVD-Präsident Wolf betonte in Leipzig, dass Menschen nicht so auf Religion angewiesen sind, wie es vielfach in der (politischen) Öffentlichkeit dargestellt werde. Aus Sicht moderner Humanistinnen und Humanisten können Menschen ihr Leben auch ganz ohne religiöse Vorstellungen mit ethisch fundierter Lebensauffassung führen und sinnvoll gestalten. Wichtig dafür ist „Vertrauen in uns und die Gemeinschaft“, zudem kann auch individuelle Freiheit nur in sozialer Verantwortung sinnvoll gelebt werden, so Wolf.

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„Charlie Hebdo“: Kopf-ab-Satire

Merkel enthauptet Schulz: Das aktuelle Titelblatt der deutschen Ausgabe der französischen Satire-Zeitschrift
Merkel enthauptet Schulz: Das aktuelle Titelblatt der deutschen Ausgabe der französischen Satire-Zeitschrift“ „Charlie Hebdo“.Foto: dpa
Angela Merkel hält abgeschnittenen Kopf von Martin Schulz: Das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ will sich mit einem provokanten Cover mit dem „Spiegel“ solidarisieren

Von Joachim Huber | DER TAGESSPIEGEL

Deutet sich da ein blutiger Trend an? Auf dem Cover der aktuellen deutschen Ausgabe des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ ist Bundeskanzlerin Angela Merkel als Karikatur zu sehen, ein blutiges Messer in der einen Hand, den abgetrennten Kopf des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz in der anderen. Nach Meinung der Redaktion ein Akt der Solidarität. Das Motiv greift das umstrittene Titelbild des aktuellen „Spiegel“ auf, das US-Präsident Donald Trump in ähnlicher Pose zeigt, den Kopf der Freiheitsstatue hochhaltend. Sich an den „Spiegel“-Titel anzulehnen, sei eine Geste des Respekts gegenüber den Kollegen in Hamburg, sagte die Chefredakteurin der deutschen „Charlie Hebdo“-Ausgabe, die unter dem Pseudonym Minka Schneider auftritt. „Was uns am meisten schockiert hat, war das negative Echo darauf“, sagte Schneider. „Wir finden diese Titelseite ziemlich gut.“

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Neil deGrasse Tyson Addresses The Current Scientific Illiteracy Crisis

neilneil

Last week astrophysicist and science populariser Neil deGrasse Tyson held a speech at Greensboro Coliseum, addressing the current crisis of science illiteracy that we are facing. Here is a summary of that speech:

By Johny Krahbichler | Church and State/Scientific Literacy Matters

“Americans overall are bad at science. Scared of math. Poor at physics and engineering. Resistant to evolution. This science illiteracy, is a threat to the nation.

The consequence of that is that you breed a generation of people who do not know what science is nor how and why it works,” he said. “You have mortgaged the future financial security of your nation. Innovations in science and technology are the (basis) of tomorrow’s economy.”

America’s decline isn’t unprecedented, Tyson said. Just look back 1,000 years ago at the Middle East, where math and science flourished in Baghdad. Algebra and algorithms were invented in the Middle East. So were Arabic numerals, the numbers we still use today.

But when a new cleric emerged during the 12th century, he declared math and science to be earthly pursuits, Tyson said, and good Muslims should be concerned about spiritual affairs. The scientists drifted away, and scientific literacy faded from that part of the world. Of 655 Nobel Prizes awarded in the sciences since 1900, Tyson said, only three have been awarded to Muslims.

“Things that seem harmless can have devastating effects,” he said.

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Gregor Gysi: Dodo des Monats Januar 2017

Dodo des Monats Januar 2017 ©HFR
Dodo des Monats Januar 2017 ©HFR

Gregor Gysi. Bild: FBEs wäre ein schöner Tag, wenn eine Politiker, Atheist, Humanist, was auch immer, den Arsch in der Hose hätte und völlig unbekümmert negative Religionsfreiheit in einer Kirche „predigen“ würde. Gregor Gysi ist von solchen Höhepunkten weit entfernt. Der Prototyp eines regressiven Linken.

Ich habe versucht zu erklären, weshalb Religion und Kirchen in unserer Gesellschaft so wichtig sind. Ich habe – obwohl ich selbst nicht an Gott glaube – versucht, der Gemeinde zu erklären, dass ich eine gottlose Gesellschaft ganz furchtbar fände. Und zwar schon aus folgenden Gründen: Erstens sind die Religions- und Kirchengemeinschaft Bestandteil unserer Kultur, und zweitens sind zurzeit nur die Kirchen- und Religionsgemeinschaften in der Lage, allgemeinverbindliche Moralnormen aufzustellen.
Gregor Gysi

Ich weiß ja nicht, was Gregor Gysi im Kopf hat als Atheist. Es muss furchtbar sein, damit er dieses Grauen im Zaume halten kann braucht er christliche Moral. Man sagt ja nicht umsonst, was ich denk und tu, trau ich anderen zu.
Darüber hinaus bleibt festzustellen, er findet einen absolutisch-feudal regierenden Kirchenfürsten, genannt der Pappa, Spukgestalt von Rom, annehmbar. Dessen Moral sich herleitet aus dem Naturrecht, eigentlich müsste Gysi als Rechtsanwalt beim Thema Naturrecht in schallendes Gelächter ausbrechen, aber das ficht ihn nicht an. D.h. eben jene katholische Kirche begründet mit dem Naturrecht die Nichtanerkennung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, sowohl von der UNO als auch von der EU. Tausende katholische Priester haben sich jahrzehntelang durch ganze Generationen von Kindern gevögelt, mit der ach so feinen Moral ihrer Kirche. Es wurde vertuscht, verheimlicht, gelogen und weltliche Gerichtsbarkeit umgangen.
Frauen wird die Gleichberechtigung versagt, das grundlegende Recht auf Selbstbestimmung nicht anerkannt. Die Benutzung von Kondomen untersagt, dann mit der Nonchalance eines Gnadenaktes unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Homosexuellen wird aus gleichen Gründen die Anerkennung als menschliches Wesen verneint. Die „unantastbare“ Menschenwürde wird tagtäglich mit feinziselierten Wortungetümen eben jenen Menschen genommen.
Wessen Moral Herr Gysi? Es kann nicht ihr ernst sein mit dieser bigotten Weltsicht der Kirchen übereinstimmen zu wollen.

Bei den Protestanten ist es nicht besser, der Vorteil, sie haben den römischen Mummenschanz der Antike abgelegt, aber ansonsten ist Bigotterie vorherrschend.
Auch hier ist der Wunsch nach Regulierung des Menschen ausgeprägt, Homophobie ebenso vorhanden wie die Entmündigung der Frauen. Allein die im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland stattfindenden Lebensrecht-und Bildungsdemonstrationen sind der Versuch einen evangelikalen Gottesstaat zu errichten. Konservative Christen entsagen ihren politischen Urgründen und landen bei der Alternative für Deutschland.
Allein Luther müsste Gysi ein sozialer Gegner sein.

„Wer den Müntzer gesehen hat, der hat den Teufel gesehen in seinem höchsten Grimm. … Nach der Rückkehr von einer Reise ins thüringische Aufstandsgebiet legte Luther nach und rief in einer Erweiterung der zweiten Auflage seiner Bauernschrift in vollkommen maßlosen zutiefst erschreckenden Worten die Obrigkeiten dazu auf, die Aufständischen ohne Gnade und Erbarmen wie „tolle Hunde“ niederzumetzeln. Denn wer sie nicht schlage, werde von ihnen geschlagen und das ganze Land dazu. Die Niederwerfung des Aufstands geriet zum Gottesdienst. „Solche wunderlichen Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann, besser als andere mit Beten“. Veit-Jakobus Dieterich: „Martin Luther“, dtv, S. 85ff)

500 Jahre Reformation, wer gegen die Obrigkeit ist, wird dahingemetzelt. Eigentlich die Leute, die zur Klientel der Partei Die Linke gehören.

„Christen verzichten darauf, sich gegen die Obrigkeit zu empören.“ Martin Luther: Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können, 1526

Valium für den Pöbel, damit er weiter in seiner sozialen Hängematte verdämmern kann.
Der Antisemitismus ist ebenso ein gut christliches Ding. Von Anbeginn bis Auschwitz, ohne Christentum kein Holocaust.

Kirchliche Moralnormen gelten für Anhänger der Kirchen. Für alle anderen gelten die Gesetze des weltlichen Staates, sie sind dort auch besser aufgehoben. Objektive moralische Werte, ob nun christlich, jüdisch, islamisch, existieren nicht. Der imaginäre Freund entzieht sich seit seiner menschlichen Geburt jedweder Einflussnahme. Das heißt aber auch, Moral die nicht mehr den Lebensumständen der Menschen entspricht wird abgeschafft. So sollte es sein, praktisch ist es anders. Politiker wie Gregor Gysi sorgen dafür, dass die ach so allgemeinverbindlichen Moralnormen, verbindlich werden. Anstelle des mittelalterlichen Throns sind die Politiker getreten, die kirchlich-religiöse Politik möglich machen. Neu ist, dass sich Atheisten den Pfaffen andienen. Hat bei den Sozialdemokraten 94 Jahre gebraucht, bis zum Godesberger Programm, da haben dann Johannes Rau, Gustav Heinemann und Erhard Eppler den Gotteswahn, von der Gesamtdeutschen Volkspartei, in die SPD gebracht.

Vorgelesen hat Gregor Gysi aus dem Römer, Kapitel 12, 17-21.

Haltet euch nicht selbst für klug.ebenda

Paulus‘ Römerbrief ist auch jenes Machwerk, welches gern herangezogen wird um gut christliche Homophobie zu pflegen.

Jede andere Institution, ob nun katholische- oder evangelische Kirche, hätte man bei den begangenen Verbrechen verboten, enteignet und abgeschafft. Dass dem nicht so ist, ist der Politik geschuldet, es klüngelt sich halt gut. Politiker gehen dann eben gern auf Stimmenfang, dass christliche Wahlvolk wird es danken.

Hüten wir uns vor Politikern, die Religion, egal in welcher Form, zur Maxime ihres Handelns machen.

Unmoral ist die Moral derer die sich amüsieren.Ambrose Bierce

Atheisten sind unmoralisch, Feinde der Gesellschaft, die sich der Kontrolle des Jesusklubs entziehen. Neu ist das nicht, eben regressiv.

In dem Sinne, herzlichen Glückwunsch, vielleicht bringen die Kirchen ja ein paar Stimmen im Bundestagswahlkampf. Der Zweck heiligt die Mittel.

Greg Graffin

Bad Religion

Der Gründer der Punkband „Bad Religion“ hatte nie etwas gegen Gott. Und auch jetzt als Evolutionsbiologe wartet er auf Beweise für die Existenz Gottes.

Von Jan Stremmel | Süddeutsche.de

Als ich meine Band Bad Religion gründete, waren die USA in einer ganz ähnlichen Situation wie heute. Es war 1980, Ronald Reagan kandidierte gerade bei der Wahl zum Präsidenten. Hinter sich versammelte er die denkbar schlimmsten Spinner aus dem ultrarechten Lager, bis hin zu den komplett verrückten evangelikalen Fernsehpredigern. Die verdienten damals Millionen damit, ihren Glauben als den einzig wahren zu verkaufen und nebenbei gutgläubigen Rentnern ihre Altersversorgung abzuschwatzen. Diese Koalition der Erzkonservativen gewann damals die Wahl – und wir gründeten eine Punkband mit dem durchgestrichenen Kreuz als Logo. Wir waren 15, und es war eine naheliegende Provokation.

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Die Apokalypse eines Atheisten

Wir gehen unter: In dieser Überzeugung trifft sich der atheistische Philosoph Michel Onfray mit Michel Houellebecq und christlichen Kulturkämpfern. – (c) REUTERS
Wir gehen unter: In dieser Überzeugung trifft sich der atheistische Philosoph Michel Onfray mit Michel Houellebecq und christlichen Kulturkämpfern. – (c) REUTERS
Philosoph Michel Onfray sieht die jüdisch-christliche Zivilisation in der finalen Phase – durch eigene Schuld und durch den Islam. Aber er ist sich in seinem neuen Buch, „Dekadenz“, auch sicher: Das Schlimmste komme noch.

Von Anne-Catherine Simon | Die Presse.com

So oft hat Frankreichs Paradeatheist Michel Onfray dazu aufgerufen, sich von allen Rückständen christlicher Kultur zu lösen. Einen hat er offenbar dabei vergessen: den der Tradition männlicher Kanzelpredigt. Beim Philosophen Onfray ist sie todernst und pathetisch, beim britischen Biologen Richard Dawkins nüchterner, aber ebenso todernst. Noch eines verbindet die kämpferischen Religionsgegner miteinander sowie mit anderen, die man gern unter dem Etikett „Neue Atheisten“ zusammenfasst: Sie wissen genau, dass jede Art von Religion absolut schädlich ist und alle Religiösen im Unrecht sind – und sie absolut im Recht.

„Die vier Reiter der Nichtapokalypse“ nannte man die Anfang des neuen Jahrtausends rege publizierenden „neuen Atheisten“ Sam Harris, Richard Dawkins, Daniel Dennett und Christopher Hitchens. Sie einte die Überzeugung, dass Religion eine zerstörerische Kraft sei. Die Anschläge vom 11. September 2011 schienen sie zu bestätigen, die Zeichen für eine „Rückkehr der Religionen“ schürten ihren Zorn, der sich auch in der Wortwahl (Religion als „Virus“, „Geisteskrankheit“) niederschlug. Nur nach heftigen Einsprüchen von säkularer Seite zog Dawkins 2006 seine Unterschrift unter einer Petition zurück, um in England jede Art von religiöser Erziehung vor dem 17. Lebensjahr als „Kindesmissbrauch“ zu verbieten.

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Der Mensch, das (un)vernünftige Tier

Flugbegleiterin und Fluggäste – (c) Bilderbox
Flugbegleiterin und Fluggäste – (c) Bilderbox
Unser Verhalten im Flugzeug beweist: Mit dem Menschen als „Animal Rationale“ ist es leider nicht sehr weit her.

Von Karl Gaulhofer | Die Presse.com

Der Mensch sei das vernünftige Tier, behauptete Aristoteles. Wie so oft irrte der alte Grieche auch hier. Gut, damals gab es noch keinen Flugverkehr. Als Passagier wäre dem Philosophen seine Fehldeutung des menschlichen Wesens sofort sinnfällig geworden. Es fängt schon beim Einchecken an, genauer: bei der Sitzplatzwahl. Gibt es einen vernünftigen Grund, warum sich alle in die vorderen Reihen drängen? Weil man am Zielort schneller wieder rauskommt?Dafür wartet man länger im Bus oder am Gepäckband. Hinten ist mehr Platz, und wer dort am Fenster sitzt, sieht auch etwas, ganz anders als über dem Flügel. Nein, das kindische Motiv kommt aus dem Bauch: Wer weiter vorn sitzt, sei auch sonst im Leben vorn dabei.

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Jan Assmann: Die „totale Religion“

Erschaffung der Welt, Deckenbild. Foto: epd
Erschaffung der Welt, Deckenbild. Foto: epd
Jan Assmann führt seine Überlegungen zu Religion und Gewalt fort, indem er sich mit der Logik des Monotheismus beschäftigt.

Von Dirk Pilz | Frankfurter Rundschau

Immer wieder hat der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann herausgearbeitet, dass die Entstehung des Monotheismus eine „Wende in der Geschichte der Menschheit“ bedeutete. Vor allem mit seinem Buch „Die Mosaische Unterscheidung“ (2003) untersuchte er dabei den „Preis des Monotheismus“, nämlich die damit in die Welt gekommene Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion.

Keine geisteswissenschaftliche These ist in den vergangenen Jahren kontroverser diskutiert worden, zumal Assmann die Vermutung formulierte, der so entstandene Monotheismus enthalte notwendig „ausgrenzende Gewalt“. Er hat diese Vermutung nach vielfältiger Kritik inzwischen korrigiert: Nicht die Differenz von wahr und falsch sei wesentlich, sondern jene von Treue und Untreue.

Denn entscheidend für das Verständnis des Monotheismus, von Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen, sei es, den Glaube als „Sache liebender Treue“ zu begreifen. Assmann spricht deshalb jetzt von einem „Monotheismus der Treue“, ein Gedanke, den er in seinem epochemachenden Buch „Exodus“ (2015) ausführlich entwickelt hat.

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Säkulare Humanisten plädieren für eine Reformation des Religionsrechts

Ein neues Schlagwort macht im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) und seinen Mitgliedsorganisationen die Runde: kooperative Laizität. In Diskussionen, Publikationen, im persönlichen Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern atheistischer und säkularer Organisationen und Bewegungen wird es genannt, hervorgehoben und als religionspolitische Aufgabe der Gegenwart dargestellt. Die Chiffre kooperative Laizität bezieht sich auf Altbekanntes. Sie dient dazu, die seit Jahren ausgesprochenen politischen Forderungen des Humanistischen Verbandes und anderer säkularer Organisationen zusammenzufassen. 

Von Dr. Rainer Hempelmann | EZW

Humanistische Verbände vertreten keinen strikten Laizismus. Sie würden damit in Widerspruch treten zu ihrem praktischen Engagement im öffentlichen Raum (Humanistische Lebenskunde, Kindertagesstätten, Hospize, etc.). Kooperationen zwischen dem Staat und den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften darf es geben. Das bisher geltende, historisch gewachsene Modell der Offenheit des Staates für das Religiöse soll jedoch so reformiert werden, dass die Ansprüche von nichtreligiösen Menschen eine deutlichere Berücksichtigung finden, entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung. Klassische freidenkerische Anliegen sind im Konzept der kooperativen Laizität verbunden mit Anknüpfungen an die Tradition freireligiöser Gemeinden und die Perspektiven eines praktischen Humanismus.

Der HVD betrachtet nichtreligiöse Menschen als diskriminierte Minderheit. „Wer nicht Mitglied einer Kirche oder anderen religiösen Glaubensgemeinschaft ist, hat oftmals die schlechteren Karten: auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssystem, in der Politik, in den öffentlichen Medien, in der öffentlichen Wahrnehmung. Es ist nun an der Zeit, endlich die volle Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von religiösen und nichtreligiösen Menschen umzusetzen.“ Im Jahr des Reformationsjubiläums, in dem an religiöse und kulturelle Impulse der reformatorischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts erinnert wird, plädieren atheistisch gesinnte Humanisten für grundlegende Reformen des Religionsrechts in Deutschland.

Öffentliche Thesenanschläge – „Aufruf zur Gleichstellung konfessionsfreier und nichtreligiöser Menschen in Deutschland“ – unterstreichen die religionspolitische Agenda des HVD und verfolgen werbende Absichten. 33 Thesen, die der Antidiskriminierungsschrift des HVD „Gläserne Wände“ entstammen, werden an öffentlichen Gebäuden angebracht: an Rathäusern, Kommunalparlamenten, Bibliotheken, Kulturzentren. Die Forderungen lauten u. a.: Keine religiösen Symbole in Amtsräumen, Anerkennung und Gleichbehandlung von humanistischen und nichtreligiösen Feiertagen, Abschaffung des staatlichen Kirchensteuereinzugs, Einstellung von 50 bis 100 humanistischen BeraterInnen in der Bundeswehr, Einführung des Unterrichtsfaches Humanistische Lebenskunde an allen öffentlichen Schulen.

Selbstverständlich hat der HVD das Recht, die Interessen seiner ca. 25000 Mitglieder zu vertreten. Humanistische Verbände verlieren jedoch ihr weltanschauliches Profil, wenn sie für sich in Anspruch nehmen, die Interessenvertretung aller nichtreligiösen Menschen (ca. 26 Millionen) zu sein. Zugleich bleibt  meines Erachtens offen, ob die angestrebte humanistisch-atheistische Reformation sich eher einer freidenkerisch ausgerichteten Tradition verpflichtet sieht oder den Anliegen eines praktischen Humanismus.

Die religiös-weltanschauliche Landschaft hat sich fraglos verändert. Die Pluralismusfähigkeit des kooperativen Laizismus ist allerdings zu bezweifeln. In dem humanistischen Reformationsprojekt erfolgt die Kategorisierung von Menschen als „nichtreligiös“ viel zu pauschal. In pluralistischen Gesellschaften, die die Freiheit in der Religionsausübung betonen, sollte es weder religiöse, noch nichtreligiöse Vereinnahmungen geben. Zum offenen Dialog gehört das jedem Beteiligten zuzuerkennende Recht, sich selbst zu definieren und den eigenen religiösen und weltanschaulichen Interessen zu folgen.

Aufruf zum 500. Reformationsjubiläum 2017 (HVD)

Richard Dawkins oder Warum wir einen neuen Wissenschafts-Populismus brauchen

dawkins

Jetzt, mehr denn je, muss sich die Wissenschaft den Kräften von Glauben, Fiktion und Farce, die in unserer „postfaktischen” Gesellschaft so dominant sind, entgegenstemmen.

Von Iain Ellis | Richard-Dawkins-Foundation

Mit der Veröffentlichung seines Buches „Der Gotteswahn” 2006 (Deutschland: 2007) katapultierte sich der Evolutionsbiologe Richard Dawkins selbst in die vorderste Front der modernen Atheismus Bewegung. Das Buch wurde seitdem über drei Millionen mal verkauft und ist in 30 verschiedenen Sprachen erschienen. Der Professor der Universität von Oxford verkörpert das Konzept des populären Intellektuellen, seine Aktivitäten im Dienste der Wissenschaft und gegen die Religion umfassen Bestseller, gefeierte Debatten und unzählige Auftritte als Gast oder Gastgeber von unterschiedlichsten Fernsehshows. In seiner Rolle als Dozent in Oxford diente er als Professor für das allgemeine Verständnis der Wissenschaften und verfolgt diese Aufgabe seither durch die „Richard Dawkins Foundation for Reason and Science” und deren populäre Webseite. Nur wenige Professoren können sich damit brüsten, einen Gastauftritt bei den Simpsons gehabt zu haben. Er tauchte als dämonische Version seiner selbst in Ned Flanders Traum von der Hölle in der 2013 ausgestrahlten Episode „Black Eyed, Please” (dt. „Was animierte Frauen wollen”) auf.

Für Dawkins ist die Wissenschaft nichts, was sich auf Universitäten und Labore beschränken sollte, vor allem nicht, wenn viele Ergebnisse der dort stattfindenden Arbeit von Anti-Wissenschafts Lobbies oder der religiösen Gemeinschaften direkt abgelehnt oder lächerlich gemacht werden. Diese Befürchtung, der  er in seiner jüngst veröffentlichten Autobiografie Brief Candle in the Dark: My Life in Science (New York: HarperCollins, 2015), deutscher Titel „Die Poesie der Naturwissenschaften”, Ausdruck verleiht, veranlasste Dawkins dazu, eine Erweiterung des Profil eines Wissenschaftlers anzumahnen, das auch eine Überschneidung mit zugänglicheren Gebieten zulässt. Sein Ruf nach einer „Dritten Kultur” unterstützt auch Carl Sagans Verlangen die „Poesie” der Wissenschaft zu verbreiten, die unglaublichen Wunder ebenso wie die detaillierten Beweise. Schrift und Rhetorik müssen populärer gemacht werden, so Dawkins, und Geist muss ein zentrales Element beider sein. Wissenschaftler müssen aus ihrer Isolation heraus, führt er fort, mit Genres wie der Science Fiction Literatur als Transportmittel für die echte Wissenschaft, um so eine populisterischere Darstellung des Berufsstandes zu erreichen.

Für ihn sind die Tage vorbei, in denen man sich in seiner Forschung vergraben konnte, während die Mächte der Politik und Religion die Kultur durch- und besetzen. In seinem TED Talk von 2002 ruft er zu einem militanten Atheismus auf, denn kräftig Staub aufzuwirbeln sei das Gebot der Stunde.

Rechte der Kinder im Fokus

Diese Streitbarkeit liegt nicht in seinen Genen, sondern stammt aus einer Erkenntnis, dass Wissenschaft und Religion nicht kompatibel sind, die er schon im frühen Teenageralter erlangte. Zuvor wurde er im weitesten Sinne christlich erzogen, obwohl seine Eltern ihren Sohn dazu anhielten, sich mit Wissenschaften, speziell mit Darwins Evolutionstheorie zu beschäftigen. Nachdem er Abstand von den religiösen Lehren der anglikanen Schulen, die er besuchte, gewonnen hatte, realisierte Dawkins, wie verwundbar Kinder gegenüber Indoktrination sind. Seitdem stehen die Rechte der Kinder im Fokus seines Aktivismus, er nutzt seine Position an der Universität Oxford um gegen den Ansturm der „Anti-Wissenschaftlichen Märchen” auf junge Menschen zu kämpfen, vor allem, wenn dies an unseren öffentlichen (und privaten) Schulen geschieht. Dawkins sieht eine heimtückische rhetorische Komponente in dieser Form der „Kindesmisshandlung” und erhebt oft Widerspruch gegen Ausdrücke wie „muslimisches Kind” oder „christliches Kind”, die suggerieren, dass Kinder den Glauben ihrer Eltern erben oder erben sollten. Er scherzt, dass niemand je den Ausdruck „marxistisches Kind” oder „monetaristisches Kind” in Bezug auf die politische Ausrichtung der Eltern verwenden würde, also warum dann bei den religiösen Ansichten? (Brief Candle in the Dark).

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