Im Namen des Atheismus wurde noch kein Kondom verboten und kein Selbstmordattentat durchgeführt

Zeitgemäßer Zynismus: Mathias Tretter brachte vor rund 300 Zuschauern im Festsaal des Kultur im Oberbräu sein aktuelles Soloprogramm „Pop“ auf die Bühne. © Andreas Leder
Ein fulminantes und fesselndes Spitzenkabarett lieferte Mathias Tretter. Mit seinen Soloprogramm „Pop“ war er im Festsaal des Holzkirchner Kultur im Oberbräu.

Reinhold Schmid | Merkur.de

Mit seinem aktuellen Soloprogramm „Pop“ liefert Mathias Tretter ein Musterbeispiel für fesselndes und dichtes Kabarett. Zwei Stunden lang brannte er am Samstag vor knapp 300 Zuhörern im Festsaal des Holzkirchner Kultur im Oberbräu ein satirisches Feuerwerk ab. Dabei kamen leichtere Gags zum zwischenzeitlichen Durchschnaufen ebenso zum Einsatz wie verblüffende Geistesblitze, frappierende Gedankenverbindungen und schonungslos zugespitzte kabarettistische Abrechnungen mit Missständen und Fehlentwicklungen unserer Zeit.

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Wo eiserne Jungfrauen im Mekka-Wasser baden

Spott mit Gott: eine typisches Noktara-Wunder (Noktara.de)
Das Portal „Noktara.de“ – erfunden von zwei Satirikern aus Wiesbaden – macht sich lustig über Fundamentalisten, Terroristen und Nazis. Die Meldung, dass während des Ramadan die Stadt Essen in „Fasten“ umbenannt werde, schaffte es sogar ins ungarische Staatsfernsehen.

Von Kirsten Lorek | Deutschlandfunk

„Noktara.de – feinste Ethno-Satire mit Nachrichten aus dem Morgenland, schon heute.“

Mal ehrlich, wer nach diesem Werbetrailer nicht kapiert hat, dass es hier um Satire geht, ist selber schuld. Und Satire darf, frei nach Tucholsky, schließlich alles. Obwohl, da schränken die beiden Macher von „Noktara.de“ ein:

„Ich würde sagen, man kann sehr viel machen, es ist immer die Frage, wie man es macht. Man kann auch sehr viel machen mit dem Islam.“

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Whitehouse.com, Your Favorite 90s Porn Site, Is Now Protesting the Trump Presidency

Image: NBCNews/YouTube
Somethingsomething Deep Throat.

By Sarah Emerson | MOTHERBOARD

One of my earliest internet memories is of telling friends to open Whitehouse.com—the .com porn site, not the official .gov government site!—in plain view on their screens. Preferably in the computer lab.

To an 11-year-old, this was the funniest goof ever, but in retrospect, I suppose it was also an instructional primer on domain name servers. How many people, looking for POTUS, accidentally saw penis?

As many as 80,000 people per day, apparently. That’s according to Dan Parisi, the site’s owner who recently spoke to me about Whitehouse.com’s latest iteration: protesting President Trump.

I first contacted Parisi, who works in New Jersey real estate, with an interview request back in May. Trump was waging war on government agencies, and I thought Parisi could offer an interesting perspective on censorship and digital transparency. He wouldn’t speak to me then, as he was in the process of relaunching Whitehouse.com, but agreed to chat when that came to fruition.

Yesterday evening, the new Whitehouse.com went live.

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Heiko Maas will den digitalen Judge Dredd

Geht es nach dem Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas, müssen Facebook und Co. bei Kommentaren und Beiträgen genauer…Foto: dpa
Der Justizminister Heiko Maas hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der sich so liest, als stamme er aus dem Roman „1984“. Ein Kommentar.

Von Harald Martenstein | DER TAGESSPIEGEL

Viele regen sich, und zwar zu Recht, über Adülf Erdogan auf, den Sultan mit dem Hitlertick. Er will sich zum Alleinherrscher machen, er lügt den Völkermord an den Armeniern weg, er unterdrückt Andersdenkende und Kurden. Das Wort „Nazimethoden“ müsste diesem Mann eigentlich jeden Morgen beim Blick in den Spiegel einfallen, stattdessen schwingt dieser Frechdachs die Nazikeule gegen andere.

Für eine Majestätsbeleidigung wie „Frechdachs Adülf Erdogan“ könnte einem Journalisten in der Türkei ja alles Mögliche zustoßen. Dort, wo es verboten ist, die Herrschenden zu kränken, sind wir in einer Despotie. Dort, wo die Regierung entscheidet, was „Wahrheit“ ist und was „Fake“, sind wir in einer Despotie. Aber genau jetzt, während wir uns noch über Erdogan aufregen, werden hier, in diesem Land, Erdogan-Methoden vorbereitet. Der Justizminister Heiko Maas hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der sich so liest, als stamme er aus dem Roman „1984“.

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„Eine Kritik aus Deutschland ist für Erdogan Gold wert“

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Baris Uygur, Mitgründer des türkischen Satiremagazins „Uykusuz“, über Erdogan gegen Böhmermann und die Lage der Satire und der Medien in der Türkei

Von Gerrit Wustmann | TELEPOLIS

Die Gerichte urteilen nach Erdogans Wünschen – und Satiriker zensieren sich selbst. Kritik aus Deutschland kommt dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan gelegen – sagt Baris Uygur, Schriftsteller und Mitbegründer der Satire-Zeitschrift „Uykusuz“ (Schlaflos). Auch seine Krimis sind voller Seitenhiebe auf die türkische Gesellschaft und Politik, eine Zensur der Literatur fürchtet Uygur aber vorerst nicht. Erdogan brauche Feinde, die er instrumentalisieren könne, sagt der Künstler.

Der deutsche Comedian Jan Böhmermann hat ein Schmähgedicht auf Recep Tayyip Erdogan verfasst, das bewusst beleidigend ist. Er wollte damit die Grenzen dessen aufzeigen, was Satire darf. Nun fordert die türkische Regierung ein Strafverfahren. Wie wird die Angelegenheit in der Türkei aufgenommen?

Baris Uygur: Es gibt jetzt einfach zwei Teile der Türkei. Ein größerer Teil steht zu Erdoğan, egal was passiert, egal was er sagt oder tut. Für diesen Teil ist es eine Unverschämtheit – nicht weil sie so denken, sondern weil Erdoğans Medien es ihnen so diktieren. Vielen Kolumnisten und Journalisten in diesen Medien schreiben nur wenn sie einen Startschuss von Erdoğan oder seinen Leuten bekommen. Das Ergebnis sind oft zehn oder mehr Zeitungen, die am selben Tag dieselben Schlagzeilen haben. Viele sehen die Angelegenheit als eine Verschwörung gegen Erdogan. Das würgt jede Diskussion ab. Diskussionen dazu sind auch nicht gewollt.

Ein gutes Beispiel ist der Reporter, der vor der ZDF-Zentrale kürzlich versuchte zu provozieren. Er hat bereits ein Interview mit einem Baum im Gezi-Park geführt und ein gefälschtes Interview mit Christiane Amanpour veröffentlicht. Als man beim ZDF auf seine Provokationen nicht einging, verwies er auf die „Respektlosigkeit“ und darauf, dass man ihm mit Händen in den Hosentaschen begegnet. Das ist die Parallelrealität dieser Medien: Obwohl jeder sehen kann, dass gar nichts passiert, kreieren sie eine Realität, an die sie und ihr Publikum glauben wollen.

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Wir haben Türken in Istanbul das Böhmermann-Gedicht vorgelesen

Screenshot: youtube
Screenshot: youtube
Was hältst du von den Zeilen „Sackdoof, feige und verklemmt ist Erdoğan der Präsident“? Mehmet sitzt im Café Kronotrop auf der Holzstufe und schaut einen an, als sei man ein hundefleischfressender Marsmensch.

Von Çiğdem Akyol | VICE.com

Der 21-jährige mit den langen schwarzen Haaren und einem langen Ohrring zieht an seiner Zigarette und kommentiert knapp: „So dummes Zeugs hat nicht einmal Erdoğan verdient.“ Damit ist das Gespräch beendet. Seine Freundin macht sich nicht einmal die Mühe, überhaupt irgendetwas zu sagen.

Seit rund zwei Wochen diskutiert die Bundesrepublik das Verständnis des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan von Meinungsfreiheit und den Unterschied zwischen Satire und Schmähkritik. Angefangen hatte alles mit einem Satire-Beitrag des NDR-Magazins extra 3, der sich kritisch mit Verletzungen der Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei sowie mit dem Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte gegen Kurden im Südosten des Landes auseinandergesetzt hatte. Ankara hatte wegen des extra 3-Beitrags, der mit einem in „Erdowie, Erdowo, Erdoğan“ umbenannten Nena-Song unbenannten Song unterlegt wurde, den deutschen Botschafter einbestellt und eine Löschung verlangt. Dies war aber zurückgewiesen worden.

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Wird der Schah-Paragraf jetzt zum Böhmermann-Paragrafen?

Spott unter der Gürtellinie: Satiriker Jan Böhmermann (Foto: Quelle: ZDF neo)
Gegen den Spaßmacher wird ermittelt, weil er Erdoğan zu nahe trat. Der entsprechende Paragraf kam schon oft zum Einsatz. Eine Rechtsgeschichte der Beleidigung.

Von Heribert Prantl | Süddeutsche.de

Bei Straßen und Plätzen ist es üblich, dass sie mit Namen bedacht werden; sie heißen Adenauer-Allee oder Enzianstraße. Bei Paragrafen ist das eher unüblich. Da wird nicht lang nach Namen gesucht; über Strafparagrafen steht praktischerweise nur das, was dann näher ausgeführt wird. Paragraf 211 heißt „Mord“, der 223 „Körperverletzung“.

Paragraf 103 hat auch eine solche Überschrift. Sie lautet: „Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten“. Aber dieser Paragraf ist nicht nur unter diesem sperrigen Titel, sondern unter der griffigen Bezeichnung „Schah-Paragraf“ bekannt – nach dem Staatsoberhaupt, das sich in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts besonders oft beleidigt fühlte und dann, wie es hier notwendig ist, „ein Strafverlangen“ erhob.

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Erdogan, Ayatollah & Co.: Diese Satiren lösten Krisen aus

Recep Tayyip Erdogan, Carolin Kebekus, Ayatollah Khomeini: Manchmal löst eine harmlose Satire politische Verwicklungen aus © DPA/Screenshot Youtube
Weil ein Clip des NDR-Magazins „extra 3“ den türkischen Staatspräsidenten Erdogan verspottet, wurde der deutsche Botschafter einberufen. Nicht das einzige Beispiel für Satire, die politische Verwicklungen auslöst.

stern.de

Wie Rudi Carrell den Ayatollah verärgerte

Er gehörte in den 70er und 80er Jahren zu den großen Spaßmachern im deutschen Fernsehen. Rudi Carrell war bekannt dafür, die Fernsehnation mit harmlosen Witzen und Unterhaltungssendungen zum Lachen zu bringen. Dass der Holländer mit einem einzigen Gag internationale Verwerfungen auslösen würde – damit hätte er selbst wohl am allerwenigsten gerechnet. Doch genau das geschah am 15. Februar 1987 in seiner Comedy-Sendung „Rudis Tagesshow“. Mit einem Beitrag, der gerade mal 14 Sekunden dauerte. Anlässlich des achten Jahrestags der iranischen Revolution zeigte Carrell eine Bildmontage, in der verschleierte Frauen Unterwäsche warfen. „Ayatollah Khomeini wird von der Bevölkerung gefeiert und mit Geschenken überhäuft“, kommentierte er den kurzen Clip.

Der iranische Botschafter zeigte sich empört und forderte von der deutschen Bundesregierung eine Entschuldigung. Doch die blieb aus – und so zog der Iran seinen Botschafter ab und wies umgekehrt mehrere deutsche Diplomaten außer Landes. Doch damit nicht genug: Das Teheraner Goethe-Institut musste schließen, Rudi Carrell erhielt Morddrohungen.

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Feiertagszensur von Filmen: Piratenpartei stellt Schwarze Liste ins Netz

Jeder ein Kreuz.
Jeder ein Kreuz.
Die Piratenpartei veröffentlicht erstmals eine FSK-Liste der Filme, die nicht zur Vorführung an „stillen Feiertagen“ wie Karfreitag oder Volkstrauertag freigegeben sind.

Piratenpartei Deutschlands

Seit 1980 wurden über 700 Filme auf diesen Feiertags-Index gesetzt, darunter überraschend Kinderfilme (z.B. Max und Moritz, Nick Knatterton’s Abenteuer), Komödien (z.B. von Hallervorden, Juhnke, Mel Brooks, Monty Python), Klassiker (Der zerbrochene Krug, Feuerzangenbowle, Ghostbusters) und politische oder religiöse Kritik (Barschel – Mord in Genf?, Leben des Brian, Der letzte Jude von Drohobytsch, Animal Farm). Die FSK-Entscheidung „nicht feiertagsfrei“ ist für Kinos und Filmverleiher unbefristet verbindlich und wird nur auf kostenpflichtigen Antrag überprüft.

Der Landtagsabgeordnete Patrick Breyer von der Piratenpartei Schleswig-Holstein fordert die Abschaffung der FSK-Feiertagszensur: „Dass Kinderfilme, Klassiker, Satire und Kritik im Jahr 2015 auf einem Feiertagsindex stehen, verschlägt mir den Atem. Teilweise entscheidet die FSK sogar ohne jede Prüfung. Die Feiertagszensur von Filmvorführungen ist im Zeitalter von Video und Internet völlig wirklichkeitsfremd und gehört dringend abgeschafft. Solange die Feiertagsruhe nicht öffentlich wahrnehmbar gestört wird, haben Staat und Kirche kein Recht, uns bei der Gestaltung arbeitsfreier Sonn- und Feiertage durch Filmvorführungs-, Tanz- oder Veranstaltungsverbote zu bevormunden.“

Nach Angaben der FSK erhalten Filme den Vermerk „Keine Feiertagsfreigabe“ ohne inhaltliche Prüfung, es sei denn, eine Prüfung der „Feiertagstauglichkeit“ wird kostenpflichtig beantragt. In Bochum wurde wegen einer Vorführung von „Das Leben des Brian“ am Karfreitag zuletzt ein Bußgeld verhängt.
Für ältere Filme siehe https://startpage.com/do/search?q=site%3Afilmportal.de+%22nicht+feiertagsfrei%22&lui=deutsch&l=deutsch

Schweiz: Serdar Somuncu über Zensur und aufrichtige Nazis

Foto: Grey Hutton
Die Provokation ist das Handwerk des Satirikers und Serdar Somuncu, der von seinen Fans ehrfürchtig „Hassias“ genannt wird, zelebriert dieses Handwerk voller Genuss. Spätestens seit seiner umjubelten Lesungen aus Hitlers Mein Kampf—die er von Neonazis bedroht zum Teil mit schusssicherer Weste bestritt—wird er dabei nicht nur von Internet-Trollen gefeiert.

Von Daniel Kissling|VICE.com

Seine Bücher mit Titeln wie Hasstament oder Der Adolf in mir gehen massenweise über die Ladentheke und nicht wenige seiner Auftritte sind ausverkauft. Ja, Somuncus gepflegte Wutausbrüche und Hasstiraden führten ihn Ende letzten Jahres sogar zum Schweizer Arosa Humor Festival—eine Veranstaltung, die nicht gerade für ein skandalträchtiges Programm bekannt ist.

Der Skandal kam dann auch nicht beim Festival selber, sondern im Nachgang. Auf Facebook echauffierte sich Somuncu darüber, dass sein eigens für die SRF-Sendung Arosa 2015 Sélection bestrittener Auftritt dann doch nicht ausgestahlt wurde, beziehungsweise wird (Teil 1 lief am letzten Sonntag, Teil 2 kommt am nächsten). Oder um es mit Somuncus keine Relativierungen zulassender Direktheit zu sagen: Das Schweizer Fernsehen hat ihn zensiert, weil er sich „mit den nationalistischen Auswüchsen der eidgenössischen Tagespolitik befasst habe“.

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Der Gott der anderen

Grafitty in Berlin © Arno Burgi/dpa
Deutschland wird islamischer werden. Welche Art von Islam das sein wird, hängt auch von uns ab.

Von Mariam Lau|ZEIT ONLINE

Niemand weiß in diesen wilden Tagen, wie Deutschland in fünf Jahren aussehen wird. Aber eins ist sicher: Es wird islamischer werden. Von den 800.000 Flüchtlingen, mit denen allein für 2015 gerechnet wird, sind „mindestens 80 Prozent Muslime“, vermutet Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Was bedeutet das für Deutschland? Und was bedeutet es für den Islam hier?

Schon gehen Ängste um, schwirren Gerüchte umher. Vor vielen großen Flüchtlingsunterkünften des Landes tauchen Salafisten auf und bieten den Neuankömmlingen aus dem Nahen Osten Trost, Essen und den Koran. Es heißt, die Saudis wollten in Deutschland 200 Moscheen für die Flüchtlinge errichten. Und mit einigem Recht wird die Frage gestellt: Wie halten es die Neuen mit den Frauenrechten? Mit der Trennung von Kirche und Staat? Mit Schwulsein, Jüdischsein und mit Satire?

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Jürgen Becker: Satire in Kölner Großmoschee

Kabarettist Jürgen Becker und Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga beim Baustellenrundgang Foto: WDR/Melanie Grande
Kabarettist Jürgen Becker gastiert mit seiner Sendung „Baustelle Deutschland“ in der Kölner Moschee. Die Ditib hat lange gezögert, ob sie Satire in der Moschee zulassen sollte. Bei der Aufzeichnung durfte etwas Spott über die Dauerbaustelle nicht fehlen.

Von Helmut Frangenberg|Kölner Stadt-Anzeiger

Man sei zu Gast in einem „tollen, modernen Gebäude“, freute sich Kabarettist Jürgen Becker, um dann zu fragen: „Und wann gibt es den passenden Islam dazu?“ Es hat gedauert, bis aus dem vagen Plan, „Kabarett am neuen Kölner Minarett“ möglich zu machen, Wirklichkeit wurde. Der Hausherr, die Türkisch-Islamische Union, Ditib, zierte sich. Als dann positive Signale kamen, habe man alles dran gesetzt, „es zu schaffen, bevor die Moschee wieder abgerissen wird“, so Becker vor der TV-Aufzeichnung am Mittwochabend. Ein bisschen Spott über die Dauerbaustelle für das Gotteshaus „im frischen Betongrau“ und AKW-Look durfte nicht fehlen.

Jürgen Becker gastierte mit seiner Sendung „Baustelle Deutschland“ in der neuen Ditib-Deutschlandzentrale an der Venloer Straße in Ehrenfeld und ein bunt gemischtes Publikum wartete gespannt darauf, was in diesem Rahmen der Fernsehaufzeichnung ging und was nicht.

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Im Schatten der Grauen Eminenz

Foto: Weißes Haus
Satire ist — mehr als nur Blödelei. Aber auch dafür muss man sich gelegentlich einmal Die Zeit nehmen.
Das bringt es so mit sich, wenn man einen Mehrteiler stückchenweise schreibt. Es geschehen Dinge, die man nicht einfach unberücksichtigt lassen kann. Bzw., die man am Anfang nicht voraussehen konnte.


Von Tom Appleton|TELEPOLIS

Z.B. wenn Seymour Hersh, ein mit Preisen dekorierter amerikanischer Journalist, gewissermaßen ein mit Orden ausgezeichneter journalistischer Vier-oder-Fünf-Sterne-General, einen eminent wichtigen Artikel schreibt, der aber in den USA nicht veröffentlicht wird, z.B. nicht im New York Review of Books, sondern nur im London Review of Books, weit ab vor der Küste Amerikas, auf einer sicheren Insel. Besagter Artikel wird dann zwar in ganz Nord-und- Süd-Amerika dem Lesepublikum vorenthalten, aber doch wie einem Haufen Leseunkundiger aus zweiter Hand mitgeteilt und kommentiert. Das geschieht auch weltweit. Beispielsweise in der Zeit, in Hamburg.

Das Angemessene hier wäre es wohl gewesen, im Stil dieses traditionellen Qualitätsblatts, den immerhin 10.000 Wörter langen Artikel in deutscher Übersetzung und in einem eigenen Zeit-Dossier zu veröffentlichen – mit Erklärungen und Verständnishilfen, oder mit rot gefärbten kritischen Anmerkungen (und wohl auch mit Illustrationen). Das wäre man quasi der Reputation des Autors Hersh schuldig gewesen — und auch dem Tenor seiner Arbeit, derzufolge einer der wichtigsten außenpolitischen Erfolge des US-Präsidenten Obama, samt seiner gesamten seitherigen Zweiten Amtsperiode, auf einer Art Fiktion beruht. Hätte es einen vergleichbaren Artikel über Putin gegeben, die deutschen Blätter hätten sich darum gerissen, die Story als erste zu bringen.

Aber nein. Die Zeit bemühte stattdessen vier eigene Journalisten damit, den amerikanischen Star-Reporter ein wenig weich zu klopfen. Nicht madig zu machen. Aber das Wörtchen „Verschwörung“ sollte schon irgendwann mal anklingen. Hersh sei vielleicht — vielleicht doch — dem „Verschwörungsdenken“ zum Opfer gefallen. Meinten die vier. Oder man könnte auch sagen, das war ihr Auftrag, diese Meinung vierstimmig vorzubringen.

Danach wurde das Artikelchen an die Grafiker weitergereicht. Oder die Bildredaktion, falls man sich darunter eine Abteilung mit eigener Intelligenz vorstellen möchte. Dort fand man zwei Fotos. Das eine zeigt Osama bin (klein geschrieben) Laden, das andere Seymour Hersh. Diese Bilder setzten die Illustrateure, eins über das andere, in die Mitte des Textes, mit der Unterschrift: „Seymour Hersh (u.) glaubt, die Wahrheit über das Ende von bin Laden herausgefunden zu haben.“ Man sieht dieses in Klammern gesetzte, abgekürzte „(u.)“ für „(unten)“ und spürt: Auch in Hamburg haben die Menschen Humor. Und Humor ist ja, bekanntlich, nach einer verbreiteten deutschen Definition, immer dann gegeben, wenn man „trotzdem“ lacht. Trotz der Blödelei (wahlweise Blödheit) des hier Witzelnden (oder Blödelnden).

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Satire darf Alles: „Fuck the Women and Children“

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Beginnen wir mit einem ziemlich guten Witz, um uns für die Wartezeit zwischen Teil Eins und Teil Zwei zu entschädigen:


Von Tom Appleton|TELEPOLIS

Ein Schiffsunglück. Der Dampfer versinkt. Der Kapitän und die Mannschaft drängen in die Rettungsboote.

Ein Pfarrer an Bord fragt den Kapitän:

„What about the women and children?“

Der Kapitän antwortet:

„Fuck the women and children!“

Sagt der Pfarrer:

„Yeah. But will there be time?“

Sie verstehen, der Witz dreht sich um die Doppelbedeutung des Ausdrucks „fuck the women and children“. Einerseits heißt das: „Scheiß’ auf die Frauen und Kinder“. Andererseits: „Fickt die Frauen und Kinder“. Und der Pfarrer — wir vermuten, ein Katholik, aber jeder andere würde die Witzfunktion ebensogut erfüllen — denkt hier natürlich an die päderastische Variante, und deswegen fragt er: „Schön und gut, aber werden wir noch genug Zeit haben dafür?“

Das ist doch ein eminent zeitgenössischer Witz, denn vor zehn oder 20 Jahren gab es bereits weltweit die Tatsache der kinderbetätschelnden Übergriffe in katholischen Werksbetrieben, aber kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, einen Pfarrer routinemäßig als Kinderschänder darzustellen. Das ist heute anders.

Aber wie ist das mit dem versinkenden Schiff — mit den Kindern, die hier ebenso routinemäßig den Wellen des Meeres geopfert werden? Das ist ein Element des Witzes, das soo neu ist, dass man es als zeitgenössische Zutat noch nicht einmal erkennt. Man glaubt, es sei ein Witz aus dem 19ten Jahrhundert. Oder aus dem frühen 20sten. Dampfer, Rettungsboote, Kapitän, Pfarrer. Schon das Personal wirkt veraltet.

Der Witz hat gewissermaßen noch keine moderne Form gefunden, um seinen Inhalt zu transportieren.

Und wenn er so anfinge: Ein afrikanischer Schlepperkahn mit 700 Menschen an Bord versinkt vor Lampedusa …

Dann könnte man den Rest der Geschichte nicht mehr weiter erzählen, weil dann der Witz schon im ersten Teil gestorben wäre.

Man könnte auch keinen Witz erzählen, der mit einer Zugankunft im KZ Theresienstadt beginnt. Das Orchester spielt Wagner. Aber die völlig verschmutzten Reisenden wollen zunächst einmal duschen. — Nein, das verbietet sich.

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John Cleese: „Muslime haben das Recht, ausgelacht zu werden“

John Cleese, Bild: rebellesociety.com
Muslime auszulachen ist in Ordnung: So sieht es Monty-Python-Mitglied John Cleese im SPIEGEL-Gespräch. Über den Propheten habe er sich allerdings nie lustig gemacht.


SpON

Der Islam ist nach Ansicht des britischen Komikers und Autors John Cleese ein gutes Thema für die Satire.

Cleese, 75, und die übrigen Mitglieder der legendären Gruppe Monty Python hatten in den Achtzigerjahren mit der Religionssatire „Das Leben des Brian“ Kontroversen unter Christen ausgelöst.

In einem SPIEGEL-Gespräch anlässlich seiner Autobiografie, die am Montag auf Deutsch erscheinen wird, sagte Cleese: „Muslime, die bei uns leben, sind Teil unserer Gesellschaft. Sie haben das Recht, ausgelacht zu werden.“ (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

Satire: „Vater, vergib ihnen“ – heult doch

Religiöse Rituale mögen seltsam anmuten, doch für Gläubige haben sie eine große Bedeutung. Deshalb kann Satire über Religion sehr verletzend sein Foto: flickr/Lawrence OP | CC BY-NC 2.0
Wenn Satire religiöse Menschen beleidigt, ist das Meinungsfreiheit. Mit Respekt hat es oft wenig zu tun. Eine ZDF-Sendung stellt die Frage: „Kann man Gott beleidigen?“, und zeigt, wie Gläubige damit umgehen können.


Von Jonathan Steinert|pro Medienmagazin

Die Fastenzeit hat begonnen und die Evangelische Kirche hat ihre Fastenaktion dieses Jahr unter das Motto gestellt „Sieben Wochen ohne Runtermachen“. Das lässt sich auch auf den Umgang mit Menschen anderen Glaubens beziehen. Die ZDF-Sendung „sonntags TV fürs Leben“ hat das zum Anlass genommen, danach zu fragen, was eigentlich Gotteslästerung ist und ob man Gott überhaupt beleidigen kann.

Das halbstündige Magazin schlägt einen Bogen von den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo über Religionskritik bei Karnevalsumzügen, psychlogische und rechtliche Fragen von Blasphemie bis hin zu einem christlich-islamischen Frauenkreis, in dem es um gegenseitiges Verständnis statt Verurteilung geht.

Dabei wird deutlich: Wenn Satire sich über Religion lustig macht, ist das Meinungsfreiheit. Menschen können sich davon sehr verletzt fühlen. Aber Gott kann man nicht beleidigen. Der Beitrag verdeutlicht auf differenzierte Weise die Spannung zwischen freier Meinungsäußerung und Respekt gegenüber Menschen mit anderen Moral- und Glaubensvorstellungen.

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Griechische Satire: Schäuble-Karikatur entlarvt Doppelmoral in der CDU

Diese Karikatur von Wolfgang Schäuble ist in der griechischen Syriza-Parteizeitung erschienen. Der Text lautet: „Die Verhandlung hat begonnen: Wir bestehen darauf, Seife aus eurem Fett zu machen … wir diskutieren nur über Düngemittel aus eurer Asche.“© Tassos Anastasiou/I Avgi/DPA
Eine griechische Karikatur von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble empört wegen Nazi-Anspielungen einige in der CDU. Vier Wochen nach „Charlie Hebdo“ zeigen sie eine bemerkenswerte Doppelmoral.


Von Thomas Krause|stern.de

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in Wehrmachtsuniform und mit Sprechblasen mit Bezug auf die Konzentrationslager der Nazis: Schäubles Sprecher Martin Jäger hat eine in der Parteizeitung der griechischen Regierungspartei „Syriza“ veröffentliche Karikatur des deutschen CDU-Politikers scharf kritisiert.

„Diese Karikatur ist widerwärtig. Und der Autor dieser Karikatur sollte sich schämen“, sagte Jäger am Freitag in Berlin. Es gelte das Prinzip der Meinungsfreiheit. „Ich nehme jetzt diese Meinungsfreiheit auch mal für mich persönlich in Anspruch.“

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Fastnacht und Religion schließen sich nicht aus

Karneval und Religion müssen sich nicht ausschließen, wenn sie gewisse Grenzen wahren, finden auch Vertreter der Kirche Foto: Flickr/barrabez_germany | CC BY-NC-SA 2.0
Sind Witze über Religionen überhaupt noch erlaubt? Experten aus Kirche und der Welt der Narren sagen: Auf jeden Fall! Doch es sollten gewisse Regeln eingehalten werden.


pro Medienmagazin

Ein Witz über den Papst? Warum nicht! Eine Bütt über den ungeheuerlichen, gewalttätigen Fanatismus in der Welt? Na klar! Witze über die Toten des Anschlags von Paris? Auf keinen Fall! Das meinen Experten der Faschingsszene und der Kirche. Religion und Humor müssten sich nicht ausschließen. „Warum sollte man nicht auch in einer Büttenrede Themen der Religion mit ansprechen?“, fragt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Es gelte jedoch, Gefühle von Menschen, die religiös und gläubig sind, nicht zu verletzen.

Das sieht auch der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, so. „Humor heißt ja, zu sich selbst auf Distanz gehen und auch mal über sich zu lachen und sich nicht so ernst zu nehmen.“ Deshalb seien Satire und Kritik auch über Religionen in Ordnung. „Ich wünsche mir, dass wir eine Art von Satire oder auch Humor haben, die andere Menschen nicht mies herabsetzt oder sie verletzt. Kritik muss immer sein, auch bissige, scharfe Kritik. Aber nicht, andere Menschen herabzusetzen.“

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Wahl Dodo des Monats Januar 2015

Dodo des Monats Januar 2015
Dodo des Monats Januar 2015

Das neue Jahr ist mit einer Fülle von obskuren, religiotischen und ewiggestrigen Verlautbarungen gestartet. Der Terroranschlag auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“, die Pegida-Demonstrationen, die Auspeitschung von Raif Badawi in Saudi-Arabien, verbunden mit dem Abgang des königlichen Monsters Abdullah.

In diesem Spektrum sammelten sich die statements. Es ging um Satire, Meinungsfreiheit, um die Glaubwürdigkeit der Medien und um verletzte religiöse Gefühle.

Hier sind die Kandidaten:

  1. Pastor Olaf Latzel, „findet das urbi et orbi des Pappas als ganz großen Mist.“
  2. Daniel Krause, „ist die Massentierhaltung emotional näher als der Holocaust.“
  3. Gebhard Fürst, „die religiösen Gefühle anderer sind zu achten.“
  4. Festkomitee Kölner Karneval, „zieht „Charlie Hebdo“ Karnevalwagen zurück.
  5. ORF, „Geisterstunde am Karfreitag ist rechtens.“
  6. Margot Käßmann, „suhlt sich im Narzissmus.“
  7. Bundessregierung, „im einseitigen Kampf gegen Genitalverstümmelung.“
  8. Christian Hillgruber, „will Paragrafen 166 verschärfen.“
  9. Andreas Laun, „bekannte Nazivergleiche, diesmal sind es Homosexuelle.“
  10. Markus Dröge, „sieht seinen Glauben verzerrt.“
  11. Julia Klöckner, „verharmlost den Hitlergruß.“
  12. Angela Merkel, „findet bei einem Monster Klugheit und Weitsicht.“
  13. Leeor Engländer, „fürchtet sich vor extremen Atheisten.“
  14. Heidi Mund, „PEGIDA und fundamentales Christentum.“
  15. Rüdiger Wulf, „Gefängnisse in Kirchenhand.“
  16. Werner Patzelt, „kennt seinen Forschungsgegenstand nicht.“
  17. Andrea Nahles, „fordert religiöse Agit-Prop-Stunden.“
  18. CDU-Fraktion Berliner Landtag, „gegen Welthumanistentag für Berliner Schüler.“
  19. Urusla von der Leyen, „Militärseelsorge ist fordernde Aufgabe.“
  20. Aldi-Süd, „Moschee-Seife und Gehorsam.“
  21. Bündnis90/DieGrünen, „keine Trennung von Staat und Kirche.“
  22. Micha Brumlik, „will weitere Vergottung des Unterrichts.“
  23. Papst Franz, „hat Probleme mit der Meinungsfreiheit.“

Die Wahl ist bis zum 07. Februar, 18:00 Uhr, befristet. Der Gewinner wird am folgenden Tag gewürdigt.

Viel Spaß!

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