Der Polit-Mephisto


Thilo Sarazzin, Quelle: blickpunkt-deutschland.de
Thilo Sarrazin, Quelle: blickpunkt-deutschland.de

Rheinischer Merkur

Von  ROBIN MISHRA

Es war der Respekt vor einer politischen Meisterleistung, dessentwegen der Verfasser dieser Zeilen vor eineinhalb Jahren den damaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin für ein Porträt einen Tag lang begleitete. In einer an Subventionen gewöhnten Stadt und dazu noch in einer rot-roten Regierung hatte es der ehemalige Bundesbahnmanager geschafft, zu sparen, „bis es quietscht“. Wahrscheinlich ist er der erfolgreichste Finanzpolitiker, den die Bundesrepublik je hatte – und dafür gebührt ihm Lob. Sarrazin flankierte seine Sparpolitik mit Attacken auf die politische Korrektheit, die man durchaus erfrischend finden konnte. So führte er anhand von drei Beispielmenüs vor, dass man sich vom Hartz-IV-Essenssatz von 4,25 Euro durchaus eine gesunde Mahlzeit zubereiten kann; oder gab zum Besten, dass er für fünf Euro die Stunde jederzeit arbeiten gehen würde (die SPD forderte damals gerade einen Mindestlohn von 7,50 Euro).

Nun sorgt Sarrazin – seit Mai 2009 Bundesbank-Vorstand – erneut bundesweit für Aufregung und spült die Erinnerungen an die damalige Begegnung wieder hoch. Sarrazins Kritik am Berliner „Schlamp-Faktor“ mag man noch mit seiner preußischen Pflichtauffassung erklären. Zucht, Ordnung und Disziplin gehören fest zu diesem Weltbild. Seine Mathematiknoten seien schlagartig besser geworden, als ihm sein Lehrer Stockhiebe verabreichte, erzählte er damals dem Journalisten. Wer den SPD-Politiker persönlich kennengelernt hat, tut sich dennoch schwer damit, wenn er jetzt zum Kämpfer für das offene Wort ausgerufen wird. „Die Türken erobern Deutschland genauso wie die Kosovaren das Kosovo“, sagt Sarrazin in dem aktuellen Interview: „durch eine höhere Geburtenrate.“

Ausländerfeindlichkeit ist seine Sache nicht, das zeigt sein angefügter Satz: „Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“ Heute wie vor eineinhalb Jahren aber spricht eine andere Ideologie aus seinen Sätzen. Bei einer gemeinsamen Fahrt in Sarrazins Dienstwagen kam sie zum Vorschein. Anlass war die Frage, ob der Politiker an Gott glaube. „Ich bin nicht gläubig, weil mir die von der Religion angenommene Einzigartigkeit des Menschen in der Schöpfung logisch nicht einleuchtet“, sagte er. Was er damit meinte, beschrieb Sarrazin noch, als das Auto längst zum Halten gekommen war. Von seinem Besuch in den Behinderteneinrichtungen von Bethel berichtete er, der nicht etwa Mitleid ausgelöst, sondern bei ihm die Frage aufgeworfen haben, inwiefern die Menschen dort überhaupt eine Seele haben.

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3 Comments

  1. Die immer heftiger werdenden Angriffe gegen die Person Sarrazin zeigen vor allem eines, man möchte sich nicht im Detail mit seinen Aussagen beschäftigen. Offenbar ahnen die Rücktrittsforderer, man könnte bei näherem Hinsehen entdecken, dass hinter seinen provokanten Thesen doch reale Missstände stecken. Aber in Deutschland galt Realitätsverweigerung schon immer als höchste Tugend.

    Andererseits sollte sich ein Bundesbanker aus der aktuellen Innenpolitik heraushalten, er schadet mit seinem unsensiblen Gerede dem Ansehen der deutschen Zentralbank.

    Ein recht ausgewogener Artikel zu diesem Thema aus dem Focus:
    Kayhan Özgenc – „Ich kann mehr als nur Gurke“

    http://www.focus.de/politik/deutschland/mitten-aus-berlin/mitten-aus-berlin-ich-kann-mehr-als-nur-gurke_aid_442194.html

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  2. Der Mann mag zwar nicht der Feinfühligste sein, ihn für seine zum großen Teil richtigen und nötigen Aussagen in die braune Ecke zu drängen oder als Posterboy für Kaltherzigkeit hinzustellen ist imo, ein Angriff auf die Meinungsfreiheit durch die political correctness.

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