Nach dem Islamismus

Die absolute Mehrheit der Muslime lebt ihre Religion zeitgemäß reformiert: Straßenszene aus der marokkanischen Großstadt Marrakesch. (Foto: imago stock&people)
Können Muslime heute gleichzeitig modern und authentisch sein? Natürlich. Man kann den Koran im Sinne der pluralen Demokratie deuten – es wird sogar längst getan.

Von Katajun Amirpur | Süddeutsche.de

Der Islam braucht eine Aufklärung, heißt es. Oder: Der Islam braucht eine Reformation. Gesucht wird dann der muslimische Luther, zuweilen scheint er sogar gesichtet worden zu sein. Dem Iraner Abdolkarim Soroush, dem Türken Yaşar Nuri Öztürk und dem Schweizer Tariq Ramadan wurde dieser Titel in den vergangenen Jahren schon angeheftet.

Ebenso reflexhaft wie diese Forderungen aufkommen, werden sie von Muslimen und ihnen wohl gesonnenen Islamwissenschaftlern abgelehnt. Dabei bestehen sie schon lange auch in den eigenen Reihen. In den Siebzigern erhob sie der Iraner Ali Schariati, der – ganz im Sinne Luthers – die Rückkehr zur Schrift wollte, sola scriptura. Allerdings wurde er so zum Begründer des islamischen Fundamentalismus in Iran, denn nichts ist im Islam eigentlich „allein durch die Schrift“. Schon diese Wendung zeigt, dass man vorsichtig sein sollte mit der Übertragung von Konzepten. Protestantisierung taugt nicht für den Islam.

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Vom Glauben der Ungläubigen

Eine Gläubige in Colombo wartet auf Papst Franziskus bei dessen Besuch in Sri Lanka. (Bild: Alessandra Tarantino / AP)
Die Kirchen schrumpfen, die Zahl der Nicht-Religiösen wächst, die Atheisten organisieren sich. Und doch geht das Gespenst des Christentums um. Oder war es gar nie weg?

Von Urs Hafner | Neue Zürcher Zeitung

An Weihnachten jubiliert der Christ und leidet der Atheist. Auf Schritt und Tritt stösst er auf den Gottessohn in der Krippe. Ostern sind besser: Da geht auch die Atheistin Eier suchen, isst Schokoladenhasen und freut sich an Fruchtbarkeit und Frühlingserwachen. Das heidnische Kirchenfest bietet allen einen spirituellen Mehrwert. Und der Atheist bemerkt einmal mehr, dass auch die Christin die komplexe Bibelgeschichte nicht kapiert, die in die pfingstliche «Ausgiessung des Heiligen Geistes» mündet.

Ist die westliche Kultur noch christlich geprägt oder nicht mehr, steuern wir auf einen gottlosen Zustand zu? Dies vermutet die sogenannte Säkularisierungstheorie der Religionssoziologie: Seit dem Mittelalter emanzipiere sich die Gesellschaft zunehmend von der Kontrolle durch die Kirchen und von der Religion. In der Tat ist die christliche Religion, die noch vor ein paar hundert Jahren die europäische Welt fast lückenlos umspannte und das Denken durchdrang, in der Moderne in einen Sonderbereich abgedrängt worden – neben den Bereichen Recht, Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft.

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Wenn der Rechtsstaat der Gewalt auf der Straße weicht

Ob bei Grenzkontrollen oder bei gewaltbereiten Demonstranten: Immer öfter verzichtet der Rechtsstaat darauf, Recht und Gesetze durchzusetzen.

Von Gudula Walterskirchen | Die Presse

Als im Jahr 2015 Hunderttausende Menschen über den Balkan nach Mitteleuropa strömten, öffneten etliche Länder, unter ihnen Österreich, die Grenzen und nahmen die Ankommenden unter dem Motto der Mitmenschlichkeit, ohne sie zu registrieren, auf. Stimmen, die damals vor dem leichtfertigen Aufgeben des Rechtsstaats gewarnt hatten, wurden sogleich als „Hetzer“ verunglimpft.

Heute, mit eineinhalb Jahren Abstand, zeigt sich, wie viel Gutes, wie viel Hilfsbereitschaft vorhanden sind, wenn es darauf ankommt. Andererseits ist die anfängliche Euphorie recht rasch abgeebbt angesichts der Realität, dass Flüchtende nicht gleichzeitig automatisch Heilige sind, sondern normale Menschen, mit guten und mit bösen Seiten. Heute wissen wir, dass die Massenflucht und die damit einhergehenden offenen Grenzen sehr wohl wie befürchtet von Terroristen genützt wurden, um unerkannt in die EU einzureisen und ihre perfiden Mordpläne umzusetzen.

Heute wissen wir, dass Kriminelle unter den Notleidenden waren, die nun kaum mehr aufzuspüren sind. Der Rechtsstaat ist vor dem Druck der Straße zurückgewichen, nun haben wir alle den Preis zu zahlen – auch die wirklich Schutzsuchenden, die vor genau diesen Elementen geflohen waren.

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Bibelforscher: Ruhetage schon in Antike umstritten

Zum Recht auf Ruhetage herrschten Bibelforschern zufolge schon in der Antike unterschiedliche Auffassungen.

evangelisch.de

„Der arbeitsfreie Sabbat war zwar im Alten Israel als wöchentlicher Fest- und Ruhetag ein verbreitetes Ideal, aber die Praxis und Rechtslage wichen mitunter davon ab“, erklärte der Münsteraner Theologieprofessor Reinhard Achenbach am Freitag. So habe es bei den Juden weder einheitliche Haltungen noch detaillierte Regelvorgaben für den Sabbat gegeben. „Das ließ viel Raum zur Interpretation.“ Die Einhaltung des Gebotes sei deshalb über viele Jahre Kennzeichen gläubiger Juden gewesen, die aus religiösen Motiven entschieden, am Sabbat nicht bei Händlern zu kaufen.

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«Meine Brust, meine Rechte»: Hunderte von Müttern stillen aus Protest auf der Strasse

(Bild: Keystone)
Mit einem Massen-Stillen haben Hunderte von argentinischen Müttern für das Recht demonstriert, ihrem Kind öffentlich die Brust geben zu dürfen.

Neue Zürcher Zeitung

Auf Spruchbändern in Buenos Aires standen Slogans wie «Meine Brust, meine Rechte» oder «Stillen steht nicht zur Debatte».

Bei der Aktion auf einem Platz der Hauptstadt Buenos Aires zeigten die Frauen am Samstag (Ortszeit) ihren Unmut über die Festnahme einer jungen Mutter wegen öffentliche Stillens in der vergangenen Woche. Auch ausserhalb der Hauptstadt gingen argentinische Frauen am Samstag wegen des Vorfalls auf die Strasse.

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Humanismus: Grundbegriffe

„Humanismus“ ist eine kulturelle Bewegung, ein Bildungsprogramm, eine Epoche, eine Tradition, eine Weltanschauung, eine Form von praktischer Philosophie, eine politische Grundhaltung, welche für die Durchsetzung der Menschenrechte und für humanitäre Praxis eintritt.

Humanistischer Verband Deutschlands

Das neue Kompendium erfasst die einfachen und allgemeinen Begriffe in ihrem Zusammenhang und stellt den Nutzen für die Erkenntnis gegenwärtiger Probleme in Medizin, Ethik, Ökonomie, Recht und Politik dar. Der Band enthält einen systematischen Teil und einen Teil mit den Grundbegriffen. Die verschiedenen Richtungen und Institutionen der humanistischen Bewegung in Geschichte und Gegenwart werden im Umriss sichtbar gemacht und die neuen Felder und Aufgaben gezeigt, die der Humanismus-Forschung durch die Entwicklung der modernen Medizin, der Menschenrechtspolitik und der Geschlechterstudien, der digitalen Revolution und der Globalisierung entstanden sind. Das humanistische Erbe aus Antike, Renaissance und Aufklärung wird kritisch mit diesen neuen globalen Anforderungen vermittelt.

Humanismus: Grundbegriffe versammelt neben einem knappen systematischen Teil vor allem kurze und prägnante Artikel zu insgesamt 38 Grundbegriffen: Von Arbeit, Aufklärung, Feier/Fest, Glück über Humanitäre Praxis, Liebe, Menschenrechte/Menschenwürde bis zu Religionskritik, Seelsorge, Wahrheit und Zweifel. Der Band resümiert einschlägige wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahre und stellt eine solide Grundlage nicht nur für weitere Forschungen, sondern auch für den praktischen Humanismus dar.

Für Getränke und einen kleinen Imbiss ist gesorgt. Um Anmeldung wird gebeten: info@humanistische-akademie-berlin.de

7. Juni 2016 – 17:0020:00

Buchvorstellung mit den Herausgebern Prof. Dr. Dr. h.c. Hubert Cancik, Dr. phil. habil. Horst Groschopp und Prof. Dr. phil. habil. Frieder Otto Wolf.

Religiöser Wahn und induziertes Irrsein

jesus_guillotineWährend die Deutschen mit fliegenden Fahnen, hysterievollen Hosen und mit menschenverachtendem Eifer jubelnd dem Vierten Reich entgegenrennen, vollgepumpt mit dem Adrenalin des Hasses und der Dummheit, scheint es Wichtigeres zu geben als sich mit aberwitzigen Streitereien von dramatisch unterdurchschnittlich intelligenten Glaubensgemeinschaften wie den Evangelikalen unter Ulrich Parzany zu beschäftigen.

Von Wolfgang Brosche|DIE KOLUMNISTEN

Aber nein doch, sage ich – denn bei solchen Figuren und Gruppen liegt ein tonnenschwerer Grund für unsere politische Situation, die so sehr auf Dummheit und Angst gegründet ist.

Ein ewiger Feldzug wider der Vernunft

Es ist eine triste Tatsache, daß die Aufklärung längst ins Kriechen gekommen ist – denn die Religionsgemeinschaften jeder Couleur haben es geschafft, sie zu hintergehen und zu unterlaufen. Sie lassen sich die Verbreitung ihrer Dummheiten staatlich alimentieren. Ihr ewiger Feldzug gegen die Vernunft zeigt sich nicht nur in den mörderischen Ungeheuerlichkeiten, die der Islam und seine Vertreter veranstalten, sondern auch in der angeblich „abendländischen“ Gegnerschaft (siehe PEGIDA, PiS oder den Front National) mit den erbittertsten Barbarismen. Religionen sind noch immer – und können es auch nicht anders sein – die mächtigsten Gegner des Denkens, der Intelligenz, der Kritik, des Hinterfragens, der menschlichen Selbstbestimmung und (Lebens)-Lust und der Vernunft.

Wer sich auf ein höheres unbezweifelbares und nicht kritisierbares Wesen beruft, um sein Handeln und Leben zu begründen und zu rechtfertigen, der ist zu jeder Unmenschlichkeit fähig im Namen seines Gotteswahnes. Von wegen, daß unsere westlichen Gesellschaften säkularisiert seien – sie sind es nicht! Der gesamte Alltag ist religiösem Wahn unterworfen, die gesamte Ethik kriecht bei uns den christlichen Absurditäten und woanders denen des Islams nach. Unser Umgang mit Recht, Medizin, Sexualität und Politik ist jenen phantastischen Widersprüchen von Schuld und Sühne, Gottesbefehlen und Lebensfeindlichkeit unterworfen, wie sie nur die Religionen hervorbringen können.

Die tierprimitive Angst vor dem Tod, dem Blitz und dem eigenen Körper hat die Religionen hervorgebracht, die dann wiederum patriarchale penile Herrschaftsphantasien legitimieren sollten, Hierarchien der Unterdrückung und der Ignoranz.

Tierprimitive Angst vor Tod, Blitz und Körper

Obwohl die Religionen jeden menschlichen, wissenschaftlichen und politischen Fortschritt behindern, beteiligen wir Religionsvertreter in Ethikausschüssen, fragen Kardinal Marx wenn es um Genetik, Fortpflanzung und Menschenrechte geht – der dazu ebenso wenig Substanzielles beizutragen hat wie etwa ein evangelikaler Führer vom Schlage eines Ulrich Parzany.

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Franz bekommt Karlspreis – absolutistischer Kirchenfürst

Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
Der Papst «vom anderen Ende der Welt» wird für seine Verdienste um Europa geehrt: Der angesehene Karlspreis geht an den Argentinier Franziskus – weil er den Europäern Orientierung gibt. Viele Gratulanten halten das für eine richtige Entscheidung.

Frankfurter Rundschau

Papst Franziskus erhält für seine ermutigenden Worte über Europa den Karlspreis 2016. Das katholische Kirchenoberhaupt sende in einer Zeit, in der die Europäische Union Krisen durchlebe, eine hoffnungsvolle Botschaft, erklärten das Karlspreisdirektorium und die Stadt Aachen am Mittwoch. Seit 1950 wird der Preis für besondere Verdienste um die europäische Einigung verliehen. Die Preisverleihung soll – anders als üblich – 2016 allerdings nicht in Aachen stattfinden, sondern in Rom. Ein Termin steht noch nicht fest.

«In dieser Zeit, in der viele Bürgerinnen und Bürger in Europa Orientierung suchen, sendet Seine Heiligkeit Papst Franziskus eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung aus», stellte das Karlspreisdirektorium in seiner Begründung fest. Der Papst sei eine «Stimme des Gewissens», die mahne, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und die daran erinnere, dass Europa verpflichtet sei, Frieden, Freiheit, Recht, Demokratie und Solidarität zu verwirklichen – aufbauend auf den Idealen seiner Gründerväter.

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Die Schlange der Fiktion

Postmodernismus

Die Gegenwart formuliere keine philosophischen Systeme mehr, heißt es. Der Franzose Bruno Latour hat trotzdem eine Theorie über alles entwickelt. Was heißt das für die Literatur?

Von Ernst-Wilhelm Händler|DIE WELT

Dem deutschen Feuilletonleser der Gegenwart begegnet lebendige Philosophie nahezu ausschließlich in Form von philosophischen Brocken, die vor allem in den von den Neurowissenschaftlern angestoßenen Debatten um das Bewusstsein und den freien Willen eine Rolle spielen. Die Tradition umfassender philosophischer Theorien wird durch die – sehr verdienstvollen – historischen Darstellungen Rüdiger Safranskis und die mitlaufende Deutung der Gegenwart gemäß Nietzsche durch Peter Sloterdijk bewahrt. Ansonsten findet sich im deutschen Sprachraum immer wieder die Behauptung, in der Gegenwart würden keine philosophischen Systeme mehr formuliert. Das entspricht nicht den Tatsachen.

Die amerikanischen Philosophen sind seit jeher keine Systembauer und halten sich auch heute nicht damit auf, die Gegenwart zu beschreiben. Die „praktischen Philosophen“ der Westküste gestalten den Menschen der Gegenwart mit einem Mix aus Hardware – iPhone – und Software – Apps und Facebook – um. Die theoretischen Philosophen wie Ray Kurzweil beschreiben eine Zukunft, für die das Axiom gilt: Alle technischen Möglichkeiten werden verwirklicht. Europäer wie der Schwede Nick Bostrom versuchen, in dieser Zukunft ohne Menschen den Menschen durch abstrakte Wertsysteme zu ersetzen. Aber die Franzosen entwerfen noch klassische philosophische Systeme. Zwei herausragende Beispiele sind die radikalplatonistische Theorie von Alain Badiou und der soziologische Ansatz von Bruno Latour. Badious Obsession ist die Möglichkeit von Ontologie. Er sieht die Mengenlehre als diejenige Disziplin, die das Reden über die Welt und ihre Bestandteile ermöglicht und begrenzt. Badious Überlegungen setzen allerdings mathematische Kenntnisse voraus, über die der normale philosophisch Interessierte und der Feuilletonleser nicht verfügen können.

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Religionen als Hort von Fundamentalismus? Ein theologischer Diskurs ist nötig

Darum geht es in allen Religionen. Bild: AAA
Darum geht es in allen Religionen. Bild: AAA
Religionsfreiheit bedeutet nicht religionsfreie Öffentlichkeit, sondern die Freiheit Gläubiger, sich einzubringen.

Von Martin Grichting|Neue Zürcher Zeitung

Die Reaktion der Polizeikräfte auf die islamistischen Terrorattacken von Paris war beachtlich. Die Verteidigung an der gesellschaftlich-politischen «Heimatfront» erscheint weniger überzeugend. Angesichts eines auf einer bestimmten Interpretation des Islam basierenden Angriffs ist es nicht ausreichend, bloss von der Infragestellung des westlichen Gesellschaftsmodells zu sprechen. Wer den religiösen Antrieb derer nicht zum Nennwert nimmt, die sich ins Jenseits sprengen, greift zu kurz und läuft Gefahr, inadäquat zu handeln. Im Fadenkreuz der Islamisten steht nicht einfach unsere als «dekadent» diffamierte Gesellschaft, sondern ein dem Islam widersprechendes Religions- und Weltverständnis.

Darüber muss es einen theologischen Diskurs geben: Sowenig man alle Muslime in den gleichen Topf werfen darf, so wenig darf man alle Religionen als Hort von Fundamentalismus oder Irrationalismus aus der öffentlichen Debatte verdrängen. Religionsfreiheit bedeutet nicht eine religionsfreie Öffentlichkeit, sondern die Freiheit der Gläubigen, sich einzubringen. In religiösen Inhalten können Wahrheitsgehalte erkannt werden, die sich in eine religiös ungebundene Argumentation einbringen lassen (Habermas).

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Wir brauchen ein Bundesamt für bessere Drogen

Bild: heise.de
Drogen sind ungesund? Es gibt ein Recht auf Rausch? Stimmt beides. Deswegen sollten Rausch-Alternativen systematisch erforscht werden. Der Staat muss dabei wichtigster Akteur sein.

Von Marcus Meier|TELEPOLIS

Noch herrscht Stillstand in der Drogenpolitik. Am öffentlichen Tresen kiffen? Nein, Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dürfen keine legalen Coffeeshops etabliert werden, weil die Bundesopiumstelle den entsprechenden Antrag der grünen Bezirksbürgermeisterin in der unlängst als „unzulässig“ abbügelte. Insbesondere, da „der Betäubungsmittelverkehr Genusszwecken dienen soll“, wie die Bundesopium-Bürokraten sich empörten.

In der parlamentarischen Pipeline hängt ein Antrag der grünen Bundestagsfraktion fest, per Cannabiskontrollgesetz einen „kontrollierten legalen Markt“ zu schaffen. Das erklärte Ziel: Besserer Jugendschutz und Risikominimierung. Die SPD fand einige Punkte bedenkenswert, aber die Union schüttelt den Kopf. Das war’s dann wohl.

Die Piratenpartei setzt derweil auf „Cannabis Social Clubs“, also Vereine, in deren Räumlichkeiten Vereinsmitglieder Hanfpflanzen anbauen, ernten und verbrauchen sollen. Natürlich legal. Doch der Vorschlag der bedeutungsarmen Partei verströmt allzu viel „Small is beautiful“-Romantik.

Es bleibt, so scheint es, alles beim Alten: „Die Bevölkerung muss vor Rauschgift geschützt werden“, sagt der Prohibitionist, wobei er die Volksdrogen Alkohol und Nikotin zumeist ignoriert. „Es gibt ein Recht auf Rausch“, kontert der Hedonist. Und gekifft, geschnupft und gespritzt werde eh. Recht haben beide Seiten – wenn auch nur gegeneinander. Es bedarf eines dritten Wegs jenseits dieser Extreme. Doch Grüne und Piraten präsentieren allenfalls einen zweieinhalbten.

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Vor der Offenbarung waren alle gleich

Reminiszenz des mittelalterlichen Islam in Europa: die Moschee von Cordoba ©Reuters
Auch im Mittelalter unterschieden sich die Glaubensanschauungen von Juden, Christen und Muslimen erheblich. Trotzdem kamen sie viel besser miteinander aus. Das zeigt ein neuer Online-Studiengang.

Von Manuela Lenzen|Frankfurter Allgemeine

Kann man die Kabbala mit dem Sufismus vergleichen? War die Anzahl der Gerechten, die seit Anbeginn der Welt zwischen Gott und Mensch vermitteln, in Islam und Judentum gleich? Unterscheiden sich die Religionen in der Rezeption des Neuplatonismus? Michael Epstein, Spezialist für islamische Mystik an der Hebrew University in Jerusalem, hat es mit seinem Auditorium nicht leicht. Vor ihm, in einem nagelneuen Seminarraum der Freien Universität Berlin, sitzen zwölf Studenten des einjährigen Master-Studiengangs „Philosophie und Ideengeschichte der mittelalterlichen Welt des Islam“. In diesem, dem zweiten Jahrgang, sind es Palästinenser, Israelis, Ägypter, Türken und Deutsche. Epstein hat ihnen Texte von al-Hakim al-Tirmidhi, einem Theosophen des neunten Jahrhunderts, mitgebracht und von Ibn Arabi, einem der berühmtesten Sufis, der 1240 in Damaskus starb. Gelesen wird im arabischen Original. „Diese Texte sind wichtig für das, was heute in der islamischen Welt passiert“, sagt Epstein.

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Gender-Ideologie: Vorbotin der Diktatur?

Bild: tillnikolausvonheiseler.wordpress.com
Totalitätsforschung: Stellt Gender Main Streaming tatsächlich einen Angriff auf die Demokratie dar?

Von Till Nikolaus von Heiseler|der Freitag

Was ist Demokratie? Die Systemtheorie des deutschen Soziologen Niklas Luhmann unterscheidet zwischen traditionellen Gesellschaften, also Adelsgesellschaften, in denen in der Regel Religion eine bedeutende Rolle spielt (stratifizierten Gesellschaften) und der modernen Demokratie (ausdifferenzierter Gesellschaft).

In den traditionellen Gesellschaften verkörpert die Spitze das Ganze und Moral, Recht, Wissenschaft, Kunst, Politik, Wirtschaft und Religion bilden eine Einheit. Es existiert keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Moral und Recht. Beide sind in der religiösen Tradition begründet. Klassischerweise wird auch Herrschaft religiös begründet. Die Kunst steht ebenfalls im Dienste der Religion. Die Wissenschaft beschränkt sich auf Medizin und Technik. Ehe und Familie unterstehen der Tradition.

Die modere Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass einzelne weitgehend autonome gesellschaftliche Funktionssysteme entstanden sind; wie beispielsweise das Rechtssystem, die Kunst, die Politik, das Wirtschaftssystem, die Wissenschaft. Das moderne Rechtssystem kann nur deshalb weiterbestehen, weil es sich von moralischer Kommunikation unterscheidet. In ihm soll weder politische Macht noch Geld eine Rolle spielen.

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Lob der Skepsis

Je komplexer unsere Zeiten werden, desto wichtiger scheint die feste Überzeugung als Grundkraft allen Handelns zu sein. Die Skepsis geniesst dagegen keinen guten Ruf – zu Unrecht.


Von Manfred Schneider|Neue Zürcher Zeitung

Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav Adolf Schultze) PD
Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav Adolf Schultze) PD

«Der Glaube versetzt Berge»: Diese biblische Lehre ist längst in unseren Alltag eingezogen und hat ihn bisweilen verwüstet. Der Einsatz der Kräfte, die Glaube und Überzeugung mobilisieren können, zählt zum Handwerk von Sportlern, Managern, Mentaltrainern und Politikern. Die Weltgeschichte weiss von den Wundertaten starker Überzeugungen: Kolumbus erreichte Amerika, Luther bot dem Papst die Stirn, Alan Turing knackte den Enigma-Code der deutschen Wehrmacht, Gandhi führte Indien in die Freiheit, Astronauten betraten den Mond. Kein Sportler bricht einen Rekord, kein Kletterer erreicht den Gipfel ohne den festen Glauben, dass der Streich gelingt. Wer etwas Grosses leisten will, darf sich nicht vom Zweifel anwandeln lassen.

Weder Furcht noch Zweifel

Erst recht gilt die Überzeugung als Grundkraft allen politischen Handelns. Ein Volk von Zögernden hätte nicht die Bastille gestürmt. Wer würde einen von Zweifeln angekränkelten Präsidenten wählen? Niemand folgt einem General, der nicht den Sieg verspricht. Führung verlangt wenigstens das Wortschauspiel der Gewissheit. Seit der Antike lehren die Meister der Rhetorik, dass vor allem das Überzeugungsvermögen den Erfolg des Redners in der Politik oder vor Gericht bestimmt. An diese Lehre haben sich Propheten, Tyrannen, Forscher, Spekulanten, Glaubenskrieger, Unternehmer, Päpste und Werbepsychologen gehalten.

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Moral als Handlungsmaßstab gefährlich

Der erhobene Zeigefinger – schlecht für die Kommunikation zwischen Konfliktparteien (dpa / Tim Brakemeier)
Auf die Moral zu pochen, verbaue Kompromisse zwischen Konfliktparteien, legt Thilo Hagendorff in „Sozialkritik und soziale Steuerung“ dar. Der Soziologe empfiehlt stattdessen, sich konkrete Handlungsstrategien zu überlegen, um tatsächlich etwas zu verändern.


Von Florian Felix Weyh|Deutschlandradio Kultur

Es findet sich kaum ein Satz bei Adorno, welcher nicht eindeutig moralisch codiert wäre da werden selbst die Pantoffeln, in welche man schlupfen kann, zum Denkmal des Hasses gegen das sich Bücken oder der Fund eines Dinosaurierskeletts zur Kollektivprojektion des totalitären Staates.“

Starke Worte eines jungen Rebellen. Starke Worte? Ja. Aber rebellisch ist der junge Mann irgendwie nicht so richtig:

O-Ton: „Ich meine, dass man nicht davon ausgehen kann, man könne Gesellschaften oder große Systeme im Ganzen irgendwie revolutionieren und diese komplett auf andere Füße stellen.“

Das aber meinten die Altvorderen durchaus noch. Die Soziologie und die in der Philosophie angesiedelte Frankfurter Schule fungierten nachgerade als universitäre Heimathäfen für Veränderungswünsche aller Couleur. An den Lehrstühlen und in den Seminaren wurde Gesellschafts- und Sozialkritik vorgedacht, die dann irgendwie und von irgendjemandem im politischen Raum verwirklicht werden sollte. Als das nach den rauschhaften Revoluzzer-Jahren von 1968 nicht mehr so recht klappte, schlugen die beteiligten Akademiker nach Beobachtung des Tübinger Nachwuchssoziologen Thilo Hagendorff eine ziemlich bequeme Richtung ein, die der Selbstreferenzialität nämlich.

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Leben ist wertvoller als Würde

Kindeswohl

Ian Mc Ewan beschreibt in seinem neuen Roman Kindeswohl die Welt zwischen Recht, Gerechtigkeit und Richtigkeit


Von Andrea Schurian|derStandard.at

Glaube, Liebe, Hoffnung, Recht und Religion, kirchliche und staatliche Autorität, ethische Werte, menschliche Würde, die Grenzen von Macht und Medizin, Moral und Gesetz – es sind existenzielle Themen, die Ian McEwan in seinem jüngst auf deutsch erschienenen Roman Kindeswohl aufwirft. Fiona Maye, 59, kinderlos, ist Familienrichterin am High Court. Ihr Eheleben geht den Bach hinunter, und während sie das Ansinnen ihres Mannes Jack, sie möge seinen geplanten Seitensprung doch bitte als – zugegeben extravagantes – Eheaufputschmittel genehmigen, wortkarg abschmettert und mit dem Austauschen der Türschlösser quittiert, vermag sie ihre juristisch schwerwiegenden Entscheidungen zum Wohl des Kindes eloquent zu untermauern. Nur in Ausnahmefällen, so heißt es im Gesetz, nur wenn das seelische oder körperliche Kindeswohl gefährdet ist, darf der Staat in des Erziehungsrecht der Eltern eingreifen. Doch wann genau ist das? Schließlich wollen Väter und Mütter meist das Beste für ihre Kinder. Wann aber ist das Beste schlicht nicht gut?

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In Deutschland gilt auch US-Recht

justiz_grossWarum Edward Snowden nicht nach Deutschland kommen darf? Hier droht Auslieferung statt Asyl. Denn für die Bundesregierung ist die Partnerschaft mit den USA wichtiger als Recht und Verfassung. Eine bittere Erkenntnis.

Von Josef FoschepothSüddeutsche.de

Edward Snowden darf weitere drei Jahre in Russland bleiben und auch frei ins Ausland reisen. Sollte er je deutschen Boden betreten (was Snowden selbst und viele Deutsche sich wünschen) – nach welchem Recht würde man diesen Whistleblower hier behandeln? Als in den vergangenen Monaten über Aufenthaltsmöglichkeiten für Snowden diskutiert wurde, wurden drei Optionen genannt.

Erstens, das Asylrecht – es schied aus, weil ein Antrag auf Asyl nur von einer Person gestellt werden kann, die sich bereits im Lande aufhält. Eine zweite Möglichkeit wäre, Snowden nach dem Aufenthaltsgesetz aufzunehmen, das einem Ausländer „aus völkerrechtlichen oder dringenden humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis“ ermöglichen kann. Dies lehnte die Bundesregierung ab. Auch die dritte Möglichkeit lehnte sie ab: Den Whistleblower nur für eine Zeugenvernehmung durch den parlamentarischen NSA-Untersuchungsausschuss ins Land zu lassen.

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Ethikunterricht: Ein Stiefkind in Deutschland

Foto: brightsblog
Foto: brightsblog
Ein Drittel der Einwohner Deutschlands ist konfessionslos. Ein Recht auf das Unterrichtsfach Ethik für ihre Kinder haben sie nicht immer. Religion bleibt privilegiert.

Von AchtermannderFreitag

Spätestens mit der Einschulung zeichnen sich in manchen Bundesländern die ersten Konflikte ab. Der erste Schultag meiner Kinder begann vor einigen Jahren mit einem Gottesdienst: Treffpunkt Kirche. Nach dem Gottesdienst liefen alle gemeinsam zur Schule. Denn jedes Kind fieberte der ersten Unterrichtsstunde entgegen. Können wir unser Kind außen vor lassen, da es ohne Transzendenz erzogen worden ist?, war eine Frage, die wir Eltern uns stellten. Wir könnten. Aber das gerade sechs Jahre alt gewordene Mädchen würde es nicht verstehen, wenn es mit seinen Eltern alleine – auf dem Dorf ist man in dieser Angelegenheit meist alleine – vor der Schule warten sollte bis die anderen kommen. Also beugten wir uns den Zwängen und nahmen mit Kind und Schultüte am Einschulungsgottesdienst teil.

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Tantra-Masseurin muss Sexsteuer zahlen

Tantra ist eine alte indische Philosophie, die auf Lernen durch Erleben setzt. Bei Tantra-Massagen sind sowohl der Kunde als auch der Massierende nackt. Mit Berührungen, die auch den Intimbereich einschließen, soll die sinnliche Wahrnehmung geschult werden. Die Massage folgt einem strikt einzuhaltenden Ritus. Dabei kann der Kunde zum Höhepunkt kommen, aber das ist nicht das erklärte Ziel. Foto: imago (Symbolbild)
Sex oder ganzheitliches Wohlbefinden? Ein Gericht hat eine Tantra-Masseurin in Stuttgart zur Zahlung der Sexsteuer verdonnert. Sie biete gezielt “ Gelegenheit zu sexuellen Vergnügungen.“

stern.de

Tantra-Massagen sind sexuelles Vergnügen und damit steuerpflichtig. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim wies die Revisionsklage der Besitzerin eines Massagesalons gegen die Stadt Stuttgart ab, wie das Gericht am Montag mitteilte.

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Tantra-Masseurin will keine Sex-Steuer zahlen

Esoterik im Recht: Wissenschaft vom Justiz-Gespenst

ghostAuch den okkultesten Fragen kann man sich mit Ernst und Wissenschaftlichkeit widmen, wie frühere Schriften gelehrter Juristen eindrucksvoll belegen. Mit Sorgfalt wird dort etwa diskutiert, ob ein von Geistern befallenes Haus zum Rücktritt berechtigt, und ob gespenstische Heimsuchungen der Ehefrau einen Scheidungsgrund darstellen.

Von Martin RathLegal Tribune Online

Prüfungsschemata zum Kaufvertragsrecht pauken zu müssen, zählt sicher nicht zu den erfreulichsten Entwicklungsphasen eines Menschen, der zum Juristen heranreifen will. Die Dogmatik ist spröde, die Fälle sind zäh. Dieser Befund ist erstaunlich, denn die Lehrer der ödesten Schuldrechtsprobleme haben seit über 300 Jahren Fallbeispiele zur Hand, mit denen sie die Hörer ihrer Vorlesungen noch aus dem todesähnlichsten Tiefschlaf aufschrecken könnten. Fallbeispiele wie das Folgende.

„Wenn z.B. dem Titius von dem Sempronius ein Haus verkauft und übergeben ist, dasselbe auch schon anfängt bewohnt zu werden, dann aber wiederholt Gespenster in demselben auftreten, so ist die Frage, ob der Titius an den Vertrag gebunden sein soll oder ob er auf völlige Lösung desselben klagen kann. Da diese Frage ziemlich unklar ist, so sind die Fälle gesondert zu betrachten. Wenn das Haus schon vor dem Verkauf von Gespenstern besucht war, der Verkäufer dies aber verschwiegen hat, so zweifle ich nicht, dass auf Lösung des Vertrags geklagt werden kann, sobald in der Tat nach Abschluss des Vertrags die Geister auch dem Käufer und seiner Familie sich zeigen.“

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