Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus


Rezension zu Neukamm, M.; (Hrsg.) (2009) ‚Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus. Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation‘ Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht

(eine überarbeitete Version erschien in Skeptiker 2/2010, 100-102)

Thomas Waschke

Auch 150 Jahre nach dem Erscheinen von Darwins Hauptwerk ist die Kritik an der Evolutionstheorie nicht verstummt. Die naturwissenschaftlich gut ausgebildeten Evolutionsgegner, die hierzulande vor allem in der Studiengemeinschaft Wort und Wissen organisiert sind, greifen die Evolutionstheorie auf zwei Ebenen an. Auf der einen Seite werden Lücken in der Erkenntnis aufgezeigt, die angeblich nur durch übernatürliche Eingriffe geschlossen werden können, woraus dann Forderungen an die Wissenschaftstheorie folgen. Letztendlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als um die Deutungshoheit im Bereich der Naturwissenschaften: Ist es statthaft, übernatürliche Mächte in naturwissenschaftlichen Modellen einzusetzen? In einem zweiten Schritt werden diese Wesenheiten dann mit dem Gott einer, meist der christlichen, Offenbarungsreligion, identifiziert. Aus diesem Grund hat die Diskussion auch noch eine eher theologische Ebene (wie soll man sich das Schöpfungshandeln eines Gottes in der Natur vorstellen?), auch wenn das für Naturwissenschaftler wenig relevant sein sollte.

Im Darwin-Jahr 2009 erschien ein Sammelband, dessen Autoren sich das Ziel gesetzt hatten, die Argumentation der religiös motivierten Gegner der Evolutionstheorie (es gibt praktisch keine anders motivierten relevanten Kritiker, welche die moderne Evolutionstheorie ablehnen), zumindest im deutschen Sprachraum, umfassend durch wissenschaftstheoretische und fachwissenschaftliche Argumente zu widerlegen.

Die 14 Kapitel des Sammelbandes sind in vier Teile („Geschichte und wissenschaftstheoretische Einführung“, „Der Inhalt evolutionskritischer Argumentation“, „Die Struktur evolutionskritischer Argumentation“ und „Schlussbetrachtung“) gegliedert. Jedes Kapitel ist aber so verfasst, dass es in sich eine geschlossene Einheit bildet. Dadurch entstehen natürlich gewisse inhaltliche Überschneidungen, zudem wirkt die Einteilung auf die vier Teile etwas willkürlich. Diese Vorgehensweise ist aber sinnvoll und für viele Leser nützlich, denn so ist es möglich, schnell auf benötigte Informationen zugreifen zu können, ohne das Gesamtwerk durcharbeiten zu müssen.

Im ersten Kapitel legt der Verhaltensbiologe und Beauftragte für Weltanschauungsfragen bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Hansjörg Hemminger, die Grundlagen zum Verständnis der weiteren Texte, indem er die wesentlichen Gruppen von religiös motivierten Evolutionsgegnern nicht nur in Deutschland kurz vorstellt und deren Geschichte nachzeichnet.

Der Sammelband enthält zwei Arten von Beiträgen. Auf der einen Seite findet man relativ kurze Artikel zu eher allgemeinen Themen, die hauptsächlich aus der Feder des Herausgebers, dem Chemiker Martin Neukamm, stammen. Zusammen mit dem Biochemiker Andreas Beyer untersucht der Herausgeber den wissenschaftstheoretischen Status von Kreationismus und Intelligent Design (Kapitel 2), analysiert die wissenschaftstheoretische Kritik am naturwissenschaftlichen Status der Evolutionstheorie (Kapitel 3), weist Einwände, die auf der Basis wahrscheinlichkeitstheoretischer Überlegungen vorgebracht werden, zurück (Kapitel 4), katalogisiert populäre Fehlschlüsse und rhetorische Stilmittel der Evolutionsgegner und bespricht diese (Kapitel 10), stellt Überlegungen zum Begriffspaar Mikro-und Makroevolution und dessen Bedeutung für die Evolutionskritiker an (Kapitel 13) und zieht schließlich ein Resümee des Gesamtwerks (Kapitel 14). Die Theologin Christina aus der Au untersucht aus ihrer Sicht das Verhältnis zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube (Kapitel 12), während sich der Wissenschaftshistoriker Thomas Junker kritisch mit der Frage befasst, warum Evolutionsgegner ein als Lehrbuch der Evolution bezeichnetes Werk verfassen, und herausarbeitet, mit welchen aus seiner Sicht unlauteren Mitteln diese Autoren vorgehen (Kapitel 11).

Den anderen, meist längeren, Kapiteln ist gemein, dass sie den aktuellen Stand verschiedener relevanter Fachdisziplinen oder Ergebnisse zu Detailproblemen zusammenfassend darstellen. Die Darstellung erfolgt immer auf dem Hintergrund der Einwände evolutionskritischer Arbeiten, aus denen ausgiebig zitiert wird. Der Herausgeber befasst sich mit der Rekonstruktion der Stammesgeschichte und dem Problem der Übergangsformen (Kapitel 5), Hansjörg Hemminger und Andreas Beyer stellen mit der Evolutionären Entwicklungsbiologie ein zentrales Thema der modernen Evolutionsbiologie dar (Kapitel 6) und der Chemiker Peter Kaiser befasst sich mit aktuellen Theorien zur chemischen Evolution (Kapitel 7). In einem weiteren Kapitel kritisiert der Herausgeber das Konzept der Irreduziblen Komplexität im Kontext der Makroevolution (Kapitel 8 ). In Kapitel 9, dem umfangreichsten Beitrag des Sammelbandes, den der Botaniker Stefan Schneckenburger, der Herausgeber und der Mikrobiologe Johannes Sikorski zusammen verfasst haben, wird schließlich anhand von drei Standardargumenten der Evolutionsgegner (Aronstab, Wasserschlauch und Bakterienflagellen) gezeigt, dass deren Evolution bei Weitem nicht so schwierig und schlecht verstanden ist, wie die evolutionskritischen Autoren vorgeben.

Obwohl keiner der Autoren auf dem Gebiet, das er darstellt, aktiv forscht, gelingt es ihnen zu zeigen, dass viele Einwände von Evolutionsgegnern auf einer einseitigen Darstellung des Standes der Fachwissenschaften und einer fehlerhaften Auffassung der Methodik der naturwissenschaftlichen Forschung beruhen. Besonderer Wert wird auf eine Entgegnung von Einwänden aus dem kritischen Evolutionsbuch gelegt, das von Autoren, die der Studiengemeinschaft Wort und Wissen angehören, verfasst wurde. Viele Evolutionsgegner berufen sich auf dieses Buch, daher ist dieser Bezug für viele Leser äußerst wertvoll, denn eine inhaltliche Beurteilung der im genannten Buch dargestellten Evolutionskritik erfordert weitreichende Fachkenntnisse.

Das Niveau der Diskussion ist durchgängig sehr hoch, was sich auch an den meist recht umfangreichen Literaturverzeichnissen zu diesen Kapiteln zeigt (in einigen Kapiteln werden über 100 Quellen verarbeitet!). Kritisch anzumerken ist, dass sich die Autoren teilweise auf eher weniger bekannte Autoren und Theorien beziehen. Den Ansatz von Trinks über Abiogenese in Eis, den Kaiser im Kapitel 7 ausführlicher darstellt, findet man in anderen Übersichtsartikeln bestenfalls am Rande. Sikorski stellt bei der hypothetischen Evolution der Flagelle eine Internetpublikation von Matzke, die dessen Autor in referierten Zeitschriften nicht erwähnt, in den Mittelpunkt. Die Analyse der Irreduziblen Komplexität durch den Herausgeber (Kapitel 8 ) basiert auf älteren Arbeiten und ist nicht besonders stringent. Dieser Beitrag scheint auch unter Zeitdruck verfasst worden zu sein, denn er weist diverse formale Mängel wie verrutschte Zeilen in einer Abbildung [229], Übersetzungsfehler [219], sprachliche Ungenauigkeiten wie die Verwechslung von ‚Kriminalist‘ mit ‚Kriminologe‘ [218] und Grammatikfehler auf.

Hervorzuheben ist, dass der Herausgeber fast die Hälfte des Umfangs zumindest mitverfasst hat. Der Herausgeber hatte sich ein gewaltiges Pensum aufgeladen, das von Wissenschaftstheorie über die Analyse von Evolutionskritik auf verschiedensten Ebenen bis hin zu Arbeiten über evolutionsbiologische Details reichte. Diese Bandbreite überfordert einen einzelnen Autor. Als damaliger Geschäftsführer der AG Evolutionsbiologie im Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland hätte er die Möglichkeit nutzen sollen, Fachwissenschaftler für sein Vorhaben zu gewinnen.

Leider fehlt eine intensivere Analyse der Ursachen, die auch naturwissenschaftlich sehr gut ausgebildete Menschen dazu bewegen, eine Evolution abzulehnen. Der Beitrag über die Saugfalle des Wasserschlauchs (in Kapitel 9) bietet gegenüber der von einem Fachmann verfassten Untersuchung der Evolution des Aronstabs (ebenfalls in diesem Kapitel) keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse, und die Darstellung des hypothetischen Evolutionswegs der Bakterienflagelle im Kapitel 4 erfolgt im Kapitel 9 ausführlicher. Diesen Platz hätte man besser für einen eher soziologisch orientierten Beitrag nutzen können, denn der Beitrag von Hemminger im Kapitel 2 streift diesen Bereich lediglich am Rande.

Mängel zeigen sich auch, wenn man die kritisierten Arbeiten parallel zum vorliegenden Buch liest. Meist sind die Fehler nicht so gravierend wie beispielsweise die Aussage Hemmingers, dass eine von der schweizerischen kreationistischen Organisation Pro Genesis in Auftrag gegebene Untersuchung „mit einer Stichprobengröße von lediglich 57 Personen alles andere als repräsentativ“ gewesen sei [26] (Aus der Au nennt in ihrem Beitrag die korrekte Anzahl von 1100 Befragten [343], eine durchaus übliche Stichprobengröße). Man findet aber Übersetzungsfehler (beispielsweise auf S. 130 oder S. 213) ebenso wie sehr problematische Interpretationen. In ihrem Beitrag zur Evolutionären Entwicklungsbiologie (Evo-Devo) kritisieren Hemminger und Beyer beispielsweise eine Arbeit von Reinhard Junker zu dem genannten Thema. Die Autoren führen im Literaturverzeichnis nur einen Bruchteil der von Reinhard Junker verarbeiteten Quellen an, mit denen dieser seine kritische Haltung anhand von Zitaten belegt. Das Urteil „[m]an gewinnt dabei den Eindruck, er habe sehr viel über Evo-Devo gelesen und gleichzeitig nur wenig verstanden, da er vor den entscheidenden Aussagen konsequent die Augen verschließt“ [158] ist anbetrachts eines Vergleichs der beiden Arbeiten zumindest gewagt. Die Autoren gehen beispielsweise davon aus, dass die Ergebnisse von Evo-Devo die Synthetische Theorie der Evolution stützen würden. Viele der Autoren, die Junker zitiert, bezweifeln eben das. Korrekt wäre gewesen, beispielsweise von ‚moderner Evolutionstheorie‘ zu sprechen. So fällt das obige Zitat auf die Autoren zurück.

Keiner dieser Mängel ist an sich beachtenswert, aber in der Summe (diese aufzulisten überlasse ich den Evolutionskritikern) trüben sie doch den insgesamt sehr positiven inhaltlichen Gesamteindruck. Die Argumentation der Evolutionsgegner ist, wie an vielen Beispielen mustergültig aufgezeigt wird, so schwach, dass man sich durch nicht stichhaltige Analysen von evolutionskritischen Arbeiten keine Blöße geben sollte. In einer weiteren Auflage, die dem Buch auf jeden Fall zu wünschen ist, sollten diese Mängel ausgemerzt werden.

Ein gewisses Problem besteht auch darin, dass, wie die Autoren an mehreren Stellen einräumen müssen, Evolution mechanismisch aus durchaus nachvollziehbaren Gründen zumindest noch nicht eindeutig erklärbar ist. Letztlich handelt es sich bei den Aussagen der Evolutionsbiologie immer um Interpretationen, die je nach Anschauungsweise anders erfolgen kann, wie die Autoren eher resigniert feststellen [z.B. 234f]. Evolutionsgegnern „Mangel an Motivation, mit Erklärungsmodellen und Mechanismen zu jonglieren, solange bis die Modelle ‚passen‘ oder zumindest mehr erklären als vorher“ [45] vorzuwerfen ist zumindest sprachlich ungeschickt. Verbunden mit Aussagen wie „Die Kritiker des Modells müssten dann versuchen, es zu falsifizieren, also anhand entsprechender Daten zeigen, dass sich die Evolution doch nicht auf diese Weise vollzogen haben kann“ [280] wird den Evolutionskritikern das Argument, dass genau das, was eigentlich gezeigt werden müsste, nämlich eine mechanismisch ohne übernatürliche Eingriffe erfolgende Evolution, schon vorausgesetzt wird, leicht gemacht. In diesem Bereich kann man letztendlich nur noch in den Naturwissenschaften übliche Standards einfordern oder gar nur für diese Vorgehensweise werben. Anbetrachts der Kritik der Evolutionsgegner ist jedoch fraglich, wie effektiv diese an sich zutreffende Replik in einer Diskussion mit Laien ist, selbst wenn man den Evolutionsgegnern vorhalten kann, sie versuchten nur eine Beweislastumkehr. Die Interpretation der gut präsentierten empirischen Befunde als Kritik evolutionskritischer Positionen wirkt nicht überzeugend, wenn auf der anderen Seite zu sehr qualifiziert werden muss.

Der Sammelband ist bei Vandenhoek & Ruprecht, einem renommierten Fachverlag für „Theologie und Religion, Geschichte, Altertumswissenschaft, Philosophie und Philologien“ [Internet-Seite des Verlags] als 19. Band der Reihe Religion, Theologie und Naturwissenschaft erschienen. An der Aufmachung ist nichts auszusetzen, der Preis ist für ein Nischenbuch dieser Aufmachung anbetrachts der zu erwartenden Verkaufszahlen gerechtfertigt. Man fragt sich allerdings, warum sich kein naturwissenschaftlicher Verlag fand, der ein derartiges Werk auflegt. Dann wäre vermutlich auch der Beitrag der Theologin aus der Au nicht mit aufgenommen worden, die eine konsequent naturalistische Evolutionstheorie ablehnt. Hier zeigt sich, dass auch eine „aufgeklärte Theologie“ [345] zu religiösen Gegnern Darwins gezählt werden kann.

In diesem Sammelband findet der Leser eine Fülle von Informationen, die in dieser Form bisher nicht zur Verfügung stand. Die Autoren haben erfreulicherweise darauf verzichtet, auf die allzu primitiven Argumente, mit denen beispielsweise eine junge Erde plausibel gemacht werden soll, einzugehen, sondern sich auf die gewichtigsten Argumente, mit denen Evolutionsgegner die Evolutionstheorie angreifen, beschränkt. Die Argumentation der im deutschen Sprachraum relevanten Autoren, vor allem die der Studiengemeinschaft Wort und Wissen und das von dieser Organisation herausgegebene ‚Kritische Evolutionsbuch‘, aber auch Arbeiten von Autoren wie Wolf-Ekkehard Lönnig, einem der Hauptvertreter von Intelligent Design in Deutschland, werden ausgiebig analysiert und meist effektiv kritisiert.

Beachtlich ist auch das hohe Niveau der fachwissenschaftlichen Beiträge, die recht hohe Anforderungen an den Leser stellen. Hilfreich ist hier das vorzügliche und sehr umfangreiche Glossar (mehr als 300 Einträge auf 19 Seiten). Leider muss man den Autoren teilweise vorwerfen, es dem Leser unnötig schwer zu machen, beispielsweise durch die Verwendung von Fachbegriffen, die nicht im Glossar stehen oder auch unnötig komplexe Darstellungen, die für die Darstellung des jeweiligen Sachverhalts aber eher überflüssig sind.

Uneingeschränkt empfohlen werden kann dieses Buch daher nur naturwissenschaftlich Gebildeten, die sich mit Evolutionskritik auf hohem Niveau befassen wollen oder müssen. Aufgrund der Fülle an teilweise durchaus elaborierten evolutionskritischen Argumenten, die vorgestellt werden, ist der Leser in Diskussion vor Überraschungen gewappnet und erhält auch die erforderlichen Hinweise, wie diesen Angriffen zu entgegnen ist. Leser mit anderen Voraussetzungen werden vermutlich durch die fachwissenschaftlichen Details überfordert sein. Die angedeuteten Ungenauigkeiten im Detail sind nur relevant, wenn eine sehr intensive Beschäftigung mit Texten von Evolutionskritikern erfolgen soll. Trotz der angesprochenen Mängel setzt dieser Sammelband einen Standard, an dem sich zukünftige Arbeiten messen lassen müssen.

3 Comments

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  3. Man fragt sich, weshalb die Evolutionsgegner sich nicht vorrangig der Frage annehmen, ob es denn überhaupt einen alles planenden und steuernden Gott gibt !? Wer eine Gegenthese zur Darwin’schen Evolutionslehre aufstellt, müsste doch erst einen Gottesbeweis liefern ! Alles andere entbehrt doch jeglicher Logik !

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