Gysi hält Kanzelrede in Leipzig: „Keine Moral ohne die Kirchen“

Gregor Gysi. Bild: FB
Gregor Gysi. Bild: FB

„Krieg und Frieden“ im Zeichen des Reformationsjubiläum: Zu dem Thema hat der Politiker Gregor Gysi am Sonntag in der Michaeliskirche in Leipzig referiert. Im domradio.de-Interview erklärt der Atheist, warum Religion für uns so wichtig ist.

domradio.de

domradio.de: Ihr Thema in der Michaeliskirche war „Krieg und Frieden“. Da denkt man im Moment schnell an islamistischen Terrorismus. Wo sehen Sie in dem Zusammenhang die Rolle von Religion?

Gregor Gysi (Mitglied des Bundestags, Die Linke, Vorsitzender der Europäischen Linken): Ich habe versucht zu erklären, weshalb Religion und Kirchen in unserer Gesellschaft so wichtig sind. Ich habe – obwohl ich selbst nicht an Gott glaube – versucht, der Gemeinde zu erklären, dass ich eine gottlose Gesellschaft ganz furchtbar fände. Und zwar schon aus folgenden Gründen: Erstens sind die Religions- und Kirchengemeinschaft Bestandteil unserer Kultur, und zweitens sind zurzeit nur die Kirchen- und Religionsgemeinschaften in der Lage, allgemeinverbindliche Moralnormen aufzustellen. Die Linke konnte das mal, aber seit dem Scheitern des Staatssozialismus kann sie zwar Moralnormen aufstellen, die sind dann nur nicht allgemeinverbindlich. Der Kapitalismus ist auf Konkurrenz aus, das heißt, für den einen ist es besser, wenn der andere pleitegeht; auch das hat alles wenig mit Moral zu tun. Wenn wir also die Kirchen und die Religionsgemeinschaften nicht hätten, gäbe es keine verbindliche Moral. Über dieses Bild kann man sich dann auch dem Thema „Frieden und Krieg“ nähern. Dazu habe ich den Römerbrief aus Kapitel 12 ausgesucht und die Verse 17 bis 21 vorgelesen.

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Bundeswehr: Veranstaltung für sexuelle Minderheiten in der Kritik

Ursula von der Leyen will die Truppe attraktiver machen. Foto: AFP
Ursula von der Leyen will die Truppe attraktiver machen. Foto: AFP
Die Veranstaltung „Sexuelle Orientierung und Identität in der Bundeswehr“ sorgt für Kritik. So müssten laut Generalinspekteur a.D. Kujat zunächst Ausrüstungsmängel beseitigt werden.

Frankfurter Rundschau

Die Organisation einer Veranstaltung für sexuelle Minderheiten in der Bundeswehr bringt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) deutliche Kritik ein. „Es ist mir nicht klar, was der Sinn dieser Veranstaltung ist. Mir ist nicht bekannt, dass Homosexuelle in den Streitkräften diskriminiert werden“, sagte der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, der „Passauer Neuen Presse“ (Freitag). Um die Bundeswehr attraktiver zu machen, müssten vielmehr Ausrüstungsmängel beseitigt werden.

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Bürger erwarten von den Kirchen politische Zurückhaltung

Mehr als zwei Drittel aller Bürger sind der Meinung, dass die Kirchen sich politisch zurückhalten sollten. Das ist das Ergebnis eines „Glaubensmonitors“ des Meinungsforschungsinstituts INSA-CONSULERE im Auftrag der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). An der repräsentativen Umfrage nahmen 2.148 Personen ab 18 Jahren teil.

kath.net

In der CSU hatte es zuletzt eine Debatte gegeben, ob die Kirchen sich in politischen Debatten zu Wort melden sollten. Der bayerische Finanzminister Markus Söder ist der Auffassung, dass sie sich aus der Tagespolitik heraushalten sollten, Ministerpräsident Horst Seehofer widersprach und rief dazu auf, sich in die Politik einzubringen.

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Passauer Apostel: Kirche hat Pflicht, sich einzumischen

FB-Page, Screenshot:bb
FB-Page, Screenshot:bb
Der Passauer Bischof Stefan Oster hat die Pflicht der Kirche betont, sich in die Politik einzumischen. Das gelte jedoch nicht für jede tagespolitische Frage.

religion.ORF.at

„Aber wenn es um Menschenrechte, Menschenwürde, das Recht auf Arbeit oder Leben sowie um ökologische Dinge gehe, „ist es unsere Pflicht zu sagen, was Kirche denkt“, erklärte Oster im am Samstag auf dem bayerischen Hörfunksender B5 aktuell ausgestrahlten „Interview der Woche“. Denn Kirche sei ein wichtiger Mitgestalter des sozialen Lebens. Grundsätzlich gebe es aber ein gutes Miteinander von Staat und Kirche – „Trennung, aber Partnerschaft“.

Politische Aufforderung sich herauszuhalten

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) hatte vor einigen Wochen in einem Zeitungsinterview die Kirchen aufgefordert, sich stärker aus der Politik herauszuhalten. Das hatten sowohl der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wie auch andere Bischöfe zurückgewiesen. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) rief zuletzt sogar die Kirchen und Religionsgemeinschaften eigens auf, sich in die praktische Politik einzumischen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass dann auch Politik besser werde.

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Politik und Protestantismus: Eine gefährliche Liebschaft

Lutherjahr

Weil die Berliner Republik den Menschen keine Hoffnung mehr geben kann, leiht sie sich die von der evangelischen Kirche. Warum sich Politik und Protestantismus zu nah sind in Deutschland. Eine Warnung

Von Andreas Öhler | ZEIT ONLINE

Landauf und landab luthert es in diesen Tagen. Für die evangelische Kirche, sonst gebeutelt von steigenden Austrittszahlen, scheint das Reformationsjubiläum mit einem gelungenen medialen Reckaufschwung zu beginnen. Das Zugeständnis des Staates an die evangelische Kirche, den Reformationstag 2017 zu einem bundesweiten Feiertag zu erklären, wurde von beiden Seiten mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit goutiert. Und das, obwohl die Verfassung eine strikte Trennung von Kirche und Staat festschreibt. Als wären sie „ein Herz und ein Sparkassenbuch“, weckte dieser Schulterschluss beim EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm neue Begehrlichkeiten.

Er wünscht sich zunächst eine Revitalisierung des Buß- und Bettages, der 1995 der Pflegeversicherung geopfert worden war – jeder nicht arbeitsfreie Feiertag schenkt dem Staat nämlich Steuermillionen. Darüber hinaus würde er den Reformationstag als freien Tag bundesweit gern auf Dauer etablieren.

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„Luther ist kein Heiliger“

foto: regine hendrich Der Hobby-Schlagzeuger, Deep-Purple-Fan und Liebhaber feiner Sciencefiction-Literatur vermisst Politiker mit Haltung: Je nach Stimmung werde
foto: regine hendrich Der Hobby-Schlagzeuger, Deep-Purple-Fan und Liebhaber feiner Sciencefiction-Literatur vermisst Politiker mit Haltung: Je nach Stimmung werde „oft genug das Fähnchen in den Wind gehängt“.

Der evangelische Bischof Michael Bünker spricht über die nahenden Reformationsfeiern, sieht Heuchelei in der Politik und fordert Initiativen gegen Hate-Speech

Interview Peter Mayr, Markus Rohrhofer | derStandard.at

STANDARD: Sind Sie eigentlich froh, dass es in der evangelischen Kirche keine Heiligen gibt? Mit Martin Luther wären Sie sonst anlässlich des bevorstehenden 500-Jahr-Jubiläums der Reformation mitunter im Erklärungsnotstand, oder?

Bünker: Wir feiern ja nicht Luther als Person, sondern die Reformation. Und die Reformation ist viel mehr als Luther. Obwohl sie sich herausragend mit seinem Wirken und Leben verbindet. Ganz klar: Luther ist sicher kein Heiliger. Dazu sind die Schattenseiten viel zu deutlich und sein Lebenslauf zu widersprüchlich.

STANDARD: Vor allem der Antisemitismus in den Spätschriften, wie etwa „Von den Juden und ihren Lügen“, ist erschreckend. Thematisiert man diese dunkle Seite Luthers 2017 ausreichend?

Bünker: Ja. Wir verschweigen das nicht. Wir beleuchten die Schattenseiten von Luther schon seit Jahren. Etwa seine Stellung im Bauernkrieg, seine Äußerungen gegenüber dem sogenannten linken Flügel der Reformation und natürlich in erster Linie und am verhängnisvollsten die von Ihnen erwähnten Judenschriften. In der Erklärung „Zeit zur Umkehr“, die die Generalsynode in Österreich 1998 beschlossen hat, heißt es nicht nur, dass wir uns von diesen Luther-Schriften distanzieren, wir „verwerfen“ sie. Damit sagen wir: Luther war in dieser Frage so etwas wie ein Ketzer.

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Ist ein Schachcomputer intelligenter als Markus Söder?

© Picture AllianceTokio, im Dezember 2015: Der australische Premierminister Malcolm Turnbull (2.v.l.) begrüßt seinen Politikerkollegen Asimo (vorne).
© Picture AllianceTokio, im Dezember 2015: Der australische Premierminister Malcolm Turnbull (2.v.l.) begrüßt seinen Politikerkollegen Asimo (vorne).
Man könnte schon eine Weile darüber debattieren, ob man die große Frage dieser Veranstaltung bei der Vorwärts Verlagsgesellschaft ausgerechnet einem Staatssekretär stellen sollte: „Wird die künstliche Intelligenz die Politik übernehmen?“ „Nein!“, antwortet Matthias Machnig vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie eine verdächtige Spur zu schnell.

Von Julia Bähr | Frankfurter Allgemeine

Autorin Yvonne Hofstetter wollte das dann auch alles gar nicht so behauptet haben, und überhaupt gehe es ja eigentlich um die überfällige Reglementierung der Digitalisierung. Darauf konnte man sich einigen und hatte sich generell sehr lieb.

Alles in allem ein phantastisches Beispiel für Buchmesse-Veranstaltungen mit etwas überzüchtetem Titel, ein immer mehr um sich greifendes Phänomen: „Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“. Da hätte man sich ja nun mindestens den direkten Vergleich der Intelligenzquotienten eines Schachcomputers und Markus Söders erwartet. Außerdem natürlich feiernde anarchistische Massen. Nichts davon weit und breit! Was für eine Enttäuschung!

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Thüringen: Kirche ist irritiert über Mohrings(CDU) Äußerungen

 Thüringens CDU-Fraktions- und Landeschef Mike Mohring Bildrechte: dpa
Thüringens CDU-Fraktions- und Landeschef Mike Mohring Bildrechte: dpa
Das Katholische Büro Thüringen hat pikiert auf Aussagen von CDU-Fraktionschef Mike Mohring zur Einflussnahme der Kirchen auf politische Fragen reagiert. Büroleiter Winfried Weinrich sagte, „diese Äußerung hat uns schon irritiert“. Er kündigte an, dass es noch ein Gespräch mit Mohring geben werde. Das Katholische Büro vertritt in Thüringen das Bistum Erfurt sowie die Diözesen Dresden-Meißen und Fulda.

MDR Thüringen

Auf einer Podiumsdiskussion hatte Mohring Grenzüberschreitungen bei der politischen Positionierung von Kirchen beklagt. Zwar betrachte er die Kirchen als notwendige Stimme. Allerdings ging ihm die „Einmischung“ zuletzt zu weit. Mohring verwies dabei auf Bedenken bei der Einstufung der Maghrebstaaten als sichere Herkunftsländer.

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Auch Juden dürfen kritisiert werden

Michael Wolffsohn (l.) und Viola Roggenkamp (dpa/Galuschka/Imago/Müller)
Michael Wolffsohn (l.) und Viola Roggenkamp (dpa/Galuschka/Imago/Müller)
Kritik am Judentum von innen und außen ist selbstverständlicher Bestandteil einer offenen Gesellschaft, sagten die Schriftstellerin Viola Roggenkamp und der Historiker Michael Wolffsohn im Deutschlandfunk. Nur so könnten Fehlentwicklungen gestoppt werden. Politik und Religion zu vermischen sei ein zentraler Fehler, der im Judentum, den Kirchen und im Islam gemacht werde.

Viola Roggenkamp und Michael Wolffsohn im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Andreas Main: Es gibt einen ausgeprägten innerjüdischen Pluralismus. Und entsprechend viel Selbstkritik. Michael Wolffsohn, zugeschaltet in München, braucht es da noch Kritik von außen?

Michael Wolffsohn: Natürlich, denn die Kritik von innen ist, das sagt ja das Wort, eine Kritik von innen. Und von außen bekommt man zusätzliche Anstöße. Deswegen ist es notwendig, in einem dialektischen Prozess, die Kritik von innen und von außen zu betrachten und dann das jeweilige Thema – in diesem Falle Religion – weiter zu entwickeln.

Main: So, das war ein erster Aufschlag von Ihnen, Herr Wolffsohn, guten Morgen.

Wolffsohn: Guten Morgen.

Main: Und ich begrüße die Schriftstellerin Viola Roggenkamp, die uns in Hamburg zugeschaltet ist. Guten Morgen Frau Roggenkamp.

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Zu viele Politiker haben die Grenze zum Populismus überschritten

 Horst Seehofer (CSU) wirbt im Bierzelt um die Gunst der Wähler. (Foto: Stephan Rumpf)
Horst Seehofer (CSU) wirbt im Bierzelt um die Gunst der Wähler. (Foto: Stephan Rumpf)
Je komplexer die Welt wird, desto erfolgreicher sind Politiker, die einfache Wahrheiten anbieten. Wer sie aufhalten will, muss standhaft bleiben.

Von Stefan Kornelius | Süddeutsche.de

In Laos haben die Präsidenten bunte Hemdchen angezogen; hübsch harmonisch sollte es aussehen, klare Bilder gegen unklare Worte. In Hangzhou, China, bügelten die Weltenlenker die Sprache glatt und nutzten den eisernen Griff des Protokolls, um ein bisschen Konsens vorzugaukeln. Auch in Großbritannien gibt es jetzt ein Sätzchen, das trotzig Gewissheit in all dem Chaos vermitteln soll: „Brexit heißt Brexit.“

Nun ringt Deutschland um eine Generalformel, mit der sich die Probleme des Landes lösen lassen sollen: „Deutschland wird Deutschland bleiben„, oder „Deutschland muss Deutschland bleiben„. Beruhigung oder zorniger Appell, Merkel oder Seehofer – die Lufthoheit wird von Hilfsverben entschieden.

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Gutachten: Manipulationen bei Dieselabgasen seit 2010 bekannt

Bild: dpa-Zentralbild/Patrick Pleul
Deutsche Experten erheben schwere Vorwürfe gegen die Politik und die Autoindustrie. Das betreffe „Dieselfahrzeuge aller Hersteller“, so die Gutachter.

Die Presse.com

Manipulationen der Autohersteller bei Dieselabgasen sind laut Experten schon jahrelang bekannt. Ein vom Deutschen Bundestag beauftragter Gutachter sei zu dem Schluss gekommen, dass spätestens eine Studie im Jahr 2010 auf das Problem aufmerksam gemacht habe, berichten „Süddeutsche Zeitung“ (Samstagsausgabe), NDR und WDR.

Motoren seien so manipuliert worden, dass die Grenzwerte bei Tests gerade noch eingehalten werden. Das betreffe „Dieselfahrzeuge aller Hersteller“.

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Es gibt keine „reinrassigen“ Völker in Europa

Symbole verbinden: Apostel Paulus auf einem Pergament aus dem 9. Jh. / Bild: St. Gallen, Stiftsbibliothek
Die Kultur hielt europäische Völker seit dem Frühmittelalter zusammen, nicht deren Gene: Das beweisen nun Historiker und Genetiker. Demnach gab es keine „reinrassigen“ Völker.

Von Ronald Posch | Die Presse.com

Die Vorstellung, dass Völker biologische Einheiten sind, die sich durch gemeinsames Blut, Herkunft und Sprache auszeichnen, hielt sich lang, ob in der wissenschaftlichen oder der politischen Diskussion. „Das hieße aber, dass Völker so etwas wie Lebewesen sind, die einen eigenen Charakter haben und dazu bestimmt sind, miteinander zu leben oder unterzugehen“, sagt Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Wittgenstein-Preisträger.

Pohl und ein internationales Team aus Historikern und Genetikern bewiesen nun in einem von der Europäischen Union geförderten ERC-Projekt mit historischen und naturwissenschaftlichen Methoden, dass das nicht stimmt.

Fünf Jahre lang untersuchten die Forscher, welche ethnischen und politischen Gemeinschaften nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches (476 n. Chr.) entstanden. Sie verglichen historische Texte und bereits existierende genetische Untersuchungen. Zudem nahmen sie selbst Hunderte Genproben aus mitteleuropäischen und italienischen Gräberfeldern.

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„Wir können den Terror nicht ohne die Religion erklären“

 (Photo by Warrick Page/Getty Images)
(Photo by Warrick Page/Getty Images)
Der Psychologe Ahmad Mansour erklärt im Interview, warum die Politik bislang kein Konzept für den Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen hat – und welche Schuld die Islamverbände trifft.

Das Interview führte Anna Sauerbrey | DER TAGESSPIEGEL

Herr Mansour, zu dem Zeitpunkt, zu dem wir sprechen, ist noch nicht viel über den Täter von Nizza bekannt. Bislang gibt es keine konkreten Hinweise, dass er Teil eines islamistischen Netzwerkes war – auch wenn der IS ihn als einen seiner „Soldaten“ reklamiert. Rechnen Sie mit einem Einzeltäter?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das noch Spekulation – aber allgemein gesprochen, ja, wir werden immer wieder Einzeltäter sehen. Ob sich jemand entscheidet, das allein zu machen oder Anschluss an eine Gruppe sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab, aber auch von den Möglichkeiten. Wenn – wie in Frankreich – Notstandsgesetze in Kraft sind und die Sicherheitsbehörden besonders aufmerksam und präsent sind, bleibt praktisch nur noch die Möglichkeit, es allein zu tun.

Bislang ist nicht einmal geklärt, ob er überhaupt radikalisiert war. Seine Nachbarn beschreiben ihn als nicht religiös. Dafür stand er kurz vor der Scheidung, war wegen Gewaltdelikten verurteilt. Ein Nachbar sagte „Le Monde“, dem seien sicher einfach „die Sicherungen durchgebrannt“. Auch der Attentäter von Orlando, Omar Mateen, wurde von seiner Ex-Frau als psychisch krank und labil beschrieben. Wie viel Psychopathologie steckt im Terror?

Terroristen sind immer labil. Aber wir können auch bei Omar Mateen nicht nur von Labilität reden. Ein labiler Mensch würde Selbstmord begehen. Warum entscheidet man sich, stattdessen 50 Menschen, die in einem Club feiern, zu ermorden? Diese Aggressivität, mit der man wahllos Menschen ermordet, kann man nur mit einer Ideologie erklären. Diese Ideologie müssen wir benennen.

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Hannah Arendt: Was es heißt, fremd zu sein

Hannah Arendt. Foto: imago stock&people
Hannah Arendt zu lesen, macht es leichter, die Gegenwart zu verstehen. Jetzt in einer Sonderausgabe des „Philosophie Magazins“ abgedruckt: Der Text „Wir Flüchtlinge“. Sein erster Satz: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt.“

Von Dirk Pilz | Frankfurter Rundschau

Sie gilt noch immer als Außenseiterin, dabei gehört sie längst zu den zentralen Figuren des 20. Jahrhunderts. Und hat wie wenige sonst gezeigt, dass es keine Philosophie gibt, die nicht politisch wäre, will sie nicht „weltlos“ sein. Sie hat aber auch beschrieben, wie gefährlich die Verwandtschaft von Philosophie und Politik, von Denken und Handeln ist.

Hannah Arendt hat in ihren Schriften immer die umstrittenen Fragen der Gegenwart verhandelt, weil sie nie den Kontakt zu den harten Fakten verloren hat. Es sind Fragen nach der Rolle der Arbeit in der Moderne (die Erfüllung verspricht, aber gerade nicht erfüllend ist), nach der Charakteristik totaler Herrschaft, nach dem Bösen, den Menschenrechten, dem Einzelnen in der Masse und der Frau in einer männerdominierten (Geistes-)Geschichte.

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Nahda-Partei in Tunesien: Die neuen Islamdemokraten

In einer neuen Umfrage sprechen sich mehr als 70 Prozent der Tunesier für die Trennung von Religion und Politik aus. (Bild:Zoubeir Souissi / Reuters)
Können Islamisten Religion und Politik trennen? Die moderat islamistische Nahda-Partei will es versuchen. Und hofft so zu einer modernen Volkspartei zu werden. Doch der Plan birgt eine Gefahr.
 

Von Annette Steinich | Neue Zürcher Zeitung

Auf ihrem zehnten Parteitag hat sich die tunesisch-islamistische Nahda entschieden, ihre religiöse und zivilgesellschaftliche Arbeit von der Politik zu trennen. Damit will sich die Nahda nach christlichdemokratischem Vorbild weiter in Richtung moderne, demokratische Volkspartei entwickeln.

Der für fünf Jahre wiedergewählte Parteivorsitzende Rachid al-Ghannouchi erklärte vor den mehr als tausend Delegierten: «Wir wollen die Religion aus den politischen Kämpfen heraushalten.» Nahda habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Der 74-Jährige beschwor den tunesischen Nationalstolz und mahnte zu nationaler Einheit: «Der tunesische Staat ist unser Schiff, in dem alle tunesischen Männer und Frauen sitzen, ohne Ausnahme oder Ausgrenzung.»

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Richterbund: „Das deutsche Recht ist im Sinkflug“

grundgesetz

Die Politik beuge Gesetze und die Bevölkerung orientiere sich an selbst gestrickten Vorstellungen von Gerechtigkeit, meint Jens Gnisa, Chef des Richterbunds. Er sieht schwarz für die deutsche Justiz.

Von Hannelore Crolly | DIE WELT

Kürzlich wagte sich der Richter Jens Gnisa in eine heikle Talkrunde von Frank Plasberg. Die „Hart aber fair“-Sendung rang um die Frage, wann eigentlich Gerichtsurteile gerecht sind. Wie ein Gericht junge Raser, die bei illegalen Autorennen Menschen getötet haben, mit Bewährung heimschicken kann. Wieso ein folgenloser Überfall mit Schreckschusspistole womöglich weit schärfer bestraft wird als ein Einbruch mit Verwüstungen, die die Opfer nachhaltig traumatisieren. Und grundsätzlich: Wie es so weit kommen konnte, dass jeder zweite Deutsche laut einer Allensbach-Umfrage unsere Justiz als zu lasch empfindet.

In der TV-Debatte ging es, ganz gemäß dem Motto, hart zur Sache. Ein Opfervater warf Gnisa und seinen Richterkollegen indirekt vor, den Wert eines Menschenlebens zu gering einzuschätzen. Ein Polizeigewerkschaftler stellte infrage, ob noch alle Urteile „im Namen des Volkes“ gesprochen werden dürften. Doch wirklich verblüfft, ja erschreckt hat Gnisa erst das, was nach der Sendung folgte.

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Klimaforscher Latif: „Den Herrschenden geht es nur um ihren Vorteil“

Die großen Konzerne fühlen sich für das Gemeinwohl nicht mehr verantwortlich, beklagt Klimaforscher Mojib Latif. Foto: Picture Alliance/Sven Simon
Der renommierte Klimaforscher Mojib Latif gehört zu den angesehensten Experten des derzeit in Wien laufenden Kapitalismustribunals. Mit dem Greenpeace Magazin sprach er über die Macht der Wenigen, die sich auf Kosten der Natur bereichern – und die Unfähigkeit der Politik, Regeln zu setzen.

Kristian Lüders | greenpeace magazine

Warum unterstützen Sie das Kapitalismustribunal?

Weil es Kunst ist. Und die muss provozieren und innovativ sein. Ich denke es ist gut, den Kapitalismus zu hinterfragen. Das Tribunal deckt die Schwächen und Stärken des Wirtschaftsystems auf.

Eine zentrale Frage des Kapitalismustribunals lautet:  Was darf in einer Ökonomie der Zukunft nicht mehr geschehen?  Wie lautet Ihre Antwort?

Bei uns steht schon im Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. Der Leitgedanke einer Wirtschaftsordnung sollte sein, dass man tatsächlich Verantwortung übernimmt für seine Mitmenschen. Eigentlich ganz einfach. Nur leider ist es im Moment im Kapitalismus so, dass viele dieses Gemeinwohl überhaupt nicht mehr im Blick haben. Nehmen Sie große internationale Konzerne wie Starbuck’s, die zusehen, dass sie keine Steuern zahlen. Die fühlen sich für das Gemeinwohl einfach nicht mehr verantwortlich. Und das ist der Kern des Problems, um den es gehen muss!

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Dodo Lütz sieht Gott grammatikalisch im Futur II

Manfred_LützDer Einstieg ist vielversprechend. Manfred Lütz geht es darum, die Menschen wieder ungläubig werden zu lassen. Sonst würde sein Vortrag über „Die Werte, die Wahrheit und das Glück“ wenig Sinn machen: Wenn das reichlich vorhandene Publikum im Pfarrsaal von St. Peter und Paul bereits restlos mit sich, Gott und der Welt im Einklang wäre. „Stellen Sie sich vor, Sie wären Atheist“, lockt der 62-jährige Rheinländer, und beruhigt die anwesenden Gläubigen wieder: „Am Ende des Vortrags können Sie wieder Christ werden.“

Von Uwe Eichler | MAIN POST

Aber auch Atheisten und Agnostiker dürfen entspannen: Es ist kein eifernder Laienprediger, der hier auf Einladung von Pfarrer Frank Sommerhoff durch einen ebenso amüsanten wie informativen Abend führt, rund um die zentrale Frage: „Existiert Gott, oder existiert er nicht?“ Am Pult steht ein hochkarätiger katholischer Theologe, lange Zeit Hausarzt des „Deutschen Friedhofs“ des Vatikan, nunmehr Leiter der Psychiatrischen Klinik der Alexianer in Köln. Außerdem Kirchenkabarettist und Autor von Büchern wie „Irre! Wir therapieren die Falschen“, „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ oder eben „Gott.

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Franz: „Wir haben herzlich wenig für Frauen getan“

Papst Franziskus fordert mehr Einsatz für Frauenrechte. / Bild: (c) Youtube Screenshot/Vatikan
Der Papst kritisiert in einer Videobotschaft den mangelnden Einsatz für Frauenrechte. Franziskus verurteilt sexuelle Gewalt gegen Frauen.

Die Presse.com

Papst Franziskus hat einen mangelnden Einsatz für die Rechte von Frauen angeprangert. „Wir haben herzlich wenig für Frauen getan, die sich in schweren Lagen befinden, wo sie verachtet, an den Rand geschobenen und sogar ins Sklaventum herabgesetzt sind“, sagt der Papst laut Kathpress in einer am Dienstag veröffentlichten Videobotschaft.

Es reiche nicht aus, den Beitrag von Frauen in allen Bereichen nur festzustellen. Franziskus verurteilt in dem Video sexuelle Gewalt gegen Frauen. Zudem fordert er mehr Einfluss für sie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Hindernisse auf diesem Weg müssten beseitigt werden.

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Von Könner bis Quacksalber

Ruben Pfizenmaier (Hg.) Auf dem Markt der Experten Illustrationen von Malte Grabsch Verlag: Edition Büchergilde, Frankfurt M. 2016 ISBN: 9783864060649
Ruben Pfizenmaier (Hg.)
Auf dem Markt der Experten
Illustrationen von Malte Grabsch
Verlag: Edition Büchergilde, Frankfurt M. 2016
ISBN: 9783864060649

Experten sind anscheinend allgegenwärtig. Kaum eine Nachrichtensendung, Talkshow, Sportübertragung oder Dokumentation, in der nicht Terrorismus-, Wirtschafts-, Börsen- oder Sportfachleute zu Wort kommen.

Von Martin Schneider | Spektrum.de

Sie erklären Hintergründe, Zusammenhänge und wagen Prognosen. Fitness-, Ernährungs- und Glücksexperten raten uns, wie wir unser persönliches Wohlbefinden steigern können. Die Medien geben ihnen gern ein Podium und beeinflussen damit die Meinungen der Bürger. Doch wer kommt hier eigentlich zu Wort, wer erhält das Etikett „Experte“? Benötigen wir solche Menschen wirklich, oder spiegelt ihre Präsenz unsere Überforderung in einer immer komplexer werdenden Welt?

Diesen Fragen geht das vorliegende Buch nach. Es entstand in einer Kooperation des Verlags mit dem Studiengang für Angewandte Literaturwissenschaft der FU Berlin und versammelt 16 Beiträge. Die Autoren stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Journalismus, Philosophie, Politikwissenschaft oder Verlagswesen. Seltsamerweise haben es nur 15 Beiträge ins Inhaltsverzeichnis geschafft – der 16., ein Text über Expertentum im Fußball, wurde offensichtlich übersehen.

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