„Wir würden noch viel mehr Terror aushalten können“

Hat jahrelang zu Angstthemen geforscht: Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen Quelle: picture alliance / Stefan Rampfe
Terroranschläge in Europa werden zum traurigen Alltag. Doch anstatt sich zu fürchten, gewöhnen sich viele Menschen an die neue Situation. Der Angstforscher Borwin Bandelow hält das für absolut natürlich.

Von Anett Selle | DIE WELT

Paris, Brüssel, Berlin und zuletzt Barcelona: Terroranschläge werden für die Europäer zur traurigen Realität. Und damit auch der Umgang mit den schrecklichen Ereignissen. Eine gewisse Gewöhnung stellt sich nach den Anschlägen ein. Doch wie schlimm ist es wirklich, wenn wir uns an Terror gewöhnen? Borwin Bandelow (66) ist Professor an der Universität Göttingen und forscht seit Jahren zu dem Phänomen Angst.

DIE WELT: Herr Bandelow, die deutschen Reaktionen auf die Anschläge in Barcelona reichen von „Es war ein Horror, und ich konnte nicht schlafen“ bis hin zu „Ich finde schlimm, wie wenig es mich berührt“. Wie abgestumpft darf man sein?

Borwin Bandelow: „Abstumpfen“ ist negativ konnotiert und soll einem ein schlechtes Gewissen einreden. Ich würde davon absehen, dieses Wort zu benutzen. Viele Leute denken, dass sie abgestumpft seien, wenn sie nicht mehr so betroffen sind wie bei anderen Anschlägen. Ich denke, niemand muss sich Gedanken machen, dass man zu wenig Mitgefühl habe, wenn man nach so vielen Anschlägen nicht mehr so emotional betroffen ist. Was da abläuft, ist eine natürliche Reaktion.

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No, You Can’t Feel Sorry for Everyone

UNIVERSAL MORALITY: Eleanor Roosevelt peruses the English version of the United Nation’s 1948 Universal Declaration of Human Rights. Image: UN.org/Nautilus
The world seems to be getting more empathetic. Americans donate to charity at record rates. People feel the pain of suffering in geographically distant countries brought to our attention by advances in communications and transportation. Violence, seen on historical timescales, is decreasing.

By Adam Waytz | Nautilus

The great modern humanitarian project of expanding the scope of our empathy to include the entire human race seems to be working. Our in-group (those we choose to include in our inner circle and to spend our energies on) is growing, and our out-group (everybody else) shrinking. But there’s a wrinkle in this perfect picture: Our instinctive tendency to categorize the world into “us” and “them” is difficult to overcome. It is in our nature to favor helping in-group members like friends, family, or fellow citizens, and to neglect or even punish out-group members. Even as some moral circles expand, others remain stubbornly fixed, or even contract: Just think of Democrats and Republicans, Sunnis and Shiites, Duke and North Carolina basketball fans.

The endpoint of the liberal humanitarian project, which is universal empathy, would mean no boundary between in-group and out-group. In aiming for this goal, we must fight our instincts. That is possible, to a degree. Research confirms that people can strengthen their moral muscles and blur the divide between in-group and out-group. Practicing meditation, for example, can increase empathy, improving people’s ability to decode emotions from people’s facial expressions1 and making them more likely to offer a chair2 to someone with crutches. Simply increasing people’s beliefs in the malleability of empathy increases the empathy they express toward ideologically and racially dissimilar others.3 And when all else fails, people respond to financial gain. My co-authors and I have shown that introducing monetary incentives for accurate perspective-taking increased Democrats’ and Republicans’ ability to understand each other and to believe that political resolutions were possible.4

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References

  1. Mascaro, J.S., Rilling, J.K., Tenzin Negi, L., & Raison, C.L. Compassion meditation enhances empathic accuracy and related neural activity. Social Cognitive and Affective Neuroscience 8, 48-55 (2013).

  2. Condon, P., Desbordes, G., Miller, W.B., & DeSteno, D. Meditation Increases Compassionate Responses to Suffering. Psychological Science 24, 2125-2127 (2013).

  3. Schumann, K., Zaki, J., & Dweck, C.S. Addressing the empathy deficit: Beliefs about the malleability of empathy predict effortful responses when empathy is challenging. Journal of Personality and Social Psychology 107, 475-493 (2014).

  4. Waytz, A., Young, L.L., & Ginges, J. Motive attribution asymmetry for love vs. hate drives intractable conflict. Proceedings of the National Academy of Sciences 111, 15687-15692 (2014).

Neuroscientists Hack Itching, Exposing a Mysterious Neural Circuit

Shutterstock/Ingrid Prats
A key to understanding why scratching an itch feels so good.

By Michael Byrne | MOTHERBOARD

Scratching an itch doesn’t take a whole lot of brain horsepower. It’s not automated in the same sense that breathing and heart beating are, but when it comes to everyday itch-scratching it might as well be. The brain registers itching—via the same pathways that transport sensations like temperature and pain from the skin—and it naturally responds by deploying fingernails. The itch is scratched, and that feels good.

Actually, scratching an itch feels more than good. As someone that suffers from chronic eczema and spends a disproportionate amount of time in contact with poison oak, I’m something of a connoisseur of scratching and its unique, fleeting gratification. I’m a lot like a dog, if we’re being honest. I love a good scratch.

There’s more to itch scratching than one might imagine, at least from a neuroscientific perspective. It’s only been in recent years that we’ve started to isolate and identify that actual neural circuitry responsible for itching. The first identification of a nerve in the skin—any nerve—responsible for the itch sensation came in 1997. Now, researchers from the Chinese Academy of Sciences have successfully identified a neural circuit in the brain that’s thought to service this elusive sensation—a major advance. Their work is described this week in Science.

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Der Lego-Islam der Attentäter

Bild: qantara.de
Wer in den Dschihad zieht, kennt mitunter nicht einmal den Koran. Es gibt andere Zeichen, die darauf hindeuten, dass jemand einen Anschlag im Namen Allahs begehen könnte.

Von Friederike Haupt | Qantara.de

Warum zieht jemand in den Dschihad, wenn ihm die Ideologie des Dschihad wenig bedeutet? Die Frage stellt sich, weil Selbstmordattentäter, die sich auf Allah berufen, oft kaum etwas über Allah wissen. Eine internationale Studie, für die vergangenes Jahr die Daten von 330 Rekruten des „Islamischen Staates“ ausgewertet wurden, zeigt: Je mehr religiöses Wissen sich die Männer selbst zuschrieben, desto weniger waren sie bereit zum Selbstmordanschlag. Was diejenigen antreibt, die dazu bereit sind, ist wichtig für die Frage, wie Anschläge verhindert werden können.

Im Fall des 26 Jahre alten Palästinensers, der vor einiger Zeit in einem Hamburger Supermarkt einen Mann erstach, ist es zu früh für eine Antwort. Auffällig ist, dass er zwar während der Tat „Allahu Akbar“ rief und später zu Protokoll gab, er habe gehofft, den Märtyrertod zu sterben. Allerdings sagte er auch, er habe sich erst zwei Tage vor der Tat zu einer islamischen Lebensweise entschlossen und erst am Tag der Tat zu dem Anschlag. Das Messer brachte er nicht mit in den Supermarkt, sondern er schnappte es sich aus dem Sortiment. Zuvor hatte der Mann wochenlang brav mitgeholfen, die Papiere für seine Ausreise aus Deutschland zu organisieren.

Nun sitzt er in Untersuchungshaft, in einer Spezialzelle für Suizidgefährdete. Der Palästinenser galt schon vor der Tat als psychisch labil, die Staatsanwaltschaft sieht aber derzeit keine „belastbaren Anhaltspunkte für eine erheblich eingeschränkte Schuldfähigkeit“. Die Ermittlungen dauern an.

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Blick ins Gehirn bei Halluzinationen

Bei Halluzinationen sehen, hören oder spüren wir Dinge, die gar nicht da sind – aber warum? © agsandrew/ thinkstock
Was macht einige Menschen anfälliger für Halluzinationen als andere? Eine erste Antwort hat nun ein Experiment im Hirnscanner geliefert. Es enthüllt: Bei Menschen, die häufig nichtexistente Stimmen hören, ist das Kleinhirn weniger aktiv. Dieses jedoch wirkt als „Wächter“ gegen falsche Wahrnehmungen. Ist diese Prüfung geschwächt, können überstarke Erwartungen zu Halluzinationen führen, wie die Forscher im Fachmagazin „Science“ berichten.

scinexx

Sie gaukeln uns geisterhafte Erscheinungen vor, lassen uns Stimmen hören oder sogar Düfte riechen, die in Wirklichkeit nicht da sind: Bei einer Halluzination nehmen wir Dinge wahr, die nur in unserem Kopf existieren. Möglich wird dies, weil unser Gehirn Reize nicht einfach naturgetreu wiedergibt. Stattdessen interpretiert es sie und gleicht sie mit unseren Erwartungen, Vorerfahrungen und unserem Wissen ab. Erst dann gelangt die Wahrnehmung in unser Bewusstsein.

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Seine Opfer tötete er mit Biss in den Adamsapfel

Mindestens 24 Männer brachte Fritz Haarmann (1879-1925) ums Leben und zerstückelte sie anschließend Quelle: pa/ dpa (2)
Bis zu einem Menschen pro Woche soll Fritz Haarmann 1923/24 in Hannover umgebracht und zerstückelt haben. Selbst erfahrene Reporter brauchten damals „gute Nerven, um die Schilderungen Haarmanns anzuhören“.

DIE WELT

Von Berufs wegen sind Strafrichter und Staatsanwälte hartgesotten. So schnell überrascht sie nichts, erst recht nicht das Geständnis eines Angeklagten. Anders ist es aber, wenn ein mutmaßlicher Serienmörder gleich am ersten Tag seines Verfahrens immer wieder in den voll besetzten Gerichtssaal ruft: „Ja, glauben Sie denn, dass es Spaß macht, einen Menschen umzubringen?“ So etwas geht selbst erfahrenen Juristen an die Nieren.

Ebenso wie Gerichtsreportern. Paul Schlesinger, besser bekannt unter seinem Kürzel „Sling“, leitete in der Weimarer Republik nicht nur das Rechtsressort der angesehenen „Vossischen Zeitung“. Er war auch beim Strafprozess gegen Fritz Haarmann im Dezember 1924 anwesend.

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Was sich Chefs von „verrückten Hunden“ und Hähnen abschauen

foto: imago/westend61 Eine brutale, aber sehr wirksame Strategie von Führungskräften ist die sogenannte Mad Dog Strategy: Man weiß nie, wann der Hund beißen wird – und muss daher selbst eine Strategie fahren, die einen Biss unwahrscheinlich macht
Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe Gregor Fauma über Parallelen zwischen der Tierwelt und Machtkämpfen im Unternehmen

Von Gregor Fauma | derStandard.at

In erster Linie müssen Leader eine fürsorgliche Dominanz ausüben. Repressive Dominanz ist nämlich nicht gerade populär. Die Fähigkeiten, Streit zu schlichten, Projekte zu initiieren und den Zusammenhalt der Gruppe zu fördern, sind von eminenter Wichtigkeit, wenn man eine gute Führungsperson sein will. Wer das kann, bekommt von den anderen eventuell diesen Status verliehen. Dann läuft alles wie von selbst.

Der Hahnenkampf

Betrachten wir einmal das Zustandekommen von Rangsystemen bei Tieren: Wenn zwei Kamm-Hähne einen Kampf austragen, so versuchen sie, den Kamm des anderen zu verletzen und damit zu verkleinern. Denn wer den größeren Kamm hat, ist ranghöher. Blutet bei einem der Tiere der Kamm, ist der Kampf vorbei, und der Sieger steht fest. Je größer jedoch ein Kamm ist, desto leichter ist er zu treffen. Größe stellt ergo ein Handicap im Kampf dar.

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Gender-Bias in der Diagnostik: Autismus könnte bei Mädchen unerkannt bleiben

foto: istockphoto.com/payamona
Autismus ist bei Buben häufiger als bei Mädchen. Neue Studien legen jedoch nahe, dass Mädchen die Krankheit lediglich besser verbergen

dieStandard.at

Buben leiden deutlich öfter an Autismus als Mädchen. Das ist eine weitverbreitete Annahme über die Entwicklungsstörung. In den USA etwa kommt auf vier Buben mit Autismus nur ein autistisches Mädchen. Diese Häufung der Krankheit bei Buben legt nahe, dass es genetische Faktoren gibt, aufgrund deren es für sie wahrscheinlicher ist, an Autismus zu erkranken. Das ist neuen Forschungen zufolge jedoch nur teilweise für das ungleiche Verhältnis verantwortlich. Denn zusätzlich dazu finden sich immer mehr Hinweise darauf, dass es in der Diagnostik der Erkrankung einen Gender-Bias gibt, der dazu führen könnte, dass Autismusspektrumsstörungen bei Mädchen erst später oder gar nicht diagnostiziert werden.

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Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko eines vorzeitigen Todes stärker als Fettleibigkeit

Bild: David Hodgson/CC BY-2.0
Zunehmend mehr Menschen in den USA würden einsam oder isoliert leben, was deren Mortalität erhöht

Von Florian Rötzer | TELEPOLIS

Auch in Zeiten Sozialer Netzwerke grassiert Einsamkeit. Man könnte auch einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung Sozialer Netzwerke und einer zunehmend versingelten Lebensweise der Menschen ziehen. Je mehr familiäre und soziale Bindungen, auch durch Telearbeit, schwinden, desto wichtiger werden mediale Netzwerke.

Die Psychologin Julianne Holt-Lunstadt von der Brigham Young University hat mit ihrem Team in einer Metastudie Untersuchungen zur chronischen Einsamkeit und sozialen Isolation in den USA ausgewertet, um die gesundheitlichen Folgen zu eruieren. Sie hält fest, wie sie auf dem Jahrestreffen der American Psychological Association (APA) in Washington sagte, wo sie die Studie vorstellte, dass die Amerikaner sozial zunehmend weniger verbunden seien und mehr Einsamkeit erfahren würden.

Mit Verweis auf die vom Verband American Association of Retired Persons (AAAR) veranlasste landesweite Umfrage über Einsamkeit der Menschen über 45 Jahre (2010) ist Einsamkeit bereits weit verbreitet. Als einsam wurden hier 35 Prozent eingestuft, das wären 43 Millionen. Ältere sind danach weniger einsam als jüngere, Verheiratete sind weniger einsam als Menschen, die niemals verheiratet waren, auch Reichere sind weniger einsam wie Ärmere. Nach der Statistikbehörde ist die Hälfte der Amerikaner nicht verheiratet, ein Viertel lebt alleine (Über die Hälfte der US-Amerikaner sind Singles).

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Frauen haben aktivere Gehirne

Männer und Frauen ticken doch anders: Das Gehirn von Frauen ist sowohl in Ruhe als auch beim lösen von Aufgaben aktiver als das der Männer, wie eine Studie enthüllt. Von 128 verglichenen Hirnregionen sind demnach bis zu 65 Areale bei den Frauen aktiver. Dazu gehören die Steuerzentrale im präfrontalen Cortex und das Emotionszentrum, während bei Männern Bereiche für das Sehen und die Koordination leicht aktiver waren.

scinexx

Ticken die Gehirne von Männern und Frauen wirklich anders? Über diese Frage wird seit Jahrzehnten diskutiert. Einerseits scheint es klare Unterschiede zu geben: Männer sind beispielsweise vergesslicher, dafür empfinden Frauen Stress und negative Gefühlestärker und neigen eher zu Depressionen. Andererseits unterscheiden sich die Gehirne beider Geschlechter strukturell weniger stark als landläufig angenommen – die Übergänge sind fließend.

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„Die Lüge ist Anti-Aufklärung“

„Allet Lügen“: Alltagspoesie auf einer Hauswand in Berlin (dpa/Wolfram Steinberg)
Wer lügt, braucht Fantasie? Nicht unbedingt, meint die Philosophin Bettina Stangneth. Vielmehr muss er wissen, woran sein Gegenüber Glaubwürdigkeit festmacht. In ihrem neuen Buch „Lügen lesen“ entwirft sie eine Philosophie der Lüge.

Bettina Stangneth im Gespräch mit Simone Miller | Deutschlandfunk Kultur

Wer lügt, setzt Indizien der Glaubwürdigkeit strategisch ein. Das meint die Philosophin Bettina Stangneth. Wer sich bewusst als unglaubwürdig verkaufe, könne sogar die Wahrheit als Lüge präsentieren, sagte sie im Deutschlandfunk Kultur. Das sei etwa wichtigen Funktionären des Nationalsozialismus gelungen. Wer hingegen als glaubwürdig gelesen werde, dem würde man auch eine manipulative Darstellung der Wirklichkeit abnehmen. Die Lüge sei deshalb nur in ihrer dialogischen Struktur richtig zu verstehen, so Stangneth.

Die übersehene Verantwortung der Leichtgläubigen

Wir sparen den Anteil des Gläubigen am Erfolg der Lüge gern aus, so Stangneths These. Dabei gebe es auch eine wichtige Verantwortung des Zuhörens. Nur wenn die Zuhörenden die unredliche Darstellung akzeptierten, habe eine Lüge Erfolg.

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ADHS und die Suche nach dem Heiligen Gral

So stellen sich führende Psychiater, hier der MPI-Direktor Alon Chen, Forschung auf ihrem Gebiet vor: Standardisierte genetisch modifizierte Mäuse werden nochmals genetisch modifiziert und operiert, um ihre Nervenzellen in den Mandelkernen (Amygdalae) zu kontrollieren. Nach „traumatischen“ Erfahrungen durch Elektroschocks in die Füße werden Stressreaktionen untersucht. Das soll letztlich Aufschluss über Angst- und Posttraumatische Stressstörungen (PTSS) sowie Depressionen beim Menschen geben. Dabei sind die Labortiere noch nicht einmal für ihre eigene Spezies repräsentativ. Abbildung: Tali Wiesel, Weizmann Institute of Science (idw-Pressemitteilung)
Die Krise der molekularbiologischen Psychiatrie

Von Stephan Schleim | TELEPOLIS

Im ersten Teil „30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS“ diskutierten wir einige Auffälligkeiten der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Beispielsweise schwankt deren Diagnosehäufigkeit zwischen den Ländern teils erheblich, selbst zwischen den Bundesländern in Deutschland. Auch das Geschlecht oder das Alter bei der Einschulung spielen eine Rolle. Wie wir sahen, gibt es die Störung in dieser Form erst seit 30 Jahren.

Da gegen Kritik an ihrem Konzept häufig auf Genetik und Erblichkeit verwiesen wird, endete Teil 1 mit einer Analyse von Erblichkeitsschätzungen und Zwillingsstudien. Entgegen der unter Fachleuten verbreiteten Meinung sagen diese wenig bis gar nichts über die genetische Determination von ADHS aus, sondern sind die Zahlen durch Umweltfaktoren beeinflusst. In diesem Teil wird es ausführlicher um die Rolle der Medikamente und Hirnforschung gehen und die Stigmatisierung der Betroffenen besprochen.

Alternativ müsste man zugeben, dass man Jahr für Jahr Forschung im Milliardenbereich bezahlt, vor allem mit Steuermitteln, die mit den falschen Methoden am falschen Ort sucht. Und dass etwa die hochdotierten Lehrstühle für Mäusegenetiker in der Psychiatrie, mit denen man zunehmend die Sozialpsychiatrie ersetzte, ein großer Irrtum waren und sind, den man jetzt nicht mehr so schnell loswird. Und dass junge Ärztinnen und Ärzte, die sich anschicken, „den Menschen zu helfen“, für die Praxis nutzloses Lehrbuchwissen über Gene und Gehirn pauken müssen.

Wer Schwierigkeiten mit diesen Gedanken hat oder sie für „Geschwafel eines Geisteswissenschaftlers“ hält (O-Ton Telepolis-Forum), dem seien zwei unabhängige Auffälligkeiten der molekularbiologischen Psychiatrie angeboten: Die erste gilt speziell für ADHS, lässt sich aber analog für andere Störungen nachweisen; die zweite gilt für alle Störungen zusammengenommen.

Erstens sollte man doch erwarten, dass es nach den im ersten Teil erwähnten rund 35.000 Publikationen zur ADHS Klarheit darüber gibt, wie die verschiedenen Therapien wirken. Das gilt insbesondere für die so oft verschriebenen Medikamente, wird doch verhaltensauffälligen Kindern schon seit achtzig Jahren Amphetamin (Speed) gegeben. Auch Methylphenidat (Ritalin® u.a.) wurde schon 1944 entdeckt, also vor über 70 Jahren.

In der Cochrane-Datenbank sind 2016 zwei umfangreiche (150 bzw. 779 Seiten) Analysen erschienen, die sich nach höchsten wissenschaftlichen Standards mit der Qualität der Studien zu Amphetamin beziehungsweise Methylphenidat auseinandersetzen und die Ergebnisse zu Nutzen und Risiken auswerten. Die Ergebnisse sind ernüchternd, wenn nicht gar gravierend:

Die Mehrheit der Studien unterliegt systematischen Verzerrungen (etwa durch finanzielle Interessenkonflikte) bei geringer oder nur sehr geringer Qualität (etwa durch unzureichende Kontrollen oder unvollständige Daten). Trotz alledem ergibt sich im Endeffekt bloß ein Nutzen, der es gerade so über die Schwelle der minimalen klinischen Relevanz schafft.

Dieser „Erfolg“ kommt mit dem Nachteil von Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Bauchschmerzen. Bei Methylphenidat treten diese 29% häufiger auf, nämlich bei 53% statt 41% der Kinder. Ferner waren die Studien in der Regel auf Kurzzeiteffekte angelegt, während die Medikamente häufig über Jahre hinweg verschrieben werden.

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Isch schwör!

Der Angeklagte glaubt, vor Gericht sein Bestes gegeben zu haben. Der Richter muss sich das Augenrollen verkneifen Quelle: dpa
Arabische Angeklagte schwören vor Gericht häufig, um glaubwürdig zu wirken. Wenn ein Angeklagter das aber in Deutschland macht, hält der Richter ihn oft für einen Lügner. Eine Ex-Anwältin erzählt.

Von Ann-Kathrin Jeske | DIE WELT

Wenn sie arabischstämmige Mandanten hatte, nahm sich Ex-Strafverteidigerin D. vor Gerichtsterminen besonders viel Zeit. Sie übte mit ihnen, welches Verhalten Richter vor deutschen Gerichten erwarten. Und sie erklärte ihnen, was nicht gut ankommt: ungefragtes Schwören auf Allah, minutenlange Antworten auf simple Fragen, mantraartige Wiederholungen der Aussage. Viele Mandanten dachten, sich mit diesem Verhalten vor Gericht von ihrer besten Seite zu zeigen. Die Richter dagegen glaubten, sich ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht anzuhören.

Rechtspsychologen wissen, dass es vor Gericht nicht nur auf harte Fakten und Paragrafen ankommt. Wie der Angeklagte spricht und welche Hautfarbe er hat, kann sich enorm auf eine richterliche Entscheidung auswirken. Vor allem in den USA wird viel dazu geforscht, welchen Einfluss kulturelle Unterschiede vor Gericht haben. Auch in Deutschland gibt es vermehrt Anlass dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

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Wer bist du?

Bild: pixabay.com/RDF
Erinnerungen, Perspektiven und das Selbst

Von Michael Shermer | Richard-Dawkins-Foundation

The Discovery ist ein 2017 von Netflix produzierter Film, in welchem Robert Redford einen Wissenschaftler spielt, der beweist, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. „Sobald der Körper stirbt, verlässt uns ein Teil des Bewusstseins und reist auf eine neue Ebene“, erklärt der Wissenschaftler, unterstützt von seinem Apparat, der, wie es eine andere Filmfigur ausdrückt, „Gehirnwellen misst, die auf einer subatomaren Ebene den Körper nach dem Tod verlassen.”

Diese Idee ist nicht allzu weit von einer Theorie entfernt, die Quantenbewusstsein genannt wird, propagiert von etlichen Persönlichkeiten, vom Physiker Roger Penrose bis zum Arzt Deepak Chopra. Einige Varianten der Theorie behaupten, dass unser Geist nicht nur das Produkt unseres Gehirns ist, und dass Bewusstsein getrennt von Materie existiert, so dass der Tod unseres Körpers nicht das Ende unserer bewussten Existenz darstellt. Da dies das Thema meines nächsten Buches ist, Heavens on Earth: The Scientific Search for the Afterlife, Immortality, and Utopia [Himmel auf der Erde: Die wissenschaftliche Suche nach Leben nach dem Tod, Unsterblichkeit und Utopie] (Henry Holt, 2018), sprach der Film eine Reihe von Problemen an, die ich bei all diesen Konzepten festgestellt habe; wissenschaftliche wie religiöse.

Erstens, ist da die Annahme, dass unsere Identität in unseren Erinnerungen liegt, von denen man glaubt, dass sie fortwährend in unserem Gehirn aufgezeichnet werden: Wenn sie in einen Computer übertragen oder dupliziert und in einen wiederbelebten Körper oder eine Seele implantiert werden könnten, würden wir wiederhergestellt. Aber das ist nicht die Art, wie Erinnerung funktioniert. Erinnerung ist nicht wie ein Videorekorder, der die Vergangenheit auf einem Bildschirm in Ihrem Geist abspielen kann. Erinnerung ist ein fortwährend verarbeitet werdender und fließender Vorgang, der ganz und gar davon abhängt, dass die Nervenzellen in unserem Gehirn funktionieren. Gewiss, wenn Sie einschlafen und am nächsten Morgen erwachen, oder wenn Sie sich für eine Operation einer Narkose unterziehen und nach Stunden wieder zu sich kommen, kehren Ihre Erinnerungen zurück, wie sie das sogar nach sogenannter schwerer Hypothermie und Kreislaufstillstand tun. Bei dieser Prozedur wird das Gehirn eines Patienten bis auf 10 Grad Celsius abgekühlt, wodurch die elektrische Aktivität der Nervenzellen zum Stillstand kommt – und das lässt darauf schließen, dass Langzeit-Erinnerungen statisch gespeichert werden. Aber dies kann nicht geschehen, wenn Ihr Gehirn stirbt. Deshalb muss eine Reanimation auch so kurz nach einem Herzanfall oder Ertrinken ausgeführt werden: Wenn es dem Gehirn an sauerstoffreichem Blut mangelt, sterben die Neuronen zusammen mit den Erinnerungen, die in ihnen gespeichert sind.

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Es gibt drei Arten des Lächelns

Lächeln ist ein wichtiges soziales Signal – doch es kann ganz verschiedene Dinge ausdrücken. © Bowie15/ thinkstock
Unbewusste Botschaften: Es gibt nicht nur eine Art des ehrlichen, unbewussten Lächelns, sondern gleich drei verschiedene, wie ein Experiment enthüllt. Diese drei Lächelarten unterscheiden sich in kleinen Details der Mimik – und vermitteln jeweils verschiedene Botschaften. Instinktiv erkennen wir, ob jemand mit seinem Lächeln Kooperation signalisiert, uns zum Zurücklächeln animieren will oder seine Dominanz ausdrückt.

scinexx

Das Lächeln ist ein wichtiger Teil unserer Kommunikation. Mit ihm vermitteln wir unsere fröhliche Stimmung, signalisieren Freundschaft und Kooperation und beruhigen das Gegenüber, dass wir nichts Böses gegen ihn im Schilde führen. Unser Lächeln schafft daher Vertrauen und hilft dabei, soziale Bindungen zu festigen. Selbst Hundehaben gelernt, das Lächeln des Menschen zu erkennen.

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Die Geschichte des Hamburg-Attentäters

© EPA Bürgermeister Olaf Scholz am Samstag am Tatort in Hamburg
Er zog sich plötzlich zurück, betete oft, und zitierte in Cafés lautstark Koran-Verse. Ein Freund schlug Alarm, Verfassungsschützer statteten dem späteren Attentäter einen Besuch ab – und gaben Entwarnung. Was löst das politisch aus?

Frankfurter Allgemeine

Der Täter ist kein Unbekannter. Der junge Mann, der als Asylbewerber nach Deutschland kam, fiel schon vor einer Weile auf. Plötzlich trank er keinen Alkohol mehr, feierte nicht mehr, zog sich zurück, betete oft, sprach viel über den Koran, zitierte in Flüchtlingscafés lautstark Koran-Verse. Einem Freund war das nicht geheuer, er meldete sich bei der Polizei und berichtete von den Veränderungen. Verfassungsschützer statteten dem Verdächtigen einen Besuch ab. Sie befragten ihn, holten Erkundigungen ein, speicherten ihn als Verdachtsfall unter 800 anderen Islamisten der Stadt. Doch sie stuften ihn nicht als gefährlich ein. Ein Fehler.

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Legasthenie: Frühtest bald marktreif?

Kinder mit Legathenie tun sich mit dem Lesen und Schreiben schwer. Je früher dies erkannt wird, desto besser lassen sich die Folgen verhindern. © Valua Vitaly/ thinkstock
Früherkennung in Arbeit: Deutsche Forscher haben zwei Tests entwickelt, mit denen sich Legasthenie schon vor dem Schulalter erkennen lässt. Von der Lese-Rechtschreibschwäche betroffene Kinder könnten dadurch schon früher gezielt gefördert werden. Die Tests beruhen auf einem Test mittels EEG und einer DNA-Analyse mittels Speichelprobe. Schon in den nächsten Jahren soll der Kombinationstest marktreif werden, so die Forscher.

scinexx

Wörter dehnen sich, zerbrechen, Buchstaben lassen sich nicht erkennen. Jedes 20. Kind verzweifelt, wenn es darum geht, Wörter und Sätze zu schreiben oder zu lesen – und das bei ansonsten normaler oder hoher Intelligenz. Eine Lese-Rechtschreibstörung beruht auf einer angeborenen Veränderung im Gehirn. Für die betroffenen Kinder bedeutet sie vor allem oft jahrelangen schulischen Misserfolg – meist ohne, dass die wahre Ursache erkannt wird.

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The US Army Funded Astral Projection and Hypnosis Research in the 80s

Image: CIA
This is a real-life X-File.

By Caroline Haskins | MOTHERBOARD

Human consciousness is nothing but an intersection of energy planes that forms a hologram able to travel through spacetime—across the universe, and into the past, present, and future.

I read about this idea in a CIA document about the US Army. Yes, the US Army. The institution that painstakingly crafts an image of commitment to pragmatic and logical objectives. When I was reading through the documents, I was certainly a bit surprised.

According to the declassified CIA documents that I read, the US Army was extremely interested in psychic experimentation. From the late 1970s into the 80s, it even paid for intelligence officers to go on weeklong excursions to an out-of-the-way institute specializing in out-of-body experiences and astral projection.

The documents were declassified as early as 2001, but they caught my eye when they appeared in a /r/conspiracy post earlier this month. The psychic experimentation program, which was called „Project Center Lane,“ interviewed Army intelligence officers in order „to determine attitudes about the possible use of psychoenergetic phenomena in the intelligence field,“ according to the declassified CIA document from 1984.

As a huge fan of The X-Files, I couldn’t resist reading as much as I could about Project Center Lane, which looks like it could have appeared on the show.

In June 1983, Army Commander Wayne M. McDonnell was asked to give his commander an assessment of the psychic services provided by the Monroe Institute, a non-profit organization focused on treatments designed to expand a person’s consciousness. The Monroe Institute is known for its patented „Hemi-Sync“ technology, which uses audio to synchronize the brainwaves on the left and right sides of the brain. According to the organization’s website, this makes the brain vulnerable to hypnosis. McDonnell himself had completed the seven-day psychic program the month prior at the institute, which is lodged in the middle of Virginia’s Blue Ridge Mountains in a town called Faber, about 30 miles east of Charlottesville.

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Biologistischer Populismus und die verankerte Inzuchthemmung

„Kinder benötigen ihre biologischen Eltern, um sich optimal entwickeln zu können. An erster Stelle steht das Wohl der Schutzbefohlenen; der Eltern-Egoismus darf nicht dominieren.“ Gastkommentar in Reaktion auf Pressevorwürfe.

Von Ulrich Kutschera | kath.net

Der HNA-Artikel „Staatlich geförderte Pädophilie: Kasseler Professor wettert gegen Homo-Ehe“ vom 17.07.2017 ist unsachlich und einseitig. Er soll daher durch den folgenden Kommentar ergänzt werden. Im kritisierten kath.net-Interviewwerden drei Sachverhalte thematisiert: Der Zusammenhang der neudeutschen Universal-Ehe mit der Gender-Ideologie (A), die biologischen Grundlagen des Mensch-Seins (B) sowie die Pädophilie (C).

A. Die Offenlegung der Tatsache, dass die „Ehe für alle“ eine Ausgeburt der von dem US-Psychologen John Money (1921–2006) begründeten Geschlechter-Ideologie ist, wird im Fachbuch „Das Gender-Paradoxon“ (1) ausführlich thematisiert. In diesem Text wird auch dargelegt, dass der kinderlose Urvater der „Frau-gleich-Mann-Glaubenslehre“, der sich selbst über sein verfehltes Baby-Kastrationsexperiment widerlegt hat, die Pädophilie befürwortete. Money beschimpfte die Kritiker seiner Gender-Irrlehre als „rechtsradikale Rassisten“ – wie es noch heute seine radikalfeministischen Nachfolger(innen) tun.

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