Bundesanstalt empfiehlt Feng Shui


Feng ShuiEsoterische Vorstellungen dringen leider immer weiter auch in Behörden vor. Ein jüngstes Beispiel liefert die dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales unterstehende Bundesanstalt für Arbeitsschutz, die 2007 eine Broschüre mit dem Titel „Wohlbefinden im Büro – Arbeits- und Gesundheitsschutz bei der Büroarbeit“ veröffentlicht hat. Ab Seite 29 wird unter dem Titel „Die Energie fließen lassen! – Feng Shui im Büro“, der Einsatz der chinesischen Geomantie zur Verbesserung des Arbeitsumfeldes empfohlen. (GWUP)

Als konkrete Maßnahmen werden dort bestimmte Anordnungen von Büromöbeln empfohlen. So sollten sich z.B. zwei Mitarbeiter nicht direkt gegenübersitzen, Schreibische in der diagonal zur Tür liegenden Ecke und nicht direkt mit Blickrichtung zur Wand aufgestellt werden. Auch sollten Schreibtische spätestens zum Feierabend aufgeräumt oder Büros mit Pflanzen dekoriert werden. Für Diskussionen sollte man besser runde bzw. ovale Tische und für analytische und denkorientierte Aufgaben rechteckige Tische verwenden. Vermeiden sollte man spitze Kanten, welche in Richtung des Mitarbeiters zeigen und Kopie- und Faxgeräte in dessen Blickfeld. Auch die Architektur sei von Bedeutung, da nur rechteckige Räume geeignet seien.

Grund für die Wirksamkeit dieser Maßnahmen sei eine „universelle Lebensenergie“, das Chi, welches durch Feng Shui in positiver Weise manipuliert würde. Allerdings wird nicht erklärt, welcher Art diese „Energie“ sei. Zwar wird ausgeschlossen, dass es sich um bekannte Energieformen wie Elektromagnetismus handelt, jedoch mit dem Hinweis auf die von der Schulmedizin angeblich inzwischen weitgehend akzeptierte Akupunktur wird die Existenz und Wirkung von Chi als bestätigt angenommen.

Nun ist allerdings bisher keineswegs belegt, dass Akupunktur eine spezifische Wirkung hat, die über die einer Scheinakupunktur hinausgeht. Was möglicherweise eine Wirkung hat, ist also allenfalls eine „Nadelung“ im Allgemeinen. Die chinesische Chi-Lehre würde dadurch jedoch keineswegs bestätigt, sondern bliebe ein höchst unplausibles archaisches Lebenskraftkonzept. Solche Lebenskraftkonzepte wurden in den Biowissenschaften bereits Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben. Doch selbst wenn die Existenz einer Chi-„Energie“ bei Lebewesen belegbar wäre, so bliebe zu erklären, wie und warum diese im Bereich der Architektur und Raumgestaltung wirksam sein sollte. Zudem sind keinerlei wissenschaftliche Studien bekannt, welche eine positive Wirkung von Feng Shui nachweisen. Zwar wird gerne darauf verwiesen, dass es in der chinesischen Kultur mit Erfolg angewendet wurde. Allerdings wurde Feng Shui in seinem Ursprungsland nicht als wissenschaftlich begründetes Verfahren angesehen, sondern es handelt sich um einen Teilbereich der durch den Taoismus geprägten Volksreligion.

Feng Shui ist eine Glaubenslehre, resultierend aus dem in der chinesischen Tradition verwurzelten Ahnenkult. So wird die Position von geographischen Gegebenheiten und Gegenständen oder auch Gräbern der Vorfahren – ähnlich wie es in der Astrologie in Bezug auf Himmelskörper geschieht – genutzt, um Prognosen über zukünftige Ereignisse zu liefern. Sowohl im Falle der Astrologie wie auch des Feng Shui sind und bleiben diese Aussagen unbelegt. Die in der Broschüre geschilderten Beispiele für sinnvolle Bürogestaltung sind jedoch in der Regel nachvollziehbar, allerdings auch ohne Verweis auf alternative Erklärung gemäß den Feng Shui-Regeln.

So wirkt ein aufgeräumtes Büro, welches in ansprechender Weise durch Pflanzen drapiert wird, selbstverständlich entspannender und fördert die Arbeitsabläufe. Auch entsprechen die empfohlenen Positionen und Formen von Büromöbeln den schon lange bekannten Gestaltungsregeln. Selbstverständlich möchte man nicht gerne mit dem Gesicht zur Wand sitzen und auch nicht mit der Eingangstür im Rücken. Hier werden klassische Gestaltungsregeln als fernöstliche Weisheiten fehlinterpretiert. In der Broschüre wird auf Literatur zum Thema Bürogestaltung durch Feng Shui hingewiesen. Tatsächlich aber gibt es in der Feng Shui-Tradition diese Aufgabenstellung gar nicht. Büroeinrichtung war niemals Thema der klassischen Feng Shui-Literatur. Bei den empfohlenen Werken handelt es sich zumeist um westliche, esoterisch geprägte, individuelle Interpretationen des Themas. Viele der dort angegebenen Verfahren und Hilfsmittel sind keineswegs Bestandteil des chinesischen Originals, sondern moderne Erfindungen.

Die Empfehlung des Feng Shui in einer von einer Bundesanstalt herausgegebenen Broschüre bewegt sich somit zwischen „höchst fragwürdig“ und „skandalös“. Leider wird durch solche Exkurse in die Esoterik die Vertrauenswürdigkeit der Bundesanstalt beschädigt, weil die Unterscheidung zwischen wissenschaftlich begründeten Verfahren des Arbeitsschutzes und auf Aberglauben beruhenden verwischt wird. Es wäre bedauerlich, wenn als Ergebnis dieser Arbeit, Büroinhaber und Bauherren zu unnötigen Investitionen in wirkungslose Maßnahmen verleitet werden, statt ihr für Budget für wirklich positive Leistungen im Sinne des Arbeitsschutzes zu verwenden.

Die Broschüre der Bundesanstalt für Arbeitsschutz

Lasst uns die Schreibtische zu den Gräbern unserer Ahnen neigen, um die Zukunft vorhersehen zu können!

Die Regierung verlangt es!

16 Gedanken zu “Bundesanstalt empfiehlt Feng Shui

  1. Wird ein Künstler gefragt, warum der Goldene Schnitt harmonisch wirkt?
    Aber ein Feng Shui Meister soll erklären, warum seine Empfehlungen wirken. Das ist schon ein komische Logik.

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  2. „eine ideologie steckt hinter fast jedem Designkonzept“

    Also wirklich. Man muss kein Stalinist sein, um Küchen zu gestalten. Die Grundlage für Gestaltung ist Architektur und Kunst, nicht Ideologie, Esoterik oder Religion.

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  3. akrem

    „genau das ist doch der punkt. keiner hat was dagegen, dass arbeitsplätze angenehm gestaltet werden, aber eine esoterische ideologie als grundlage für diese gestaltung heranzuziehen, ist abzulehnen.“

    wie gesagt. eine ideologie steckt hinter fast jedem Designkonzept. und der übergang zwischen esotherisch und pragmatisch ist fließend

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  4. Solche Effekte am Arbeitsplatz nannte man vor nicht allzu langer Zeit, ergonomisch, zwischenzeitlich sind Räucherstäbchen, Edelsteine und grüner Tee dazugekommen, und irgendwo steht ein dicker, grinsender Mönch. Und der Effekt von dem ganzen ist ein Placebo.

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  5. „Esoterisch ist die Ideologie dahinter.“
    genau das ist doch der punkt. keiner hat was dagegen, dass arbeitsplätze angenehm gestaltet werden, aber eine esoterische ideologie als grundlage für diese gestaltung heranzuziehen, ist abzulehnen.
    feng shui baut darauf auf, dass irgendwelche esoterischen energien zwischen einrichtungsgegenständen und dem wohnraum fließen.
    könnte man zb auch einen katholischen priester holen und die bösen energien exorzieren lassen.

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  6. Pingback: Betrachtungen - Feng Shui wird zur Staatsnorm und Bürgerpflicht | DER MISANTHROP

  7. akrem

    @nickpol. ich weiss nicht ob es einen beleg gibt. aber ich denke, das ALLES was du siehst und hörst und riechst deinen Verstand beeinflusst. sowohl bewusst als auch unbewusst. muss ich dir das beweisen?

    wenn du durch eine heruntergekommene straße, mit brennendden mülltonnen und kaputten Fensterscheiben läufst, fühlst du dich dann wohl? denkst du das dein Wohlbefinden und deine Einschätzung dieses Umfeldes deine Reaktionen auf bestimmte Situationen beeinflusst?

    so wie alles was du an diesem Umfeld änderst, das Befinden und auch das Verhalten der Personen ändert die es umgibt, so hat Feng Shui wahrscheinlich auch einen Effekt. Da ist an sich noch nichts Esoterisches dran. Dies macht sich jedes Kaufhaus zu nutzen.

    Esoterisch ist die Ideologie dahinter. Aber Designkonzepte sind selten nicht Esoterisch. Schon die Idee die hinter einem alltäglichen deutschen Verkehrsschild steckt klingt für den Leihen wie Akupunktur.

    Ein auf die Spitze gestelltes Dreieck soll instabilität suggerieren während eine Blaue Fläche Stillstand oder Langsamkeit vermitteln sollen.

    Das geht häufig bis ins Absurde. Und Feng Shui hatte wahrscheinlich Tausende von jahren Zeit um zu einem unvorstellbar hohem Grad der Absurdität zu entwickeln. Noch dazu basiert sie auf Mythen und Geistervorstellungen. Das bedeutet aber nicht das Feng Shui letztendlich keinen Effekt hat.

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  8. Sirius

    Kann ja sein, dass mache Ratschläge aus Feng-Shui wirklich dazu geeignet sind, das Wohlbefinden des Menschen zu erhöhen. Schließlich ist das Feng-Shui ja auch von Menschen erfunden worden. Vermutlich braucht man für solche Erkenntnisse aber gar keine fernöstlichen Weisheiten, sondern nur ein paar Kentnisse über die menschliche Psychologie!

    Ich kann mich daran errinern, dass vor einiger Zeit so ’ne chinesische Feng-Shui-Tante im Radio empfohlen hat, dass man blaue Bändchen an die Außenspiegel des Autos binden soll – zur Entschärfung des „Raubtiercharakters“ von Autos und somit zur Erhöhung des Wohlbefindens der Insassen und Passanten.

    Bei solchen Ideen und Geschwafel über eine geheimnisvolle Energie hört für mich der Spaß dann aber wirklich auf!

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  9. @akrem, komm zur Sache, bevor wir unsere Diskussion vertiefen, wo ist Feng Shui Gesetz, wissenschaftlich bewiesen. Was verstehst du unter subtilen Gesetzen? Wie sind die Wirkungen dieser Gesetze beschrieben und wo, belegbar.

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  10. akrem

    du musst schon zwischen Design und Kunst unterscheiden.

    Design ist Funktion. Wenn auch die effektivität des Designs von der Zielperson abhängt.

    also, um zum thema zurück zu kommen. Feng Shui ist empfehlenswert, genauso wie ein Innenarchitekt beinhaltet aber keinerlei Magie oder ähnliches…

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  11. Wir sollten erst einmal die Kategorien klar machen. Feng Shui ist kein Gesetz, im wissenschaftlichen Sinne. Das sind subjektive Empfindungen, Design hat etwas mit Geschmack zu tun, darüber lässt sich nicht streiten. Ich kenn Menschen die lieben ihre intellektuelle Unordnung und fühlen sich wohl dabei. Das ist aber hier nicht gemeint, hier geht es um Kohle, erkauft mit nichtbewiesenen Dingen.
    Deine subjektiven Empfindungen sind andere als meine, ich nehme ein Prospekt gar nicht erst in die Hand, das geht schon gleich mal in den Müll, wenn es schon bis auf meinen Schreibtisch gekommen ist.

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  12. akrem

    ich bin der festen Überzeugung details in der Einrichtung und Gestalltung eines Zimmers, auf das Befinden oder das Verhalten der sich darin befindenden Personen einfluss haben. dafür würde ich jedoch nicht eine geheimnissvolle magische Energie verantwortlich machen, sondern einfach das Konzept hinter dem Wort „Design“. wichtig für ein Design ist ein Konzept. es müssen bestimmte Seitenverhältnisse eingehalten werden, bestimmte Farben verwendet werden und so weiter…

    diese subtilen gesetze, und viele weitere die man sich (so esoterisch es auch klingen mag) auch selbst ausdenken kann. man nimmt sie unbewusst wahr und sie vermitteln einem unter umständen Ordnung oder Quallität. diese dinge können entscheiden ob ich ein Prospekt weg lege oder weiter blättere.

    Feng Shui ist nicht mehr und nicht weniger als eine reihe von Gesetzen die durchaus dazu führen können das ich mich in meinem Büro wohlfühlen kann, ob ich gen Feierabend das Gefühl habe, ich sollte meinen Schreibtisch aufräumen oder ob ich in dieser Umgebung kreativ sein kann.

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  13. Pingback: AAAAAAAAAAAAAaaaaaargh!

  14. Ist das gesichert, das es sich dabei um eine Bundesbehörde handelt, wenn ja ist es für mich absolut neu, dass der Bund eigene Klapsmühlen hat.
    Scharfe Kanten und Ecken an Möbeln sind generell zu vermeiden, aber wahrscheinlich stört das dann, wenn nach dem kollektiven Om in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz von levitieren wieder auf Schwerkraft umgeschaltet wird, dann kan man sich die Patengeschenke ganz schön verbeulen. 👿
    Betteln die um den Dodo? Andreas sag was!

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