Es gibt keine „reinrassigen“ Völker in Europa

Symbole verbinden: Apostel Paulus auf einem Pergament aus dem 9. Jh. / Bild: St. Gallen, Stiftsbibliothek
Die Kultur hielt europäische Völker seit dem Frühmittelalter zusammen, nicht deren Gene: Das beweisen nun Historiker und Genetiker. Demnach gab es keine „reinrassigen“ Völker.

Von Ronald Posch | Die Presse.com

Die Vorstellung, dass Völker biologische Einheiten sind, die sich durch gemeinsames Blut, Herkunft und Sprache auszeichnen, hielt sich lang, ob in der wissenschaftlichen oder der politischen Diskussion. „Das hieße aber, dass Völker so etwas wie Lebewesen sind, die einen eigenen Charakter haben und dazu bestimmt sind, miteinander zu leben oder unterzugehen“, sagt Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Wittgenstein-Preisträger.

Pohl und ein internationales Team aus Historikern und Genetikern bewiesen nun in einem von der Europäischen Union geförderten ERC-Projekt mit historischen und naturwissenschaftlichen Methoden, dass das nicht stimmt.

Fünf Jahre lang untersuchten die Forscher, welche ethnischen und politischen Gemeinschaften nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches (476 n. Chr.) entstanden. Sie verglichen historische Texte und bereits existierende genetische Untersuchungen. Zudem nahmen sie selbst Hunderte Genproben aus mitteleuropäischen und italienischen Gräberfeldern.

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„Wir können den Terror nicht ohne die Religion erklären“

 (Photo by Warrick Page/Getty Images)
(Photo by Warrick Page/Getty Images)
Der Psychologe Ahmad Mansour erklärt im Interview, warum die Politik bislang kein Konzept für den Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen hat – und welche Schuld die Islamverbände trifft.

Das Interview führte Anna Sauerbrey | DER TAGESSPIEGEL

Herr Mansour, zu dem Zeitpunkt, zu dem wir sprechen, ist noch nicht viel über den Täter von Nizza bekannt. Bislang gibt es keine konkreten Hinweise, dass er Teil eines islamistischen Netzwerkes war – auch wenn der IS ihn als einen seiner „Soldaten“ reklamiert. Rechnen Sie mit einem Einzeltäter?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das noch Spekulation – aber allgemein gesprochen, ja, wir werden immer wieder Einzeltäter sehen. Ob sich jemand entscheidet, das allein zu machen oder Anschluss an eine Gruppe sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab, aber auch von den Möglichkeiten. Wenn – wie in Frankreich – Notstandsgesetze in Kraft sind und die Sicherheitsbehörden besonders aufmerksam und präsent sind, bleibt praktisch nur noch die Möglichkeit, es allein zu tun.

Bislang ist nicht einmal geklärt, ob er überhaupt radikalisiert war. Seine Nachbarn beschreiben ihn als nicht religiös. Dafür stand er kurz vor der Scheidung, war wegen Gewaltdelikten verurteilt. Ein Nachbar sagte „Le Monde“, dem seien sicher einfach „die Sicherungen durchgebrannt“. Auch der Attentäter von Orlando, Omar Mateen, wurde von seiner Ex-Frau als psychisch krank und labil beschrieben. Wie viel Psychopathologie steckt im Terror?

Terroristen sind immer labil. Aber wir können auch bei Omar Mateen nicht nur von Labilität reden. Ein labiler Mensch würde Selbstmord begehen. Warum entscheidet man sich, stattdessen 50 Menschen, die in einem Club feiern, zu ermorden? Diese Aggressivität, mit der man wahllos Menschen ermordet, kann man nur mit einer Ideologie erklären. Diese Ideologie müssen wir benennen.

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Hannah Arendt: Was es heißt, fremd zu sein

Hannah Arendt. Foto: imago stock&people
Hannah Arendt zu lesen, macht es leichter, die Gegenwart zu verstehen. Jetzt in einer Sonderausgabe des „Philosophie Magazins“ abgedruckt: Der Text „Wir Flüchtlinge“. Sein erster Satz: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt.“

Von Dirk Pilz | Frankfurter Rundschau

Sie gilt noch immer als Außenseiterin, dabei gehört sie längst zu den zentralen Figuren des 20. Jahrhunderts. Und hat wie wenige sonst gezeigt, dass es keine Philosophie gibt, die nicht politisch wäre, will sie nicht „weltlos“ sein. Sie hat aber auch beschrieben, wie gefährlich die Verwandtschaft von Philosophie und Politik, von Denken und Handeln ist.

Hannah Arendt hat in ihren Schriften immer die umstrittenen Fragen der Gegenwart verhandelt, weil sie nie den Kontakt zu den harten Fakten verloren hat. Es sind Fragen nach der Rolle der Arbeit in der Moderne (die Erfüllung verspricht, aber gerade nicht erfüllend ist), nach der Charakteristik totaler Herrschaft, nach dem Bösen, den Menschenrechten, dem Einzelnen in der Masse und der Frau in einer männerdominierten (Geistes-)Geschichte.

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Nahda-Partei in Tunesien: Die neuen Islamdemokraten

In einer neuen Umfrage sprechen sich mehr als 70 Prozent der Tunesier für die Trennung von Religion und Politik aus. (Bild:Zoubeir Souissi / Reuters)
Können Islamisten Religion und Politik trennen? Die moderat islamistische Nahda-Partei will es versuchen. Und hofft so zu einer modernen Volkspartei zu werden. Doch der Plan birgt eine Gefahr.
 

Von Annette Steinich | Neue Zürcher Zeitung

Auf ihrem zehnten Parteitag hat sich die tunesisch-islamistische Nahda entschieden, ihre religiöse und zivilgesellschaftliche Arbeit von der Politik zu trennen. Damit will sich die Nahda nach christlichdemokratischem Vorbild weiter in Richtung moderne, demokratische Volkspartei entwickeln.

Der für fünf Jahre wiedergewählte Parteivorsitzende Rachid al-Ghannouchi erklärte vor den mehr als tausend Delegierten: «Wir wollen die Religion aus den politischen Kämpfen heraushalten.» Nahda habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Der 74-Jährige beschwor den tunesischen Nationalstolz und mahnte zu nationaler Einheit: «Der tunesische Staat ist unser Schiff, in dem alle tunesischen Männer und Frauen sitzen, ohne Ausnahme oder Ausgrenzung.»

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Richterbund: „Das deutsche Recht ist im Sinkflug“

grundgesetz

Die Politik beuge Gesetze und die Bevölkerung orientiere sich an selbst gestrickten Vorstellungen von Gerechtigkeit, meint Jens Gnisa, Chef des Richterbunds. Er sieht schwarz für die deutsche Justiz.

Von Hannelore Crolly | DIE WELT

Kürzlich wagte sich der Richter Jens Gnisa in eine heikle Talkrunde von Frank Plasberg. Die „Hart aber fair“-Sendung rang um die Frage, wann eigentlich Gerichtsurteile gerecht sind. Wie ein Gericht junge Raser, die bei illegalen Autorennen Menschen getötet haben, mit Bewährung heimschicken kann. Wieso ein folgenloser Überfall mit Schreckschusspistole womöglich weit schärfer bestraft wird als ein Einbruch mit Verwüstungen, die die Opfer nachhaltig traumatisieren. Und grundsätzlich: Wie es so weit kommen konnte, dass jeder zweite Deutsche laut einer Allensbach-Umfrage unsere Justiz als zu lasch empfindet.

In der TV-Debatte ging es, ganz gemäß dem Motto, hart zur Sache. Ein Opfervater warf Gnisa und seinen Richterkollegen indirekt vor, den Wert eines Menschenlebens zu gering einzuschätzen. Ein Polizeigewerkschaftler stellte infrage, ob noch alle Urteile „im Namen des Volkes“ gesprochen werden dürften. Doch wirklich verblüfft, ja erschreckt hat Gnisa erst das, was nach der Sendung folgte.

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Klimaforscher Latif: „Den Herrschenden geht es nur um ihren Vorteil“

Die großen Konzerne fühlen sich für das Gemeinwohl nicht mehr verantwortlich, beklagt Klimaforscher Mojib Latif. Foto: Picture Alliance/Sven Simon
Der renommierte Klimaforscher Mojib Latif gehört zu den angesehensten Experten des derzeit in Wien laufenden Kapitalismustribunals. Mit dem Greenpeace Magazin sprach er über die Macht der Wenigen, die sich auf Kosten der Natur bereichern – und die Unfähigkeit der Politik, Regeln zu setzen.

Kristian Lüders | greenpeace magazine

Warum unterstützen Sie das Kapitalismustribunal?

Weil es Kunst ist. Und die muss provozieren und innovativ sein. Ich denke es ist gut, den Kapitalismus zu hinterfragen. Das Tribunal deckt die Schwächen und Stärken des Wirtschaftsystems auf.

Eine zentrale Frage des Kapitalismustribunals lautet:  Was darf in einer Ökonomie der Zukunft nicht mehr geschehen?  Wie lautet Ihre Antwort?

Bei uns steht schon im Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. Der Leitgedanke einer Wirtschaftsordnung sollte sein, dass man tatsächlich Verantwortung übernimmt für seine Mitmenschen. Eigentlich ganz einfach. Nur leider ist es im Moment im Kapitalismus so, dass viele dieses Gemeinwohl überhaupt nicht mehr im Blick haben. Nehmen Sie große internationale Konzerne wie Starbuck’s, die zusehen, dass sie keine Steuern zahlen. Die fühlen sich für das Gemeinwohl einfach nicht mehr verantwortlich. Und das ist der Kern des Problems, um den es gehen muss!

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Dodo Lütz sieht Gott grammatikalisch im Futur II

Manfred_LützDer Einstieg ist vielversprechend. Manfred Lütz geht es darum, die Menschen wieder ungläubig werden zu lassen. Sonst würde sein Vortrag über „Die Werte, die Wahrheit und das Glück“ wenig Sinn machen: Wenn das reichlich vorhandene Publikum im Pfarrsaal von St. Peter und Paul bereits restlos mit sich, Gott und der Welt im Einklang wäre. „Stellen Sie sich vor, Sie wären Atheist“, lockt der 62-jährige Rheinländer, und beruhigt die anwesenden Gläubigen wieder: „Am Ende des Vortrags können Sie wieder Christ werden.“

Von Uwe Eichler | MAIN POST

Aber auch Atheisten und Agnostiker dürfen entspannen: Es ist kein eifernder Laienprediger, der hier auf Einladung von Pfarrer Frank Sommerhoff durch einen ebenso amüsanten wie informativen Abend führt, rund um die zentrale Frage: „Existiert Gott, oder existiert er nicht?“ Am Pult steht ein hochkarätiger katholischer Theologe, lange Zeit Hausarzt des „Deutschen Friedhofs“ des Vatikan, nunmehr Leiter der Psychiatrischen Klinik der Alexianer in Köln. Außerdem Kirchenkabarettist und Autor von Büchern wie „Irre! Wir therapieren die Falschen“, „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ oder eben „Gott.

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Franz: „Wir haben herzlich wenig für Frauen getan“

Papst Franziskus fordert mehr Einsatz für Frauenrechte. / Bild: (c) Youtube Screenshot/Vatikan
Der Papst kritisiert in einer Videobotschaft den mangelnden Einsatz für Frauenrechte. Franziskus verurteilt sexuelle Gewalt gegen Frauen.

Die Presse.com

Papst Franziskus hat einen mangelnden Einsatz für die Rechte von Frauen angeprangert. „Wir haben herzlich wenig für Frauen getan, die sich in schweren Lagen befinden, wo sie verachtet, an den Rand geschobenen und sogar ins Sklaventum herabgesetzt sind“, sagt der Papst laut Kathpress in einer am Dienstag veröffentlichten Videobotschaft.

Es reiche nicht aus, den Beitrag von Frauen in allen Bereichen nur festzustellen. Franziskus verurteilt in dem Video sexuelle Gewalt gegen Frauen. Zudem fordert er mehr Einfluss für sie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Hindernisse auf diesem Weg müssten beseitigt werden.

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Von Könner bis Quacksalber

Ruben Pfizenmaier (Hg.) Auf dem Markt der Experten Illustrationen von Malte Grabsch Verlag: Edition Büchergilde, Frankfurt M. 2016 ISBN: 9783864060649
Ruben Pfizenmaier (Hg.)
Auf dem Markt der Experten
Illustrationen von Malte Grabsch
Verlag: Edition Büchergilde, Frankfurt M. 2016
ISBN: 9783864060649

Experten sind anscheinend allgegenwärtig. Kaum eine Nachrichtensendung, Talkshow, Sportübertragung oder Dokumentation, in der nicht Terrorismus-, Wirtschafts-, Börsen- oder Sportfachleute zu Wort kommen.

Von Martin Schneider | Spektrum.de

Sie erklären Hintergründe, Zusammenhänge und wagen Prognosen. Fitness-, Ernährungs- und Glücksexperten raten uns, wie wir unser persönliches Wohlbefinden steigern können. Die Medien geben ihnen gern ein Podium und beeinflussen damit die Meinungen der Bürger. Doch wer kommt hier eigentlich zu Wort, wer erhält das Etikett „Experte“? Benötigen wir solche Menschen wirklich, oder spiegelt ihre Präsenz unsere Überforderung in einer immer komplexer werdenden Welt?

Diesen Fragen geht das vorliegende Buch nach. Es entstand in einer Kooperation des Verlags mit dem Studiengang für Angewandte Literaturwissenschaft der FU Berlin und versammelt 16 Beiträge. Die Autoren stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Journalismus, Philosophie, Politikwissenschaft oder Verlagswesen. Seltsamerweise haben es nur 15 Beiträge ins Inhaltsverzeichnis geschafft – der 16., ein Text über Expertentum im Fußball, wurde offensichtlich übersehen.

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Gemeinwohl und Seelenheil sind zweierlei

Kuba ist zwar kein demokratischer Rechtsstaat, die Gefahr einer Verschmelzung von Politik und Religion besteht aber gewiss nicht – auch wenn die im Bild festgehaltene Begegnung des kubanischen Präsidenten Raúl Castro mit Papst Franziskus in Holguín im September 2015 es einen Augenblick lang suggerieren mag. (Bild: Tony Gentile / Reuters)
Für die Trennung von Religion und Politik in liberalen Demokratien gibt es verschiedene Modelle. Der Politikwissenschafter Ahmet Cavuldak zeichnet sie in einer Studie historisch und systematisch nach

Von Hans Maier | Neue Zürcher Zeitung

Staat und Kirche bilden keine Einheit, Religion wird nicht politisiert und Politik nicht «vergeistlicht» – das unterscheidet den Westen von den Gottesstaaten und Sakralreichen, die sich in der heutigen Welt ausbreiten. Seit Zaccaria Giacomettis Klassiker, den «Quellen zur Geschichte der Trennung von Staat und Kirche» (1926), hat sich kaum mehr ein Autor die systematische Darstellung der Trennungssysteme der modernen westlichen Staaten zugetraut. Der Politikwissenschafter Ahmet Cavuldak, Schüler von Peter Graf Kielmansegg und Herfried Münkler in Berlin, wagt es nun in einer neuen Studie. Er kommt mit seiner opulenten Dissertation schon im Umfang nahe an die siebenhundertdreissig Seiten des verdienten Zürcher Rechtsgelehrten heran.

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Die Armen in Deutschland – dem Tod so nah

Bild: heise.de
Politik und Gesellschaft begegnen den Gestrauchelten oft voller Abscheu. Jeden Tag frisst sich die Armut ein Stück weiter und tiefer in die Armen und Ärmsten, bis von ihrem Menschsein nur noch ein Stück Elend übrig ist (Selber schuld: Arm, kränker und früher Tod). Und an diesem Stück Elend ergötzen sich dann Teile der Gesellschaft. Sie schütteln und rütteln die Armen und setzen sie einer symbolischen Gewalt aus, die in ihrer Brutalität der Gewalt des Straßenschlägers, der seinem wehrlosen Opfer noch an den Kopf tritt, kaum nachsteht. Seit vielen Jahren findet eine geradezu schizophrene Politik Anwendung, die, bei Lichte betrachtet, Armut zu bekämpfen versucht, indem sie Armut noch weiter verstärkt.

Von Marcus Klöckner | TELEPOLIS

An einem regnerischen Januarabend 2016: Ein Auto fährt auf einer der langen Hauptstraßen stadteinwärts. Im Scheinwerferlicht ist ein Mensch zu erkennen, der rechts auf dem Fahrradweg liegt. Drei Meter hinter ihm ein Fahrrad, ein Meter seitlich davon ein Rucksack. Der Autofahrer fährt langsamer, schaut sich die Szene genauer an und kommt zu dem Schluss: Der Mann mit dem Fahrrad ist gestürzt. Der Autofahrer hält auf Höhe des Mannes an, lässt die Seitenscheibe seines Fahrzeugs runter und fragt: „Alles in Ordnung, brauchen Sie Hilfe?“

Innerhalb von wenigen Sekunden wird klar, was schon auf den ersten Blick aus etwas Entfernung vermutet werden konnte: Der Mann Ende 40, Anfang 50, der mittlerweile auf dem Boden sitzt, dürfte kaum zur Bourgeoisie des Landes gehören. Ein dicker, verwaschener Kapuzenpullover, eine Jeans, die schon lange nicht mehr parketttauglich ist, ein altes Mountainbike, das für die Körpergröße des Mannes eine Nummer zu klein ist und ein Rucksack, der bei genauerer Betrachtung wohl seine eigene Geschichte erzählen würde. „Nein“, sagt der Mann. „Alles in Ordnung. Geht schon.“

„Was ist los?“, fragt der Autofahrer. Gestürzt sei er, antwortet der Mann. Die Kette seines Fahrrads sei beim Schalten übersprungen, dann habe es ihn vom Fahrrad gehauen. Beim Versuch aufzustehen, sei ihm der Kreislauf weggesackt, aber nun gehe es.

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„Religionspolitik nicht länger vernachlässigen“

coexist

Nach Anti-Islam-Äußerungen der AfD: Politikwissenschaftler Ulrich Willems mahnt die übrigen Parteien, religionspolitische Debatten und Entscheidungen nicht länger zu vermeiden. Man solle „in der Bevölkerung Verständnis für Religionsvielfalt wecken“.
 

hpd.de

Angesichts der Anti-Islam-Äußerungen der AfD sollten sich die herkömmlichen Parteien nach Einschätzung von Politikwissenschaftlern dringend dem „lange vernachlässigten Feld der Religionspolitik“ zuwenden. „Wir haben ein hohes Niveau der Polarisierung erreicht, die Verschärfung war lange vorherzusehen. Jetzt sollten endlich alle Parteien eine offene und sachliche Debatte über die Rolle der christlichen Kirchen, des Islams und anderer religiöser Minderheiten sowie der Konfessionslosen führen“, sagt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster.
„Wir brauchen auch differenzierte Gespräche darüber, ob sich das Modell einer engen Staat-Kirche-Kooperation noch eignet, um den religiösen Mehr- und Minderheiten gleichermaßen Religionsfreiheit zu gewähren. Bislang sind sich die Gruppen sogar oft innerhalb der herkömmlichen Parteien nicht einig.“

Der Wissenschaftler kündigte eine neue öffentliche Reihe „Religionspolitik heute“ des Exzellenzclusters und des Centrums für Religion und Moderne (CRM) der WWU mit Vorträgen und Podien ab dem 10. Mai in Münster an, die eine differenzierte Debatte über religionspolitische Grundsatzfragen und aktuelle Konflikte und Lösungswege stärken will. „Wir ziehen auch internationale Beispiele heran, da andere Länder in der Religionspolitik weiter sind als Deutschland“, so Prof. Willems. „Die Ringvorlesung bringt gezielt Wissenschaft, Politik, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften ins Gespräch. Der Exzellenzcluster stellt mit seiner Wissenschaftskommunikation seit Jahren seine Expertise in aktuellen Fragen öffentlich zur Verfügung.“

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Weltkirchenrat verlangt Beendung von Aids-Epidemie bis 2030

Der Weltkirchenrat hat von den Regierungen mehr finanziellen und politischen Einsatz verlangt, um die Aids-Epidemie bis zum Jahr 2030 zu beenden.

evangelisch.de

Der anstehende UN-Gipfel im Juni müsse dem Kampf gegen die tödliche Immunschwächekrankheit neuen Schub geben, verlangte der Ökumenische Rat der Kirchen am Dienstag in Genf.

Vertreter des ÖRK wollen sich auf einem Treffen am Mittwoch in New York für die Formulierung einer weitreichenden Erklärung einsetzen, die auf dem Gipfel verabschiedet werden soll. In der Erklärung sollten klar messbare Ziele formuliert werden, die in den nächsten 15 Jahren zu erreichen sind: Keine Infektionen bei Neugeborenen mehr, keine weiteren Todesfälle, ein Ende der Stigmatisierung und Diskriminierung der Infizierten.

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Althaus: „Religion muss politisch sein, weil es um den Menschen geht“

Dieter Althaus, ehemaliger Ministerpräsident Thüringens – RV
Religion muss politisch sein, weil es um den Menschen geht. Das sagt Dieter Althaus im Gespräch mit Radio Vatikan. Der ehemalige Ministerpräsident Thüringens und Mitglied im ZdK war an diesem Mittwoch zu einer Buchvorstellung gemeinsam mit Kardinal Luis Antonio Tagle in Rom, in dem Buch geht es um das Verhältnis von Religion und Politik.

Radio Vatikan

In seinem eigenen Bundesland hat die AfD gerade einen Antrag in den Landtag eingebracht, der christliche vor muslimischen Flüchtlingen schützen soll, so die Begründung. Das heiße, Religion zu instrumentalisieren und die Ängste, Probleme und Überzeugungen von Christen zu nutzen, um sie gegen andere auszuspielen, urteilt Althaus. „Das ist verwerflich. Politik soll darauf achten, dass sie das, was aus dem Glauben, aus der christlichen Überzeugung heraus wächst – Werte, Überzeugungen – nutzt, um Gesellschaft und Gemeinschaft zu bilden, nicht um sie zu trennen.“ Religion selber wolle ebenfalls ein-, nicht ausschließen; um Religion gehe es also gar nicht in diesem Antrag. „Und zweitens hat es nicht mit der Wirklichkeit zu tun, weil unsere Aufgabe in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein wird, durch einen guten interreligiösen Dialog und einen Dialog mit allen, denen es wichtig ist, Gesellschaft zu gestalten, eine Plattform zu entwickeln, in der eine multi-religiöse, multi-ethnische, multi-wertehafte Struktur wachsen kann.“

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Schäuble kritisiert Politisierung der Protestanten

© Jens Gyarmaty Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble
Wolfgang Schäuble kritisiert die Evangelische Kirche für ihre Einmischung in Politik und Wirtschaft – und wirft Martin Luther Intoleranz vor.

Von Jan Grossarth|Frankfurter Allgemeine

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat anlässlich des anstehenden Reformationsjubiläums deutschen Protestanten eine einseitige Politisierung vorgeworfen. Das wirke „schal“, wenn der spirituelle Kern verlorengehe, meint Schäuble – und führe seiner Beobachtung zufolge auch dazu, dass „Christen mit abweichenden politischen Ansichten ausgeschlossen“ würden. Das schreibt Schäuble (CDU) in einem Gastbeitrag für die neueste Ausgabe der Fachzeitschrift „Pastoraltheologie“. Welche Christen die Meinungsäußerung welcher Christen ausschlössen, konkretisierte Schäuble nicht. So nannte er nicht genau, auf welche kirchlichen Gruppen oder Organisationen er anspielte.

In politischen Debatten, etwa über die Flüchtlings- oder Wirtschaftspolitik, bringen sich entschieden vor allem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und Landeskirchen ein. Sie vertreten Positionen, die dem politisch linken Spektrum zugeordnet werden können. Die ehemalige Ratsvorsitzende Margot Käßmann tritt als Pazifistin auf, in Erinnerung ist ihr Satz von 2010, „nichts ist gut in Afghanistan“. Erst kürzlich sprach sie sich wieder dafür aus, dass Deutschland das Militär abschaffe, „wie etwa Costa Rica“.

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US-Wahlen: Lieber einen Muslim als Präsident, als einen Atheisten

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Religion und Politik vermischen sich in den USA wie wohl nirgends sonst in der westlichen Welt. Aber auch hier ändern sich die Einstellungen – wenn auch langsam.

DTJ-Online

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg ins Weiße Haus ist bis heute die Ungläubigkeit eines Kandidaten. Deutlich mehr US-Amerikaner halten Atheismus oder Agnostizismus für einen gravierenden Makel als zu viel öffentlich zur Schau gestellte Frömmigkeit. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten (51 Prozent) sagten den Meinungsforschern in einer aktuellen Studie des renommierten Pew Research Center, das Eingeständnis eines Kandidaten, nicht an Gott zu glauben, mache ihn weniger wählbar.

Im Vergleich dazu hätten weniger, nämlich 42 Prozent der US-Amerikaner, Bedenken, einen Muslim ins Weiße Haus zu wählen und 20 Prozent einen evangelikalen Christen. Wenn die Demoskopen die rund 2.000 Teilnehmer der Studie umgekehrt danach befragten, wie wichtig der Glaube eines Kandidaten für die Wahlentscheidung ist, bestätigt sich der traditionell hohe Stellenwert der Religion im politischen Diskurs der USA. Mit Gott in den Wahlkampf zu ziehen, ist weiterhin ein großes Plus.

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Judentum: „Es gibt No-go-Areas“

© Bild: Andreas Gregor
Am heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus spricht Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Landtag von Sachsen – dem Bundesland, in dem Pegida und die AfD besonders stark sind. Im Interview mit katholisch.de spricht Knobloch über das Holocaust-Gedenken, Antisemitismus unter Deutschen und Migranten sowie die Gefahr durch Pegida.

Von Gudrun Lux|katholisch.de

Frage: Frau Knobloch, der 27. Januar ist auch 71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ein schmerzlicher Gedenktag. Sehen Sie diesen Tag aktuell in Deutschland genug gewürdigt?

Knobloch: Zunächst hat das Gedenken vor allem in den einzelnen jüdischen Gemeinden stattgefunden – obgleich der 27. Januar eigentlich nicht der Gedenktag für die jüdischen Gemeinden ist. Das ist der Jom Haschoa. Der 27. Januar ist der Gedenktag, den sich die Gesamtgesellschaft zur Aufgabe gemacht hat. Ich war nach diesen Anfängen sehr überrascht und bin heute fast euphorisch: Ich finde, dieser Tag hat sich – auch über Deutschland hinaus – sehr etabliert. Auch die Vereinten Nationen spielen da eine wichtige Rolle, sie haben den 27. Januar ja 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.

Frage: Wie schätzen Sie allgemein die Erinnerungskultur an die Opfer der Shoa in Deutschland ein?

Knobloch: Ich habe den Eindruck, dass es insgesamt kaum Routineveranstaltungen sind, sondern wirklich Veranstaltungen, die Menschen bewegen. Vorhin war ich in einer Schule zu Gast, und es berührt mich, wie interessiert und einfühlsam die jungen Menschen fragen. Diese Schule hat den 27. Januar zum Anlass genommen, sich mit dem Judentum in Deutschland zu beschäftigen. Und da gibt es ja nicht nur den Holocaust, sondern auch die Zeit davor, als in Politik, Wissenschaft, Kunst, Kultur und Wirtschaft jüdische Menschen eine große Rolle gespielt haben und sich auch für das Land Deutschland verantwortlich sahen. Das gerät durch die furchtbare Geschichte oft in den Hintergrund. Ich empfehle sehr, das jüdische Leben in Deutschland in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht auf den Holocaust zu reduzieren.

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Vergesst eure Leitkultur!

© AP Kulturnation ohne Leitkultur? Goethe- und Schillerdenkmal in Weimar
Propheten rechts, Propheten links: Eine offene Gesellschaft kann gar keine Mitte haben und braucht deswegen auch keine nationale Gesinnungslehre. Es ist höchste Zeit, die Chimäre der Leitkultur zu entsorgen.

Von Hans-Georg Soeffner|Frankfurter Allgemeine

Alle pluralen, offenen Gegenwartsgesellschaften sind geprägt durch das Spannungsverhältnis zwischen Religion und dem Säkularismus der Moderne. Im Hinblick auf die Entstehung dieses Spannungsverhältnisses und seine Folgen ist Europa besonders: Verglichen mit allen anderen Weltregionen, ist es eine säkulare Insel. Es nimmt diese Sonderstellung deutlich erkennbar auch gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika ein, deren Bevölkerung sich, wie alle Umfragen zeigen, eine erheblich höhere religiöse Bindung zuschreibt, als dies die Gesellschaften Mittel- und Nordeuropas tun.

Hinzu kommt, dass wir uns als Europäer trotz unserer Einsicht noch immer nicht von unserer Eigenperspektive gelöst haben: Für uns stehen das aus der europäischen Aufklärung hervorgehende „Projekt der Moderne“, der mit ihm verbundene säkulare Verfassungsstaat und die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, die Idee rechtlicher Freiheit und Gleichheit, in deren Zentrum wir das Individuum sehen, für eine vernunftbasierte Vorstellungswelt. Diese, so glauben wir, muss letztlich von allen Menschen geteilt werden. Aus dieser Sicht kommt es uns nicht einmal in den Sinn, dass die Ausgestaltung unserer Vorstellungswelt – die westliche Demokratie als Politik-, Rechts- und Wirtschaftssystem – für weltanschaulich (religiös und kulturell) anders grundierte Gesellschaftsentwürfe nicht Gegenstand der Bewunderung sein muss, sondern durchaus ein Ärgernis darstellen könnte.

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Terrorwarnung von München war heiße Luft

Alle Warnungen stammten aus seiner Quelle, so der Spiegel. Haben nicht nur in Köln, sondern auch in München Polizei und Politik die Lage falsch eingeschätzt?

Von Florian Rötzer|TELEPOLIS

Es wurde still um die angebliche Terrorwarnung für München. Weil sie auch von einem französischen Geheimdienst am Nachmittag geäußert wurde, wurde beschlossen, den Hauptbahnhof und den Bahnhof in Pasing zu sperren, die Polizei forderte die Menschen auf, Menschenmengen zu meiden.

Gelegentlich wurde geäußert, dass die Polizei in München alles gut im Griff hatte, während man diejenige in Köln kritisierte, wo es keine Terrorwarnung gab, sondern junge Männer vermutlich arabischer oder nordafrikanischer Herkunft teilweise alkoholisch enthemmt oder auch organisiert gewalttätig wurden. Die Polizei von Köln und die Bundespolizei wurden davon offensichtlich überrascht, beide waren unterbesetzt, zudem wurde zunächst versucht, die Öffentlichkeit über die Vorgänge und die Täter hinters Licht zu führen. Der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger zog daher die Reißleine und beurlaubte als Bauernopfer den Polizeipräsidenten von Köln.

Aber haben die Sicherheitsbehörden in München tatsächlich richtig gehandelt? Zumal sich ziemlich schnell herausstellte, dass es keinerlei Hinweise auf die angeblichen Terroristen gab, die sich in München aufhalten sollten (Bislang keine Hinweise, die die Terrorwarnung in München bestätigen)? Kurz zuvor hatte es in den USA eine Terrorwarnung gegen Schulen in New York und Los Angeles gegeben. Während die Polizei in Los Angeles alle Schulen schloss, vermutlich weil kurz davor das Massaker in San Bernardino stattgefunden hatte, reagierte man in New York, weil die Drohung unglaubwürdig war. Zu Recht, wie sich später herausstellte.

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Frankreichs Ex-Premier will Verstoß gegen Laizität strafbar machen

laiciteJuppé fordert von Muslimen Respekt republikanischer Werte

DIE WELT

Der frühere französische Premierminister Alain Juppé will Verstöße gegen das Prinzip der Trennung von Politik und Religion im öffentlichen Dienst strafbar machen. Die Laizität „garantiert die Religionsfreiheit“, doch verlange sie im Gegenzug „den Respekt der grundlegenden Prinzipien der Republik, die Vorrang vor allen religiösen Prinzipien haben“, sagte der konservative Politiker der Sonntagszeitung „Journal du dimanche“. Als Beispiel nannte Juppé die Notaufnahme im Krankenhaus, wo Patienten „nicht ablehnen dürfen, dass ein männlicher Arzt sie behandelt“.