Ist das Gehirn krank, wenn die Seele leidet?

Alte Schautafel des Gehirns
© NIKOLA NASTASIC / GETTY IMAGES / ISTOCK (AUSSCHNITT)
Psychische Leiden seien Erkrankungen des Gehirns, beteuern Psychiater gerne. Doch die Behauptung ist umstritten.

Von Christian Wolf | Spektrum Gehirn&Geist

»Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie eine Hirnstörung haben?«, fragt der Therapeut gegen Ende der Probesitzung. Inge M. sieht ihn verdutzt an. Sie hat den Therapeuten wegen einer Depression aufgesucht. Die Patientin wohnt in Berlin und möchte ihren richtigen Namen lieber nicht in einem Artikel lesen. Sie hat schon davon gehört, dass Depressionen eine Hirnerkrankung seien. Aber sie ist skeptisch und möchte die Behandlung bei dem Therapeuten lieber nicht fortsetzen. Ob er wirklich glaubt, dass sie eine Hirnstörung hat, wird sie also nie erfahren.

Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie oder ADHS hören immer wieder, dass ihre seelischen Probleme im Wesentlichen eine Wurzel hätten: eine Störung in dem rund 1300 Gramm schweren Organ in ihrem Schädel. Die Botschaft begegnet Betroffenen zum Beispiel in dem Dokumentarfilm »Das dunkle Gen«. In der Reportage versucht ein Arzt, den möglichen genetischen Ursachen seiner Depression auf die Spur zu kommen. Auch der namhafte Psychiater Florian Holsboer verkündet, dass Depressionen, schwere Angstzustände und Schizophrenien auf »Fehlregulationen des Gehirns« beruhen. Holsboer ist der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und hat das Buch »Biologie für die Seele« geschrieben. Doch finden sich die Ursachen für psychische Erkrankungen wirklich in unseren grauen Zellen?

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„Aufschieberitis“ liegt am Gehirn

Viele Menschen neigen dazu, Aufgaben aufzuschieben. Die neuronale Basis für diese Neigung haben Forscher nun aufgedeckt. © Brain Jackson/ iStock
Lieber morgen als heute: Wer unangenehme Aufgaben gerne aufschiebt, kann künftig seiner Hirnanatomie die Schuld geben. Denn wie eine Studie enthüllt, lässt sich der Hang zur Prokrastination an der Größe und Verknüpfung zweier Hirnareale ablesen. Ist ihr Zusammenspiel gestört, fällt die Handlungskontrolle schwer und wir schieben Dinge eher vor uns her, wie die Forscher berichten. Das Wissen um diesen Zusammenhang könnte möglicherweise helfen, neue Therapien bei starker „Aufschieberitis“ zu entwickeln.

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Wie gehen Sie neue Aufgaben an? Eher impulsiv und schnell? Oder arbeiten Sie systematisch einfach eine nach der andere ab? Oder gehören Sie vielleicht zu den Menschen, die sich zwar einen perfekten Plan machen, dann aber doch das meiste wieder aufschieben? Klar scheint: Ob jemand eher zur „Aufschieberitis“ neigt oder nicht, hängt stark von der Persönlichkeit ab.

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Teleologisches Denken: Die Gemeinsamkeit von Verschwörungstheoretikern und Kreationisten

Ob nun Gott als Baumeister, der die Schöpfung der Welt zu seinem Selbstzweck bewerkstelligt oder aber die Verschwörungstheorien. Alles habe einen Zweck und ein Ziel. Trumps verschwörungstheoretisches Geschwafel über den Geburtsort Barack Obamas, jüdische Weltverschwörung einhergehend mit jüdischer Dominanz in Medien, den Banken usw. gipfelnd im Machwerk „Die Protokolle der Weisen von Zion.“ Selbst die Schulattentate in den USA seien nur zu dem Zweck möglich gewesen um die Waffengesetze zu verändern und das Waffenrecht zu verschärfen.  Der Klimawandel sei von China gemacht um die USA zu schädigen. Es gibt eine Fülle von verschwörungstheoretischen Ansätzen, einige sogar recht fundiert.

In ähnlicher Art und Weise finden wir diese Ansätze bei den Kreationisten, also, jeden Gläubigen die die Evolution, die Evolutionstheorie von Charles Darwin, genaugenommen die natürliche Selektion verleugnen. Alles habe einen Sinn, einen Zweck und ein Ziel. Die hartgesottenen Kreationisten, wie Ken Ham, meinen die Fossilien von Sauriern, Affen, Menschen seien nur zum Zwecke unserer Verwirrung vom Teufel persönlich versteckt worden.

„Wir finden einen bisher unbemerkten roten Faden zwischen dem Glauben an den Kreationismus und dem Glauben an Verschwörungstheorien“, sagt Sebastian Dieguez, Neurowissenschaftler an der Universität Fribourg, der die Forschungsergebnisse kürzlich, in der Fachzeitschrift Cell Biology veröffentlichte.

„Obwohl diese Glaubenssysteme auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind, sind sie mit einer einzigen und mächtigen kognitiven Verzerrung verbunden, die als teleologisches Denken bezeichnet wird und die Wahrnehmung von Endursachen und übergeordnetem Zweck in natürlich vorkommenden Ereignissen und Entitäten mit sich bringt.“

Teleologisches Denken beinhaltet das Zuweisen von Absichten und Zwecken zu Merkmalen der Welt, die überhaupt kein Bewusstsein oder Wünsche haben. Ein Beispiel, das Dieguez gab, ist der Gedanke, dass die Sonne aufgeht, um uns Licht zu geben – wenn in Wirklichkeit die Sonne wegen der Rotation der Erde im Sonnensystem am Himmel aufgeht.

Diese Denkmuster sind „Teil der frühesten Intuitionen der Kinder über die Welt“, notieren die Autoren unter der Leitung von Pascal Wagner-Egger.

„Diese Art des Denkens ist dem wissenschaftlichen Denken und insbesondere der Evolutionstheorie ein Gräuel und wurde berühmt von Voltaire verspottet, dessen Charakter Pangloss glaubte, dass ‚Nasen gemacht wurden, um eine Brille zu tragen'“, sagte Dieguez. „Aber es ist sehr widerstandsfähig in der menschlichen Wahrnehmung, und wir zeigen, dass es nicht nur mit dem Kreationismus, sondern auch mit dem Verschwörungsakt verbunden ist.“

Eine Möglichkeit, teleologisches Denken in Individuen zu entdecken, dass sie Ansichten wie „Nichts geschieht zufällig“ oder „Alles geschieht aus einem bestimmten Grund“ enthält. Die Forscher fanden heraus, dass diese Arten von Ansichten eng mit einer Neigung zu Verschwörungstheorien zu glauben entsprechen.

Aber diese Art des Denkens hat auch eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Kreationismus – die Ansicht, dass die darwinistische Evolution durch natürliche Selektion nicht stattgefunden hat und dass das Leben auf der Erde mit der Artenvielfalt, die wir sehen, speziell entworfen wurde (von Gott wird es normalerweise angenommen) heute.

Es ist erwähnenswert, dass diese Sichtweise selbst den entsprechenden Glauben tragen kann, dass evolutionäre Ansichten selbst das Ergebnis einer Verschwörung sind, die Öffentlichkeit über die Ursprünge des Lebens zu täuschen.

Dieguez und andere Forscher fanden in einer Reihe von Umfragen heraus, dass teleologisches Denken, Verschwörungstheorien und Kreationismus – wenn auch manchmal nur „bescheiden“ – miteinander korreliert waren.

„Indem wir die Aufmerksamkeit auf die Analogie zwischen Kreationismus und Verschwörung lenken, hoffen wir, einen der größten Fehler von Verschwörungstheorien aufzuzeigen und Menschen dabei zu helfen, sie zu erkennen, nämlich dass sie sich auf teleologische Überlegungen stützen, indem sie dem Weltgeschehen eine letzte Ursache und einen übergeordneten Zweck zuschreiben. „Dieguez sagt. „Wir denken, dass die Botschaft, dass Verschwörung eine Art von Kreationismus ist, der sich mit der sozialen Welt befasst, dazu beitragen kann, einige der verblüffendsten Merkmale unserer so genannten“ Post-Wahrheits-Ära „zu klären.“

Zu verstehen, wie sich diese Überzeugungen verbreiten und warum sie für die Menschen so zwingend sind – selbst wenn sie, wie im Fall von Q Anon, so offensichtlich Unsinn sind – ist von entscheidender Bedeutung, um einen Weg zu finden, ihre Verbreitung zu verhindern. Die Forscher hoffen, dass ihre Arbeit Pädagogen und Kommunikatoren helfen kann, falsche Theorien und Überzeugungen besser zu widerlegen und zu untergraben.

Den Optimismus der Forscher kann man praktisch nicht teilen. Kreationisten und Verschwörungstheoretiker haben sich gegen Fakten selbstimmunisiert, Fakten dienen letztlich dazu, eigene Positionen zu erhärten und werden als Bestätigung der persönlichen Weltsicht vereinnahmt.

Es bleibt ein interessanter Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und Kreationismus, es bleibt spannend.

 

Nach einem Artikel von Cody Fenwick/Alternet

Männer erfassen Bewegungen schneller

Männer verarbeiten visuelle Bewegungsreize anders als Frauen – aber warum? © Jake Olimb/ thinkstock
Deutlich schneller: Männer können Bewegungen offenbar besser erfassen als Frauen. Eine Studie zeigt: Die Herren der Schöpfung erkennen im Schnitt schneller, ob sich Balken auf einem Bildschirm nach links oder nach rechts bewegen. Die Ursache für diesen Wahrnehmungsunterschied ist noch unklar – sie könnte aber sogar erklären, warum Männer häufiger an Autismus erkranken, berichten Forscher.

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Auch wenn viele Klischees zum Unterschied zwischen den Geschlechtern schlicht Quatsch sind: In einigen von ihnen steckt tatsächlich ein wahrer Kern. Zwar ist „das“ männliche oder weibliche Gehirn ein Mythos. Trotzdem scheinen Frauen mitunter anders zu denken und die Welt auch anders wahrzunehmen als Männer – belegt sind inzwischen beispielsweise Unterschiede im räumlichen Vorstellungs- und Orientierungsvermögen, im Stressempfinden oder dem Gedächtnis.

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How Your Brain Decides Without You

Graphic courtesy of Vimeo, Human Brain Project
In a world full of ambiguity, we see what we want to see.

By Tom Vanderbilt | NAUTILUS

Princeton’s Palmer Field, 1951. An autumn classic matching the unbeaten Tigers, with star tailback Dick Kazmaier—a gifted passer, runner, and punter who would capture a record number of votes to win the Heisman Trophy—against rival Dartmouth. Princeton prevailed over Big Green in the penalty-plagued game, but not without cost:  Nearly a dozen players were injured, and Kazmaier himself sustained a broken nose and a concussion (yet still played a “token part”). It was a “rough game,” The New York Times described, somewhat mildly, “that led to some recrimination from both camps.”  Each said the other played dirty.

The game not only made the sports pages, it made the Journal of Abnormal and Social Psychology. Shortly after the game, the psychologists Albert Hastorf and Hadley Cantril interviewed students and showed them film of the game. They wanted to know things like: “Which team do you feel started the rough play?” Responses were so biased in favor of each team that the researchers came to a rather startling conclusion: “The data here indicate there is no such ‘thing’ as a ‘game’ existing ‘out there’ in its own right which people merely ‘observe.’ ” Everyone was seeing the game they wanted to see. But how were they doing this? They were, perhaps, an example of what Leon Festinger, the father of “cognitive dissonance,” meant when he observed “that people cognize and interpret information to fit what they already believe.”

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Auch Männer bekommen den „Babyblues“

Auch Väter können nach der Geburt eines Kindes eine Depression entwickelt. © David Sacks/ thinkstock
Nicht nur ein Mütter-Ding: Auch frischgebackene Väter können eine postnatale Depression entwickeln. Entgegen der gängigen Annahme tritt diese Form der psychischen Erkrankung bei Männern tatsächlich sogar ähnlich häufig auf wie bei Frauen, wie Psychologen nun berichten. Sie fordern daher ein Umdenken – und eine bessere Betreuung junger Väter.

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Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist die Freude erst einmal groß. Die Anstrengungen von Schwangerschaft und Geburt sind überstanden, die Familie ist glücklich. Trotzdem rutschen viele Mütter in den ersten Tagen nach der Entbindung in ein Stimmungstief ab. Sie weinen viel, sind empfindlich und verstimmt.

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There Is No Such Thing as Unconscious Thought

Image Credit nautilus
A behavioral scientist unravels one of our most cherished conceptions.

By Nick Chater | NAUTILUS

The great French mathematician and physicist Henri Poincaré (1854–1912) took a particular interest in the origins of his own astonishing creativity. His achievements were impressive: His work profoundly reshaped mathematics and physics—including laying crucial foundations for Einstein’s theory of relativity and the modern mathematical analysis of chaos. But he also had some influential speculations about where many of his brilliant ideas came from: unconscious thought.

Poincaré found that he would often struggle unsuccessfully with some mathematical problem, perhaps over days or weeks (to be fair, the problems he got stuck on were difficult, to say the least). Then, while not actually working on the problem at all, a possible solution would pop into his mind. And when he later checked carefully, the solution would almost always turn out to be correct.

How was this possible? Poincaré’s own suspicion was that his unconscious mind was churning through possible approaches to the problem “in the background”—and when an approach seemed aesthetically “right,” it might burst through into consciousness. Poincaré believed that this “unconscious thought” process was carried out by what might almost be a second self, prepared and energized by periods of conscious work, yet able to work away on the problem in hand entirely below the level of conscious awareness.

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Psychopharmaka: Wenn Kinder einfach krank gestempelt werden

Therapie mit unbekannten Langzeitfolgen: Immer mehr Kinder erhalten in den Vereinigten Staaten Psychopharmaka. Bild: dpa
Ist der Nachwuchs auch nur etwas verhaltensauffällig, greifen Amerikas Eltern und Ärzte schnell zu Psychopillen. Neue Zahlen belegen, wie dramatisch die Entwicklung ist.

Von Hildegard Kaulen | Frankfurter Allgemeine Zeitung

In den Vereinigten Staaten werden immer mehr Kinder als psychisch krank eingestuft und mit Psychopharmaka behandelt. Am häufigsten werden Verhaltensauffälligkeiten therapiert. Ein Beitrag von Dinci Pennap von der Universität Maryland und ihren Kollegen in der Zeitschrift „Jama Pediatrics“ verdeutlicht das ganze Ausmaß dieser Entwicklung: Von 35 244 Kindern, die 2007 in einkommensschwache Familien eines Bundesstaates im Osten der Vereinigten Staaten hineingeboren worden sind, ist jedes fünfte Kind bis zu seinem achten Lebensjahr als psychisch krank eingestuft worden. Jedes zehnte Kind dieser Geburtskohorte hat bis zum achten Lebensjahr Psychopharmaka erhalten.

Die Konsequenzen, die sich daraus für die Reifung des kindlichen Gehirns und die langfristige körperliche und geistige Gesundheit der Kinder ergeben, sind nicht absehbar. Die am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung ist ADHS, eine Störung der Aufmerksamkeit- und der Konzentrationsfähigkeit, gefolgt von Lernschwierigkeiten, Störungen des Sozialverhaltens, Anpassungsstörungen und Angststörungen. Autismus und Depression sind nur selten festgestellt worden. Bei den Jungen kommt besonders häufig ADHS vor, bei den Mädchen sind es auch Anpassungs- und Angststörungen. Lernschwierigkeiten und Störungen im Sozialverhalten sind bei beiden Geschlechtern gleichermaßen häufig vertreten gewesen.

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Jedes Gehirn ist einzigartig – fast wie ein Fingerabdruck

Die Wülste und Furchen verlaufen auch bei Zwillingen unterschiedlich, hier jeweils drei Ansichten von zwei verschiedenen Gehirnen. (Bild: Lutz Jäncke, Universität Zürich)
Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen zeigt sich nicht nur auf der finktionellen Ebene im Gehirn, sondern auch in einer individuellen Anatomie.

Neue Zürcher Zeitung

Dass Erfahrungen im Gehirn Spuren hinterlassen, ist schon lange bekannt. So weisen Profimusiker oder Schachspielerinnen Besonderheiten in den Hirngebieten auf, die sie für ihre Expertise besonders stark beanspruchen.

Doch auch kürzere Ereignisse können sich in der Hirnanatomie niederschlagen. Wird beispielsweise der rechte Arm für zwei Wochen ruhiggestellt, reduziert sich die Dicke der Hirnrinde in den Gebieten, die für die Kontrolle des immobilisierten Armes zuständig sind.

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Hirndoping nimmt zu

Den geistigen Leistungen mit Medikamenten nachhelfen – Hirndoping nimmt vor allem in Europa zu © Kim Hager, Neal Prakash / UCLA
Pille als Lernhilfe: In Europa hat der Missbrauch von Medikamenten für das „Hirndoping“ stark zugenommen. Wie die bisher größte Studie dazu enthüllt, hat sich der Anteil der Menschen, die Mittel wie Ritalin, Modafinil und Co zur Steigerung ihrer geistigen Leistung genutzt haben, in nur zwei Jahren verdoppelt bis vervierfacht. Auch in Deutschland geht der Trend nach oben – wenngleich er insgesamt auf vergleichsweise niedrigem Niveau liegt.

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Sie sollen wachhalten, beim Lernen helfen und die Konzentration stärken: Medikamente wie das Narkolepsie-Mittel Modafinil oder das eigentlich gegen ADHS verschriebene Ritalin (Methyphenidat) werden zunehmend zweckentfremdet und von gesunden Menschen zur Steigerung der geistigen Leistungen eingenommen – auch in Deutschland. Allerdings: Der Nutzen dieser Wirkstoffe beim Hirndoping ist umstritten, dafür kann ihre Einnahme bleibende Folgen haben.

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Das Gehirn unter Strom wird moralisch

Ko-Autor Roy Hamilton beim Anlegen eines Geräts zur minimalinvasiven Gehirnstimulation. Bild: Penn UNiversity
Wissenschaftler glauben, mit Gehirnstimulation die Neigung zur Gewalt reduzieren zu können und diese so zur Entlastung der Gesellschaft biologisch erklären zu können

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Wie kann man den Impuls für gewalttätiges Handeln senken oder unterdrücken? Es gab vor Entwicklung der Psychopharmaka seit Ende 1930er Jahre das Versprechen, psychische Störungen, aber eben auch Gewalttäter neurochirurgisch durch Lobotomie behandeln zu können. Propagiert wurde die teilweise Zerstörung des Gewebes zwischen Thalamus und Frontallappen vor allem vom amerikanische Psychiater Walter Freeman, der selbst tausende Menschen operierte. Es war ein Heilsversprechen, das aber den derart Behandelten schweren Schaden zufügte.

Ähnlich wie bei der Elektroschockbehandlung, die etwa zur gleichen Zeit aufkam, wusste man auch gar nicht, warum und wie die Lobotomie den Menschen helfen sollte (Technologie der Unterwerfung). Erst ab Ende der 1960er Jahre ging die Zeit der Lobotomie mit den damals verwendeten Methoden zu Ende. Noch länger praktiziert wurden stereotaktische Eingriffe bei Sexualstraftäter, bei denen Teile des limbischen Systems zerstört wurden. Und auch heute noch werden mitunter solche stereotaktische Ausschaltungsoperationen, genannt Kapsulotomie, bei schweren Zwangsstörungen als letzte therapeutische Option durchgeführt.

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Seelen-Suche

Foto: pixabay.com / geralt
Was sind die seltsamsten Fragen, die du je gegoogelt hast? Meine könnten sein (für mein neuestes Buch): „Wie viele Menschen haben je gelebt?“ „Woran denken Menschen kurz vor dem Tod?“ und „Wie viele Bits würde man benötigen, um in einer virtuellen Realität jeden wieder auferstehen zu lassen, der jemals gelebt hat?“ (Es ist 10 hoch 10123).

Von Michael Shermer | Richard-Dawkins-Foundation

Mit Hilfe von Googles Autovervollständigung und Keyword Planner Tools hat das britische Internetunternehmen Digitaloft eine Liste von 20 der verrücktesten Suchanfragen erstellt, darunter „Bin ich schwanger?“ „Sind Aliens echt?“ „Warum haben Männer Nippel?“ „Ist die Erde flach?“ und „Kann ein Mann schwanger werden?“

Das ist alles sehr unterhaltsam, aber laut dem Ökonomen Seth Stephens-Davidowitz, der bei Google als Datenwissenschaftler arbeitete (er ist jetzt Autor für die New York Times), können solche Suchen als „digitales Wahrheitsserum“ für tiefergehende und dunklere Gedanken dienen. Wie er in seinem Buch „Everybody Lies: Big Data, New Data, and What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are” (Dey Street Books, 2017) erklärt: „Im vordigitalen Zeitalter versteckten die Menschen ihre peinlichen Gedanken vor anderen Menschen. Im digitalen Zeitalter verstecken sie sie immer noch vor anderen Menschen, aber nicht vor dem Internet und insbesondere vor Seiten wie Google und PornHub, die ihre Anonymität schützen.“ Der Einsatz großer Datenforschungsinstrumente „erlaubt uns endlich zu sehen, was die Menschen wirklich wollen und tun und nicht das, von dem sie sagen, es zu wollen und zu tun“.

Z. B. können Leute Meinungsforschern sagen, dass sie nicht rassistisch sind und Umfragedaten legen nahe, dass bigotte Haltungen über Themen wie interkulturelle Ehe, Rechte der Frauen und gleichgeschlechtliche Ehe seit Dekaden unvermindert abnimmt und anzeigen, dass Konservative heute sozial liberaler sind, als es Liberale in den fünfziger Jahren waren.

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Washington ist das Psychopathennest in den USA

Washington: Hafen der Psychopathen. Bild: Martin Falbisoner/CC BY-SA-3.0
Nach einer Untersuchung der geografischen Verteilung ist die US-Hauptstadt mit ihren Politikern, Anwälten und Medienmenschen reich an Psychopathen, die auf dem Land selten sein sollen

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Wie weit der Ansatz führt, ein Land zu verstehen, indem man die geografische Verteilung von vorherrschenden Persönlichkeitstypen oder psychischen Merkmalen wie den “ Big Five“ (Fünf-Faktoren-Modell), muss sich erst herausstellen. Im Unterschied zu anderen Verfahren, die etwa die geografische Verteilung des Wählerverhaltens oder von ökonomischen Faktoren untersuchen, sind Persönlichkeitstypen schwer zu objektivieren.

Wissenschaftler, die diesem Ansatz etwa in der 2013 im Journal of Personality and Social Psychology erschienenen Studie „Divided We Stand: Three Psychological Regions of the United States and Their Political, Economic, Social, and Health Correlates“ nachgehen, versprechen, dass sich besser regionale Unterschiede des sozialen Kapitals, des Verbrechens oder der kulturellen Diversität ablesen ließen – mit der Option, dass man absehen könnte, welche Interventionen greifen oder nicht. So würde das soziale Kapital eher in Regionen gedeihen, in denen ein freundliches und konventionelles psychologisches Profil vorherrscht. Das sei verbunden mit Warmherzigkeit, Geselligkeit, Pflichtbewusstsein und Wahrung der Konventionen. Wo solch ein Profil nicht vorhanden ist, könnten Bemühungen, soziales Kapital zu fördern oder zu schaffen, vergeblich sein.

Allerdings würden solche Regionen nicht mit Wohlergehen und einem gesunden Lebensstil einhergehen. Das finde man eher in Regionen mit hohem Anteil von entspannten und kreativen psychologischen Profilen, weswegen hier eher gesunde und langlebigere Menschen zu finden seien. Die Annahme ist, dass vorherrschende psychologische Merkmale in der regionalen Bevölkerung die „Atmosphäre“ prägen und das Verhalten beeinflussen können.

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Irenäus Eibl-Eibesfeldt hielt uns den evolutionären Spiegel vor . . .

Irenäus Eibl-Eibesfeldt (2005). Bild: wikipedia.org/CC BY-SA 3.0 – Peter Korneffel
. . . und war als einer von wenigen Biologen bereit, den Mund aufzumachen und sich mit der Politik der 68er anzulegen.

Kurt Kotrschal | Die Presse.com

Die Liebe kam mit der Mutter-Kind-Bindung in die Welt. Als dies Irenäus Eibl-Eibesfeldt (IEE) 1970 in seinem Buch „Liebe und Hass“ darlegte, konnte er noch nicht wissen, dass ihn die moderne Biopsychologie spektakulär bestätigen würde: ein Beispiel dafür, dass IEE ein Mann der großen Würfe war, weitsichtig und sicherlich kein Elfenbeintürmler. Ihm in einer Würdigung gerecht zu werden, ist ob der Fülle seiner Verdienste einfach; oder schwierig, wenn dazu nämlich der Platz fehlt.

Sein Lebenswerk wurde in einer Reihe von Nachrufen eingehend gewürdigt, darum konzentriere ich mich hier auf ein paar mir wichtige Punkte. Einer der größten bleibenden Verdienste von IEE ist es sicherlich, dass er den oft krausen Vorstellungen mancher Sozial- und Humanwissenschaftler vom Wesen des Menschen empirische Ergebnisse entgegenstellte. Dass er davon bereitwillig und nahezu missionarisch politisch-gesellschaftliche Schlussfolgerungen ableitete, brachte ihm viel Zustimmung – auch von „falscher“ Seite – und einiges an Kritik ein, nicht immer ganz zu Unrecht.

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Das geistige Leben der Bienen

Bild: dpa
Bienen sind besonders kluge Insekten. Der Verhaltensforscher Lars Chittka legt dafür eindrucksvolle Belege vor. Sollte man deshalb von einem Bewusstsein der Bienen sprechen?

Von Wolfgang Krischke | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das Gehirn der Biene ist nach dem menschlichen das vollkommenste in der gesamten Natur, fand der belgische Schriftsteller Maurice Maeterlinck. Sein „Leben der Bienen“ gehört zu den wenigen Werken des einst gefeierten Literaturnobelpreisträgers, die noch nicht gänzlich in Vergessenheit geraten sind. Zu den Kennern dieses 1901 erschienenen Buchs gehört der Verhaltensforscher Lars Chittka, der zurzeit Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin ist. Er und sein Team haben im Freiland und im Labor der Londoner Queen-Mary-Universität staunenswerte Beobachtungen und Experimente mit Honigbienen und Hummeln gemacht. In ihrem Licht erscheint Maeterlincks Bewunderung für den „Intellekt“ der Bienen weniger abwegig, als sie auf den ersten Blick wirken mag.

Dass Bienen ein hervorragendes Orientierungsvermögen haben und Meister der Staatenbildung sind, ist lange bekannt. Aber die zugrundeliegenden Verhaltensweisen galten bislang als rein instinktiv.

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Sexuelle Gewalt: Die vergessenen Jungen

Foto: Dorothee Wolters/Zartbitter
Als Ilka Villier Tim nach Jahren zufällig auf einer weiterführenden Schule wiedertrifft, ist er ein anderer Mensch. Vor ihr steht ein fröhlicher und friedlicher Junge, ein integrierter, interessierter Schüler.

Von Caroline Kron | Kölner Stadt-Anzeiger

Sechs Jahre zuvor:  Tim, 7, ist das Sorgenkind der Klasse. Er ist   unkonzentriert, unruhig, ungehalten. Rastet  aus scheinbar nichtigen Anlässen aus, prügelt auf Mitschüler ein, beschimpft  sie. Dann wirkt er wieder wie ein Häufchen Elend, hilf- und hoffnungslos. Tims Ausraster  machen ihn zum Außenseiter – ausgeschlossen von der Klasse und von den Lehrern abgeschrieben. Sie raten zur  Versetzung auf eine Förderschule, wissen, wie auch seine ratlose Mutter, nicht mehr ein und aus – und ahnen nichts von dem Martyrium, das  Tim Zuhause  erleiden muss.

Spüren schon Bonobos Ekel?

REUTERS
Auch unsere Cousins wenden sich ab von Futter, das mit Fäkalien und Erde kontaminiert ist. Ob ihnen dabei auch so graust, konnte das Experiment nicht klären.

Jürgen Langenbach | Die Presse.com

Nichts ist für Lebewesen so riskant wie das, was sie am nötigsten brauchen: Nahrung. Die kann voller Gifte und/oder Krankheitserreger sein, zur Risikominimierung gibt es mehrere Strategien: Zunächst kann man sich an Bewährtes halten und Ungewohntes verschmähen, diese Neophobie haben etwa Ratten ganz extrem, aber auch unter Menschen ist bekannt, das „der Bauer nicht isst, was er nicht kennt“. Das war immer schon etwas pejorativ eingefärbt und ist aus der Mode geraten, seit eine exotische Frucht nach der nächsten die Neugier lockt, bei diesen Früchten verlässt man sich darauf, dass sie so hergerichtet sind, dass sie keine Gefahr bringen.

Das Herrichten ist die zweite Strategie: Nahrung wird prozessiert, im einfachsten Fall gewaschen, so halten es etwa Makaken, und Menschen tun es auch, sie haben wache Augen, Bananenbündel etwa werden vor dem Versand inspiziert. Und wenn im Empfängerland in irgendeinem Supermarkt doch eine Spinne herauskriecht, stellen sich nicht nur Schlagzeilen ein, sondern auch Emotionen: Furcht und Ekel.

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Wer für Grundrechte von Robotern plädiert, treibt ein doppeltes Spiel: Er will die Freiheit der Menschen einschränken

Sind KI-Wesen – und damit auch Sexbots – bald rechtsfähig? Geht es nach dem EU-Parlament, muss darüber dringend diskutiert werden. (Bild: Albert Gea / Reuters)
Können Menschen Roboter missbrauchen? Sind sadistische Sexbots denkbar? Die Entwicklung künstlicher Intelligenz eröffnet ganz neue Problemhorizonte in Sachen Sex, Ethik und Technik. Und die neuen Tugendhüter nutzen die Gunst der Stunde.

Slavoj Žižek | Neue Zürcher Zeitung

Der modische Moralismus erreichte kürzlich mit einer ebenso ernst gemeinten wie geführten Debatte über die Regulierung der Beziehung zwischen Menschen und Sexrobotern einen neuen Höhepunkt. Nachdem ein Sexroboter bei einem Tech-Festival beschädigt worden war, äusserten einige involvierte Parteien die Befürchtung, zukünftig könnten solche Maschinen – die im Laufe der Zeit womöglich Bewusstsein und erste Gefühle entwickeln, ohne bereits über einen eigenen Willen zu verfügen – eine «Klasse legaler Sexsklaven» bilden. Deshalb wäre der rechtliche Begriff der Einwilligung zwingend auch auf Beziehungen mit Robotern auszuweiten.

Diese Ideen können als Spezialfall eines Vorschlags betrachtet werden, den das Europäische Parlament vor einem Jahr vorbrachte. Es trug der EU-Kommission auf, sich mit dem Thema KI auseinanderzusetzen – und dabei auch zu prüfen, ob künstlich intelligenten Wesen Persönlichkeitsrechte zugesprochen werden sollten. Im April 2018 äusserte sich die Kommission nun zwar zu neuen Investitionsmassnahmen, sie liess die Frage zu den Persönlichkeitsrechten aber offen. Doch die impliziten Annahmen, die hinter solchen Vorschlägen stecken, gehören auf den Tisch. Sie lassen sich am Beispiel der Sexroboter in aller Deutlichkeit demonstrieren.

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Sexueller Missbrauch: Warum männliche Opfer oft schweigen

Wenn Jungen und Männer sexuell missbraucht werden, sind ihre Erfahrungen noch immer ein Tabu. Viele offenbaren sich jahrzehntelang niemandem.

Von Jana Hauschild | SPON

50 Jahre ist es her, doch Mani hat seither nie mit jemandem darüber gesprochen. Nicht mit seinen Eltern, nicht mit Freunden, nicht mit seinen Partnerinnen. Erst in einem Internetforum vertraut er sich anderen an, die Ähnliches erlebt haben.

Mani wurde als 13-Jähriger von einem Familienmitglied sexuell missbraucht. Ungewollte Berührungen, aufgezwungener Geschlechtsverkehr, gewaltvolle Ausbeutung. Wie Mani schweigen die meisten Jungen und Männer, denen dies widerfahren ist.

Hohe Dunkelziffer

In der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2017 finden sich knapp tausend Fälle von sexuellen Übergriffen auf Jungen oder Männer. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.

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„Aggression ist ein Mittel zur Selbstbehauptung“

Ein Junge sitzt in einer Schule auf dem Boden (Symbolfoto). (Foto: imago/Bildbyran)
Nimmt die Gewalt an Schulen zu? Nein, sagt Psychologe Matthias Siebert. Und spricht über die Wirkung von Raufen nach Regeln, Helikopter-Eltern und die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

Interview von Hannah Beitzer | Süddeutsche Zeitung

Eine Grundschule, die einen privaten Wachschutz organisieren muss, Lehrer, die die Polizei alarmieren, um Schüler zu bändigen: Berlin verzeichnet einen Anstieg bei der Gewalt an Schulen – ebenso andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Doch nackte Zahlen und spektakuläre Einzelfälle sagen wenig über die tatsächlichen Verhältnisse an den Schulen, sagt der Berliner Schulpsychologe Matthias Siebert.

SZ: Wenn Grundschulen auf einmal einen Wachschutz brauchen, kann das wohl nur eines bedeuten: Die Gewalt an Schulen hat dramatisch zugenommen. Oder erleben Sie das als Schulpsychologe anders, Herr Siebert?

Matthias Siebert: Ich erlebe nicht, dass Schüler heute gewalttätiger sind als früher. Gewalt ist schon seit Menschengedenken Teil unserer Gesellschaft, also auch die Gewalt unter Jugendlichen. Denken Sie an das Musical Westside Story! Das hat genau dieses Thema und ist aus den fünfziger Jahren. Jahrzehntelang war Gewalt an der Schule auch aus einer anderen Richtung alltäglich, Lehrer durften Kinder bestrafen und schlagen. Von dieser schwarzen Pädagogik haben wir uns inzwischen zum Glück verabschiedet.

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