Die Beichte der Päpste


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Quelle:hpd.de

Ein fulminantes Musical

MÜNCHEN. (hpd) Das Musical „IN NOMINE PATRIS“ von Bernd Stromberger feierte in München seine Weltpremiere. Das Publikum ist begeistert und die Kritiker in den Zeitungen äußern sich überwiegend abfällig. Wie kann eine solche Diskrepanz entstehen?

Seit vergangener Woche wird im Deutschen Theater in München das Musical „In Nomine Patris – Die Beichte der Päpste“ aufgeführt. Am Donnerstag war die offizielle Premiere. Vorweg: Es ist ein Musical, es ist Theater! Das muss anscheinend betont werden, denn Zuschauer, die eine tiefgründige Darstellung von Tausenden Seiten Philosophie und Kirchenkritik erwarten, befänden sich auf der falschen Veranstaltung.

Der ‚rote Faden‘ des Musicals ist die Sehnsucht der Menschen nach Liebe und der Fähigkeit von Institutionen, die für sie tätigen Menschen nicht zu versklaven – entwickelt am Beispiel der katholischen Kirche.

Die Menschlichkeit von Institutionen

Im ersten Teil des Stücks liegt der Schwerpunkt im persönlichen Verhalten von Vater (als Papst) und seiner Tochter (anfangs noch Nonne). Im zweiten Teil erweitert sich das Thema zu Aspekten einer Institution, die in eine schwere Krise geraten ist, und die als Institution unbedingt erhalten bleiben will, koste es Menschenleben, was es wolle.

Der kurz gefasste Inhalt: Gabriel Schönkind wird zum Papst mit dem Namen Anastasias Christus gewählt. Als junger Seminarist verließ er Eva, die er liebte, da er sich doch zum Priester berufen fühlt. Erst als Papst erfährt er von seiner Tochter Margaretha. Sie lebt als Novizin in einem Kloster und er schickt sie nach Stockholm, um den Wissenschaftler Dr. Sand nach Rom einzuladen, der für die Entdeckung der Weltformel, mit der er die Nicht-Existenz Gottes beweist, den Nobelpreis erhält. Aber die beiden verlieben sich und heiraten. Margarethe wird Ärztin und geht nach Afrika, wo sie erkrankt.
Die Kirche kommt in immer größere Schwierigkeiten, die Mitgliederzahl hat sich halbiert, und Anastasias sucht nach einem Wunder, eine Umkehr zu erzwingen und die Kirche zu retten. Er folgt der Einflüsterung des Satans, der sich ihm in der Gestalt Jesu nähert, und lässt seine Tochter ohne ihr Wissen mit genetischem Material des historischen Jesus schwängern. Als Margarethe erfährt, dass sie die Tochter des Papstes ist und einen Gott gebären soll, stürzt sie sich in den Tod. Der Papst tritt zurück, sein Bild von Gott war ein Irrtum, und ein Kurienkardinal handelt … in nomine patris.

Mit einer Vielschichtigkeit von Anspielungen, Zitaten, Bildern und Symbolen – die sich zum Teil erst im Nachsinnen erschließen – ist das Musical faszinierend und lässt keine Langeweile aufkommen, hintergründig jedoch gleichzeitig die elementare Auseinandersetzung mit einer Institution, die Nächstenliebe predigt und sich doch so oft den Menschen beherrscht, verführt und von sich selbst entfremdet hat.

Amor vincit omnia

Die Hauptthemen sind an den Diskussionen der jetzigen Jahre orientiert: Das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft, die Priesterfrauen und -kinder, Teufelsglaube und Wahn, Zölibat und Hierarchie, die Sensationsgier der Medien, die Autonomie des Handels, die Ethik der Forschung.

Es war nicht die Absicht des Autoren und Komponisten Bernd Stromberger rückwärts zu schauen, sondern ein Kaleidoskop von gegenwärtigen Facetten zusammenzubringen und den Ausblick in eine hypothetische Zukunft zu wagen. Und: er will das Publikum unterhalten. Die Regie (Hansjörg Hack und Stephan Hoffstadt), das Bühnenbild und die Kostüme (Klaus Hellenstein) sowie die Choreographie (Kurt Schrepfer) arbeiten in harmonischer Ergänzung vor schwarzem und einfarbigem Hintergrund mit kraftvollen Farben, klaren Linien und Szenen, die ineinander fließen oder hart kontrastiert werden, die den Zuschauer in Spannung versetzen und ihn mitnehmen. Stets ist gegenwärtig: Wir sind im Theater und spielen, sprechen, musizieren, schauen auf etwas, was es so gar nicht gibt und doch sehr real ist.

Die Rollen sind ausnahmslos stimmig besetzt und bereits in ihrer Erscheinung Programm ihrer Figur. Sei es Dean Welterlen (als Papst Anastasius Christus), Conny Zenz (als Jugendliebe und Mutter der gemeinsamen Tochter), Jasmina Sakr (Tochter des Papstes), Patrick Stanke (Dr. Stein, Entdecker der „Weltformel“), Marc Liebisch (Jesus), Thomas Jutzler (Reporter), Ulrich Popp (Kurienkardinal) und Sissy Staudinger (Schwester Maria) – ihre Glaubwürdigkeit der Darstellung überzeugt.

Dem Publikum gefällt es

Die Befürchtung von Bernd Stromberger, dass er das Stück thematisch vielleicht überfrachtet hätte, findet keine Bestätigung. Nicht nur Michael Kunze hat das Projekt gefördert, auch die Intendanz des Deutschen Theaters und der Kulturdezernent der Stadt München haben alles geprüft und für gut befunden.

Die Geschäftsführung des Deutschen Theaters (Carmen Bayer und Werner Steer) ist über die ersten Tage sehr zufrieden. „Wir haben für diese Spielstätte zur Eröffnung ein Stück gesucht, das zwei Kriterien erfüllen musste, erstens musste es schlicht gut sein und zweitens musste es die Qualität haben, ein Publikum zu erreichen.“ „Unser neuer Standort für die kommenden drei Jahre in Fröttmaning brauchte beides, Qualität und Aufmerksamkeit. Beides haben wir bekommen.“

Das Publikum ist ebenfalls dem Musical zugetan. Nach der teilgenommenen Premiere und der Aufführung am Samstag hatten beide Abende den gleichen Ausklang: Das Publikum applaudierte, stand auf und klatschte die Schauspieler auf die Bühne. Minutenlang. Mehrmals, bis die Darsteller abklatschten und signalisierten: „Ist gut, ihr Leute, wir haben es verstanden, es hat euch gut gefallen, nun sind wir müde. Danke und Auf Wiedersehen!“

Das Alter der Zuschauer ist überwiegend zwischen etwa 25 bis 45 Jahren. Drei Endzwanziger sind am Samstag bereits zum zweiten Mal im Theater. „Man muss sich das Stück mindestens zweimal anschauen. Es ist so dicht, so kompakt, dass man erst beim zweiten Mal alles mitbekommt.“ Eine ältere Dame, etwa achtzig, meint: „Ja, so ist es. Und heute darf man das sagen.“ Ein Paar um die vierzig: „Nicht alles hat überzeugt, aber es ist ein korrektes Thema. Es ist gut so.“ Ein Mann, Mitte vierzig: „Meine Frau hat die Karten gekauft und ich bin positiv überrascht.“

Böse Kritiken Münchener Zeitungen

Die Kritiken in den Münchener und bayerischen Zeitungen sind überwiegend böse: „Herzschmerz mit tanzenden Kardinälen“, „Krudes Papst-Musical“ kommentiert die deutsche presse-agentur (dpa); „Da hilft nur beten“ titelt die gedruckte Ausgabe der Münchener Merkurs, bezeichnet das Stück als „die größte Panne“ und kann – nach einer ausführlichen Inhaltsangabe des „himmelschreienden Blödsinns“ -, dennoch nicht „den größten Respekt der vom Publikum bejubelten Darsteller“ verschweigen. Die tz vermag in der gedruckten Ausgabe nur „Mönche wie bei Wallace“ zu entdecken, und die Süddeutsche Zeitung schreibt unter der Überschrift „Herr, erbarme Dich“, den einleitenden Absatz: „Das Zelt ist schön. Und damit ist das Positive über diesen Abend gesagt.“ und es folgt die entblößende Besserwisserei eines Kommentars: „Keine Provokation, keine Schärfe, kein Geist, nur eine zufällige Hoppelei durch Themen der Zeit in einem klinischen Möbelhausdekor, in dem lediglich behauptete Figuren ihr tristen Dasein tristen.“

Mit der Entfernung von München steigt anscheinend die Akzeptanz. Die Welt schreibt: „Gelungene Zelt-Premiere für das Deutsche Theater“

„Seifenoper!“

Das Erzbistum München-Freising hatte (laut FOCUS) vorab erklärt: Das Musical habe das „Das Niveau einer Seifenoper“ und der Sprecher des Münchner Erzbistums, Winfried Röhmel, sagte, er sehe keinen Anlass, konkret zu dem Stück Stellung zu nehmen. Es befinde sich ja eher „auf dem Niveau von Groschenromanen oder Seifenopern“. Mit der Wirklichkeit habe der Stoff „nichts zu tun“.

Wo lebt dieser Mann?

Den „Menschen“ gefällt es, es nimmt ihre Fragen auf und auch in der Schlusssequenz finden sie sich wieder:

Song und Text IN NOMINE PATRIS
Die Beichte der Päpste
Musik und Liedtext: Bernd Stromberger

In nomine patris et filiae

Und irgendwann, am Jüngsten Tag, werden wir alle, die so genannten Vertreter
Gottes auf Erden, vor dem Himmelstor sitzen und beichten ….

Gott im Himmel, vergib uns unsre Schuld
Wie wohl wir unsern Schuldigern noch nie vergaben
Wir verzagten, fragten nie was Wahrheit ist,
Denn wir schützten uns durch Mauern vor dem Paradies
Schon von Anbeginn war der Wurm in unsrer Lehre
Als wir Jesus‘ Worte ins Gegenteil verkehrten
Wer nicht bekehrbar schien, in unserem Missionierungswahn
Den folterten und töteten wir ohne jegliche Scham
Und so haben wir der Welt das Christentum gebracht
aus Juden, Moslems, Indianern Tote gemacht
Und in jedem, den wir bekehrten, ermordeten wir
Gott im Himmel, auch ein Stück von dir
IN NOMINE, IN NOMINE, IN NOMINE PATRIS …
In nomine patris

Verzeih uns’re Angst vor Fortschritt und Wissen
Erhaltung der Macht war unsere grösste Prämisse
Wir zerstörten, was fremd schien, zensurierten Deine Worte
Erklärten Schriften für heilig oder von übler Sorte
Verzeih, dass wir Giordano Bruno verbrannten,
weil wir ihn und seine unendliche Weisheit verkannten,
dass wir Meister Eckhart und seine Schüler „bullten“
und uns dabei suhlten in unserem endlosen Nichtwissen.
Vergib uns die Progrome an Albigensern und Katharern,
eineinhalb Millionen Morde in Deinem Namen
Verzeih, dass durch uns Konstantinopel zerbrach,
als Rom seinen Bruder in den Rücken stach
IN NOMINE, IN NOMINE, IN NOMINE PATRIS …
In nomine patris

Verzeih, dass wir alles Weibliche noch immer verdrängen
Und die Frauen unsre Schwestern im Geiste nicht kennen
Dass wir ihnen heute noch immer das Priesteramt verwehren
Und ihrer sanften Liebe damit den Rücken kehren
Verzeih, die Unzähligen, die ihren Vater nicht kennen
weil wir als Päpste zu feig waren, unsere Namen zu nennen
nach außen hin rein, leugneten wir jede Tat
doch heimlich pfiffen wir ALLE auf das Zölibat
Wir bauten eine ausschließlich männliche Religion
Wir vertrauten nur dem Vater, dem Geist und dem Sohn
Doch in der Stille unsrer Herzen, da weinen wir …
… seit Jahrhunderten schon …
… seit immer schon …
… denn wir haben Sehnsucht …
… so große Sehnsucht …
… nach einer Frau …
… einem Kind …
… einer Tochter vielleicht …?
Denn auch ein Papst hat Recht auf Liebe!

IN NOMINE, IN NOMINE, IN NOMINE PATRIS …
ET FILIAE
IN NOMINE, IN NOMINE, IN NOMINE PATRIS …
ET FILIAE
In Nomine Matris et Filiae

Verzeih, dass wir die Schwulen stigmatisieren
Im 21. Jahrhundert noch immer stigmatisieren
Obwohl so mancher von uns in der Dunkelheit
Sich von Mann zu Mann in Liebe vereint.
Verzeih, dass wir den Menschen die Präservative verboten
Wir verseuchten ihr Blut mit HIV – Todesboten
Und das taten wir alles, um die Familie zu ehren
Oh Gott, was verstehen WIR schon von Familie?
Verzeih, dass wir den Apostel zum Maurenschlächter machten
dass wir anfangs an Kooperation mit Hitler dachten
Verzeih unser Wegsehen beim Judenmord
Durch uns wurde die Welt ein Höllen-Ort
Denn das Paradies ist dort, wo die Liebe wohnt
Nicht dort wo dein Vertreter auf Erden thront
der in blasphemisch überheblicher Unfehlbarkeit
Sein Urteil fällt über DEINE Wirklichkeit!
IN NOMINE, IN NOMINE, IN NOMINE PATRIS …
ET FILIAE
Hörproben weiterer Titel.

„In Nomine Patris – Die Beichte der Päpste“ – Deutsches Theater München: Bis 16. November 2008.
Dauer der Vorstellung: 160 Min. inkl. Pause – Vorstellungen: Di – Sa 20 Uhr, So 14.30 Uhr und 19 Uhr; Spielfrei: Montags;
Tickethotline: 089 – 55 23 44 44 oder auf der Internetseite des Deutschen Theaters.

CF.

Fotografien (im Anhang):  ©Evelin Frerk

Autor: cfrerk

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1 Comment

  1. klitzekleine Korrektur:

    …Gabriel Schönkind wird zum Papst mit dem Namen Anastasias Christus gewählt. Als junger Seminarist verließ er Eva, die er VÖGELTE, da er sich doch zum Priester berufen fühlt….

    Ob er sie liebte, war seine Privatangelegenheit. Daß er sie vögelte, betraf schon 3 Menschen eng, nicht nur ihn und die Frau, sondern auch das Kind.
    Ich denke, man darf die Dinge ruhig beim Namen nennen.
    vom Schmachten wird jedenfalls keine schwanger.

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