Wer für Grundrechte von Robotern plädiert, treibt ein doppeltes Spiel: Er will die Freiheit der Menschen einschränken

Sind KI-Wesen – und damit auch Sexbots – bald rechtsfähig? Geht es nach dem EU-Parlament, muss darüber dringend diskutiert werden. (Bild: Albert Gea / Reuters)
Können Menschen Roboter missbrauchen? Sind sadistische Sexbots denkbar? Die Entwicklung künstlicher Intelligenz eröffnet ganz neue Problemhorizonte in Sachen Sex, Ethik und Technik. Und die neuen Tugendhüter nutzen die Gunst der Stunde.

Slavoj Žižek | Neue Zürcher Zeitung

Der modische Moralismus erreichte kürzlich mit einer ebenso ernst gemeinten wie geführten Debatte über die Regulierung der Beziehung zwischen Menschen und Sexrobotern einen neuen Höhepunkt. Nachdem ein Sexroboter bei einem Tech-Festival beschädigt worden war, äusserten einige involvierte Parteien die Befürchtung, zukünftig könnten solche Maschinen – die im Laufe der Zeit womöglich Bewusstsein und erste Gefühle entwickeln, ohne bereits über einen eigenen Willen zu verfügen – eine «Klasse legaler Sexsklaven» bilden. Deshalb wäre der rechtliche Begriff der Einwilligung zwingend auch auf Beziehungen mit Robotern auszuweiten.

Diese Ideen können als Spezialfall eines Vorschlags betrachtet werden, den das Europäische Parlament vor einem Jahr vorbrachte. Es trug der EU-Kommission auf, sich mit dem Thema KI auseinanderzusetzen – und dabei auch zu prüfen, ob künstlich intelligenten Wesen Persönlichkeitsrechte zugesprochen werden sollten. Im April 2018 äusserte sich die Kommission nun zwar zu neuen Investitionsmassnahmen, sie liess die Frage zu den Persönlichkeitsrechten aber offen. Doch die impliziten Annahmen, die hinter solchen Vorschlägen stecken, gehören auf den Tisch. Sie lassen sich am Beispiel der Sexroboter in aller Deutlichkeit demonstrieren.

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Sexueller Missbrauch: Warum männliche Opfer oft schweigen

Wenn Jungen und Männer sexuell missbraucht werden, sind ihre Erfahrungen noch immer ein Tabu. Viele offenbaren sich jahrzehntelang niemandem.

Von Jana Hauschild | SPON

50 Jahre ist es her, doch Mani hat seither nie mit jemandem darüber gesprochen. Nicht mit seinen Eltern, nicht mit Freunden, nicht mit seinen Partnerinnen. Erst in einem Internetforum vertraut er sich anderen an, die Ähnliches erlebt haben.

Mani wurde als 13-Jähriger von einem Familienmitglied sexuell missbraucht. Ungewollte Berührungen, aufgezwungener Geschlechtsverkehr, gewaltvolle Ausbeutung. Wie Mani schweigen die meisten Jungen und Männer, denen dies widerfahren ist.

Hohe Dunkelziffer

In der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2017 finden sich knapp tausend Fälle von sexuellen Übergriffen auf Jungen oder Männer. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.

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„Aggression ist ein Mittel zur Selbstbehauptung“

Ein Junge sitzt in einer Schule auf dem Boden (Symbolfoto). (Foto: imago/Bildbyran)
Nimmt die Gewalt an Schulen zu? Nein, sagt Psychologe Matthias Siebert. Und spricht über die Wirkung von Raufen nach Regeln, Helikopter-Eltern und die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

Interview von Hannah Beitzer | Süddeutsche Zeitung

Eine Grundschule, die einen privaten Wachschutz organisieren muss, Lehrer, die die Polizei alarmieren, um Schüler zu bändigen: Berlin verzeichnet einen Anstieg bei der Gewalt an Schulen – ebenso andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Doch nackte Zahlen und spektakuläre Einzelfälle sagen wenig über die tatsächlichen Verhältnisse an den Schulen, sagt der Berliner Schulpsychologe Matthias Siebert.

SZ: Wenn Grundschulen auf einmal einen Wachschutz brauchen, kann das wohl nur eines bedeuten: Die Gewalt an Schulen hat dramatisch zugenommen. Oder erleben Sie das als Schulpsychologe anders, Herr Siebert?

Matthias Siebert: Ich erlebe nicht, dass Schüler heute gewalttätiger sind als früher. Gewalt ist schon seit Menschengedenken Teil unserer Gesellschaft, also auch die Gewalt unter Jugendlichen. Denken Sie an das Musical Westside Story! Das hat genau dieses Thema und ist aus den fünfziger Jahren. Jahrzehntelang war Gewalt an der Schule auch aus einer anderen Richtung alltäglich, Lehrer durften Kinder bestrafen und schlagen. Von dieser schwarzen Pädagogik haben wir uns inzwischen zum Glück verabschiedet.

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Vielleicht doch keine neuen Nervenzellen im Gehirn – na und?!

Hippocampus einer jungen Maus, grün sind die neuronalen Stammzellen dargestellt. Bild: RebecaCuesta/CC BY-SA-4.0
Über den wichtigsten Unterschied zwischen Psychologie und Neurowissenschaft

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Denken wir an Karl Popper (1902-1994), einen der berühmtesten Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Ihm haben wir nicht nur die Idee zu verdanken, dass wissenschaftliche Hypothesen und Theorien falsifizierbar sein müssen – also so formuliert sein müssen, dass sie zumindest prinzipiell an Beobachtungen und Messungen scheitern können. Auch Poppers Hinweise auf die Fehlbarkeit (Fachsprache: Fallibilität) wissenschaftlichen Wissens waren ein bedeutender Beitrag zu unserer Ideengeschichte.

Was Fehlbarkeit bedeuten kann, erfährt nun eine Reihe von Hirnforschern am eigenen Leib; und auch für das Verständnis von Falsifizierbarkeit ist der Fall interessant. Kürzlich veröffentlichte nämlich Nature die Arbeit von Arturo Alvarez-Buylla und Kollegen, Stammzellforscher an der University of California in San Francisco. Im Widerspruch zu einschlägigen Funden der letzten 20 Jahre, dass unter anderem im menschlichen Hippocampus ein Leben lang neue Nervenzellen entstehen, konnten die Forscher hierfür keine Belege finden.

Der Hippocampus – oder besser gesagt: beide Hippocampi, da wir davon zwei haben – ist als Struktur bekannt, die eine wichtige Aufgabe beim Lernen und Gedächtnis hat. Dass hier immer neue Zellen entstehen, in der Fachsprache spricht man von Neurogenese, schien also auch die Möglichkeit lebenslangen Lernens neurobiologisch zu untermauern.

Das wiederum passt hervorragend zu unserem Zeitgeist, demzufolge der Mensch sich permanent an neue Anforderungen anpassen muss. Schon 1998 sang Herbert Grönemeyer bekanntermaßen: „Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders.“ Inzwischen hat uns der Fortschritt in der Arbeitswelt gar schon eigene „Change Manager“ beschert. Diese sollen uns weismachen, dass alles nicht nur ganz anders werden muss, sondern dass das auch toll ist!

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Roboterforscherin: „Man kann bedingungslose Liebe antrainieren“

foto: ions Julia Mossbridge: Sophia trägt als Hardware im linken Auge eine Kamera, die irgendwann bis zu 100 Bilder pro Sekunde liefern wird und mit einer Software aus neuronalen Netzwerken auf Mikroebene die Mimik des Menschen analysieren kann.

Julia Mossbridge untersucht, wie künstliche Intelligenz die Menschheit in Sachen Liebe weiterbringen könnte

Interview Uta Gruenberger, Conny Lechner | derStandard.at

Sie wird als schlagfertig und belesen beschrieben und passt praktischerweise in einen Koffer. Ihr Name ist Sophia, ein humanoider Roboter des Hongkonger Unternehmens Hanson Robotics, das im vergangenen Jahr durch mehrere plumpe PR-Gags Aufsehen erregte: Im Oktober zum Beispiel verlieh ausgerechnet Saudi-Arabien Sophia die Staatsbürgerschaft. Das Land ist bezüglich Frauenrechte besonders rückständig. Frauenrechtlerinnen, die ohne islamische Kleidung (Hidschab, Abaya) auf die Straße gehen, werden verhaftet.

In westlichen Ländern wurde die Aktion als Verhöhnung der Frauen in Saudi-Arabien bezeichnet. Die Lockerung ultrakonservativer Regeln (Frauen sollen ab Juni Auto fahren dürfen) macht da wenig gut. Dennoch ist Sophia als „Forschungsobjekt“ interessant, ein Roboter, der dem Vernehmen nach noch gar nicht viel mehr kann als andere Vergleichsobjekte. Sie steht im Mittelpunkt des Forschungsprojekts „Loving AI“ (liebende künstliche Intelligenz) am Institute of Noetic Sciences in Petaluma, Kalifornien, wo die Psychologin Julia Mossbridge untersucht, warum künstliche Intelligenz (KI) die Menschen ausgerechnet in Sachen Liebe weiterbringen soll.

STANDARD: Frau Mossbridge, wie funktioniert Sophia?

Mossbridge: Sophia gibt es einmal als Roboterkörper für öffentliche Präsentationen und Auftritte – da agiert sie mit spezifisch vorprogrammierten Chatbots und schöpft aus einem definierten Pool von Antworten und Reaktionen. Und dann gibt es Sophia auf der Basis des Softwaresystems Open Cog, wenn wir an ihr für diverse Forschungszwecke wie zum Beispiel Loving AI arbeiten. Open Cog verknüpft anhand von neuartigen Denk- und Lernmechanismen das Wissen aus ganz unterschiedlichen Quellen wie Sprache, Audio, Video und Internet. Die Softwareentwicklung ist ein kreativ-offener Prozess, an dem sich jeder interessierte Programmierer beteiligen kann.

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Warum wir unsere Meinungen nicht ändern

Bild: RDF
Niemand überdenkt sein Weltbild gerne. Es macht uns aus und gibt uns ein Zugehörigkeitsgefühl.

Von Felix Kruppa | Richard-Dawkins-Foundation

Die Irrationalität des Weltbildes ist dafür vollkommen unerheblich. Sogenannte kognitive Verzerrungen helfen uns dabei, wider die Fakten an unserer Meinung festzuhalten. Insbesondere politische Ansichten werden zunehmend durch Emotionen bestimmt und gefährden so den rationalen Diskurs.

Wie und warum sich Menschen vor neuen Überzeugungen schützen

Die Gesamtheit der persönlichen Überzeugungen eines Menschen beschreibt sein Weltbild. Wer in seinem Weltbild erschüttert wird, muss lieb gewonnene und über Jahre kultivierte Ansichten revidieren und hinterfragt dabei immer auch sich selbst oder die Gruppe, die dieses Weltbild reproduziert. Die eigenen Überzeugungen sind elementarer Bestandteil der eigenen Identität, weswegen sie auch um den Preis der intellektuellen Redlichkeit beschützt werden. Die Psychologin Dorothe Kienhues nennt ein treffendes Beispiel: „Für einen tiefreligiösen Menschen kann es sehr schwer sein, unvoreingenommen über embryonale Stammzellenforschung zu diskutieren.“1

Anstatt sich neuen Informationen, die mit dem eigenen Weltbild nicht vereinbar sind, also unvoreingenommen anzunehmen oder zumindest einer Überprüfung zu unterziehen, greifen sogenannte kognitive Verzerrungen, die es dem Individuum erlauben, hinsichtlich seiner Überzeugungen konsistent zu bleiben. Diese kognitiven Verzerrungen (cognitive bias) sind fehlerhafte Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen und bleiben meist unbewusst.

Widersprüche, die sich durch neue Informationen ergeben, erzeugen eine sogenannte kognitive Dissonanz. Die gleichzeitige Existenz nicht miteinander vereinbarer Kognitionen (Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten) wird vom Individuum als unangenehm empfunden, weswegen es kognitive Dissonanz zu vermeiden versucht. In einer bildgebenden Studie konnte Drew Westen von der Emry University in Atlanta im Jahr 2004 belegen, dass Widersprüche zwischen Fakten und Wunschvorstellungen bestimmte Hirnareale wie den anterioren zingulären Kortex und den ventromedialen präfrontalen Kortex stärker durchbluten lassen.2 Diese Hirnareale gelten als Verarbeitungsstationen für negative Gefühle, Stresserleben und Schmerz.

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1Aus: Theodor Schaarschmidt: „Es fühlt sich so wahr an.“ Spektrum der Wissenschaft. Gehirn und Geist. 09/2017. S. 27.

2 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17069484

Ahmad Mansour: Antisemitismus habe auch religiöse Komponente

Ahmad Mansour veröffentlichte vor drei Jahren das Buch „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“ Quelle: dpa
Ahmad Mansour erklärt, warum Antisemitismus unter Irakern und Syrern so verbreitet ist: „Das ist Teil der Regimes gewesen, die Feindbilder zu pflegen und zu verbreiten.“ Sie hätten keine Hemmungen, diese Haltung öffentlich zu äußern.

DIE WELT

Für den Islamexperten Ahmad Mansour ist Antisemitismus nicht nur ein muslimisches Problem. „Den findet man links, rechts und in der Mitte der Gesellschaft“, sagte er in einem Interview mit dem „Kurier“. Allerdings habe der muslimische Antisemitismus andere Ursachen. Er widerspricht der oft geäußerten Meinung, mit der Lösung des Nahost-Konflikts gäbe es den Antisemitismus in Europa nicht mehr.

Dieser habe auch eine religiöse Komponente, die auf den Koran zurückgehe. „Wenn wir uns den Irak oder Syrien anschauen, müssen wir uns nicht wundern, dass die Menschen antisemitisch sozialisiert sind, das ist Teil der Regimes gewesen, die Feindbilder zu pflegen und zu verbreiten“, sagte er. „Diese Menschen legen diese Einstellungen nicht an der Grenze zu Österreich oder Deutschland ab.“

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Depression der Mutter hemmt Kindesentwicklung

Die Depression der Mutter kann die Sprachentwicklung ihres Kindes verzögern. © monkeybusiness / iStock
Depressionen schlagen Wellen: Die Depression einer Mutter kann die Entwicklung ihres Kindes beeinträchtigen. In einer Langzeitstudie haben Forscher entdeckt, dass Kinder von erkrankten Müttern eine gehemmte Sprachentwicklung und ein kleineres Vokabular besitzen. Die mütterlichen Depressionen entstanden häufig direkt nach der Geburt und könnten sich auch auf andere Lebensbereiche des Kindes auswirken, wie die Autoren berichten.

scinexx

Antriebslosigkeit, Energiemangel, Schlaflosigkeit – und das über Wochen. Eine Depression ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die dramatische Folgen für das Leben der Betroffenen haben kann. Allein in den USA entwickelt etwa jede zehnte Frau eine Depression. Ein Grund dafür kann die Geburt eines Kindes sein: So kann sich ein anfängliches Stimmungstief in eine postnatale Depression entwickeln. Ohne Behandlung führt dies wiederum womöglich zu einem chronischen Leiden. Doch welche Auswirkungen hat die Erkrankung der Mutter auf ihr Kind?

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Why We Might Miss Extraterrestrial Life Even If It’s Staring Us in the Face

See anything unusual in this aerial image? Credit: Modified photo of an original NASA picture
What do you get when you combine a classic psychology experiment with the search for extraterrestrial intelligence?

By Stephanie Pappas | SPACE.com

A gorilla on Mars.

OK, that one’s not going to kill on the comedy circuit. Here’s what’s going on: Researchers from the University of Cádiz in Spain found that most people who were asked to look for signs of human-made structures on alien terrain completely missed a little, waving gorilla figure inserted into one of the images.

The findings, reported in the journal Acta Astronautica on Tuesday (April 10), reveal the limitations of the search for extraterrestrial intelligence, or ETI: Humans are tied up in their own biases and attentional limitations and might miss alien intelligence even if it’s staring us in the face, the researchers said. [Greetings, Earthlings! 8 Ways Aliens Could Contact Us]

„We think [of] ETI as another form of humans, but much more advanced,“ study leader Gabriel G. De la Torre, a neuropsychologist at the University of Cádiz, told Live Science in an email. „We try to understand the world as [if] it was done to fit our beliefs, framework and senses. [In] reality, [it] could be much more different.“

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Diagnosen psychischer Störungen steigen stark an

Grafik:TP
Der Streit um die Interpretation des Bilds bei Burn-Out, Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen geht weiter

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Es ist eine alte Diskussion: Nehmen psychische Störungen zu oder nicht? Muss die Gesellschaft darauf reagieren? Oder bekommt das Thema nun endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient?

Führende Epidemiologen wie Hans-Ulrich Wittchen erheben Daten, denen zufolge rund 40% der EU-Bevölkerung jährlich mindestens eine psychische Störung haben (Beinahe jede(r) Zweite gilt als psychisch gestört). Dafür werden repräsentativ ausgewählte Menschen in Interviews zu psychischen Symptomen befragt, an die sie sich beispielsweise für das vergangene Jahr erinnern. In diesem Fall ging es um 2010.

In der genannten Studie wurden gerade einmal Daten zu 27 Störungen erhoben, während man mehrere hundert unterscheiden kann – etwa im amerikanischen DSM (Die „amtliche“ Fassung). Als dieselben Forscher einige Jahre später Befragungen im Rahmen der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ des Robert-Koch-Instituts nur für Deutschland durchführten, kamen sie allerdings nur noch auf 27,7% statt der vorherigen 38,2%.

Nun ist es aber weder so, dass die Deutschen psychisch gesehen so viel gesünder wären als der europäische Durchschnitt, noch dass die Häufigkeit der Störungen innerhalb weniger Jahre so stark abgenommen hätte. Die Unterschiede zeigen schlicht, dass die Ergebnisse davon abhängen, wie Forscher die Daten erheben und welche Störungen sie dabei im Blickfeld haben. Dabei können schon kleine Abweichungen in der Methodik große Veränderungen im Ergebnis verursachen. Wissenschaft bleibt Menschenwerk.

Ein Beispiel aus ferneren Zeiten: 1962 erschien die damals vieldiskutierte Midtown-Manhattan-Studie „Psychische Gesundheit in der Metropole“. Dass angeblich satte 81,5% der Bewohner Manhattans unter psychischen Problemen litten, wurde von vielen als Beleg dafür gesehen, dass das Leben in der Großstadt nicht gut für den Menschen ist. (Man muss an Georg Simmels berühmten Aufsatz über „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903 denken.)

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«LSD schüttelt das Gehirn einmal durch»

Unter dem Einfluss von LSD sieht man Muster, die sich mit der Musik verändern. (Bild: pd)
Seit 75 Jahren ist die psychoaktive Wirkung von LSD bekannt. Die Erforschung und medizinische Verwendung war lange ein Tabu. Langsam nehmen Forscher den Faden wieder auf. Matthias Liechti vom Unispital Basel ist an vorderster Front dabei.

Lena Stallmach | Neue Zürcher Zeitung

In der Schweiz war die Forschung mit LSD nie so stark reglementiert, wie in anderen Ländern. Trotzdem hat man bis vor wenigen Jahren keine Studien gemacht. Warum nicht?

Ich glaube, dass man sich an diese Substanz, die gesellschaftlich und politisch so ein Tabu war, nicht herangewagt hat. Keiner wollte sich daran die Finger verbrennen. Es hätte die berufliche Laufbahn schädigen können. Franz Vollenweider hat in Zürich seit den 1990er Jahren Ketamin und Psilocybin (den Wirkstoff aus Magic Mushrooms, der dem LSD in der Wirkung sehr ähnlich ist, aber historisch weniger belastet) erforscht und damit bei gesunden Probanden eine Art Modell-Psychose ausgelöst. So konnte er untersuchen, was sich in diesem Zustand in der Wahrnehmung und in Denkprozessen verändert. In dieser Zeit hat man für die Erforschung von Drogen nur Geld bekommen, wenn man ihre negativen Folgen untersucht hat.

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Attacke in Münster: „Amoklauf. Davon kann man hier sicher reden“

Nach Amokfahrt in Münster: Kerzenlichter nahe des Tatorts. (Foto: dpa; Bearbeitung SZ)
Warum ist es falsch, Gewalttaten vorschnell auf psychische Störungen zurückzuführen – wie es im Fall Münster geschehen ist? Fragen an den Psychiater Thomas Pollmächer.

Interview von Ronen Steinke | Süddeutsche Zeitung

Nach der tödlichen Attacke eines Mannes in Münster am Samstag suchen Ermittler weiter nach dem Tatmotiv. Der 48-jährige Täter Jens R., der mit einem Campingbus in eine Menschengruppe raste, ist tot. Es handele sich um einen „psychisch gestörten, labilen Täter“, der „offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich selbst auch das Leben zu nehmen“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Tag nach der Tat.

SZ: Herr Pollmächer, was stört Sie an der Aussage, dass die Tat in Münster von einem psychisch auffälligen Deutschen begangen wurde?

Thomas Pollmächer: Wenn in der Öffentlichkeit betont wird, dass der Täter psychische Probleme hatte, dann wird damit ein Zusammenhang insinuiert: eine Nähe zwischen psychischer Erkrankung und bösartigem Verhalten. Dieser Zusammenhang existiert statistisch nicht. Und es ist extrem stigmatisierend gegenüber psychisch Kranken, wenn sie sich mit solchen Tätern in einen Topf geworfen sehen.

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Sind Hunde und Katzen soziale Parasiten?

Tibet-Dogge. Bild: 4ever.eu
Draußen ist es klirrend kalt, wirbelnde Schneeflocken zwingen Autofahrer an einem Freitagmorgen, langsam zu fahren. Trotzdem haben einige von ihnen vermutlich ordentlich auf die Tube gedrückt, um es pünktlich zum Termin in der Kleintierklinik in Hofheim zu schaffen, damit ihren Zöglingen nur das Beste vom Besten zuteil wird.

Von Henrike Schirmacher | Frankfurter Allgemeine/Blogs

Der gute Ruf eilt diesem Ort nämlich voraus. Es liegt in der Luft: Hier wird nicht einfach nur „Geld gemacht“, vielmehr macht sich das Klinikpersonal mit seiner Klientel gemein. Dreh- und Angelpunkt ist die Sorge um das Wohlergehen der kleinen Kläffer und Schmusekatzen, Lebensmittelpunkt ihrer enthusiastischen Anhänger.

Heute bin ich ausnahmsweise auch vor Ort. Sobald sich die automatische Schiebetür hinter mir geschlossen hat, stehe ich inmitten von kranken Hundetieren. Das Foyer ist gleichzeitig Wartebereich für einen vom Nasentumor befallenen Mischling, einen kränkelnden Kampfhund, einen schniefenden Bullterrier und zu meinem Erfreuen auch drolligeren Hundegestalten – Zieheltern immer im Schlepptau. Ich stelle mir die Frage: Kann ich dieses artfremde Miteinander eigentlich noch als klassische Symbiose hinnehmen? Dahinter könnte doch bereits ein psychologisch schädigendes Beziehungsmuster stecken? Aus evolutionsbiologischer Sicht jedenfalls müsste sich Darwin im Grabe umdrehen, stecken Katzenlady und Hunde-Papa doch all ihre Zeit, Energie und vor allem Geld in ein Tier, anstatt in die Partnersuche, die bei Erfolg in der Fortpflanzung mündet. Und das in Zeiten, in denen allerorten von einer überalterten Gesellschaft gesprochen wird, die sich dringend verjüngen müsste.

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Wenn der Lügendetektor lügt

Vor Gericht gelten Lügendetektoren als unbrauchbar, trotzdem kommen sie hin und wieder zum Einsatz – selbst in Deutschland. Das ist nicht nur rechtlich, sondern auch wissenschaftlich heikel.

Von Jana Hauschild | SpON

Sofern die Beweise zu wenig hergeben, der Verdächtige schweigt oder Aussage gegen Aussage steht, kommt in Film und Fernsehen oft der große Auftritt für den Lügendetektor. Er soll den endgültigen Hinweis liefern – für Schuld oder Unschuld.

So beliebt wie das Gerät bei Regisseuren ist, so umstritten ist der sogenannte Polygraf bei Wissenschaftlern. Und doch wird er in der Realität eingesetzt. In den USA nutzen Firmen den Apparat bei Bewerbungsgesprächen, Kriminalkommissare drängen Verdächtige seit jeher gern mal zu einem Test.

Ermittler aus Belgien und Finnland machen es ihnen längst nach. Auch Briten und Niederländer versuchen mit regelmäßigen Detektorbefragungen, Sexualstraftäter besser zu kontrollieren. Selbst in Deutschland kommt der Lügendetektor im Gerichtssaal zum Einsatz.

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Digitalisierung der Gefühle?

Grafik: TP
Firmen und Forscher arbeiten mit Macht daran, einerseits Computer mit Emotionen zu entwickeln, andererseits menschliche Gefühle zu computerisieren

Roland Benedikter | TELEPOLIS

An der Innovationsuniversität Stanford in Silikon Valley wird derzeit die Digitalisierung der Gefühle diskutiert. Stanford ist in Informationstechnologie weltweit führend und interpretiert sie als „Befreiungstechnologie“ (liberation technology). Forscher stellen seit Januar 2017 den baldigen Zusammenschluss des menschlichen Gefühls mit Technik als unvermeidlich dar – wenn auch nicht notwendigerweise als wünschenswert.

Firmen und Forscher arbeiten mit Macht daran, einerseits Computer mit Emotionen zu entwickeln, andererseits menschliche Gefühle zu computerisieren. Beide Entwicklungen sollen sich, so die Absicht, gegenseitig verstärken und im Idealfall vereinigen. Milliardengelder werden investiert, um die technische, ökonomische und menschliche Zukunft kurzzuschließen und damit die sogenannte Mensch-Maschine-Konvergenz zu erreichen.

In der Tat gilt für den Zusammenfluss technischer, wirtschaftlicher und anthropologischer Zukunft – die sogenannte Mensch-Maschine-Konvergenz – die Entwicklung von Computern mit Emotion als wesentlicher Trend. Umgekehrt steht zugleich die Computerisierung von menschlichen Gefühlen im Mittelpunkt. Beide Trends – von Mensch zu Maschine und von Maschine zu Mensch – wirken zusammen und erzeugen zunehmend Austausch. Ein Teil des Spekulationskapitals fließt bereits jetzt in ihren Schnittpunkt – für baldige Verwirklichung in einer Vielzahl von Breitenanwendungen.

So schilderte etwa Jonathan Gratch, Direktor für „virtuelle Forschung“ am Institut für Kreative Technologien der Universität von Südkalifornien, ehemaliger Präsident der Vereinigung für Gefühlscomputing und Forschungsprofessor für Computerwissenschaft und Psychologie, im Januar 2017 zum neuen Mensch-Technik-Hybridfeld des „Gefühlscomputing“ (Affective Computing)1.:

Affektives Computing ist ein Forschungsfeld, das darauf ausgerichtet ist, Technologie zu erschaffen, die menschliche Gefühle erkennt, interpretiert, simuliert und stimuliert. [Bereits heute gibt es] reiche interdisziplinäre Verbindungen zwischen computerisierten und wissenschaftlichen Zugängen zum Gefühl. Kann eine Maschine menschliches Gefühl verstehen? Zu welchem Zweck? Und kann eine Maschine selbst Gefühl „haben“, und wie würde sich das auf die Menschen auswirken, die mit ihr interagieren?

Jonathan Gratch

So künstlich und unvermittelt diese Fragen zunächst klingen mögen, so haben sie doch einen weiteren, konkreteren und unmittelbareren Anwendungsfokus, als zunächst vielleicht vermutet würde:

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„Ich habe getötet“: Zwei Soldaten berichten vom Töten

Themenbild. Bild: regensburg-digital.de
Deutsche Soldaten müssen in Einsätzen auch scharf schießen. Geredet wird darüber kaum. Hier erzählen zwei Soldaten ihre Geschichte.

Sebastian Drescher | evangelisch.de

Neulich hat Olaf Kramer herausgefunden, warum er schreiende Kinder kaum ertragen kann. Sein Therapeut hat ihn dafür in eine leichte Hypnose versetzt. Nun erinnert sich Kramer wieder an etwas, das er jahrelang verdrängt hatte: die Schreie von Menschen, die vor ihm in einem brennenden Haus sterben. In einem Traum, den er in letzter Zeit immer wieder hat, sind die sterbenden Menschen Kinder. Und er ist es, dem befohlen wurde, sie anzuzünden.

Olaf Kramer, der eigentlich anders heißt, war Soldat der Bundeswehr. Damals erlebte Kramer, wie Kameraden starben. Er wurde beschossen und sah Dutzende tote Zivilisten. Vergessen wird er das nicht. Am meisten beschäftigt ihn aber etwas anderes: das Wissen, selbst Menschen getötet zu haben.

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Philosophischer Schnellschuss zu Wahlmanipulationen

Bild: Weißes Haus
Wie der Bewusstseinsphilosoph Philipp Hübl Cambridge Analytica entschuldigt

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Wie manipulierbar ist der Mensch? Zugegeben, die wundersamen Funde der amerikanischen College-Psychologie sollte man mit Vorsicht genießen: Menschen entscheiden moralische Probleme anders, wenn sie ein Glas mit warmem oder kaltem Wasser in der Hand halten? Oder sie gehen plötzlich langsamer, wenn man sie mit dem Altern konfrontiert?

Auch die Willensfreiheitsdiskussion, ausgelöst durch Fehlinterpretationen neurowissenschaftlicher Experimente, war ein Schuss in den Ofen. Das Gehirn entscheidet unbewusst, bevor wir bewusst entscheiden? Interessanterweise zeigt sich die nächste Generation erfolgreicher Hirnforscher – etwa John-Dylan Haynes von der Berliner Charité oder der Groninger Neuropsychiater André Aleman – als sehr anpassungsfähig: Kaum ist die alte Garde wie Gerhard Roth oder Wolf Singer stiller geworden, werden plötzlich die Freiheitsmöglichkeiten des Menschen und seines Gehirns in den Vordergrund gestellt.

Ich stimme also mit dem Stuttgarter Philosophen Philipp Hübl darin überein, dass man das Menschenbild nicht voreilig wegen ein paar medienwirksam inszenierter Experimente über Bord werfen sollte. Hübl hat sich immerhin in seinem Buch „Der Untergrund des Denkens“ mit der Philosophie und Psychologie des Unbewussten auseinandergesetzt.

Sein jüngster Kommentar zu den angeblichen Manipulationen bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen wirkt auf mich aber wie ein Schnellschuss. Er kommt auf „Zeit Online“ zu dem Ergebnis: „Nicht Facebook hat Trump zum Präsidenten gemacht.“

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„Schrittmacher“ verbessert Gedächtnis

Bild: BB
Elektronische Gedächtnishilfe: US-Forscher haben eine Technologie entwickelt, die beim Erinnern hilft. Das System identifiziert dafür zuerst die Hirnströme, die beim korrekten Erinnern auftreten. Diese Signale spielt es dann mittels Elektroden ins Gehirn ihres Trägers zurück. Im Experiment verbesserte diese elektronische „Prothese“ das Gedächtnis der Probanden um bis zu 37 Prozent, wie die Forscher berichten. Sie hoffen, dass dies eines Tages Demenz-Patienten helfen könnte.

scinexx

Unser Gehirn ist heute trotz aller Komplexität keine „Black Box“ mehr: Über Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer spionieren Forscher die Funktionsweise des Denkorgans aus und können sogar schon Gedanken in Form von Sprache, Bildern und Videos oder Träume auslesen. Die Tiefe Hirnstimulation greift mittels Elektroden sogar aktiv in das Gehirn ein und lindert beispielsweise Symptome bei Depression, Parkinson, Schlaganfällen oder sogar Alzheimer.

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Die Mädchen von Telford

Das Phänomen heißt „Grooming“: Männer gewinnen das Vertrauen von jungen Frauen und missbrauchen diese dann. Oft sind die Männer organisiert. (Foto: Christopher Furlong/Getty)
Der Skandal um bandenmäßig organisierten Kindesmissbrauch nimmt immer größere Dimensionen an. 1000 Mädchen könnten betroffen sein – und wie so oft steht die Frage im Raum: Haben die Behörden versagt?

Von Cathrin Kahlweit | Süddeutsche Zeitung

Geschichte wiederholt sich eben doch. Ein so trauriges wie hochaktuelles Beispiel dafür: das Städtchen Telford in Nordwestengland.

Jahrelang hatten Berichte über Banden von überwiegend pakistanisch-stämmigen Männern, die Kinder und Jugendliche sexuell ausbeuteten, die Briten in Atem gehalten. Grooming heißt das mittlerweile international bekannte Phänomen, bei dem Männer das Vertrauen von Mädchen und jungen Frauen mit Flirts und Geschenken gewinnen, diese dann missbrauchen, abhängig machen, manipulieren oder mit Gewalt zum Schweigen bringen – und in vielen Fällen auch an andere Männer weiterreichen.

Die Liste der Städte, in denen der bandenmäßig organisierte sexuelle Missbrauch im Königreich stattgefunden hat, ist lang, sie reicht von Rotherham und Rochdale über Newcastle und Manchester bis Oxford. Nur dem Mut von Opfern, die sich nicht abweisen ließen, von Sozialarbeitern, die von ihren Arbeitgebern massiv unter Druck gesetzt wurden, und der Ausdauer britischer Medien ist es zu verdanken, dass diese Skandale irgendwann, in der Regel erst nach vielen Jahren, ans Tageslicht kamen. Denn Stadtverwaltungen und Polizei griffen nicht nur oft nicht ein, obwohl die Indizien überwältigend waren, sondern schützten die Täter auch noch. Der Sex sei einvernehmlich gewesen, hieß es meist, oder die Verantwortlichen schauten ganz weg, weil sie sich nicht dem Vorwurf des Rassismus gegenüber der asiatischen Bevölkerung ausgesetzt sehen wollten.

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Facebook-Skandal: Die Zerlegung von 57 Milliarden Freundschaften

Nachdem klar wurde, dass private Daten der Mitglieder womöglich für politische Zwecke missbraucht wurden, drohen dem Konzern Milliardenstrafen. Ein neues EU-Datenschutzrecht will Nutzer sozialer Netzwerke besser schützen. Quelle: WELT/Paul Willmann
Der britische Psychologie-Dozent Aleksandr Kogan hat Daten zu 57 Milliarden Facebook-Freundschaften ausgewertet. Das macht ihn nach Ansicht von Datenschützern schwer verdächtig. Er fühlt sich als Sündenbock.

Von Claudia Wanner | DIE WELT

Der Psychologie-Dozent Aleksandr Kogan von der Universität Cambridge hat nicht nur mit persönlichen Informationen von rund 50 Millionen Facebook-Nutzern gearbeitet, die er über die von ihm entwickelte App „thisisyourdigitallife“ gesammelt hat. Der US-Konzern hat ihm 2013 auch aggregierte Daten von 57 Milliarden Facebook-Freundschaften zur Verfügung gestellt.

In dem Datensatz sei jede Freundschaft, die 2011 über das soziale Netzwerk geschlossen worden sei, enthalten gewesen, berichtet der „Guardian“. Die Rückschlüsse, die Kogan daraus gezogen hat, wurden 2015 in einem Artikel in einer Fachzeitschrift veröffentlicht. Kogan veröffentlichte das Papier gemeinsam mit zwei Facebook-Autoren, damals trat er als Aleksandr Spectre auf.