Schädel Nr. 5 und eine Sternstunde des katholischen Kreationismus


Foto: M. Ponce de León u. Ch. Zollikofer, Univ. Zürich
Foto: M. Ponce de León u. Ch. Zollikofer, Univ. Zürich
Ein Schädelfund in Georgien lässt aufhorchen. Er nährt die Vermutung, dass es vor rund 2 Millionen Jahren weniger Frühmenschenarten gab als bisher angenommen.

Dabei könnte alles so einfach sein. Ein Blick ins Buch der Bücher und das Rätsel wäre gelöst. Besonders eifrig, in der fundamentalen Anerkennung der Genesis sind ja die Evangelikalen. Dmanisi-Schädel Nr. 5 lässt nun auch den katholischen Kreationismus sprühen. Adam und Eva, letzte Affen oder erste Menschen?

Charles Darwin selbst war erstaunt wie schwankend und willkürlich die Unterscheidung zwischen Art und Varietät ist. Allzu oft kommt es vor, dass unterschiedlich gestaltete Organismen verschiedenen Arten zugeordnet wurden und werden. Das Problem dabei ist die Abänderungsfähigkeit einer Art, mit den verschiedenen Zuordnungen kann man sich kaum über deren Existenz äußern.

Im katholischen Magazin für Kirche und Kultur lesen wir

Hat die Bibel also doch recht? Stammen wir alle von Adam und Eva ab? Die Antwort darauf gibt uns nicht mehr nur die Bibel, sondern in gewisser Weise auch die Wissenschaft. Mit einem Schädel in der Hand wie Shakespeares Hamlet stellt sich der Paläoanthropologe Dawit Lortkipanidse vor die Fernsehkameras, den er in Dmanissi in Georgien gefunden hatte. Seine Frage lautete nicht „Sein oder nicht sein?“, sondern: „Gehören wir alle zur selben Spezies oder nicht?“ Erschüttern fünf Schädel die Evolutionstheorie?

Wissenschaftler sprechen Vermutungen aus und katholische Retardiertheit bringt sofort die Schöpfungsgeschichte ins Spiel, mehr noch die ganze Evolutionstheorie sei erschüttert. Erschütternd ist der eigentliche Grad der Verblödung, der aus solchen Feststellungen spricht.

Lesen wir weiter:

Zur Erinnerung: seit gut 150 Jahren gilt es als unanfechtbares Dogma eines doktrinären Materialismus, daß die Abstammung des Menschen mit dem biblischen Schöpfungsbericht nichts zu tun hat. Die Evolutionstheorie wird mit ideologischer Inbrunst und Absolutheitsanspruch an den Schulen gelehrt. Derselbe Anspruch, der gegenüber der Religion bekämpft wird.

Sofern man seine Bildung aus der Bibel bezieht kommt solch Geschwätz zu Stande. Die Dogmatiker werfen einer wissenschaftlichen Theorie vor dogmatisch zu sein. Es gibt wohl kaum eine Theorie die so belegt und begründet ist wie die Evolutionstheorie. Wer die Millionen Fossilien in den Museen und den Universitäten nicht wahrnehmen will muss sich den Vorwurf der nicht in Worte zu fassenden Ignoranz gefallen lassen. Das o.g. Problem der Arten und Varietäten macht insbesondere den Paläoanthropologen zu schaffen. Fundstücke sind nicht all zu zahlreich und oftmals nur fragmentarisch vorhanden. Die meisten Fundstücke stammen aus Afrika, wo mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Wiege der Menschheit stand.

Die katholischen Kreationisten sprechen nun gleich vom Verdampfen der Evolutionstheorie:

Teil dieser materialistischen Doktrin ist die unumstößliche Tatsache, daß es fünf verschiedene Arten der Gattung Homo der Tribus Hominini der Familie der Hominiden oder Menschenaffen der Ordnung Primaten auf der Welt gegeben habe, um der klassischen evolutionären Klassifikation des Menschen zu folgen. Diese fünf Arten oder Spezies waren der Homo rudolfensis, der Homo ergaster, der Homo erectus, der Homo georgicus und der Homo habilis. Alle Leser dieses Artikels sind Vertreter des Homo sapiens sapiens, der laut Darwins Evolutionstheorie vom Homo habilis abstammt, der sich wiederum aus dem ergaster und letztlich dem erectus entwickelt hat, um zahlreiche weitere Etappen der Einfachheit halber zu überspringen. Die Wissenschaftler waren sich bisher sicher, daß diese fünf homininen Typologien ebensoviele verschiedene Spezies bilden würden, die nur durch eine gemeinsame Evolutionslinie miteinander verbunden waren. Grund war die so unterschiedliche Morphologie der entdeckten Überreste.

Dass sich die Paläoanthropologen derzeit besonders für den Schädel Nr.5 interessieren, ist verständlich. Denn er vereint Merkmale in sich, die bisher als Argument dienten, um verschiedene Homo-Arten zu charakterisieren. »Wären Hirn- und Gesichtsschädel des Dmanisi-Exemplars als Einzelteile gefunden worden, wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit zwei verschiedenen Arten zugeordnet worden«, sagt der an der Ausgrabung beteiligte Zürcher Anthropologe Christoph Zollikofer, der mit seinen Kollegen die Formenvielfalt der Dmanisi-Menschen mit der Formenvielfalt moderner Populationen von Menschen und Schimpansen verglichen hat.

Zollikofer plädiert deshalb dafür, die Aufspaltung des menschlichen Stammbaums in frühe Homo-Arten (Homo habilis, Homo rudolfensis etc.) aufzugeben. Stattdessen schlägt er vor, die afrikanischen Fossilien aus der Zeit vor etwa 1,8 Millionen Jahren ein und derselben Art zuzuordnen: dem Homo erectus.

Die katholischen Kreationisten vom Magazin für Kirche und Kultur verlassen nun den noch in Ansätzen vorhandenen guten Willen und gleiten gänzlich in die obskure Theologie ihres Glaubens ab. Und die Kirche hatte doch recht: Pius XII. verurteilte bereits 1950 Polygenismus. Das ist ja nun ein Argument,

weil – so der Papst – dessen Anhänger behaupten, daß es nach Adam auf der Erde wirkliche Menschen anderer Gattung gegeben habe, die aber nicht von Adam abstammten, oder anders gesagt, daß Adam nur ein Synonym für viele verschiedene Vorfahren sei. Der Papst unterstrich, daß es nicht möglich scheint, diese Behauptungen in Einklang mit der Offenbarung Gottes und dem Lehramt der Kirche über die Ursünde zu bringen, die tatsächlich von einer wirklich begangenen, und zwar individuell und persönlich begangenen Sünde des Adam herrührt, allen Generationen weitergegeben wurde und jedem Menschen innewohnt.

Darwinistischer Absolutheitsanspruch steht im Vergleich zur christlichen Schöpfungslehre auf tönernen Füßen.

Wenn die Evolutiontheorie widerlegt wird, wird es von Biologen kommen und nicht von Idioten.

Den Kreationisten vom Magazin noch ins Stammbuch geschrieben, für einen Menschen zu blöde, als Affe zu wenig Sprungkraft.

4 Comments

  1. Die Kreationisten hatten sich in jüngster Zeit größtenteils darauf geeinigt, Homo habilis als Affen und Homo erectus als Mensch anzusehen. Dazwischen sollte es nichts geben.

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  2. ….übrigens würde der französische Jesuit, Theologe, Philosoph, Anthropologe, Geologe und Paläontologe Teilhard de Chardin sich bei diesem kreationistischen Gelaber wohl im Grabe umdrehen, hatte er doch die Evolutionstheorie Darwins seinen Christen warm ans Herz gelegt und sogar vorgeschlagen, diesen Ansatz auch in anderen Fachgebieten der Wissenschaft auszuprobieren…..was der Astrophysiker Lawrence Krauss bei seinem „Origins Project“ an der Arizona State University erfolgreich tut. 😉

    http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Teilhard_de_Chardin

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  3. Nur nebenbei darauf hingewiesen, daß nicht bloß die amerikanischen Evangelikalen sogar juristisch versuchen, den Kreationismus als Schullehrstoff durchzudrücken, sondern daß auch in Deutscland immer mehr katholische „Medien“ diesen Unsinn in die Welt pusten. Seit Martin Lohmann Chefredakteur des erzkatholischen Senders ktv ist, wimmelt es dort von Sendungen, in den obskure Pseudowissenschaftler mit stundenlangen VOrträgen (in jeweils mereren Fortsetzungen) versuchen die Evolutionstheorie zu widerlegen. Ja, die E-Theorie wird sogar als Produkt kommunistischer Forschung ausgegeben etc. pp, mit der die Linke beabsichtige der Kirc zu schaden usw.
    Dazu komen Hochglanzfilmchen, ähnliche Aussagen machen.Ktv ist eine kreationistische Laus im Medienmarkt – ganz abgesehen von der Schwulen und Frauenhetze die dort betrieben wird.o

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  4. „Oh lieber Gott, lass deinen Katholen endlich Hirn wachsen“ 😉

    …..zuerst bejubelte Pius XII. in den 50er Jahren öffentlich den Tod der „astronomischen Stetigkeit“ der frühen Relativitätstheorie. Der Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren sei vom Papa des Jesus von Nazareth eingefädelt worden, die Genesis der Bibel habe sich eben „nur“ um 13,8 Milliarden – 6.000 Jahren vertan….? Aber der Rest der Genisis stimmt… 😉 😉

    ….. nun bejubeln Kreationisten die Entdeckung internationaler Anthropologen von 2 Millionen Jahre alten Schädeln -vermutlicherweise ganz frühe Menschen- mit unterschiedlichen Merkmalen in der selben Gruppe, also wird die biblische Schöpfung des Menschen kurzerhand von vor 6000 Jahren im Garten Eden, auf 2 Millionen Jahre – 6000 Jahre früher gelegt und der biblische Schöpfergott Jahwe wird flux zum Georgier. Angenehm für Kreationisten, denn sich stammen nun nicht mehr von Schwarzen Afrikanern ab….. 😉 😉

    Aber Darwin habe sich geirrt stellen sie fest, obwohl Darwin seine Feldarbeit für seine These in England, in Südamerika und vor allem auf den Galapagos Inseln durchführte. Die These wurde an der biologischen Artenentwicklung festgemacht…und wir Menschen sind ein unbedeutender Teil davon ohne „Krone“… 😉 😉

    Bevor man über die Evolutionstherie spekuliert, sollte man Ernst Mayr lesen: „Das ist Evolution.“ ….lesen bildet… 😉
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Mayr

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