Warum Dawkins nicht Unrecht hat

Was die elementaren Frage – ob Evolution oder Schöpfung – angeht, kommt die Evolutionstheorie im Vergleich zur Schöpfung mit weniger Unbekannten aus. Langthaler vertritt mit Thomas von Aquin die Überzeugung, dass Schöpfung die Voraussetzung von Evolution sei. (vgl. S. 416) Die Position Langthalers zu bestimmen ist teils schwierig, wenn er sich (lediglich in einer Anmerkung!) mit K. Jaspers sehr aufgeklärt gibt, welcher Weltschöpfung durch Gott als Symbol und nicht als Wissen sieht.

Von Ockham

Langthaler versucht sich somit einen seriösen Anstrich zu verpassen. Er weist ausserdem auf Kreationistische Ansichten hin, die Lücken in den Erklärungen der „letzten Fragen“ mit Gott füllen. „Weder eine methodisch besonnene Naturwissenschaft, noch kritische Philosophie und auch keine ernsthafte Theologie würden sich bezüglich der offenen Fragen in eine „faule Vernunft“ hineinflüchten.“ (S. 498) Doch genau in diese faule Vernunft flüchtet sich Langthaler durch sein Festhalten an der Schöpfung.
Es gibt gute Gründe dafür, dass die moderne Kosmologie den Urknall oder das, was ihn erzeugt hat, letztlich nicht zu erklären vermag. Ein Schöpfungsglaube hilft da auch nicht weiter. (Quelle: Glaube und Denken: Jahrbuch der Karl-Heim-Gesellschaft. 26. Jahrgang 2013; Nichts, Urknall oder Gott?; Rüdiger Vaas; S. 65)
Langthalers Vorgehensweisen ist eine „Spielart“ des Kreationismus. Kreationisten stellen den Stand der Evolutionsbiologie systematisch falsch dar, zudem wird deren Wissenschaftlichkeit zu Unrecht in Frage gestellt: Langthaler verweist auf R. Spaemann, für den die moderne Naturwissenschaft ausschließlich Bedingungsforschung ist. (S. 73) Ebenso wird angemerkt, man solle Evolution als Bedingungsforschung genau nehmen. (vgl. S. 433) Paul Tillich vertritt z. B. die These, dass Gott unbedingt ist, aber das Unbedingte nicht Gott ist. Die Theologie versucht das Unbedingte zu retten, indem sie die Wissenschaft als Bedingungsforschung bezeichnet. Nietzsches Kritik am Unbedingten besagt, dass es nicht erkannt werden kann, sonst wäre es eben nicht unbedingt. (Quelle: Unbedingte, das; Historisches Wörterbuch der Philosophie; Joachim Ritter, Karlfried Gründer u. Gottfried Gabriel; Sonderdruck aus Band 11: U-V; S. 108-111)
Langthaler bezeichnet die Aussage von H. Mynarek: „Darwinismus und Neodarwinismus können nicht als Wissenschaft gelten, weil sie die grundlegenden Kriterien der Wissenschaft nicht erfüllen: Beobachtung, experimentelle Wiederholbarkeit /Reproduzierbarkeit, Überprüfbarkeit (Mynarek 2010, 118)“ als schwer nachvollziehbar. Er merkt dazu lediglich an, dass z. B. Papst Benedikt XVI. und Kardinal Schönborn der Evolutionstheorie als einer naturwissenschaftlichen Theorie näher stehen als Mynarek. (vgl. S. 284)
Der Aussage Mynareks kann ergänzend folgendes entgegnet werden:
Jüngere Autoren haben sich gegen die engen Grenzen der Erklärung (mittels kausaler Gesetze) von klassischen Wissenschaftsphilosophen gewandt. Auf vergangene evolutionäre Ereignisse lässt sich die experimentelle Methode nicht anwenden, daher konstruiert der Biologe eine historische Darstellung (historical narrative), indem er Rückschlüsse zieht: Der Biologe muß alle bekannten Tatsachen zu einem bestimmten Problem untersuchen, alle möglichen Folgen aus den rekonstruierten Faktorenkonstellationen erschließen und dann versuchen, ein Szenario zu entwickeln, das die beobachteten Tatsachen dieses besonderen Falles erklären würde. Natürlich kann man niemals kategorisch beweisen, daß eine historische Darstellung „wahr“ ist. (Quelle: Das ist Biologie, Ernst Mayr, 2000, vgl. S. 99)
Außerdem muss richtiggestellt werden, dass aus dem Mangel an Belegen zugunsten einer Theorie nicht geschlossen werden kann, sie sei falsch. Plausibel wäre es, positive Befunde gegen die Evolutionstheorie anzubringen. (Quelle: Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus; Martin Neukamm; vgl. S. 306) Dies findet bei Langthaler allerdings nicht statt.

Offene Detailfragen über den Ablauf und die Triebkräfte der Evolution sind der Antrieb der Evolutionsforschung. Der Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass eine Haltung des Abwartens, gepaart mit Neugierde und begleitet mit der Zuversicht, dass Forschung in der Zukunft noch mehr Aufschluss geben werden, vernünftig ist. Zum Schreibstil des Buches ist anzumerken, dass es stellenweise aufgrund ellenlanger, komplizierter und verworrener Sätze schwer zu lesen ist. Die Fülle der Anmerkungen bremst den Lesefluss. Ein Stichwortverzeichnis fehlt.

Die Kritik Langthalers an der Schöpfungsvorstellung Dawkins ergibt sich vornehmlich durch den unpassenden deutschen Titel von Dawkins Buch „Die Schöpfungslüge“, welches im englischen Original den Titel „The Greatest Show on Earth: The Evidence for Evolution“ trägt. Über den deutschen Titel war Dawkins unglücklich, da sich das Buch ausdrücklich nicht gegen die Religion richten sollte.
Schöpfung sei kein „innerzeitlicher Vorgang“ und folglich auch nicht kosmologisch datierbar bzw. messbar. (vgl. S. 409) Weiter ist zu lesen: Die von J. Eccles gestellte Frage: „Liegt das Rätsel der Schöpfung für immer jenseits aller Erklärung?“ sei eindeutig mit Kant zu bejahen, der erklärt: „wo alles Naturgesetz aufhört auch aller Erklärung aufhören muss“. (vlg. S. 418) Dieser Schluss ist geschickt, denn dadurch scheint Schöpfung nicht angreifbar, da sie naturwissenschaftlich nicht „greifbar“ ist.

Es geht Langthaler darum herauszuarbeiten, wie theologische bzw. philosophische Ansätze zum Thema Vernunft, Bewusstsein, Moral, Schöpfung, Teleologie, Gottesbeweise, Offenbarung, Dreieinigkeit und Wunder „richtig“ zu verstehen sind. Weitere Themen sind Platons Essentialismus; das Gotteszentrum im Gehirn; Deszendenz-Theorie; Ignorabismus; Phänomenologie; Kausal- und Finalnexus; Positivismus; Naturalismus; Anthropisches Prinzip; Multiversentheorie; Urknalltheorie; Noma-Prinzip; Szientismus; Altruismus; Phänomenologie; das Nichts.

Richtig stellt Langthaler fest, dass mit der Memetik kulturelle Phänomene in biologische Begriffe gedeutet werden sollen. (vgl. S. 143)
M. E. Kronfeldner bringt es allerdings besser auf den Punkt: Dawkins hat betont (1982a: 112), dass der Wert der Analogie (Mem zu Gen) gar nicht in der Erklärung von Kultur liege. Die Analogie könne aber helfen, das Wirken der natürlichen Selektion (auf der Basis von Replikatoren) besser zu verstehen. Die Memtheorie bietet nichts Neues, um die damit verbundenen ontologischen Fragen über den Status der postulierten ideellen Einheiten zu klären, und tritt nicht als Alternative zu den detaillierten Erklärungen, wie soziales Lernen funktioniert, auf, und ist somit auch explanatorisch trivial. Entweder wird nichts weiter behauptet, als dass Menschen aus diesen oder jenen Gründen bzw. Ursachen bestimmte Meme übernehmen, oder die „survival of the fittest meme-„Erklärungen werden tautologisch, weil die Rolle des Geistes als selektive Umwelt ignoriert wird.
(Quelle: Meme, Meme, Meme: Darwins Erbe und die Kultur, M. E. Kronfeldner, vgl. S. 13 f.)

Langthaler wirft Dawkins vor, er gebe sich durch ein Zitat von A. Einstein religiös-metaphysisch begabt:
„Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in Ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinne, und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen“. (S. 472)
Einstein sagte auch: „Was Sie über meine religiösen Überzeugungen lesen ist natürlich eine Lüge, und zwar eine, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und habe das auch nie verhehlt, sondern immer klar zum Ausdruck gebracht.“ Das zweite Zitat Einsteins findet sich auch in Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ (S. 27), was Langthaler verschweigt.
Einstein Antwortete dem Rabbiner Herbert S. Goldstein, dass er an Spinozas Gott glaube, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart. (Quelle 1, vgl. S. 31) Obgleich Einstein keine Mystik, keinen religiösen Kult und sogar keinen persönlichen Gott, der „sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, anerkannte, wäre es ein Irrtum, ihn einen Atheisten zu nennen, wie es Kardinal O’Connell getan hat. (Quelle 1: Einstein und die Religion, Max Jammer, 1995, S. 54)

Des Weiteren verkenne Dawkins naturteleologische Betrachtungsperspektiven. (S. 502)
Die Zweckmäßigkeit natürlicher Organismen, Strukturen und Systeme kann die Biologie auch erklären, ohne auf zwecksetzende Instanzen zurückgreifen zu müssen.
Da im Naturalismus alles mit rechten Dingen zugeht, sei eine teleologische Konzeption sogar notwendig. (S. 190) Damit bläst Langthaler in dasselbe Horn wie Thomas Nagel, wenn er auf dessen kontrovers diskutiertes Buch „Geist und Kosmos“ hinweist. Nagel versucht dem Kosmos Zielgerichtetheit zu unterstellen, die er gar nicht besitzt. (Quelle: Geist und Kosmos, vgl. S. 176)

Dass laut Kant Moral unumgänglich zu Gott führe, muss allerdings auch von der anderen Seite aus betrachtet werden. (S. 332) Überzeugungen können leicht als „Brandbeschleuniger“ in einen fanatischen Idealismus ausarten. Hierbei werden Menschen von hehren Idealen motiviert, böse Taten zu begehen, um die Welt vermeintlich zu verbessern, weil Gott „das Gute“ angeblich befiehlt. Beispiel hierfür sind die Kreuzzüge oder der Deißigjährige Krieg (es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es in vielen Kriegen um Macht, Einfluss, Reichtum, Bodenschätze oder um territoriale Kämpfe geht). Trotzdem hat sich Religion als Kraft erwiesen, die Menschen außerordentlich gut zu spalten und gegeneinander aufzubringen. (Quelle: Vom Bösen; Roy F. Baumeister; S. 203 ff.)

Anscheinend hält Langthaler nicht viel von einer evolutionären Ethik, wenn er schreibt, eine Ethik ließe sich nicht aus der Evolution ableiten. (S. 124)
Die evolutionäre Ethik bietet einen fruchtbaren und humanen Ansatz zum Verständnis moralischen Verhaltens von Menschen. Bei der komplizierten Frage, inwieweit bestimmte Verhaltensstrukturen genetisch oder kulturell bedingt sind, ist große Sorgfalt geboten. (Quelle: Potential und Grenzen einer evolutionären Ethik; Eckart Arnold)
Obgleich es keine eigenständige evolutionäre Ethik geben kann, ist eine Auseinandersetzung mit ihr dennoch sinnvoll, weil sie zu der grundlegenden Frage führt, inwiefern organische Evolution und kulturelle Geschichte Gemeinsamkeiten besitzen. (Quelle: Unmöglichkeit einer Evolutionären Ethik und die Möglichkeit einer Historischen Ethik; Werner Loh)

Langthaler argumentiert mit Dostojewski: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.“ (S. 352) Dieses Argument wird von dem Historiker Lukas Mihr in seinem Artikel „Ohne Gott ist alles erlaubt? – Zahlen“ entkräftet bzw. relativiert.

Zum Theodizeeproblem (warum es Leid gibt, wenn Gott doch allgütig, allmächtig und allwissend sein soll) unterliegt Langthaler einem Zirkelschluss: „Wie Hiob wissen wir die Antwort auf Leid nicht, wir haben nur eine Antwort bekommen, die Gott selber gegeben hat.“ (S. 290) Programm ist auch, von dem Problem abzulenken: „Niemand wird das Theodizee-Problem übersehen, wegreden oder theologisch glätten wollen, aber für Mem-Gesteuerte ‚Überlebensmaschinen‘ gibt es diese Probleme ohnehin nicht.“ (S. 290) Es wäre eine intellektuelle Zumutung auf das Theodizeeproblem eine Antwort geben zu wollen. So kommt es nicht von ungefähr, wenn Langthaler am „Fels des Atheismus“ vorbei schippert, um nicht Schiffbruch zu erleiden.
Er hätte sich viel Empörung sparen können, wenn er den Ausdruck Überlebensmaschine statt moralisch wertend als Metapher (aus der Sicht eines Gens) verstanden hätte.

Langthaler argumentiert mit Max Planck, nach dem sich Religion und Naturwissenschaft nicht ausschlössen, sondern einander sogar ergänzen und bedingen würden. (S. 274)
Vom Liberalitätsgrad der betrachteten Einzelreligion hängt es ab, wie die Kompetenzabgrenzung aussieht bzw. welche und wie viele Konflikte mit dem Bestand wohl bestätigter wissenschaftlicher Erkenntnis bestehen. Selbst religiöse Wissenschaftler wissen, dass die Wissenschaft naturalistisch ist. Mit dem Glauben an Übernatürliches ist Beliebiges möglich, deshalb halten sie ihren Glauben lieber aus der Wissenschaft heraus. Wer als Minimalannahme einen weltimmanenten Naturalismus akzeptiert, die Vorstellung von einer Übernatur aber trotzdem nicht aufgeben will, dem bleibt nur noch ein philosophischer Deismus übrig. (Quelle: Über die Natur der Dinge; Mario Bunge; Martin Mahner; vgl. S. 220, S. 225, S. 226) Der Deismus bringt das Göttliche mit dem Ursprung des Universums in Verbindung, ein weiteres Eingreifen Gottes wird jedoch bestritten.

Leibniz Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, könne nicht als naturwissenschaftlich zu beantwortende Frage gelten. (S. 387) Der kritische Rationalismus ersetzt den Abbruch das Rückschreitens ins Unendliche (infiniter Regress) mittels Dogma durch eine Hypothese, die so lange vertreten wird, bis man etwas besseres weiss. (Quelle: Scilog; Warum ist eigentlich etwas und nicht einfach nichts?; J. Honerkamp)

Langthaler wirft Dawkins die intellektuelle und kulturelle Zerstörung der Religion vor. Es sei eine unerfreuliche Eigenschaft, die er mit anderen Fundamentalisten teile. (S. 454) Dieses Ressentiment zeigt Langthalers Ohnmacht. Überdies ist der Fundamentalismusvorwurf hier wenig hilfreich, da der Begriff aufgrund seiner definitorischen Bedeutung am Ziel vorbei geht. (Quelle: Neuer Atheismus wissenschaftlich betrachtet; S. 28; Albert J.J. Anglberger; Paul Weingartner)

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Carolin Emcke: Optimismus gegen Fanatismus

Carolin Emcke (Mitte) erhält den Friedenspreis von Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. OB Peter Feldmann (links) applaudiert dazu. Foto: rtr
Carolin Emcke (Mitte) erhält den Friedenspreis von Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. OB Peter Feldmann (links) applaudiert dazu. Foto: rtr
Die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke erhält für ihre schwungvolle und von einem verblüffenden Optimismus getragenen Dankesrede in der Paulskirche viel Szenenapplaus.
 

Von Judith von Sternburg | Frankfurter Rundschau

Seit 1982 (George Kennan), seit sie 15 ist, guckte Carolin Emcke, die Verleihung des Friedenspreises im Fernsehen, und zwar aus familienfernsehenchoreografischen Gründen vom Teppich aus. In den ersten dreizehn Jahren sah sie sich Männer an, Preisträger und Laudatoren. Seit 2010 (David Grossman) sitzt sie im Publikum in der Frankfurter Paulskirche. Noch im vergangenen Jahr (Navid Kermani) tummelte sie sich nach eigenem Bekunden mit einem Freund nachts im Hotel Frankfurter Hof, um in die Tischordnung für das Festessen einzugreifen. Peinlicherweise seien sie erwischt worden.

„Wow, so sieht es also aus dieser Perspektive aus“, sagte sie jetzt in ihrer Dankesrede „Anfangen“ als (neunte) Trägerin des Friedenspreises 2016 und übersprang damit nicht nur freundlich und munter die üblichen zeremoniellen Begrüßungen, sondern legte auch die Fährte für ihre Rede aus. Eine echte Emcke-Rede, aus auch sehr persönlicher Emcke-Perspektive, die Moral und Vernunft, Individualität und Rückschlüsse auf die Gesellschaft immer zusammenbringt. Und ein Teil dieser Perspektive ist unbedingt der Perspektivwechsel.

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Denkmal für Moses Mendelssohn

Micha Ullmans Gedenkplatte für Moses Mendelssohn. © Gregor Zielke
Am Dienstag wurde in Berlin-Mitte zwischen Spandauer Straße und Karl-Liebknecht-Straße ein Denkmal für Moses Mendelssohn (1729–1786) eingeweiht. Die Stadt ehrt damit den jüdischen Philosophen und Fabrikanten, der als Wegbereiter der Haskala, der jüdischen Aufklärung, gilt. Es ist das erste Denkmal für Moses Mendelssohn in der Stadt.

Von Katharina Schmidt-Hirschfelder | Jüdische Allgemeine

Er habe damals das angelegt, »worauf wir heute stolz sein können – eine weltoffene, tolerante Stadt«, würdigte Kulturstaatssekretär Tim Renner den berühmten jüdischen Aufklärer. Dabei erinnerte Renner daran, dass Mendelssohn seinerzeit als »Bildungsmigrant mit Duldungsstatus« nach Berlin gekommen sei. »Das sollte uns heute zu denken geben«, sagte Renner.

Mit einer Bodenskulptur erinnert der israelische Künstler Micha Ullman an das historische Wohnhaus, in dem Moses Mendelssohn mit seiner Frau Fromet seit 1762 lebte.

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„Religion ist Revolte aus der Perspektive der Freiheit“

Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler)
Der Zweifel an der Endlichkeit ist der Kerngedanke von Religion. So die Kernthese von Volker Ladenthin. „Religion revoltiert gegen die Auffassung, unser menschengemachtes Leben sei das endgültige Leben“, sagte der Bonner Erziehungswissenschaftler im Deutschlandfunk. In diesem Sinne sei das Religiöse in jedem Menschen verankert.
 

Volker Ladenthin im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Volker Ladenthin ist Professor für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn. Er unterscheidet Religion von Konfessionen. Wenn Konfessionen den Zweifel zurückdrängen wollen, sind sie nicht mehr Religion, sondern Ideologie. Denn: Ohne Zweifel keine Religion. Konfessionen können aus vielen Gründen „unreligiös“ werden. „Wenn Konfessionen glauben, uns Regeln geben zu können, wie wir politischen Alltag gestalten, dann werden sie übergriffig“, so Ladenthin im Deutschlandfunk.

Andreas Main: Volker Ladenthin ist  Professor für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn. Er hat ein kleines Buch geschrieben, mit dem Titel „Zweifeln, nicht verzweifeln! Warum wir Religion brauchen.“ Es ist keinesfalls ein Bekenntnisbuch – aber auch keine wissenschaftliche Studie. Eher ein Essay. Ladenthin schreibt dieses Buch als Bürger, als Erziehungswissenschaftler, als Vater. Nicht als Theologe oder Religionswissenschaftler. Womöglich eine Perspektive, die neu ist und überrascht. Das wollen wir jetzt überprüfen im Gespräch mit dem Autor, der uns in Bonn zugeschaltet ist. Guten Morgen, Herr Ladenthin.

Volker Ladenthin: Guten Morgen, Herr Main.

Main: Ich nehme den Untertitel Ihres Buches auf, packe den Stier bei den Hörnern und frage Sie ganz direkt, weil wir dann beim Kern dessen sind, worüber Sie nachdenken: Warum, Herr Ladenthin, warum brauchen wir Religion?

Ladenthin: Wir brauchen Religion als Bewusstsein über Religion, weil wir immer schon in Religion sind. Wir handeln schon immer unter Voraussetzungen, die nicht die Voraussetzungen unserer Vernunft sind, sondern die den Glauben an unsere Vernunft ausmachen. Insofern brauchen wir Religion, weil wir immer schon in ihr sind.

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Aufklärung macht Arbeit

Vor dreißig Jahren erschien in Frankreich der bahnbrechende Essay „Die Niederlage des Denkens“. Darin warnte der Philosoph Alain Finkielkraut vor einer Nationalisierung der Werte und warb für mehr Universalismus. Eine Wiedervorlage zur Flüchtlingskrise

Von Tilman Krause | DIE WELT

Wo einer herkommt, ist natürlich immer interessant. Aber wo einer hingeht, kann auch ganz aufschlussreich sein. Wenn er denn hingeht, weggeht. Wenn er sich aus vorbewussten Prägungen befreit. Wenn er denn das Unwissen oder um mit Kant zu sprechen: die Unmündigkeit hinter sich lässt und zu einem autonomen Individuum wird. Denn das ist ja beileibe nicht selbstverständlich.

Vieles hindert einen heute an dieser Arbeit am eigenen Ich. Die Macht der Religionen oder antidemokratische Regime spielen dabei zumindest in unseren Breiten keine übermäßig große Rolle mehr. Aber auch die Spaßgesellschaft setzt andere Prioritäten und legt vor allem darauf Wert, dass wir konsumieren. Und das turbokapitalistische Zeitalter der Globalisierung, in das wir eingetreten sind, bevorzugt ebenfalls ein Menschenbild, in dem das autonome Individuum, um es vorsichtig zu sagen, nicht geradezu ein Wunschkind darstellt. Mobilität und Verfügbarkeit sind wichtiger.

Gegner des Autonomiepostulats können sich dabei auf allerhand antiaufklärerische Strömungen berufen, die bisweilen weit in die Geschichte zurückgehen. Sie zu kennen, kann daher nicht von Nachteil sein, wenn man Werte wie Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit auf seine Fahnen schreibt.

Das mag sich auch Alain Finkielkraut gedacht haben, als er vor dreißig Jahren seinem französischen Publikum mit der Studie „Die Niederlage des Denkens“ eine geistesgeschichtliche Spurensuche vorlegte, die sich gewaschen hatte. Gewaschen deshalb, weil sich der Autor, der schon damals zu den bekanntesten „neuen Philosophen“ zählte, die seit Ende der Siebzigerjahre die marxistischen Meisterdenker abzulösen begannen, sich mit so ziemlich allen damals in Kurs stehenden publizistischen Lagern anlegte.

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Bewusstseinsschärfung statt direkte Problemlösung

Der Physiker und Technikphilosoph Klaus Kornwachs (geb. 1947) lehrte und lehrt an verschiedenen deutschen und internationalen Universitäten und ist heutzutage vor allem publizistisch und als Berater tätig. Bekannte Werke von ihm sind die „Philosophie für Ingenieure“, die „Strukturen technologischen Wissens“ und eine Schrift zur Theorie der Offenen Systeme. 2013 erschien sein Buch „Philosophie der Technik – Eine Einführung“. Er glaubt, dass „vermutlich gar nichts“ passieren würde, „wenn wir durch einen Zufallsgenerator einfach ein Drittel der wissenschaftlichen Publikationen streichen“.

Von Reinhard Jellen | TELEPOLIS

Herr Kornwachs, haben Technik und Wissenschaft Probleme erzeugt, die sie selbst gar nicht mehr lösen können – und kann die Philosophie bei ihrer Lösung helfen?

Klaus Kornwachs: Zunächst einmal geht es um das Verhältnis von Wissenschaft und Technik: Technik hat mit Handeln und Wissenschaft mit Wissen zu tun, aber die Grenzen zwischen Wissenschaft und Technik verschwinden immer mehr.

Nun wurden Probleme geschaffen, die Folgen bestimmter Technologien (also nicht ursprünglich gesellschaftlicher Natur) sind, die aber nachher, wie sich herausstellt, eine erhebliche gesellschaftliche Wirkung besitzen. Diese gesellschaftliche Wirkung kann wiederum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein.

Wenn wir nun im Zusammenhang mit der ganzen Umwelt- und Klimaproblematik oder der Veränderung der Strukturen in der Gesellschaft und Arbeitswelt an die Philosophie denken: Natürlich kann die Philosophie einerseits Wissenschaften und die Auswirkungen der Technik analysieren, andererseits ist Philosophie selbst keine Wissenschaft. Wissenschaft, hat Heidegger einmal gesagt, denkt nicht.

Das heißt, die Wissenschaft selbst – denken wir aktuell zum Beispiel an die Theorien zur Nutzung von Big Data – hat nicht ihren Problem-Fokus in den strukturellen und geistigen Veränderungen, die sie bewirkt. Diesen Fragen kann sich wiederum die Philosophie stellen. Sie kann wahrscheinlich nicht direkt zu einer Problemlösung beitragen, aber sie kann die Fragen und das Bewusstsein schärfen und trägt damit mittelbar zur Lösung bei.

Die technologische Entwicklung hat mittlerweile Folgen, welche den Menschen Tausende von Jahren betreffen können. Wie hat sich diese Verselbständigung von Wissenschaft und Technik ergeben?

Klaus Kornwachs: Dass Wissenschaft und Technik sich verselbstständigt hätten, ist selbst schon eine philosophische oder gesellschaftstheoretische These, der ich in dieser Form widersprechen möchte: Haben sich Wissenschaft und Technik tatsächlich verselbstständigt oder haben wir nicht zugelassen, also Institutionen und Regeln geschaffen, dass sie das tun können? Seit dem Aufstieg der wissenschaftlichen Methode bei Galilei hält man etwas fest, analysiert es und gibt sich dadurch Regeln, wie man wissenschaftlich vorgeht.

Dies sind nicht nur methodische Regeln, sondern auch institutionelle Regeln, die dann der Stabilisierung des Wissenschaftssystems dienen. Dies wird zum Teil als Verselbständigung interpretiert. Wenn heute in der Wissenschaft gilt, veröffentliche oder gehe unter, dann wird das als reiner Zwang und Verselbständigung interpretiert – aber dabei wird unterschlagen, dass Menschen dafür verantwortlich sind, dass diese und keine anderen Regeln durchgesetzt worden sind. Regeln und das, was Menschen wollen – all das kann sich wandeln.

Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass ab einem gewissen Punkt sogar eine Sättigung in Sachen Wissenschaft eintreten könnte, denn wirklich ganz neue Erkenntnisse zu gewinnen, wird immer aufwändiger. Was würde denn passieren, wenn wir durch einen Zufallsgenerator einfach ein Drittel der wissenschaftlichen Publikationen streichen würden? Vermutlich gar nichts.

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Als die Aufklärung begann

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Wie eine Zeit nach der Aufklärung sich die Zeit vor der Aufklärung vorstellte: Wanderer am Weltrand in einem populärwissenschaftlichen Werk von 1888.
In einem Doppelband des «Grundrisses der Geschichte der Philosophie» wird die Geistesbewegung der Aufklärung in Mittel-, Nord- und Osteuropa in einem eindrucksvollen Panorama vor Augen geführt.

Von Ulrich Kronauer | Neue Zürcher Zeitung

Im Schwabe-Verlag in Basel erscheint, in solides Leinen gewandet, das philosophiehistorische Standardwerk in deutscher Sprache, der «Grundriss der Geschichte der Philosophie». Es knüpft schon mit dem Titel an die Tradition des im 19. Jahrhundert von Friedrich Ueberweg realisierten Projekts einer Darstellung der gesamten Philosophiegeschichte an. Von dem neuen, von Helmut Holzhey herausgegebenen «Grundriss», der auf vierzig Bände angelegt ist und der damit alle bisherigen Auflagen und Bearbeitungen des «Ueberweg» an Umfang weit übertrifft, ist mehr als ein Viertel erschienen. Der Philosophie des 18. Jahrhunderts ist eine eigene Abteilung gewidmet, die fünf Bände umfasst und inzwischen vollständig vorliegt.

Vernunft und Toleranz

Helmut Holzhey und Vilem Mudroch haben den fünften Band dieser Abteilung herausgegeben, der aus zwei umfangreichen Halbbänden besteht und in dem die Philosophie in Mittel-, Nord- und Osteuropa behandelt wird oder, genauer, in dem noch bis 1806 formell bestehenden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in der Schweiz, in Skandinavien, Polen, dem Königreich Ungarn und Russland.

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Abdel-Samad plädiert für «Islam light»

Hamed Abdel-Samad, Bild: bb
Hamed Abdel-Samad, Bild: bb

Ägyptisch-deutscher Publizist: Es komme darauf an, ein Mittelmaß zu finden. In einer modernen Gesellschaft sei es unmöglich, Religion so zu leben, wie das über Jahrhunderte der Fall gewesen sei.

kath.net

Der ägyptisch-deutsche Publizist Hamed Abdel-Samad (44) hat sich für eine Art «Islam light» ausgesprochen. Dazu gehöre eine gewisse Distanz zum eigenen Glauben, führt er in der Rubrik «Glaubensbekenntnis» der «Süddeutschen Zeitung» (Wochenende) aus. Damit wolle er nicht die Menschen, die jetzt nach Deutschland kämen, zum Atheismus aufrufen. Aber es komme darauf an, ein Mittelmaß zu finden. In einer modernen Gesellschaft sei es unmöglich, Religion so zu leben, wie das über Jahrhunderte der Fall gewesen sei.

Er glaube nicht an große, endgültige Antworten, bekannte Abdel-Samad. «Aber ich glaube an Fragen, an Selbsterkenntnis, an Vernunft, an die Liebe und an die Macht der Worte.» Der Sohn eines Imams wuchs nach eigenen Angaben «sehr religiös» auf. Als geborener Individualist habe er sich aber schon als Kind in diesem Kollektiv fremd gefühlt. «Mich bedrückte vor allem die Idee der sozialen Kontrolle und dass mich Gott 24 Stunden am Tag intensiv beobachtet.» Das führe automatisch zu einem schlechten Gewissen.

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Über Religion und Vernunft: Salman Rushdies neuer Roman

Bild: dw.com
„Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ heißt das neue Buch des Schriftstellers. In Deutschland ist es nun in die Buchläden gekommen. Und natürlich geht es auch in diesem Roman um das Thema Religion.

Von Jochen Kürten|Deutsche Welle

Kaum denkbar, dass Salman Rushdie ein neues Buch vorlegen würde, in dem Religion nicht behandelt wird. Zu sehr haben sich bei diesem Autor spätestens nach der gegen ihn verhängten Fatwa Literatur und Religion, Kunst und Lebenspraxis miteinander verzahnt. Und so ist auch der Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“, den der Bertelsmann-Verlag jetzt auf Deutsch vorlegt, ein Buch über den Glauben, die Religion und ihre Kritiker.

Zwei Philosophen im Streit

In einer Mischung aus Märchen und Wirklichkeit erzählt Rushdie im Roman vom Philosophen Ibn Ruschd und dessen Auseinandersetzung mit dem islamischen Denker Ghazali. Geschildert wird ein Kampf zwischen Glauben und Vernunft. Zum Figurenarsenal des Buches gehören Menschen, Götter und Geister. Der Titel des Romans bezieht sich auf die morgenländische Erzählsammlung „Tausendundeine Nacht“: Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte ergeben 1001.

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Türkei: Eiskalte Rachepolitik

Ein türkisches Kampfflugzeug hebt vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik ab. (Foto: AP)
Die Hoffnungen auf eine baldige Beilegung des Konflikts zwischen Ankara und der PKK schwinden. Der Krieg rückt näher an Europa heran.


Von Mike Szymanski|Süddeutsche.de

In der Türkei ist wieder ein blutiges Wochenende zu Ende gegangen. Die furchtbare Bilanz: mindestens drei Tote und Dutzende Verletzte allein bei Anschlägen, für die türkische Behörden die PKK verantwortlich machen.

Auf kurdischer Seite sollen seit Beginn der Kämpfe mindestens 260 Menschen ums Leben gekommen sein. Die Nachrichten aus der Türkei ähneln in erschreckender Weise jenen aus den Nachbarländern, die längst im Chaos versunken sind. Der Krieg rückt näher an Europa heran.

Mit jedem Anschlag, mit jedem Kampfeinsatz der türkischen Armee schwindet die Hoffnung auf eine schnelle Beilegung des Konflikts. Vernunft oder Verhältnismäßigkeit ist auf keiner Seite auszumachen.

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Michel Foucault: Das Christentum als Religion der Beichte

Der französische Philosoph Michel Foucault hat sich sein Leben lang mit der Frage nach den Ursprüngen des abendländischen Subjekts beschäftigt. In seinen Vorlesungen über die „Regierung der Lebenden“ von 1980 ging er dabei auf die frühen christlichen Beichtzeremonien ein – mit Erkenntnissen auch für den heutigen Menschen.


Von Ruthard Stäblein|Deutschlandfunk

Michel Foucault, Bild: twitter

Wie kann man ein Studienjahr lang Vorlesungen halten über entlegene Texte von Kirchenvätern aus dem 3. und 4. Jahrhundert nach Christus? – Wo es um komplizierte Taufverfahren und Bußrituale geht, die heute keiner mehr versteht oder gar einhält! – Und das am renommiertesten Institut, das die französische Wissenschaft hervorgebracht hat. Am Collège de France. Und das vor einem Publikum, das aus aller Welt nach Paris pilgert, um diese Stimme zu hören. Man nimmt in Kauf, nur einen Platz auf den Stufen zu ergattern, gar in einen zweiten Saal verwiesen zu werden, wo die Stimme des Meisters übertragen wird. Also, man kann über die Kirchenväter reden und zwei Säle füllen, wenn man Michel Foucault heißt, und erklären kann, dass man sich dabei an einem Ursprungsort befindet: Wo und wie ist das entstanden, was wir heute Ich nennen: Foucault resümiert den Wendepunkt auf seinem Forschungsweg, der ihn 1980 zu seiner Vorlesungsreihe über „Die Regierung der Lebenden“ geführt hat:

“Ich würde nicht sagen, dass ich ein großer Denker unserer Epoche bin. Was mich seit 15 bis 20 Jahren beschäftigt hat, kommt jetzt an die Oberfläche. Ich war mit meiner Taucherglocke ganz unten im Ozean. Ja, ja, ganz unten. Ich komme mir vor wie jemand, der untergetaucht wäre, der sich in seiner Taucherglocke, zwischen Sand und Felsen befand, und jetzt also wird der Grund des Meeres hoch gespült, und ich befinde mich beinahe an der Oberfläche des Wassers.“

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Kann man Robotern Moral beibringen?

Bild: 4ever.eu bearb.: bb
Bild: 4ever.eu bearb.: bb
Vernunft, Entscheidungsfähigkeit, Urteilskraft – wie viel von diesen menschlichen Kompetenzen lässt sich auf Roboter übertragen? Maschinen könnten durchaus ähnlich wie ein Mensch handeln, sie seien „Quasi-Akteure“, sagt die Philosophin Janina Sombetzki.


Janina Sombetzki im Gespräch mit Liane von Billerbeck|Deutschlandradio Kultur

In Köln findet derzeit das Internationale Festival der Philosophie „phil.COLOGNE“ statt. Dort wird die Kieler Philosophin Janina Sombetzki einen Vortrag zum Thema Roboterethik halten.

Maschinen könnten durchaus ähnlich „wie ein Mensch“ handeln, sie seien als „Quasi-Akteure“ zu betrachten, sagte Sombetzki im Deutschlandradio Kultur. Bestimmte menschliche Fähigkeiten und Kompetenzen ließen sich in äquivalenter Weise auf Maschinen übertragen, etwa Urteilskraft, Entscheidungsfähigkeit, Vernunft oder Autonomie.

„So dass man nicht sagen muss: Maschinen haben Autonomie, Maschinen haben  Verantwortung. Sondern sie tragen etwas vergleichsweise Ähnliches. Sie funktionieren in einer ähnlichen Weise wie Menschen. Und sie werden in Situationen zum Einsatz gebracht, in denen eben vorher auch Menschen handelten und immer noch handeln.“

Bei der Diskussion um Roboterethik sei das Verständnis von Autonomie von zentraler Bedeutung, meinte Sombetzki. Viele Kritiker definierten Autonomie ausschließlich als das Fehlen von äußeren Gründen. Dem sei eine andere Definition von Autonomie „im starken Sinne“ entgegenzusetzen:

„Autonomie ist überall dort, wo wir unserem Handeln Gründe setzen. Bei Menschen ist das relativ einfach, da sagt man: wie kommen wir zu unseren guten Gründen? Durch Erziehung beispielsweise, durch Bildung, durch Kommunikation. Und bei Maschinen müssten wir dann sagen: Die guten Gründe stellen sozusagen die Programmierung dar.“

Aufgabe der Wissenschaftler sei es, den Diskurs über die Roboterethik in die Öffentlichkeit zu tragen. Dabei gehe es besonders um moralische und ethische Fragen:

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Dodo Käßmann fordert mehr christliches Selbstbewusstsein

Margot-KässmannEuropäische Christen sollten sich nicht ständig entschuldigen, verlangt die Theologin. Nicht nur der Kirchenbesuch zähle, sondern Verschränkung von Glaube und Vernunft.


ZEIT ONLINE

Die Altbischöfin und Botschafterin der Reformation, Margot Käßmann, fordert in der ZEIT mehr christliches Selbstbewusstsein. „Europäische Christen sollten sich nicht dauernd entschuldigen, dass unsere Kirchen weniger voll sind als etwa in Südkorea“, sagte sie. Kirchenbesucherzahlen sagten nichts über Glaubwürdigkeit aus. Die Europäer hätten es geschafft, Glaube und Vernunft zusammenzuhalten. „Das ist eine Kulturleistung. Wir sollten selbstbewusster sein.“

Käßmann verteidigt die Modernität der evangelischen Kirche: „Die russische Orthodoxie hat uns Protestanten immer wieder vorgeworfen, dass wir verwestlicht seien und die Tradition verraten. Dagegen wehre ich mich. Wir sind tolerant aus Überzeugung.“

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Franz-Witz: Ideologischer Einfluss der EU destabilisiert Familien

Verehrungswürdige Puppe. Themenbild
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Papst warnt: Litauen sei durch seine EU-Mitgliedschaft einem „ideologischen Einfluss“ ausgesetzt, der die herkömmlichen Familienstrukturen destabilisiere.


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Papst Franziskus hat die Bischöfe Litauens zur Verteidigung der klassischen Familie aufgerufen. Als Mitglied der EU sei das Land einem „ideologischen Einfluss“ ausgesetzt, der die herkömmlichen Familienstrukturen destabilisiere, sagte Franziskus den Bischöfen bei ihrem turnusmäßigen Besuch am Montag im Vatikan. Er kritisierte einen „falsch verstandenen Sinn für die persönliche Freiheit“ und einen wachsenden Relativismus. Dagegen solle die Kirche mit Vernunft und Glauben angehen und besonderen Wert auf die Familienseelsorge legen.

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Christentum: Glaube ist Urvertrauen—Bullshistic

Das Kreuz mit den Religionen
Das Kreuz mit den Religionen
Ich habe lange einen Weg gesucht, Glaube und Vernunft zu verbinden. Nach einer Rundreise durch verschiedene Religionen und Philosophien habe ich ihn gefunden.

Von Thomas JakobZEIT ONLINE

Glauben ist für mich so etwas wie ein kultiviertes Urvertrauen. So wie ein Baby Urvertrauen zu seiner Mutter hat, weil es sich bewährt hat, weil es den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung hat, weil es seine beste Chance ist. Das gilt selbst dann, wenn dieses Vertrauen nicht in jedem Einzelfall berechtigt ist.

Es gibt Menschen, die ein solches Urvertrauen von Natur aus haben. Auch Atheisten und Agnostiker sehe ich darunter. Solche Naturtalente brauchen keinen ausformulierten Glauben, aber alle anderen fahren besser mit einer soliden und reifen Religion.

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Angesichts der Islamisten will man Atheist werden

Bild: nationalreview.com
Bild: nationalreview.com
Doch dann erinnert man sich daran, dass Gott uns auch um ihretwillen das moralische Gesetz gegeben hat. Überhaupt: Religion und Vernunft müssen sich nicht ausschließen. Die Geschichte beweist es.

Von Hannes SteinDIE WELT

In grauer Vorzeit war das Leben der Menschen arm, viehisch, garstig und kurz. Hilflos waren sie den Naturgewalten ausgeliefert. Also erfanden die Menschen sich die Götter: Wenn es donnerte, machten sie die Himmelsgewalten dafür verantwortlich, wenn ein Vulkan ausbrach, warfen sie sich zu Boden und beteten. Priester beuteten die Furcht der Massen aus und hielten sie in Unwissenheit. Sie verfassten heilige Schriften, kassierten den Zehnten und sorgten dafür, dass niemand sich seines eigenen Verstandes bediente.

Doch dann begann der Aufstieg der Naturwissenschaften. Der Priestertrug wurde durchschaut. Galileo Galilei richtete sein Fernrohr gen Himmel und sah, dass über unseren Köpfen nur Leere war. Heute glaubt zum Glück nur noch eine Handvoll unbelehrbarer Trottel an Götter und heilige Schriften.

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Papst: Europas Bischöfe sollen moderne Säkularität ergründen

Bild: stanet.ch
Rat der Europäischen Bischofskonferenzen tagt bis Sonntag zum Thema „Gott und Staat. Europa zwischen Säkularisierung und Säkularismus“ – Kardinal Erdö: Europas Identität hat sich seit Anfängen der Union vor 60 Jahren stark verändert.

kathweb

Papst Franziskus hat am Donnerstag die in Bratislava versammelten Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Europas aufgerufen, sich intensiv mit dem Thema Säkularisierung und Laizität auseinanderzusetzen, um einen Beitrag für eine tragfähige neue europäische Kultur zu liefern. In einem Telegramm an den ungarischen Primas und Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), Kardinal Peter Erdö, hebt Franziskus die Notwendigkeit hervor, dass die Kirchen den Menschen in Europa dienen, indem sie das Projekt einer Harmonie von Glauben und Vernunft, von Freiheit und Wahrheit vermitteln. Das Telegramm ist von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone gezeichnet.

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Kurt Flasch: „Lasst alle Dogmen fahren“ – Warum ich kein Christ bin

Glaube steht gegen Vernunft: Kurt Flasch schlägt die christlichen Traditionalisten mit ihren eigenen Waffen

Von Matthias KamannDIE WELT

Der neuen Rechtgläubigkeit hätte nichts Schlimmeres passieren können als dieses Buch. Niemand hätte die christliche Traditionalistenfraktion um Joseph Ratzinger überzeugender abfertigen können als Kurt Flasch. Denn dieser hochgelehrte Philosoph und Historiker nimmt die Neodogmatiker beim Wort. Das setzt sie schachmatt: dass Flasch ihren Argumentationen folgt.

Flasch folgt ihnen schon dort, wo er ein Wischiwaschi-Christentum zurückweist. Er spottet über Eugen Drewermann und Anselm Grün, die „auf den Wiesen der Seelenkunde grasen“. Wenig hält Flasch auch von jenen, die den biblischen Schwulenhass durch Metaphorisierung entschärfen wollen. Wer die Bibel nur bildlich verstehen und damit ins Sanfte transferieren wolle, so Flasch, „kommt mir vor wie ein freundlicher und sensibler junger Mann, der aus Familiengründen in einen Anglerverein geraten ist, der dann aber seine Sympathie für die Fische entdeckt und vorschlägt, der Anglerverein soll sich in Zukunft mit dem Häkeln von Tischdecken statt mit dem Töten von Fischen beschäftigen“.

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The Unbelievers – World Premier – Hot Docs 2013

With their (r)evolutionary creed “believe in science, not God,” renowned scientists Richard Dawkins and Lawrence Krauss court controversy, enraging as many as they enlighten. Witness them crusade to replace religion and politics with a far more powerful idea: reason.

Richard Dawkins Foundation for Reason and Science

Esoterik: „Es gibt die Freiheit, Unsinn zu glauben“

Hartmut Zinser leitet ein Projekt zur „Rückkehr der Religionen“ Bild: FU-Berlin

Professor Hartmut Zinser forscht kritisch über Esoterik. Er erklärt, warum Pendel, Orakel und Jenseitskontakte zu Irrtümern führen – und wieso asiatischer Glaube so fasziniert.

Von Holger KreitlingDIE WELT

Hartmut Zinser, Jahrgang 1944, ist pensionierter Professor für Religionswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Er hat sich lange kritisch mit Esoterik und Okkultismus beschäftigt, war Mitglied der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestages. Daneben leitet er ein Forschungsprojekt zur „Rückkehr der Religionen“.

Die Welt: Wird Esoterik immer noch stärker?

Hartmut Zinser: Esoterische und okkulte Vorstellungen sind zu einem Teil unserer Alltagskultur geworden. Dies könnte noch weiter zunehmen mit der Verschärfung der sozialen Fragen, also Arbeitslosigkeit, Orientierungs- und Perspektivlosigkeit.

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