Jedes Gehirn ist einzigartig – fast wie ein Fingerabdruck

Die Wülste und Furchen verlaufen auch bei Zwillingen unterschiedlich, hier jeweils drei Ansichten von zwei verschiedenen Gehirnen. (Bild: Lutz Jäncke, Universität Zürich)
Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen zeigt sich nicht nur auf der finktionellen Ebene im Gehirn, sondern auch in einer individuellen Anatomie.

Neue Zürcher Zeitung

Dass Erfahrungen im Gehirn Spuren hinterlassen, ist schon lange bekannt. So weisen Profimusiker oder Schachspielerinnen Besonderheiten in den Hirngebieten auf, die sie für ihre Expertise besonders stark beanspruchen.

Doch auch kürzere Ereignisse können sich in der Hirnanatomie niederschlagen. Wird beispielsweise der rechte Arm für zwei Wochen ruhiggestellt, reduziert sich die Dicke der Hirnrinde in den Gebieten, die für die Kontrolle des immobilisierten Armes zuständig sind.

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Hirndoping nimmt zu

Den geistigen Leistungen mit Medikamenten nachhelfen – Hirndoping nimmt vor allem in Europa zu © Kim Hager, Neal Prakash / UCLA
Pille als Lernhilfe: In Europa hat der Missbrauch von Medikamenten für das „Hirndoping“ stark zugenommen. Wie die bisher größte Studie dazu enthüllt, hat sich der Anteil der Menschen, die Mittel wie Ritalin, Modafinil und Co zur Steigerung ihrer geistigen Leistung genutzt haben, in nur zwei Jahren verdoppelt bis vervierfacht. Auch in Deutschland geht der Trend nach oben – wenngleich er insgesamt auf vergleichsweise niedrigem Niveau liegt.

scinexx

Sie sollen wachhalten, beim Lernen helfen und die Konzentration stärken: Medikamente wie das Narkolepsie-Mittel Modafinil oder das eigentlich gegen ADHS verschriebene Ritalin (Methyphenidat) werden zunehmend zweckentfremdet und von gesunden Menschen zur Steigerung der geistigen Leistungen eingenommen – auch in Deutschland. Allerdings: Der Nutzen dieser Wirkstoffe beim Hirndoping ist umstritten, dafür kann ihre Einnahme bleibende Folgen haben.

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Das Gehirn unter Strom wird moralisch

Ko-Autor Roy Hamilton beim Anlegen eines Geräts zur minimalinvasiven Gehirnstimulation. Bild: Penn UNiversity
Wissenschaftler glauben, mit Gehirnstimulation die Neigung zur Gewalt reduzieren zu können und diese so zur Entlastung der Gesellschaft biologisch erklären zu können

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Wie kann man den Impuls für gewalttätiges Handeln senken oder unterdrücken? Es gab vor Entwicklung der Psychopharmaka seit Ende 1930er Jahre das Versprechen, psychische Störungen, aber eben auch Gewalttäter neurochirurgisch durch Lobotomie behandeln zu können. Propagiert wurde die teilweise Zerstörung des Gewebes zwischen Thalamus und Frontallappen vor allem vom amerikanische Psychiater Walter Freeman, der selbst tausende Menschen operierte. Es war ein Heilsversprechen, das aber den derart Behandelten schweren Schaden zufügte.

Ähnlich wie bei der Elektroschockbehandlung, die etwa zur gleichen Zeit aufkam, wusste man auch gar nicht, warum und wie die Lobotomie den Menschen helfen sollte (Technologie der Unterwerfung). Erst ab Ende der 1960er Jahre ging die Zeit der Lobotomie mit den damals verwendeten Methoden zu Ende. Noch länger praktiziert wurden stereotaktische Eingriffe bei Sexualstraftäter, bei denen Teile des limbischen Systems zerstört wurden. Und auch heute noch werden mitunter solche stereotaktische Ausschaltungsoperationen, genannt Kapsulotomie, bei schweren Zwangsstörungen als letzte therapeutische Option durchgeführt.

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Seelen-Suche

Foto: pixabay.com / geralt
Was sind die seltsamsten Fragen, die du je gegoogelt hast? Meine könnten sein (für mein neuestes Buch): „Wie viele Menschen haben je gelebt?“ „Woran denken Menschen kurz vor dem Tod?“ und „Wie viele Bits würde man benötigen, um in einer virtuellen Realität jeden wieder auferstehen zu lassen, der jemals gelebt hat?“ (Es ist 10 hoch 10123).

Von Michael Shermer | Richard-Dawkins-Foundation

Mit Hilfe von Googles Autovervollständigung und Keyword Planner Tools hat das britische Internetunternehmen Digitaloft eine Liste von 20 der verrücktesten Suchanfragen erstellt, darunter „Bin ich schwanger?“ „Sind Aliens echt?“ „Warum haben Männer Nippel?“ „Ist die Erde flach?“ und „Kann ein Mann schwanger werden?“

Das ist alles sehr unterhaltsam, aber laut dem Ökonomen Seth Stephens-Davidowitz, der bei Google als Datenwissenschaftler arbeitete (er ist jetzt Autor für die New York Times), können solche Suchen als „digitales Wahrheitsserum“ für tiefergehende und dunklere Gedanken dienen. Wie er in seinem Buch „Everybody Lies: Big Data, New Data, and What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are” (Dey Street Books, 2017) erklärt: „Im vordigitalen Zeitalter versteckten die Menschen ihre peinlichen Gedanken vor anderen Menschen. Im digitalen Zeitalter verstecken sie sie immer noch vor anderen Menschen, aber nicht vor dem Internet und insbesondere vor Seiten wie Google und PornHub, die ihre Anonymität schützen.“ Der Einsatz großer Datenforschungsinstrumente „erlaubt uns endlich zu sehen, was die Menschen wirklich wollen und tun und nicht das, von dem sie sagen, es zu wollen und zu tun“.

Z. B. können Leute Meinungsforschern sagen, dass sie nicht rassistisch sind und Umfragedaten legen nahe, dass bigotte Haltungen über Themen wie interkulturelle Ehe, Rechte der Frauen und gleichgeschlechtliche Ehe seit Dekaden unvermindert abnimmt und anzeigen, dass Konservative heute sozial liberaler sind, als es Liberale in den fünfziger Jahren waren.

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Washington ist das Psychopathennest in den USA

Washington: Hafen der Psychopathen. Bild: Martin Falbisoner/CC BY-SA-3.0
Nach einer Untersuchung der geografischen Verteilung ist die US-Hauptstadt mit ihren Politikern, Anwälten und Medienmenschen reich an Psychopathen, die auf dem Land selten sein sollen

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Wie weit der Ansatz führt, ein Land zu verstehen, indem man die geografische Verteilung von vorherrschenden Persönlichkeitstypen oder psychischen Merkmalen wie den “ Big Five“ (Fünf-Faktoren-Modell), muss sich erst herausstellen. Im Unterschied zu anderen Verfahren, die etwa die geografische Verteilung des Wählerverhaltens oder von ökonomischen Faktoren untersuchen, sind Persönlichkeitstypen schwer zu objektivieren.

Wissenschaftler, die diesem Ansatz etwa in der 2013 im Journal of Personality and Social Psychology erschienenen Studie „Divided We Stand: Three Psychological Regions of the United States and Their Political, Economic, Social, and Health Correlates“ nachgehen, versprechen, dass sich besser regionale Unterschiede des sozialen Kapitals, des Verbrechens oder der kulturellen Diversität ablesen ließen – mit der Option, dass man absehen könnte, welche Interventionen greifen oder nicht. So würde das soziale Kapital eher in Regionen gedeihen, in denen ein freundliches und konventionelles psychologisches Profil vorherrscht. Das sei verbunden mit Warmherzigkeit, Geselligkeit, Pflichtbewusstsein und Wahrung der Konventionen. Wo solch ein Profil nicht vorhanden ist, könnten Bemühungen, soziales Kapital zu fördern oder zu schaffen, vergeblich sein.

Allerdings würden solche Regionen nicht mit Wohlergehen und einem gesunden Lebensstil einhergehen. Das finde man eher in Regionen mit hohem Anteil von entspannten und kreativen psychologischen Profilen, weswegen hier eher gesunde und langlebigere Menschen zu finden seien. Die Annahme ist, dass vorherrschende psychologische Merkmale in der regionalen Bevölkerung die „Atmosphäre“ prägen und das Verhalten beeinflussen können.

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Irenäus Eibl-Eibesfeldt hielt uns den evolutionären Spiegel vor . . .

Irenäus Eibl-Eibesfeldt (2005). Bild: wikipedia.org/CC BY-SA 3.0 – Peter Korneffel
. . . und war als einer von wenigen Biologen bereit, den Mund aufzumachen und sich mit der Politik der 68er anzulegen.

Kurt Kotrschal | Die Presse.com

Die Liebe kam mit der Mutter-Kind-Bindung in die Welt. Als dies Irenäus Eibl-Eibesfeldt (IEE) 1970 in seinem Buch „Liebe und Hass“ darlegte, konnte er noch nicht wissen, dass ihn die moderne Biopsychologie spektakulär bestätigen würde: ein Beispiel dafür, dass IEE ein Mann der großen Würfe war, weitsichtig und sicherlich kein Elfenbeintürmler. Ihm in einer Würdigung gerecht zu werden, ist ob der Fülle seiner Verdienste einfach; oder schwierig, wenn dazu nämlich der Platz fehlt.

Sein Lebenswerk wurde in einer Reihe von Nachrufen eingehend gewürdigt, darum konzentriere ich mich hier auf ein paar mir wichtige Punkte. Einer der größten bleibenden Verdienste von IEE ist es sicherlich, dass er den oft krausen Vorstellungen mancher Sozial- und Humanwissenschaftler vom Wesen des Menschen empirische Ergebnisse entgegenstellte. Dass er davon bereitwillig und nahezu missionarisch politisch-gesellschaftliche Schlussfolgerungen ableitete, brachte ihm viel Zustimmung – auch von „falscher“ Seite – und einiges an Kritik ein, nicht immer ganz zu Unrecht.

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Das geistige Leben der Bienen

Bild: dpa
Bienen sind besonders kluge Insekten. Der Verhaltensforscher Lars Chittka legt dafür eindrucksvolle Belege vor. Sollte man deshalb von einem Bewusstsein der Bienen sprechen?

Von Wolfgang Krischke | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das Gehirn der Biene ist nach dem menschlichen das vollkommenste in der gesamten Natur, fand der belgische Schriftsteller Maurice Maeterlinck. Sein „Leben der Bienen“ gehört zu den wenigen Werken des einst gefeierten Literaturnobelpreisträgers, die noch nicht gänzlich in Vergessenheit geraten sind. Zu den Kennern dieses 1901 erschienenen Buchs gehört der Verhaltensforscher Lars Chittka, der zurzeit Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin ist. Er und sein Team haben im Freiland und im Labor der Londoner Queen-Mary-Universität staunenswerte Beobachtungen und Experimente mit Honigbienen und Hummeln gemacht. In ihrem Licht erscheint Maeterlincks Bewunderung für den „Intellekt“ der Bienen weniger abwegig, als sie auf den ersten Blick wirken mag.

Dass Bienen ein hervorragendes Orientierungsvermögen haben und Meister der Staatenbildung sind, ist lange bekannt. Aber die zugrundeliegenden Verhaltensweisen galten bislang als rein instinktiv.

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Sexuelle Gewalt: Die vergessenen Jungen

Foto: Dorothee Wolters/Zartbitter
Als Ilka Villier Tim nach Jahren zufällig auf einer weiterführenden Schule wiedertrifft, ist er ein anderer Mensch. Vor ihr steht ein fröhlicher und friedlicher Junge, ein integrierter, interessierter Schüler.

Von Caroline Kron | Kölner Stadt-Anzeiger

Sechs Jahre zuvor:  Tim, 7, ist das Sorgenkind der Klasse. Er ist   unkonzentriert, unruhig, ungehalten. Rastet  aus scheinbar nichtigen Anlässen aus, prügelt auf Mitschüler ein, beschimpft  sie. Dann wirkt er wieder wie ein Häufchen Elend, hilf- und hoffnungslos. Tims Ausraster  machen ihn zum Außenseiter – ausgeschlossen von der Klasse und von den Lehrern abgeschrieben. Sie raten zur  Versetzung auf eine Förderschule, wissen, wie auch seine ratlose Mutter, nicht mehr ein und aus – und ahnen nichts von dem Martyrium, das  Tim Zuhause  erleiden muss.

Spüren schon Bonobos Ekel?

REUTERS
Auch unsere Cousins wenden sich ab von Futter, das mit Fäkalien und Erde kontaminiert ist. Ob ihnen dabei auch so graust, konnte das Experiment nicht klären.

Jürgen Langenbach | Die Presse.com

Nichts ist für Lebewesen so riskant wie das, was sie am nötigsten brauchen: Nahrung. Die kann voller Gifte und/oder Krankheitserreger sein, zur Risikominimierung gibt es mehrere Strategien: Zunächst kann man sich an Bewährtes halten und Ungewohntes verschmähen, diese Neophobie haben etwa Ratten ganz extrem, aber auch unter Menschen ist bekannt, das „der Bauer nicht isst, was er nicht kennt“. Das war immer schon etwas pejorativ eingefärbt und ist aus der Mode geraten, seit eine exotische Frucht nach der nächsten die Neugier lockt, bei diesen Früchten verlässt man sich darauf, dass sie so hergerichtet sind, dass sie keine Gefahr bringen.

Das Herrichten ist die zweite Strategie: Nahrung wird prozessiert, im einfachsten Fall gewaschen, so halten es etwa Makaken, und Menschen tun es auch, sie haben wache Augen, Bananenbündel etwa werden vor dem Versand inspiziert. Und wenn im Empfängerland in irgendeinem Supermarkt doch eine Spinne herauskriecht, stellen sich nicht nur Schlagzeilen ein, sondern auch Emotionen: Furcht und Ekel.

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Wer für Grundrechte von Robotern plädiert, treibt ein doppeltes Spiel: Er will die Freiheit der Menschen einschränken

Sind KI-Wesen – und damit auch Sexbots – bald rechtsfähig? Geht es nach dem EU-Parlament, muss darüber dringend diskutiert werden. (Bild: Albert Gea / Reuters)
Können Menschen Roboter missbrauchen? Sind sadistische Sexbots denkbar? Die Entwicklung künstlicher Intelligenz eröffnet ganz neue Problemhorizonte in Sachen Sex, Ethik und Technik. Und die neuen Tugendhüter nutzen die Gunst der Stunde.

Slavoj Žižek | Neue Zürcher Zeitung

Der modische Moralismus erreichte kürzlich mit einer ebenso ernst gemeinten wie geführten Debatte über die Regulierung der Beziehung zwischen Menschen und Sexrobotern einen neuen Höhepunkt. Nachdem ein Sexroboter bei einem Tech-Festival beschädigt worden war, äusserten einige involvierte Parteien die Befürchtung, zukünftig könnten solche Maschinen – die im Laufe der Zeit womöglich Bewusstsein und erste Gefühle entwickeln, ohne bereits über einen eigenen Willen zu verfügen – eine «Klasse legaler Sexsklaven» bilden. Deshalb wäre der rechtliche Begriff der Einwilligung zwingend auch auf Beziehungen mit Robotern auszuweiten.

Diese Ideen können als Spezialfall eines Vorschlags betrachtet werden, den das Europäische Parlament vor einem Jahr vorbrachte. Es trug der EU-Kommission auf, sich mit dem Thema KI auseinanderzusetzen – und dabei auch zu prüfen, ob künstlich intelligenten Wesen Persönlichkeitsrechte zugesprochen werden sollten. Im April 2018 äusserte sich die Kommission nun zwar zu neuen Investitionsmassnahmen, sie liess die Frage zu den Persönlichkeitsrechten aber offen. Doch die impliziten Annahmen, die hinter solchen Vorschlägen stecken, gehören auf den Tisch. Sie lassen sich am Beispiel der Sexroboter in aller Deutlichkeit demonstrieren.

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Sexueller Missbrauch: Warum männliche Opfer oft schweigen

Wenn Jungen und Männer sexuell missbraucht werden, sind ihre Erfahrungen noch immer ein Tabu. Viele offenbaren sich jahrzehntelang niemandem.

Von Jana Hauschild | SPON

50 Jahre ist es her, doch Mani hat seither nie mit jemandem darüber gesprochen. Nicht mit seinen Eltern, nicht mit Freunden, nicht mit seinen Partnerinnen. Erst in einem Internetforum vertraut er sich anderen an, die Ähnliches erlebt haben.

Mani wurde als 13-Jähriger von einem Familienmitglied sexuell missbraucht. Ungewollte Berührungen, aufgezwungener Geschlechtsverkehr, gewaltvolle Ausbeutung. Wie Mani schweigen die meisten Jungen und Männer, denen dies widerfahren ist.

Hohe Dunkelziffer

In der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2017 finden sich knapp tausend Fälle von sexuellen Übergriffen auf Jungen oder Männer. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.

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„Aggression ist ein Mittel zur Selbstbehauptung“

Ein Junge sitzt in einer Schule auf dem Boden (Symbolfoto). (Foto: imago/Bildbyran)
Nimmt die Gewalt an Schulen zu? Nein, sagt Psychologe Matthias Siebert. Und spricht über die Wirkung von Raufen nach Regeln, Helikopter-Eltern und die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

Interview von Hannah Beitzer | Süddeutsche Zeitung

Eine Grundschule, die einen privaten Wachschutz organisieren muss, Lehrer, die die Polizei alarmieren, um Schüler zu bändigen: Berlin verzeichnet einen Anstieg bei der Gewalt an Schulen – ebenso andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Doch nackte Zahlen und spektakuläre Einzelfälle sagen wenig über die tatsächlichen Verhältnisse an den Schulen, sagt der Berliner Schulpsychologe Matthias Siebert.

SZ: Wenn Grundschulen auf einmal einen Wachschutz brauchen, kann das wohl nur eines bedeuten: Die Gewalt an Schulen hat dramatisch zugenommen. Oder erleben Sie das als Schulpsychologe anders, Herr Siebert?

Matthias Siebert: Ich erlebe nicht, dass Schüler heute gewalttätiger sind als früher. Gewalt ist schon seit Menschengedenken Teil unserer Gesellschaft, also auch die Gewalt unter Jugendlichen. Denken Sie an das Musical Westside Story! Das hat genau dieses Thema und ist aus den fünfziger Jahren. Jahrzehntelang war Gewalt an der Schule auch aus einer anderen Richtung alltäglich, Lehrer durften Kinder bestrafen und schlagen. Von dieser schwarzen Pädagogik haben wir uns inzwischen zum Glück verabschiedet.

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Vielleicht doch keine neuen Nervenzellen im Gehirn – na und?!

Hippocampus einer jungen Maus, grün sind die neuronalen Stammzellen dargestellt. Bild: RebecaCuesta/CC BY-SA-4.0
Über den wichtigsten Unterschied zwischen Psychologie und Neurowissenschaft

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Denken wir an Karl Popper (1902-1994), einen der berühmtesten Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Ihm haben wir nicht nur die Idee zu verdanken, dass wissenschaftliche Hypothesen und Theorien falsifizierbar sein müssen – also so formuliert sein müssen, dass sie zumindest prinzipiell an Beobachtungen und Messungen scheitern können. Auch Poppers Hinweise auf die Fehlbarkeit (Fachsprache: Fallibilität) wissenschaftlichen Wissens waren ein bedeutender Beitrag zu unserer Ideengeschichte.

Was Fehlbarkeit bedeuten kann, erfährt nun eine Reihe von Hirnforschern am eigenen Leib; und auch für das Verständnis von Falsifizierbarkeit ist der Fall interessant. Kürzlich veröffentlichte nämlich Nature die Arbeit von Arturo Alvarez-Buylla und Kollegen, Stammzellforscher an der University of California in San Francisco. Im Widerspruch zu einschlägigen Funden der letzten 20 Jahre, dass unter anderem im menschlichen Hippocampus ein Leben lang neue Nervenzellen entstehen, konnten die Forscher hierfür keine Belege finden.

Der Hippocampus – oder besser gesagt: beide Hippocampi, da wir davon zwei haben – ist als Struktur bekannt, die eine wichtige Aufgabe beim Lernen und Gedächtnis hat. Dass hier immer neue Zellen entstehen, in der Fachsprache spricht man von Neurogenese, schien also auch die Möglichkeit lebenslangen Lernens neurobiologisch zu untermauern.

Das wiederum passt hervorragend zu unserem Zeitgeist, demzufolge der Mensch sich permanent an neue Anforderungen anpassen muss. Schon 1998 sang Herbert Grönemeyer bekanntermaßen: „Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders.“ Inzwischen hat uns der Fortschritt in der Arbeitswelt gar schon eigene „Change Manager“ beschert. Diese sollen uns weismachen, dass alles nicht nur ganz anders werden muss, sondern dass das auch toll ist!

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Roboterforscherin: „Man kann bedingungslose Liebe antrainieren“

foto: ions Julia Mossbridge: Sophia trägt als Hardware im linken Auge eine Kamera, die irgendwann bis zu 100 Bilder pro Sekunde liefern wird und mit einer Software aus neuronalen Netzwerken auf Mikroebene die Mimik des Menschen analysieren kann.

Julia Mossbridge untersucht, wie künstliche Intelligenz die Menschheit in Sachen Liebe weiterbringen könnte

Interview Uta Gruenberger, Conny Lechner | derStandard.at

Sie wird als schlagfertig und belesen beschrieben und passt praktischerweise in einen Koffer. Ihr Name ist Sophia, ein humanoider Roboter des Hongkonger Unternehmens Hanson Robotics, das im vergangenen Jahr durch mehrere plumpe PR-Gags Aufsehen erregte: Im Oktober zum Beispiel verlieh ausgerechnet Saudi-Arabien Sophia die Staatsbürgerschaft. Das Land ist bezüglich Frauenrechte besonders rückständig. Frauenrechtlerinnen, die ohne islamische Kleidung (Hidschab, Abaya) auf die Straße gehen, werden verhaftet.

In westlichen Ländern wurde die Aktion als Verhöhnung der Frauen in Saudi-Arabien bezeichnet. Die Lockerung ultrakonservativer Regeln (Frauen sollen ab Juni Auto fahren dürfen) macht da wenig gut. Dennoch ist Sophia als „Forschungsobjekt“ interessant, ein Roboter, der dem Vernehmen nach noch gar nicht viel mehr kann als andere Vergleichsobjekte. Sie steht im Mittelpunkt des Forschungsprojekts „Loving AI“ (liebende künstliche Intelligenz) am Institute of Noetic Sciences in Petaluma, Kalifornien, wo die Psychologin Julia Mossbridge untersucht, warum künstliche Intelligenz (KI) die Menschen ausgerechnet in Sachen Liebe weiterbringen soll.

STANDARD: Frau Mossbridge, wie funktioniert Sophia?

Mossbridge: Sophia gibt es einmal als Roboterkörper für öffentliche Präsentationen und Auftritte – da agiert sie mit spezifisch vorprogrammierten Chatbots und schöpft aus einem definierten Pool von Antworten und Reaktionen. Und dann gibt es Sophia auf der Basis des Softwaresystems Open Cog, wenn wir an ihr für diverse Forschungszwecke wie zum Beispiel Loving AI arbeiten. Open Cog verknüpft anhand von neuartigen Denk- und Lernmechanismen das Wissen aus ganz unterschiedlichen Quellen wie Sprache, Audio, Video und Internet. Die Softwareentwicklung ist ein kreativ-offener Prozess, an dem sich jeder interessierte Programmierer beteiligen kann.

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Warum wir unsere Meinungen nicht ändern

Bild: RDF
Niemand überdenkt sein Weltbild gerne. Es macht uns aus und gibt uns ein Zugehörigkeitsgefühl.

Von Felix Kruppa | Richard-Dawkins-Foundation

Die Irrationalität des Weltbildes ist dafür vollkommen unerheblich. Sogenannte kognitive Verzerrungen helfen uns dabei, wider die Fakten an unserer Meinung festzuhalten. Insbesondere politische Ansichten werden zunehmend durch Emotionen bestimmt und gefährden so den rationalen Diskurs.

Wie und warum sich Menschen vor neuen Überzeugungen schützen

Die Gesamtheit der persönlichen Überzeugungen eines Menschen beschreibt sein Weltbild. Wer in seinem Weltbild erschüttert wird, muss lieb gewonnene und über Jahre kultivierte Ansichten revidieren und hinterfragt dabei immer auch sich selbst oder die Gruppe, die dieses Weltbild reproduziert. Die eigenen Überzeugungen sind elementarer Bestandteil der eigenen Identität, weswegen sie auch um den Preis der intellektuellen Redlichkeit beschützt werden. Die Psychologin Dorothe Kienhues nennt ein treffendes Beispiel: „Für einen tiefreligiösen Menschen kann es sehr schwer sein, unvoreingenommen über embryonale Stammzellenforschung zu diskutieren.“1

Anstatt sich neuen Informationen, die mit dem eigenen Weltbild nicht vereinbar sind, also unvoreingenommen anzunehmen oder zumindest einer Überprüfung zu unterziehen, greifen sogenannte kognitive Verzerrungen, die es dem Individuum erlauben, hinsichtlich seiner Überzeugungen konsistent zu bleiben. Diese kognitiven Verzerrungen (cognitive bias) sind fehlerhafte Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen und bleiben meist unbewusst.

Widersprüche, die sich durch neue Informationen ergeben, erzeugen eine sogenannte kognitive Dissonanz. Die gleichzeitige Existenz nicht miteinander vereinbarer Kognitionen (Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten) wird vom Individuum als unangenehm empfunden, weswegen es kognitive Dissonanz zu vermeiden versucht. In einer bildgebenden Studie konnte Drew Westen von der Emry University in Atlanta im Jahr 2004 belegen, dass Widersprüche zwischen Fakten und Wunschvorstellungen bestimmte Hirnareale wie den anterioren zingulären Kortex und den ventromedialen präfrontalen Kortex stärker durchbluten lassen.2 Diese Hirnareale gelten als Verarbeitungsstationen für negative Gefühle, Stresserleben und Schmerz.

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1Aus: Theodor Schaarschmidt: „Es fühlt sich so wahr an.“ Spektrum der Wissenschaft. Gehirn und Geist. 09/2017. S. 27.

2 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17069484

Ahmad Mansour: Antisemitismus habe auch religiöse Komponente

Ahmad Mansour veröffentlichte vor drei Jahren das Buch „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“ Quelle: dpa
Ahmad Mansour erklärt, warum Antisemitismus unter Irakern und Syrern so verbreitet ist: „Das ist Teil der Regimes gewesen, die Feindbilder zu pflegen und zu verbreiten.“ Sie hätten keine Hemmungen, diese Haltung öffentlich zu äußern.

DIE WELT

Für den Islamexperten Ahmad Mansour ist Antisemitismus nicht nur ein muslimisches Problem. „Den findet man links, rechts und in der Mitte der Gesellschaft“, sagte er in einem Interview mit dem „Kurier“. Allerdings habe der muslimische Antisemitismus andere Ursachen. Er widerspricht der oft geäußerten Meinung, mit der Lösung des Nahost-Konflikts gäbe es den Antisemitismus in Europa nicht mehr.

Dieser habe auch eine religiöse Komponente, die auf den Koran zurückgehe. „Wenn wir uns den Irak oder Syrien anschauen, müssen wir uns nicht wundern, dass die Menschen antisemitisch sozialisiert sind, das ist Teil der Regimes gewesen, die Feindbilder zu pflegen und zu verbreiten“, sagte er. „Diese Menschen legen diese Einstellungen nicht an der Grenze zu Österreich oder Deutschland ab.“

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Depression der Mutter hemmt Kindesentwicklung

Die Depression der Mutter kann die Sprachentwicklung ihres Kindes verzögern. © monkeybusiness / iStock
Depressionen schlagen Wellen: Die Depression einer Mutter kann die Entwicklung ihres Kindes beeinträchtigen. In einer Langzeitstudie haben Forscher entdeckt, dass Kinder von erkrankten Müttern eine gehemmte Sprachentwicklung und ein kleineres Vokabular besitzen. Die mütterlichen Depressionen entstanden häufig direkt nach der Geburt und könnten sich auch auf andere Lebensbereiche des Kindes auswirken, wie die Autoren berichten.

scinexx

Antriebslosigkeit, Energiemangel, Schlaflosigkeit – und das über Wochen. Eine Depression ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die dramatische Folgen für das Leben der Betroffenen haben kann. Allein in den USA entwickelt etwa jede zehnte Frau eine Depression. Ein Grund dafür kann die Geburt eines Kindes sein: So kann sich ein anfängliches Stimmungstief in eine postnatale Depression entwickeln. Ohne Behandlung führt dies wiederum womöglich zu einem chronischen Leiden. Doch welche Auswirkungen hat die Erkrankung der Mutter auf ihr Kind?

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Why We Might Miss Extraterrestrial Life Even If It’s Staring Us in the Face

See anything unusual in this aerial image? Credit: Modified photo of an original NASA picture
What do you get when you combine a classic psychology experiment with the search for extraterrestrial intelligence?

By Stephanie Pappas | SPACE.com

A gorilla on Mars.

OK, that one’s not going to kill on the comedy circuit. Here’s what’s going on: Researchers from the University of Cádiz in Spain found that most people who were asked to look for signs of human-made structures on alien terrain completely missed a little, waving gorilla figure inserted into one of the images.

The findings, reported in the journal Acta Astronautica on Tuesday (April 10), reveal the limitations of the search for extraterrestrial intelligence, or ETI: Humans are tied up in their own biases and attentional limitations and might miss alien intelligence even if it’s staring us in the face, the researchers said. [Greetings, Earthlings! 8 Ways Aliens Could Contact Us]

„We think [of] ETI as another form of humans, but much more advanced,“ study leader Gabriel G. De la Torre, a neuropsychologist at the University of Cádiz, told Live Science in an email. „We try to understand the world as [if] it was done to fit our beliefs, framework and senses. [In] reality, [it] could be much more different.“

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Diagnosen psychischer Störungen steigen stark an

Grafik:TP
Der Streit um die Interpretation des Bilds bei Burn-Out, Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen geht weiter

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Es ist eine alte Diskussion: Nehmen psychische Störungen zu oder nicht? Muss die Gesellschaft darauf reagieren? Oder bekommt das Thema nun endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient?

Führende Epidemiologen wie Hans-Ulrich Wittchen erheben Daten, denen zufolge rund 40% der EU-Bevölkerung jährlich mindestens eine psychische Störung haben (Beinahe jede(r) Zweite gilt als psychisch gestört). Dafür werden repräsentativ ausgewählte Menschen in Interviews zu psychischen Symptomen befragt, an die sie sich beispielsweise für das vergangene Jahr erinnern. In diesem Fall ging es um 2010.

In der genannten Studie wurden gerade einmal Daten zu 27 Störungen erhoben, während man mehrere hundert unterscheiden kann – etwa im amerikanischen DSM (Die „amtliche“ Fassung). Als dieselben Forscher einige Jahre später Befragungen im Rahmen der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ des Robert-Koch-Instituts nur für Deutschland durchführten, kamen sie allerdings nur noch auf 27,7% statt der vorherigen 38,2%.

Nun ist es aber weder so, dass die Deutschen psychisch gesehen so viel gesünder wären als der europäische Durchschnitt, noch dass die Häufigkeit der Störungen innerhalb weniger Jahre so stark abgenommen hätte. Die Unterschiede zeigen schlicht, dass die Ergebnisse davon abhängen, wie Forscher die Daten erheben und welche Störungen sie dabei im Blickfeld haben. Dabei können schon kleine Abweichungen in der Methodik große Veränderungen im Ergebnis verursachen. Wissenschaft bleibt Menschenwerk.

Ein Beispiel aus ferneren Zeiten: 1962 erschien die damals vieldiskutierte Midtown-Manhattan-Studie „Psychische Gesundheit in der Metropole“. Dass angeblich satte 81,5% der Bewohner Manhattans unter psychischen Problemen litten, wurde von vielen als Beleg dafür gesehen, dass das Leben in der Großstadt nicht gut für den Menschen ist. (Man muss an Georg Simmels berühmten Aufsatz über „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903 denken.)

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«LSD schüttelt das Gehirn einmal durch»

Unter dem Einfluss von LSD sieht man Muster, die sich mit der Musik verändern. (Bild: pd)
Seit 75 Jahren ist die psychoaktive Wirkung von LSD bekannt. Die Erforschung und medizinische Verwendung war lange ein Tabu. Langsam nehmen Forscher den Faden wieder auf. Matthias Liechti vom Unispital Basel ist an vorderster Front dabei.

Lena Stallmach | Neue Zürcher Zeitung

In der Schweiz war die Forschung mit LSD nie so stark reglementiert, wie in anderen Ländern. Trotzdem hat man bis vor wenigen Jahren keine Studien gemacht. Warum nicht?

Ich glaube, dass man sich an diese Substanz, die gesellschaftlich und politisch so ein Tabu war, nicht herangewagt hat. Keiner wollte sich daran die Finger verbrennen. Es hätte die berufliche Laufbahn schädigen können. Franz Vollenweider hat in Zürich seit den 1990er Jahren Ketamin und Psilocybin (den Wirkstoff aus Magic Mushrooms, der dem LSD in der Wirkung sehr ähnlich ist, aber historisch weniger belastet) erforscht und damit bei gesunden Probanden eine Art Modell-Psychose ausgelöst. So konnte er untersuchen, was sich in diesem Zustand in der Wahrnehmung und in Denkprozessen verändert. In dieser Zeit hat man für die Erforschung von Drogen nur Geld bekommen, wenn man ihre negativen Folgen untersucht hat.

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