Das furchtbare Schicksal der IS-Kindersklaven

Sie wurden entführt, verkauft und als menschliche Schutzschilde benutzt: Nach der Befreiung der IS-Hochburg Rakka sind einige Kindersklaven der Terrormiliz endlich in Freiheit. So auch der elfjährige Marwan.

DIE WELT

Der Islamische Staat mag im Irak und in Syrien an Territorium und Einfluss verlieren – doch der von der Terrormiliz betriebene Menschenhandel floriert. Schätzungsweise 3000 Menschen sind noch in der Gewalt der Islamisten, wie der US-Fernsehsender CNN berichtet. Darunter vor allem Frauen, die als Sexsklavinnen benutzt werden, und Kinder, die als menschliche Schutzschilde an der Front herhalten müssen.

Bei der Befreiung der IS-Hochburg Rakka konnten nun einige hauptsächlich jesidische Kinder befreit werden, die jetzt zu ihren Familien zurückkehren.

Unter ihnen auch der elfjährige Marwan. Er war acht, als IS-Terroristen ihn im Zuge eines Massakers an Jesidenfamilien in seinem Dorf mitnahmen. Der jesidische Junge wurde von Ort zu Ort geschleppt und insgesamt elfmal weiterverkauft.

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Lieber Hetzer, frag nicht nach der Herkunft

Hier wurde der Verdächtige gefasst. Garantiert ein Flüchtling! Oder? Foto: dpa
Auf Twitter wird die Frage nach dem Herkunftsland des Tatverdächtigen gestellt. Mit der Antwort der Polizei können die rechtschaffenen Wutbürger so gar nicht umgehen. Unser Kommentar.

Von Patrick Schlereth | Frankfurter Rundschau

Während die Polizei noch die Hintergründe des Messerangriffs in München mit acht Verletzten ermittelte, boten die gewieften und hilfsbereiten Twitter-Detektive schnell ihre Mitarbeit an. Schnell drängte sich die Frage nach dem Herkunftsland des Tatverdächtigen auf, wo doch jedes Kind weiß, dass der gemeine Südländer seine Klinge im Gegensatz zum harmlosen Deutschen immer griffbereit hat. Und ein primitiver Angriff eines Ausländers (Gastrecht verwirkt!) wäre doch allemal strenger zu bewerten als der seltene Ausrutscher eines Deutschen, oder etwa nicht?

Also, raus mit der Sprache: Was war denn da nun los in München? Islamistischer Anschlag oder was? Die Twitter-Nutzer jedenfalls nahmen kein Blatt vor den Mund auf ihrer rechtschaffenen Suche nach der Wahrheit. Ein Nutzer fragte: „Wissen wir schon was, wo der Aasgeier herkommt? Oder wird das wieder verschwiegen?“ Ein anderer sprach von „Merkels Goldstücken“ und meinte damit wohl die Flüchtlinge, die bekanntermaßen nur nach Deutschland kommen, um uns alle auszurauben, zu töten und unsere strohblonden Frauen zu vergewaltigen (Tichys Einblick berichtete).

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„Peer-Review in der Philosophie ist die Vortäuschung von Qualitätskontrolle“

Für den Hut, den es auch an deutschen Universitäten wieder gibt, kann man sich heute meist wenig kaufen, wissenschaftlich wie karrieremäßig. (Foto: Julian Stratenschulte/dpa)
In Deutschland werden mehr Doktorarbeiten denn je geschrieben – aber sie interessieren kaum noch. Das Beispiel der Philosophie zeigt, warum die Promotion in der Krise ist.

Von Maximilian Sippenauer | Süddeutsche.de

Nachdem Goethes Dissertation abgelehnt wurde, machte ihm der Dekan einen Vorschlag zur Güte: Er möge doch über ein paar Thesen disputieren, was Goethe – wie er in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt – mit „großer Lustigkeit, ja Leichtfertigkeit“ tat. Doch so sehr es Goethe amüsierte, dass ihm ein wissenschaftlich redundanter Beitrag von zwölf Seiten den Doktortitel einbrachte, so wuchs darüber auch seine tiefe Skepsis gegenüber einer institutionalisierten Wissenschaft.

Die Stellung der Promotion, des akademischen Gesellenstücks, war schon immer ein guter Seismograf für den Zustand des forschenden Denkens. Nach Goethes Zeiten wurde sie professioneller und anspruchsvoller; doch heute muss man vor allem für die Geisteswissenschaften sagen: Die Promotion steckt in der Krise.

Spätestens seit den Universitätsreformen im Zuge des Bologna-Prozesses, der eine europäische Vereinheitlichung bringen sollte, übernimmt die Promotion eine undankbare Scharnierrolle zwischen einer Post-Bologna-Realität im Studienalltag – der in diesen Tagen überall wieder beginnt – und dem Humboldt’schen Ideal von Wissenschaft. Ein bis ins Detail ausdefiniertes Studium, das schnell fit machen soll für den Arbeitsmarkt, trifft auf eine extrem uneinheitlich organisierte Universitätswelt. Bei der Promotion müssen diese inkompatiblen Vorstellungen von Wissen und Wissenschaft irgendwie zusammenfinden; mit gravierenden Folgen nicht nur für die Promovierenden, sondern auch für die Produktion von Wissenschaft.

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Markus Dröge: Kirche an der Seite Asylsuchender

Der Berliner Bischof Markus Dröge hat das Recht auf Asyl und Familiennachzug für Flüchtlinge unterstrichen.

evangelisch.de

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) habe sich zu Flucht und Integration deutlich positioniert, sagte Dröge am Sonntag anlässlich einer Kunstauktion seiner Landeskirche zugunsten von Flüchtlingen laut Redemanuskript in Berlin. „Sie sieht den Platz der Kirche an der Seite der Schutzsuchenden“, sagte er.

Die Kirche trete ein für individuelles Recht auf Asyl, legale Wege nach Deutschland, gegen Abschiebung in Krisengebiete und für das Recht auf Familienzusammenführung, sagte der Theologe. Fragen rund um Einwanderung und Flucht, darunter auch die umstrittene Aussetzung des Familiennachzugs für eine bestimmte Flüchtlingsgruppe, sind Teil der derzeitigen Sondierungsgespräche zwischen Union, FDP und Grünen.

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Wie extreme Ungleichheit und extreme Wasserverschmutzung zusammenhängen

Das Flussbett des Yamuna bei Wazirabad. Foto: Gilbert Kolonko
Indien hat ein Problem, dass sich nicht durch das Versprechen einer Reinigung des „heiligen“ Ganges lösen lässt

Von Gilbert Kolonko | TELEPOLIS

Im nördlichen Teil Delhis, in Wazirabad, wird ein weiteres Prunkstück des wirtschaftlichen Aufschwungs gebaut, die 251 Meter lange Signature-Brücke. Eigentlich sollte sie schon zu den Commenwealth-Spielen 2010 fertig sein, nun spätestens im nächsten Jahr. Das vermüllte Flussbett des Yamuna-Flusses vor dem Stahlkoloss hat etwas Science-Fiction-artiges: Als einziges Lebewesen sieht man eine dürre Hündin.

22 Kilometer Flussabwärts am Okhla-Damm, haben sich nur ein paar verliebte Paare aus dem nahe gelegenen Vergnügungspark auf den Uferweg verirrt – es stinkt. Der schwarz gefärbte Yamuna, der hier Delhi verlässt, hat bei seinem Besuch in der Hauptstadt 80 Prozent der Verschmutzung abbekommen, die er auf seiner 1300 Kilometer langen Reise bis in den Ganges aufnehmen wird. Über 20 Abwasser Kanäle sorgen dafür, dass der Dreck von 24 Millionen Menschen, aus einem der am schnell wachsenden Ballungsräume der Erde, entsorgt wird. Meist ungeklärt.

„Seit Jahrzehnten haben die Menschen Delhis den Yamuna Fluss als Mühlhalde benutzt, anstatt als Wasserquelle“, sagt Dr. Avinash Kumar, einer der Direktoren der NGO Wateraid zu mir. „Dafür hat sich der Mensch am Grundwasser vergriffen, doch dessen Spiegel sinkt dramatisch“, setzt er hinzu.

Wir sitzen in seinem Büro in Green Park, einer Gegend in der sich die obere Mitteklasse niedergelassen hat. Tennisplätze, Swimmingpools und großzügig angelegte Grünanlagen gehören dazu. „Auf 40 Meter (unter der Grundoberfläche) ist der Grundwasserspiegel in Süd-Delhi schon gesunken – und das, obwohl 75 Prozent des Wassers für Delhi mit Kanälen aus den umliegenden Regionen wie Haryana herangeschafft wird. Doch die wollen das kostbare Gut nicht weiter herschenken“, erklärt der Doktor.

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Current Lord Balfour says Israel failing to live up to 1917 declaration

Lord Arthur Balfour and the Balfour Declaration (Wikimedia commons)
Stipulation against prejudicing rights of non-Jewish population not being honored, says Roderick Balfour, great-great-nephew of foreign secretary behind landmark statement

By Stuart Winer | The Times of Israel

Lord Roderick Balfour, a descendant of the UK foreign secretary who penned the 1917 Balfour Deceleration endorsing the establishment of Jewish state, said that Israel, by mistreating Palestinians, is failing to honor the terms of the document.

Balfour, who has visited Israel several times in his capacity as a banker, spoke to the UK Daily Telegraph newspaper about his ancestor Lord Arthur Balfour’s proclamation, which he described as “a great humanitarian gesture.” Next month marks the centenary of the original document and will be marked by events in Israel and the UK.

Palestinians, though, have roundly condemned the document as a major milestone in their eventual dispossession with the creation of the Jewish state, and have planned protests around the anniversary.

In a rare statement on the document published Sunday, Balfour said he was worried that Israel was not living up to a stipulation to protect the rights of the Palestinians living in Mandate-era Palestine.

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Luthers neue Kirche hat viele Väter

Die Reformation begann schon vor Luther. Und es gibt Reformation ohne Luther. Doch Luther traf den Nerv der Zeit.

Von Peter Opitz | Neue Zürcher Zeitung

Eine konkrete menschliche Handlung in der Vergangenheit wird zum «historischen Ereignis» dadurch, dass eine spätere Generation ihr «historische» Bedeutung zuschreibt. Durch Nach- und Weitererzählung formen sich kulturelle Ursprungsgeschichten, an die immer wieder erinnert werden kann. Fast zwangsläufig setzt sich dabei ein Narrativ, das von Ursache und Wirkung bestimmt ist. Das Ereignis «Luther» fällt wie ein Meteorit aus heiterem Himmel in ein bisher unbewegtes Gewässer und schlägt entsprechende Wellen.

Eine Ausstellung, die zurzeit im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist, trägt den Titel «Der Luthereffekt». Denkt man die Logik zu Ende, die in diesem Titel steckt, kann es nur «Gegner» oder «Schüler» Luthers geben. Reformatoren, die andere, eigenständige Wege beschritten haben, werden zum Interpretationsproblem. Sie müssen als verirrte Schüler des einen ursprünglichen Reformators dargestellt werden. Die Homepage der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Luther-Jubiläum (www.luther2017.de) charakterisiert die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin genau aus dieser Logik.

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Das NSU-Trio und die seltsamen Spuren eines V-Mannes

Grafik: TP
War der Neonazi Thomas Starke schon für eine Behörde tätig, als Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe zu ihm flohen? – Untersuchungsausschuss von Thüringen hinterfragt Widersprüche

Von Thomas Moser | TELEPOLIS

Wenn sich Dutzende von Geheimdienst-Quellen um die drei mutmaßlichen Terroristen herum bewegten, müssen sie Spuren hinterlassen haben. Vielleicht gibt es sie, und man muss sie nur richtige deuten.

Als Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe am 26. Januar 1998 vor der Polizei von Jena nach Chemnitz flohen, waren mehrere V-Leute von Verfassungsschutzämtern daran beteiligt oder wussten zumindest davon. Die erste Person, bei der die drei dann in der sächsischen Stadt unterschlüpften, war ein gewisser Thomas Starke, langjähriger Aktivist der rechtsextremen Szene. Im November 2000 wurde er im Zusammenhang mit dem Strafverfahren gegen die Band Landser Informant des Landeskriminalamtes (LKA) Berlin, Abteilung Staatsschutz. Das ist gesichert.

Seit 2012 führt die Bundesanwaltschaft ein Verfahren gegen Thomas Starke wegen des Verdachtes auf Unterstützung der terroristischen Vereinigung NSU. Er muss also in den Skandal verwickelt sein, wie tief, erfährt man nicht.

Seit Jahren schwelt die Frage, ob Starke nicht schon damals, im Januar 1998, im Dienst eines Dienstes stand. Belegt ist das bisher nicht. Eine wiederholt kolportierte Formulierung von einer „langjährigen Vertrauensperson“, als die die Bundesanwaltschaft (BAW) Starke bei der Anwerbung durch den berliner Staatsschutz bezeichnet haben soll, kann nicht eindeutig Starke zugeschrieben werden. Möglicherweise war eine andere Person gemeint.

Allerdings hat Starke bei den Ermittlungen Spuren hinterlassen, die verdächtig sind. Zur Sprache kamen sie jetzt im NSU-Untersuchungsausschuss von Thüringen.

Im Gegensatz zum Landesamt für Verfassungsschutz vermuteten die Zielfahnder des LKA von Thüringen die drei Untergetauchten von Anfang in Chemnitz. Das bekräftigten erneut damalige Ermittler. Während der Verfassungsschutz die Fahnder in Belgien, Bulgarien, den USA und Südafrika suchen lassen wollte, lief für die „alles Richtung Chemnitz“. Sie erfuhren, dass vor allem die Blood and Honour-Aktivisten Jan Werner, Hendrik L. und Thomas Starke zu den drei Gesuchten in Kontakt stehen sollten und überwachten deren Telefone.

Auch gegen Jan Werner läuft ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher NSU-Unterstützung, genauso wie gegen Max-Florian Burkhardt.

Am 11. August 1998 registrierten die Fahnder eine SMS Starkes, der sich in Dortmund aufhielt, an Max-Florian Burkhardt mit dem Wortlaut: „Bist du beim Grillen vom Geburtstagskind? Alles Gute von mir, du weißt Bescheid, TS“ Burkhardt antwortete: „Aber aber Verwarnung. Probst hatte doch gestern schon – Max“

Der 11. August ist der Geburtstag von Uwe Mundlos. 1998 wurde er 25 Jahre alt. Veranstaltete der Gesuchte an jenem Tag also im Kreis von Kameraden eine Grillparty? Das ist die eine Frage, die sich an die Kriminalisten stellt. Wurde die versteckte Information damals erkannt und überprüft? Doch die andere ist: Warum schreibt der mit allen Wassern gewaschene rechte Kader Thomas Starke eine solch verräterische Nachricht, dass er von einem Kameraden gemaßregelt werden muss? Versehen – oder Absicht?

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Bundeswehr setzt Ausbildung der Peschmerga im Nordirak fort

Themenbild. Bild: regensburg-digital.de
Die Bundeswehr hat die Ausbildung kurdischer Peschmerga-Kämpfer im Nordirak nach gut einwöchiger Unterbrechung wieder aufgenommen.

Frankfurter Rundschau

Das teilte das Einsatzführungskommando der Bundeswehr mit. Deutsche Soldaten bilden seit 2014 Peschmerga für den Kampf gegen die Terrormiliz IS aus. Angesichts der militärischen Eskalation im Norden des Iraks war die Mission aber am 13. Oktober zum Schutz der Bundeswehr-Angehörigen vorläufig ausgesetzt worden. Laut Verteidigungsministerium hat sich die Lage inzwischen wieder beruhigt.

SUNDAY ASSEMBLY: Es ist eine Art Kirche – nur eben ohne Gott

„Warum sollte man den Kirchen das Monopol auf geselliges Treffen oder eine Andacht überlassen?“ Birgit Magiera und Michael Wladarsch sind die Initiatoren der Sunday Assembly in München Quelle: Hans-Rudolf Schulz/Hans-Rudolf Schulz
Sunday Assemblys laufen ab wie ein Gottesdienst, lassen aber den Glauben weg. Jetzt gibt es die sonntäglichen Treffen auch in München. Doch was bewegt konfessionslose Menschen dazu, freiwillig eine Art Gottesdienst nachzuspielen?

Von Ruth van Doornik | DIE WELT

Ein selbst gemaltes Schild an der Tür weist den Weg nach unten. Wer an diesem Sonntagmorgen zur Münchner „Sunday Assembly“, der Sonntagsversammlung, will, muss in den Keller. „Imagine there’s no heaven/ It’s easy if you try/ No hell below us/ Above us only sky“, schallt es die Treppe hoch.

John Lennons Song über eine Gesellschaft ohne Religionen ist eine Art Hymne der weltweiten Treffen geworden, bei denen Atheisten, Agnostiker und Humanisten zusammenkommen, um die Vorteile von Gemeinschaft zu spüren – und die wichtigen Fragen des Lebens zu stellen. Ohne Dogmen, ohne religiösen Überbau. Der persönliche Glaube? Spielt keine Rolle. Es ist eine Art Kirche – nur eben ohne Gott.

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Sexismus: Es fühlte sich an, als würden wir uns auf einen Krieg vorbereiten

#Metoo: Ein Hastag geht um die Welt.FOTO: BRITTA PEDERSEN/DPA
Was Weinsteins Sexualdelikte und Cheblis Empörung miteinander zu tun haben

Von Anna Sauerbrey | DER TAGESSPIEGEL

#metoo: Als ich zwölf war, fragte mich ein Lehrer, ob „das“ echt sei oder ob ich meinen BH ausstopfen würde. Als ich 14 war, ging ein Mann in einem Gang zwischen zwei Regalen bei Karstadt auf mich zu und griff mit beiden Händen nach meinen Brüsten. Als ich 21 war, legte ein mir fremder Mann, der im Bus neben mir saß, mir die Hand aufs Knie und ließ sie langsam nach oben wandern. Mit 36, allein auf dem Rückweg ins Hotel durch abendleere Straßen in einer amerikanischen Großstadt, folgten mir zwei betrunkene junge Typen und brüllten Eindeutiges.

Cheblis Empörung hat es mit Weinsteins Sexualdelikten zu tun: Sexismus ist immer auf unsere Körper gerichtet

In den vergangenen Wochen haben Tausende Frauen als Reaktion auf Enthüllungen über eine Vielzahl sexueller Delikte des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein unter dem Twitter-Schlagwort #metoo ihre Erlebnisse mit sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen auf Twitter dokumentiert. Wie es immer ist bei Debatten über Sexismus, wurde schnell auch Kritik laut: Männer würden an den Pranger gestellt. Die Aktion würde nichts bringen. Und: Minder schwere Fälle würden unzulässig vermengt mit den schweren Sexualstraftaten Weinsteins, der über Jahrzehnte Frauen sexuell genötigt und laut Aussagen mehrerer Frauen im Magazin „The New Yorker“ auch vergewaltigt haben soll. Hat es etwas miteinander zu tun, wenn ein älterer Mann der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli bei einer Veranstaltung sagt, eine so junge und schöne Frau habe er nicht erwartet – und wenn ein mächtiger Mann in Hollywood über Jahrzehnte Sexualverbrechen begeht? Ich glaube ja.

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Eine verschlossene Welt – mitten in New York

Zwei Gemeindemitglieder in der New Yorker U-Bahn-Linie Eastern Parkway. Offen ist die multikulturelle Szenerie nur auf den ersten Blick: Die Chassidim leben abgeschottet © Benjamin Petit
Mitten im pulsierenden Brooklyn lebt eine orthodoxe jüdische Glaubensgemeinschaft, die sich dem weltlichen Leben Amerikas entzieht – auch seinen Gesetzen und den Werten von Freiheit und Gleichheit: die Chassidim. Einblicke in eine Parallelwelt.

Von Andreas Albes | stern.de

Bassy Schmukler sagt, sie habe ihr Haar nie gemocht. In wenigen Stunden wird die hübsche 24-Jährige es abschneiden. Für immer. Bassy Schmuklers Haar ist dunkel, gelockt, und es glänzt. Fortan wird sie eine Perücke tragen. So verlangt es ihre Religion, so verlangt es die Sittsamkeit. Viele in ihrer Gemeinde lassen nur ein paar Stoppeln auf der Kopfhaut stehen. Denn dann hält die Perücke am besten. Bassy sagt: „Ich wollte schon immer eine Perücke. Ist doch viel praktischer.“

Heute ist Bassys Hochzeit. Sie steht in ihrem weißen Brautkleid mitten in New York, in einem riesigen Ballsaal in Brooklyn, der geteilt ist durch einen langen Vorhang. Auf der rechten Seite feiert Bassy mit den Frauen, auf der linken ihr Bräutigam Chaim mit den Männern. Die Männer tragen lange Bärte und schwarze Hüte. Am Ende des Vorhangs steht eine Band, die spielt jetzt die Beatles – mit jiddischen Texten. Getanzt wird auch getrennt, man hält sich an den Händen und dreht sich im Kreis.

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Wie kommt das Fegefeuer in die Lutherbibel?

Das Übersetzungswerk des Reformators strahlte auch weit ins katholische Deutschland aus.

Von Norbert Mappes-Niediek | Frankfurter Rundschau

Leser, die sich durch die „gantze Heilige Schrifft“ bis zu der Stelle auf Seite 1194 durchgekämpft hatten, dürften so heftig den Kopf geschüttelt haben, dass die mächtige Allongeperücke ins Rutschen kam. Man möge Irrlehrer „mit Forcht“ aus dem Fegefeuer holen, empfiehlt da ganz hinten in der Bibel ein später Apostel namens Judas seiner urchristlichen Gemeinde.

Fegefeuer? Davon wollte Bibelübersetzer Martin Luther eigentlich nichts wissen. Die Vorreinigung sündiger Seelen vor der Aufnahme in den Himmel war sogar ein wichtiger Streitpunkt zwischen dem Reformator und der römischen Orthodoxie gewesen. Dass die Verstorbenen nach katholischer Lehre – je nach Sündenkonto – erst eine gewisse Zeit im „Purgatorium“ zu verbringen hatten, nutzten zu Luthers Zeit findige Händler dazu, Lebenden gegen Entgelt einen Nachlass an Fegefeuerzeit zu versprechen. „Sobald der Gulden im Becken klingt / Im Hui die Seel im Himmel springt“: Mit dem Slogan hatte der Dominikanerpater Johann Tetzel viel Geld eingenommen. Aber er hatte mit seinen Geschäften auch den Augustiner Martin Luther zu seinen 95 Thesen provoziert und damit die Reformation ausgelöst.

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Madrid macht Ernst: Separatisten in Katalonien vor dem Aus

Demonstranten protestieren in Barcelona gegen die Inhaftierung von zwei führenden Aktivisten der separatistischen Bewegung. Foto: Nicolas Carvalho Ochoa © dpa-infocom GmbH
Die Tage der separatistischen Regierung Kataloniens scheinen gezählt. Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy kündigte die Absetzung des katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont und aller Kabinettsmitglieder an.

stern.de

Die Tage der separatistischen Regierung Kataloniens scheinen gezählt. Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy kündigte die Absetzung des katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont und aller Kabinettsmitglieder an.

Mit dieser und weiteren Zwangsmaßnahmen will Madrid den Bestrebungen der Region zur Loslösung von Spanien nach langem Streit ein Ende setzen. Der Countdown läuft: Die Vorkehrungen sollen nach der für Freitag erwarteten Billigung durch den Senat umgesetzt werden. Innerhalb von sechs Monaten sollen in Katalonien Neuwahlen abgehalten werden.

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Glyphosat, angezählt

Glyphosat ist nicht der einzige Inhaltsstoff in Pflanzenschutzmitteln, der bedenklich ist. (Foto: Flickr/ Roundup, Monsanto by Mike Mozart CC BY 2.0)
Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.

Von Jan Grossarth, Hendrik Kafsack | Frankfurter Allgemeine

Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend. Zumindest in hoher Dosierung für Mäuse. Für Verbraucher birgt es bei üblicher Verwendung kein Gesundheitsrisiko. Es erspart Landwirten den Pflug und es trägt dazu bei, Bodenerosion zu verhindern. Glyphosat trägt aber auch dazu bei, dass Landwirte Ackerbau mit Brachialmethode betreiben, dass sie nicht groß nachdenken müssen, was sie tun, denn das Mittel tötet jedes Unkraut. Glyphosat trägt dazu bei, dass der Strukturwandel sich beschleunigt. Glyphosat ist in den meisten Lebensmitteln nachzuweisen, die Getreide oder Milch enthalten. Aber in so geringen Mengen, dass Toxikologen zum Verzehr raten. Glyphosat, aus Flugzeugen über das Land versprüht, wird jedoch in Südamerika mit Krebserkrankungen und organischen Missbildungen bei Kindern in Verbindung gebracht.

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Wenn überzogener Feminismus ins Gegenteil umschlägt

Wurstsemmel. Foto: HutchRock. Lizenz: CC0
Eine Diskussion darüber, ob eine Frau ihrem Mann Essen für den Arbeitstag mitgeben sollte, zeigt, wieso der Feminismus immer öfter auf Ablehnung stößt. Statt für freie Wahl zu streiten, gibt es Verhaltensvorschriften

Von Alexander und Bettina Hammer | TELEPOLIS

Für viele Menschen dürfte der Begriff „Henkelmann“ fremd klingen, vielleicht sogar unbekannt. Als „Henkelmann“ wird ein Metallbehälter bezeichnet, der mit warmem Essen gefüllt und ähnlich wie ein Weckglas verschlossen wurde, so dass das darin transportierte Essen möglichst für eine lange Zeit warm blieb. Ein solcher Henkelmann wurde den größtenteils männlichen arbeitenden Menschen mitgegeben, so dass sie während der Arbeitszeit eine warme Mahlzeit in der Mittagspause zu sich nehmen konnten. Eine Praxis, die zu der Zeit, als Kantinen und Imbissbuden sowie Geschäfte, die Essen zum Mitnehmen („to go“) anbieten, spärlich gesät bis nicht vorhanden waren, gängig war.

Nicht nur der Henkelmann war selbstverständlich, auch die Brotdose (heute Lunchbox genannt) war es, später diente die Thermoskanne nicht nur zum Transport von Kaffee oder Tee, auch Brühe oder kleingeschnittene Spaghetti in Tomaten- oder Tomatenhackfleischsauce, pürierte Suppen oder auch Hackbällchen in Sauce finden ihren Platz darin. Wurde das Brot, das in der Brotdose war, nicht aufgegessen, landete es oft im Viehfuttertrog. In Niedersachsen, wo einer von uns aufwuchs (Bettina), wurde dies „Hasenbrot“ genannt, weil es den Hasen gegeben wurde.

Auch den Kindern wurden gefüllte Brotdosen zur Schule mitgegeben, eine Praxis, die in Japan noch heute gängig ist, wo die Bentodosen heutzutage auch bereits fertig gefüllt erworben werden können, von vielen Japanern aber auch noch selbst bestückt werden, gerade auch für Kinder. Diverse Gerätschaften dienen dazu, die enthaltenen Gerichte für die Kinder attraktiv zu gestalten und ihnen so nicht nur Nahrung, sondern auch das Gefühl, die Eltern (meist die Mutter) hätten sich Mühe gegeben und mit Liebe die Box bestückt, zu geben. Reisbällchen werden zu Pandagesichtern geformt, Eier in Herz-, Stern- oder Bärenform gebracht, kleine Würstchen verwandeln sich in Tintenfische und aus Möhren und Rettichstücken werden kleine Kunstwerke. Chara-Ben, wie diese Art der Nahrungsgestaltung genannt wird, ist nicht nur in Japan ein nicht unumstrittener Trend geworden.

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Giftige Blüten einer zerfallenden Religion

Eine Religion des Friedens? In ihren Büchern versuchen die Autoren, Beweggründe der Radikalisierung im Namen des Islams zu analysieren. ©AFP
Warum radikalisieren sich junge Muslime? Olivier Roy und Fethi Benslama entwickeln ihre Ansichten über die Ursprünge islamistischen Terrors.

Von Susanne Schröter | Frankfurter Allgemeine

Der Umstand, dass junge Muslime es für die Erfüllung ihres Lebens halten, Menschen, die sie nicht kennen und die ihnen kein Leid angetan haben, mit einem Auto zu überfahren, mit Äxten zu zerhacken oder mit Sprengstoff in Stücke zu reißen, ist erklärungsbedürftig. Insbesondere wenn es sich um Jugendliche handelt, die in Europa geboren und aufgewachsen sind und keine traumatisierenden Kriegserfahrungen besitzen.

Beunruhigend ist, dass die Angriffe auf Fahrgäste öffentlicher Verkehrsmittel, auf Passanten in Fußgängerzonen, auf Besucher von Musikveranstaltungen, auf Kunden von Supermärkten und in Finnland auch auf eine einen Kinderwagen schiebende Mutter explizit im Namen des Islamsdurchgeführt wurden. Dass die Täter ihren eigenen Tod nicht nur in Kauf nehmen, sondern geradezu anstreben, verstört zusätzlich. Warum radikalisieren sich junge Muslime in der beschriebenen Form? Was treibt sie um, und was wollen sie? Die Wissenschaft hat bislang drei Erklärungsansätze vorgelegt, die nicht unbedingt kompatibel sind. Der erste behauptet, der Islam habe ein intrinsisches Gewaltproblem und müsse sich grundlegend reformieren, um potentiellen Attentätern die Legitimationsgrundlage zu nehmen. Der zweite unterscheidet zwischen Islam und Islamismus, wobei Letzterer als radikale Sonderform einer im Normalfall friedlichen Religion definiert wird. Der dritte versucht, Gründe jenseits der Religion zu identifizieren, und behauptet, der Islam werde von Extremisten lediglich als wohlfeile Maske missbraucht, hinter der sich ganz andere Motive verbergen.

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Als die Bibel auf der Liste der verbotenen Bücher stand

Bild: mdr.de

Die Auseinandersetzung zwischen reformierter und katholischer Kirche ist auch ein Streit um den Bibeltext.

Von Thomas Prügl | Neue Zürcher Zeitung

Keines von Luthers Werken war so einflussreich wie die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche, die er ab 1522 in mehreren Tranchen vorlegte. Die Lutherbibel wurde nicht nur konfessionsbildend, sie veränderte die gesamte religiöse Landschaft Europas und die Theologie. Luther profitierte bei seinen Übersetzungen von den Errungenschaften der humanistischen Philologie, besonders von den Bibelstudien von Erasmus von Rotterdam und Lorenzo Valla. Aber er verfolgte mit seiner Übersetzung kein humanistisches Bildungsziel, sondern einen theologischen Zweck: Der «einfache Mann» sollte darin das Evangelium vom gnädigen Gott selbst auffinden können.

Der Erfolg der Bibelübersetzung war überwältigend. Zwar gab es bereits vor Luther verschiedene Übersetzungen der Schrift ins Deutsche, doch das waren meist Wort-für-Wort-Übersetzungen, wodurch es schwierig war, den Sinn der Texte zu erfassen. Luthers Übersetzung war die erste, die den Bibeltext in die tatsächliche Sprach- und Vorstellungswelt seiner Leser brachte. Damit wurde sie sprachprägend. Die Verteidiger des alten Glaubens versuchten, dem Einfluss der Lutherbibel mit eigenen Bibelausgaben beizukommen und Luthers theologisch-exegetische Schwerpunkte zu entschärfen. Da sie sich aber sonst weithin an die Übersetzungen Luthers anlehnten, trugen diese sogenannten Korrekturbibeln ebenfalls zum Erfolg und zur weiteren Verbreitung des Luther-Textes bei.

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Wie ein Jugendlicher radikalen Predigern in die Arme läuft – und sich wieder befreit

Mit 18 Jahren beginnt Hakan, plötzlich den Koran zu lesen und Suren bei Facebook zu posten. (Foto: Danish Ismail/Reuters)
Hakan ist ein deutsch-türkischer Jugendlicher aus München. Er fühlt sich ausgeschlossen und abschätzig behandelt – bis er den Islam für sich entdeckt.

Von Jonathan Fischer | Süddeutsche.de

Hakan ist glücklich. So glücklich wie lange nicht mehr. Wenn er von seinem ersten Besuch beim Islamunterricht eines Münchner Moscheevereins erzählt, liegt ein Glanz in seinen großen Jungen-Augen. Auch jetzt noch, einen Tag später in einem schlichten Café in Obergiesing: „Alle waren sich einig“, sagt er, „es kann kein Zufall sein, dass ich ausgerechnet an diesem Tag zu ihnen komme, diesem besonderen Abend, an dem ein saudischer Prediger zu Gast ist.“

Hakan (Name geändert), kräftige Figur, Kinnbart, Bürstenfrisur, ist sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Im Gegenteil. Er wirkt oft viel ernster, erwachsener, als er das mit seinen 18 Jahren nötig hätte. Jetzt aber strahlt er wie ein Fußballstürmer, der seine Mannschaft gerade in Führung geschossen hat. „Sie haben gesagt, dass ich ein Auserwählter bin. Und dass der Prediger – ein direkter Nachfahre unseres Propheten – am jüngsten Tag ein Wort für mich einlegen wird.“ Der Elektrikerlehrling zieht ein buntes, kleines Fläschchen aus seiner Jackentasche. Ein teures orientalisches Parfum. „Das haben sie mir geschenkt. Als Zeichen dafür, dass ich als Bruder zu ihnen gehöre.“

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Kritik an Ernennung Mugabes zum WHO-Botschafter

Robert Mugabe 2008, Bild: wikimedia.org/Tech. Sgt. Jeremy Lock (USAF)PD
Die Ernennung des Präsidenten von Simbabwe, Robert Mugabe, zum Sonderbotschafter der Weltgesundheitsorganisation stößt auf zunehmende Kritik.

evangelisch.de

Der Schritt der WHO sei „überraschend und enttäuschend“, zitierte die britische Zeitung „Guardian“ am Samstag einen Regierungsbeamten in London. Die Personalie werfe einen Schatten auf die gute Arbeit der Weltgesundheitsorganisation, hieß es.

Zuvor hatte die Nichtregierungsorganisation UN-Watch die Ernennung des „Tyrannen“ Mugabe (93) verurteilt. Mugabe unterdrücke brutal die Opposition in Simbabwe, er habe das einstmals wirtschaftlich starke Land ruiniert und das nationale Gesundheitssystem zum Kollabieren gebracht. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus hatte Mitte der Woche auf einer Gesundheitskonferenz in Montevideo (Uruguay) bekannt gegeben, dass Mugabe als „Goodwill“-Botschafter für nichtübertragbare Krankheiten für Afrika arbeiten werde. Mugabe solle seine Amtskollegen beeinflussen, damit sie den Kampf gegen nichtübertragbare Krankheiten wie Krebs ernsthaft führen, betonte der Äthiopier Tedros.

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