Schlagwort-Archive: Politik

Deutschland: Mehrheit will weniger religiösen Einfluss auf die Politik

Bild:YouGov.de
Zwei Drittel der Deutschen finden, Religion sollte einen kleineren Einfluss auf die Politik haben als derzeit. Auch bei Katholiken und Protestanten gibt es dafür eine Mehrheit.


Von Matthias Schmidt|YouGov.de

Eine Staatskirche gibt es in Deutschland seit beinahe 100 Jahren nicht mehr. Allerdings treibt der Staat zum Beispiel für die beiden großen Kirchen die Kirchensteuer ein. Und Bischöfe und Kardinäle haben bis heute viel Einfluss – auch politisch. Zudem haben die beiden Unionsparteien das „christlich“ zumindest in ihrem Namen – wenn auch in den Augen Vieler zu Unrecht.

Aber ohnehin wollen die meisten Deutschen nicht, dass Religion einen zu großen Einfluss auf die Politik ausübt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen YouGov-Umfrage. Demnach sagen knapp zwei Drittel der Befragten (64 Prozent), der Einfluss von Religion auf die Politik sollte kleiner sein als derzeit, nur 4 Prozent wünschen sich einen größeren religiösen Einfluss. Jeder Sechste (17 Prozent) sagt, das gegenwärtige Verhältnis zwischen Religion und Politik sei gerade richtig.

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Missbrauchsopfer bekommen eigene Stimme

Fünf Jahre ist es her, dass eine Welle von publik gewordenen Missbrauchsfällen die Bundesrepublik erschütterte. Bisher haben Staatsanwaltschaft und Politiker die Aufarbeitung übernommen. Nun hat ein Betroffenenrat die Arbeit aufgenommen – mit ehemaligen Opfern, die neue Fälle verhindern wollen.


ZDF heute

Bild: WAZ
Bild: WAZ

Sie möchte ihren Worten Gewicht verleihen. Immer wieder legt sie die Hand auf ihr Herz, während sie redet: “Wenn man über sexuellen Missbrauch spricht und nicht gehört wird, dann hilft das Sprechen nicht, dann verletzt es und erschwert die Verarbeitung”, sagt Catharina Beuster.

Die 31 Jahre alte Studentin ist Mitglied im Betroffenenrat, der den unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs unterstützt. Es gehe ihr darum, Erwachsene für das Thema zu sensibilisieren, sagt Beuster. “Sie müssen Verantwortung übernehmen für die Strukturen, in denen Kinder leben – Lebensbedingungen so gestalten, dass Missbrauch verhindert wird.”

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Fastenbrechen: Gehört der Ramadan zu Deutschland?

Ein Empfang zum Ramadan in Berlin: Angela Merkel hält eine Rede. | © AP Photo/Steffi Loos/dpa
Deutschlands Politiker gefallen sich darin, mit Muslimen während des Ramadan das Fastenbrechen zu feiern. Das ist gut so, meint Raoul Löbbert, Religion braucht Gastfreundschaft. Volker Resing hält dagegen: Die Politik darf den Glauben nicht für ihre Zwecke instrumentalisieren.


Von Raoul Löbbert und Volker Resing|ZEIT ONLINE

Pro

Warum macht sie das? Wieso feiert Angela Merkel bei einem Empfang in Berlin mit Muslimen das Fastenbrechen im Ramadan? Merkel fastet nicht. Sie ist keine Muslima. Der religiöse Brauch dient ihr offensichtlich nur als Mittel zum Zweck. Zwar will sie ein Bekenntnis ablegen, allerdings ein politisches und kein religiöses: “Der Islam gehört unzweifelhaft zu Deutschland.” Mit diesem Satz wird sie kurz darauf in den deutschen Medien zitiert. Da kann man leicht behaupten, Merkel instrumentalisiere den Ramadan und die ihm zugrunde liegende Spiritualität für ihr Ideal eines bunten, toleranten und multireligiösen Deutschland. Aber wird dadurch auch das religiöse Gefühl der Fastenden marginalisiert? Eher nicht. Niemand hat die Muslime schließlich an den Stühlen festgebunden, die mit Deutschlands Politikern in den Ramadan-Wochen nach Sonnenuntergang tafelten in der Öffentlichkeit. Meist waren die Muslime über so viel Instrumentalisierung sogar hocherfreut. Es sei denn, ihnen wurde wie beim Fastenbrechen im NRW-Landtag Fleisch vorgesetzt, das nicht “halal” war. Dann war die Empörung kurz, aber heftig.

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Italien: „Große Koalition“ der Mafia regierte Rom

Bild: (c) EPA (Giuseppe Giglia)
Jahrzehntelang haben sich Mafia und Politik auf Kosten der italienischen Hauptstadt bereichert: „Beherrscht“ wurde Rom von einem ungleichen Duo, einem rechtsextremen Ex-Terroristen und einem Sozialdemokraten.


Von Paul Kreiner|Die Presse

Starke tausend Seiten soll der Bericht umfassen. Zwischen zwei Verhaftungswellen – die erste im Dezember 2014, die zweite sechs Monate später – haben ihn drei Spezialisten des Innenministeriums erstellt. Nun ist das Werk fertig, bis Oktober muss die Regierung entscheiden. Leitfrage: Ist Rom tatsächlich derart von der Mafia durchseucht, sind dort so viele amtliche Gesetzesbrüche begangen worden, dass Bürgermeister, Gemeinderat und Verwaltung entlassen werden müssen und Rom einen Regierungskommissar als Zwangsverwalter braucht?

Für den Ruf der Ewigen Stadt sieht es desaströs aus: Auf die gut 40 Verhaftungen vor einem halben Jahr folgten jetzt 44 weitere. Betroffen sind Kommunalpolitiker sowie politisch verstrickte Unternehmer. Hatten die Fahnder im Dezember das vordem undurchdringliche, rechte oder rechtsextreme Unterholz des früheren Bürgermeisters Gianni Alemanno (2008–13) gelichtet, so trafen sie nun die regierenden Sozialdemokraten. Mirko Coratti zum Beispiel, Ex-Präsident des Gemeinderats, sitzt in Untersuchungshaft, genauso wie der Assessor für Wohnungsbau, Daniele Ozzimo, und – noch schlimmer für die Partei von Premier Matteo Renzi: Aufgedeckt wurde ein Geflecht von persönlichen Interessen, Bestechung, Selbstbedienung und Betrug.

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Politikwissenschafter: “Christliches Abendland gibt es nicht”

Politikwissenschafter Ulrich Willems über das Verhältnis von Politik und Religion, die romantische Wurzel des christlichen Abendlands, säkularen Fundamentalismus und den Streit um Kopftuch, Schächten und Beschneidung.


Interview Lisa Nimmervoll|derStandard.at

foto: lukas friesenbichler Sichtbare Zeichen religiöser Identität – exemplarisch ein christlicher Rosenkranz, eine islamische Gebetskette, die Misbaha genannt wird, und ein jüdischer Gebetsschal, der Tallit heißt.

STANDARD: Es taucht immer wieder in der Politik auf: das Abendland, das christliche zumal. In Österreich plakatierte die FPÖ im Wahlkampf “Abendland in Christenhand”. In Deutschland marschieren “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes” (Pegida). Aber gibt oder gab es dieses christliche Abendland überhaupt je in der insinuierten Form?

Willems: Ein christliches Abendland im Sinne eines homogenen christlichen Raumes, wie es in diesen Slogans anklingt, gab und gibt es nicht. Das lateinische Christentum hat zwar seit dem frühen Mittelalter West- und Mitteleuropa kulturell und politisch geprägt, aber Europa wurde immer auch durch den politischen, ökonomischen und kulturellen Austausch mit anderen Räumen und Traditionen geprägt, und im Inneren ist Europa nicht durch Homogenität, sondern durch Konkurrenz, Konflikt und Koexistenz unterschiedlicher religiöser Traditionen gekennzeichnet.

STANDARD: In welcher Form?

Willems: Das gilt für das Nebeneinander von christlichen und heidnischen Formen der Religiosität nach der Christianisierung Europas. Es gilt auch für das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen in vielen Teilen des mittelalterlichen Europa, für die konfessionelle Pluralität nach der Reformation und für das Neben- und Gegeneinander von religiösen und säkularen Kräften seit dem 19. Jahrhundert. Wenn Europa heute durch etwas charakterisiert ist, dann sicher nicht durch eine christlich-abendländische Identität, sondern durch das nicht immer einfache Aushalten von Vielfalt und die Suche nach Möglichkeiten friedlicher Koexistenz.

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Vatikan präsentiert Umwelt-Enzyklika

laudato_siDer Papst kritisiert das kapitalistische Wirtschaftssystem und seine Folgen mit den Worten “unermessliche Mülldeponie” und “unverantwortlicher Missbrauch”. Die Politik habe in Umweltfragen versagt.


evangelisch.de

In seiner mit Spannung erwarteten Umwelt-Enzyklika geht Papst Franziskus mit scharfen Worten das kapitalistische Wirtschaftssystem an. Durch den “unverantwortlichen Gebrauch und Missbrauch” der Natur durch den Menschen habe es vor allem für die Armen in den Entwicklungsländern negative Folgen, schreibt Franziskus in dem Lehrschreiben, das am Donnerstag in Rom vorgestellt wurde. Ein weiteres Thema der Enzyklika ist die Forderung, allen Menschen den Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen.

Das knapp 220-seitige Rundschreiben ist die zweite Enzyklika des seit März 2013 amtierenden Franziskus und die erste, die ein Papst dem Thema Umwelt widmet. Sie trägt den Titel “Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus”. Das italienische Nachrichtenmagazin “L’Espresso” hatte bereits zu Wochenbeginn einen Entwurf des Schreibens veröffentlicht. Nach Angaben des Vatikans handelte es sich dabei jedoch nicht um die aktuelle Version.

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Militärseelsorge: Bundeswehr sucht ersten Imam für muslimische Soldaten

Es wird geschätzt, dass es etwa 1600 Muslime in der Bundeswehr gibt. (Foto: Flickr/by ResoluteSupportMedia CC BY 2.0)
Muslimische Soldaten in der Bundeswehr können wohl schon bald auf einen eigenen Imam zurückgreifen. Wie das Verteidigungsministerium gegenüber den Medien bestätigte, suche die Bundeswehr gerade in der Tat einen Militärseelsorger muslimischen Glaubens. Forderungen nach einem solchen Schritt gibt es bereits seit Jahren.


Deutsch Türkische Nachrichten

Bereits seit 2011 existiert das Arbeitspapier des Zentrums für Innere Führung mit dem Titel „Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr“. Jetzt bestätigte das Verteidigungsministerium auf Anfrage der Bild, dass tatsächlich ein Imam gesucht werde.

Geschuldet sei dieser Schritt der offenbar wachsenden Zahl an Muslimen in Uniform, berichtet hierzu die türkische Zeitung Sabah. „Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich der Islam in Deutschland inzwischen als drittgrößte Religion etabliert hat, stellt sich die Frage, ob für unsere Soldaten muslimischen Glaubens eine eigene Militärseelsorge möglich ist“, zitiert das Blatt einen Sprecher der Bundeswehr. Auch deshalb sei zum 1. Mai am Zentrum „Innere Führung“ in Koblenz eine „Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen„ eingerichtet worden.

Bereits seit den 1960er Jahren kümmern sich die katholische und die evangelische Kirche um die deutschen Soldaten. Mittlerweile wird geschätzt, dass jeder fünfte Bundeswehrangehörige einen Migrationshintergrund besitzt. Die Militärseelsorge sei Teil kirchlicher Arbeit und werde im Auftrag und unter Aufsicht der Evangelischen und Katholischen Militärseelsorge ausgeübt, so das Domradio. Gesetzliche Grundlagen seien Artikel 4 des Grundgesetzes, aus dem sich auch für Soldaten das Grundrecht auf freie Religionsausübung ableite, sowie die im Soldatengesetz festgeschriebenen Regelungen.

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Parlamente machtlos: Spionage ist Qualitätskontrolle der Geheimdienste

Alle spionieren, das ist Teil der modernen Politik. (Foto: Flickr/ James, I think your cover’s blown! by Ludovic Bertron CC BY 20)
Frankreich hält sich in der aktuellen Spionage-Affäre mit Deutschland auffällig zurück. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Land selbst seit Jahren Industrie-Spionage in Deutschland und in den USA betreibt. Die wechselseitige Bespitzelung ist längst Alltag im Verhältnis der Verbündeten. Die mächtigen Geheimdienste sehen darin eine Art Qualitätskontrolle. Die nationalen Parlamente sind ahnungslos.


Deutsch Türkische Nachrichten

Die französische Regierung schweigt beredt zur Spionage-Affäre mit Deutschland. Dabei hätte Paris allen Grund zur Empörung: Deutsche Nachrichtendienste haben im Auftrag der Amerikaner die französische Regierung im großen Stil ausspioniert – ein Verhalten, das Bundeskanzlerin Angela Merkel noch vor kurzem als ein Ding der Unmöglichkeit bezeichnet hat. Doch aus dem Elysée-Palast ist bisher kein Anruf bei der befreundeten Bundeskanzlerin eingegangen – obwohl diese nun auch in Deutschland direkt unter Beschuss gerät.

Ein Grund für die äußerst vornehme Zurückhaltung der Regierung in Paris könnte sein, dass man in Paris über die „Enthüllungen“ gar nicht überrascht ist: Denn französische Nachrichtendienste selbst spionieren schon seit Jahren deutsche und US-amerikanische Unternehmen aus.

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Kirchen fordern Seenotrettung

Kardinal Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm fordern Seenotrettung und sichere Zugänge Foto: Wolfgang Roucka (Erzbischöfliches Ordinariat München)/pro | CC BY-SA 3.0
Mehr als 1.000 Flüchtlinge sind binnen einer Woche im Mittelmeer ertrunken. Die Kirchen verlangen, dass die Politik handelt.


pro Medienmagazin

Binnen einer Wochen sind Medienberichten zufolge mehr als 1.000 Menschen bei dem Versuch, mit Booten über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen, ums Leben gekommen. Nachdem bereits ein Boot mit rund 400 Menschen an Bord gekentert war, ist in der Nacht zum Sonntag ein weiteres Flüchtlingsboot vor der libyschen Küste gesunken und hat verschiedenen Angaben zufolge zwischen 700 und 950 Menschen in den Tod gerissen. Nur 28 Menschen konnten von einem Frachtschiff aufgenommen und gerettet werden. Zu dem Flüchtlingsdrama haben am Montag der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, ihr Bedauern ausgedrückt. In einer gemeinsamen Presserklärung heißt es: „Über das erneute Bootsunglück sind wir zutiefst erschüttert.“ An das vielfache Sterben vor den Küsten Europas dürfe man sich nicht gewöhnen. „Das ist ein humanitärer Skandal!“, erklärten Marx und Bedford-Strohm. Die Kirchenoberhäupter halten einen „entschlossenen Kampf gegen gewissenlose Schleuser“ für notwendig. „Wir brauchen sofort eine Seenotrettungsmission in europäischer Verantwortung“, forderten die Kirchenvertreter in der Pressemeldung und verwiesen dabei auf die Arbeit der italienischen Operation „Mare Nostrum“, die ein Jahr lang „Vorbildliches geleistet“ habe.

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Wissenschaftsbetrieb: Sind Hautfarbe und die Religion doch entscheidend?

scienceIm Wissenschaftsbetrieb aber auch in der Politik zumindest scheint man darauf nicht verzichten zu wollen


Von Peter Nowak|TELEPOLIS

Die Forschungsgruppe Black Knowledges an der Universität Bremen löste sich vor einigen Wochen auf und verband diesen Schritt mit einer gravierenden Selbstkritik: Mit dem Ziel gegründet, “Forschung und Debatten über weiße Versklaverei und anti-Blackness innerhalb der Wissenschaft sowie der Gesellschaft als ganzer voranzutreiben” sei sie eher “ein Teil des Problems des Rassismus …” statt ein Teil sein der Lösung“ geworden.

Als letzten Akt bekannte sich die Forschungsgruppe am Ende noch mal zur antirassistischen Diversität in der Einstellungspolitik und im Bereich der Nachwuchsförderung sowie natürlich für die Weiterführung der Debatte.

Diese doch sehr zahmen Reformforderungen stehen im merkwürdigen Gegensatz zur wortgewaltigen Selbstkritik. Wieso ist man eher Teil des Problems als der Lösung, wenn man antirassistische Diversität fordert. Tatsächlich geht auch aus dem Papier nicht hervor, welche Probleme eigentlich vorlagen und warum sie so gravierend wurden, dass man sich auflöste. Noch im Sommer 2014 ging die Forschungsgruppe viel souveräner mit der Kritik um. In einer Stellungnahme hieß es, dass in der Gruppe weiße Mehrheitsdeutsche vertreten seien und man die Kritik an der Zusammensetzung und wissenschaftlichen Ausrichtung der Gruppe dankend zum Anlass nehme, weiter über die Problematiken und Herausforderungen von Forschung im Kontext der Black (Diaspora) Studies nachzudenken.

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Moral als Handlungsmaßstab gefährlich

Der erhobene Zeigefinger – schlecht für die Kommunikation zwischen Konfliktparteien (dpa / Tim Brakemeier)
Auf die Moral zu pochen, verbaue Kompromisse zwischen Konfliktparteien, legt Thilo Hagendorff in “Sozialkritik und soziale Steuerung” dar. Der Soziologe empfiehlt stattdessen, sich konkrete Handlungsstrategien zu überlegen, um tatsächlich etwas zu verändern.


Von Florian Felix Weyh|Deutschlandradio Kultur

Es findet sich kaum ein Satz bei Adorno, welcher nicht eindeutig moralisch codiert wäre da werden selbst die Pantoffeln, in welche man schlupfen kann, zum Denkmal des Hasses gegen das sich Bücken oder der Fund eines Dinosaurierskeletts zur Kollektivprojektion des totalitären Staates.”

Starke Worte eines jungen Rebellen. Starke Worte? Ja. Aber rebellisch ist der junge Mann irgendwie nicht so richtig:

O-Ton: “Ich meine, dass man nicht davon ausgehen kann, man könne Gesellschaften oder große Systeme im Ganzen irgendwie revolutionieren und diese komplett auf andere Füße stellen.”

Das aber meinten die Altvorderen durchaus noch. Die Soziologie und die in der Philosophie angesiedelte Frankfurter Schule fungierten nachgerade als universitäre Heimathäfen für Veränderungswünsche aller Couleur. An den Lehrstühlen und in den Seminaren wurde Gesellschafts- und Sozialkritik vorgedacht, die dann irgendwie und von irgendjemandem im politischen Raum verwirklicht werden sollte. Als das nach den rauschhaften Revoluzzer-Jahren von 1968 nicht mehr so recht klappte, schlugen die beteiligten Akademiker nach Beobachtung des Tübinger Nachwuchssoziologen Thilo Hagendorff eine ziemlich bequeme Richtung ein, die der Selbstreferenzialität nämlich.

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‘Under the Dome’ Umweltdoku: Chinas Zensur macht Smog-Filmerin mundtot

Chai Jing, Bild:shanghaiist.com
Millionen Chinesen haben die Smog-Doku “Unter der Glocke” der Journalistin Chai Jing gesehen. Nun ist der Film aus dem Verkehr gezogen, die Debatte darüber beendet. Ein Lehrstück über Politik, Öffentlichkeit und Zensur in China.


Von Bernhard Zand|SpON

Am Samstagmorgen um 10.02 Uhr stellt die Journalistin Chai Jing, 39, einen Film ins Internet. Es ist der 28. Februar, drei Tage vor Beginn der Jahrestagung von Chinas Scheinparlament, dem Nationalen Volkskongress. Chais Film, “Qiong Ding Zhi Xia” (“Unter der Glocke”) ist eine Reportage über den Smog und die Frage, wo er herkommt.

Sie berichtet über Chinas mächtige Öl-, Stahl- und Kohle-Konzerne und die Unfähigkeit der Politik, ihnen Einhalt zu gebieten. Es ist eine Klage über Chinas Luftverpestung, vorgetragen von einer jungen Frau, die in Peking lebt und sich Sorgen um ihr Baby macht.

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Vorläufige Einigung bei Kirchenasyl

Kirchen dürfen Flüchtlingen und Asylsuchenden wie bislang Zuflucht gewähren Foto: flickr | Noborder network/Sara Prestianni | CC BY 2.0
Vertreter von Kirche und Politik haben sich am Freitag in der Frage des Kirchenasyls verständigt. Demnach dürfen Kirchen vorerst bis zum Herbst Asylsuchenden wie bislang Zuflucht gewähren.


pro Medienmagazin

Kirchen dürfen nun bis Herbst 2015 wie bislang Flüchtlinge und Asylsuchende aufnehmen, wenn sie befürchten, dass diesen Menschen bei einer Abschiebung Menschenrechtsverletzungen drohen. Darauf haben sich die beiden großen Kirchen in Deutschland und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nach einem Spitzentreffen geeinigt. Die Tradition des Kirchenasyls „an sich“ wird seitens der Politik nicht in Frage gestellt.

In der Zeit bis zum Herbst wollen die Kirchen und das BAMF nun eine neue Zusammenarbeit bei Kirchenasylfällen erproben, teilten beide Kirchen mit. Dabei sollen Kirchenvertreter die Möglichkeit bekommen, Einzelfälle erneut vom Bundesamt überprüfen zu lassen, vorzugsweise noch bevor die betroffenen Personen in das Kirchenasyl aufgenommen werden. Für die Kommunikation sollen zentrale Ansprechpartner sowohl auf Seiten der Kirchen wie auch des BAMF benannt werden.

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Öffentliche Religion – religiöse Öffentlichkeit

Bild: KAS
Selten wird Religion in öffentlichen Räumen jenseits von Kirchenmauern und Äußerungen ihrer Repräsentanten so sichtbar wie in Kunst und Kultur. Dabei erkennen sie in ihrer Sensibilität für Brüche, Verborgenes und Unausgesprochnes oft Veränderungen in der Gesellschaft, bevor sich diese öffentliche manifestieren. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Auseinandersetzungen von Politik und Wissenschaft mit Religion. Stellungnahmen zu diesen Befunden finden Sie im vorliegenden Band.


Von Karlies Abmeier, Michael Borchard|Konrad-Adenauer-Stiftung

Öffentliche Religion(pdf)

Laizismus: Religion von Japan bis zum Libanon

napoleon_religionIn Deutschland haben die Kirchen immer noch großen Einfluss. Wie sieht es in anderen Ländern mit dem Verhältnis von Staat und Religion aus?


ZEIT ONLINE

Ich lebe seit vielen Jahren in Italien. Die Katholische Kirche mischt sich hier indirekt noch immer stark in politische Belange ein. Viele Abgeordnete definieren sich explizit als katholisch, weshalb sich zum Beispiel noch keine parlamentarischen Mehrheiten für eingetragene Lebensgemeinschaften oder Homo-Ehen gefunden haben, auch wenn die Bevölkerung mehrheitlich dafür ist. Dabei ist es außer in Einzelfällen nicht einmal so, dass die Kirche eine klare Abstimmungsempfehlung abgäbe, aber die Abgeordneten wissen eben, dass bestimmte Vorschläge von der Kirche nicht gutgeheißen werden, und stimmen folglich dagegen. Aber nicht nur auf der Ebene der Gesetzgebung kann einem der Katholizismus das Leben schwer machen. In einigen Regionen ist es zum Beispiel ein großes Problem, dass viele Frauenärzte aus Gewissensgründen keine Abtreibungen vornehmen und auch die Pille nicht verschreiben. Da wird das gesetzlich verbriefte Recht auf Abtreibung in einigen Fällen de facto außer Kraft gesetzt, weil die Verweigerer nahezu 100 Prozent der Ärzte stellen. Oder man findet zwar einen Arzt, der die Abtreibung vornimmt, aber keine Krankenschwester, die in den Stunden danach dazu bereit ist, mal nach dem Rechten zu gucken.
Gesine Althaus 

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Der Realitätsverlust in Politik und Kirche

Bild: pegida/FB, Screenshot:BB
Bild: pegida/FB, Screenshot:BB
„Warum hat man Angst vor der Angst der Demonstranten in Dresden?“


Von Hubert Windisch|kath.net

Der momentanen Aufregung in Politik und Kirche nach muss Pegida eine enorme Provokation für Deutschland sein. Man könnte meinen, der Leibhaftige selbst sei in Dresden am Werk, wenn man die teils aggressiven, teils gehässigen Äußerungen von Politikern, Kirchenleuten und Vertretern der Medien zu den Montagsdemonstrationen von Pegida hört oder liest. Dabei galt lange Zeit Politik à la BILD als unseriös, und die Kirche verstand sich in der Vergangenheit immer auch als kritische Instanz zum Staat und zu den Parteien. Wozu eine Empörungsallianz von Kirche und Staat heutzutage allerdings gegenüber Bürgern, die von einem Grundrecht Gebrauch machen, auf lächerliche Weise fähig ist, zeigt die populistische Aktion „Licht aus für den Kölner Dom“. Welch ein Mangel an Souveränität. Warum hat man Angst vor der Angst der Demonstranten in Dresden?

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Aiman Mayzek: „Die Religion wurde gekidnappt“

Aiman Mazyek (Bild: Wikimedia Commons/Jakub Szypulka)
Aiman Mazyek (Bild: Wikimedia Commons/Jakub Szypulka)
Aiman Mazyek wirbt seit Jahren unermüdlich für religiöse Toleranz. Angesichts des IS-Terrors und der „Pegida“-Bewegung ist das derzeit nicht eben eine leichte Aufgabe. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland.


Von Joachim Zinsen|Aachener Zeitung

Herr Mazyek, was war für Sie im ausgehenden Jahr das schönste Ereignis, die schönste Erfahrung?

Mazyek: Spontan fällt mir die Fußball-Weltmeisterschaft und insbesondere das Spiel Deutschland gegen Brasilien ein. Fünf Minuten nach dem Anpfiff begann auch das Fastenbrechen. Ich saß mit meiner Familie im Wohnzimmer vor dem Fernseher und wir bekamen die Bissen kaum herunter, weil ein Tor nach dem anderen fiel. Zur Halbzeit waren die Teller immer noch voll. Für mich war dieser Juli-Abend als Muslim und Fan der Nationalmannschaft ein doppelter Feiertag.

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Buddha brutal

Foto: fotolia/Santi
Für den Münchner Indologen Uwe Hartmann ist der Zen-Buddhismus ein besonders krasses Beispiel, wie Religion und Politik ineinander verschränkt sein können.


Von Thomas Klatt|ND

Im Buddhismus gibt es einen latenten Widerspruch zwischen seinem radikalpazifistischen Anspruch und buddhistischer Realpolitik. Insofern unterscheidet er sich nicht von anderen Religionen.

Im Kloster marschieren Kahlgeschorene in schwarzen Kutten in Reih und Glied, Gewehr geschultert, Augen geradeaus. Buddhistische Mönche begeben sich in Kasernen, um durch Zen-Meditation Offiziere für den Krieg zu stählen. Jugendliche werden als Kamikaze-Piloten in den sicheren Tod geschickt. Im Juli 1941 sammelt die Soto-Zen-Schule Spenden und schenkt der kaiserlichen Marine ein neues Kampfflugzeug mit dem Namen Soto Nr. 1!

Japan im Zweiten Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt sind die Hauptrichtungen des japanischen Zen, Shin, Soto und Rinzai, nicht nur staatstragend und kaisertreu, sondern sie liefern auch das ideologisch-religiöse Gerüst für die tapferen Soldaten. Für den Münchner Indologen Uwe Hartmann ist der Zen-Buddhismus ein besonders krasses Beispiel, wie Religion und Politik ineinander verschränkt sein können. »Wenn wir uns eine Religion anschauen, dann sehen wir die reine Lehre. Bei fremden Religionen unterschätzen wir dann völlig, dass da genau wie bei uns jede Menge Macht und Politik dahinter steht und dass jede Religion involviert ist in ein Umfeld«, sagt Hartmann.

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Osten misstraut Medien stärker als Westen

Bild: pegida/FB, Screenshot:BB
Bild: pegida/FB, Screenshot:BB
Das Vertrauen in die Medien ist erschreckend niedrig, weniger als die Hälfte der Menschen halten sie nach einer Umfrage für objektiv und unabhängig. Besonders ausgeprägt aber ist das Misstrauen im Osten Deutschlands.


Von Kurt Sagatz|DER TAGESSPIEGEL

Das Vertrauen in die Medien ist im Osten Deutschlands noch niedriger als in den westlichen Bundesländern. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag von “Zeit Online”. Während in der gesamten Bundesrepublik 47 Prozent der Befragten glauben, dass die Medien einseitig berichten und von der Politik gelenkt seien, halten im Osten sogar 55 Prozent die Berichterstattung für einseitig und gelenkt. 40 Prozent der Befragten in allen Bundesländern glauben dagegen an eine unabhängige und objektive Berichterstattung. Im Osten sind es nur 34 Prozent.

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„Was ist ein Salafist zwischen zwei Frauen? Eine Bildungslücke!“

Elferrat der Stunksitzung am 15.01.2011, Bild: wikimedia.org/Karl-Heinz Meurer
„Was ist ein Salafist zwischen zwei Frauen? Eine Bildungslücke!“ – Die Jecken der „Stunksitzung“ machen auch in dieser Session wieder Jagd auf die Dummheit in Politik, Alltag und jedweder Religion. Gut dreieinhalb Stunden lang – Pause inklusive – begeisterten sie am Donnerstag im E-Werk ihr Premierenpublikum.


Von Jürgen Schön|Koeln.de

Gleich zu Beginn wird das aktuelle Thema Flüchtlinge abgehakt – man will in Deutschland schließlich unter sich sein: In Hamburg ist die Reeperbahn zu gefährlich für Zuwanderer, in Berlin wird ihnen der neue Flughafen als Ziel empfohlen, in München hat man schon die Zelte vom Oktoberfest abgebaut, in Appelhülsen ist nicht mal mehr ein Bett im Kornfeld frei, und in Köln sieht man sie am Besten nicht in unserm Veedel.

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