„Die Religionspolitik in Deutschland ist konzeptlos“

Neuer Übersichtsband „Religionspolitik heute“ vereint erstmals religionspolitische Positionen aus Wissenschaft, Politik, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften – Beiträge zu religionspolitischen Grundsatzfragen, aktuellen Konflikten und Lösungsmöglichkeiten – „Moscheebau, Kopftuch, Kruzifix, Arbeitsrecht, Antisemitismus: Wir sollten nicht mehr unvorbereitet in Konflikte stolpern“ – „Bevölkerung nicht auf religiöse Vielfalt vorbereitet – Mehr offene Gesprächsformate wie Deutsche Islam Konferenz Ende November“
Viola van Melis Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werfen der Politik in Deutschland „Konzeptlosigkeit“ im Umgang mit religionspolitischen Konflikten vor. „Ob Moscheebau, Kopftuch oder Kruzifix, kirchliches Arbeitsrecht, Schächten oder Beschneidung: Die Politik reagiert vielerorts konzeptlos, wenn es Streit um die Rechte, Symbole und Praktiken von Religionsgemeinschaften gibt – ohne erkennbare politische Ideen, wie sich religiöse Interessen konstruktiv aushandeln lassen“, kritisieren die Herausgeber des neuen Übersichtsbandes „Religionspolitik heute. Problemfelder und Perspektiven in Deutschland“, der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Willems und die Publizistin Viola van Melis vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU und der Historiker Dr. Daniel Gerster vom Centrum für Religion und Moderne. „Im Konfliktfall werden immer wieder Gerichte angerufen. Damit wurden zwar viele Einzelfälle entschieden, aber es wurden nicht dahinterliegende Grundkonflikte behandelt.“

Das im Herder Verlag erschienene Buch vereint erstmals in dieser Form religionspolitische Positionen und Analysen aus Wissenschaft, Politik, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und bietet Überblickswissen zum lange vernachlässigten Politikfeld Religionspolitik. „Damit wollen wir Debatten anregen und helfen, weniger unvorbereitet in religionspolitische Konflikte zu stolpern.“ Offene Gesprächsformate zu konkreten Fragen des Miteinanders wie die neu konzipierte Islam Konferenz Ende November in Berlin seien richtig, dürften sich aber nicht auf die Bundesebene und wenige Termine im Jahr beschränken. „Schließlich müssen wir längst Anhänger religiöser Minderheiten wie Juden und Muslime in vielen Städten auch vor Gewalt schützen.“

Die 32 Buchbeiträge beleuchten aktuelle religionspolitische Konflikte und Lösungsmöglichkeiten sowie Grundsatzfragen aus historischer, systematischer, normativer und internationaler Sicht. Es geht um Konfliktthemen wie Moscheebau, Burka, Blasphemie und Beschneidung ebenso wie um Religionsfreiheit, Körperschaftsstatus und Religionsfragen im Arbeits-, Sozial- und Medienrecht. Die religionspolitischen Positionen der deutschen Parteien sind ebenso nachzulesen wie Positionen im Ausland. „Die Vorstellungen, wie Religionspolitik in Zukunft aussehen soll, liegen teils so weit auseinander, dass Deutschland ohne breite Diskussionen nicht auskommen wird“, so die Herausgeber. Das zeige im Buch die Bandbreite an Einschätzungen aus verschiedenen Fächern sowie an kontroversen Interessenbekundungen aus Parteien und Religionsgemeinschaften. Schon jetzt werde der Ruf nach Reformen lauter: „Lobbyisten muslimischer Gruppen fordern erheblich selbstbewusster als vor wenigen Jahren Zugang zu denselben Ressourcen wie die christlichen Kirchen. Zugleich lehnt eine religionskritische Öffentlichkeit vernehmlich religiöse Praktiken wie das Kopftuchtragen oder die Beschneidung ab.“ Umfragen zeigten, dass sich die Bevölkerung bis heute nicht „an den Wandel von einer christlich homogenen zur religiös heterogenen Gesellschaft“ gewöhnt habe. Entscheidend seien entemotionalisierte Debatten. Als Vorbild nennen die Herausgeber Kanadas Provinz Québec, die mit den Philosophen Charles Taylor und Gérard Bouchard einen landesweiten Diskurs zur Religionspolitik in Gang setzte.

Befunde aus dem Überblicksband „Religionspolitik heute“

Benachteiligungen in der Religionspolitik: Das Spektrum an Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ist heute so breit wie nie zuvor in der deutschen Geschichte. Vor diesem Hintergrund wachsen seit Jahren religionspolitische Herausforderungen und Polarisierungen, wie die Herausgeber in den ersten beiden Buchbeiträgen skizzieren. Sie liefern Überblickswissen über Grundzüge und aktuelle Ausrichtungen der deutschen Religionspolitik sowie zur Entwicklung der religiösen Landschaft in den vergangenen Jahrzehnten. In deutschen Metropolen seien vor allem durch Migration teils mehr als 200 Religionsgemeinschaften anzutreffen. „Eine weitgehend homogen christlich-kirchlich geprägte Religionslandschaft, wie sie die 1950er-Jahre prägte, ist längst passé.“ Die Herausgeber kritisieren eine Bevorzugung der christlichen Kirchen. Die rund vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime und die wachsende Gruppe der Konfessionslosen würden angesichts einer „religiös-christlich-großkirchlichen Schlagseite“ benachteiligt, so Politikwissenschaftler Ulrich Willems. „Eine Integration des Islams in die religionspolitische Ordnung der Bundesrepublik findet vor allem als Fundamentalismus-Prävention statt: beim islamischen Religionsunterricht und der islamischen Theologie an Universitäten.“ Während der Staat hier Kreativität zeige, fehle in anderen Fällen das Entgegenkommen, etwa bei der Verleihung des Körperschaftsstatus an islamische Gruppen.

Parteien und Polarisierungen: Politikwissenschaftler Ulrich Willems kritisiert in seinem Beitrag auch religionspolitische Versäumnisse der Parteien: „Schaut man in aktuelle Wahl- und Parteiprogramme, dann findet sich bei der SPD ein freundliches Desinteresse an religionspolitischen Veränderungen und bei der Union ein beherztes Weiter so.“ Eine solche zögerliche Religionspolitik habe bei gleichzeitiger Privilegierung des Christentums zur verschärften Unterscheidung zwischen einem „christlichen Europa“ und Muslimen geführt. „Islamskepsis und die Anti-Islam-Politik der AfD sind auch die Geister dieser vernachlässigten Religionspolitik.“ Die Politik müsse handeln, bevor das religionspolitische Klima durch jüngste Verschärfungen nicht zu vergiftet für nachhaltige Debatten sei. – Der evangelische Theologe und Sozialethiker Arnulf von Scheliha analysiert die aktuellen religionspolitischen Positionierungen der Parteien, etwa im Bundestagswahlkampf 2017. Er findet darin viel „ideenpolitisch motivierte Geschichtsdeutung“, einhellige Bekenntnisse zur Religionsfreiheit sowie sehr unterschiedliche Auffassungen zum Islam. Er resümiert, dass „in der Religionspolitik durchaus eine gewisse Bewegung herrscht, aber immense Beschleunigungen nicht zu erwarten sind“.

Internationaler Vergleich: Der Philosoph Hermann Lübbe vergleicht in seinem Beitrag die deutsche mit der Religionspolitik in den USA, die Religion im Unterschied zu Deutschland schon lange als wichtigen Faktor in der Innen- und Außenpolitik wahrnehme. Auch herrsche in den USA viel mehr Offenheit gegenüber neuen Glaubensrichtungen. Lübbe warnt im deutschen Fall davor, Zuwanderungsreligionen wie den Islam zu verpflichten, sich analog zum Staatskirchenrecht zu organisieren. Er rät davon ab, eine religionskulturelle Integration erlangen zu wollen, indem „Besonderheitsprofile“ religiöser Traditionen aufgegeben werden müssen. Wenn etwa auf ein Verbot des Kopftuchtragens auch das Verbot des Ordensschleiers folge, sei diese Verpflichtung zum Verzicht auf öffentliche Bekundung von Besonderheit „schadensträchtig“ – sowohl für die alten wie für die zugewanderten (Religions-)Kulturen.

Religionsentwicklung seit den 1950ern: Die Herausgeber von „Religionspolitik heute“ zeigen, wie stark sich die religionspolitische Landschaft verändert hat: Während 1950 44,3 Prozent der westdeutschen Bevölkerung katholisch und 51,5 Prozent evangelisch waren, waren es 2010 nur noch 36,5 beziehungsweise 31,9 Prozent. Die Zahl der Konfessionslosen hat sich dagegen durch stetige Entkirchlichung massiv erhöht, sie liegt heute bei einem Drittel der Bevölkerung. Weitere 5 bis 7 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören schließlich anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an, darunter sind Anhänger des Islams, des Judentums, von Buddhismus und Hinduismus ebenso wie Vertreter esoterischer und neureligiöser Gruppierungen. Die größte Gruppe unter den religiösen Minderheiten stellen die rund vier Millionen Musliminnen und Muslime dar, die zurzeit in Deutschland leben. – Vor diesem Hintergrund umreißt Zeithistoriker Thomas Großbölting in seinem Beitrag die Entstehung und Entwicklung des religionspolitischen Regimes in der jungen Bundesrepublik. Er zeigt, wie die religionsrechtlichen Regelungen der Weimarer Reichsverfassung ins Grundgesetz gelangten, und bettet dies in die politische Kultur und Mentalität der 1940er- und 1950er-Jahre ein.

Religionsfreiheit unter Druck: Die katholische Theologin und Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins stellt in ihrem Beitrag das Recht auf Religions-, Weltanschauungs- und Gewissensfreiheit als „konstitutiven Bestandteil der Freiheitsrechte jedes Menschen“ dar, das den Glauben des Einzelnen genauso schützt wie die individuelle und gemeinschaftliche Religionsausübung, die positive ebenso wie die negative Religionsfreiheit. Das Menschenrecht sei jedoch in religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaften aus zwei Richtungen gefährdet: aus dem Verdacht heraus, es diene bloßen Partikularinteressen oder Privilegien, und aufgrund des Versuches, Religionsfreiheit tatsächlich partikular für religiöse Interessen zu vereinnahmen oder politisch zu instrumentalisieren. Die Autorin appelliert an alle religionspolitischen Akteure in Staat und Gesellschaft, das Recht auf Religionsfreiheit vehement zu verteidigen.

Auch der Rechtswissenschaftler Thomas Gutmann unterstreicht, das Recht auf Religionsfreiheit dürfe „als grundlegende Dimension menschlicher Freiheitsentfaltung in einer liberalen Gesellschaft“ nicht zur Disposition gestellt werden. Zugleich, so Gutmann, sei die Religionsfreiheit eine wesentliche Errungenschaft des säkularen Staates, die dessen weltanschauliche Neutralität unbedingt voraussetze. Gutmann zeigt an Beispielen, inwiefern die Religionsfreiheit in Konkurrenz zu anderen Rechtsgütern steht, und arbeitet damit ihre Grenzen heraus. Ein „fragiles Gut“ nennt er die gleiche Glaubensfreiheit: In der Praxis sieht er Defizite in der Gleichbehandlung aller Religionen und „starke Tendenzen, die Hegemonie des organisierten Christentums zu verteidigen“.
Körperschaftsstatus: Die Verleihung des Körperschaftsstatus an Religionsgemeinschaften ist für Staatsrechtswissenschaftler Hinnerk Wißmann eine von mehreren Möglichkeiten, Religion zu organisieren. Ihre Zukunftsfestigkeit müsse sich angesichts zunehmender religiöser Pluralität aber erst beweisen. Der Automatismus von Sonderregelungen für Religionsgemeinschaften mit Körperschaftsstatus, die viel diskutierten „Privilegienbündel“, sollten auf ihren funktionalen Grund hin überprüft werden. So könnten künftig bestimmte Rechte herausgelöst und auf Antrag auch Religionsgemeinschaften ohne Körperschaftsstatus gewährt werden. Wißmann betont, „der Anspruch auf Gleichbehandlung aller Religionen ist nicht durch Gleichförmigkeit einzulösen.“ – Religionswissenschaftlerin Astrid Reuter schließt sich aus religionswissenschaftlicher Perspektive dem Urteil von Wißmann grundsätzlich an, indem sie die Debatte um den Körperschaftsstatus als einen „Scheinriesen“ bezeichnet. Der Körperschaftsstatus stehe in der Debatte symbolisch für das, was am herkömmlichen staatskirchenrechtlichen System als dringend reformbedürftig, wenn nicht abschaffungswürdig gelte.

Diskussionsfelder Wohlfahrtsstaat, Arbeitsrecht, Medienrecht: Der Politikwissenschaftler Philip Manow und der katholische Theologe und Sozialethiker Karl Gabriel untersuchen religiöse Einflüsse auf die Entstehung der europäischen Wohlfahrtsstaaten. Der protestantische Sozialethiker Hartmut Kreß und der evangelische Theologe Thorsten Moos diskutieren das kirchliche Arbeitsrecht, während der Kommunikationswissenschaftler Tim Karis und die Publizistin Viola van Melis den Umgang im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit religiöser Vielfalt untersuchen. Sie sehen in den Rundfunkräten und bei den Drittsenderechten viele religiöse Minderheiten nicht vertreten und sehen hier religionspolitischen Handlungsbedarf, der sich nach van Melis auch positiv auf die Berichterstattung über religiöse Vielfalt auswirken und so fundierten gesellschaftlichen Debatten Vorschub leisten könne.

Aktuelle Konflikte – Moscheebau, Burka, Blasphemie, Beschneidung: Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie zeichnet die politischen und sozialen Konflikte der vergangenen Jahrzehnte nach, die mit dem vermehrten Bau von Moscheen in westlichen Ländern aufflammten. Um künftig Eskalationen zu vermeiden, gelte es, den Streitfällen eine neue institutionelle und kommunikative „Form zu geben“. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Spohn beleuchtet die emotional diskutierten gesetzlichen Burka-Verbote in europäischen Demokratien und fragt, warum Burka-Verbotsinitiativen trotz umfassender Kritik aus der Wissenschaft immer wieder politische Erfolge erzielen. Sie sieht dies in einem grundsätzlichen „Unbehagen europäischer Gesellschaften an der Verschleierung des Gesichts“ begründet und stellt fest, dass die Verbote dennoch nicht zur Befriedung der Konflikte beitrügen. Mit der Blasphemie nimmt sich der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme eines Themas an, das die meisten europäischen Gesellschaften nach seiner Einschätzung überwunden geglaubt hatten. Seine gesellschaftliche Sprengkraft habe sich in den vergangenen Jahren erneut erwiesen, etwa im Streit um die ‚Mohammed-Karikaturen‘ oder um Kritik an Überzeugungen evangelikaler Christen. Çefli Ademi skizziert aus Sicht der islamischen Rechtswissenschaft die Debatte über die religiöse Jungen-Beschneidung, die das Urteil des Kölner Landgerichts 2012 auslöste. Der Beitrag kann als Plädoyer gegen eine als allgemeine Religionskritik verkleidete Islamophobie verstanden werden.

Religionspolitische Akteure: In den Buchbeiträgen von religionspolitischen Akteuren aus Politik und Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften besteht Einhelligkeit, dass das Grundrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit als hohes Gut unbedingt zu schützen sei. Jenseits dieses Einvernehmens eröffnet sich allerdings eine Bandbreite an kontroversen Meinungen und Interessenbekundungen zur aktuellen Religionspolitik in Deutschland:

a) Positionen aus der Politik: Stellung beziehen fünf Politikerinnen und Politiker, deren Parteien in der 18. Wahlperiode des Deutschen Bundestages (2013–2017), in der das Buch überwiegend entstand, Fraktionen stellten. Religionsbezogene Aussagen der Parteien FDP und AfD, die seit der Bundestagswahl vom Herbst 2017 ebenfalls mit Fraktionen ins Parlament eingezogen sind, finden in den Beiträgen des Politikwissenschaftlers Ulrich Willems und des Sozialethikers Arnulf von Scheliha Beachtung. Zu den Autorinnen und Autoren, die in diesem Band zu Wort kommen, zählen als (ehemalige) Bundestagsabgeordnete: Volker Beck (Partei Bündnis 90/Die Grünen), Christine Buchholz (Die Linke), Kerstin Griese (SPD) und Johannes Singhammer (CSU); sowie Thomas Sternberg (CDU), der bis Mai 2017 Mitglied im Landtag Nordrhein-Westfalen war.

Die Beiträge aus der Politik spiegeln im Umfang ihrer thematischen Ausdifferenzierung nach Einschätzung der Herausgeber auch den Grad wider, in dem sich die Parteien bisher systematisch mit religionspolitischen Fragen befassen: So haben Bündnis 90/Die Grünen einen mehrjährigen bundesweiten Diskussionsprozess durchlaufen und einen vom Parteitag beschlossenen Abschlussbericht vorgelegt, der zu zahlreichen religionspolitischen Feldern Stellung nimmt; auch in der Partei Die Linke, die zunächst mit laizistischen Forderungen auftrat, entwickeln sich nun Debatten mit differenzierterem Themen- und Meinungsspektrum. SPD und FDP treten derzeit in religionspolitische Überlegungen ein, die sich aber noch nicht in Reformpapieren konkretisiert haben. Die CSU stellt dagegen kein Reformbestreben heraus, sondern plädiert für den Erhalt des Status quo, den Singhammer als „austarierte Balance zwischen Kirche und Politik“ würdigt, während die CDU zwar das Religionsverfassungsrecht als bewährt herausstellt, zugleich aber, wie Sternberg es nennt, „wichtige Weiterentwicklung“ etwa beim islamischen Religionsunterricht befürwortet. – Die Lektüre der Beiträge der Politikerinnen und Politiker lässt, so die Herausgeber, erkennen: Je eher diese dafür plädieren, die Pluralität als Realität anzuerkennen, desto stärker zeigen sie religionspolitische Probleme, aber auch mögliche Lösungswege auf, sei es zum Körperschaftsstatus, zum kirchlichen Arbeitsrecht, zu den Staatsleistungen, zum Religionsunterricht oder zu den Theologien an öffentlichen Hochschulen.

b) Positionen aus Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften Die Auswahl der Autorinnen und Autoren aus Religion- und Weltanschauungsgemeinschaften folgte den Herausgebern zufolge dem Ziel, ein möglichst vielfältiges Meinungsbild zu zeigen und einen Eindruck vom Facettenreichtum des religiösen Spektrums im heutigen Deutschland zu geben. Allerdings seien Vollständigkeit und Repräsentativität auf diesem Gebiet angesichts der hohen Anzahl an Religionsgemeinschaften und ihrer jeweiligen Konfessionen und Strömungen von Anfang an unmöglich. Exemplarisch kommen im Band zu Wort: Rabbiner Achivai Apel von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, Michael C. Bauer vom Humanistischen Verband Deutschlands, Mohammad Dawood Majoka von der Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland, Antonius Hamers vom Katholischen Büro NRW, Mohammed Khallouk vom Zentralrat der Muslime in Deutschland, Armin Pikl von der Gemeinschaft Zeugen Jehovas, Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung sowie Irmgard Schwätzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. – Konkreten religionspolitischen Handlungsbedarf formulieren den Herausgebern zufolge in der Regel die Beiträge aus der Feder von Vertretern der Minderheiten-Religionen: So behandeln die Islam-Vertreter ausführlich die Frage des Körperschaftsstatus. Sie betonen, ohne Körperschaftsstatus ließen sich viele religionsspezifische Bedürfnisse von Muslimen „von der Wiege bis zur Bahre“ in Seelsorge, Sozialsektor und Bildung nicht regeln. Andere Beiträge nennen Benachteiligungen, die etwa Juden im Alltag in Deutschland erführen. (sca/vvm)


Weitere Informationen:

https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2018/nov/PM_Religions…


Missbrauchsbeauftragter Ackermann beklagt mangelnde Kooperation

Der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, hat den Umgang mancher Bischofskollegen mit der Missbrauchsstudie seiner Kirche kritisiert.

evangelisch.de

„Man hat das Thema offensichtlich nicht in allen Diözesen so prioritär behandelt, wie es erforderlich gewesen wäre“, beklagte Ackermann im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Wenn ein Bischof die Thematik nicht zur Chefsache erklärt, bleibt die Umsetzung schwierig“, so Ackermann. Darauf angesprochen, dass die Autoren der im September veröffentlichten Studie die Zusammenarbeit mit einzelnen Bistümern bemängelten, antwortete Ackermann: „Das ist beklagenswert.“ Ackermann kündigte an, die kirchlichen Archive externen Forschern zu öffnen: „Es ist klar, dass die nun folgende Aufarbeitung keine interne Sache mehr sein kann. Unabhängig heißt für mich, dass der jeweilige Bischof die weitere Untersuchung aus der Hand gibt.“

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Laut CIA befahl der saudische Kronprinz den Mord an Khashoggi

Nach Auffassung des CIA hat der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman den Mord an dem Journalisten Jamal Kashoggi angeordnet. (Bild: Amir Levy / Reuters Archiv)
Nach Auffassung des US-Auslandgeheimdienstes CIA hat der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman den Mord am Journalisten Jamal Khashoggi angeordnet. Dies berichtete die «Washington Post» am Freitag. Riad bestreitet eine Beteiligung des Kronprinzen am Mord.

Neue Zürcher Zeitung

Der US-Auslandsgeheimdienst CIA kommt nach Medienberichten zur Einschätzung, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi angeordnet hat. Riad bestritt bisher jegliche Beteiligung des Kronprinzen am Mord. Die CIA sei zu dieser Schlussfolgerung gekommen, nachdem sie mehrere Quellen ausgewertet habe, darunter ein Telefongespräch zwischen dem Bruder des Kronprinzen und Khashoggi, berichtete die «Washington Post» am Freitag unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen.

Bei dem Telefonat habe Khalid bin Salman Khashoggi gesagt, dass er in das saudische Konsulat nach Istanbul gehen soll, um Dokumente abzuholen, schrieb die Zeitung. Er habe dem Journalisten zugesagt, dass dies sicher sei. Khalid bin Salman ist saudischer Botschafter in den USA. Er habe den Anruf auf Anordnung seines Bruders getätigt.

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Woelki: Kommunion für evangelische Ehepartner nur im Einzelfall

Rainer Maria Woelki, Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0

Die vollständige kirchliche Gemeinschaft, die im gemeinsamen Empfang der Kommunion zum Ausdruck komme, dürfe nicht „durch eine subjektive Gewissensentscheidung“ ersetzt werden: Kardinal Rainer Maria Woelki hat seine Position zum Kommunionempfang für nichtkatholische Ehepartner bekräftigt.

katholisch.de

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat seine Position zum Kommunionempfang für nichtkatholische Ehepartner bekräftigt. Der Schmerz von konfessionsverbindenden Ehepaaren sei „eine bittere Konsequenz aus der unseligen Spaltung, welche die Christenheit bis heute trifft“, sagte Woelki vor dem Diözesanpastoralrat, wie das Erzbistum am Samstag mitteilte. „Würde man trotzdem gemeinsam kommunizieren, würde man die noch nicht bestehende Kirchengemeinschaft lediglich liturgisch simulieren. Das wäre wohl kaum redlich“, so der Kardinal.

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„Die SA Jesu Christi“

Das Eingangsportal des 1934 eingeweihten Martin-Luther-Hauses in Köln-Marienburg zierten zwei überlebensgroße Reliefs des Bildhauers Willy Meller: links Martin Luther mit Rose und Kreuz, rechts ein SA-Mann mit NS-Hoheitszeichen. Der Reformator an der Seite eines Nazi.

Von Anne Burgmer | Kölner Stadt-Anzeiger

Es gibt unzählige Beispiele aus der Zeit zwischen 1933 und 1945, die belegen, wie häufig im nationalsozialistischen Deutschland Bezug auf Luther genommen wurde.

Das Ausmaß hat den Historiker Ulrich Prehn, Kurator der Ausstellung „Überall Luthers Worte…“, die nun im NS-Dokumentationszentrum zu sehen ist, überrascht. Prehn und seine Kollegen legen dar, dass sich diese Beschäftigung sowohl von staatlicher also auch von kirchlicher Seite durch die gesamten braunen Jahre zieht. „Luther hat eine viel größere Rolle in dieser Zeit gespielt, als ich dachte“, so Prehn.

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Verhaftungswelle in der Türkei

© Imago, FR
Türkische Justiz nimmt prominente Intellektuelle und Wissenschaftler aus dem Umfeld des inhaftierten Kulturmäzens Osman Kavala fest. Späte Rache für Gezi-Proteste?

Von Frank Nordhausen | Frankfurter Rundschau

Niemand ist mehr sicher, ziviler Ungehorsam wird als Umsturzversuch gewertet. Diese Botschaft sandte die türkische Justiz am Freitag an die verbliebene demokratische Zivilgesellschaft im Land. In einer massiven Operation der Sicherheitskräfte gegen angebliche „Terroristen“ wurden 20 prominente Intellektuelle und Wissenschaftler aus dem Umfeld des inhaftierten Kulturmäzens Osman Kavala zur Festnahme ausgeschrieben und mindestens 13 von ihnen festgenommen.

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Das Schweinefleisch-Verbot im Islam und seine Bedeutung

Grafik: Deutschlandfunk
Dass Muslime kein Schweinefleisch essen dürfen, ist ein prominentes Beispiel für Speisevorschriften; wobei die Gründe dafür umstritten sind. Speisevorschriften gibt es in vielen Religionen – auch im Christentum. Aber wie Nicolai Sinai von der Oxford University zeigt, geht es dabei nicht zwangsläufig um den Genuss eines Produkts, wie man meinen könnte.

Von Dr. Nicolai Sinai | Deutschlandfunk

„Sprich: Ich finde in dem, was mir eingegeben worden ist,
nichts, das jemandem zu essen verboten wäre,
außer Verendetem und ausgegossenem Blut und Schweinefleisch – denn es ist unrein –
oder Gräuel, über den anderes als Gott angerufen wurde.
Doch wenn jemand sich in einer Zwangslage befindet,
ohne Begehrlichkeit zu hegen und eine Übertretung zu begehen – nun, dein Herr ist vergebungsbereit und barmherzig.“

Der gerade vorgetragene Vers ist eine von vier Koranstellen, die mit fast identischen Worten eine Reihe grundsätzlicher Speiseverbote aufstellen: Untersagt sind der Genuss von verendeten Tieren, von Blut, von Schweinefleisch sowie von Nahrungsmitteln, die anderen Wesen als Gott geweiht wurden.

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Ein- und Ansichten eines Vernunftmenschen und eines Forschers aus Leidenschaft

Richard Dawkins, Screengrab
Rezension zu Richard Dawkins: Forscher aus Leidenschaft – Gedanken eines Vernunftmenschen

Von Uwe Lehnert | Richard-Dawkins-Foundation

Die Rede ist von Richard Dawkins – Evolutionsbiologe, Aufklärer und Religionskritiker. In seinem 1976 erschienenen Buch »Das egoistische Gen« vertrat er die provozierende These, dass wir allein von unseren von Generation zu Generation weitergegebenen Genen gesteuert werden und dass alle biologischen Organismen vor allem dem Überleben und der Unsterblichkeit der Erbanlagen dienen. Dawkins klärte uns aber darüber auf, dass wir aufgrund der inzwischen gewonnenen Einsichten in den naturgesteuerten Ablauf diesem Gen-Schicksal dennoch nicht hilflos ausgeliefert seien. Spätestens mit dem Erscheinen seines weltweit verbreiteten Buches »Der Gotteswahn« wurde er auch einer großen Öffentlichkeit als vehementer Religionskritiker bekannt. »Der Gotteswahn« ist eine leidenschaftliche Streitschrift gegen das Irrationale, Fortschrittsfeindliche und Zerstörerische der Religionen. Dawkins gilt seither als einer der bekanntesten Vertreter des sog. Neuen Atheismus.

Man darf gewiss ohne Übertreibung sagen, dass Richard Dawkins einer der einflussreichsten gegenwärtigen Intellektuellen ist. Nach einer sehr fruchtbaren Phase als Wissenschaftler und Forscher, die 1967 in Berkeley/USA begann, übernahm er 1995 an der Universität Oxford eine »Professur für die Förderung des Wissenschaftsverständnisses in der Öffentlichkeit« (Professor of the Public Understanding of Science). Eine wohl einmalige Einrichtung in der internationalen Wissenschaftslandschaft, die die Informationsdefizite in der Gesellschaft in Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse beseitigen helfen soll. Diese Kluft an Einsichten besteht zwischen dem wissenschaftlichen und aufgeklärten Denken einer gesellschaftlichen Minderheit und dem durch Unwissen, Aberglauben und kompromissloses Festhalten an religiösen »Wahrheiten« gekennzeichneten Verhalten einer großen Mehrheit. Im Jahr 2008 zog sich Dawkins aus Altersgründen aus dem akademischen Betrieb zurück. Als Vortragender und Autor zu wissenschaftlichen, speziell evolutionsbiologischen, aufklärerischen, religionskritischen sowie politischen Themen ist er dennoch bis heute aktiv geblieben.

Das nachfolgend zu würdigende Buch umfasst 41 Aufsätze und Vorträge aus 40 Jahren wissenschaftlicher und publizistischer Tätigkeit, meist mit aktualisierenden Nachworten versehen, wobei die neueren Texte überwiegen. Die Herausgeberin Gillian Somerscales hat zusammen mit Dawkins die Texte ausgewählt, thematisch gruppiert und jeweils einleitend mit klugen und hilfreichen Kommentierungen versehen.

Teil I ist überschrieben mit: »Wert(e) der Wissenschaft«. Im Beitrag »Die Werte der Wissenschaft und die Wissenschaft der Werte« meint Dawkins mit Blick auf die Wissenschaftler: »Grundlage ihres Berufes ist die Überzeugung, dass es so etwas wie eine objektive Wahrheit gibt, die über kulturelle Unterschiede hinausgeht; wenn demnach zwei Wissenschaftler die gleiche Frage stellen, gelangen sie unabhängig von ihren vorgegebenen Überzeugungen, ihrer kulturellen Herkunft und innerhalb gewisser Grenzen auch ihrer Fähigkeiten zu der gleichen Antwort.« (S. 31f)

Während Teil I davon handelt, was Wissenschaft ist, befasst sich Teil II: »All ihre gnadenlose Pracht« damit, wie Wissenschaft betrieben wird. Es folgen ausführliche, gut verständliche Betrachtungen zur Wirkungsweise der Evolution, wobei übliche Missverständnisse geduldig geklärt werden. Es schließt sich eine Würdigung des Beitrags von Alfred Russel Wallace, eines Zeitgenossen Darwins, zur Entwicklung der Evolutionstheorie an. Erwähnt wird, dass Darwin und Wallace trotz der brisanten Konkurrenzsituation eine freundschaftliche Beziehung entwickelten. Bei aller Schönheit der Ergebnisse der Evolution macht Dawkins – wie schon in Teil I – darauf aufmerksam, dass Evolution eine höchst »blutige Angelegenheit« ist. »Die läuferische Eleganz von Geparden und Gazellen wurde auf beiden Seiten mit einem gewaltigen Blutzoll und dem Leiden unzähliger Vorfahren erkauft.« (S. 44) Neues und angepassteres Leben baut auf dem Töten und Fressen der weniger angepassten und damit unterlegenen Individuen auf. Zahllose Vorläufer beispielsweise von Antilopen oder Gazellen mussten sterben, um heutige Antilopen und Gazellen sich entwickeln zu lassen, die genügend schnell sind, um eine Überlebenschance zu haben, wenn sie von den fleischfressenden Geparden oder Löwen gejagt werden.

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Kirchlicher Friedensbeauftragter fordert Ächtung automatischer Waffen

Kardinaler Waffennarr. Themenbild.
Der evangelische Friedensbeauftragte Renke Brahms hat vor den Gefahren einer zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung kriegerischer Waffen gewarnt.

evangelisch.de

„Es ist höchste Zeit, dass es möglichst bald zu einer internationalen Ächtung automatischer Waffensysteme kommt“, forderte der Leitende Geistliche aus Bremen aus Anlass der laufenden Ökumenischen Friedensdekade am Donnerstag. „Unsere Antwort auf einen Krieg 3.0 muss Frieden 3.0 sein. Dazu gehört der klare Vorrang für Zivil und Prävention“, betonte der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Die bundesweite Ökumenische Friedensdekade wird seit 1980 ausgerichtet und steht in diesem Jahr unter dem Leitthema „Krieg 3.0“. Sie hat am Sonntag begonnen und soll bis zum Buß- und Bettag am 21. November den Blick auf neue Waffentechnologien wie Drohnen und sogenannte Killerroboter lenken.

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Freiburg: Kommission untersucht Machtmissbrauch im Erzbistum

Bild: © JFL Photography/Fotolia.com
Mit einer neu eingerichteten Kommission will das Erzbistum Freiburg die Aufarbeitung des kirchlichen Missbrauchsskandals weiter vorantreiben. Dabei geht es um Strukturen und Verhältnisse innerhalb der Diözese.

katholisch.de

Wenige Wochen nach einer entsprechenden Ankündigung durch Erzbischof Stephan Burger hat im Erzbistum Freiburg am Freitag eine neue Kommission „Macht und Missbrauch“ ihre Arbeit aufgenommen. Das Gremium soll nach Angaben des Erzbistums „Strukturen und Verhältnisse in der Erzdiözese Freiburg“ daraufhin untersuchen, ob und wie dort missbräuchlich Macht ausgeübt wird.

Laut ihren Statuten soll die Kommission Erzbischof Burger vor allem hinsichtlich der Konsequenzen beraten, die aus den Ergebnissen der im September von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichten Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche zu ziehen sind und entsprechende Empfehlungen aussprechen.

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Giffey warnt vor Folgen religiösen Mobbings an Schulen

Bild: © picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
„Mobbing geht an niemandem spurlos vorbei und kann schlimme Folgen haben“, so Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Mit einem neuen Förderprogramm hat die SPD-Politikerin dem Mobbing nun den Kampf angesagt.

katholisch.de

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat vor den Folgen religiösen Mobbings an Schulen gewarnt. „Mobbing geht an niemandem spurlos vorbei und kann schlimme Folgen haben: von der Schulverweigerung bis hin zum Selbstmord“, sagte sie am Freitag in Hannover. „Wenn Schüler beschimpft oder gemobbt werden, weil sie anders aussehen, einen anderen Glauben haben oder anderer Herkunft sind, dann ist es höchste Zeit zu handeln.“ Giffey äußerte sich beim offiziellen Auftakt ihres Programms zur Förderung von Anti-Mobbing-Profis an Schulen. Rund 200 speziell geschulte Sozialarbeiter – sogenannte Respekt Coaches – arbeiten derzeit an bundesweit 175 Schulen. Gestartet war das Programm in diesem Schuljahr.

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Türkei: Sechs Jahre Gefängnis für deutsche Staatsbürgerin

Grafik: TP
Das dritte Urteil innerhalb von drei Monaten gegen deutsche Staatsbürger in der Türkei

Elke Dangeleit | TELEPOLIS

Die Kölner Sängerin Hozane Cane wurde in der Türkei zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Dies ist nun das dritte Urteil innerhalb von drei Monaten gegen deutsche Staatsbürger in der Türkei. Allen drei Deutschen wurde „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ oder „Terrorpropaganda“ vorgeworfen. Stichhaltige Beweise dafür benötigt man in der Erdogan unterstellten Justiz offenbar schon lange nicht mehr.

In München fanden in der letzten Woche gleich drei Prozesse gegen zwei Journalisten und einen Schauspieler wegen ähnlicher Vorwürfe statt. Auch hier sind die Beweise äußerst fragwürdig. Wird München zum deutschen Ankara? Das gab es schon einmal: 1923. Da wurde in dem völkischen Kampfblatt „Heimatland“ eine mehrteilige Serie über Atatürk veröffentlicht.

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Weniger Fleischkonsum, mehr Bahnverkehr

Bild: Flickr/Kim Scarborough (CC-BY-SA 2.0)
Um den Klimawandel zu bremsen, fordern Umweltschützer rasches Handeln. Konkrete Schritte im Verkehrs- und Energiesektor oder der Landwirtschaft werden in einem neuen Maßnahmenkatalog aufgelistet.

evangelisch.de

Ein Bündnis aus Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sowie Kirchen hat von der Bundesregierung eine Wende für mehr Klimaschutz gefordert. Am Donnerstag stellte die Klima-Allianz Deutschland in Berlin dazu einen 56-seitigen Maßnahmenkatalog unter dem Titel „Wann, wenn nicht jetzt“ vor. Unter anderem werden konkrete Schritte in den Bereichen Verkehr, Landwirtschaft und Energie angemahnt.

„Deutschland wird das Klimaziel 2020 drastisch verfehlen. Für das 2030-Ziel ist das keine Option“, erklärte Antje von Broock, stellvertretende Vorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Deutschland hatte sich verpflichtet, den Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Die Bundesregierung hat bereits eingeräumt, dass dieses Ziel nicht mehr erreicht werden kann. Bis 2030 sollen die Emissionen um 55 Prozent verringert werden.

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Römisch-katholische Selbstwaschanlage

Pius XII beim Konkordat 1933 (CC-by-sa/3.0 Germany by Bundesarchiv DE)
Die Religion des Klerikalismus kennt keine Schamgrenzen: Auch im Franziskus-Pontifikat hält der Vatikan offenbar am Plan fest, Pius XII. selig zu waschen

Peter Bürger | TELEPOLIS

Die frühen Christen werden in der biblischen Apostelgeschichte als „Leute des Weges“ vorgestellt. Unter Berufung auf Jesus von Nazareth kann Kirche lediglich ein Mittel sein, „um den Armen eine gute Nachricht der Befreiung zu bringen und zerbrochene Herzen zu heilen“. Die durch das letzte Konzil in Rom nur halbherzig überwundene Häresie des Klerikalismus hat hingegen aus der Kirche stets einen Selbstzweck und Fetisch gemacht, ein Anbetungsobjekt.

In diesem Programm „Kirche als Religion“ sind Priesteranbetung und Priesterselbstanbetung weit verbreitet. Der Papstkult des 19. Jahrhunderts schreckte beispielsweise nicht davor zurück, den Bischof von Rom als „Dritte Inkarnation Gottes“ zu feiern.

Unter solchen Vorzeichen wurde aus den „Leuten des Weges“ das unfreie Fußvolk einer hierarchischen Kirchenpyramide, die bis heute nur aus Männern besteht. Der ausgewachsene Kirchenfürst handelte stets nach der Devise: „Ich bin der Herr, mein Gott“. Allen Mitgliedern des auserwählten Priesterstandes bescheinigte der Katechismus eine sakramentale Wesensverwandlung, die nie mehr erlöschen kann.

Diese Ideologie ließ sich freilich nur aufrechterhalten durch eine systematische Verdrängung von Versagen. Dass Priester in nicht wenigen Fällen das genaue Gegenteil des christlichen Auftrags praktizierten, indem sie die Herzen von Kindern und anderen Schutzbefohlenen zerbrachen, durfte nicht zur Sprache kommen.

Ganz analog zur systematischen Verschweigung und Vertuschung von sexueller Gewalt vollzieht sich der Umgang mit historischem Versagen in Krisenzeiten. Die Religion des Klerikalismus hat die Kirche mehr als einmal in der Geschichte zur passiven Zuschauerin oder Kollaborateurin werden lassen, wo ihr Auftrag Widerstand erfordert hätte.

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Kritik an schleppender Aufarbeitung der Kolonialzeit

Afrika-Aktivisten und Wissenschaftler fordern von Bund und Ländern eine baldige Aufarbeitung deutscher Gräueltaten während der Kolonialzeit. Yonas Endrias, Vize-Vorsitzender des Zentralrats der afrikanischen Gemeinde in Deutschland, betonte am Donnerstag bei einem Fachgespräch der Grünen-Fraktion im Bundestag: „Es geht nicht um Geld, es geht um Würde.“

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Entscheidend seien die Anerkennung der Verbrechen, zum Beispiel gegen Angehörige der Volksgruppen Herero und Nama im heutigen Namibia, und historische Gerechtigkeit. Die deutsche Kolonialgeschichte vor hundert Jahren müsse integriert werden in Kultur und Bildung, müsse an den Schulen gelehrt werden. Endrias sprach sich zudem für ein Mahnmal aus.

Der Leiter Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ an der Universität Hamburg, Jürgen Zimmerer, kritisierte, dass es in Deutschland zwar eine Debatte gebe, „aber keinen Mut“. Entschuldigungen von Bundeskanzlerin und Bundespräsidenten stünden aus. Heftige Kritik äußerten er und andere Redner am Afrika-Beauftragten der Bundesregierung Günter Nooke (CDU).

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US-Bischöfe: Wir sind keine Filialleiter des Vatikan

Bild: © KNA/CNS photo/Bob Roller
Die US-Bischöfe haben ihre Vollversammlung beendet. Fest steht: Sie wollen das Vertrauen der Gläubigen nach dem Missbrauchsskandal zurückgewinnen. Der Vatikan hat ihnen ihre ohnehin schwierige Aufgabe allerdings nicht leichter gemacht.

Von Thomas Spang | katholisch.de

Am Ende huschte ein scheues Lächeln über das Gesicht des Vorsitzenden der US-amerikanischen Bischofskonferenz. Kardinal Daniel DiNardo sagte zum Abschluss des dreitätigen Treffens am Mittwochabend (Ortszeit) in Baltimore, seine Hoffnung ruhe in Christus. Er habe verstanden, wie entschlossen die Bischöfe seien, sich gegenüber den Gläubigen und den Opfern des Missbrauchsskandals rechenschaftspflichtig zu machen.

„Wir verlassen diesen Ort mit dem Versprechen, die stärkstmöglichen Maßnahmen zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu ergreifen“, erklärte DiNardo vor den rund 350 Bischöfen aus 196 Diözesen. „Wir werden das in Gemeinschaft mit der universalen Kirche machen“, versuchte er die Intervention Roms unmittelbar vor Eröffnung des Bischofstreffens in ein positives Licht zu rücken. „Zusammen als Weltkirche voranzuschreiten, macht die Kirche in den USA und die globale Kirche stärker.“

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Italien: Priester wegen Häresie und Schisma exkommuniziert

Bild: © iurii/Fotolia.com
Seit Jahren beschimpft ein Priester aus Palermo den Papst und die Kirche. Alle Vermittlungsversuche sind gescheitert, an Auftrittsverbote hält sich der Priester nicht – damit hat er sich nun die Exkommunikation zugezogen.

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Das Erzbistum Palermo hat einen seiner Priester exkommuniziert. Die Diözese teilte auf ihrer Webseite mit, dass Erzbischof Corrado Lorefice bereits im August in einem Dekret bestätigt hatte, dass sich Alessandro Maria Minutella aufgrund von Häresie und schismatischen Handlungen die Exkommunikation als Tatstrafe zugezogen hat. Am Dienstag sei dem Priester das Dekret zugestellt worden.

Über die Benennung der Straftaten hinaus, die dem Priester zulasten gelegt werden, macht das Erzbistum keine weiteren Angaben zu den Gründen für die Exkommunikation. Der Konflikt zwischen Minutella und dem Erzbistum schwelt schon seit 2015.

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Keine Lösung im Streit um Werbeverbot für Abtreibung in Sicht

Bundeskanzleramt, Bild: BB
Im Streit um das Werbeverbot für Abtreibungen zeichnet sich in der Großen Koalition keine Lösung ab. Die zuständigen Ressorts haben laut Medienberichten noch keine Einigung erreicht. Das Bundesjusizministerium zeigt sich dennoch weiterhin zuversichtlich.

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Eine Ministeriumssprecherin sagte am Mittwoch in Berlin, die Gespräche liefen konstruktiv und würden zeitnah fortgesetzt. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland hatte zuvor berichtet, die Beteiligten hätten sich in der vergangenen Woche vergeblich getroffen, um eine Lösung in dem Streit zu finden.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) ringt seit mehreren Wochen mit ihren Ressortkollegen Franziska Giffey (SPD, Familie), Jens Spahn (CDU, Gesundheit), Horst Seehofer (CSU, Innen) und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) um einen Kompromiss beim Streit um den entsprechenden Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch.

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Mitarbeitervertreter müssen nicht zwingend Kirchenmitglieder sein

Image: Louis Berk/CC BY-ND 2.0
Die EKD-Synode hat die Neuregelung des Gesetzes zur Mitarbeitervertretung beschlossen. Die so genannte ACK-Klausel wird zur Option für Landeskirchen. Mitarbeitervertretungen können jetzt Einigungsstellen in allen Einrichtungen einfordern.

Hanno Terbuyken | evangelisch.de

Die Synode der EKD regelt das Kirchengesetz zur Mitarbeitervertretung (MAV-EKD) in einigen Punkten neu. Dabei hat das Kirchenparlament auch die ACK-Klausel gestrichen, also die Bestimmung, dass ein Mitglied einer Mitarbeitervertretung immer auch Mitglied in einer Mitgliedskirche der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen sein muss. Die Gliedkirchen können diese Bestimmung für sich selbst anders regeln.

Hintergrund der Diskussion sind zum einen die Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts über die Pflicht zur Kirchenzugehörigkeit, auf die das Kirchenparlament reagiert. Zum anderen steht auch die Frage hinter der Diskussion, wie Kirche in einer säkularisierten Welt weiterhin ihren Auftrag erfüllen kann, wenn qualifizierte Fachkräfte gebraucht werden, aber nicht getauft sind.

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Durchkitzeln auf dem Schoß des Pastors

Das evangelische Kirchenparlament will Missbrauch innerhalb der EKD mit einem Elf-Punkte-Plan aufklären Quelle: pa/imageBROKER/Ulrich Niehoff
Die Evangelische Kirche will eine lückenlose Aufklärung der sexualisierten Gewalt in ihren Einrichtungen. Eine Bischöfin erinnert an den größten Missbrauchsskandal und mahnt: „Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr.“

Von Claudia Becker | DIE WELT

Die Bischöfin fand klare Worte. Von „wiederholt erfahrener Ignoranz“ sprach sie, von „mangelnder Empathie“, von „Verrat von Vertrauen und Gefühlen“. Die Worte, die Kirsten Fehrs auf der in Würzburg tagenden Synode für die Schuld gegenüber jenen fand, die in der Kirche zu Opfern sexualisierter Gewalt geworden sind, waren ein unverblümtes Bekenntnis. In dieser Deutlichkeit war es längst überfällig.

Dass es auch in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die keinen Zölibat kennt und so weitgehend befreit war vom Verdacht, ein Hort sexueller Verklemmungen zu sein, Missbrauch stattfand, war lange nicht im allgemeinen Bewusstsein. Doch als sich 2010 im Zuge der Enthüllung der Skandale in katholischen Einrichtungen die ersten Opfer evangelischer Geistlicher zu Wort meldeten, kam ein Fall nach dem anderen ans Licht.

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